Das Gemeinsame

Part 5

Chapter 53,689 wordsPublic domain

Es hatte aufgehört zu regnen. Die feuchte, duftbeladene Luft führt die Botschaft entfernter Wälder mit sich. Ein mäßiger Wind bewegt zuweilen die Gasflammen und gibt dem Dunkel der Straße Leben. Die Lichter des großen Krämerladens leuchten in allen Wasserlachen. Das Kind gelangt auf den verlassenen Boulevard, der es anzieht und ihm zugleich Furcht einflößt. Bei jedem Windstoß vermengen sich die langen Schatten und beschreiben große Gebärden. Das Kind wagt nicht auf dem Fußsteig zu gehen, wo der Efeu des Gitters allzu geheimnisvoll Park und Garten verbirgt. Es schreitet auf der kotigen Straße und wendet sich unaufhörlich um. Der schwarze und blaue Himmel ist in dunkle Inseln zerrissen und düster gleich einem großen Moorland. Die Luft ist lau wie menschlicher Atem. Ein leiser Brodem steigt von der Erde auf. Jenseits des Schmutzes und der Öde des Jahres ist der Frühling schon in Humus und heißer Fäulnis bereit. Das Fieber der Säfte teilt sich dem weiten Raum mit, irrende Winde, die schon grünende Wiesen durchquert haben, flechten sich um die feuchten Stämme der Bäume. Die Landschaft ist noch wie eine alte Frau in Lumpen, aber unter dem Boden lächeln bereits Gesichter mit geschlossenen Augen; bald werden tausend Stimmen am Saum der Erde hinsummen, ungezählte Augen im Grase sich öffnen. Die Sonne wird die Erde zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben, Pflanzen werden wie Geständnisse aufsprießen und gleich großen Worten hervorstrahlen. Das Kind geht nun an dem schönsten Besitz des Boulevards entlang. Es bleibt stehen, um durch den kleinen freien Raum, wo das Gitter sich an die Mauer schließt, in den Park des Kommandanten zu blicken. Es sieht in unerklärliche Verwirrung, in die mit faulem Laub bedeckten Alleen, den Weg zum Haus, wo die Erde gelblich leuchtet, und das Wasserbassin, in dem sich der Mond und die Wolken spiegeln. Sicherlich ist das Gehölz voll toter Vögel, es weiß bestimmt, daß die Kinder mit ihren bebänderten Kinderfrauen niemals mehr auf dem Rasen spielen und umherspringen werden. Es sieht auf die beiden Löwen aus Stein, die die Pfeiler des Eingangstores zieren. Vor kurzem hat er mit seinem Bruder Schneeballen auf sie geworfen. Das wird er nie mehr tun. Wenn man einen Bruder hat, der gestorben ist, darf und kann man nicht mehr dergleichen tun. Plötzlich fällt ihm ein, daß man ihn vielleicht sucht. »O Mütterchen, ich sehe dich in deine Hände weinen.« Er sagt sich, daß er heimkehren muß. »Ich werde den Weg nehmen, den ich so gerne gehe.« Da ist das Waisenhaus, seine fahlen Säulen sehen durch das Gitter, Goldlettern leuchten im Dunkeln. Eine Glocke läßt Tropfen klingender Töne fallen, die der Wind der Nacht vermengt. Hier ist das Kloster zur Heimsuchung Mariä. Als er einmal mit seinem Bruder aus der Schule kam, hat hier aus diesem vergitterten Fenster eine sehr schöne Dame in Trauer mit ihnen gesprochen. Sie hatte gefragt, ob sie Zwillinge wären und ob sie ihre Mutter auch recht liebten. Er, der Kühnere, hatte geantwortet, den Blick gesenkt; denn diese Dame war nicht so wie andere. Hier ist das Türschild, auf das sie auch Schneehallen geworfen hatten. Eine andere Glocke tönt. Er erkennt sie; es ist die des Klosters der englischen Fräuleins. Dann begannen andere Glocken, alle Klöster des Neullyer Parks läuten zum Segen.

