Part 6
Mit neuem Blick betrachtete er ein glänzendes Automobil, das am Rande des Fußsteigs stehen geblieben war, er betrachtet es so, als wenn es, ganz ausgestattet und geputzt, eben aus den Tiefen der Erde herausgekommen wäre. Seine glänzenden Kupferbestandteile, seine Laternen, die an riesige Juwelen erinnern, seine wie ein geschmeidiges Tier gewundene Sirene, alles, woraus es sich zusammensetzte, hatte lange in der unterirdischen Nacht als ungeformte, aufgehäufte Materie geschlummert, und die Menschen waren vorbei gekommen, ohne ihren Schlaf zu stören. Heute knatterte es am Rande eines Fußsteigs. Die geduldige Arbeit vieler tausend Jahre hatte eines Tages eine Vereinigung von Zusammenhängen geschaffen, aus denen dieses Wunder erstanden war; und doch würde, Stück für Stück zerlegt, diese merkwürdige Maschine unfehlbar in ihren primitiven Zustand zurückkehren. Er gewährte sich den Zauber, sie mit den aufgerissenen Augen eines Steinzeitmenschen zu betrachten, und sah, wie sie losfahrend ihre Kraft unter dem Befehl eines Chauffeurs bändigte. Dann nahm er wieder seinen Weg auf, die Leute musternd, die ihm begegneten. Er traf seine Wahl unter den Gesichtern und interessierte sich hauptsächlich für einige Vorübergehende. Auf deinem Gesicht, mein Lieber, kann ich ohne Brille dein ganzes Register ablesen. Zylinder, Zigarre, Gewohnheitsraucher könnte man sagen, üppige Lippe, volle Wangen, stubenhockerisches Gesicht, ein großer wohlgenährter Körper, der sich nichts versagt. Ich weiß, daß du Sklaven hältst und daß du in der Tasche den Schlüssel zu deinem Geldschrank trägst. Und nun wieder dieser dort? Begrenzter Blick, Gutmütigkeit des gebrannten Kindes, der Gewohnheit des Gehorsams unterworfen; ausgelaugte Hautfarbe, tägliche Haft in irgendeinem obskuren Büro. Dieser da hatte es schwerer, vielleicht ist er ein Dilettant irgendeiner Art, ein Müßiger, der sich die Illusion einer Tätigkeit zu schaffen verstand. Und wohin geht diese Frau? Wird sie irgendwo erwartet? Ruft sie Pflicht oder Vergnügen? Dieser Austräger, eben auf einem Geschäftsweg, der da am Band des Fußsteigs hingeht? Regelmäßiger und ruhiger Schritt, rhythmisch, fast wie ein Tänzer, keinerlei Anzeichen von Sorgen im Gesichte, also festes Gehalt Ende jedes Monats. Ein Kenner des Kartenspiels und des Weines. Ich sehe seine Frau in einer Portierloge. Vollständige Sicherheit, eine gewisse Leichtigkeit, sich zu verändern! Seine Prinzipien: sich um nichts zu sorgen und weit vom Schuß sein, wenn die Bombe platzt.
Eine Modedame in hellen Farben entflattert einem Geschäftsladen und entflieht den Blicken der Männchen, die ihre Nase nach ihr heben.
Er spaziert immer weiter. Seine namenlosen Zeitgenossen umkreisen ihn und streifen ihn wie Erscheinungen. Wohl hört er manchmal Worte durch diese halbgeöffneten Türen, unter denen sich Geheimnisse dieser Lebewesen auftun, aber sogleich verschlingt der Raum um ihn die Menge mit ihren Beschwernissen, die ihm ewig weiter unbekannt bleiben werden.
