Chapter 5
(Er führt die Wankende zu ihrem Vater und gibt sie ihm in die Arme.)
Hier Vater ist dein Kind.
Aietes (Medeen empfangend, die das Gesicht auf seiner Schulter verbirgt). Medea!
Absyrtus. Schwester!
Jason. Nun König, rüste dich zum Todeskampf! Die Bande, die mich hielten sind gesprengt, Zerronnen ist der schmeichelhafte Wahn, Der mir der Tatkraft Sehnen abgespannt. Mit ihr, die jetzo ruht in deinem Arm, Legt' ich den Frieden ab und atme Krieg. Auf, rüste dich, es gilt dein Heil und Leben!
(Zu Medeen.)
Du aber, die hier stumm und bebend liegt, Das Angesicht so feindlich abgewandt, Leb' wohl! Wir scheiden jetzt auf immerdar. Es war ein Augenblick, wo ich gewähnt, Du könntest fühlen, könntest mehr als hassen, Wo ich geglaubt, die Götter hätten uns Gewiesen an einander, dich und mich. Das ist nunmehr vorbei. So fahre hin! Du hast das Leben zweimal mir gerettet, Das dank' ich dir und werd' es nie vergessen. In ferner Heimat und nach langen Jahren Will ich's erzählen in dem Kreis der Freunde. Und frägt man mich und forscht: wem gilt die Träne, Die fremd dir da im Männerauge funkelt? Dann sprech' ich wohl in schmerzlicher Erinnrung: Medea hieß sie; schön war sie und herrlich, Allein ihr Busen barg kein Herz.
Aietes. Medea Was ist? Feucht liegt dein Gesicht auf meiner Schulter. Weinst du?
Jason. Du weinst? Laß mich die Tränen sehn, O laß mich's glauben, daß du weinen kannst. Blick' noch einmal nach mir, es ist das letztemal; Ich will den Blick mittragen in die Ferne. Denk' doch, es ist zum letzten- letztenmal.
(Er faßt ihre herabhängende Hand.)
Aietes. Wagst du's, zu berühren ihre Hand?
Jason (indem er ihre Hand fahren läßt). Sie will nicht. Nun wohlan, so sei es denn! Du siehst mich nimmermehr auf dieser Erde. Leb' wohl Medea, leb' auf ewig wohl!
(Er geht rasch.)
Medea (das Gesicht hinwendend und den Arm ihm nachstreckend). Jason!
Jason (umkehrend). Das war's! Medea! Komm zu mir!
(Auf sie zueilend und ihre Hand fassend.)
Zu mir!
Aietes (sie an der andern Hand haltend). Verwegner, fort!
Jason (Aietes' Hand wegschleudernd und Medeen an sich reißend). Wagst du's Barbar! Sie ist mein Weib!
Aietes. Sein Weib?--Du schweigst Verworfne?
Jason (Medeen auf die andere Seite führend). Hierher Medea, fort von diesen Wilden. Von nun an bist du mein und keines Andern!
Aietes. Medea, du weigerst dich nicht? du folgst ihm? Stößt ihm nicht den Stahl in die frevelnde Brust? Verruchte, war's vielleicht dein eignes Werk?
(Auf Jason eindringend.)
Meine Tochter gib mir, mein verlocktes Kind!
Medea (sich zwischen beide werfend). Vater, töt' ihn nicht! Ich lieb' ihn!
Jason. Er konnte dir's entreißen und ich nicht!
Aietes. Schamlose! Du selbst gestehst's? Gestehst deine Schande? O, daß ich nicht merkte die plumpe List, Daß ich selbst sie sandte in seinen Arm, Vertrauend der Väter Blut in ihren Adern!
Jason. Darfst du sie schmähen?
Medea. Höre mich Vater! Es ist geschehn was ich fürchtete. Es ist. Aber laß uns klar sein, Vater, klar! In schwarzen Wirbeln dreht sich's um mich Aber ich will hindurch, empor aus Dunkel und Nacht. Noch läßt sich's wenden, ab sich wenden. Höre mich!
