Chapter 2
Phryxus. Begehrst du's?
Aietes
(die Hand ausstreckend).) Gib mir es!
Phryxus. Nimm's hin des Gastes Gut du edler Wirt Sieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's
(Mit erhöhter Stimme.)
Und gibst du's nicht zurücke, unbeschädigt Nicht mir dem Unbeschädigten zurück So treffe dich der Götter Donnerfluch Der über dem rollt, der die Treue bricht. Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache! Er hat mein Gut. Verwahre mir's getreu!
Aietes. Nimm es zurück!
Phryxus. Nein! Nicht um deine Krone! Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertraut Bewahre treu das anvertraute Gut!
Aietes (ihm das Vließ aufdrängend). Nimm es zurück!
Phryxus (ihm ausweichend). Du hast mein Gut, verwahr' es treu! Sonst Rache, Rache, Rache!
Aietes (ihn über die Bühne verfolgend und ihm das Banner aufdringend). Nimm es, sag' ich!
Phryxus (ausweichend).
Ich nehm' es nicht. Verwahre mir's getreu!
(Zur Bildsäule des Gottes empor.)
Siehst du? er hat's, ihm hab' ich's anvertraut Und gibt er's nicht zurück, treff' ihn dein Zorn!
Aietes. Nimm es zurück!
Phryxus (am Altar). Nein, nein!
Aietes. Nimm's!
Phryxus. Du verwahrst's!
Aietes. Nimms!
Phryxus. Nein!
Aietes. Nun so nimm dies!
(Er stößt ihm das Schwert in die Brust.)
Medea. Halt Vater halt!
Phryxus (niedersinkend). Es ist zu spät!
Medea. Was tatst du?
Phryxus (zur Bildsäule empor). Siehst du's, siehst du's! Den Gastfreund tötet er und hat sein Gut! Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschützest O räche mich! Fluch dem treulosen Mann! Ihm muß kein Freund sein und kein Kind, kein Bruder Kein frohes Mahl--kein Labetrunk-- Was er am liebsten liebt--verderb' ihn!-- Und dieses Vließ, das jetzt in seiner Hand Soll niederschaun auf seiner Kinder Tod!-- Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast-- Und vorenthält--das anvertraute Gut-- Rache!--Rache!--
(Stirbt. Lange Pause.)
Medea. Vater!
Aietes (zusammenschreckend). Was?
Medea. Was hast du getan!
Aietes (dem Toten das Vließ aufdringen wollend). Nimm es zurück!
Medea. Er nimmt's nicht mehr. Er ist tot!
Aietes. Tot!--
Medea. Vater! Was hast du getan! Den Gastfreund erschlagen Weh dir! Weh uns allen!--Hah!-- Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt Drei Häupter, blut'ge Häupter Schlangen die Haare, Flammen die Blicke Die hohnlachenden Blicke! Höher! höher!--Empor steigen sie! Entfleischte Arme, Fackeln in Händen Fackeln!--Dolche! Horch! Sie öffnen die welken Lippen Sie murren, sie singen Heischern Gesangs: Wir hüten den Eid Wir vollstrecken den Fluch! Fluch dem, der den Gastfreund schlug! Fluch ihm, tausendfachen Fluch! Sie kommen, sie nahen Sie umschlingen mich, Mich, dich, uns alle! Weh über dich!
Aietes. Medea!
Medea. Über dich, über uns! Weh, weh!
(Sie entflieht.)
Aietes (ihr die Arme nachstreckend). Medea! Medea! (Ende.)
Die Argonauten
Franz Grillparzer
Trauerspiel in vier Aufzügen
Personen:
Aietes, König von Kolchis Medea und Absyrtus, seine Kinder Gora, Medeens Amme Peritta, eine ihrer Gespielen Jason Milo, sein Freund Medeens Jungfrauen Argonauten Kolcher
Erster Aufzug
(Kolchis.--Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen. Im Hintergrunde ein halbverfallener Turm, aus dessen obersten Stockwerke ein schwaches Licht flimmert. Weiter zurück die Aussicht aufs Meer. Finstere Nacht.)
Absyrtus (hinter der Szene). Dorther schimmert das Licht!--Komm hierher Vater!-- Ich bahne dir den Weg!--Noch diesen Stein!-- So!--
(Auftretend und mit dem Schwert nach allen Seiten ins Gebüsch hauend.)