Dieser ist heute morgen in der Stadt angekommen, und jener wird sich heute abend einschiffen, um niemals wiederzukehren. Dieser Ingenieur trägt hinter seiner Stirn das Bild einer merkwürdigen Maschine, über deren Bau er nachsinnt. Die Frau dort bemüht sich, nicht an die noch unbezahlten Rechnungen der Lieferanten zu denken. Von all diesen Boulevardspaziergängern werden, wenn auch keiner eine unabsehbare Zeit überleben wird, mehrere, dafür kann er einstehen, schon vor Ende des Monats tot sein. Jeder in Bewegung begriffene Körper, und auch der seine, wird endlich nach langem Hin- und Herschwanken das vollkommenste Gleichgewicht erlangen. Viele haben schon ein kleines Zimmer aus Stein, das sie irgendwo geduldig erwartet . . . Und alles spaziert am Ende einer Leine, die eine gewisse Hand nicht losläßt. Aber glücklicherweise schwebt ihnen die Zukunft als ein herrlicher Golf vor, in dem sich der eingeengte Strom ihres gegenwärtigen Lebens schön ausbreiten wird. Einer von ihnen träumt: noch zehn Jahre guter Arbeit, und wenn mir nichts Böses zustößt, werde ich mein Geschäft verkaufen und mich aufs Land zurückziehen können. Ein anderer: ach, wenn ich im Ruhestand sein werde, dann sollen sie erfahren, was ich über sie denke. Wie einen das erleichtert! Und ein dritter: wenn ich eine bessere Stellung ausfindig gemacht haben werde, will ich mich verheiraten und ein Heim gründen, das muß doch endlich so kommen. Und ein vierter noch, der über seine eigenen Gedanken lächelt: sobald meine Geschäfte besser gehen werden . . . usw . . . .
Sie kommen vorbei und verschwinden wieder, damit ist es zu Ende, und er wird sie nicht wiedersehen.
Plötzlich denkt er an diese Frau, die an einem der letzten Abende in einem Zug ihm gegenüber gesessen hatte. Wenn er sich in diesem Gewühle plötzlich wieder ihr gegenüber fände. In dem Maße, als er sich das Abenteuer neuerdings vergegenwärtigte, vergnügte er sich, diesen unmöglichen Zufall herbeizusehnen. Er erinnerte sich, daß sie recht hübsch und ihr Blick keineswegs der einer dummen Person gewesen war. Mit einer neuen Zähigkeit machte er sich wieder Vorwürfe. Ich hätte es doch wagen sollen. Jeder Tag hat so seine Launen; wenn ich ihr heute begegnen würde, spräche ich sie gewiß an. Warum habe ich damals gar nichts versucht? Wer weiß, welch glückliche Möglichkeiten ich mir an jenem Abend entgehen ließ? Es war eine seiner großen Versuchungen und zugleich seiner großen Befürchtungen, die Ereignisse vorwegzunehmen, um ihnen zu ihrer Verwirklichung zu verhelfen. Neue Wesen aus einer unbekannten Welt anzusprechen, hatte immer eine besondere Erregung in ihm hervorgerufen. Vor wieviel Türen hatte er nicht, die Hand an der Klingel, gezögert und war schließlich gegangen, um am nächsten Tag mit einem verspäteten Sieg über sich selbst wiederzukommen. Wer konnte die vielleicht seltsamen Folgen der geringsten Begegnung voraussehen? Dies hieße schließlich sein Leben in zu kleiner Münze verausgaben, wenn man so wenig Herr über sich selbst war, daß man es zur Beute des erstbesten Zufalls machte, der um die Ecke bog. Es gab so viele Menschen, die er nach seinem Willen kennen lernen konnte oder nicht. Eine einzige Begegnung mochte seinem Leben eine neue Richtung geben. Denn jedes Ereignis ist reich an unvorhergesehenen Verknüpfungen. Wie sollte man unter den unzähligen Erwägungen jedes Tages wählen? Durfte er leichthin Freundschaft und dann Haß in Blicken erwecken, die heute zum erstenmal auf sein Antlitz gerichtet waren? Sollte er diese lange Folge von Enttäuschungen herbeilocken, die ihn bei jener Frau erwarteten, die zu rasch ihm sein Lächeln erwidert hatte?
Zögern des Spielers vor der Wahl des Wagnisses!
