Chapter 3
(Sie mit der Lampe beleuchtend). Doch seh' ich recht? Bist du die Zauberin, Die dort erst heischre Flüche murmelte? Ein weiblich Wesen liegt zu meinen Füßen, Verteidigt durch der Anmut Freiheitsbrief, Nichts zauberhaft an ihr, als ihre Schönheit. (Bist) du's?--Doch ja! Der weiße Arm, er blutet, Verletzt von meinem mitleidslosen Schwert! Was hast du angerichtet? Weißt du wohl, Ich hätt' dich töten können, holdes Bild, Beim ersten Anfall in der dunkeln Nacht? Und Schade wär's, fürwahr, um so viel Reiz! Wer bist du, doppeldeutiges Geschöpf? Scheinst du so schön und bist so arg, zugleich So liebenswürdig und so hassenswert, Was konnte dich bewegen, diesen Mund, Der, eine Rose, wie die Rose auch Nur hauchen sollte süßer Worte Duft, Mit schwarzer Sprüche Greuel zu entweihn? Als die Natur dich dachte, schrieb sie: (Milde) Mit holden Lettern auf das erste Blatt Wer malte Zauberformeln auf die andern? O geh! ich hasse deine Schönheit, weil sie Mich hindert deine Tücke recht zu hassen! Du atmest schwer. Schmerzt dich dein Arm? Ja, siehst du Das sind die Früchte deines argen Treibens! Es blutet! Laß doch sehn!
(Nimmt ihre Hand.)
Du zitterst, Mädchen, Die Pulse klopfen, jede Fiber zuckt. Vielleicht bist du so arg nicht, als du scheinst, Nur angesteckt von dieses Landes Wildheit, Und Reue wohnt in dir und fromme Scheu. Heb auf das Aug und blicke mir ins Antlitz, Daß ich die dunkeln Rätsel deines Handelns Erläutert seh' in deinem klaren Blick.-- Du schweigst!--O wärst du stumm, und jene Laute, Die mir ertönten, fluchenswerten Inhalts, Gesprochen hätte sie ein andrer Mund, Der minder lieblich, Mädchen, als der deine. Du seufzest!--Sprich!--Laß deine Worte tönen; Vertrau' den Lüften sie, als Boten, an, Sonst holt mein Mund sie ab von deinen Lippen.
(Er beugt sich gegen sie.) (Man hört Waffengeklirr und Stimmen in der Ferne.)
Horch!--Stimmen!
(Er läßt sie los.)
Näher!
(Medea steht auf.)
Deine Freunde kommen Und ich muß fort. Des freuest du dich wohl? Allein ich seh' dich wieder, glaube mir! Ich muß dich sprechen hören, gütig sprechen, Und kostet' es mein Leben!--Doch man naht. Glaub' nicht, daß ich Gefahr und Waffen scheue, Doch auch ein Tapfrer weicht der Überzahl, Und meiner harren Freunde.--Leb' denn wohl. (Er geht dem Seiteneingange zu, durch den er gekommen ist. Aus diesem, so wie aus dem Haupteingange stürzen) Bewaffnete (herein, mit ihnen) Absyrtus.
Absyrtus. Zurück!
Jason. So gilt's zu fechten!--Gebet Raum!
Absyrtus. Dein Schwert!
Jason. Dir in die Brust, nicht in die Hand!
Absyrtus. Fangt ihn!
Jason (sich in Stellung werfend). Kommt an! Ihr alle schreckt mich nicht!
Absyrtus. Laß uns versuchen denn!
(Stürzt auf Jason los.)
Medea (macht eine abhaltende Bewegung gegen ihn).
Absyrtus (zurücktretend). Was hältst du mich Schwester?
Jason. Du sorgst um mich? Hab' Dank, du holdes Wesen, Nicht für die Hilfe, ich bedarf sie nicht, Für diese Sorge Dank. Leb' wohl, o Mädchen,
(Sie bei der Hand fassend und rasch küssend.)
