Das Friedensfest

Part 2

Chapter 23,536 wordsPublic domain

~Dr.~ +Scholz+ _(seine Frau sanft zurückdrängend)_: Ach, Du .... mein Leben ist auch .... wir wollen uns doch lieber nicht von Anfang an mit Vorwürfen .... Du bist doch immer die alte wehleidige Seele, _(mit gelinder Bitterkeit)_ übrigens würde ich Dich sicher nicht belästigt haben, wenn nicht .... _(Friebe nimmt ihm Mantel, Fußsack ⁊c. ab.)_ Es giebt Lebenslagen, liebe Minna .... wenn man wie ich einflußreiche Gegner hat.

_(Friebe ab durch den Treppenausgang, mit den Sachen des Doctor.)_

+Frau Scholz+ _(gutmüthig schmollend)_: Es hat Dich doch Niemand geheißen Fritz! Du hatt’st doch hier ’n sichres, warmes Zuhause. So schön hätt’st Du leben können!

~Dr.~ +Scholz+: Sei nicht böse, aber: daß verstehst Du nicht!

+Frau Scholz+: Na ja; ich bin ja nur ’ne einfache Person, das mag ja möglich sein, aber Du warst ja wirklich auf Niemand angewiesen, es war doch garnicht nöthig, daß Du ....

~Dr.~ +Scholz+: Pssst, es war sehr nöthig _(halbwegs geheimnißvoll)_ auf Schuld folgt Sühne, auf Sünde folgt Strafe.

+Frau Scholz+: Na ja -- freilich Fritz -- es hat wirklich auch viel an Dir mitgelegen _(sie wirft von jetzt ab bis zum Schluß des Gesprächs fortwährend ängstliche Blicke nach der Hausthür, als befürchte sie jeden Augenblick die Ankunft Wilhelms)_, wir hätten doch so ruhig -- so zufrieden .... wenn Du nur gewollt hätt’st.

~Dr.~ +Scholz+: +Alles+ hat an mir gelegen, ganz und gar +Alles+.

+Frau Scholz+: Da bist Du nu auch wieder ungerecht.

~Dr.~ +Scholz+: I! ich will ja auch nicht bestreiten: viel Gemeinheit hat sich verbunden gegen mich; das ist ja bekannt: -- zum Beispiel denke Dir: in den Hotels -- die Kellner -- keine Nacht konnte ich durchschlafen, hin und her, hin und her auf den Corridoren und gerade immer vor +meiner+ Thür.

+Frau Scholz+: Aber sie werden Dich doch am Ende nicht +absichtlich+ gestört haben.

~Dr.~ +Scholz+: Nicht? -- Du, hör mal, das verstehst Du nicht!

+Frau Scholz+: Na es kann ja sein; die Kellner sind ja mitunter niederträchtig.

~Dr.~ +Scholz+: Niederträchtig! ja wohl, niederträchtig! -- übrigens wir können ja später darüber reden. Ich habe etwas Kopfschmerz _(faßt nach dem Hinterkopf)_ da! Auch so eine Infamie! ich weiß ganz gut, wem ich das zu verdanken habe .... ich will mich nur noch vergewissern, ob ich sie durch einen gesunden Schlaf vertreibe. Ich bin +sehr+ müde.

+Frau Scholz+: Aber oben ist nicht geheizt! Fritz.

~Dr.~ +Scholz+: Denk Dir mal an, in einer Tour von Wien. Nicht geheizt? macht nichts: Friebe besorgt das schon. -- Sag mal, wie steht’s mit Friebe? -- was ich fragen wollte? ist er noch so zuverlässig?

+Frau Scholz+: Friebe is, wie er immer war.

~Dr.~ +Scholz+: Das dacht ich mir doch! -- auf Wiedersehen! _(nachdem er seiner Frau die Hand gedrückt, wendet er sich mit tief nachdenklichem Ausdruck und schreitet auf den Treppenausgang zu. Den Tannenbaum bemerkend, bleibt er stehen und starrt ihn verloren an.)_ Was heißt denn das?

+Frau Scholz+: _(zwischen Furcht, Beschämung und Rührung)_: Wir feiern Weihnachten!