Begegnungen, neue Beziehungen über ihn verhängt oder von ihm gesucht, o all dieser Aufbau der Zukunft, der zwischen Gebundensein und Freiheit schwankt! Begegnung! Ist sie nicht stets für den immer fortbestehenden Menschen wie eine feierliche Geburt? O schöpferische Begebenheiten! Als ich jenem Unbekannten die Hand drückte, entstand plötzlich in mir der Mensch, der ich erst später einmal sein werde.
Werde ich also kraft einer unbescheidenen Sicherheit mich ohne Furcht und Demut den tausend Abenteuern entgegenwagen, die jeden meiner Schritte belauern? Werde ich nicht zumindest die Erregung des Jägers erleben, der auf den Fußspitzen in den geheimnisvoll belebten Wald dringt, in dem ich gegen mich selbst vorschreite, der ich mir in eigener Person vielfach und doch einzigartig begegne?!
Er ließ sich von anderen Gedanken entführen und wechselte das Spiel.
Er musterte jetzt die Augen der Vorübergehenden. Dies war, wenn er durch die Straßen spazierte, eine seiner alltäglichen Vergnügungen, die Augen der Frauen und Männer zu befragen. Er trug aus der Antwort, die er erhielt, immer irgendein Wunder davon.
Man geht in einer wenig belebten Straße hin. Vor uns ist nichts als der unbekannte und seelenlose Raum, Bewegungen überflüssig wie vergebliche Axtschläge, und dann Häuser mit ihren Fenstern und die leuchtenden Auslagen der Geschäfte. Da plötzlich nähert sich uns jemand auf dem Fußsteig, z. B. eine Frau. Von weitem ist sie vorerst nur ein Körper, der sich bewegt. Im Hintergrund der Straße, viel weiter, regen sich ja noch viele andere Wesen. Aber die Frau nähert sich, ihr Gesicht wird deutlicher. Unter den Bogen der Brauen lugt ein fremdes Leben hervor, die Augen. Selbst kommt man gleichfalls heran. Der äußerste Punkt der Blicke beginnt nun an uns zu rühren. Irgend etwas leuchtet aus diesem nahenden Antlitz. Die Linien des Körpers halten das Wesen nicht mehr versperrt. Das Leben der Augen ist größer als das sie einschließende Antlitz. Die Vorübergehende wird uns erreichen, wir suchen ihren Blick, und plötzlich findet die übliche Verschmelzung statt. Aus den Tiefen des Alls kommt uns durch diese Augen eine flüchtige Botschaft, und wir vereinigen uns in ihnen mit dem ganzen fremden Leben.
Die zwei Vorübergehenden deren Blicke sich begegnen, haben beide das Gefühl einer Besitzergreifung. Aber weder der eine noch der andere könnte sagen, wer besitzt und wer besessen wird. Wie viel zärtliche, ironische und hochmütige Worte habt ihr für den müßigen Spaziergänger, der euch in aller Unschuld sucht, ihr Blicke, die ihr zahlreicher als die Kiesel des Meeres, zahlreicher als die raschen Strahlen der großen, sich drehenden Leuchttürme aus dem Antlitz der Vorübergehenden hervorzielt!
Alle Blicke gewähren sich nicht dem ihnen auflauernden Blick. Es gibt Blicke, die überrascht sich sogleich abwenden. Es gibt auch solche, die uns durchdringen, als ob sie uns nicht zu sehen scheinen, und andere, die sich mit solcher Zähigkeit an uns anlehnen, daß wir Mühe haben sie zu ertragen. Wenn sie vorbei sind, fühlt man sich verarmt, und manchmal hat man nach ihnen zurück schauen müssen.
Die Menschenmenge war ihm jetzt nichts mehr als Tausende von Augen, die er unermüdlich befragte. Er war manchmal so stark betroffen, daß er als erster den Kopf wenden mußte. Die Seele jedes Vorübergehenden erfloß aus dieser Doppelquelle, und er fühlte sich bald mit Höflichkeit empfangen, bald verächtlich in ein unwiderrufliches Nichts verwiesen. Es gab da auch Augen, die auf das Antlitz nur gemalt waren, und es war fast unmöglich, in ihnen die geringste Spur eines Innenlebens zu entdecken.