Und dieser Kuß sei dir ein sichres Pfand, Daß wir uns wiedersehn!--Gebt Raum!
(Er schlägt sich durch.)
Absyrtus. Auf ihn!
(Jason durch die Seitentüre fechtend ab.)
Absyrtus. Ihm nach! Er soll uns nicht entrinnen!
(Eilt Jason nach mit den Bewaffneten.)
Medea (die unbeweglich mit gesenktem Haupt gestanden, hebt jetzt Kopf und Augen empor). Götter!
(Ihre Jungfrauen stehen um sie.)
(Der Vorhang fällt.)
Zweiter Aufzug
(Halle wie am Ende des vorigen Aufzuges. Es ist Tag.) Gora, Peritta. Jungfrauen.
Gora. Ich sage dir, sprich lieber Medeen nicht. Ob der Ereignung zürnt sie der heutigen Nacht Und sie spricht sich nicht gut, wenn sie zürnt; das weißt du! Auch gebot sie dir, ihr Antlitz zu fliehn.
Peritta. Was soll ich tun? Wer hilft, wenn sie nicht? Gefangen der Gatte, die Hütte verbrannt. Alles geraubt von den fremden Männern Wem klag' ich mein Leid, wer rettet, wenn sie nicht?
Gora. Tu wie du willst, ich hab' dich gewarnt, Auch ist's recht und billig nur, daß sie dich hört, Aber der Mensch tut nicht immer was recht.
Peritta. Ach, ich Unselige!
Gora. Klage nicht! Was hilft's Überleg' und handle, das tut dir Not! Doch wo weilt Medea? komm in ihr Gemach. (Eine) Jungfrau (stürzt atemlos herein.)
Jungfrau. O Übermaß des Unglücks!
Gora (an der Türe umkehrend). Wohl nur der Torheit, will ich hoffen! Was neues gibt's?
Jungfrau. Der Fürstin Lieblingspferd.--
Gora. Das herrliche Tigerroß--
Jungfrau. Es ist entflohn!
Gora. So?
Jungfrau. In der Verwirrung der heutigen Nacht Da die Pforte offen, wir alle voll Angst, Entkam es dem Stall und ward nimmer gesehn! Weh mir!
Gora. Ja wohl!
Jungfrau. Wie entflieh' ich der Fürstin Zorn? Wird sie's ertragen--?
Gora. Das (wie) ist ihre Sache Doch tragen muß sie's, da es (ist). Nur rat' ich dir geh fürs erste ihr aus dem Auge! Doch horch! Sie naht schon! Peritta tritt zu mir. Medea (kommt in Gedanken versunken aus der Türe rechts.)
Gora (nach einer Pause). Medea--
Jungfrau (ihr zuvorkommend und zu Medeens Füßen stürzend). O Königin verzeih!
Medea (den Kopf emporhebend). Was ist?
Jungfrau. Vernichte mich nicht in deinem Zorn! Dein Leibroß--Dein Liebling!--Es ist entflohn.
(Pause während welcher sie Medeen voll Erwartung ins Gesicht sieht).
Nicht meine Schuld war's fürwahr. Der Schrecken heut Nacht Das Getümmel, der Lärm--Da geschah's-- Du sprichst nicht?--Zürne Fürstin--
Medea. Es ist gut!
(Jungfrau steht auf.)
Gora (sie bei Seite ziehend). Was sprach sie?
Jungfrau (freudig). Es sei gut.
Gora. Das ist (nicht) gut! Trägt sie so leicht, was sie sonst schwer ertrug, Das begünstigt unsre Sache, Peritta! Fast ist mir's unlieb, daß sie so mild gestimmt Ich hatte mich drauf gefreut, wie sie sich sträuben würde Und endlich überwinden müßte zu tun was sie soll. Nu komm denn, komm, für dich ist's besser so. Medea hier ist noch jemand den du kennst!
Medea. Wer?
