Part 7
Die Schatten haben sich bewegt. Der bleiche Vorhang ist zurückgeschoben. Wie verbringst du jetzt deine Zeit? Den Schritt vorauszuspüren, der plötzlich die Stiege streifen, die genaue Stelle zu erraten, die das Papier am Fenster, wenn der Wind es in die Höhe hebt, berühren wird? Wie? Mache du vor allem keine Bewegung! Lenke die Aufmerksamkeit nur nicht auf dich! Verringere das Gewicht deiner Anwesenheit durch Unbeweglichkeit. Zieh dich im Raum zusammen! Schrumpfe in dich zurück! An der Wurzel schon schneide deine Blicke ab! Verschwinde in vollkommener Starrheit! Nun bist du nicht mehr und bist dir dessen bewußt. Oh, warum hast du mit diesem kleinen Geräusch deine Lippen genetzt? Der Zauber ist gebrochen; tausendfach läuft Furcht über deine Haut hin. Überall finden deine Blicke Nahrung der Angst. Du bist verloren. Das Ereignis wird eintreffen. Durch einen Windstoß hat sich das Fenster fast gänzlich geschlossen. Nie wirst du den Mut finden, es wieder zu öffnen. Jetzt klammern sich Finger an die Klinke der Tür . . . sie öffnet sich!
* * * * *
Erwachen! Es ist schon hellichter Tag. Reich an Verheißungen ist dieser Frühlingsmorgen. Unzählige Vögel zwitschern in den Bäumen. Flinke Räder geben den Wünschen eine Art Aufschwung. Die Glockentürme ragen auf, die Dome wölben sich, und die ganze Stadt wächst sichtlich unter dem Himmel empor. Was ist denn geschehen? Warum diese übernatürliche Freudigkeit in den Lüften?
Ich denke an den trüben Niederschlag, den die Nacht in mir zurückgelassen hat.
O du meine Seele, die ich nicht kenne und die mir kaum angehört, wohin hast du mich diese Nacht gezerrt? Viele dieser Erinnerungen, die du mir in den Nebeln des Traumes gezeigt, hatten vergessen in meinem Gedächtnis geschlummert; es gab solche, die mir seit vielen Jahren nicht mehr erschienen waren. Andere schließlich waren so verstümmelt, daß ich mich jetzt am Morgen frage, durch welchen bösen Zauber ich sie des Nachts so gut zu erkennen glaubte. Warum hast du den von Bildern bevölkerten Schlamm aufgestört, der sich wie ein tiefes Bett unter meinem Lebensstrom ausbreitet, warum hast du diese Dinge und nicht lieber andere an die Oberfläche aufsteigen lassen? Du, Herrin meines Körpers, nun bin ich voll schwerer Unruhe. Ich vermag fast nichts über dich. Du hast über meine Hellsichtigkeit ein tragisches Übergewicht. So entführst du mich oft in unbekannte Kellerräume, die aber immerhin noch Räume meines Wesens sind. Ja, ja, ich erkenne jetzt sehr gut diese armselige Wohnung mit ihrer Dunkelheit und diesen Hof, ich erkenne auch diese Frau, aber ihre Augen waren nicht so traurig und ihre Kleider verrieten nicht so viel Elend. Ich erinnere mich ihrer Worte, jene aber, die sie sprach, hatte nicht diese schmerzvolle Stimme. Du Unbekannte, die du hinter meiner Stirn eine Welt zu errichten vermagst, die nicht des Raumes bedarf, um zu bestehen, ich fürchte dich, da ich dich größer weiß als mich selbst. Wenn ich mich bezeichnen will, wenn ich, auf mich zeigend, _ich_ sage, krampft sich meine Hand sogleich an meine Brust, und niemals berührt sie eine andere Stelle meines Körpers, niemals greift sie an die Stirne, die dein Sitz ist. Aus dieser Stelle, die meine Hand bezeichnet, aus diesem Mittelpunkt meines greifbarsten Ichs, fühle ich dich so seltsam fremd. Aber werde ich jemals wissen, was ich bin und wie weit mein Wesen reicht, was in mir mit sich selbst identisch bleibt, zwischen all dem täglichen Werden und Vergehen? Hier sind meine Hände, die Dinge greifen können, meine Augen sie zu umfangen, dies ist meine Stimme, die eine Folge von Tönen ist, in denen ich mich erkenne, aber du, wer bist du denn, die ich nicht in eine Form zu kleiden vermag, die sowohl ins Ungewisse mich hinstreuen, als auch in die zwiefache Vision des tiefsten Abgrundes oder des fernsten Sternes mich entsenden kann!?