~Dr.~ +Scholz+: Feiern? -- -- _(nach einer langen Pause, in Erinnerung verloren)_ das -- ist -- lange -- her! _(sich wendend mit echter Empfindung redend)_ Du bist +auch+ weiß geworden.

+Frau Scholz+: Ja Fritz, -- wir beide ....

~Dr.~ +Scholz+ _(nickt, wendet sich weg. Ab durch den Treppenausgang)_.

+Frau Buchner+ _(hastig von links)_: Also Dein Mann ist wieder da?!

+Frau Scholz+: Daß is wie so .... wie wenn .... ich weeß nich! Jesus, was soll ich nur davon denken?

+Frau Buchner+: Daß es eine Schickung ist, liebe Freundin! für die wir alle dankbar sein müssen.

+Frau Scholz+: Ach, der sieht aus! -- +der+ hat gelebt! So ein Leben, wie der geführt haben mag: von einem Land in’s andre, von einer Stadt .... ach! der hat eingelegt!

+Frau Buchner+ _(will die Treppe hinauf)_.

+Frau Scholz+ _(erschreckt)_: Wo denn hin?

+Frau Buchner+: Ida von dem freudigen Ereigniß verständigen! _(ab durch den Treppenausgang)_.

+Frau Scholz+: O Gott ja! ne ne, wo denkst Du hin! Das dürf’n mer ’n nich merken lassen! Da kenn ich meinen Mann zu gutt! wenn der rauskriegt, daß noch Jemand außer ihm oben wohnt .... da käm ich schön an!

+Frau Buchner+ _(schon auf der Treppe)_: Ich werd’ schon ganz leise ....

+Frau Scholz+: Nur ganz leise! das wär’ so was!

+Frau Buchner+: Ganz leise geh ich.

+Frau Scholz+: O Gottogott! nur schon +ja+ ganz leise!

+Frau Scholz+ _(außer Fassung)_: Na natürlich! was soll man nu machen? und nu der Wilhelm noch. Todtenangst hab ich ausgestanden. Wenn er nu mit Vater zusammengetroffen wäre? Jeden Augenblick konnte er eintreten. Was werde ich alte Frau noch Alles erleben müssen!

+Auguste+: Ein zu merkwürdiges Gefühl, Mama, zu merkwürdig! Man hatte sich so daran gewöhnt. -- Wie wenn ein Todter nach Jahren wieder aufsteht. Ich hab Angst, Mama.

+Frau Scholz+: Am Ende ist er mit seinem Gelde alle geworden?

+Auguste+: Na das wäre doch ....! meinswegen! das wäre noch das letzte.

+Frau Scholz+: Na auf welche Weise wir dann blos auskommen sollten ... da könnten wir nur gleich betteln geh’n.

+Ida+ _(in Toilette von oben, freudig. Augusten die Hand drückend, innig.)_ Gustchen! also wirklich?! ach das freut mich. _(Frau Scholz und Auguste peinlich berührt)._

+Robert+ _(aus einer der Thüren links. Er ist mittelgroß, schmächtig, im Gesicht hager und blaß. Seine Augen liegen tief und leuchten zuweilen krankhaft. Schnurr- und Kinnbart. Er raucht aus einer Pfeife mit ganz kurzem Rohr türkischen Taback.)_

+Robert+ _(leichthin)_: Es wird ungemüthlich bei Dir Mutter!

+Frau Scholz+: Nanu fängt der +auch+ noch an!

+Auguste+: Meinswegen _(verstohlen, scheele Blicke auf Idas Toilette)_.

+Robert+ _(zu Ida die ihn angeblickt hat)_: Ja, so bin ich nun mal, Fräulein Ida!

+Ida+ _(schüttelt ungläubig den Kopf)_:. Nein -- nein.

+Robert+: Wieso nicht? -- Ich halte es nicht für der Mühe werth, ’n paar gleichgültige Gefühle zu heucheln. -- Wirklich nicht!

+Ida+: Nein -- nein.

+Auguste+ _(ausbrechend)_: Du bist empörend, Robert!

+Robert+: Nicht mit Absicht. Empöre sich Niemand!

+Auguste+: Meinswegen.