Gora. Kennst deine Gespielin, Peritta, nicht? Zürnst du ihr gleich--
Medea. Peritta bist du's; Sei mir gegrüßt, sei herzlich mir gegrüßt!
(Sie mit dem Arm umschlingend und sich auf sie stützend.)
Wir haben frohe Tage zusammen gelebt. Seit dem ist viel übles geschehn. Viel übles seit der Zeit, Peritta! Hast du deine Herde verlassen und dein Haus Und kommst wieder zu mir, Peritta? Sei mir willkommen, du bist sanft und gut, Du sollst mir die Nächste sein im Kreis meiner Frauen!
Peritta. Kein Haus hab' ich mehr und keine Herde Alles verloren, mein Gatte gefangen, Dahin meine Ruhe, mein Segen, mein Glück.
Medea. So ist er dahin, ist tot! Du dauerst mich armes, armes Kind! War so jung, so kräftig, so glänzend, so schön, Und ist tot und kalt! Du dauerst mich Ich könnte weinen, so rührst du mich.
(Legt ihre Stirne auf Perittas Schulter.)
Peritta. Nicht tot, nur gefangen ist mein Gatte Drum kam ich zu flehn, daß du bittest den Vater Ihn zu lösen, zu retten, zu befrein-- Medea hörst du?--
(Zu Gora.)
Sie spricht nicht! Was sinnt sie?
Gora. Mich überrascht sie nicht minder als dich Das ist sonst nicht Medeens Sitte.
Peritta. Was ist das? Trau' ich meinen Sinnen? Feucht fühl' ich dein Antlitz auf meiner Schulter! Medea Tränen?--O du Milde, du Gute!
(Küßt Medeens herabhängende Hand.)
(Medea reißt sich empor, faßt rasch mit der rechten Hand die geküßte Linke und sieht Peritten starr ins Gesicht. Dann entfernt sie sich rasch von ihr, sie immer starr betrachtend und nähert sich der Amme.)
Medea. Gora!
Gora. Frau?
Medea. Heiß sie gehn!
Gora. So willst du--
Medea. Heiß sie gehn!
Gora
(winkt Peritten mit der Hand Entfernung zu). (Peritta hält flehend ihr die Hände entgegen.) (Gora winkt ihr beruhigend zu, sich zu entfernen.) (Peritta von zwei Mädchen geführt, ab.)
Medea (unterdessen). Ah!--es ist heiß hier.--Schwüle Luft.
(Reißt gewaltsam den Gürtel entzwei und wirft ihn weg.)
Gora. Sie ist fort!.
Medea (zusammenfahrend). Fort?
Gora. Peritta ist fort.
Medea. Gora!
Gora. Gebieterin!
Medea (halblaut, sie bei Seite führend). Warst du zugegen heut Nacht?
Gora. Wo?
Medea (Sieht ihr fremd ins Gesicht.)
Gora. Ah hier? Freilich!
Medea (mit freudeglänzenden Blicken). Ich sage dir es war ein Gott!
Gora. Ein Gott?
Medea. Ich habe lange darüber nachgedacht, Nachgedacht und geträumt die lange Nacht, Aber 's war ein Himmlischer, des bin ich gewiß. Als er mit einemmal dastand, zürnenden Muts, Hochaufleuchtend, einen Blitz in der Hand Und zwei andre im flammenden Blick, Da fühlt' ich's am Sinken des Muts, an meiner Vernichtung, Daß ihn kein sterbliches Weib gebar.
Gora. Wie? so--
Medea. Du hast mir wohl selbst erzählet, Oft, daß Menschen, die nah dem Sterben, (Heimdar) sich zeige, der furchtbare Gott, Der die Toten führt in die schaurige Tiefe. Sieh, der war es glaub' ich, o Gora! (Heimdar) war es, der Todesgott. Bezeichnet hat er sein dunkles Opfer, Bezeichnet mich mit dem ladenden Kuß Und Medea wird sterben, hinuntergehn Zu den Schatten der schweigenden Tiefe. Glaub' mir, ich fühle das, gute Gora, An diesem Bangen, an diesem Verwelken der Sinne, An dieser Grabessehnsucht fühl' ich es, Daß mir nicht fern das Ende der Tage!