DAS GEHEIMNIS
Es war nichts Sonderliches an ihm, nichts unterschied ihn von anderen Menschen; sein Leben glich in allem dem der anderen. Er hatte eine schlechte Wohnung, deren Fenster auf einen Hof gingen. Auf der Straße war er ein Passant unter vielen, und niemand achtete seiner. Um sein Äußeres war er wenig besorgt, und selbst am Sonntag kleidete er sich ohne irgendwelche Phantasie. Seine Heiterkeitsausbrüche blieben diskret, er lächelte wohl manchmal, lachte aber niemals wirklich so recht herzlich.
Wie so viele Menschen verdingte er sich an einen Dienstgeber. Jeden Morgen stellte er sich ihm zur Verfügung und erhielt dafür ein wenig Geld, das ihm ermöglichte, sich ihm weiterhin zu verdingen. Im Grunde genommen war das zwar eine Art Fopperei, aber das Beispiel der anderen und auch die Gewohnheit ließen ihn darüber gar nicht nachdenken. So lebte er mit seiner Frau seit Jahren. War er glücklich? Er wußte es nicht und fragte sich niemals darüber. Er lebte einfach deshalb, weil er eines Tages geboren war, und beklagte sich nicht.
Aber seit einiger Zeit war er derselbe nicht mehr. Seinerzeit, vor vielen Jahren schon, hatte er sich hinreißen lassen, eine gemeine Tat zu begehen, deren er sich immer schämte, wenn er ihrer gedachte. Noch heute war es ihm unerklärlich, daß er so verächtlich hatte handeln können, war er doch ein anständiger Mensch, dem jeder niedrige Gedanke fremd war. Lange hatte ihm das Kummer bereitet, und eine Art traurige und erquälte Ernsthaftigkeit blieb davon in ihm zurück.
Zwei Personen hatten von der Sache gewußt. Die eine war verstorben, die andere hatte das Land verlassen und man hatte sie nie wieder erblickt. Eine dritte . . . aber wußte die wirklich etwas? Kürzlich hatte diese dritte Person allerlei seltsame Anspielungen gemacht. Zuerst hatte er an einen Irrtum geglaubt. Sie wußte sicher nichts, und hätte sie etwas gewußt, so würde sie es doch bei sich behalten haben. Was für ein Interesse konnte sie daran haben, ihn zu quälen? Diese Geschichte war begraben. Alle, die sie möglicherweise angehen mochte, waren verschwunden. Man konnte sie ihm vorwerfen, doch niemand besaß den geringsten Beweis, er brauchte bloß zu leugnen. Außerdem war er imstande gewesen, den verursachten Schaden teilweise wieder gutzumachen, und sein Opfer hatte ihm selbst vor dem Tode vergeben.
Aber diese Frau war schlecht und ließ es sich angelegen sein, Böses zu tun. Wozu wäre sie nicht imstande, wenn sie das Geheimnis besaß und sich daran berauschte, es mit ihm allein zu besitzen! Eines Tages war er fast sicher, daß sie es wußte. Wie hatte sie die Sache erfahren können? Vielleicht durch denjenigen, der ins Ausland gegangen war, und den sie, wie er glaubte, gekannt hatte.