+Robert+: Na item.

+Auguste+: Item, item -- Quatsch!

+Robert+ _(mit geheucheltem Erstaunen)_: Verzeih’, -- ich glaubte .... aber Du hältst ja nichts mehr auf äußere Reize.

+Ida+ _(schlichtend)_: Ach Herr Robert ....

+Robert+: Ja -- soll ich mich denn nicht meiner Haut ....?

+Auguste+ _(von Thränen halb erstickt)_: Ganz Du! -- ganz Du! Dein ganzes .... mein Alter .... geradezu perfid! -- Frau Buchner! das soll nicht gemein sein? -- mir .... ich -- die ich hier gesessen hab .... bei der Mutter hier -- die schönste .... schönste Zeit meines .... Lebens verbracht, während Ihr .... ich .... geradezu wie eine Dienstmagd ....

+Robert+: Das klingt sehr echt, -- in der That! -- geh doch zur Bühne! -- _(mit verändertem Ton, brutal)_ mach keine schlechten Scherze! hör mal: Du und der Märtyrernimbus, das wirkt einfach putzig. Du bist eben wo anders noch weniger auf Deine Rechnung gekommen, als zu Hause, das ist die Wahrheit!

+Auguste+: Mutter! Du bist Zeuge: hab ich nicht drei Anträge abgewiesen!

+Robert+: Hui! Wenn Mutter nur mit dem nöthigen Gelde rausgerückt hätte, dann hätten Dich die Herren gewiß mit in Kauf genommen.

+Frau Scholz+: Geld? _(auf Robert zutretend, ihm die Hand hinhaltend)_ da nimm ein Küchenmesser! -- schneid mir’s raus! schneid mir das Geld aus der Hand!

+Auguste+: +Sie mich?+ willst Du die Absagebriefe sehen?

+Frau Scholz+ _(unterbechend)_: Kinder! _(sie macht eine Bewegung, als ob sie ihre Brust für den Todesstoß entblößen wollte)_ da hier! -- macht mich doch lieber gleich todt! habt ihr denn nich +so+ viel Rücksicht für mich? nich +so+ viel? -- wie ....? großer Gott nich fünf Minuten .... ich weiß nich, was das blos für Kinder ...., nich fünf Minuten halten sie Frieden.

+Robert+: Na ja freilich! ich sag ja schon: -- es wird eben wieder ungemüthlich.

+Friebe+ _(geschäftig aus dem oberen Stockwerk. Er flüstert Fr. Scholz etwas zu, worauf hin diese ihm einen Schlüssel einhändigt. Friebe ab in den Keller)_.

+Robert+ _(hat stillstehend den ganzen Vorgang beobachtet. Im selben Augenblick, als Friebe in der Kellerthür verschwindet)_: Aha!

+Auguste+ _(hat ihrerseits Robert im Auge behalten. Nun bricht sie aus, entrüstet)_: Pietätlos bist Du -- durch und durch.

+Robert+: Na item.

+Auguste+: Aber Du spielst Komödie; Du lügst ganz erbärmlich, und das ist das Widerwärtige daran!

+Robert+: In Hinsicht auf Vater meinst Du?!

+Auguste+: Allerdings in Hinsicht auf Vater.

+Robert+ -- _(achselzuckend)_: -- Wenn Du meinst ....

+Auguste+: Ja -- das .... das .... ja -- denn -- wenn es anders wäre, dann .... ja .... dann wärst Du ein Wicht.

+Frau Scholz+ _(dazwischen redend)_: Wird denn das irgend bald aufhören oder was ....

+Robert+ _(gleichmüthig)_: Dann +bin+ ich ein Wicht. Nun, und?

_(Ida seit geraumer Zeit unruhig in Erwartung ab durch die Glasthür.)_

+Auguste+: Pfui, schamlos!

+Robert+: Schamlos, ganz recht, das bin ich.

+Frau Buchner+: Herr Robert! ich glaube Ihnen nicht .... Sie sind besser, als Sie uns glauben machen wollen, -- besser, als Sie selbst glauben sogar.

