Part 4
Er sog den Duft ihres Haares ein und liebkoste ihren so zarten Hals; sie aber, an seine Schulter gepreßt, rührte sich nicht. Von fernher hörten sie das Rollen eines Zuges, den langhingezogenen Schrei einer Dampfpfeife. Ihre Seelen weiteten sich an der Entfernung, dann verflüchtigten sich die Geräusche, starben wie ein Röcheln hin, und das Mondlicht schien noch mit vermehrtem Glanz in die wiedergewonnene Stille zu gleißen. Lichtpünktchen glitzerten in den Büschen, winzige Strahlenbündel entstanden und erstarben auf der Wasserfläche des Sees.
Mit kaum wahrnehmbarer Stimme brachte er Worte hervor. Doch wie verloren in die Bilder des Traumes und Halbschlummers, blieb sie unbeweglich. In der großen Stille fürchtete er so sehr den Klang seiner eigenen Stimme zu hören, daß sein Gespräch erstarb. Er machte entfernte Anspielung auf seine Abreise, unhörbar atmete sie und antwortete nicht. Ein Wort, deutlich und scharf, stach plötzlich hervor. Beschämt schwieg er, es ausgesprochen zu haben. Das Schweigen wartete. Sie warf sich zurück und hob die Augen. Dieser Abend war der letzte Abend. Ganz leise sagte sie: »Es ist das letzte Mal.« Er antwortete nichts, denn schon quälte ihn der heuchlerische Gedanke, das Wort in die Stille, aus der es noch hervorstach, zurückzustoßen. Auch wollte er den Gedanken ersticken, der sich in ihm zu entwickeln versuchte. Er sprach und sprach, wiederholte noch einmal die Notwendigkeit seiner Abreise. Man erwarte ihn dort, er müsse fort, könne sich nicht weichlich in sein eigenes Glück einnisten. Man durfte nicht alles dem opfern, was nur so neben dem Leben hinging.
Dem Gefühl mußte man widerstehen, dem Verstand die Oberherrschaft sichern. Wohl verstanden . . . Gewiß . . . Er verlor den Boden und wurde ungeschickt, weil er ohne Überzeugung sprach.
Und haben wir denn nicht das Beste unserer Selbst getauscht? Was könnten wir uns mehr noch geben? Sie neigte zum Zeichen der Zustimmung das Haupt. Man erwartet mich dort. Ja, man wird sich schon über die Lässigkeit, mit der ich mich in Bewegung setzte, verwundern. Wie rasch doch die Zeit vergangen ist! Nun sind es schon zwei ganze Monate, seit ich da bin. Zwei Monate!
Ich werde alle die verlorene Zeit einbringen müssen . . . Verlorene Zeit . . . O nein, die Worte täten mir unrecht. Ich wollte sagen . . . aber du verstehst mich ja, du, die feinfühligste der Frauen?
Sie blieb still und schien ihn kaum zu hören. Mit welcher Ruhe nahm sie diesen Entschluß auf, der ihn jetzt schreckte. Wie wenig schien sie unter ihm zu leiden. Würde sie ihm auf seiner langen Reise auch nicht im geringsten nachtrauern? Hatte er die verbrachten Tage einem eitlen Schein geopfert, so weit sie mißbraucht? Ein bitterer Gedanke prägte sich in seine Züge ein. Doch nein, sie würde zittern, sich erregen, ihm in den Arm fallen. Er feuerte sich an, ihre Ruhe zu stören, und begann von neuem. Weil wir stark sind und es so gewollt haben, zerreißen wir lächelnd die leisen Bande, die uns vereinen. Wir werden nichts mehr gemeinsam haben. Du wirst selbst die Erinnerung an mein Gesicht verlieren. Wenn wir uns eines Tages begegnen, werden wir vorgeben, einander fremd zu sein. Wir werden uns nicht selbst betrügen und, allgemeine Gesetze verachtend, es verstehen auseinander zu gehen, wenn wir das Vergnügen erschöpft haben. Ich weiß nicht, was für ein Mensch ich später sein werde, und derjenige, der heute mit dir ist, hat keinerlei Recht auf jenen. Auch werde ich nicht anteilloser Zuschauer des Verfalles sein, der dem zerbrechlichen Bau deiner Schönheit droht. Ich trage von dir ein vollkommenes Bild, das die Zeit vergeblich schwärzen wird, mit mir fort.