Aus dem Wege unnützes Pack! Vater, mein Schwert macht klare Bahn! Aietes (tritt auf, den Helm auf dem Kopfe, ganz in einen dunkeln Mantel gehüllt.)
Absyrtus. Wir sind an Ort und Stelle, Vater. Dort der Turm, wo die Schwester haust. Siehst das Licht aus ihrer Zelle? Da weilt sie und sinnt Zaubersprüche Und braut Tränke den langen Tag, Des Nachts aber geht sie gespenstisch hervor Und wandelt umher und klagt und weint.
(Aietes macht eine unwillige Bewegung.)
Absyrtus. Ja Vater und weint, so erzählt der Hirt Vom Tal da unten, und ringt die Hände Daß es, spricht er, kläglich sei anzusehn! Was mag sie wohl treiben und sinnen, Vater?
(Aietes geht gedankenvoll auf und nieder.)
Absyrtus. Du antwortest nicht?--Was hast du Vater? Trüb und düster ist dein Gemüt. Du hast doch nicht Furcht vor den Fremden, Vater?
Aietes. Furcht Bube?
Absyrtus. Nu, (Sorge) denn, Vater! Aber habe nicht Furcht noch Sorge! Sind uns nicht Waffen und Kraft und Arme? Ist nicht ein Häuflein nur der Fremden? Wären ihrer doch zehnmal mehr! Laß sie nur kommen, wir wollen sie jagen Eilends heim in ihr dunkles Land Wo keine Wälder sind und keine Berge, Wo kein Mond strahlt, keine (Sonne) leuchtet Die täglich, hat sie sich müde gewandelt, Zur Ruhe geht in unserem Meer. Laß sie nur kommen, ich will sie empfangen, Du hast nicht umsonst mich wehrhaft gemacht, Nicht umsonst mir gegeben dies blitzende Schwert, Und den Speer und den Helm mit dem wogenden Busch, Waffen d u , und Mut die (Götter)! Laß die Schwester mit ihren Künsten, Schwert gegen Schwert, so binden wir an!
Aietes. Armer Wurm!
Absyrtus. Ich bin dein Sohn! Damals als du den Phryxus schlugst--
Aietes. Schweig!
Absyrtus. Das ist ja eben warum sie kommen Her nach Kolchis, die fremden Männer Zu rächen, wähnen sie, seinen Tod Und zu stehlen unser Gut, das strahlende Vließ.
Aietes. Schweig Bube!
Absyrtus. Was bangst du Vater? Fest verwahrt in der Höhle Hut Liegt es das köstliche, goldene Gut.
Aietes
(den Mantel vom Gesicht reißend und ans Schwert greifend). Soll ich dich töten, schwatzender Tor?
Absyrtus. Was ist dir?
Aietes. Schweig!--Dort sieh zum Busch!
Absyrtus. Warum?
Aietes. Mir deucht es raschelt dort Und regt sich.--Man behorcht uns.
Absyrtus
(zum Gebüsch hingehend und an die Bäume schlagend). He da!--Steht Rede!--Es regt sich Niemand!
(Aietes wirft sich auf ein Felsenstück im Vorgrunde.)
Absyrtus (zurückkommend). Es ist nichts, Vater! Niemand lauscht.
Aietes
(aufspringend und ihn hart anfassend). Ich sage dir, wenn du dein Leben liebst Sprich nicht davon!
Absyrtus. Wovon?
Aietes. Ich sage dir, begrab's in deiner Brust Es ist kein Knabenspielzeug, Knab'! Doch alles still hier! Niemand empfängt mich; Recht wie es ziemt der Widerspenst'gen Sitz.
Absyrtus. Hoch oben am Turme flackert ein Licht. Dort sitzt sie wohl und sinnt und tichtet.
Aietes. Ruf ihr! Sie soll heraus!
Absyrtus. Gut Vater!
(Er geht dem Turme zu). Komm herab du Wandlerin der Nacht Du Spät-Wachende bei der einsamen Lampe! Absyrtus ruft, deines Vaters Sohn!
(Pause.)
Sie kommt nicht, Vater!
Aietes. Sie soll! Ruf lauter!
Absyrtus
(ans Tor schlagend). Holla ho! Hier der König! Heraus ihr!
Medeas Stimme (im Turm). Weh!
Absyrtus. Vater!
Aietes. Was?
Absyrtus (zurückkommend). Hast du gehört? Weh rief's im Turm! War's die Schwester die rief?