Sie wußte es, und sie würde es seiner Frau sagen, seiner Frau, die er so sehr liebte und die ihn ohne Zweifel verstoßen würde, wenn sie seine Missetat erkundete. Vor allem würde sie es ihm nicht verzeihen, das Vertrauen verletzt zu haben, ihr nichts gesagt zu haben. Und sie besaß genügend Stolz, sich von ihm zu trennen. Jeden Tag beobachtete er sie sorgsam, ob sie noch nichts ahnte, ob die andere nicht schon Andeutungen gewagt hatte. Oh, er wußte sehr gut, daß die schreckliche Frau nicht auf diese Art sein Geheimnis preisgeben würde. Mit einem Schlage würde sie sich gewiß nicht dessen entäußern, was ihr wochenlanges Vergnügen bereiten konnte. Sie würde eines Tages so leichthin einige ausgesuchte Worte fallen lassen, einen Satz mit alltäglichem Tonfall, aber mit vieldeutigem Nachhall. Nachher würde sie über die Wichtigkeit erstaunt tun, welche die Angeredete ihren Worten beilegte. »Nein, sie hatte wirklich nichts sagen wollen, ach, welcher Einfall!« Und die von ihr aufgestörte Seele würde sich wieder ganz und gar beruhigen. Dann, an einem anderen Tage, würde sie zwischen zwei süßliche Phrasen neuerdings einige Gifttropfen träufeln. Eines Tages dann würde entweder seine Frau sie zwingen, alles zu sagen, oder sie würde selbst, unfähig länger zu schweigen, die ganze Sache dummerweise viel früher erzählen, als sie es beabsichtigt hatte.
Seine Frau würde es wissen!
Täte er nicht besser daran, es ihr noch heute zu sagen. Seine Vergehung war nicht solcher Art, daß man sie nicht vergeben konnte. Sie würde ihm sicher Absolution erteilen. Doch nein, er hatte zu lange geschwiegen, er hatte zu sehr gezögert. Ja, er hatte es an Ehrlichkeit fehlen lassen, denn der Mann, den sie geheiratet hatte, war ihrer Ansicht nach kein Mensch, der dieses Unrecht hätte begehen können. Hätte sie, wenn sie es gekannt hätte, ebenso gehandelt? Er hätte es ihr gestehen sollen. Er erinnerte sich nicht mehr, daß eine sehr lebhafte Liebe und große Angst ihn davon zurückgehalten. Wie hatte er denn nicht daran denken können? Wie es vermocht, diese andere Unehrlichkeit zu begehen? Er hatte sich statt seiner einen neuen Menschen unterschoben. Niemals würde er den Mut haben, mit ihr zu sprechen. Aber er mochte auch nicht, wenn es eines Tages notwendig wäre, den Mut finden, zu leugnen oder zu lügen.
Die Dinge, die er liebte, verloren ihre Köstlichkeit. In ihm wuchs Leid. Abends bei Tisch, seiner Frau gegenüber, nach langem Tag, an dem er unaufhörlich sich gesagt hatte: Vielleicht heute abend -- erlebte er alle Phasen der Beängstigung, der Beichte. Würde sie etwas sagen? Jedesmal wenn ihre Lippen nach einem Augenblick der Stille sich bewegten, griff Angst ihm ans Herz. Der Abend dehnte sich hin. Er sprach mit seiner Frau über die kleinen Ereignisse seines Lebens. Dinge, die ihre Wirtschaft betrafen, und plötzlich sagte sie, daß jene Nachbarin, die er so sehr fürchtete, sie besucht hatte und am nächsten Tag wiederkommen würde.
Manchmal brauchte er tausenderlei Vorwände, damit sie früher schlafen gehe als er. Er sagte, daß er ein wenig lesen, Ordnung in seine Papiere bringen wolle, einen Brief suchen müsse, auf den er zu antworten hätte. Sie hatte Ruhe nötig. Er riet ihr dringend, nicht auf ihn zu warten. Er bestand darauf, er sei nicht schläfrig und würde ziemlich lange aufbleiben. Er blieb dann stundenlang allein in seine Gedanken versunken. Die Lampe brannte auf einer Etagere, von der aus sie das ganze Zimmer beleuchtete. Der Herbst rückte vor. Es war noch nicht sehr kalt, aber in den Häusern war es feucht und abends heizte man ein. »Nur ein kleines Feuerchen«, sagte seine Frau. »Um das Blut ein wenig in Gang zu bringen.«
Er kauerte sich neben dem Ofen in eine Ecke und ließ von der Wärme eingelullt seine Gedanken schweifen. Der Wecker auf der Kommode schien irgendeinem Ziele zuzueilen. Im Hause war keinerlei Geräusch. Es war von Leuten bewohnt, die früh schlafen gingen und früh aufstanden.