+Robert+ _(mit gelindem, sich steigerndem Sarkasmus, kalt)_: Verehrte Frau Buchner! -- es ist ja vielleicht äußerst liebenswürdig .... aber wie gesagt: -- ich weiß nicht recht, wie ich zu der Ehre .... ja ich muß sogar Ihre Liebenswürdigkeit geradezu ablehnen. Meine Selbstachtung ist vorläufig wenigstens noch keineswegs so gering, daß ich Jemand nöthig hätte mich ....

+Frau Buchner+ _(in gelinder Verwirrung)_: Das ist ja auch garnicht meine Absicht. -- Nur .... Ihr Vater -- ....

+Robert+: Mein Vater ist für mich ein ~Doctor medicinae~ Fritz Scholz.

+Auguste+: Ja, ja, red’ nur!

+Robert+: Und wenn ich diesem Menschen nicht ganz so gleichgültig gegenüberstehe, als irgend einem X- oder Y-Narren, so liegt das +da+ran, daß ich .... na ~item~ .... _(er raucht)_ weil ich .... na eben: ich bin eben gewissermaßen ein Produkt seiner Narrheit.

+Frau Buchner+ _(gleichsam betäubt)_: Verzeihen Sie! -- hier kann ich nun doch nicht mehr mit -- So etwas wagen Sie auszusprechen!? mich überläuft es förmlich.

+Frau Scholz+ _(zu Fr. Buchner)_: Laß gut sein, laß gut sein! Du wirst bei uns noch Dinge erleben ....

+Auguste+: Was das nun auch wieder heißen soll, Mutter! -- wir sind, wie wir sind. Andre Leute, die wer weiß +wie+ thun, sind um nichts besser.

+Robert+: Es giebt in der That noch immer naive Seelen, die sich nicht wohl fühlen, wenn sie nicht an ihren Mitmenschen herumbessern und herumflicken können. Veralteter Zauber! -- Zopf!

+Frau Buchner+ _(Robert bei beiden Händen fassend, herzlich)_: Herr Robert! ich fühle mich im Dienste einer +bestimmten+ Sache. Das feit mich. Aus Herzensgrund: Sie haben mich nicht beleidigt.

+Robert+ _(ein wenig aus der Fassung)_: Sie sind eine +merkwürdige+ Frau.

+Friebe+ _(kommt aus dem Keller. Er trägt in der linken Hand drei Flaschen Rothwein -- und zwar so, daß die Finger geklemmt sind -- unter der linken Achselhöhle eine Flasche Cognac. Mit der rechten Hand hält er die Kellerschlüssel. Zu Fr. Scholz tretend, geschäftig)_: Nun man fix die Cigarren!

+Frau Scholz+: Gott ja, Friebe! ich weiß ja garnicht ....

+Robert+: Im Schreibtisch, Mutter.

+Frau Scholz+: Ach so .... _(sie nimmt das Schlüsselbund und sucht fahrig nach dem rechten Schlüssel)_.

+Auguste+: Du kennst doch den Schreibtischschlüssel.

+Robert+: Mit gradem Bart.

+Frau Scholz+: Richtig! -- wart! ....

+Robert+: Gieb mal ....

+Frau Scholz+: Wart nur, wart! -- hier! ach nein doch! -- ich bin ganz verwirrt. _(Robert das Bund hinreichend.)_ Da.

+Robert+ _(den richtigen Schlüssel abziehend und Friebe hinreichend)_: Da -- Lassen Sie Sich meines Vaters Cigarren gut schmecken.

+Friebe+: Na ooch noch! det krijt den ollen Zacken den janzen Tach nich aus de Kinnladen _(es wird stark an der Klingel gerissen)_ komm schon! _(Friebe ab nach oben.)_

+Frau Scholz+: Da wird der Wein bald alle werden .... Großer Gott, wohin soll das führen? der viele Wein! immer die theuren, schweren Cigarren! ich sag ja, er wird sich noch zu Grunde richten.

+Robert+: Das muß Jedem unbenommen bleiben.

+Frau Buchner+: Was meinen Sie?

+Robert+: Sich auf seine eigne Art zu vergnügen. Ich wenigstens würde mir dieses Recht auf keine Weise verkümmern lassen. Selbst nicht durch Gesetze. Sonderbar übrigens! --

+Frau Buchner+: Wie? ....