Aietes. Was soll ich hören? Ich habe gesehn!
Medea. Vater! Vernicht' uns nicht alle. Löse den Zauber, beschwichtige den Sturm! Heiß ihn dableiben, den Führer der Fremden, Nimm ihn auf, nimm ihn an! An deiner Seite herrsch' er in Kolchis, Dir befreundet, dein Sohn!
Aietes. Mein Sohn? Mein Feind. Tod ihm, und dir, wenn du nicht folgst! Willst du mit mir? Sprich! Willst du oder nicht?
Medea. Höre mich.
Aietes. Willst du, oder nicht?
Absyrtus. Gönn' ihr zu sprechen, Vater!
Aietes. Ja oder nein? Laß mich Sohn!--Willst du?--Sie kommt nicht.--Schlange!
(Er holt mit dem Schwert aus.)
Jason (sich vor sie hinstellend). Du sollst sie nicht verletzen!
Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend). Vater, was tust du?
Aietes. Du hast recht. Nicht sterben soll sie, leben; Leben in Schmach und Schande; verstoßen, verflucht, Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Götter!
Medea. Vater!
Aietes. Du hast mich betrogen, verraten. Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus. Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis, Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein. Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat, Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach; Leb' im fremden Land, eine Fremde, Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht; Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland Wird dich verachten, wird dich verspotten, Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier; Dann wirst du stehn und die Hände ringen, Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland, Getrennt durch weite, brandende Meere, Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!
Medea (knieend). Vater!
Aietes. Zurück! Ich kenne dich nicht! Komm, mein Sohn! Ihr Anblick verpestet, Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr. Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte! Sieh ihn dort, ihn, den du gewählt; Ihm übergeb' ich dich; Er wird mich rächen, er wird dich strafen, Er selber, früher als du denkst.
Medea. Vater!
Aietes
(indem er die Knieende von sich stößt, daß sie halbliegend zurücksinkt). Weg deine Hand, ich kenne dich nicht! Fort mein Sohn, mein einziges Kind! Fort mein Sohn aus ihrer Nähe!
(Ab mit Absyrtus und Kolchern.)
Jason. Flieh nur Barbar, der Rach' entgehst du nicht!
(Zu den Argonauten.)
Nun Freunde gilt's; die Waffen haltet fertig Zum letzten Streich, der Sieg bringt oder Tod.
(Auf Medeen zeigend.)
Sie kennt das Vließ, den Ort, der es verbirgt, Mit ihr vollbringen wir's und dann zu Schiff.
(Zu Medeen hintretend, die noch auf eine Hand gestützt, die andre über die Stirne gelegt am Boden liegt.)
Steh auf Medea, er ist fort.--Steh auf!
(Er hebt sie auf.)
Hier bist du sicher.
Medea (die sich in seinen Armen aufgerichtet hat, aber mit einem Kniee noch am Boden liegt). Jason, sprach er wahr?
Jason (sie ganz aufhebend). Denk' nicht daran!
Medea (scheu an ihn geschmiegt). O Jason, sprach er wahr?
Jason. Vergiß was du gehört, was du gesehn, Was du gewesen bist auf diese Stunde. Aietes' Kind ist Jasons Weib geworden, An dieser Brust hängt deine Pflicht, dein Recht. Und wie ich diesen Schleier von dir reiße, Durchwoben mit der Unterird'schen Zeichen, So reiß' ich dich von all den Banden los, Die dich geknüpft an dieses Landes Frevel. Hier Griechen eine Griechin! Grüßet sie!
(Er reißt ihr den Schleier ab.)
Medea (darnach fassend). Der Götter Schmuck!
Jason. Der Unterird'schen! Fort! Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn; So frei und offen bist du Jasons Braut. Nun nur noch eins und dann zu Schiff und fort. Das Vließ, du kennst's, zeig' an mir, wo es liegt!
Medea. Ha schweig!
Jason. Warum?
Medea. Sprich nicht davon!
Jason. Mein Wort hab' ich gegeben, es zu holen Und ohne Siegespreis kehrt Jason nicht zurück.