Aietes. Wer sonst! Geh, deine Torheit steckt an. Ich will rufen und sie soll gehorchen!
(Zum Turme gehend.)
Medea!
Medea (im Turm). Wer ruft?
Aietes. Dein Vater ruft und dein König! Komm herab!
Medea. Was soll ich?
Aietes. Komm herab, sag' ich!
Medea. O laß mich!
Aietes. Zögre nicht! Du reizest meinen Zorn! Im Augenblicke komm!
Medea. Ich komme!
(Aietes verhüllt sich und wirft sich wieder auf den Felsensitz.)
Absyrtus. Wie kläglich, Vater, ist der Schwester Stimme. Was mag ihr fehlen? Sie dauert mich!-- Dich wohl auch, weil du so schmerzlich schweigst, Das arme Mädchen!--
(Ihn anfassend.)
Schläfst du, Vater?
Aietes (aufspringend). Törichte Kinder sind der Väter Fluch! Du und sie, i h r tötet mich, Nicht meine Feinde!
Absyrtus. Still! Horch!--Der Riegel klirrt!--Sie kommt!--Hier ist sie! Medea (in dunkelroter Kleidung, am Saume mit goldenen Zeichen gestickt, einen schwarzen, nachschleppenden Schleier der an einem, gleichfalls mit Zeichen gestickten Stirnbande befestigt ist, auf dem Kopfe, tritt, eine Fackel in der Hand, aus dem Turme.)
Medea. Was willst du, Herr?
Absyrtus. Ist das die Schwester, Vater? Wie anders doch als sonst, und ach, wie bleich!
Aietes (zu Absyrtus). Schweig jetzt!
(Zu Medeen.)
Tritt näher!--näher!-- Doch erst Lösch' deine Fackel, sie blendet mir das Aug!
Medea
(die Fackel am Boden ausdrückend). Das Licht ist verlöscht, es ist Nacht, o Herr!
Aietes. Jetzt komm!--Doch erst sag' an wer dir erlaubt, Zu fliehn, des väterlichen Hauses Hut Und hier, in der Gesellschaft nur der Wildnis Und deines wilden Sinns, Gehorsam weigernd, Zu trotzen meinem Worte, meinem Wink?
Medea. Du fragst?
Aietes. Ich frage!
Medea. Reden soll ich?
Aietes. Sprich!
Medea. So höre wenn du kannst und zürne wenn du darfst. O könnt' ich schweigen, ewig schweigen! Verhaßt ist mir dein Haus Mit Schauder erfüllt mich deine Nähe. Als du den Fremden erschlugst, Den Götterbeschützten, den Gastfreund Und raubtest sein Gut, Da trugst du einen Funken in dein Haus, Der glimmt und glimmt und nicht verlöschen wird, Gössest du auch darüber aus Was an Wasser die heil'ge Quelle hat, Der Ströme und Flüsse unnennbare Zahl Und das ohne Grenzen gewaltige Meer. Ein törichter Schütze ist der Mord, Schießt seinen Pfeil ab ins dunkle Dickicht, Gewinnsüchtig, beutegierig, Und was er für ein Wild gehalten, Für frohen Jagdgewinn, Es war sein Kind, sein eigen Blut, Was in den Blättern rauschte, Beeren suchend. Unglücksel'ger was hast du getan? Feuer geht aus von dir Und ergreift die Stützen deines Hauses Das krachend einbricht Und uns begräbt.--
Aietes. Unglücksbotin was weißt du?
Medea. In der Schreckensstunde Als sie geschehn war die Tat, Da ward mein Aug geöffnet Und ich sah sie, sah die Unnennbaren Geister der Rache. Spinnenähnlich, Gräßlich, scheußlich, Krochen sie her in abscheulicher Unform Und zogen Fäden, blinkende Fäden, Einfach, doppelt, tausendfach, Rings um ihr verfallen Gebiet. Du wähnst dich frei und du bist gefangen, Kein Mensch, kein Gott löset die Bande Mit denen die Untat sich selber umstrickt. Weh dir, weh uns allen!
Aietes. Verkaufst du mir Träume für Wirklichkeit? Deines Gleichen magst du erschrecken, Törin! Nicht mich! Hast du die Zeichen, die Sterne gefragt?