Ohne seinen Traum zu unterbrechen, betrachtete er die Dinge, die ihn umgaben. Die unbeweglichen Stühle, den Tisch, die Nähschatulle seiner Frau, einen Fingerhut, die Zwirnspule. Sie hatte ihm heute nach dem Frühstück auf dem Flur gesagt: »Bring mir eine Spule von D. M. C. mit.« (Dies war die Marke, die sie benützte.) Sie hatte ihm so herzlich zugelächelt, als sie um diese geringfügige Sache bat, daß er inmitten der dunklen Tage, die er jetzt durchlitt, eines der stärksten Glücksgefühle seines Lebens empfand. Er hatte ihr dann auch, als er sie verließ, um seiner Arbeit nachzugehen, den leidenschaftlichsten Kuß gegeben, den sie jemals von ihm empfangen hatte. Diesen Abend war es ihm auch wieder gelungen, allein zu bleiben. Es war spät, und er sann in der Stille des Hauses vor sich hin. Im Ofen erstarb das Feuer.
Seine Blicke fielen auf einen eingerahmten Stich, der an der Mauer hing. Peinlicherweise sah er ihn immer wieder, weil er sich an einem Platz befand, wo er ihn schwerlich vermeiden konnte. Er hatte immer dagehangen. Er sah ihn täglich, und vielleicht war dies der Grund, weshalb er ihn niemals gesehen hatte. Woher kam er eigentlich? Er erinnerte sich dessen nicht mehr. Immer war er ein Bestandteil ihres Hausrates gewesen. Wenn sie umgezogen waren, hatten sie ihn mitgenommen und neuerdings an die Mauer gehängt, ohne ihn eingehender zu betrachten, als eben nötig, um ihn nicht verkehrt anzubringen. Seit einigen Tagen betrachtete er ihn hartnäckig. Auf einem Hügel befand sich da eine Hündin von mehreren Jungen umgeben, zwei andere junge Hunde versuchten ihr zuzuschwimmen, kämpften im dunklen Wasser, das den Hügel umgab. _Überschwemmung_ war der Titel. Er wurde nicht müde, den Stich zu betrachten. Die Verzweiflung der Hündin, die gegen den fahlen Himmel anschlug, wurde ihm für Augenblicke unerträglich.
Seine Frau erwachte, bemerkte durch die halbgeöffnete Tür das Licht und rief ihm aus dem Nachbarzimmer zu:
»Komm doch schlafen, du wirst morgen müde sein.«
»Ja, ich komme schon, ich bin bald fertig.«
Und er blieb sitzen, unfähig, seinen Gedanken zu entfliehen. Nach längerer Zeit erwachte seine Frau von neuem und rief ihm in ärgerlichem Ton zu: »Du bist wirklich unvernünftig.«
Er legte sich schlafen, ohne zu einem Entschluß gekommen zu sein.
Ein Leben umfing ihn, in dem der Traum die Wirklichkeit beherrschte. Die Leute, die mit ihm verkehrten, sahen, wie sein Blick sich mit neuen Dingen füllte.