+Robert+: Sonderbar! --

+Frau Buchner+: Weshalb betrachten Sie mich so eingehend? ist es an mir, -- das Sonderbare?

+Robert+: Wie man’s nimmt. Sie sind mehrere Tage bei uns und denken noch immer nicht an’s Abreisen.

+Auguste+: So’n Gerede!

+Frau Scholz+: Das hört nich auf! _(schüttelt verzweifelt den Kopf)._

+Robert+ _(mit brutaler Heftigkeit)_: Na Mutter, ist es etwa nicht wahr? -- Hat es bei uns irgend ein Fremder je länger als einen halben Tag ausgehalten? -- haben sie sich nicht alle von uns zurückgezogen, Nitzssches, Lehmann’s ....?

+Auguste+: Als ob wir auf fremde Leute angewiesen wären. -- Meinswegen! wir sind uns selber genug ....

+Robert+: Ja, vollauf wirklich: _(brutal im Ton)_ ich saaage Ihnen, Frau Buchner! in Gegenwart wildfremder Menschen kamen sie sich derart in die Haare, daß die Fetzen flogen. Die Mutter riß das Tischtuch herunter, der Vater zerkeilte die Wasserflasche. -- Heiter! nicht? -- heitre Scenen, heitre Kindheitseindrücke!?

+Auguste+: Du solltest Dich verkriechen vor Scham, gemeiner Mensch! _(schnell ab.)_

+Frau Scholz+: Siehst Du nu? daran bin ich nu seit Jahrzehnten, seit Jahrzehnten gewöhnt! _(ab in Bewegung.)_

+Robert+ _(unbeirrt fortfahrend)_: Kein Wunder allerdings. Ein Mann von vierzig heirathet ein Mädchen von sechzehn und schleppt sie in diesen weltvergessenen Winkel. Ein Mann, der als Arzt in türkischen Diensten gestanden und Japan bereist hat. Ein gebildeter, unternehmender Geist. Ein Mann, der noch eben die weittragendsten Projekte schmiedete, thut sich mit einer Frau zusammen, die noch vor wenigen Jahren fest überzeugt war, man könne Amerika als Stern am Himmel sehen. Ja wirklich! ich schneide nicht auf. Na und darnach ist es denn auch geworden: ein stehender, fauler, gährender Sumpf, dem wir zu entstammen das zweifelhafte Vergnügen haben. Haarsträubend! Liebe -- keine Spur. Gegenseitiges Verständniß -- Achtung -- nicht Rühran -- und dies das Beet, auf dem wir Kinder gewachsen sind.

+Frau Buchner+: Herr Robert! ich möchte Sie recht sehr bitten ....

+Robert+: Schön! -- am Reden liegt mir garnichts. Die Geschichte ist außerdem ....

+Frau Buchner+: Nein, nein. Ich möchte Sie nur um etwas bitten; es eilt.

+Robert+: Bitten? -- mich?

+Frau Buchner+: Könnten Sie’s nicht +mir+ zu Liebe thun .... könnten Sie nicht .... Wäre es denn garnicht möglich .... Könnten Sie nicht für diesen Abend einmal Ihre Maske ablegen?

+Robert+: Sehr gut! -- Maske ablegen?

+Frau Buchner+: Ja, denn es ist wirklich nicht Ihr wahres Gesicht, was Sie herauskehren.

+Robert+: Was Sie sagen!

+Frau Buchner+: Versprechen Sie mir, Herr Robert ....

+Robert+: Aber ich weiß ja garnicht ....

+Frau Buchner+: Wilhelm .... Ihr Bruder Wilhelm kann jeden Augenblick kommen und ....

+Robert+ _(unterbrechend)_: Frau Buchner! wenn -- Sie -- mir -- doch -- glauben wollten! Ihre Bemühungen -- ich versichere Sie -- sind ganz umsonst. Dies alles führt zu nichts -- zu garnichts. Wir sind alle von Grund aus verpfuscht. Verpfuscht in der Anlage, vollends verpfuscht in der Erziehung. Da ist nichts mehr zu machen. Es sieht Alles recht gut aus: Weihnachtsbaum -- Lichter -- Geschenke -- Familienfest, aber es ist doch nur obenhin; eine gequälte, plumpe Lüge -- weiter nichts! -- Und nun gar noch der Vater. Wenn ich nicht wüßte, wie unzugänglich er ist -- auf Ehre! ich würde glauben, Sie hätten ihn hierher gebracht.