Das Kind ist am Rand des Baches stehen geblieben, der sein Schmutzwasser dem Kanal entgegenführt, in den es mit dem zauberhaften Klang reiner Quellen abstürzt. Er geht jetzt rasch. Auf den Bänken blicken ihn Erinnerungen an.

Dort am Ende der Straße, durch diese Lichtung, dem Himmelstor, wird er eines Tages wie ein Engel davonfliegen. Er weiß sehr gut, daß sich später _etwas_ ereignen wird.

Er ist bereit und wird nicht zittern, wenn man ihm sagen wird, daß die Stunde geschlagen hat. Die Hände wird er falten und sich in die Wolken erheben. Seine Mutter wird auf der Erde knien und vor Stolz weinen. Er hebt den Kopf und geht festen Schrittes: »Gallien, Carolus Magnus, die alten Reiche Neustra und Australia.« Wenn plötzlich dort aus dem Dunkel ein Auerochs spränge, würde er auf einen Baum steigen und ins Hifthorn blasen, die Gefährten herbeizurufen, die in den Wäldern umherjagen.

* * * * *

Die arme Mutter geht aus einem Zimmer ins andere und hört nicht auf zu weinen. Sie läßt sich in einen Sessel fallen und weint, weint!

»Viel Kummer hatte ich und kannte manche traurige Stunde, aber ich vergaß alle Kümmernis, wenn ich in das lächelnde Antlitz meiner Kinder sah. Dieser Gewohnheit habe ich mich hingegeben. Ich war ganz Vertrauen. Niemals habe ich an die Möglichkeit eines solchen Erwachens gedacht. Wie sorglos war ich und wie schuldig fühle ich mich. Der Arzt, der mein armes Kind behandelt hat, ist ein Dummkopf. Man hätte es retten können. Der Kleine von Benoit hat dieselbe Krankheit gehabt, und man hat ihn geheilt. Ich hätte mich wehren sollen.

Meine Lebenskraft ist erstarrt, und meine Augen haben sich in mein Innerstes gewendet. Ich hatte die Wunder vergessen, und nun bin ich wie einer, der tastend in der Nacht in einem großen fremden Hause umhersucht, in dem niemand ist. Nein, mein Gott, das ist nicht der gewohnte Gang der Dinge; es durfte nicht vor mir dahingehen. Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mir mein Kind genommen? Es scheint, daß sich ein fremdes Leben dem meinen zugesellt hat. Wenn ich an mich denke, so ist es nicht wie früher. Viele Dinge, die ich vergessen hatte, kommen mir fast täglich ins Gedächtnis. Ich sehe die Pension, in der ich die schönen Jahre meiner Jugend verbrachte, mein Zopf fliegt mir auf dem Rücken. Ich hatte seit meiner Verheiratung keine Erinnerungen mehr. Ich habe diesen Mann geheiratet, ohne ihn recht zu kennen. Er ist fort. Er hat mich mit seinen beiden Kindern verlassen. Wird er wenigstens zum Begräbnis kommen? Tot ist mein kleines Kind, tot. Ist es denn möglich?

Einmal, ich war gerade nervös, da hab ich ihm einen Schlag gegeben, und es hat lange geweint. Seine Verzweiflung war darüber so groß, daß ich darob ganz bestürzt war. Ich habe es nicht genug umarmt und an mein Herz gedrückt.