Eines Tages, in der Dämmerung, kehrte er aus seinem Bureau heim. Er ging einen Boulevard entlang, der von Privatbesitzungen gesäumt war. Ein Straßenräumer fegte den dicken Teppich der Blätter und sammelte sie zu einem rauschenden Haufen. Er blieb stehen, um ihm zuzuschauen, empfand wieder eine aufrichtige Freude, die Erde, die so lange unter den Blättern begraben gewesen war, zu erblicken. Der Boulevard würde bald in seiner ganzen Länge so rein aufgekehrt sein, wie auf diesem Platz. Die wieder aufgedeckte Erde war feucht und wie zernagt von den unzähligen Insekten, die er umherlaufen sah. Er verfolgte den Kampf einer Ameise mit einem ungeheuren Gegenstand. Er blieb so lange unbeweglich, daß der beunruhigte Straßenkehrer sich näherte, um zu sehen, was er mit so viel Aufmerksamkeit betrachtete. Aber schon seit einigen Minuten sah er weder die Tiere noch die Erde mehr. Das Antlitz, das er dem Manne zuwandte, war so leidvoll, daß dieser sprachlos stehen blieb.
Er dachte daran, zu verschwinden, sich zu töten.
Das Antlitz seiner Frau blieb so friedlich, wie er es immer gekannt hatte. Sie widmete sich mit derselben Sorgfalt dem Haushalt und schien nichts von ihrer früheren Fröhlichkeit eingebüßt zu haben. Wenn er abends heimkehrte, sah er sie unter der Lampe nähen. Sie tauschten den Begrüßungskuß. Sie erhob sich, stellte wieder die Lampe auf die Etagere und deckte den Tisch. Während sie das tat, sprach sie mit ihm, blieb zuweilen einen Augenblick still und erwartete mit aufmerksamem und lächelndem Blick seine Antwort. In ihrer Haltung war ganz und gar nichts, woraus man hätte schließen können, daß sie das Geheimnis kannte. Ja, vielleicht bewies sie ihm mehr Zärtlichkeit als früher.
Und dennoch hatte die andere gesprochen, dennoch wußte sie!
Es war anfangs sehr hart für sie gewesen, diese Sache zu tragen. Plötzlich war ihr das Wesen, mit dem sie seit Jahren lebte, wie ein Fremdes erschienen. Als sie ihn so plötzlich für verächtlich und niedrig gehalten, hatte sie sich gesagt: ich werde morgen von ihm gehen. Er hatte kein Vertrauen gehabt! Er hatte ihr nichts gesagt, und doch mit welcher Freude hätte sie ihm verziehen. Warum hatte er geschwiegen? Warum sie getäuscht? Dann hatte sie die Überlegung zu einer richtigeren Auffassung seines Benehmens geführt. Er hatte nichts gesagt, weil er sie so sehr liebte und Furcht gehabt hatte. Daran konnte sie nicht mehr zweifeln. Zweimal war er schwach gewesen, nichts als schwach. Und wenn sie an die liebevolle Feigheit dachte, die er ihr bewies, stieg Freudenröte ihr ins Antlitz. O teurer Freund, sei ohne Angst. Sie, die du erwählt hast, mit ihr ein Leben zu verbringen, sie verdammt dich nicht. Sie zürnt dir kaum, daß du an dem Reichtum ihres Herzens gezweifelt hast. Du kennst sie so wenig, und doch hast du sie erwählt. Ich erinnere mich, mit welch rührender Schüchternheit du in den ersten Tagen unserer Begegnung mit mir gesprochen hast. Und ich habe das Beben nicht vergessen, das dich durch und durch bewegte, als du mich um das batest, was mein Herz dir längst geschenkt hatte.
Wenn sie sich ihm gegenüber befand, dachte sie: Du magst mich ansehen soviel du willst, du wirst nicht die mindeste Spur meiner Mitwisserschaft entdecken. Drücke meine Hände, schließe mich in deine Arme, du wirst nichts in mir finden, was dir fremd geworden ist und dir entfliehen will. Diese dumme Person hat ihre Zeit verloren, als sie versuchte, dich in meinen Augen herabzusetzen. Damit du nicht aufmerksam wirst, werde ich sie nicht hinauswerfen. Einige Zeit werde ich sie noch herkommen lassen, dann werde ich sie nach und nach entfernen, und es wird von all dem nichts mehr übrigbleiben. Freund, treuer Freund, du mein unentbehrlicher Gefährte, erkenne deine Frau besser. Noch ganz andere Dinge hätte sie dir verziehen. Sei denn beruhigt. Du wirst es nicht erfahren, daß dein Geheimnis in mir begraben ist. Niemals wird zwischen uns davon die Rede sein.