Gora. Was hat deinen Sinn so sehr umwölkt, Daß du trüb schaust, was klar und deutlich? Ein Mensch war's, ein Übermüt'ger, ein Frecher Der hier eindrang
Medea (zurückfahrend). Ha!
Gora. Der die Nacht benützend--
Medea. Schweig!
Gora. Deine Angst
Medea. Verruchte schweig.
Gora. Schweigen kann ich wenn du's gebietest, Einst mein Pflegling, jetzt meine Frau. Aber drum ist's nicht anders als ich sagte.
Medea. Sieh wie du albern bist und töricht! Wie käm' ein Fremder in diese Mauern? Wie hätt' ein Sterblicher sich erfrecht, Zu drängen sich vor Medeas Antlitz, Sie zu sprechen, ihr zu drohn, mit seinen Lippen-- Geh Unselige, geh Daß ich dich nicht töte, Nicht räche deine Torheit An deinem Leben. Ein Sterblicher? Scham und Schmach! Entferne dich, Verräterin! Geh! sonst trifft dich mein Zorn.
Gora. Ich rede was ist und nicht was du willst. Gehn soll ich? ich gehe.
Medea. Gora, bleib! Hast du kein freundlichs Wort, du Gute? Fühlst du denn nicht, so ist's so muß es sein, (Heimdar) war es, der stille Gott, Und nun kein Wort mehr, kein Wort, o Gora!
(Wirft sich ihr an den Hals und verschließt mit ihrem Munde Goras Lippen.)
(Nach einer Pause.)
Medea. Horch!
Gora. Tritte nahen!
Medea. Man kommt! Fort!
Gora. Bleib! Dein Bruder ist's und dein Vater! Sieh! Aietes und Absyrtus (stürzen herein.)
Aietes. Entkommen ist er, des trägst du die Schuld!
(Zu Medeen.)
Warum hemmtest den Streich des Bruders, Da er ihn töten wollte, den Frevler?
Absyrtus. Vater, scheltet sie nicht darum War doch angstvoll und bang ihre Seele! Denkt! ein Fremder, allein, bei Nacht, Eingedrungen in ihre Kammer; Sollte sie da nicht zagen, Vater? Und nicht weiß die Furcht was sie tut. Doch der Grieche--
Medea. Grieche?
Aietes. Wer sonst? Einer der Fremden war's, der Hellenen, Die gekommen an Kolchis' Küste, Argonauten, auf Argo dem Schiff, Zu verwüsten unsere Täler Und zu rauben unser Gut.
Medea
(Goras Hand fassend). Gora!
Gora. Siehst du? es ist so, wie ich sagte.
Absyrtus. Übermütig sind sie und stark Ja, bei Peronto! Stark und kühn! Setzt' ich nicht nach ihm, ich und die Meinen Hart ihn drängend, nach auf den Fersen? Aber er führte in Kreisen sein Schwert Keiner von uns kam ihm nah zu Leibe. Jetzt zum Strom gekommen, warf er Raschen Sprungs sich hinein. Dumpf ertönte die Gegend dem Sturze, Hoch auf spritzten die schäumenden Wasser Und er verschwand in umhüllende Nacht.
Aietes. Ist er entkommen dieses Mal Fürder soll es ihm nicht gelingen! Die kühnen Fremdlinge stolz und trotzig Haben Zweisprach begehrt mit mir. Zugesagt hab' ich's, den Groll verbergend Den tödlichen Haß in der tiefen Brust Aber gelingt mir, was ich sinne, Und bist du mir gewärtig mit deiner Kunst, So soll sie der frevelnde Mut gereuen, So endet der Streit noch eh er begann. Auf Medea, komm! Mach' dich fertig Gut zu machen, was du gefehlet Und zu rächen die eigene Schmach (Deine) Sache ist's nun geworden Haben sie doch an dir auch gefrevelt, Gefrevelt durch jenes Kühnen Tat, Denn wahr ist's doch, was Absyrtus mir sagte, Daß er's gewagt mit entehrendem Kuß--
Medea. Vater schweig, ich bitte dich--
Aietes. Ist's wahr?