Das ist ein Antlitz, ein Antlitz . . . das ihm nicht unbekannt ist. Und dieser Gang! Nur den Körper erkennt er nicht, der muß sich verändert haben. Wer mag es doch sein? Der Blick des Vorübergehenden prüft ihn mit Dringlichkeit. Er ist voll Leidenschaft und scheint eine Frage zu enthalten. Worte stehen hinter ihm bereit. Es ist offenbar, daß man ihn nicht wie einen Fremden anblickt. Auch er zögert vielleicht, ihn zu erkennen. Er selbst schaut mit der ganzen Kraft, mit dem inneren Auge seines Gedächtnisses. Wenn er sich nicht sehr eilt, wird es in wenigen Sekunden zu spät sein. Er leidet vor Ungeduld. Aber da er nichts findet, bleibt ihm keine andere Möglichkeit, als seinen Weg fortzusetzen. Der Fremde ist vorübergegangen und hat nicht einmal seinen Schritt verlangsamt. Er aber, der seinen Blick nicht von dem Manne abwenden kann, bleibt stehen. Ohne Zweifel irre ich mich; wer könnte es denn sein? Nun entfernt er sich, aber der Zusammenprall war so stark gewesen, daß er noch immer sein Gedächtnis durchforscht. Einige Gesichter, auf die er den passenden Namen finden könnte, schaltet er aus. Dieser ist es nicht, jener auch nicht, wer denn also? Wer war dieser Mensch? Solange er seine Persönlichkeit nicht festgestellt hat, wird ihm ein unangenehmer Eindruck den Spaziergang verleiden. Irgendwie fühlt er, daß es für ihn wichtig sein würde, diese Spur aufzufinden. Der Mann ist jetzt in der Menge verschwunden. Vielleicht könnte er ihn noch laufend erreichen, unwillkürlich beugt sich sein Körper vor. Er wird immer ungeduldiger, und sein Gesicht verändert sich. Wer ist es, wer mag es nur sein? Es ist ihm unmöglich, sich zu erinnern. Er forscht in die Vergangenheit, von dem nicht geklärten Wunsche beeinflußt, diesen Mann wiederzusehen. Wie er so seine Nachforschungen pflegt, fühlt er, daß es »brandelt«. Er muß sehr weit in seinem Leben zurücksuchen, und plötzlich ist kein Zweifel mehr, er fühlt in sich einen starken Chok, und er erkennt endlich den, der eben an ihm vorübergestreift ist. Er hat sich allerdings verändert. Aber ein Irrtum ist ausgeschlossen, er war es sicher. Daß er ihn hat vorübergehen lassen! Einen seiner liebsten Menschen, der einmal sein täglicher Vertrauter gewesen war. Er eilt seiner Spur nach, stößt an jedermann an, aber die Menge ist plötzlich feindlich geworden und richtet sich hart vor ihm auf. Hat er denn mehr Eile als die andern? Nun sitzt er ganz fest in einem Knäuel von Leuten. Er will sie abschütteln, heimst aber nur ärgerliche Bemerkungen ein. Da er einen Streit voraussieht, schweigt er. Schließlich entkommt er, und es gelingt ihm, sich durch die Gruppen durchzudrängen. Die Hoffnung, den Mann noch zu entdecken, erscheint ihm plötzlich so märchenhaft, daß er die Suche aufgibt. Wie sollte er ihn in dieser zahllosen Menge wieder auffinden? Eine leichte Trauer befällt ihn, wie Ermattung. Er ist es müde, zwischen den Leuten so hinzugeben, er möchte sich auf eine Bank fallen lassen und lange nachdenken.
So nahe ist er an mir vorübergegangen, daß ich ihn hätte berühren können! Wird er ihn jemals wiedersehen? Schmerzliche Umstände hatten diesen Freund seinerzeit gezwungen, auszuwandern. Er erinnerte sich des Abends, wo er fortgegangen. Viele Menschen waren auf dem Bahnhof gewesen. Während die Abteiltüren zuklappten und die Angestellten hin und her liefen, hatten sie einander umarmt, dann war der Zug abgefahren. Einige Monate hindurch hatten sie einander geschrieben, dann waren sie beide lange ohne Nachricht gewesen, bis eines Tages ein Brief unbeantwortet geblieben, und da der letzte Verbindungsfaden auf diese Art zerriß, war einer für den andern nicht mehr gewesen als eine Erinnerung, die auf einer stummen Insel hinstarb. Jahre waren darüber hinweggegangen.