Medea. Ich sage dir, sprich nicht davon! Ein erzürnter Gott hat es gesendet, Unheil bringt es, (hat) es gebracht! Ich bin dein Weib! Du hast mir's entrissen, Aus der Brust gerissen das zagende Wort, Ich bin dein, führe mich wohin du willst Aber kein Wort mehr von jenem Vließ! In vorahnender Träume dämmerndem Licht Haben mir's die Götter gezeigt Gebreitet über Leichen, Besprützt mit Blut, Meinem Blut! Sprich nicht davon!
Jason. Ich aber muß, nicht sprechen nur davon, Ich muß es holen, folge was da wolle. Drum laß die Furcht und führ' mich hin zur Stelle Daß ich vollende, was mir auferlegt.
Medea. Ich? Nimmermehr!
Jason. Du willst nicht?
Medea. Nein!
Jason. Und weigerst du mir Beistand, hol' ich's selbst.
Medea. So geh!
Jason (sich zum Fortgehen wendend.) Ich gehe.
Medea (dumpf). Geh--in deinen Tod!
Jason. Kommt Freunde, laßt den Ort uns selbst erkunden!
(Er geht.)
Medea. Jason!
Jason (wendet sich um). Was ist?
Medea. Du gehst in deinen Tod!
Jason. Kam ich hierher und fürchtete den Tod?
Medea (auf ihn zueilend und seine Hand fassend). Ich sage dir, du stirbst.
(Halblaut.)
In der Höhle liegt's verwahrt, Verteidigt von allen Greueln Der List und der Gewalt. Labyrinthische Gänge, Sinnverwirrend, Abgründe, trügerisch bedeckt, Dolche unterm Fußtritt, Tod im Einhauch, Mord in tausendfacher Gestalt, Und das Vließ, am Baum hängt's, Giftbestrichen, Von der Schlange gehütet, Die nicht schläft, Die nicht schont, Unnahbar.
Jason. Ich hab' mein Wort gegeben und ich lös' es.
Medea. Du gehst?
Jason. Ich geh'!
Medea
(sich ihm in den Weg werfend). Und wenn ich hin mich werfe Flehend deine Kniee umfass' und rufe: Bleib! bleib!
Jason. Nichts hält mich ab!
Medea. O Vater, Vater! Wo bist du? Nimm mich mit!
Jason. Was klagst du? Wohl eher wär' das Recht zu klagen mir. Ich tue was ich muß, du hast zu wählen. Du weigerst dich und so geh' ich allein.
(Er geht.)
Medea. Du gehst?
Jason. Ich geh'!
Medea. Trotz allem was ich bat, Doch gehst du?
Jason. Ja!
Medea (aufspringend). So komm!
Jason. Wohin?
Medea. Zum Vließ, Zum Tod!--Du sollst (allein) nicht sterben, Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben!
Jason (sich ihr nähernd). Medea!
Medea (ausweichend). Die Liebkosung laß Ich habe sie erkannt!--O Vater! Vater! So komm, laß uns holen was du suchst; Reichtum, Ehre, Fluch, Tod! In der Höhle liegt's verwahrt Weh dir, wenn sich's offenbart! Komm!
Jason (ihre Hand fassend). Was quält dich?
Medea (indem sie ihre Hand aufschreiend wegzieht). Ah!--Phryxus!--Jason!
Jason. Um aller Götter willen!
Medea. Komm! Komm!
(Huscht fort mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend. Die andern folgen.)
(Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
(Das Innere einer Höhle. Kurzes Theater. Im Vorgrunde rechts das Ende einer von oben herabführenden Treppe. In der Felsenwand des Hintergrunds ein großes, verschlossenes Tor.)
Medea (steigt, in der einen Hand einen Becher in der andern eine Fackel die Treppe herab). Komm nur herab! Wir sind am Ziel!
Jason (oben, noch hinter der Szene). Hierher das Licht!
Medea (die Stiege hinaufleuchtend). Was ist?
Jason (mit gezogenem Schwerte auftretend und die Stiege eilig herabsteigend). Es strich an mir vorbei! Halt! Dort!
Medea. Was?