Medea. Frage mich nicht was wahr, was nicht! Laß dir's sagen die Röte meiner Wangen Laß dir's sagen--Was soll ich? Gebeut! Willst du vernichten die Schar der Frevler? Sage nur wie, ich bin bereit!
Aietes. So recht Medea, so mag ich's gern So erkenn' ich in dir mein Kind Zeig' daß dir fremd war des Frechen Erkühnen Laß sie nicht glauben, du habest gewußt Selber gewußt um die frevelnde Tat!
Medea. Gewußt? Wer glaubt das, Vater und von wem?
Aietes. Wer? der's sah, der's hörte, Kind! Wer Zeuge war wie Aletes' fürstliche Tochter Den Kuß duldete von des Frevlers Lippe.
Medea. Vater!
Aietes. Was ist?
Medea. Du tötest mich!
Aietes. (Ich) glaub's (nicht), Medea!
Medea. Wirklich nicht? Laß uns gehn!
Aietes. Wohin?
Medea. Wohin du willst Zu vernichten, zu töten, zu sterben!
Aietes. Du versprichst mir also?
Medea. Ich hab' es gesagt! Aber laß uns gehn!
Aietes. Hör' erst!
Medea. Nicht hier! Hohnzulachen scheint mir des Gottes Bild Des Gewölbes Steine formen sich mir Zu lachenden Mäulern und grinsenden Larven. Hinweg von dem Orte meiner Schmach! Nimmer betret' ich ihn. Vater komm! Was du willst, wie du willst, doch fort von hier!
Aietes. So höre!
Medea. Fort!
Aietes. Medea!
Medea. Fort!
(Eilt ab.)
Aietes. Medea!
(Mit Absyrtus ihr nach.)
(Freier Platz mit Bäumen. Links im Hintergrunde des Königs Zelt.) Acht Abgeordnete der Argonauten (treten auf von einem) Kolchischen Hauptmanne (geleitet.)
Hauptmann. Hier sollt ihr weilen ist des Königs Befehl Bald naht er selbst.
Erster Argonaut. Befehl? Nichtswürdiger Barbar, Für dich mag's sein, doch uns Befehl? Wir harren deines Königs weil wir wollen, Doch eil' er sich, sonst suchen wir ihn auf!
Zweiter Argonaut. Laß ihn! Die Knechtesrede ziemt dem Knecht!
(Kolcher ab.)
So sind wir hier; erreicht des Strebens Ziel! Nach mancher Fährlichkeit zu Land und See Umfängt uns Kolchis' düstre Märchenwelt, Von der man spricht so weit die Sonne leuchtet. Was keinem möglich deuchte ist geschehn; Durchsegelt ist ein unbekanntes Meer, Das zürnend Untergang dem ersten Schiffer drohte, Zu neuen Völkern und zu neuen Ländern Tat sich der Weg, und was oft schwerer noch, Tat auch der Rückweg sich uns günstig auf: Wir sind in Kolchis, unsrer Reise Ziel. So weit hat gnädig uns ein Gott geführt; Doch jetzo fürcht' ich wendet er sich ab! Wir stehn in Feindes Land, von Tod umgeben Fremd, ohne Rat und Führer--Jason fehlt. Er, der zum Zug geworben, ihn geführt, Er, dessen eigne Sache wir verfechten, Mit Milo hat er sich vom Zug entfernt, Heut Nacht entfernt und ward nicht mehr gesehn. Ob er im Wald verirrt, verlassen schmachtet, Ob er ins Netz gefallen der Barbaren, Ob ihn aus Hinterhalt der Tod ereilt Ich weiß es nicht, doch jedes steht zu fürchten. So aufgelöst, vereinzelt, ohne Band, Ist jeder nun sein eigner Rat und Führer Drum frag' ich euch, die Ersten unsrer Schar: Was ist zu tun?