+Frau Buchner+: Bei Gott, nein! das gerade hat meine Hoffnung belebt. Das kann kein Zufall sein, das ist Fügung. Und deshalb aus Grund meiner Seele: seien Sie freundlich und gut zu Ihrem Bruder! Wenn Sie wüßten, wie gut er von Ihnen spricht, mit welcher Liebe und Achtung ....

+Robert+ _(unterbrechend)_: Ja, und der Zweck?

+Frau Buchner+: Wie.

+Robert+: Weshalb soll ich zu ihm freundlich und gut sein?

+Frau Buchner+: Das fragen Sie?!

+Robert+: Ja.

+Frau Buchner+: Nun -- doch wohl zunächst, um ihm die Rückkehr in’s Elternhaus nicht von vornherein zu verleiden.

+Robert+: O, wir tangiren einander nicht, wie Sie zu glauben scheinen, und -- übrigens, wenn Sie meinen, daß sich seiner beim Eintritt in diese Räume etwa eine subtile Rührung bemächtigen wird ....

+Frau Buchner+: Ihr Bruder ist ein so guter, im Grunde so edler Mensch! -- Er hat einen Riesenkampf gekämpft, bevor er sich zu diesem Schritt entschloß. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, er kommt mit dem heißen Wunsche einer Aussöhnung.

+Robert+: Ich begreife garnicht, was das heißen soll! Aussöhnen?! mit was will er sich denn aussöhnen? Ich verstehe so was garnicht. Wir verstehen uns doch sonst untereinander so ziemlich, wir Geschwister. Das ist mir ganz neu. Ich habe ihm nichts vorzuwerfen. Andererseits sind Thatsachen nicht zu vertuschen. -- Ich frage Sie: Glauben Sie, daß ich besondere Hochachtung vor meinem Vater empfinde --? Nicht wahr? nein --? Oder lieb’ ich ihn vielleicht? -- Empfinde ich vielleicht kindliche Dankbarkeit? -- Nun sehen Sie, zu alledem habe ich auch nicht den mindesten Grund. Wir sind uns gegenseitig zeitlebens im besten Falle Luft gewesen. -- Zu Zeiten, als wir uns gegenseitig für unser Unglück verantwortlich machten, haben wir uns sogar geradezu gehaßt. -- Nun, zwischen Vater und Wilhelm ist dieser selbe Haß ausgeartet. Das ist mir durchaus begreiflich. Wenn ich nicht wie Wilhelm verfahren bin, so ist das vielleicht Zufall. Also, ich habe nichts gegen ihn, -- notabene, wenn ich ihn nicht sehe. Seh’ ich ihn aber, dann geht alle meine Ueberlegung zum Teufel, dann bin ich etwas .... etwas .... na, wie soll ich sagen? dann .... dann seh’ ich eben nur den Menschen, der +meinem+ Vater -- nicht seinem, sondern meinem Vater -- in’s Gesicht geschlagen hat.

+Frau Buchner+: O du großer Gott!

+Robert+: Und da steh’ ich für garnichts ein, durchaus für garnichts.

+Frau Buchner+: O du großer Gott! das also ist es. -- Geschlagen, sagten Sie? -- in’s G--esicht? -- seinen +eignen+ Vater?

+Robert+: Na item. --

+Frau Buchner+ _(halb von Sinnen)_: O du großer Gott! o du großer Gott! aber -- dann .... dann kann ich ja .... dann muß ich ja auf der Stelle mit Ihrem guten, alten Vater reden, dann ....

+Robert+ _(tief erschrocken)_: Mit wem?

+Frau Buchner+ _(halb weinend)_: Mit Ihrem guten, alten, armen, gemißhandelten Vater.

+Robert+ _(sucht sie festzuhalten)_: Um Himmelswillen, mit wem wollen Sie ....?