Jason. An der Pforte steht's den Eingang wehrend.
Medea (hinleuchtend). Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang, Wenn du nicht selbst.
(Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am Treppengeländer.)
Jason. Du bist so ruhig.
Medea. Und du bist's nicht!
Jason. Als es noch nicht begonnen Als ich's nur wollte, bebtest du, und nun--
Medea. Mir graut, daß du es willst, nicht daß du's tust. Bei dir ist's umgekehrt.
Jason. Mein Aug ist feig, Mein Herz ist mutig.--Rasch ans Werk!--Medea!
Medea. Was starrst du ängstlich?
Jason. Bleicher Schatten, weiche! Laß frei die Pforte, du hältst mich nicht ab.
(Auf die Pforte zugehend.)
Ich geh' trotz dir, durch dich zum Ziel--nun ist er fort! Wie öffnet man das Tor?
Medea. Ein Schwerthieb an die Platte Dort in der Mitte öffnet es.
Jason. Gut denn! Du wartest meiner hier.
Medea. Jason!
Jason. Was noch?
Medea (weich und schmeichelnd). Geh nicht!
Jason. Du reizest mich!
Medea. Geh nicht o Jason!
Jason. Hartnäckige kann nichts dich denn bewegen, Zu opfern meinem Entschluß deinen Wahn?
Medea. Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt.
Jason. Genug nunmehr, ich will!
Medea. Du willst?
Jason. Ich will.
Medea. Und nichts vermag dagegen all mein Flehn?
Jason. Und nichts vermag dagegen all dein Flehn.
Medea. Und auch mein Tod nichts?
(Sie entreißt ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.)
Sieh! dein eignes Schwert Gekehrt ist's gegen meine Brust. Ein Schritt noch weiter Und vor dir liegt Medea kalt und tot.
Jason. Mein Schwert!
Medea. Zurück! Du ziehst's aus meiner Brust! Kehrst du zurück?
Jason. Nein!
Medea. Und wenn ich mich töte?
Jason. Beweinen kann ich dich, rückkehren nicht. Mein Höchstes für mein Wort und wär's dein Leben!
(Auf sie zugehend.)
Gib Raum, Weib, und mein Schwert!
Medea (indem sie ihm das Schwert gibt). So nimm es hin Aus meiner Hand, du süßer Bräutigam! Und töte dich und mich!--Ich halte dich nicht mehr!
Jason (auf die Pforte zugehend). Wohlan!
Medea. Halt! Eins noch! Willst du jetzt schon sterben? Das Vließ, am heiligen Baum Ein Drache hütet's, grimm, Unverwundbar seine Schuppenhaut, Alldurchdringend sein Eisenzahn, Du besiegst ihn nicht.
Jason. Ich ihn, oder er mich.
Medea. Grausamer, Unmenschlicher! Oder er dich! und du gehst?
Jason. Wozu die Worte?
Medea. Halt! Den Becher hier nimm! Vom Honig des Berges Dem Tau der Nacht, Und der Milch der Wölfin Brauset drin gegoren ein Trank. Setz' ihn hin wenn du eintrittst, In der Ferne stehend. Und der Drache wird kommen, Nahrung suchend, Zu schlürfen den Trank. Dann tritt hin zum Baume Und nimm das Vließ--Nein, nimm's nicht, Nimm's nicht und bleib!
Jason. Törin! Her den Trank! Gib!
(Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.)
Medea (um seinen Hals fallend). Jason!--So küss' ich dich und so, und so, und so! Geh in dein Grab und laß auch Raum für mich! Bleib!
Jason. Laß mich Weib! Mir schallt ein höhrer Ruf!
(Gegen die Pforte zugehend.)
Und bärgest du des Tartarus Entsetzen, Ich steh' dir!
(Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.)
Tut euch auf, ihr Pforten!--Ah!
(Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmälere Höhle, seltsam beleuchtet. Im Hintergrunde ein Baum. An ihm hängt hellglänzend das goldene Vließ. Um Baum und Vließ windet sich eine ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und züngelnd vor sich hin blickt.)