Und doch, welchen Kummer hatte er zur Zeit jener Trennung empfunden. Die neuen Freundschaften hatten ihn nicht hindern können, oft an den zu denken, der ihm verloren war. Im Geheimen seines Herzens bewahrte er ihm eine von Schwermut genährte Zärtlichkeit. Sie hatten den gleichen Enthusiasmus gefühlt, sie hatten wie Brüder gelebt, während einiger Zeit dieselbe Wohnung geteilt. Und heute hatten sie sich nicht wiedererkannt. Wo würde er ihn wiedersehen können? An welche Tür sollte er pochen? Er kannte weder seine Familie noch irgendeine seiner Beziehungen. Er sah keinerlei Ort, wo er ihm begegnen könnte. Niemand konnte ihm helfen, seine Spur zu verfolgen. Und dabei hatten seine Augen auf ihm geruht. Diesen Mann wiederzufinden, koste es was immer, war ihm die wichtigste und dringendste Sorge geworden. Aber wie, wie nur? Er wird ihn nicht wiedersehen. Das ist ganz sicher. Und dieser Gedanke war ihm unerträglich.
Die Menschen fluteten noch immer vorbei. Aber ganz in seine Gedanken verloren, sah er sie nicht mehr. Ja, die Berührung mit dieser Masse war ihm sogar unangenehm. Er bog um eine Ecke und schlug die Richtung nach seiner Wohnung ein. Mit gesenktem Kopf und unzufrieden mit sich selbst, schritt er hin. Wie konnte er auf den Zufall hoffen, ihm wieder zu begegnen? Sein früheres Leben erschien ihm wieder, kalt und wie dem Geschmack der erloschenen Zigarre vermengt, an der er zerstreut kaute. Sein Herz empörte sich.
Er erblickte den Mann wieder, wie er an ihm vorübergekommen war. Ganz deutlich sah er sein Gesicht, seine Krawatte und die Art, wie er ihn angeblickt hatte. Ein Staunen begann sich in ihm zu regen. Seltsam, er selbst hatte sich kaum im Lauf dieser Jahre verändert. Darüber waren alle Leute einig, und seine Porträts bewiesen es. Hatte sein alter Freund ihn wirklich nicht wiedererkannt? Ein Zweifel, der sich mehr und mehr bestärkte, setzte sich in ihm fest. Aber ja, ganz sicher hatte er mich erkannt. Ich sehe ja noch das Erstaunen in seinem Blick, aber ohne mit mir zu sprechen, ist er vorübergegangen. Er hat mich erkannt, aber mit Gleichgültigkeit, das ist die Wahrheit. Ob er denn auch in meinem Zögern die Absicht vermutet hat, ihn nicht erkennen zu wollen? Immerhin hätte ihn die Freude unserer Begegnung in meine Arme drängen müssen. Er hat Zeit gehabt, zu überlegen, aber er hat die Sachlage ganz kalt beurteilt. Er hat sich vielleicht gesagt: die zehn Jahre haben aus diesem früheren Freund einen Fremden gemacht, den ich nicht mehr anzusprechen wage. Was für ein Mensch mag er geworden sein? Welche Sorgen beschäftigen, was für Ziele locken ihn? Ich selbst habe ja nicht mehr die Wünsche von damals, und ich lächle, wenn ich an die Ideen denke, die ich früher verteidigte. Ich habe mich sehr verändert. Und er? Wenn er derselbe geblieben ist wie vor zehn Jahren, haben wir nichts Gemeinsames mehr. Und wenn er sich so sehr verändert hat, daß er ein ganz neuer Mensch geworden ist, ist er auch nur mehr ein Fremder für mich.