Medea. Glaubst du ich könnt's, ich vermöcht' es? Hundertmal hab' ich aufgeblickt Zu den glänzenden Zeichen Am Firmament der Nacht. Und alle hundertmale Sanken meine Blicke Von Schreck getroffen, unbelehrt. Es schien der Himmel mir ein aufgerolltes Buch Und (Mord) darauf geschrieben, tausendfach, Und (Rache) mit demantnen Lettern Auf seinen schwarzen Grund. O frage nicht die Sterne dort am Himmel, Die Zeichen nicht der schweigenden Natur, Des Gottes Stimme nicht im Tempel: Betracht' im Bach die irren Wandelsterne, Die scheu dir blinken aus den düstern Brau'n Die Zeichen die die Tat dir selber aufgedrückt, Des Gottes Stimme in dem eignen Busen, Sie werden dir Orakel geben, Viel sicherer als meine arme Kunst, Aus dem was ist und war, auf das was werden wird.
Absyrtus. Der Vater schweigt. Du bist so seltsam Schwester Sonst warst du rasch und heiter, frohen Muts; Mich dünkt du bist dreifach gealtert In der Zeit als ich dich nicht gesehn!
Medea. Es hat der Gram sein Alter, wie die Jahre Und wer der Zeit (vorauseilt), guter Bruder, Kommt früh ans Ziel.
Absyrtus. Du weißt wohl also schon Von jenen Fremden die--
Medea. Von Fremden--?
Aietes. Halt! Ich gebot dir zu schweigen! Schweig denn, Schwätzer! Medea, laß uns klug sprechen und besonnen, Das Gegenwärt'ge aus der Gegenwart Und nicht aus dem betrachten was Vergangen. Wiss' es denn. Fremde sind angekommen, Hellenen, Sie begehren zu rächen Phryxus' Blut, Verlangen die Schätze des Erschlagnen Und des Gottes Banner, das goldene Vließ.
Medea
(aufschreiend). Es ist geschehn! Der Streich gefallen! Weh!
(Will in den Turm zurück.)
Aietes (sie zurückhaltend). Medea, Halt!--Bleib, Unsinnige!
Medea. Gekommen die Rächer, die Vergelter!
Aietes. Willst du mich verlassen, da ich dein bedarf? Willst du sehen des Vaters Blut? Medea ich beschwöre dich Sprich! Rate! Rette! Hilf! Gib mich nicht Preis meinen Feinden! Argonauten nennen sie sich Weil Argo sie trägt, das schnelle Schiff. Was das Hellenenland an Helden nährt, An Tapfern vermag, sie haben's versammelt Zum Todesstreich auf deines Vaters Haupt. Hilf Medea! Hilf meine Tochter!
Medea. I ch soll helfen, hilf du selbst! Gib heraus was du nahmst, Versöhnung bietend!
Aietes. Verteilt sind die Schätze den Helfern der Tat; Werden sie wiedergeben das Empfangne? Besitzen sie's noch? die törichten Schwelger, Die leicht vertan das leicht erworbne. Soll ich herausgeben das glänzende Vließ, Des Gottes Banner, Perontos Gut? Nimmermehr! Nimmermehr! Und tät' ich's Würden sie drum schonen mein und eurer? Um desto sichrer würgten sie uns, Rächend des Freundes Tod, Geschützt durch das heilige Pfand des Gottes. Deine Kunst befrage, gib andern Rat!
Medea. Rat dir geben, ich selber ratlos!
Aietes. Nun wohl, so verharre, du Ungeratne! Opfre dem Tod deines Vaters Haupt. Komm mein Sohn, wir wollen hinaus, Den Streichen bieten das nackte Haupt, Und fallen unter der Fremden Schwertern. Komm mein Sohn, mein einzig Kind!
Medea. Halt Vater!
Aietes. Du willst also?
Medea. Hör' erst! Ich will's versuchen, die Götter zu fragen, Was sie gebieten was sie gestatten. Und nicken sie zu, so steh' ich dir bei, Helfe dir bekämpfen den Feind, Helfe dir schmieden den Todespfeil Den du abdrücken willst ins dunkle Gebüsch, Nicht wissend, armer Schütze, wen du triffst. Es sei! Du gebeutst, ich gehorche!
Aietes. Medea, mein Kind, mein liebes Kind!
Medea. Frohlocke nicht zu früh, noch fehlt das Ende. Ich bin bereit; allein versprich mir erst, Daß, wenn die Tat gelang, dein Land befreit, Zu hoffen wag' ich's kaum, allein wenn doch,-- Du mich zurückziehn läßt, in diese Wildnis Und nimmer mehr mich störst, nicht du, nicht andre.