Zorn entflammte ihn. Er verausgabte sich vor dieser stillen und abwesenden Frau. Verzweifelt konnte er aus seinem Kummer keinen Ausgang finden und verwundete sich an seinen eigenen Worten. Oh, daß sie doch spräche, daß sie ihm diesen Schrei entgegenschleuderte, den er mit aller Kraft ersehnte. Dieser Schrei, der aus ihrem auf immer gespendeten Sein entspränge und sie ihm für immer einen würde! War dies nicht wichtiger und wünschenswerter als alles andere? Wenn sie es zu wollen verstände, würde er nicht abreisen. Wenn sie sagte: Mein Freund, geh nicht fort, du bist ja in meinem Leben solch eine Notwendigkeit, daß ich mir ohne dich kein Dasein vorstellen kann. Meine Furcht und meine Freuden, all meine Gedanken und mein zu empfindsames Herz, all das, was ich bin, hat es so gut vermocht, in dich das Netzwerk zarter Wurzeln zu versenken und sich von dir zu nähren, daß ich wie eine Pflanze, die man abreißt, sterben werde, wenn du gehst. Du bist der stets gegenwärtige Gefährte, der Horizont, hinter dem es mir gleichgültig ist, ob Land ist oder nicht. Du bist an meiner Seite der Freund ohne Geheimnis, der immer bereit ist, die Gedanken zu empfangen, die sich eben in mir bilden. Du bist immer wieder der Beweis, aus dem sich mein Glaube nährt, der mich leben macht, und der Vorwand für jeden meiner Tage bist du! Mein Leben ist der Vasall des deinen, und ich lege meinen Kopf an deine Schultern, zum Zeichen meiner treuen Ergebung. Wie könnte ich ohne dich mich des Übels auf der Welt, und dem Tode anheimgegeben zu sein, erwehren? Nein, nein, du mein wachsamer Ritter, du wirst nicht ohne mich ziehen. Ich hänge mich an dich, ich werde dir durch alle Lande folgen. Ich hefte mich an deine Fersen, bis ans Ende der Welt.
Er berauschte sich heimlich an diesen Worten, die er so gerne aus ihrem Munde empfangen hätte. Er bemühte sich, sie hervorzurufen, und ließ gleichzeitig seinen Entschluß als unerschütterlich erscheinen. Er wollte, daß sie plötzlich aus unaufhaltsamer Notwendigkeit hervorbrächen und nicht aus der Fähigkeit, sich seinem Wunsche anzupassen. Aber das Beben seiner Stimme, das ihm für Augenblicke den Hals zuschnürte, verriet ihn. Vielleicht kannte sie seinen verzweifelten Wunsch und erwiderte ihn nicht? und er wiederholte sich: Sprich, sprich, du siehst ja schon, daß ich die Ketten trage, die du um meinen Körper legen willst. Soll ich hinknien, soll ich mich demütigen? Sprich, und wenn du es willst, werde ich geringer sein, als die Erde unter deinem Fuß. Gib nur ein Wort mir, ein armseliges Wort des Bedauerns vom Saum deiner Lippen. Durchdringe mein Schweigen, fühle mein Elend, das nicht Ausgang weiß. Warum habe ich diesen Abschied gewollt? War es nicht mein eigensinniger Hochmut oder mein geheimer Wunsch, der sie dazu gebracht hat, sie verführt hat, mich erst das ganze Ausmaß des Glückes erkennen zu lassen, das ich eben durch diese Handlung verlieren sollte! O du Spieler, den nichts verhindern kann, das Beste seiner Güter im verhaßten Spiel zu wagen. Freundin du, lies in meinen Augen! Laß mich nicht gehen! Ich bin schon jetzt in Verbannung geraten. Über den unendlichen Ozean trauere ich dir nach! O wie weit bist du, und ich werde dich niemals wiedersehen. Halte mich zurück, noch ist es Zeit. Eine schmerzvolle Traurigkeit überkommt mich, wie ich diese Einsamkeit dort drüben mir bereitet sehe. Liebe, kleine sanfte Freundin, höre mich doch!
Sie verharrt wortlos gesenkten Hauptes, scheinbar in Unkenntnis des Ortes und des Vorgangs. Kein Zweifel mehr, sie ahnt nicht einmal diesen Schmerz, der ihr so nahe ist. Er sah ein Zimmer vor sich mit vielen Tapeten. Eine Lampe verschmolz in warmer Helle die Dinge, Winter war es und Abend. Es war sehr kalt draußen. Sie las, nahe dem Kamin.
Tränen trübten seine Augen.
Seine Angebetete gab ihn auf. All seine Kraft verließ ihn und schien sich in die Erde zu verlieren. Schwach und ängstlich war er wie ein Kind. Er glaubte an nichts mehr. Er wünschte nichts mehr. Das einzige, was ihm irgend wert gewesen wäre, er hatte es nicht besessen. Er würde es nie besitzen. Die Welt schien ihm verabscheuungswürdig. Alle Erinnerungen des Lebens, die ihm wiederkehrten, stießen ihn bis zum Abscheu ab. Der Ekel malte sich in seinen Zügen. O wie war er der Welt müde, durch die so viele Menschen gegangen waren, in der so viele noch sich aufhäufen. O Welt, von aller Befleckung der gebrauchten Dinge gezeichnet, die du kein Plätzchen hast, das nicht die Spuren irgendeiner Anwesenheit aufweist, Erde, aus der die Reinheit verbannt ist, Erde, über und über beschmutzt mit Ungeheuerlichkeiten, Luft selbst, die ich atme, auch du vergiftet vom Hauch der Menschen und Tiere durch diesen schrecklichen Geruch des Magens! Azur, der jungfräuliche Azur, wie man dich nennt, auch du bist nach allen Richtungen durchstreift und durchnarbt von ihren schmutzigen Gedanken, wie fette Fleischsülze.
Er unterbrach sein Schweigen, um sehr leise zu sagen: »Die Nacht ist kalt, friert dich nicht?« Der Klang seiner Stimme war so seltsam, daß sie die Augen hob. Sie blieb lange nachdenklich und sagte, als ob sie laut weitersänne: »Gewiß, du hattest nicht das Recht, die Vergnügungen des Augenblicks deinen großen Hoffnungen zu opfern. Ich weiß, daß es wichtigere Dinge gibt, als die kleinen Fügungen unseres eigenen Lebens, und ich denke wie du, daß es gut ist, daß ein jeder von uns sich einen Teil für unbekannte Forderungen der Zukunft vorbehalte.« Wie sie sich seine Worte gut gemerkt hatte!
Er antwortete: Solch ein Glück, wie es immer wieder neu aus ihm erstand, forderte eben seinen Preis! »Aber meine Freude konnte nur aus der deinen entstehen. Die aber mochte spärlich gewesen sein.«
»Freund, o Freund!«
Er fühlte, wie sehr sie noch an ihm hing, und fühlte, wie sich eine Entspannung in ihm vollzog. Mit diesen süßen Gedanken würde er hinweggehen.
»Du nimmst mich ganz mit dir. Du läßt von mir nichts, als die Stätte der Erinnerung. Ich weiß, daß du mich mit jener Heftigkeit geliebt hast, die man nicht lange empfinden kann. Die Leidenschaft brennt, ohne sich aufzusparen. Auch ich liebte dich, du mein einziger Freund auf dieser Welt. Wie oft bin ich abends, ganz angekleidet, nach einer langen Träumerei, die nur von dir erfüllt war, eingeschlummert, vergaß die brennende Lampe und erwachte des Morgens durch das Sonnenlicht. Die ersten Tage werden sehr traurig sein. Kummervoll werde ich mich durch das Haus schleppen, in den Park gehen, um einem Phantom nachzujagen, und auf dieser Bank die Augen schließen, um dich zu sehen. O wie qualvoll die ersten Tage sein werden. Du tatest, was du wolltest. Ich mache dir keinen Vorwurf. Wenn es dir eines Tages gefällt, hierher zurückzukehren, wirst du mich so wiederfinden, wie du mich verlassen hast, immer noch deiner Laune ergeben.«
In langen Zügen erquickte er sich an ihren Worten, aber trotz alledem, es waren nicht die, welche er gerne gehört hätte. Sie sprach leise weiter. Er trank den Wohllaut dieser Stimme, die er niemals ohne Bewegung hatte hören können.
-- »Ich bin deinem Leben nicht unentbehrlich. Wie viele Jahre reicher Geschehnisse hast du erlebt, ehe du mich trafst. Du wirst ebenso schöne, ebensolcher Fülle erleben, wenn du mich vergessen hast.«
-- »Niemals werde ich wieder glücklich sein.«
-- »Die Nacht beginnt zu bleichen, und die Frische der Morgendämmerung durcheist mich. Sieh, die Nacht, die den Raum verläßt, ist das Ebenbild selbst des notwendig gewordenen Abschieds. Die Dinge müssen hinsterben oder sich verflüchtigen, damit andere erscheinen können. Der erste Tag, den ich allein zu leben haben werde, steigt bleich und trauervoll auf. Mein Gott, womit werde ich diesen ersten Tag erfüllen?«
»Wie werde auch ich ihn hinbringen? Nichts wird mir dies Glück aufwiegen, das sich durch dich unaufhörlich erneute.«
-- »Süß ist es, dein mitleidvolles Bedauern zu hören.«
-- »Es ist mein selbstsüchtigstes Bedauern.«
-- »Du hattest bisher immer über dich gesiegt!«
-- »Ich bin des Sieges über mich, das heißt gegen mich, müde. Ich beginne die süße Niederlage zu ersehnen.«
Er wußte, daß er feige das verlangen würde, was man ihm nicht gegeben hatte, und daß ihn daran nichts hindern konnte.
Trotzdem bemühte er sich, diesen Gedanken zurückzudrängen. Er suchte ihn zu ersticken, ihm zu entfliehen, aber jedes Wort, das er sagte, brachte ihn unwillkürlich näher. Er fühlte den Gedanken schwer und lastend werden in seinem unbeweglichen Körper. Um ihn an diesen Ort zu binden, fiel er unaufhaltsam langsam abwärts, wie der gewichtige Anker ins Meer hinabsinkt.
Er sagte:
-- »Ich habe schon an viele Dinge geglaubt und entsinne mich manchen Irrtums. Bin ich dessen wahrhaftig sicher, anderswo den wahren Weg zu finden? Kann man etwas vorausbestimmen, und soll man sich nur von der Vernunft leiten lassen?«
Er zitterte, während er sprach. Niemals war sie ihm so schön, seiner Liebe so würdig erschienen.
-- »Ich gehe . . . Wohin aber? . . . Ich weiß es nicht und habe nicht mehr die geringste Sehnsucht darnach.«
Seine Stimme senkte sich nach diesen letzten Worten. Alles war nun gesagt. Eine wollüstige Müdigkeit bemächtigte sich seines Körpers und Geistes.
. . . Zwei Wesen, so lange beflissen sich zu kennen, sich zu verschmelzen, konnten sie daran denken einander zu fliehen, da das Unermeßliche und unbekannte All sie in einem gemeinsamen Bedürfnis, sich gegen die öde Verlassenheit zu verteidigen, zueinander drängte?
»Du bist der Meister unserer beiden Schicksale. Ich bin nur das Echo deiner selbst, ich bin deine Sache. Bestimme denn.«
Sie legte ihren Arm um seinen Hals und lehnte ihr kühles Antlitz gegen das seine.
Er verleugnete alles, was ihn vordem begeistert hatte. Fortgehen sollte er? Das Liebste, was er hatte, verlassen und sich ärmer denn je wiederfinden! Die Welt durchwandern, Erinnerungen häufen, als ob er nicht schon genug mit sich schleppte! Er spottete der großen Arbeiten, der Eroberungen, des Ruhmes. Es gab genug Werke zur Befriedigung der Menschen. Und konnte er nicht überdies neben ihr im glücklichen Frieden ihres Daseins seine Seele besser als irgendwo von dem befreien, was ihn bewegte, Tag für Tag ein unvergleichliches Werk verrichtend? Aber von dem allem abgesehen, wog nichts die höchste menschliche Freude auf, nur in ihr zu verharren. Die ersten Pflichten, waren es nicht die gegen sich selbst und dann gegen die, die ein Teil seines Selbst ausmachte, da ihr Schicksal an das seinige gebunden war. Er würde bleiben.
O keusche Freundin, wie bist du schön in dieser Nacht! Wie konnte ich daran denken, dich zu fliehen. Seite an Seite werden wir bis zum letzten Tag verbleiben, wir werden auf unserem Antlitz diese Erleuchtung tragen, die der Tod nicht auslöschen wird. Ich werde dich an der Hand nehmen und mit dir die Welt durchlaufen. Wir werden dieselben Seltsamkeiten erleben, und dieselben Eindrücke sollen uns bewegen. Unter fremden Rassen werden wir uns noch enger aneinander geschlossen fühlen. Der nächste Winter wird mit dir verbracht sein und das Frühjahr und all die kommenden Jahre.
Die Sterne erloschen allmählich. Die wieder erweckten Dinge trugen die Farbe des Traumes und des Todes. Sie hielten sich umschlungen und sahen den Tag herandämmern. Sie war beglückt, aber in ihm blieb ein leiser Geschmack von Niederlage bestehen. Er hatte diesen großen Schrei, der alle Entschlüsse umwirft, nicht erlebt. Er selbst hatte es nicht verstanden, dieses Wunder heraufzubeschwören.
So hatte er denn seine Ansprüche vermindern und schüchtern um ein Almosen betteln müssen. Alle Kosten des Festes hatte er getragen; er scheuchte diese Gedanken und wiegte sie in zärtliche Worte ein, um sie zu betäuben. In dieser Schwäche, wie sie ihn zuweilen befiel, sprach er, über sie gebeugt, unaufhörlich weiter. Sie lächelte und hob von Zeit zu Zeit ihre Augen zu ihm auf. Seine Stimme wurde leiser. Ein Kamm entfiel ihr, als ihr Kopf sich ein wenig mehr neigte. Da verstand er, daß sie eingeschlafen war. Ein langsamer, regelmäßiger Atem hob ihre Brust.
Er betrachtete sie wie eine Unbekannte.
War es wirklich diese hier, gab es nicht anderswo eine Vollkommenere, eine andere, die ihm diesen unschätzbaren Beweis gegeben hätte.
Die Morgenröte stieg herauf. Ein rosiges Leuchten durchzog die Höhen des Himmels. Ganz nahe blies die Sirene eines Schiffes.
Der Name des Kontinents, den er zu bereisen sich vorgenommen hatte, brannte in seiner Stirn. Eine Stadt, die in der Glut des Juli brodelte, erfüllte sein inneres Auge. Mit allergrößter Vorsicht und Sorgfalt verließ er seine süße Bürde; sie schlief immer noch. Er lehnte sie an den Baum, der hinter der Bank stand, und erhob sich langsam ohne Geräusch. Er setzte einen Fuß vor, dann den andern. Leise streckte er das Bein, machte einen Schritt. Um seine Arme legten sich Stricke. Sein ganzer Körper bebte. Eine Schwere wollte ihn unbeweglich machen, aber eine unbesiegbare Kraft stieß ihn nach vorwärts. Wie ein Blinder streckte er die Hände vor sich aus.
Jede seiner Bewegungen war ein Losreißen, seine Füße hatten starken Widerstand niederzudrücken, als ob er durch Wasser ginge . . . der Atem ging ihm aus. Ein belaubter Ast streifte ihn; er blieb stehen und ging dann wieder, so kam er durch die ganze Allee, dann durch eine nächste und schließlich schon mit festem Schritt durch eine dritte. Er öffnete das Gitter, das schrecklich kreischte, begab sich auf die Straße und begann, die Hände fest an die Ohren gepreßt, damit er nichts höre, zu laufen, um das Schiff nicht zu versäumen, das bald abfahren sollte.
ÜBER DEN TOD EINES KINDES
Ein großer Schrei erschreckte das Kind inmitten seiner Träume. Es horcht. Nichts . . . Dämmerung und Stille und der Pulsschlag der Uhr. Wie spät kann es sein? Zwei Uhr? Drei Uhr? Es hört im Nachbarzimmer umhergehen und denkt an seinen kranken Bruder, der seit acht Tagen dort liegt, denkt an das unterbrochene Spielen, an das veränderte Leben im Haus.
»O, mein Gott! Ich flehe zu dir, nicht dies! Nur dies nicht!« Er erkennt die Stimme seiner Mutter, aber ihr verzweifelter Ausdruck erschreckt ihn. Was ist geschehen? Von Angst durchschauert springt er aus seinem Bett. Er horcht, das Ohr an die Mauer gepreßt. Nichts mehr? Sein Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit, er erkennt die Dinge. Er geht ans Fenster und hebt den Vorhang. Es sind einige Sterne am Himmel, und die wandernden Wolken verbergen sie für Augenblicke. Grau ist die Landschaft. Alle Gärten schlafen. Der weiche, leise Wind wiegt die entblätterten Bäume.
Ihn friert, er kehrt ins Bett zurück, bleibt aber aufrecht sitzen, weil er jenseits der Wand Wimmern und Schluchzen hört. Das Geräusch eines fallenden Stuhls und das Öffnen einer Tür läßt sein Herz sehr rasch schlagen; die Klinke bewegt sich, die Tür seines Zimmers öffnet sich nun auch. Seine Mutter erscheint. Sie nimmt ihn in ihre Arme und drückt ihn fest an sich. »Mein Kleiner! Mein Kleiner!« Dann hüllt sie ihn in einen Schal und trägt ihn ins andere Zimmer. Das Kind versucht zu sehen. Das Lampenlicht schmerzt ihn in den Augen. Von Schluchzen durch und durch geschüttelt, neigt ihn seine Mutter seinem Bruder zu, dessen Augen blicklos geworden sind. Ein rasches Röcheln kommt aus seinem halbgeöffneten Mund: »Küß ihn, und sag ihm adieu; er geht von uns, du wirst ihn nicht mehr sehen.« Das Kind bricht in Schluchzen aus und weint so, wie es noch nie geweint hat. Ohne viel zu begreifen, schreit es aus Angst, indem es bald seine im Schmerz gebrochene Mutter, bald den im Bett hingestreckten Körper, dessen aufgequollener Leib die Decke wölbt, anblickt.
* * * * *
Bleich färben sich die Fensterscheiben. Nachdem er im Fauteuil geschlafen hat, öffnet er plötzlich die Augen. Wo ist seine Mutter? Hat sie ihn mit dem Toten allein gelassen? Das Kind hat solche Angst, daß es sich keine Bewegung zu machen getraut. Es könnte ihn sehen, wenn es ein wenig den Kopf wendete, aber dieser bloße Gedanke erfüllt es mit Furcht. Eine Kerze, deren unbewegliche Flamme wie der Stahl einer Lanze aufragt, vergoldet das Antlitz des Leichnams. Er schaut auf das Fenster, der Ast eines Kastanienbaumes bewegt sich vor den Scheiben. Alle Menschen schlafen noch, und kein Geräusch kommt aus dem Hause. Er hört auf das Zinkdach Tropfen fallen. Der Regen beginnt von neuem. Seit acht Tagen hat er kaum aufgehört. Gestern hat seine Mutter gesagt: »Wir haben einen verregneten März.« Sie hat es gestern gesagt, und es ist ihm, als wäre es lange schon her, daß er diese Worte gehört. Diese Nacht, in der er mit offenen Augen denkt, ist nicht wirklich wie andere Nächte. Sie ist einzig in seinem Kinderleben. Jäh ist er erwacht, die Nacht hatte keinen Anfang und kein Ende.
Das Kind horcht in die Stille; es ist ihm, als werde es sowohl vermöge seiner Augen als seiner Ohren durch ein Raunen von Erinnerungen überflutet. Dann läßt es seine Blicke schweifen. Der Schatten, der die Winkel des Plafonds einhüllt und sich unter den Möbeln anhäuft, ist nicht von dieser Art Schatten, die es bisher gekannt hat. Er weiß von allerlei, vergrößert die Stille, lebt sein Leben. Es ist, als ob die Dinge mit Gewalt ruhig gehalten würden, sie scheinen von einer innern Kraft besessen, die sie verzerrt. Der Regen fällt zur Erde, und die Nacht blaut mehr und mehr. Das Kind hört Pfiffe und fernes Rollen. Was werden die andern zu dieser Nachricht sagen? Die in der Schule? Wie man ihn ansehen wird! Auf der Stiege hat man eine Tür geschlossen; mit aller Kraft horcht er hin. Wo ist denn seine Mutter? Wird sie nicht kommen, ihn zu befreien? Oh, wie würde er aufatmen, wenn er plötzlich an die Eingangstür gelangen könnte! Aber da müßte er sich bewegen, Lärm machen, Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er müßte das ganze Zimmer durchschreiten, dann noch das unbeleuchtete Speisezimmer, und »er« würde hinter seinem Rücken sein. Er könnte sich vielleicht an ein Möbel stoßen, weiße Gestalten in der Küche erblicken. Wenn er da blieb, beherrschte er sie, beobachtete sie, ohne sich den Anschein zu geben. Wenn er aufstünde, würde nicht der Bann gebrochen werden und er in seine Macht fallen?
So denkt er eifrig, ohne sich zu regen. Allmählich nimmt ihn wieder der Schlummer gefangen. Sein Bewußtsein geht leise unter zwischen Erinnerungsbildern aus der Geschichtsstunde. Doch, o welche Erleichterung, er hört einen Schlüssel umdrehen. Stimmen, Schritte. Seine Mutter ist es mit Leuten . . .
* * * * *
Es ist nicht spät, sieben oder acht Uhr vielleicht. Den ganzen Tag über ist es dunkel gewesen, und nun ist schon völlig Nacht. Zerstreut hüpft das Kind über die Stufen und ist, über das Gitter sich vorbeugend, an das Ende der Treppe gelangt, die von Wasser und Kot beschmutzt ist. An der Loge des Hausmeisters ist es auf den Knien vorbeigerutscht, um nicht gesehen zu werden, dann war es laufend auf die Straße gelangt.