Part 9
»Bitte entschuldigen Sie mich, ich muß unbedingt fort, ich habe eine wichtige Verabredung«, und sich zu dem Mädchen wendend, sagte er ihr: »Was Ihre Sache betrifft, kann ich wirklich nicht, ich besitze diese Summe nicht, bedaure . . .«
»Bringen Sie auf, was Sie können, man wird sich schon einigen, wir sind hier jeden Abend zwischen fünf und sechs Uhr.« Der Kellner zählte die Flaschen. Die Soldaten begannen Gebärden zu vollführen, deren Überflüssigkeit sehr deutlich war; einer von ihnen rückte mühevoll seinen Gürtel zurecht, der vollständig an seinem Platze saß, und Adolf, der sein leeres Glas gegen das Licht gehoben hatte, sagte mit hochgezogenen Augenbrauen: »Dieser Wein ist sehr tanninhaltig, er hat einen Satz.«
Die Rechnung war bezahlt, man fühlte sich wieder sehr wohl. Die Blicke senkten sich zur Erde, Adolf tat sehr böse.
»Ja, was haben Sie denn da eben gemacht, Sie haben ja alles bezahlt. Zwei Flaschen kamen mir zu, wieviel macht das nun für mich aus?«
»Lassen Sie das, gehen Sie doch, beunruhigen Sie sich nicht.«
Adolf zog seine Hände, die auf nichts anderes gewartet, aus seiner Tasche und beharrte nicht weiter.
»Sie geben ihm zwei Franken Trinkgeld? Das ist viel zuviel, das ist Verschwendung.«
»Hat keine Bedeutung, lassen Sie, das macht mir Vergnügen. Meine Herren, ich verschwinde, entschuldigen Sie mich, ich muß mich beeilen.«
Er sah, wie das Mädchen Adolf eines der Zwanzigsoustücke, die er auf dem Tische zurückgelassen hatte, zuschob.
»Vergessen Sie nicht unsere Angelegenheit, wir sind jeden Tag nach dem Abendessen hier, wir würden uns gern mit Ihnen darüber einigen.«
»Grüß Gott, alles Schöne zu Hause, auf Wiedersehen!«
Adolf, der nicht nachträgerisch war, preßte herzlich die Hand in der seinen.
»Also auf baldiges . . .« und er fügte einen kleinen Scherz hinzu, der ihm geläufig war. »Wenn du den kleinen Buckligen triffst, so sage ihm, daß er sich strecken soll.«
* * * * *
Die Tramway raste von einer Station zur andern, die Fahrgäste schüttelnd, wie Korn im Sieb. Ein plötzliches Halt, und die Körper stießen aneinander, ein Hut rutschte auf eine Nase herunter. Der durchdringende Schrei einer Pfeife ließ sich hören, und die teuflische Maschine nahm wieder ihren Lauf. Wie sie so blitzeschleudernd, klirrend mit den Scheiben und dem Eisenwerk daherkam, schien sie einer großen Wut anheimgegeben. Sie sprang über die Nieten der Schienen, zeigte sich bei den Biegungen widerspenstig und bewies bei jeder Gelegenheit einen lebhaften Hang zur Unabhängigkeit. Für Augenblicke bemächtigte sich ihrer ein solcher Zorn, daß sie von epileptischen Zuckungen geschüttelt schien. Aber trotz allen ihren Bemühungen ward sie dennoch in den Bahnen der Ordnung festgehalten, ihre Räder gehorchten den Schienen, die ihr nicht das geringste an Extravaganz gestatteten. Ein temperamentvoller Ruck, und die Bremse ließ sie sofort ihren eisernen Willen verspüren.
»Spiel doch nicht den Dummkopf«, sagte der kleine stählerne Hebel, »es nützt dir ja doch nichts.«
Die Tramway war nichts als eine fanatische Begierde, von einer Disziplin niedergehalten, die immer das letzte Wort behielt.
»Da ist nichts zu machen, meine Liebe, da heißt es gerade hinfahren wie jedermann.«
Die Tramway wird ihr Leben aufbrauchen, indem sie so jeden Tag zwischen zwei Endpunkten hin und her läuft. Gelb bemalt, fast in Uniform, genau in eine Liste eingetragen, einem Stundenplan unterworfen, wird sie trotz ihres zornigen Aufbegehrens dennoch ihrem Schicksal nicht entlaufen. Wie alle ihresgleichen, ist sie für einen bestimmten Weg geschaffen, und alle Wege kreuzen sich, ohne sich zu verwirren; so ist es auch mit den menschlichen Wesen.