Er ist vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben. Ohne Freude hat er mich wiedergesehen. Zweifellos hätte er mich angesprochen, aber meine Haltung entmutigte ihn. Er hat wohl einen Augenblick des peinlichsten Zögerns gehabt, als sich sein Schritt dem meinen näherte. Sollte er mich ansprechen, sollte er sich den Anschein geben, mich nicht zu erkennen? Er hat vielleicht meine Augen gierig belauert. Zwei Ströme haben sich berührt, ohne ihre Wasser zu vermengen. Zwei lebendige Menschen haben sich angeblickt, und jeder von ihnen hatte hinter sich einen toten Mann. Wie zwei Phantome haben sie sich einander genähert, um sich dann wieder in ihrer Nacht zu verlieren.
O Trauer, Trauer! Du alter Freund, der du, mich erkennend, nicht gedrängt warst, deinen Arm um den meinen zu schlingen, nie wirst du die Bitternis ahnen, die dein Vorübergehen in mir zurückgelassen hat. Und dennoch hätten wir vielleicht nicht lange gebraucht, um wieder die alten Gefährten von einst zu werden! Mit einigen guten Gesprächen und gegenseitigen Retouchen hätten unsere Seelen sich wieder gefunden. Du hast es nicht gewollt. Und diese Gewißheit ist mir jetzt so eingeprägt, daß vielleicht ich jetzt derjenige sein werde, der als erster den Blick senken würde, um dich nicht zu sehen, wenn ich dir an einem der nächsten Tage begegnen würde.
Als er die Straße erreichte, in der er wohnte, kehrte er nochmals um, um den Augenblick, wo er sich in seinem Zimmer mit seiner Traurigkeit allein befinden würde, hinauszuschieben. Er schlenderte noch einige Zeit in der Gegend seines Hauses umher, dann kam ihn die Lust an, alte Briefe zu lesen, gewisse Reliquien hervorzunehmen, die er fromm bewahrte.
Er schritt über die Schwelle seiner Wohnung mit der Absicht, demjenigen seinen einsamen Abend zu widmen, der beladen mit einem früheren Leben aus dem Vergessen und dem All herausgetreten war und sich dies eine Mal sogleich wieder, diesmal aber wohl für immer, darin verloren hatte.
TRÄUME
Du bleicher Nachtwandler, gefoltertes Phantom, fern deinem Bette, wo dein schlummernder Körper, wie von dir selbst losgelöst, ausgestreckt liegt, irrst du um Mitternacht durch die Räume der schlichten Behausung. Die Mauern, die Decke, die Möbel, sie alle schlafen, aber du? Du hast dein Lager verlassen, um bis zum Morgenrot im Schattenreich des Schlummers und der Toten ein unruhevolles und wirres Leben zu führen. Unter deinen Füßen hat sich der Boden aufgetan, um tief in die Traumwelt zu sinken, und welch alte Dinge, -- o wie alt sind sie -- rauschen und weben in deinen Ohren. Wie ängstigst du dich doch, das Nebenzimmer zu betreten, wo das Dunkel mächtig ist wie ein Geist. Unter dem Teppich des Tisches ist es so stark und lebendig, daß du ein Unbekanntes nahen fühlst.
Wie spät mag es sein? In welches Jahr deiner Jugend bist du zurückgerückt? In Nebeln blitzt eine Klinge auf, und du denkst an Menschenmord. Aber du liebst deine Furcht und machst einen Schritt vor, um noch besser in sie einzudringen. Hier ist der Schlupfwinkel. Die Türe weitet sich, als könnte sie nicht länger mehr das geheime Schrecknis bewahren. Dort ist das Vorzimmer, das ganz mit Kleidern angefüllt ist. Ist denn die Türe geschlossen? Keineswegs, sie ist gegen die Stiege weit geöffnet, und zögernd steht dort eine gequälte Gestalt. Wie konnte die Tür sich öffnen? Unter welcher Blicke Macht? O wie gerne möchtest du imstande sein, sie zu schließen, es wagen hinzugehen, den Riegel vorzuschieben, um dann, an den Türrahmen gelehnt, tief Atem zu holen. Du weichst gegen die Küche zurück, läßt den Eingang nicht aus dem Auge. Nun schließt du die Türe und schiebst den Riegel vor. Aber die Küche ist von dem anderen Raum nur durch ein schwaches Eisengitter getrennt, und du fühlst dich nicht in Sicherheit. Du spürst, daß man dich nebenan belauert. So öffnest du denn das Fenster und suchst zu deiner Verteidigung im Freien einen Verbündeten.
Da draußen aber liegt nur ein armseliger Hof, und es ist tiefe Nacht. Zwischen zwei Mauern sieht man allerdings die dunklen Gärten und Schatten dort, die du zu erkennen versuchst. Am Fensterrand, den man mit einem Brett verbreitert hat, steckt ein Pinsel in einem mit Wasser angefüllten Gefäß und ein Blumentopf mit kärglichem Gartenkerbel, den der gefühllose Wind hin und her bewegt. Schnüre sind von der Schutzstange eines Fensters zu der eines andern gespannt; an Waschtagen hängt man daran Wäsche auf. Du erinnerst dich des Geruches nasser Leinentücher. An einem solchen Tag, abends, hatte sich die Frau aus dem Fenster gebeugt, um ihre Wäsche dort auszubreiten. Der Wind bewegte hinter ihr eine Kerzenflamme, und im Dunkeln hörte man sprechen. Etwa: »Das Wasser war so kalt, daß mir die Nägel zum Weinen weh taten.« Oder: »Diese schmutzigen Schornsteine werden mir noch alles verrußen.« Und dazu klatschte die feuchte Wäsche im Winde.
Da plötzlich streifte nun wie eine Hand ein Hauch deine Wange; eine zerbrochene Fensterscheibe war durch ein Stück Zeitungspapier ersetzt worden und wurde nun zeitweise vom Winde bewegt. Zwischen der Mauer und dem Büfett sitzest du, von irgendeiner Angst festgenagelt. Deine Beine sind nackt und du frierst. Der steinerne Ausguß ist sehr schmutzig, seine Quadern sind so ausgelaugt, daß sie einem alten Schwamm gleichen. Dem Wandkasten, wo Zwiebeln, Kartoffeln und Gewürze in Tüten aufbewahrt sind, entströmen Gerüche. Mit dem Blick biegst du den verbeulten Boden der Kasserolle gerade und besserst die abgeschabte Malerei der Mauer aus. Wenn du das Auge hebst, bemerkst du auch, daß die Blechschachteln auf ihrem Gestell nicht nach der Reihenfolge aufgestellt sind, und leidest an dieser Unordnung. Auch entsinnst du dich, daß eben noch auf der Straße das Gaslicht brannte; so wird denn die Nacht noch lange währen.
Von der sandsteinernen Wasserleitung, mit dem Relief eines Wasserträgers, fällt von Zeit zu Zeit ein Tropfen. Jetzt schüttelt der Wind, nahen Regen kündend, dir Tränen ins Gesicht.
Und du verharrst in deiner kindlichen Hilflosigkeit.
Die Stille hat alles eingefroren, und es ist dir, als wären in ihr die Menschen wie in einem Eisblocke und blickten nun daraus hervor. Du würdest alles, was du besitzt, dafür geben, diese Prüfung, die dein Herz grausigen Mächten in die Hände spielt, überstanden zu haben. Vor Tagesanbruch aber wirst du ihnen nicht entkommen. Vergeblich versuchst du, auf deinem Sessel einzuschlummern. Aber die Stille ist zu groß, als daß du dich dem Schlafe anvertrauen könntest: denn es ist eine Stille, in deren Inneres du wie in eine ausgestorbene Wüste schaust, in der sich keiner der Götter findet, die Furcht und Eitelkeit der Menschen erfunden haben. Du erschrickst über die Wichtigkeit deiner Entdeckung. Dies ist nun die Wahrheit, die so sehr gesuchte. Nichts ist da! Nichts! Was werden die Leute morgen dazu sagen, wenn du ihnen diese Nachricht entgegenschreien wirst? Welche Umwälzungen in der Welt! Es gibt nichts als das Nichts! Der Beweis ist erbracht. Der unwiderlegbare Beweis!