Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien
Part 8
Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine verlockende Perspektive, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, anekdotenumwobenen Instituten, deren sich ehemalige Schüler noch nach vielen Dezennien in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen, und die dem schnöden, prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von solchen Dimensionen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre. Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen wohl genügen, wenn die Frau Direktorin ihn nicht zum Trocknen von Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets um einige Tische von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb, daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen gestatteten. Uebrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung, auf dem bekanntlich die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten nicht weniger als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte, erfreute sich Oesterreich noch der Lombardei, obwohl das schnellebige Jahrhundert schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens hinaus war; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden Kongoneger mit den wehmütigsten Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den physikalischen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient, die aus sämtlichen Ventilen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, der Rezipient sitze nach viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Tradition, daß die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch des Naturhistorischen Museums gedenken, das jahraus, jahrein auf einem Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug und aus einem Kalkstummel rauchte.
Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern absolvieren. Uebrigens wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten, daß sie sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.
Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich, daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen, ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte? Natürlich war ein Elternpaar wie dieses diskret genug, nie wieder ein Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen +mußte+. Zeitigte doch auch seine Entwicklung auf anderen Gebieten die anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als ~très-chic~ bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene graziöse Beugung des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder graziöse Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark akzentuierende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln, die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung eines Billardkellners, der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt. Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Restaurant, der auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen, und sie mit einem Stimmaufwande zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der Anwesenden, die nach jedem Bonmot sorgfältig studiert wurden, nicht die leiseste Spur von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne Gäste mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht sie eines Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen Freunde unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu demolieren. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen und ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding bezahlte die ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der Westentasche.
Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte? »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht fünfundneunzig Prozent unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, und werfen sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder nicht sein« einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, wofern er hübsch ist? Mit einer Frühreife, die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung, daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben vollendeten Gentleman in absolut wagerechter Richtung den Hut zu ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte. Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und ein duftiger Spitzenparasol kreiste über dem modernsten Sommerhütchen. Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit der Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der Westentasche seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte es Willy auch. Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu einem abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy an Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik, Orthographie und Kalligraphie in schöner Vereinigung fehlten, geriet in die Hände des Ehepaares Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr, da es fest entschlossen war, seine Tochter in +dieser+ Beziehung streng sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich durch eine neue ~entente cordiale~. Natürlich machte er innerhalb der vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« -- Kavalier verabsäumt dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings tiefster Indignation erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen, der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen Korona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die zierlichen blauen Ringe einer Havanna in die Abendluft blies und die des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue passieren ließ.
»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!«
»Ach, die, -- na -- das +war+ einmal,« warf Willy hin, mit unaussprechlicher Nonchalance die Asche von seiner Regalia knipsend.
»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!«
»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und lautes Gelächter folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr mal Olga Reimers sehen! Acht Tänze hab' ich neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag' euch, 'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte im Halbdunkel begeistert auf.
»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig grimmig auf dich!«
»Pah -- wat ick mir dafür koofe!« trällerte Willy. »Ist mir ja nichts dran gelegen, sonst -- mit'n Stück Cremeschokolade krieg' ich sie 'rum.«
»Na? Ich weiß nicht so recht --«
»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? Ich meine, wenn einer sie kennt, kenn' ich sie.«
Willy blickte im Kreise umher -- allgemeine Zustimmung.
»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! Wetten?«
»Ja, wetten!«
»Um was?«
»Um zwanzig Zigaretten -- aber ›King‹!«
»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!«
In diesem Augenblick rief einer der Herren: »Achtung!« -- Alles machte Front und riß vor Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung herunter. Klara fand diese Huldigung so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die die Versammelten mit den elegantesten Kußhändchen von der Welt beantworteten.
»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? Die hat was Dämonisches!«
»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. »Wißt ihr, diese Brünetten haben gewöhnlich diesen gelben Teint ...« -- -- -- --
Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack in späteren Jahren nicht in demselben Maße auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die Reinheit des Teints. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in dieser Hinsicht besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, deren allgemeine Beliebtheit sich leider auf die Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« an Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte ihn an einem schönen Tage dieses Jahres, mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und seinen Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von fünftausend Mark zu erfüllen. Nachdem Willy drei Tage lang die Vorzüge der Residenz genossen hatte, erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands folgendes Inserat:
Willy!
Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen!
Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte Willy so tief, daß er beschloß, sofort zurückzukehren, sobald seine Kasse erschöpft sei. Nach weiteren zwölf Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es ihn nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich per Telegramm von Papa Helmerding das Geld zur Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines Herzens zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der fünftausend Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang wird sich jeder Leser, wofern er ein Verständnis für Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen Sohne ein Kalb geschlachtet haben, und wenn es sein Leben gekostet hätte.
Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste Tat kindlicher Pietät gepriesen und in unsterblichen Romanen verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die von den Berliner Vergnügungen mindestens die Mittel zur Rückreise erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab sie dabei zu erkennen, daß ein +kleines+ Opfer das lebhafte Gefühl der Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht +auf die Dauer+ befriedigen könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in allen ähnlichen Affären vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in einer Poloniusszene klargemacht hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit weniger Kosten erreichen könne.
Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können. Selbst die »Presse« des Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die in einem halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz produzierte, hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Absolvierung des schriftlichen Examens nicht ungünstig; denn seine stilistischen und seine Uebersetzungsarbeiten hatten die Prüfungskommission in jene gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte, betrachteten sich die Herren +diesen+ jungen Mann, wie es schien, mit einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger Entscheidung die Qualifikation für eine dreijährige Uebung nicht absprechen konnte.
Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder der sarkastische Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine drei Jahre abreißen müssen«, ja, um jede gesundheitliche Befürchtung abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit gewiß zu seiner Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte. Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission, die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.
Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat Willy endlich in jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Uebung gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, und sein späterer, partout »nationaler«, treu zu Kaiser und Reich trinkender Diner-Patriotismus ihm so auch nicht das geringste kostete, verdient kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten Fall sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren waren das Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele, viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser, weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren und sich dann über das Produkt zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das war Baisse.
Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an der er seit seinem sechsundzwanzigsten Jahre als einer der ersten Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich -- ja -- aber nur so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund genug für Willy, in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur habgierig sei sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Konsorten durch.
Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen; seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann wieder schien eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt. Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen; nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem kindlichen »Ach was!«. Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, +wenn+ er es überhaupt als ein Geschäft betrachtete.
Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause Helmerding. Wer an diesem Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen:
»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! -- Du bist 'n gutes Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel Glück auch, mein Willy!«
Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr. Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer superben Balletteuse vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit zeigte.
Erst jetzt erkannten die Aktionäre +einstimmig+ die Rentabilität des Ankaufs.
Die alten Helmerdings konnten sich über diesen genialen Streich ihres Kindes gar nicht beruhigen, und als sie in der Nacht, die diesem Tage folgte, erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im Traum die gleiche Verlobungsanzeige:
»Zwei Millionen Willy Helmerding Verlobte.«
Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein lieblich grünender Myrtenkranz das Ganze.
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