* * * * *
Tage vergingen, ohne daß der Friede des Haushaltes durch irgend etwas gestört wurde. Er entfernte sich morgens, um ins Bureau zu gehen, kam zum Mittagessen nach Hause und blieb dann wieder bis zum Abend aus. Sie räumte die Wohnung auf und ging dann einkaufen. Sie nähte, bügelte, las ein wenig. Zu den Mahlzeiten fand er sie sorgsam frisiert, mit bloßen Armen und Hals und in einem immer reinlichen, hübschen Schlafrock.
Die »Andere« kam von Zeit zu Zeit, um den Gang der Dinge auszuspüren. Sie hoffte immer, daß auf dieses glückliche Paar die Endkatastrophe hereinbräche, die ihr eine Freude bedeuten würde. Aber sie wurde mit demselben Lächeln empfangen wie früher und verstand nicht. In dem Maße, als ihr selbst dieses Unternehmen langweilig wurde, verringerten sich ihre Besuche.
Aber er! Er!
Er verlebte düstere Tage. Der Verurteilte in seiner dumpfen Zelle, nicht endenwollende Stunden damit verbringend, in Gedanken seine eigene Gruft zu bauen, war weniger unglücklich als er. Das konnte so nicht andauern. Alles war einem solchen Leben vorzuziehen.
Jeden Morgen sagte er sich: ich lasse mir noch einen Tag Zeit zu überlegen, um einen Entschluß zu fassen. Wenn ich morgen, nach dem Nachtessen, nichts gesagt haben werde, wenn ich nicht den Mut gehabt habe zu gestehen, werde ich fortgehen und mich ins Wasser stürzen. Der nächste Tag kam. Er dachte von neuem wie am Abend zuvor. Da sie nichts weiß, wird sie vielleicht nie etwas wissen. Ist es also nötig, zu versuchen? Zweifellos nein. Überdies bin ich es nicht mehr imstande. Oh! Elend. Wie aus dieser Situation herauskommen? Wäre denn nicht seine einzige Rettung die Selbstvernichtung? Eine banale Zeitungsphrase, die ihm beim Lesen der vermischten Anzeigen aufgefallen war, kam ihm unaufhörlich in Erinnerung:
»_Er hatte ein Unrecht begangen, aber er hat es bezahlt._ Breitet den Mantel des Schweigens über ihn.«
Ich werde mich ins Wasser stürzen, und damit wird es ein Ende haben. Der Abend kam. In Augenblicken, wo sie beide still blieben, sagte er zu sich selbst: nun so fang doch an, jetzt ist der Augenblick. (Die Stille dehnte sich hin.) Beginn doch, Feigling. Auf was wartest du? Seine Frau hob den Kopf und sprach irgend etwas. Er antwortete eilig und leichthin, glücklich, einen Vorwand gefunden zu haben, um den Augenblick seines Geständnisses verzögern zu können. Und er sagte zu seinem Gewissen: dieses Mal ist es nicht meine Schuld. Du bist mein Zeuge, daß ich den Mund soeben öffnete, als sie zu mir zu sprechen begann. Ich mußte ihr ja doch antworten. Ein neues Schweigen setzte ein. Er sagte immer noch nichts. Und er blieb so bis zu dem Augenblick, wo er aufstand, von Verzweiflung übermannt. Sie ganz in ihrer Rolle aufgehend, ihn nur ja recht gut zu behandeln, ja innerlich glücklich, daß ihr das so gut gelang, so glücklich, daß sie zuweilen wie ein Kind in die Hände klatschte, sobald er gegangen war. Sie ahnte nichts von dem Drama, das sich in ihm abspielte. Sie sagte sich: wie leicht fällt es mir, dieses Geheimnis zu bewahren. Ach, er wird niemals etwas erfahren! Der arme Schatz!