(Alle schweigen mit gesenkten Häuptern.)
Ihr schweigt. Jetzt gilt's Entschluß! Geladen von dem König dieses Landes Zur Zweisprach, zum Versuch der Gütlichkeit, Schien's uns gefährlich, ob des Führers Abgang Den Aufruf abzulehnen, der geschehn, Und zu enthüllen unsre Not und Schwäche. Wir gingen, wir sind hier!--Was nun zu tun? Wer Rat weiß, spreche nun!
Dritter Argonaut. Du bist der Ältste Sprich du!
Zweiter Argonaut. Der Ältste ist der Erste nicht Wo's Kraft gilt und Entschluß. Fragt einen andern!
Erster Argonaut. Laßt uns die Schwerter nehmen in die Hand Den König töten und sein treulos Volk Dann fort, doch erst die Beut' ins Schiff gebracht!
Zweiter Argonaut. Nicht auch das Land und heimgebracht zur Schau? Dein Rat ist unreif Freund wie deine Jahre. Gebt andern!
Dritter Argonaut. Rate du, wir folgen dir!
Zweiter Argonaut. Mein Rat ist Rückkehr! Murrt ihr? Nun wohlan Sprech' einer Besseres, ich stimme bei! Ihr schweigt gesamt und Niemand tritt hervor. So hört, und stört nicht oder überzeugt mich! Nicht eignes Streben hat uns hergeführt Was kümmert Kolchis uns mit seinen Wundern? Dem Mut, dem Glücke Jasons folgten wir Den Arm ihm leihend zum gebotnen Werk; Er tat des Oheims Willen, wir den seinen. Wer ist, der treten mag an Jasons Stelle, Hat ihn der Tod, wie möglich, hingerafft? Wem liegt daran das Wundervließ zu rauben Das Tod umringt und dräuende Gefahr? Habt ihr gehört? im Schlund der Höhle liegt's, Bewacht von eines Drachen gift'gen Zähnen, Vom Graun verteidigt schwarzer Zauberei, Beschützt von allem was verrucht und greulich; Wer wagt's von euch, wer hebt den goldnen Schatz? Wie Keiner? Nun, so woll' auch keiner (scheinen) Was keiner Kraft und Willen hat zu (sein). Hier leg' ich von mir Schild und Speer Und geh' zum König als ein Mann des Friedens. Drei Tage gönn' er uns zu harren Zeit, Und kehrt dann Jason nicht, so ziehn wir heim. Wer mit mir gleichdenkt, tue so wie ich. Ein Held ist wer das Leben Großem opfert Wer's für ein Nichts vergeudet ist ein Tor!
(Die meisten stoßen ihre Speere in den Boden.)
Nun kommt zu Kolchis' König. Gerne tauscht er Die eigne Sicherheit wohl aus für unsre!
Erster Argonaut. Halt noch. Dort nahn zwei Griechen! Milo ist's Der fort mit Jason ging und--
(schreiend)
Jason selber! Jason!
Mehrere. Jason!
Alle (tumultuarisch). Jason!
Milo
(hinter der) Szene). Hier Gefährten! Hier Jason, Argonauten!
Erster Argonaut (zum zweiten). Was sagst du nun?
Zweiter Argonaut. Daß Jason da ist, sag' ich Freund wie du. Statt meines Rates gibt er euch die Tat. Nur da er fort war hatt' ich eine Meinung! Milo (tritt auf), Jason (an der Hand führend.)
Milo. Hier habt ihr ihn! Hier ist er ganz und gar! Nun seht euch satt an ihm und schreit und jubelt!
(Die Argonauten drängen sich um Jason, fassen seine Hände und drücken ihre Freude aus.)
Vermischte Stimmen. Willkommen--Jason!--Freund!--Willkommen Bruder!
Jason. Habt ihr um mich gebangt? Hier bin ich wieder!
(Indem er den Andrängenden die Hände reicht.)
Milo (den nächststehenden umarmend). Freund siehst du, er ist da? Gesund und rüstig! Und's ging ihm nah ans Leben, ei beim Himmel! Ein Haar! und ihr saht Jason nimmer mehr! Er wagte sich, allein--ich durft' nicht mit-- Um euretwillen Freunde wagt' er sich, Im dichten Wald, allein, in einen Turm, Der voll Barbaren steckte bis zum Giebel. Da hieß es fechten.
Jason. Ja fürwahr es galt! Verloren war ich, wenn ein Mädchen nicht--
Milo. Ein Mädchen? Ein Barbarenmädchen?
Jason. Ja!
Milo. Sieh davon sagtest du mir früher nichts! Und war sie schön?
Jason. So schön so reizend so-- Doch eine arge, böse Zauberin.-- Ihr dank' ich dies mein Leben!
Milo. Wackres Mädchen!
Jason. Ich schlug mich durch und--doch genug, ich lebe Und bin bei euch!--Doch was führt euch hierher?
Zweiter Argonaut. Zur Zweisprach ließ uns laden Kolchis' König Vernehmen will er unsre Forderung Und dann entscheiden.
Jason. Hier?
Zweiter Argonaut. Hier ist sein Sitz!
Jason. Ich will ihn sprechen. Fügt er sich in Frieden Gut denn! wenn nicht, dann mag das Schwert entscheiden.
(Auf die seitwärts gestellten Speere zeigend.)
Doch diese Waffen!--Seid ihr hier so sicher Daß ihr des Schutzes selber euch beraubt?
(Sie nehmen beschämt die weggelegten Speere wieder auf.)
Ihr schweigt und schlagt beschämt die Augen nieder? Habt ihr?--
(Zu Milo.)
Oh sieh, sie meiden meinen Blick! Unglückliche! es war doch nicht die Furcht-- Die (Furcht) Hellenen, die den Speer euch nahm? Es war's nicht--?
(Zu Milo.)
Ach es war's! Die Unglücksel'gen Sie wagen's nicht der Lüge mich zu zeihn. Was hat euch denn verblendet arme Brüder?-- Es war die (Furcht)!--
(Zu einem der sprechen will.)
Ich bitte dich, sprich nicht Ich kann mir denken was du fühlst. Sprich nicht! Mach' nicht, daß ich mich schäme vor mir selbst! Denn, o nicht ohne Tränen könnt' ich schauen In ein von Scham gerötet Männerantlitz. Ich will's vergessen wenn ich kann.
(Ein Kolcher tritt auf.)
Kolcher. Der König naht!
Jason. So laßt uns stark sein und entschlossen, Freunde Nicht ahne der Barbar, was hier geschehn! Aietes (tritt auf mit) Gefolge.
Aietes. Wer ist der das Wort führt für die Fremden!
Jason (vortretend). Ich!
Aietes. Beginn!
Jason. Hochmütiger Barbar, du wagst--?
Aietes. Was willst du?
Jason. Achtung!
Aietes. Achtung?
Jason. Meiner Macht, Wenn meinem Namen nicht!
Aietes. Wohlan, so sprich!
Jason. Thessaliens Beherrscher, Pelias, Mein Oheim und mein Herr, schickt mich zu dir, Mich, Jason, dieser Männer Kriegeshaupt, Zu dir zu reden, wie ich jetzo rede! Gekommen ist die Kunde übers Meer, Daß Phryxus, ein Hellene, hohen Stammes, Den Tod gefunden hier in deinem Reich!
Aietes. Ich schlug ihn nicht.
Jason. Warum verteidigst du dich, Eh ich dich noch beschuldigt? Hör' mich erst. Mit Schätzen und mit Gute reich beladen War Phryxus' Schiff. Das blieb in deiner Hand Als er verblich geheimnisvollen Todes! Sein Haus ist aber nahverwandt dem meinen, Drum in dem Namen meines Ohms und Herrn Fordr' ich, daß du erstattest, was sein eigen, Und was nun mein und meines Fürstenhauses.