(Jason fährt aufschreiend zurück und kommt wieder in den Vorgrund.)
Medea (wild lachend). Bebst du? Schauert dir das Gebein? Hast's ja gewollt, warum gehst du nicht? Starker, Kühner, Gewaltiger! Nur gegen mich hast du Mut? Bebst vor der Schlange? Schlange! Die mich umwunden, die mich umstrickt, Die mich verderbt, die mich getötet! Blick' hin, blick's an das Scheusal Und geh und stirb!
Jason. Haltet aus meine Sinne, haltet aus! Was bebst du Herz? Was ist's mehr als sterben?
Medea. Sterben? Sterben? Es gilt den Tod! Geh hin mein süßer Bräutigam, Wie züngelt deine Braut!
Jason. Von mir weg, Weib, in deiner Raserei! Mein Geist geht unter in des deinen Wogen!
(Gegen das Tor zu.)
Blick' nur nach mir; du findest deinen Mann! Und wärst du zehnmal scheußlicher, hier bin ich!
(Er geht drauf los.)
Medea. Jason!
Jason. Hinein!
Medea. Jason!
Jason. Hinein!
(Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.)
Medea (schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstürzend). Er geht! Er stirbt.
Jason (von innen). Wer schloß die Pforte zu?
Medea. Ich nicht!
Jason. Mach' auf!
Medea. Ich kann nicht.--Um aller Götter willen! Setz' hin die Schale, zaudre nicht! Du bist verloren wenn du zauderst. --Jason!--Hörst du mich?--Setz' hin die Schale!-- Er hört mich nicht!--Er ist am Werk! Am Werk!--Hilfe, Ihr dort oben! Schaut herab auf uns, ihr Götter! Doch nein, nein, schaut nicht herab Auf die schuldige Tochter, Der Schuldigen Gemahl; Ich schenk' euch die Hilfe, ihr mir die Rache! Kein Götteraug seh' es, Dunkel hülle die Nacht Unser Tun und uns! Jason lebst du?--Antwort gib! Gib Antwort!--Alles stumm Alles tot!--Ha?--Er ist tot! Er spricht nicht, ist tot.--tot.
(Sie sinkt an der Türe nieder.)
Liegst du mein Bräutigam? Laß Raum, Raum für die Braut!
Jason (inwendig, schreckhaft). Ah!
Medea (aufspringend). Das war seiner Stimme Klang! Er lebt! Ist in Gefahr! Zu ihm! Auf, Pforte, auf! Wähnst du zu widerstehn? Ich spotte dein! Auf!
(Sie reißt mit einem Zuge gewaltsam beide Torflügel auf.)
Jason (stürzt wankend heraus, das Vließ als Banner auf einer Lanze tragend.)
Medea. Lebst du?
Jason. Leben?--Leben?--Ja!--Zu! zu da!
(Er schließt ängstlich die Pforte zu.)
Medea. Und hast das Vließ?
Jason (es weit von sich weghaltend). Berühr's nicht! Feuer! Feuer!
(Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.)
Sieh hier die Hand--wie ich's berührt--verbrannt!
Medea (seine Hand nehmend). Das ist ja Blut!
Jason. Blut?
Medea. Auch am Haupte Blut. Hast dich verletzt?
Jason. Weiß ich's?--Nun komm! Nun komm!
Medea. Hast du's vollführt, wie ich's gesagt?
Jason. Ja wohl. Die Schale stellt' ich hin, mich selber seitwärts Und harrte schnaufend. Rufen hört' ich, doch Nicht zu erwidern wagt' ich vor dem Tier. Das hob sich blinkend auf und, und schon wähnt' ich Auf mich hin schieb' es rauschend seine Ringe; Allein der Trank war's, den das Untier suchte, Und weit gestreckt in durstig langen Zügen Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank. Bald, trunken oder tot lag's unbeweglich. Ich rasch hervor vom marternden Versteck, Zum Baum hin und das Vließ--hier ist's--Nun fort!
Medea. So komm, und schnell!
Jason. Als ich's vom Baume holte, Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Blätter Und hinter mir riefs: Wehe! Ha?--Wer ruft?