Und sie sagte ihm Worte der Zärtlichkeit, die sie noch niemals gesagt hatte.
Diesen Abend wird er sprechen oder sich töten. Er wußte, daß ihn diesmal nichts mehr verhindern konnte. In seiner Westentasche befand sich ein Brief, den er nachmittags in seinem Bureau geschrieben hatte. Er setzte darin seiner Frau die Gründe seines Selbstmordes auseinander. Er hatte geweint, als er ihr schrieb. Den ganzen Tag über hatte er sich am Rande des Wassers gesehen. Wie würde er es anstellen? Wird er sich nach vorwärts, seiner ganzen Länge nach, mit großem Lärm ins Wasser werfen, oder wird er sich über die Böschung lehnen, um mit geschlossenen Augen sanft hinunterzurollen? Er könnte auch hinknien . . . Wie schwer mußte es einem werden, sich in dieses Wasser zu werfen. Er empfand das Gefühl der ersten Berührung mit dem Wasser. Würde er bis zum letzten Augenblick an seine Frau denken können? Würde er die letzte Klarheit seines Bewußtseins ihrem Gedächtnis widmen? All dies beunruhigte ihn sehr.
Er hatte sich eine Taktik ausgedacht, um zu erfahren, was sie über eine Verfehlung wie die seine denken mochte. Er würde ihr ungefähr seine eigene Geschichte erzählen, jedoch so, daß er sie einem seiner Bureaukollegen zuschrieb. Er würde ihre Meinung mit einer vorgespiegelten Teilnahmslosigkeit einholen. So würde er erfahren, ob er die Maske fallen lassen könnte, oder ob er sterben müsse.
Sie saßen einander am Tisch gegenüber. Er hatte darauf bestanden, daß die Lampe zwischen ihnen stehen blieb. (In dem Schatten, der über dem Lampenschirm herrschte, würde er mehr Mut haben zu sprechen.) Seine Frau aß langsam ihre Suppe, indem sie gemächlich über jeden Löffel hinblies. Er blieb unbeweglich, den Hals wie zugeschnürt, er streckte sich, und wie man gewaltsam ein Tier am Halse nimmt, überwand er sich und zwang sich den Mund zu öffnen. Irgend etwas stach ihm über das ganze Gesicht.
»Weißt du, dieser Mensch, der da neben mir im Bureau arbeitet und von dem ich dir so oft erzählt habe?«
»-- Nun? Nun?«
»Schöne Sachen hat man über ihn gehört. Eine unglaubliche Geschichte!«
»Ach!« Sie sah ihn an, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Er sprach mit gesenktem Haupte.
»Seine Frau wird ihn verlassen. Sie hat recht. Denk dir nur, bevor er sich verheiratete . . . dieser Elende.« (Er zitterte so sehr, daß er kaum sprechen konnte.) . . . »wie kann man nur so seine Frau hintergehen! . . . hat dieser unanständige Mensch eine Niedrigkeit begangen, von der ich dir jetzt erzählen werde --«
Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Der Schweiß perlte ihm schon aus der Stirne. Die große Stille ließ ihn den Kopf emporheben. Er sah, wie sich seine Frau vom Sessel erhoben hatte und, beide Hände auf den Tisch gestützt, ihn betrachtete. Die Lampe erhellte ihr Gesicht von unten nach oben her. Auf ihren Wangen lagen Schatten und Ränder roten Lichtes um ihre Augen, aus denen seltsame Blicke fielen. Diese Blicke flehten ihn an, inne zu halten.
Er verstand augenblicklich. Sie wußte es und hatte nichts gesprochen. Nun? So hatte sie ihm denn verziehen! Er stand auf, sie trat einen Schritt zu ihm und umarmte ihn mit aller Kraft.
Nach einem langen Schweigen flüsterte sie ihm ins Ohr.
»Wir werden niemals mehr darüber sprechen.«
ER LEHNT SICH AUF
Er war des Morgens viel früher erwacht als gewöhnlich, hatte in seinem Bette lange gesonnen, sich hin und her gedreht und sich nicht entschließen können, aufzustehen.