Niemals werde ich mehr glücklich sein. Nur mit Mühe kann ich meine Gedanken sammeln. Wo ist es jetzt? Gibt es etwas nach dem Tode? Ja oder nein? Wie traurig wäre es, wenn es nichts gäbe. Die Welt ist so groß, daß sie mir Furcht einflößt. Hier in der Nähe sind Bäume, die sich bewegen, und gleichzeitig sind, sehr weit in den Tiefen des Meeres, Ungeheuer, die sich geräuschlos durch die gelben Algen schlängeln. Hier ist ein Kind gestorben und drei Häuser weiter eines geboren. Wer kümmert sich um meinen Schmerz, und was bedeutet er in dieser großen Welt? Wie doch alles dunkel und schwierig ist! Ich bemühe mich zu verstehen, in mich aufzunehmen; ich beuge mich in Demut, aber mein Kopf ist zu schwach, daß ich verstehen könnte. Weinen ist leichter, o weinen! Nur weinen kann ich. Unerschöpflicher Kummer! Kummer, der du mit vollen Eimern aus allen Brunnen des Lebens steigst.

Ich kann dem Schlaf, der mich hindern wird, an ihn zu denken, nicht mehr widerstehen. Mehrere Nächte habe ich fast nicht mehr geschlafen. Ich darf mich nicht mehr unterwerfen. Ich habe noch ein zweites Kind aufzuziehen. Was täte es ohne mich? Oh, wie bin ich doch müde!

Wie lange habe ich doch geschlafen? Ich werde mir ein wenig Kaffee, sehr starken Kaffee machen, und dann werde ich die ganze Nacht bei ihm Wache halten können. Frau Benoit wird dann gleich kommen. Es ist nicht gerade warm. Ich glaube, das Feuer geht aus. Nun ist es schon einen Tag her, daß es gestorben ist! Ich kann mich nicht besinnen, wohin ich das Paket Kerzen gelegt habe, das ich gestern gekauft habe. Ich werde noch eines kaufen müssen. Ich weiß nicht mehr, was ich tue. Ich würde ein wenig lüften, um frische Luft einzulassen, aber mir ist, als könnte es mir die Nacht entführen, und es stürbe noch mehr. Seine Nase wird spitzer. O Entsetzen, mein Kind, mein Kindchen! Was suchen wir hier auf Erden? Was tu ich hier, worauf warte ich? Wie können wir in dieser Wohnung leben, mit dieser Gewißheit über uns? Und doch, es gibt in diesem Augenblick Gegenden, wo die Leute jetzt lustig sind und singen. Es gibt welche, die sich verheiraten, und manche bauen sich eben Häuser. Einige spielen Karten, und andere schreiben ihr Testament.

Ich glaube, das Wasser kocht, ich höre die Pfanne singen. Wohin habe ich denn nur die Kaffeebüchse gestellt? Mein Kopf versagt. Ah, da ist sie!

Bei allem, was ich sehe, höre oder berühre, finde ich seine Gegenwart wieder. Jedes Ding ruft mir wieder eine seiner Gesten wach, eine seiner Mienen. Warum hast du, o Gott, den man den Allgütigen nennt, mir ihn gegeben, um ihn mir so rasch wieder zu nehmen? Diese Treppe, die ich tagtäglich mehrmals herunterging, ohne nur an sie zu denken, die ich mit geschlossenen Augen hätte hinaufsteigen können, ist mir vorhin wie ohne Rampe erschienen, und mein Fuß hat eine Stufe verfehlt.

Nichts ist mehr auf seinem Platz, und jedes Ding hat eine neue Bedeutung für mich. Ich bin ganz von meinem Schmerz umschlossen, ich bin nur Schmerz. Die Welt dehnt sich um mich her, und ich fühle sie wie einen Ozean von Gleichgültigkeit um meine kleine Trauerinsel.

Ich kann mich nicht sattsam genug der Stille anvertrauen.

Ich verliere mich in den Tiefen, und alles erschreckt mich. Jedesmal, wenn ich die Augen hebe, trägt mir die Mauer, die Decke, der Rücken des Fauteuils, gleich dem Schweißtuch der Veronika, sein Antlitz zu. Das Licht meiner Lampe ist nicht das gleiche mehr. Etwas ist in ihre Flamme übergegangen und ist darin geblieben. Auf dem Parkettboden ist ein dunkles Feld, das an eine lichtere Zone stößt und unter dem Bett so schrecklich wird, daß meine Augen, wenn ich daran denke, ihm nicht zu begegnen trauen.