Medea. Du selbst!
Jason. Ich?
Medea. Komm!
Jason. Wohin?
Medea. Fort!
Jason. Fort, ja fort! Geh du voran, ich folge mit dem Vließ Geh nur! Geh, zaudre nicht! Voraus! Voran!
(Beide ab, die Treppe hinauf.)
(Freier Platz vor der Höhle. Im Hintergrunde die Aussicht aufs Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hügel verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.) Milo, Argonauten, (teils mit Arbeiten des Einschiffens beschäftigt, teils als Wachen und ruhend gruppiert.)
Milo. Das Schiff ist hergezogen. Gut. Doch hört! Nicht Anker ausgeworfen! Hört ihr? (Nicht)! Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen Und ob's zum lichten Zeit dann, weiß ich nicht.
(Auf und ab gehend.)
Er kommt noch immer nicht. Daß er ihr traute! Ich hab' ihn wohl gewarnt. Doch hört er Warnung? Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede Und tat auch was ihm riet mein treuer Mund So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann. Doch hier ist er verwandelt ganz und gar Verwandelt gleich--uns allen, sagt' ich schier, Vom gift'gen Anhauch dieses Zauberbodens. O dieses Weib! Mir graut denk' ich an sie. Wie sie so dastand mit den dunkeln Brauen Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn, Das Augenlid gesenkt, im düstern Sinnen: Nun hob sich's und wie Wetterleuchten fuhr Der Blick hervor und faßt' und schlug und traf.-- Ihn traf er!--Nu die Götter mögen's wenden. Was bringen dort die Beiden. Griechen sind's. Ein Weib! Gebunden! Memmen ihr!--Holla!
Zwei Griechen (treten auf,) Gora (mit gebundenen Händen in ihrer Mitte.)
Milo. Was ist? Was bindet ihr das Weib!--Gleich löst sie!
Soldat. Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr Und fragte nach--nu nach der Kolcherin Die heut wir fingen.
Gora. Kolcherin? Ha Sklav', Medea ist's, Des Kolcherfürsten Tochter. Wo habt ihr sie?
Soldat. Wir wollten sie nicht lassen, daß sie nicht Dem Feinde Kundschaft gäb' von unsrer Lagrung Allein sie wehrt' es und fast männlich, Herr. Da banden wir sie, weil sie sich nicht fügte, Und bringen sie euch her!
Milo. Löst ihre Bande!
(Es geschieht.)
Gora. Wo ist Medea? Wo ist mein Kind?
Milo. Dein Kind?
Gora. Ich hab' sie gesäugt gepflegt. Als eine Mutter mein Kind. Wo habt ihr sie? Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben Bei euch in eures Lagers Umfang; Aber 's ist Lüge, ich kenne Medea Ich kenne mein Kind. Gefangen haltet ihr sie zurück. Gebt sie heraus! Wo ist sie?
Milo. Ganz gut kommst als Genossin du für sie Leicht fände sie sich einsam unter Menschen. Bringt sie ins Schiff!
Gora. So weilt sie dort?
Milo. Geh nur! Zu bald wirst du sie noch erblicken!--Geh!
Gora (die abgeführt wird). Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich täuscht.
(Ab.)
Milo
(ihr nachschauend). Ha! bringen wir die wilden Tiere alle Nach Griechenland, ich sorge, man erdrückt uns, Die Seltenheit zu sehn!--Und Er kommt nicht!
(Man hört dumpfe Schläge unter der Erde.)
Was ist das?--Horch!--Speit auch der Boden Wunder? Versucht's der Feind?--
(Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.)
Holla! zur Hand!
(Die Krieger greifen nach ihren Waffen.)
Milo. Die Erde hebt sich!--Was geschieht noch alles? (Eine Falltüre öffnet sich am Boden.) Medea (steigt herauf.)
Medea. Hier ist der Tag.
(Nachdem sie ganz heroben ist.)
Und hier die Deinen. Ich hielt was ich versprach. Jason (mit dem Vließ-Banner steigt auch herauf. Medea läßt die Falltüre nieder.)