Leute stiegen aus, andere stiegen ein. Joppen, Taillen, darüber ein Kopf, ein wenig nacktes Fleisch in Form von Händen am Ende der Ärmel, manchmal eine Faust, ein Hals, ein Schimmer von Büsten.
Stoffiguren, Zierpuppen aus Seide mit schönen Augen! Diese einander fremden Wesen, aus allen Winkeln des Alls herbeigelaufen, saßen da, Schulter an Schulter, auf Bänken, einander gegenüber und stellten wie in einem Spiel so eine Art vorübergehender und überflüssiger Symmetrie dar. Jede Haltestelle schied einige Stücke, die rasch wieder von anderen ersetzt wurden, aus dem Spiele aus, so mir nichts dir nichts, nur gerade um die Zeit totzuschlagen. Die lebendige Welt ist immer im Kommen und Gehen begriffen. Unzählige Bewegungen, die sich seit langem zu suchen scheinen, treffen sich endlich, um sich aber sogleich wieder zu zerteilen. Hände schlagen auf das einzige Kartenspiel, verteilen nach einer scheinbaren Ordnung die Figuren und vermengen sie von neuem.
* * * * *
Und die Unterhaltung setzt sich so endlos fort. Komisch!
An alles dies dachte der Mann. Der Schaffner verteilte an die Fahrgäste Scheine.
»Schon um 5 Uhr morgens beginnen diese Leute ihr Tagwerk, was für ein Leben! Da habe ich mich nicht zu beklagen. Allein bin ich zwar, das ist ja wahr, aber zum mindesten lebe ich ruhig und habe keine Verpflichtungen. Ich kann tun, was ich will, und bin niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich meinen Tag verlor und dreißig Franken mit dieser elenden Bande ausgegeben habe, so bin nur ich es, der darum weiß, und niemand anderem als mir ist damit etwas geschehen.«
Als ein Soldat aufstieg, zuckte er ein wenig zusammen.
»Ich hatte schon Angst, ich glaubte, es sei einer von ihnen dort. Diese Flegel!«
Die Sonne ging unter, wie sie es jeden Tag zu tun verpflichtet ist. Sogleich werden die Sterne zu strahlen beginnen, indes sich zur selben Stunde alle Gaslichter der Stadt entzünden. Das war gewiß: Auch von dieser Seite war keine Überraschung zu erwarten.
Ich sage mir oft: »O Freiheit! Hätte ich doch meine Freiheit! Und was dann? Man sagt, es gäbe Rentner, die sich langweilen wie tote Ratten. Die Welt ist wohlgeordnet, und es handelt sich bloß darum, sie bürgerlich zu bewohnen und bemüht zu bleiben, die anderen Mieter nicht allzusehr zu stören. >Weder Hund noch Katze<, wie es in Pachtverträgen heißt. Bei mir stimmt alles, nicht einmal einen Vogel verdränge ich. Da fällt mir ein, daß ich einen Schlauch für den Wasserhahn in meiner Küche kaufen muß.«
Er zog seine Uhr. »Ein Viertel vor sieben. Hoffentlich komme ich zurecht, ich werde an der Straßenecke, bei der kleinen Kneipe, Lemoine abpassen. Der wird mir sagen, ob sie nicht vergessen haben, den Akt Dumas abzusenden.«
INHALT
Ein Abend 5 Warten 19 Vorahnung 39 Abschied 55 Über den Tod eines Kindes 81 Spaziergang und Begegnung 99 Träume 121 Das Geheimnis 131 Er lehnt sich auf 149
Dieses Buch wurde in einer Auflage von 3400 Exemplaren in der Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig gedruckt; 100 Exemplare wurden auf echtem Büttenpapier abgezogen.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 10]: ... waren sie, auf daß ich ihnen eines Tages begegne. ... ... warten sie, auf daß ich ihnen eines Tages begegne. ...
[S. 36]: ... im Bein, den er vergesssen hatte. So geht er in die ... ... im Bein, den er vergessen hatte. So geht er in die ...