Teurer Kleiner! Ich werde nicht mehr für dich zu sorgen haben. Ich werde nicht mehr die tausend Fragen hören, die er an mich richtete, wenn ich ihn des Morgens anzog. Seine kleinen Hände werden mein Antlitz nicht mehr liebkosen. Er nannte mich »Mutter«. Er schlang die Arme um meinen Hals und sagte mir ins Ohr: Mutter! Du bist mein kleines Mutti, du. Und nun liegt er so da.

Noch ist er da und ist nicht mehr da. Es scheint, daß er seinen Leib für einige Zeit verlassen hat und wiederkommen wird. Er sieht sich nicht mehr ähnlich. Er hat das Lächeln, wie man es auf den Malereien der Museen sieht. Morgen werde ich sagen müssen: Zur Zeit, als mein kleiner Raymond lebte . . . Als ich noch meine beiden Kinder hatte . . . Der, der gestorben ist!

Es ist ein Datum mehr in meinem Leben. Wie er so auf dem Rücken daliegt, scheint es, als würde er wie ein Boot, mit seinen Rudern von der Flut getrieben, hinweggleiten.

Wenn ich auf der Straße stehen blieb, um den Leichenzug eines prächtigen Begräbnisses zu betrachten, dachte ich nicht, daß ich eines Tages den ersten Platz hinter dem traurigen Karren einnehmen würde.

Morgen werde ich hinter ihm in die Kirche eintreten. Die Kerzen werden durch die Schleier der Weihrauchdämpfe erstrahlen, und die große Stimme der Orgel wird seinen Einzug in das Reich Gottes verkünden. O Kleiner, mein Kleiner!

Wie ist doch das Schweigen, das von dir aufsteigt, beredt. Ein Schweigen der ganzen Menschheit, die mit all ihren Königen und all den lauten Begebnissen wie unterirdisch sich hindehnt.

Mein Gott, antworte mir, wo bist du? Ich stehe vor dir demütig in gläubigem Eifer, bereit, dein strengstes Gesetz anzunehmen, aber gib mir nur ein Wort, irgend etwas für meinen Schmerz, der nicht vergeblich sein kann.«

* * * * *

Das Kind geht nicht in die Schule, und man zieht ihm tagtäglich das neue Kleid an. Man hat den Tisch verlängert, weil sein Onkel und seine Tante jeden Tag zum Essen da sind. Bei Tisch spricht seine Mutter nicht drei Worte und läßt alles auf ihrem Teller stehen. Manchmal erhebt sie sich so plötzlich und bleibt so lange im Nebenzimmer, daß seine Tante aufsteht, um sie zu holen. Jeden Nachmittag geht er mit seinem Onkel und seiner Tante spazieren. Alle Tage sind Sonntage geworden. Mit großer Sanftmut spricht man zu ihm, und er wird niemals mehr ausgezankt. Zwar ist er viel vernünftiger geworden. Die Stirn an die Scheibe gelehnt, sieht er auf der Straße seine von der Schule heimkehrenden Kameraden. Er fühlt, daß er von nun an ihnen sehr überlegen ist.

Er sagt zu seiner Mutter: »Ich habe seine Spielsachen genommen und mir sein kleines Federmesser ausgeborgt. Wirklich, Mama, es ist nicht dasselbe, selbst wenn ich sein schönes Pferd nehme, das im Wandkasten steht, wird es nicht das gleiche sein. O Mütterchen, ich bitte dich! Nein, nein, nicht seine Schuhe, sie gehören ihm.«

Und er sagt auch: »Wird Papa niemals wiederkommen? Warum ist er fort, warum kommt er jetzt nicht wieder?«

Und seine Mutter antwortet ihm, daß sie einen Brief erhalten habe. Sein Vater sei weit, sehr weit am anderen Ufer des Meeres. Vielleicht wird er eines Tages wiederkommen . . .

Der Vater kam eines Abends, viele Tage nach dem Ereignis. Das Kind schlummerte eben in seinem kleinen Bettchen ein, und seine Mutter saß neben ihm. Beide hörten einen Schritt auf der Stiege und sahen einander an. »Horch, Mütterchen,« und sie antwortete: »Ja, gewiß, er ist es!«

Der Schritt hielt vor der Tür an. Er war es!

Die Mutter sagte zu ihrem kleinen Jungen, indem sie einen Finger auf den Mund legte: »Rühr dich nicht, ich werde gleich wiederkommen.« Sie trug die Lampe weg und schloß die Tür seines Zimmers.

* * * * *

Der verlassenen Gattin ward das Dunkel, aus dem sie ihre Träume schöpfte, plötzlich wahrnehmbar, und ein Antlitz erschien in ihm. Der Mann trat ein, alle Stille lastete nun auf ihm. Das traumhafte Schweigen der Gegenstände wurde nun augenblicklich unterbrochen. Dann setzte es wieder ein, als fliehe es den Tiefen zu.

Die Lampe, die vor einem Bilde des Gekreuzigten mit seinem geöffneten Herzen flammte, verbreitete den Schein alten Elfenbeins, und er senkte den Kopf und sagte nicht ein Wort, überließ dem Pendel der Uhr die Unterhaltung. Die schweren Fenstervorhänge mit den tiefen Schatten waren wie das weit geöffnete Memorial ihres Lebens. Der Zweig eines Buchsbaumes schien sich über das Bild zu neigen, und es war als regte sich die Ewigkeit in seinen Blättern. Von Zeit zu Zeit wurde die Tür durch den Wind geschüttelt, und das Fenster krachte.

Sie hielten den Kopf geneigt, denn ihre Blicke konnten das Schwere, das aus ihrer Seele kam, nicht emporheben.

Da plötzlich fesselte ein Gegenstand ihre Augen. Ein Leuchter aus Kupfer, der auf dem Tisch stand, nahm eine seltsame Bedeutung an. Sie schienen mit Aufmerksamkeit den Konturen und Verzweigungen zu folgen, und sie gewöhnten so ihren Blick, sich anderswo als in ihren Augen zu begegnen.

Und ihre Blicke stiegen zusammen längs des Leuchters auf, blieben einen Augenblick an seiner Spitze unbeweglich, dann, als ihre Gesichter sich zueinander aufhoben, verschmolz ihr Blick . . .

Im Nebenzimmer zitterte das Kind vor Unruhe. Mit weit geöffneten Augen versuchte es das Mysterium der Dunkelheit zu durchdringen.

Was ging hier nebenan vor? Es hörte nichts. Sein Vater war zurückgekehrt. Bedeutet das Glück? Unglück? Auf den Fußspitzen näherte es sich der Tür und floh, als es Geräusch hörte.

Seine Eltern betraten das Zimmer. Sein Vater hob es von der Erde auf und drückte es so stark gegen seine Brust, daß das Kind sein Herz gegen das seine schlagen fühlte.