Milo
(auf ihn zueilend und seine Hand nehmend). Du bist es Jason! Du!
Jason (der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend). Jason!--Wo?--Ja so! Ja, ja!
(Ihm die linke Hand reichend. In der rechten hält er das Banner.)
Freund Milo!
Milo (im Vortreten). Und mit dem Vließ?
Jason (schreckhaft sich umsehend). Ha!--Mit dem Vließ!--
(Es hinhaltend.)
Hier ist's!
(Sich noch einmal umsehend.)
Ein widerlicher Mantel dort, der graue Und drein gehüllt der Mann bis an die Zähne.
(Auf ihn zugehend.)
Borg' mir den Mantel, Freund!
(Der Soldat gibt den Mantel.)
Ich kenne dich Du bist Archytas aus Korinth. Ja, ja Ein lust'ger Kauz, ein (Geist) mit Fleisch und Blut!
(Ihn an der Schulter anfassend.)
Mit Fleisch und Blut!
(Widerlich lachend.)
Ha! ha!--Ich dank' dir Freund!
Milo. Wie sonderbar--
Jason
(den Mantel um das Vließ hüllend). Wir wollen das verhüllen, So--und hier aufbewahren bis wir's brauchen.
(Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea sinnend gesetzt hat.)
Was sinnest du Medea, sinnest jetzt? Laß uns die Überlegung aufbewahren Als Zeitvertreib auf langer Überfahrt. Komm her mein Weib, mir angetraut Bei Schlangenzischen unterm Todestor.
Milo (sich zu Medea wendend). Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl. Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend Ward eingebracht--
Medea. Gora.--Zu ihr!
Jason (rauh). Bleib da!
(Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirn legend, bleibt stehen.)
Jason (milder). Ich bitte dich bleib da!
(Indem er sie zurückführt.)
Geh nicht Medea!
(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.)
Entwöhne dich vom Umgang jener Wilden Dafür an unseren gewöhne dich! Wir sind jetzt Eins, wir müssen einig denken.
Milo. Kommt jetzt zu Schiff!
Jason. Ja, ja! Komm mit Medea! Wie lau die Feinde sind! Ich hätte Lust Zu fechten, fechten. Doch sie schlafen scheint es!
Absyrtus
(hinter der Szene). Hierher!
Milo. Sie schlafen nicht.
Jason. So besser! Schließt euch! Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück. Wir wollen unser Angedenken ihnen Zum Abschied noch erneun auf immerdar.
(Er rafft das verhüllte Vließ auf.)
Medea, in den Kreis und zittre nicht! Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.)
Absyrtus. Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester!
Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einige Schritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend). Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!
Jason. Was weilst du dort? Tritt wieder her zu uns!
Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend). So wär' es wahr denn, was sie alle sagen Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt. Du wolltest ziehen mit den fremden Männern? Verlassen unsre Heimat, unsern Herd Den Vater und mich Medea Mich, der dich so liebt, du arme Schwester!
Medea (an seinen Hals stürzend). O Bruder! Bruder!
(Mit tränenerstickter Stimme.)
O mein Bruder!
Absyrtus. Nein es ist nicht wahr!--Du weinst! Ich muß auch weinen. Doch was tut's? Ich schäme mich der Tränen nicht Genossen Im K a m p f will ich zeigen, was ich wert. Weine nicht Schwester, komm mit mir!
Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich). O könnt' ich gehn mit dir!
Jason (hinzutretend). Du willst mit ihm?
Medea (furchtsam). Ich?
Jason. Du sagtest's!
Medea. Sagt' ich etwas Bruder? Nein, ich sagte nichts!
Absyrtus. Wohl sagtest du's, und komm, o komm, Ich führe dich zum Vater, er verzeiht! Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht; Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn, Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vließ.
Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreißend). Nicht?
(Schaudernd.)
Sie haben's!
Jason (indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es hochgeschwungen vorzeigt). Hier!
Absyrtus. Das Vließ!
(Zu Medeen.)
So hast du uns denn doch verraten Geh hin in Unheil denn und in Verderben!
(Zu Jason.)
Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus!