Part 3
Nun näherte er sich. Hier war es, wo er im dichten Gras, unweit des Grenzsteines, auf den er sich, um zu lesen, gesetzt, eine kleine Schere verloren hatte, ein Andenken, das ihm lieb war, und während er so hinging, forschte er das Dunkel ab. Das Glockengeläute kam bis zu ihm heran. Er erbebte: schon so nahe war er! Da hatte er Angst, und seine Brust schnürte sich zusammen. Er horchte erschrocken. Ein Begräbnis oder eine Hochzeit? Wer kann das unterscheiden! Als er klein war, hatte er, zum Fenster hinausgelehnt, oft diesen Glocken gelauscht. Er war nur Kind gewesen, und schon hatte Unzufriedenheit in seinem Gemüt gewohnt. Die Stirn an die Scheiben gepreßt, hatte er bei Einbruch der Nacht die Bäume, hauptsächlich jene Akazie betrachtet, die sie alle überragte. Die Gärten waren voller Schatten gewesen, und wenn er die Augen hob, hatte er die Unendlichkeit grenzenlos vor sich herfliehen gefühlt. Anders als mit dem Gedanken hätte er diesen Raum füllen wollen, über den Hügeln schweben mögen, um für immer sein Leben jenem Zentrum des Weltalls zu verschwistern, das seine Augen und sein Instinkt da oben im funkelnden Himmel errichtet hatten. Er hatte vor Traurigkeit gefroren, ein so Geringes gegenüber dem Großen zu sein, das er ahnte. Seine Mutter hatte ihn dann gerufen: diese gütige Lampe, die willkommenbietende, der Anblick der vertrauten Möbel beschwichtigten bald in ihm die Bedrückung, die die Weite und der Abend ausgeströmt.
Seither hatte er den Vorsatz und dann die Gewohnheit angenommen, sich zwecklose Betrachtungen zu untersagen. Die Stadtglocken beunruhigten ihn längst nicht mehr, und er verhöhnte böse jede romantische Schwermut. Wenn es ihm dennoch manches Abends widerfuhr, unbeweglich im Dunkel am Fenster zu sitzen, bis er allmählich alle Erdenschwere verlor, so geschah dies in einer fortgesetzten Steigerung seiner Seele nach oben, in einem Aufschwellen seines ganzen Wesens, das nach jeder Rückkehr in sich selbst die Fülle der Gegenwart wieder entdeckte.
Vor ihm strahlten Lichter auf. Dies war der Marktflecken, den seine Mutter bewohnte. Von seiner Höhe überragte er ein ganzes Gebiet von Ebenen, Flüssen und weißen Landstraßen. Die Häuser wuchsen mit dem Felsen zusammen, der sie trug. Die Kirche war ganz oben, Gott so nahe als möglich.
Er kam durch einen Garten, wo Wäsche aufgehängt war. Die Unzahl der Sterne machte den Schatten durchscheinend, und man sah, wie die Grashalme sich regten. Er vernahm ein Geräusch. Ein ihm unbekannter Hund sprang aus seiner Hütte, schnupperte an ihm, ohne zu bellen. Eine große Angst übermannte ihn. Mit jedem Blick in diesen Garten, der ihm so vertraut gewesen, lächelte ihm eine Erinnerung, die in seinem Gedächtnis schlummerte. Die Dinge schienen ihm da so voll von einem verborgenen, fremdartigen Leben, das er nie vermutet hatte. Er hielt inne, und sogleich ward er der unendlichen Stille der Nacht in all ihrer Größe bewußt. Ja, vielleicht war es die Gewalt dieser Ruhe gewesen, die seinen Schritten Einhalt geboten. Lange sog er den Duft ein, dem die Kühle der Stunde eine unirdische Reinheit verlieh.
Als er die Hand auf die Türklinke legte, kam wieder alle Angst über ihn. Irgend etwas ging für ihn von dieser Tür aus, eine Art feindseliger Gegenwart. Er öffnete die Tür, durchschritt den von einer Petroleumlampe erhellten Gang und stieg die Treppe hinan. Der staubige Althäusergeruch erweckte manche Erinnerung in ihm. Vom ersten Stock vernahm er Kinderlachen, und er blieb stehen, weniger um zu horchen, als um einen Augenblick noch zu zögern. Sein Herz schlug sehr stark, und eine plötzliche Müdigkeit machte seine Knie zittern. Aus Furcht, überrascht zu werden, schritt er weiter. Die zweite und letzte Lampe des Stiegenhauses ward sichtbar. Da sie qualmte, drehte er sie herunter. Bei jedem Schritt wurden ihm die Schuhe schwerer. Er blieb oft stehen und sah, die Hand auf dem Gitter, in den Schacht der Treppe oder in sich selbst hinab. Wieder durchlebte er seinen nächtlichen Traum, der gewiß tragischer war als alle Wirklichkeit. Sicherlich hatte er noch große Angst vor dem, was er gesehen hatte, aber bald hatte er sich wieder in der Gewalt; und wenn er es ersehnt hatte, seine Mutter zu sehen, so geschah das aus Gründen, die schließlich mit jener nächtlichen Episode nichts zu tun hatten. Eine Gewißheit würgte ihn jetzt. Er würde eine bedrückende Nachricht vernehmen. Aber was? . . . Was? . . . Oh, was denn nur?
Aber dies geruhsame Haus, in dem gelacht wurde, schien kein solches Drama erlebt zu haben. War indes dieser Friede, einzig von der Unterhaltung der Kinder unterbrochen, nicht ein neuer Beweis? Er stellte sich in diesem Augenblick die Wohnung seiner Mutter vor. Fremde gingen von einem Zimmer ins andere und sprachen mit gedämpften Stimmen. Von neuem erschien ihm ein quälendes Bild. Auf den Fußspitzen stieg er die letzten Stufen empor. Er horchte, an die Tür gedrängt; unten ging wieder das Lachen an. Seine Brust war ihm wie in zu enger Kleidung eingeschnürt, sein Hals, wie umdrosselt, tat ihm weh. Er strich über die Tür hin, denn es war eher ein Streichen als ein Klopfen und ein so leises, daß kaum die ängstliche Schwinge eines Vögelchens davor erschrocken wäre. Er wartete. Nichts. Er war darüber froh, bedeutete es doch eine Gnadenfrist. Da er nun alles erfahren würde, hatte er keine Eile. Er atmete leise, mit Methode und besonderem Genuß, so wie man etwas kostet, das man liebt. Es war finster, aber wenn er den Blick hob, sah er durch eine Scheibe ein großes Stück gestirnten Himmels und erkannte das Sternbild der Kassiopeia. Wie Wasser vom Springbrunnen fiel die unendliche Stille von den vier Türen des Flures, und er blieb unbeweglich stehen, über sich das Raunen nächtlicher Mächte. Er wußte wohl, daß man sein Klopfen nicht gehört haben konnte, aber er wartete noch, um die Zeit, da noch Zweifel gestattet war, auszudehnen. Dies dauerte kaum einige Sekunden. Nun klopfte er entschlossen und erschrak über das Geräusch. Da rührte es sich, man kam. Die Tür wurde geöffnet, und ein großes Viereck von Licht fiel in das Dunkel. Seine Mutter stand vor ihm. Er zitterte vor Staunen und konnte kein Wort hervorbringen.
»Du bist es!« sagte sie mit leisem Zurückweichen. Und als er mit gesenktem Kopf verharrte: »So tritt doch ein.«
Sie hatten kaum zwanzig Worte miteinander gewechselt.
Seine Mutter hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen und nähte unter der Lampe. Sie beobachtete eine scheue Zurückhaltung und wartete auf die Worte, die er hartnäckig unterdrückte, wie man auf einen Chok wartet. Und sie sammelte ihre Gedanken zum Widerstand.
Er saß abseits vom Tische. Die Lampe, deren tütenförmiger Schirm das Licht dämpfte, beleuchtete nur seine Hände und Knie. Sein ganzer Oberkörper verlor sich im Dunkel, das der unsichtbare Plafond nicht aufhielt. Und für Augenblicke floh er in dies Dunkel so tief und lange hinein, daß das Zurückfinden in dies Zimmer, in dem er saß, und vor diese Dinge, in die Wirklichkeit dieser Lampe, für ihn das Erlebnis einer tatsächlichen Rückkehr bedeutete. Seine Mutter war da. Er konnte ihr stilles Antlitz betrachten, ihre schönen grauen Haare, ihre hellen Augen, die unmittelbar ihre ganze Seele ausdrückten. Von der Lampe strahlte eine stille Glückseligkeit aus, und wenn er den Blick ihr zuwandte, war er von einem unvergleichlichen Wohlsein umfangen. Er rekelte sich vor Zufriedenheit. Im Geist sah er die Gesichter seiner Freunde. Nie hatte er sie so geliebt. Er lächelte ihnen zu, als ob sie gegenwärtig wären. Wie freudig hätte er jenem, der ihm so viel Übles angetan, jetzt einen festen verzeihenden Händedruck gespendet. Sein ganzes Wesen zerschmolz im Verlangen, gut zu sein.
Er hatte einen lächerlichen Traum gehabt. Seine Mutter! Seine gute Mutter, die er so sehr liebte! Er konnte sich nicht satt sehen an ihr. Selbstsüchtig genoß er seine unbegründete Angst. Er schob den Augenblick des Gefühlsergusses hinaus, ja, er bedurfte nicht mehr dieser Entladung.
Nur mit den Lippen antwortete er auf die Fragen, die ihm seine Mutter stellte, ohne daß hinter seinen Worten sein heimlicher Gedankengang unterbrochen wurde.
Aber einen Augenblick schwieg er so andauernd, daß seine Mutter ihn ansah. Und da er seiner Tränen sich nicht mehr enthalten konnte, da ein unüberwindliches Schluchzen seinen Hals aufschwellte, streckte seine Mutter ihm die Arme entgegen: »Lieber Junge! Dir ist vergeben, weil du heimgekehrt bist.«
Und er verschwieg seinen Traum.
ABSCHIED
Er öffnete vorsichtig das Gitter und betrat den Park. Unbeweglich leuchtete das Laubwerk im Mondlicht. Alle Dinge waren in Traum entrückt, der Wirklichkeit beraubt. Und der Kronlüster des Himmels trug auf seinen tausend Armen so viele helle Flammen, daß der junge Mann, als er den Kopf hob, ihn wieder demütig senkte, so sehr überwältigte ihn das Licht. Nichts gemahnte an die Menschen. Der Weltenraum hatte selbst die Erinnerung an sie verloren. Sie waren in die Geschichte zurückgesunken, aber in der Stille spürte man dennoch etwas von ihrem Schlummer, der nicht grundlos sich durch ihren versiegelten Mund und ihre ruhenden Körper kundtat.
Der nächtliche Besucher ahnte irgendwie, daß dieser Stunde nichts Körperliches gestattet war. Seine Gegenwart in ihr hatte etwas Unerlaubtes, das ihn seltsam wach hielt. Als einziges Lebewesen mit offenen Augen in solchem Erdenwinkel, fühlte er sich in dieser unendlichen Nacht hellsichtig und so unruhig, wie wenn man Verrat übt an einer Versprechung. Er war sicher, irgendeine Majestät zu verletzen und mit seinen unwürdigen Schritten eine heilige Stätte gestört zu haben, über der ein Verbot schwebte.
Aber die Bewegung, die sich in ihm regte, hieß ihn alles für das Wunder dieser Stunde einsetzen.
Er erreichte die ihm so wohlbekannte kleine Allee, die, von Taxus mehr als mannshoch eingerahmt, ins Dunkel mündete.
Die Erde war weich, und seine Schritte verursachten keinerlei Geräusch. Durch das Dickicht erblickte er eine Lärche, schwarz gegen den Rasen gestellt, ihr Wipfel schimmerte silbern im Mondlicht. Sie war unbeweglich, als hätte sie endlich das vollkommenste Gleichgewicht erreicht, das sie so lange im Hin- und Herwiegen gesucht.
Das Haus stand wie ein schweres Schiff in die Stille verankert. Rings kein Mensch. Der ganze Park, die Wälder, die Ebenen in der Ferne, der leuchtende Himmel, sie alle erschöpften sich in einer unübersteiglichen Trauer um ein fernes Wesen. Er setzte sich auf die Bank in der verschatteten Allee. Eine große Rasenfläche trennte ihn von dem mondbeschienenen Haus. Alle Läden waren geschlossen. Die Glasscheiben der Türen leuchteten durch die Eisenstäbe. Die Schornsteine gaben keinen Hauch mehr.
Warum war sie noch nicht da? War sie inmitten ihrer Träume eingeschlummert? (Eine Redewendung, die ihm lieb war, entstieg dem Halbdunkel seines Erinnerns.)
»Wie ein Sänger in unsagbarer Schwermut, Inmitten seiner Lieder, den Tränen erlag.«
Auf dem sehr dunklen Weg, der den See umsäumte, bemerkte er das Phosphoreszieren eines toten Fisches, und seine Gedanken nahmen eine andere Richtung.
Die große Stille der Nacht wirkte immer weiter, als gebäre sie sich endlos aus sich selbst.
Warum, warum kam sie noch nicht? Seit dem Vorabend waffnete er angesichts des Ereignisses seinen ganzen Wortschatz. Nun begann dieses Warten seine Vorbereitungen zu zerstören. Durch das häufige Wiederholen der Worte, die er sich zu sagen vorgenommen, verwirrten sie sich allmählich, und schon zweifelte er an ihrer Wirksamkeit. Wie um ihr Kommen herbeizuzwingen, erhob er sich ungeduldig, machte zwei Schritte und ließ sich auf die Bank zurückfallen. Er litt. So würde er also nicht mehr genug Zeit haben, um mit Muße diesen letzten Abschied zu genießen, nicht mehr genug Augenblicke an ihrer Seite verbringen. Es verlangte ihn, sie noch sehr lange anzusehen. Und wie viel hatten sie einander noch anzuvertrauen! Wer weiß, was er noch alles hören, welche einzigartigen Augenblicke er noch erleben würde! Nun wußte er kaum, warum er sich zu reisen entschlossen hatte. Je mehr die Lösung herannahte, desto mehr verwunderte er sich, sie erwünscht zu haben und daß er selbst es gewesen, der mit Geschick ihre Notwendigkeit erwies. Wie leicht war ihm der Sieg geworden! Nun folterten ihn wirre Wünsche. Ehe er ging, wollte er wissen, ob denn wirklich im Grunde ihrer Seele Bedauern war. Ein letztes Mal noch konnten sie einander ihre geheimsten Gedanken ausliefern. Sie würden beide völliges Reinemachen in ihren Seelen halten. Natürlich war dies nur eine Genugtuung, die er sich verschaffen wollte, das Ergebnis einer dunklen Unruhe, die in ihm wühlte. Denn nichts mehr konnte ihn hindern abzureisen. Das Boot, das ihn entführen sollte, lag unweit verankert. Der Atem des Meeres flog bis zu ihm heran, die Seeluft salzte seine Lippen. Wenn die Nacht sich über einen neuen Tag gesenkt hat, wird er schon weit weg und alles zu Ende sein. Seine dunkelsten Gedanken werden ihm wiederkehren, und von neuem wird er diesen großen Ekel empfinden, der ihm so wohlbekannt ist. Er wird es verwünschen, der Einsame zu sein, der, dem häuslichen Leben feind, sein höchstes Vergnügen darin findet, immer wieder kaum genossenen Wonnen zu entfliehen. Wie ein Schleier wird die Traurigkeit hinter ihm herwehen, dann aber werden erlebnisreiche Tage folgen. Er war im Vergessen erfahren. Diesmal zwar hatte es ihn tief gepackt. Aber die Reise forderte ihr Recht. Diese Frau und der Ort hatten alles gegeben, er selbst alles genommen und selbst alles gegeben. Andere Tage, andere Geschehnisse warteten nun seiner. Wie in früher Zeit würde er an sich und die Dinge denken können, frei ohne Bindung, allen Zufällen bereit, andere Städte, andere Länder, andere Wesen schauen. Er wird den Klang neuer Stimmen kennen lernen. Da er nirgendwo von irgend jemandem erwartet wurde und an nichts gefesselt war, durfte er sich hoffnungsfreudig für alles erwärmen, aller Gemeinsamkeit und allem Gefühlsüberschwang sich erschließen, grenzenlos sich von neuen Wünschen treiben lassen.
Und die Vielfalt des Universums kreiste hinter seiner Stirn.
Ein Teil seines Selbst war in diesem Hause gefangen. Er würde es befreien und singend von dannen ziehen. Er hatte rasch das Sklaventum der Gewohnheit durchschaut, aber sich feige abgekehrt vor all dem, was er zerstören mußte, um sich zu befreien. Eines Tages schließlich hatte er sich gesagt: Was tue ich hier? Wie hat sich dies begeben? Er verstand, daß er hier die Freude und ihre Hilfsquelle erschöpft hatte. Er blieb aus Lässigkeit, wie einer, der unbeweglich auf dem Platze verharrt, zu dem ihn irgendein Antrieb versetzt hat. Da er von den Renten der Leidenschaft lebte, erwartete er nur mehr Zahltage. »Es ist gut, daß ich reise,« spottete er. »Ich bin ja frei, ich habe nichts versprochen, ich habe keine Schwüre getauscht.« Diesen Gedanken hielt er fest, er erleichterte ihn. »Wahrhaftig, wir haben einander nicht das geringste Versprechen gegeben.« Vom ersten Tage an mußte sie diese Lösung vorausgesehen haben. Außerdem hat sie die Notwendigkeit der Trennung begriffen, sie ohne den geringsten Vorwurf entgegengenommen.
Wenn er an die Zukunft dachte, an all das, was ihm noch bereitet war und was er noch nicht besessen, litt er vor ungeduldiger Erwartung. Er dehnte sich ins Unbekannte hin. Diese unausgesetzte Spannung und dunkle Anziehung war ein Teil seines Wesens. Niemals war er ganz in der Wirklichkeit der Dinge, aus denen sich sein gegenwärtiges Leben zusammensetzte. Selbst wenn er mit anderen Menschen sprach oder Taten vollbrachte, die scheinbar die ganze Aufmerksamkeit seines Geistes beanspruchten, ließ er den größten Teil seines Wesens anderswo umherschweifen. Er redete Worte, indes seine Augen sorgsam das Antlitz des Fragenden musterten, und zu gleicher Zeit entführte sein Geist ihn zu anderen Visionen.
Zuweilen wurde dies Bedürfnis, seinem inneren Ruf zu folgen, so unwiderstehlich, daß er sich tatsächlich ganz allmählich von dem Ort entfernte, den sein Körper eben einnahm. Sein Partner, der gewahrte, daß ihm nicht mehr zugehört wurde, stellte das Sprechen ein. Erst viel später bemerkte er selbst das Schweigen.
Er schien nur in der Erinnerung oder Vorausahnung zu leben. Seine Gegenwärtigkeit, seine lebendige Seele zauberte sich ein lautlos durch nächtliche Landschaft dahinsegelndes Fahrzeug vor, dessen Fahrgäste alle in Träumen lagen.
Er wußte, daß er sich niemals irgendwo würde festsetzen können. Sein Geist hatte eines Tages einen Traum begonnen, den er nicht zu Ende führen sollte. Von Zeit zu Zeit würde er innehalten, um ihm nachzusinnen, zu kurzem Ausruhen die Augen aufschlagen und dann wieder wie von der Strömung eines Flusses erfaßt und hinweggetragen sein. Mächte seines inneren Menschen hatten ihn immer gehindert, sein ganzes Wesen hinzugeben. Ein Teil seiner Persönlichkeit blieb der Mitteilung verschlossen. Niemals würde ihn jemand kennen lernen, wie er war. Ja selbst neben jener, die er so sehr geliebt, hatte er im Überschwang der Hingabe, gleichzeitig mit dem großen Wunsch, sich in ein anderes Wesen zu versenken, in Augenblicken stürmischster Leidenschaft empfunden, daß ein Teil seines Selbst stumm und kraftlos verharrte und gleichsam seinem Abenteuer fremd blieb. Kein Mensch, den er gekannt und mit dem er verkehrt hatte, konnte die Schwelle seiner Seele übertreten. Der Mittelpunkt seines Wesens lebte geheimnisvoll in dunklen Tiefen. Er schwor oft jene Zone tätigen Lebens herbei, die er selbst kaum kannte und in der sich ein wundersames Leben entwickelte.
Er betrachtete das Haus, nichts regte sich. Wieder nahmen ihn seine Gedanken gefangen.
Vorhin hatte er ein wenig Trauer, ein unbestimmtes Bedauern empfunden. Jetzt frohlockte er, und Trunkenheit begeisterte ihn. »Dies ganze Leben, das noch nicht niedergeschrieben ist!« dachte er. Bewegung, Zeit, die sich verflüchtigt, alle Dinge wandelnd, Glück, ein Mensch zu sein, rastlos durcharbeitet, ein Mensch, dem jeder Tag etwas nimmt und beschert! O Baum, der nicht endet im Wachstum, o Buch, in dessen zahlreichen Kapiteln endlos die Lösung hinausgeschoben ist. Nichts Abgeschlossenes bin ich, wie ein Kadaver, der zu letzten Grenzen gelangte. Zwischen meinem lebendigen Sein und den Gefilden, in denen sich mein eigenes Drama abspielt, hört der Zusammenhang nicht auf. Wie ein Quell eng von Pflanzen umschlossen, sprudle ich zwischen den Menschen. Ich setze mich mit jener eigensinnigen Regelmäßigkeit kraftvoller Meteore fort. Der kommende Tag ist mir immer ein Fenster, das sich leis auf Täler öffnet, eine Türe, die sich auf- und zutut, um einen Lichtstrahl einzulassen, den die Augen der Menschen noch nicht geschaut haben.
Möge der Atem des Weltalls ohne Unterlaß meine Einsamkeit umflügeln. Peitscht mich, ihr großen Stürme! Nichts wird jemals stark genug sein, in ein Zimmer mich zu sperren und über mich den Deckel fallen zu lassen. Ich bin die Spule, die einen Faden nährt, der endlos sich abwickelt.
Selbst mein Schlaf, in dem farbige Lichtbilder kreisen, ist nur Anschein der Ruhe.
Brenne du mein Leben! Steile und klare Flamme du, sei um sich greifendes Feuer! Stärke, Kraft du, ganz bereit, sich auszugeben, Ungeduld zu leben, all die Jugend, all dieser Schwung, für einen Körper, der zu klein ist, all dies zu fassen!
Wie langsam doch alles hinlebt und wie langmütig die Folgen aller Dinge sind. Wie doch der Weg zu dem, was verheißen, voll Schlaftrunkenheit ist! Alles verwirklicht sich so langsam, daß die Bewegung selbst unsichtbar wird, und das ganze Universum für Augenblicke eine bewegungslose Ausdehnung zu sein scheint. Hatte er nicht zuweilen das mächtige Verlangen, den Gesetzen dieses Wachstums zu entrinnen, sich durch seine Maschen zu winden, die Zeit zu überschreiten, mit einem Schlage die ganze Wirksamkeit zu erschöpfen, das ganze Kapital zu realisieren? Oh, nicht mehr von einem Tag zum andern übergehen in weichlichem Hinausschieben und Hindehnen, sondern plötzlich sein, aufrecht und bereit, ein Mensch, der neu aus sich selbst hervorsprudelt.
Aus dem Herzen der reglosen Nacht sandte mit einemmal der nächtliche Sänger, wie zum Vorspiel, einige Rufe.
In der Seele des Menschen, der sich da befand, tat sich eine weite Stille auf. Das Ohr in das Dunkel gewandt, sich seiner ganz zu erlaben, horchte er dem wunderbaren Gesang. Der Vogel ließ einige Noten fallen und hielt inne, bald drängten sich die Töne und reihten sich nun ohne Unterbrechung aneinander. Sie waren voll und wohlklingend, und der ganze Park schwelgte mit ihnen. Aus dem Dunkel stieg der Sang gegen die Helle, und die große Stille der Nacht tauchte ringsum alles in Reinheit. Das pathetische Schluchzen stieg von den Bäumen, der Erde, von den Wassern auf. Es wußte um die Märchenträume, die Wassertiefe, die Macht der Säfte. Alle Blätter zitterten darauf, es zu hören, aus der heißen Erde strömte es in die Sommernacht, drang längs der verzweigten Äste hinauf, entriß alle Pflanzen ihrer Schlaftrunkenheit, nährte sich von ihrem Mark, um dann rasch und stark, wie die großen Wasserfälle, in einem Satz die kühnen Wipfel der höchsten Pappeln zu überspringen, in den heiteren Höhen des erleuchteten Himmels sich zu verlieren.
Die Seele des jungen Menschen weitete sich mächtig. Er wuchs in seinen Tiefen. Mühelos verbreitete er sich in alle niederen Räume seines Wesens. Sein Herz in der geweiteten Brust nährte sich von einem strahlenden und herrlichen Leben. Unaufhörlich rieselte die Klage des verzweifelten Vogels hin. Sie ragte einsam in die Welt. Und der Mann, feuchten Auges im Dunkel verloren, erlebte sie, als brächte er selbst sie hervor. Ihm entströmte der Sang, und besser als irgend Worte, drückte er die Heftigkeit seiner allzu geliebten Trauer aus. Die Töne quollen bald scharf, bald dumpf, und seine plötzliche Verzweiflung vereinte sich ganz mit ihrem Wellengang. Er sah nach rückwärts gebogen die Perlenreihe der Töne endlos gegen die leuchtende Wolke aufsteigen.
»Sang, o Sang, deine unendliche Schwermut erreicht die des traurigen Mondes und vermählt sich ihr in Tränen. Ich belaste dich mit meinem unwahrscheinlichen Schmerz, mit meinen unauslöschlichen Wünschen und jenem unsterblichen Durst, der mich verzehrt. Äußerster Teil meines Selbst, wie der bebende Stengel eines Kelches bist du, der meine verzweifelt trunkene Seele der öden Unendlichkeit hinopfert. Steige, steig an! Höher noch! Verschütte weithin diesen Kelch, und möge dein bitterer Regen über die ganze Erde fallen. Blähe zornvoll deinen Hals, du dunkler Sänger, und laß deinen Hauch nicht verklingen. Schon nähern aus dem Innern der Zimmer sich den Fenstern blasse Gesichter. Männer kommen, ihre Unruhe in deinem Sang zu kühlen und von ihm Erleichterung zu erbitten.«
In dem außergewöhnlichen Frieden dieser Stunde ertönten immer wieder die Triller, und der Gesang erreichte schmerzvolle Fülle und Macht. Der Mann, der ihm lauschte, fühlte sich durch ihn für Augenblicke wie emporgehoben, auf Gipfel entführt und sanft in den Höhen gewiegt. Ganz seiner Verzückung hingegeben, sah er nicht mehr nach dem Hause, bis ein leises Geräusch ihn erbeben ließ. Die Läden der Tür öffneten sich langsam, und eine Frau erschien im vollen Licht. Er stand auf, sein Herz schlug schnell. Es war das letzte Mal! Damit sie ihn sähe, trat er aus dem Dunkel. Ihn bemerkend, überquerte sie laufend, vorgeschnellt wie ein Segel, die große Rasenfläche.
Er empfing sie in seinen Armen, die sich unwillkürlich geöffnet hatten. Auf der Bank sitzend, hielten sie sich in langem Schweigen eng aneinandergepreßt. Über ihre stummen Lippen hinweg vereinigte sich im Dunkeln ihr Geist. In der Majestät einer großen Andacht fühlten sie, wie das gelebte Leben zu ihnen zurückkehrte. Sie erahnten darin selbst den Augenblick, wo sie wieder zu sprechen beginnen mußten.