Aietes. Warum?
Medea. Versprich's!
Aietes. Es sei!
Medea. Wohlan denn Herr, Tritt ein bei deiner Magd, ich folge dir!
Aietes. Ins Haus?
Medea. Drin wird's vollbracht.
Aietes (zu Absyrtus). So komm denn Sohn!
(Beide ab in den Turm.)
Medea. Da gehn sie hin, hin die Verblendeten!-- Ein töricht Wesen dünkt mich der Mensch; Treibt dahin auf den Wogen der Zeit Endlos geschleudert auf und nieder, Und wie er ein Fleckchen Grün erspäht Gebildet von Schlamm und stockendem Moor Und der Verwesung grünlichem Moder, Ruft er: (Land)! und rudert drauf hin Und besteigt's--und sinkt--und sinkt-- Und wird nicht mehr gesehn! Armer Vater, armer Mann! Es steigen auf vor meinen Blicken Düstrer Ahnungen Schauergestalten, Aber verhüllt und abgewandt Ich kann nicht erkennen ihr Antlitz! Zeigt euch mir (ganz), oder verschwindet Und laßt mir Ruh, träumende Ruh! Armer Vater! Armer Mann!-- Aber der Wille kann viel--und ich will. Will ihn erretten, will ihn befrein Oder untergehn mit ihm! Dunkle Kunst, die mich die Mutter gelehrt Die den Stamm du treibst in des Lebens Lüfte Und die Wurzeln geheimnisvoll Hinabsenkst zu den Klüften der Unterwelt, Sei mir gewärtig!--Medea (will)! Ans Werk denn!
(Zu einigen Jungfrauen die am Eingange des Turmes erscheinen.)
Und ihr des Dienstes Beflißne Bereitet die Höhle, bereitet den Altar! Medea will zu den Geistern rufen, Zu den düstern Geistern der schaurigen Nacht Um Rat, um Hilfe, um Stärke, um Macht!
(Ab in den Turm.)
(Pause. Dann tritt) Jason (rasch auf.)
Jason. Hier hört' ich Stimmen!--Hier muß--Niemand hier?
Milo (hinter der Szene). Holla!
Jason. Hierher!
Milo (eben so). Jason!
Jason. Hier Milo, hier!
Milo (der keuchend auftritt). Mein Freund, such' dir 'nen anderen Begleiter! Dein Kopf und deine Beine sind zu rasch, Sie laufen, statt zu gehn. Ein großer Übelstand! Von Beinen mag's noch sein, da hilft das Alter, Allein ein Kopf der läuft!--Glück auf die Reise! Such' einen andern sag' ich, ich bin's satt!
(Setzt sich.)
Jason. Wir haben, was wir suchten!--Hier ist Licht!
Milo. Ja Lichts genug um uns da zu beleuchten Und zu entdecken und zu schlachten, wenn's beliebt.
Jason. Ei, Milo Furcht?
Milo
(rasch aufstehend). Furcht?--Lieber Freund, ich bitte Wäg' deine Worte eh du sprichst!
(Jason faßt entschuldigend seine Hand.)
Milo. Schon gut! Wir laufen, nu, die Worte laufen mit! Doch ernst. Was suchst du hier?
Jason. Kannst du noch fragen? Die Freunde, sie, die mir hierher gefolgt, Ihr Heil vertrauend meines Glückes Stern Und Jasons Sache machend zu der ihren, Sie schmachten, kaum dem schwarzen Schiff entstiegen, Hier ohne Nahrung ohne Labetrunk In dieser Küste unwirtbaren Klippen, Kein Führer ist, der Wegeskunde gäbe Kein Landmann bietend seines Speichers Vorrat Und von der Herde triftgenährter Zucht. Soll ich die Hände legen da in Schoß Und müßig zusehn wie die Freunde schmachten? Beim Himmel! Ihnen soll ein Führer werden Und Trank und Speise, sollt' ich auf sie wiegen Mit meinem Blut!
Milo. Das treue, wackre Herz! O daß du nicht des Freundes Rat gefolgt Und weggeblieben bist von dieser Küste!
Jason. Warum denn auch? Was sollt' ich wohl daheim? Der Vater tot, mein Oheim auf dem Thron Scheelsüchtig mich, den künft'gen Feind, betrachtend. Mich litt es länger nicht, ich mußte fort. Hätt' er nicht selbst, der Falsche, mir geboten Hierher zu ziehn in dieses Inselland Das goldne Götterkleinod abzuholen Von dem man spricht, so weit die Erde reicht Und das dem Göttersohne Phryxus einst, Ihn selber tötend, raubten die Barbaren, Ich wäre selbst gegangen, freien Willens, Dem eckelhaften Treiben zu entfliehn. Ruhmvoller Tod für ruhmentblößtes Leben Mag's tadeln wer da will, mich lockt der Tausch! Daß dich, o Freund, ich mitzog und die andern, Das ist wohl schlimm, allein ihr wolltet's so!
Milo. Ja freilich wollt' ich so und will noch immer Denn sieh, ich glaub', du hast mir's angetan, So lieb' ich dich und all dein Tun und Treiben.
Jason. Mein guter Milo!
Milo. Nein! 's ist unrecht sag' ich, Ich sollt' der Klügre sein, ich bin der Ältre. Hättst du mich hingeführt, wohin auch immer, Nur nicht in dieses gottverlaßne Land. Kommt irgend sonst ein Mann in Fährlichkeit, Nu Schwert heraus und Mut voran. Doch hier In dieses Landes feuchter Nebelluft Legt Rost sich, wie ans Schwert, so an den Mut. Hört man in einem fort die Wellen brausen, Die Fichten rauschen und die Winde tosen, Sieht kaum die Sonne durch der dichten Nebel Und rauhen Wipfel schaurigen Versteck, Kein Mensch rings, keine Hütte, keine Spur, Da wird das Herz so weit, so hohl, so nüchtern Und man erschrickt wohl endlich vor sich selbst. Ich, der als Knabe voll Verwundrung horchte, Wenn man erzählte, 's gäb' ein Ding Die (Furcht) genannt, hier seh' ich fast Gespenster Und jeder dürre Stamm scheint mir ein Riese Und jedes Licht ein Feuermann. 's ist seltsam. Was unbedenklich sonst, erscheint hier schreckhaft Und was sonst greulich wieder hier gemein. Nur kürzlich sah ich einen Bär im Walde, So groß vielleicht als keinen ich gesehn Und doch kams fast mir vor, ich sollt' ihn streicheln, Wie einen Schoßhund streicheln mit der Hand, So klein, so unbedeutend schien das Tier Im Abstich seiner schaurigen Umgebung. Du hörst nicht?
Jason (der indes den Turm betrachtet hat). Ja ich will hinein!
Milo. Wohin?
Jason. Dort in den Turm.
Milo. Mensch, bist du rasend?
(Ihn anfassend). Höre!
Jason (sich losmachend und das Schwert ziehend). Ich will, wer hält mich? Hier mein Schwert! Es schützt mich Vor Feinden wie vor überläst'gen Freunden. Die erste Spur von Menschen find' ich hier Ich will hinein. Mit vorgehaltnen Eisen Zwing' einen ich von des Gebäuds Bewohnern, Zu folgen mir, zu führen unsre Schar Auf sichern Pfad aus dieses Waldes Umfang, Wo Hunger sie und Feindeshinterhalt Weit sichrer trifft als mich hier die Gefahr. Sprich nicht! Ich bin entschlossen. Geh zurück Ermutige die Schar. Bald bring' ich Rettung!
Milo. Bedenk'!
Jason. Es ist bedacht! Wer kann hier weilen Im kleinen Hause, wüst und abgeschieden? Ein Haushalt von Barbaren und was mehr? Ich denk' du kennst mich! Hier ist nicht Gefahr Als im Verweilen.--Keine Worte weiter!
Milo. Doch wie gelangst du hin?
Jason. Siehst du dort drüben Gähnt weit ein Spalt im alternden Gemäuer. Das Meer leiht seinen Rücken bis da hin Und leicht erreich' ich's schwimmend.
Milo. Höre doch!
Jason. Leb' wohl!
Milo. Laß mich statt dir!
Jason. Auf Wiedersehn!
(Springt von einer Klippe ins Meer)
Milo. Er wagt es doch!--Dort schwimmt er!--Tut es (doch), Und läßt mich schmälen hier nach Herzenslust! Ein wackres Herz, doch jung, gewaltig jung! Hier will ich stehn und seiner Rückkehr harren: Und geht's auch schief, wir hauen uns heraus.
(Er lehnt sich an einen Baum.)
(Ein düsteres Gewölbe im Innern des Turms. Links im Hintergrunde die Bildsäule eines Gottes auf hohem Fußgestell, im Vorgrunde rechts eine Felsenbank.) (Jungfrauen mit Fackeln bringen einen kleinen Altar und Opfergefäße und stellen alles ordnend umher.)
(Eine Jungfrau tritt ein und spricht an der Türe:)
Jungfrau. Genug! Es naht Medea! Stört sie nicht!
(Alle ab mit den Lichtern.)
Jason (tritt durch einen Seiteneingang links auf mit bloßem Schwerte.)
Jason. Ein finsteres Gewölb'.--Ich bin im Innern! Mehr Menschen faßt das Haus, scheint's, als ich glaubte, Doch immerhin! wird nur mein Ziel erreicht. Behutsam späh ich, bis ein Einzelner Mir aufstößt, dann das Schwert ihm auf die Brust Und mit mir soll er, will er nicht den Tod.
(Er späht mit vorgehaltenem Schwerte umher.)
Ist da kein Ausgang?--Halt!--Ein Block von Stein Das Fußgestell wohl eines Götterbildes. Ehrt man hier Götter und verhöhnt das Recht? Doch horch!--ein Fußtritt!--Bleiche Helle gleitet Fortschreitend an des Ganges engen Bogen. Man kommt!--Wohin--?--Verbirg mich dunkler Gott!
(Er versteckt sich hinter die Bildsäule.)
Medea (kommt, einen schwarzen Stab in der Rechten, eine Lampe in der Linken.)
Medea. Es ist so schwül hier, so dumpf! Feuchter Qualm drückt die Flamme der Lampe, Sie brennt ohne zu leuchten.
(Sie setzt die Lampe hin.) --Horch!--Es ist mein eignes Herz, Das gegen die Brust pocht mit starken Schlägen! Wie schwach, wie töricht!--Auf Medea! Es gilt des Vaters Sache, der Götter! Sollen die Fremden siegen, Kolchis untergehn? Nimmermehr! Nimmermehr! Ans Werk denn! Seid mir gewärtig Götter, höret mich, Und gebt Antwort meiner Frage!
(Mit dem Stabe Zeichen in die Luft machend.)
Die ihr einhergeht im Gewande der Nacht Und auf des Sturmes Fittigen wandelt Furchtbare Fürsten der Tiefe, Denen der Entschluß gefällt Und die beflügelte Tat, Die ihr bei Leichen weilt Und euch labt am Blut der Erschlagnen, Die ihr das Herz kennt und lenkt den Willen, Die ihr zählt die Halme der Gegenwart Sorglich bewahrt des Vergangenen Ähren Und durchblickt der Zukunft sprossende Saat, Euch ruf' ich an! Gebt mir Kunde, sichere Kunde Von dem was uns droht, von dem was uns lacht! Bei der Macht, die mir ward, Bei dem Dienst, den ich tat, Bei dem Wort, das ihr kennt Ruf' ich euch, Erscheinet, erscheint!
(Pause.)
Was ist das?--Alles schweigt! Sie zeigen sich nicht? Zürnt ihr mir, oder betrat ein Fuß, Eines Frevlers Fuß Die heilige Stätte? Angst befällt mich, Schauer faßt mich!
(Mit steigender Stimme.)
Allgewaltige! Lauscht meinem Rufen, Hört Medeens Stimme! Eure Freundin ist's die ruft. Ich fleh' ich verlang' es Erscheinet, erscheint! Jason (springt hinter der Bildsäule hervor.)
Medea (zurückfahrend). Ha!
Jason. Verfluchte Zauberin, du bist am Ende, Erschienen ist, der dich vernichten wird.
(Indem er mit vorgehaltenem Schwerte hervorspringt verwundet er Medeen am Arme.)
Medea (den verwundeten rechten Arm mit der linken Hand fassend). Weh mir!
(Stürzt auf den Felsensitz hin, wo sie schwer atmend leise ächzt.)
Jason. Du fliehst? Mein Arm wird dich ereilen!
(Im Dunkeln herum blickend.)
Wo ist sie hin!
(Er nimmt die Lampe und leuchtet vor sich hin.)
Dort!--Du entgehst mir nicht!
(Hinzutretend.)
Verruchte!
Medea (stöhnend). Ah!
Jason. Stöhnst du? Ja zittre nur! Mein Schwert soll deine dunkeln Netze lösen!