Aietes. Nichts weiß ich von Schätzen.
Jason. Laß mich enden. Das Köstlichste von Phryxus' Gütern aber Es war ein köstliches, geheimnisvolles Vließ, Des er entkleidete in Delphis hoher Stadt Das Bildnis eines unbekannten Gottes Das dort seit grauen Jahren aufgestellt, Man sagt, von den Urvätern unsers Landes, Die fernher kommend, und von Oben stammend, Das Land betraten und der Menschheit Samen Weitbreitend in die leere Wildnis streuten, Und Hellas' Väter wurden, unsre Ahnen Von ihnen sagt man stamme jenes Zeichen, Ein teures Pfand für Hellas' Heil und Glück. Vor allem nun dies Vließ fordr' ich von dir, Daß es ein Kleinod bleibe der Hellenen Und nicht in trotziger Barbaren Hand Zum Siegeszeichen diene wider sie. Sag' was beschließest du?
Aietes. Ich hab's nicht!
Jason. Nicht? Das goldne Vließ?
Aietes. Ich hab's nicht, sag' ich dir!
Jason. Ist dies dein letztes Wort?
Aietes. Mein letztes!
Jason. Wohlan!
(Wendet sich zu gehn.)
Aietes. Wo willst du hin?
Jason. Fort, zu den Meinen, Sie zu den Waffen rufen, um zu sehen, Ob du der Macht unnahbar wie dem Recht.
Aietes. Ich lache deiner Drohungen!
Jason. Wie lange?
Aietes. Tollkühner! Mit einem Häufchen Abenteurer Willst du trotzen dem König von Kolchis?
Jason. Ich will's versuchen!
(Will gehen.)
Aietes. Halt! Du rasest glaub' ich. Ist wirklich der Götter Huld geknüpft an jenes Zeichen Und ist dem Sieg und Rache, der's besitzt, Wie kannst du hoffen zu bestehen gegen mich, In dessen Hand--
Jason. Ha, so besitzest du's?
Aietes. Wenn's wäre, mein' ich, wie du glaubst.
Jason. Ich weiß genug! Schwachsinniger Barbar, und darauf stützest Du deiner Weigrung unhaltbaren Trotz? Du glaubst zu siegen, weil in deiner Hand-- Nicht gut nicht schlimm ist, was die Götter geben Und der Empfänger erst macht das Geschenk. So wie das Brot, das uns die Erde spendet, Den Starken stärkt, des Kranken Siechtum mehrt, So sind der Götter hohe Gaben alle, Dem Guten gut, dem Argen zum Verderben. In meiner Hand führt jenes Vließ zum Siege In deiner sichert's dir den Untergang. Sprich selbst, wirst du es wagen zu berühren Besprützt wie's ist mit deines Gastfreunds Blut,--
Aietes. Schweig!
Jason. Sag' gibst du's heraus?--ja oder nein!
Aietes. So höre mich!
Jason. Ja oder nein!
Aietes. Du rascher! Warum uns zanken ohne Not Laß uns friedlich überlegen Und dann entscheiden was zu geschehn!
Jason. Du gibst es denn heraus?
Aietes. Was?--Ei laß das! Wir wollen uns erst kennen und verstehn. Dem Freunde gibt man, nicht dem Fremden! Tritt ein bei mir und ruhe von der Fahrt.
Jason. Ich trau' dir nicht!
Aietes. Warum nicht? Ist auch rauh meine Sprache, fürchte nichts. Laß dir's wohl sein in meinem Lande. Liebst du den Becher? Wir haben Tranks die Fülle. Jagd? Wildreich sind unsre Forste. Magst du dich freun in der Weiber Umarmung? Kolchis hat--
(Näher zu ihm tretend.)
Liebst du die Weiber?