SPAZIERGANG UND BEGEGNUNG

Das Wetter war schön und die Luft sehr milde. An einem Sonntag war es. Der Nachmittag rückte vorwärts, und seit Stunden wälzte sich unaufhörlich die Menge über den Hauptboulevard der Stadt. Ein Menschenstrom flutete abwärts, ein anderer wieder zurück. Wie im Meere eilige Strömungen die bewegte Flut durchqueren, ohne sich in ihr zu verlieren. -- Junge Leute folgten einander und drängten durch die widerstrebende Masse. Von Zeit zu Zeit blieben Spaziergänger stehen, und ihr Rücken zerteilte wie ein Fels die menschliche Flut. Sie wurden heftig gestoßen und bald wieder vom Wirbel erfaßt. Da und dort öffnete ein Geschäftsladen seine Höhlung und nahm etwas von diesen Wellen in sich auf. Bei jeder Straßenüberquerung, wo der Sturzbach der Wagen sich gewaltsam staute, rückte der Menschenstrom zurück, schwoll an, wurde lebhafter und brandete dann in die freigelegte Hauptstraße. Die Fassaden der Häuser stießen farbige Schreie aus, und gewaltsam prägte sich die Lichtreklame, die von den Dächern in den Himmel hinaufgeschleudert wurde, den aufwärts gerichteten Blicken ein. Die Spaziergänger waren zahlreicher als die Buchstaben einer Zeitungsspalte. Fadenartig umwickelten sie Plakatkioske. Vor den Auslagen bildete sich eine Wand von Menschen. Wie Adler, die sich auf eine Herde stürzen, kreisten Wagen umher, schienen ihre Beute zu suchen, stürzten an die Masse heran und flohen mit ihrem Fang. Immer noch ging der Strom hin. Er floß über und schwoll durch den unablässigen Zuwachs seiner Nebenflüsse, der Straßen und Durchgänge; ohne sich sonderlich auszubreiten, kam er durch die Seen der Plätze, um sich dann an seinem Ziele, in dem Fächer einiger Vororte, zu verströmen.

Über all dies unterhielt sich unter diesen vielen Menschen ein junger Mann. Schon seit dem Morgen begeisterte ihn eine außergewöhnliche Freudigkeit. Sein Herz saß, wie er sich gern ausdrückte, am Ende einer Rakete, bereit loszugehen. Das Ereignis dieses schönen Tages, nach einer langen Reihe trauriger Tage, hatte ihm Vertrauen und Freude am Leben wiedergegeben. Aus dem fröhlichen Windhauch, der die grünen Blätter der Bäume bewegte, und von dem Geruch der eben frisch besprengten Alleen flog ihn ein Zauber an. Alles schien ihm verändert. Die Frauen waren fast alle begehrenswert, und die streitsüchtigen Männchen, die Gottesfriede beschlossen hatten, begegneten einander mit ungewohntem Wohlwollen. Schon am Morgen hatte er in einer kleinen Bar den allgemeinen Optimismus auf dem lachenden Antlitz eines guten, dicken Kerls leuchten sehen. Sogar der Werkelmann, dem er an seiner Straßenecke begegnet war, war ihm nicht so elend erschienen; lächelnd leierte er mit himmelwärts aufgeschlagenen Augen; er dachte nicht mehr daran, die Hände auszustrecken, und spielte sichtlich nur zum Vergnügen. Er sah noch immer den Mann dort neben der Haustüre mit seinem geröteten und dabei sanften Schnapsgesicht und bedauerte es, ihm nichts gegeben zu haben.

Zerstreut ging er dahin, ließ unbesorgt und ziellos seine Blicke umherschweifen und lockerte die Trense seiner Gedanken. Er wurde nicht böse, wenn man ihn anstieß. Alles interessierte ihn und schien ihm zuzurufen: die Farbe eines Kleides, der Klang einer Stimme, die Klarheit eines Antlitzes, die Spur eines Parfüms. Er blieb oft stehen und wandte den Kopf, ohne der Gewalttätigkeiten zu achten, denen er sich dadurch in jedem Augenblicke aussetzte. Er glich dem sorglosen Kinde, das während der Schlacht unter dem Kugelregen der Kämpfenden Blumen pflückt. Wenn ein Ellbogen in seine Rippen drang, ein ungeschickter Fuß auf den seinen trat, sagte er sich: »Geschieht dir schon recht, warum gibst du auch nicht acht, eben wärst du beinahe wieder unter diesen Autobus geraten, als du über den Boulevard gingst, aber schon hast du es wieder vergessen; eine ganz gelungene Quetschung mit krachenden Knochen und verspritzten Eingeweiden steht dir ja auf der Nase geschrieben und ist dir ganz sicher.« Aber er war seinen Leidenschaften gegenüber wehrlos und setzte seinen Weg fort, indem er, abenteuerlich gelaunt, voll wirrer Ideen die Augen rechts und links umherschweifen ließ.

Es gab hier um ihn her so viele Dinge zu sehen, daß er mit seinen Blicken den Himmel, das Jagdgebiet der Götter, verschonte.

Leute nähern sich ihm. Alle denken sichtbar an etwas Bestimmtes. Aber ihre Gedanken vermengen sich nicht. Jeder Vorübergehende schlägt seinen Weg ein und trägt die kleine geschlossene Welt seiner ihm allein vertrauten Gedanken, sein undurchdringbares Geheimnis in sich verborgen. Jeder ist ein geschlossenes Buch, das eine Geschichte enthält, die niemand lesen kann. So gehen sie auf dem wohlbekannten Boulevard mit der Sicherheit blind Geborener dahin. Was könnte sie in Erstaunen versetzen? Alles befindet sich an seinem Platz, und der gewohnte Anblick verschleiert mitleidig die tiefern Dinge. Wozu auch sich immer um den Anfang und das Ende sorgen, wenn der gegenwärtige Augenblick so freundlich ist. Jeder fühlt sehr stark, daß schönes Wetter und er frei ist. Sonntags läßt es sich gut leben. Die Erde gehört jedem, und keiner vermag ihr etwas zu rauben. Man existiert ohne jede Mühe. Der Hauch der Lungen, die Maschinerie der Beine funktioniert, ohne daß man sich darum bekümmern muß. Man braucht sich nur laufen zu lassen. Jeder Vorübergehende weiß, daß er den ganzen Tag um seiner selbst willen leben wird, daß er Herr eines Körpers ist und ihn zu seinem eigenen Gebrauch, zu seinem eigenen Vergnügen verwenden kann. Bis zum Morgen werden die Minuten sich aneinanderreihen und mit vollen Händen eine der andern Freiheit spenden. Auch ist es nicht nötig, eine neue Art des Fühlens und des Schauens zu erfinden. Die Freude ist allüberall, und man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Wir haben ein für allemal die Dinge bei ihrem Namen genannt, und das Weltall mag sein Geheimnis, das uns nicht interessiert, für sich behalten; wir werden uns nicht mehr verfolgen lassen. Der Tod? -- laßt uns lachen! --: eine Erfindung der Pfaffen. Und wenn es ihn schon wirklich gibt, so ist er ein Verhängnis, das so entfernt und unwahrscheinlich ist, daß man es nicht nötig hat, daran zu denken, und dann . . . bis dahin kann so mancherlei passieren; weiß man es denn?

Großer Gott, diese Menschenmassen! Woher kommen sie denn alle, diese Köpfe, dies wandelnde Gewirr von Globussen.

Er wurde nicht müde, alle diese Unbekannten zu betrachten, die plötzlich vor seinen Augen erschienen und sich in einer gänzlich von Menschen erfundenen Dekoration hin und her drängten. Nichts, rein gar nichts war hier von der primitiven Natur übrig, und doch hatte ohne Zweifel an dieser Stelle früher einmal ein Wald in seinem Dämmerzustand gestanden. Das wilde Tier hatte hier, gewiß oft von Jägern verfolgt, mit seinem Schrei das finstere Echo geweckt, und er dachte an einen alten Stich, der eine Auerochsenjagd darstellt. Eine ängstliche Hirschkuh hatte vielleicht hier mit ihren Jungen geschlafen, während der Mond die Wipfel der Bäume beleuchtete. Täglich sangen tausend Vögel, wenn der Hauch der Morgenröte sich erhob, und nachts war die wundersame Stille nur gestört durch das Brechen von Ästen, das die behaarten Ohren des Wildes und die traumschweren Schwingen der Vögel aufschrecken ließ. Nun aber sind da Steinpflaster und Häuser und der Horizont geradliniger Fassaden. Selbst der zwischen den Dächern sichtbare Himmel hat sein Geheimnis verloren, er ist geordnet, gleichsam gezähmt.