+Frau Buchner+: Lassen Sie mich! ich muß, muß. _(ab durch den Treppenausgang.)_

+Robert+ _(ihr nachrufend)_: Frau Buchner! _(sich wendend)_ Hysterie, verdammte!

_(Er zuckt mit den Achseln und durchmißt den Raum; mehrmals noch nimmt er plötzlich einen Anlauf, wie um ihr nachzueilen, ändert aber jedesmal seinen Entschluß, giebt ihn schließlich ganz auf und beruhigt sich gewaltsam bis zu einem Stadium scheinbaren Gleichmuths. In diesem Stadium beschäftigt ihn anfänglich seine Tabakspfeife: er klopft sie aus, füllt sie mit neuem Tabak, den er einem Beutel entnimmt, setzt sie in Brand und scheint mehrere Augenblicke dem Genuß des Rauchens ganz allein hingegeben. Sein Interesse fängt in der Folge an, sich dem Christbaum und den Geschenken auf der Tafel zuzuwenden, breitbeinig davorstehend und Alles überblickend lacht er, die Pfeife im Munde, wiederholt bitter auf. Plötzlich stutzt er dann und beugt sich, nachdem er die Pfeife in die Hand genommen, tief über die Tafel. Sich aufrichtend, scheint er jetzt erst die Entdeckung zu machen, daß er allein ist. Scheu wie ein Dieb umherblickend, beugt er sich abermals, ergreift mit Hast die gelbseidne Geldbörse, führt sie den Augen näher und mit einer jähen leidenschaftlichen Bewegung an die Lippen. Dieser Moment zeigt das Aufblitzen einer unheimlichen, krankhaften Leidenschaftlichkeit. Ein Geräusch stört ihn. Augenblicklich liegt die Börse an ihrem alten Platz. Auf den Zehen gehend, sucht Robert sich davon zu schleichen. Im Begriff durch die erste Seitenthür links zu verschwinden, bemerkt er, wie durch die Nebenthür seine Mutter, Frau Scholz, eintritt, und steht seinerseits still.)_

+Frau Scholz+ _(geht schwerfällig aber eilig quer durch den Saal bis zum Treppenausgang; hier horcht sie)_.

+Robert+ _(sich zurückwendend)_: Sag’ mal, Mutter! -- was +will+ denn eigentlich diese Frau?

+Frau Scholz+ _(erschreckt)_: O Gottogottogott!! -- Du erschrickst ein’n aber auch ....

+Robert+: Was .... w .... was beab .... was die Buchner hier eigentlich beabsichtigt, möchte ich gerne wissen.

+Frau Scholz+: Wenn ich lieber wüßte, -- was der Vater .... Was will er denn eigentlich? ja -- sag’ mir! -- was -- will er?

+Robert+: Na, die Unterkunft wirst Du ihm doch wohl nicht verweigern wollen?

+Frau Scholz+ _(halb weinerlich trotzend)_: Ich seh nicht ein, -- so lange hat er mich nicht nöthig gehabt. Man war doch wenigstens sei’ eigner Herr. Nu wird’s wieder schön losgehen, das Gekujenire. Nu wird man woll uff seine alten Tage noch wie e kleenes Kind pariren müssen.

+Robert+: Du mußt immer übertreiben! Es geht partout nicht anders: übertrieben muß werden.

+Frau Scholz+: Paß Du nur uff, wenn er morgen das leere Glashaus sehen wird. Ich kann doch für den Prast nicht extra eenen Gärtner halten!? -- und die Ameisenkästen sind ooch weg. Meinswegen brauchen keene Blumen wachsen, man krigt doch blos Kopfschmerzen davon! Und erscht das Ungeziefer! -- ich weiß nich, was er daran blos hat. Und deshalb muß man sich runterlumpen lassen. Das Halloh blos! ich ängst’ mich schon zu Tode -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ach ’s is nich mehr hibsch uff der Welt.

+Robert+ _(hat, während Frau Scholz noch redet, sich achselzuckend zum Gehen gewendet; nun steht er still und spricht zurück)_: Ist’s irgend früher mal hübscher gewesen?

+Frau Scholz+: Nun +das+ -- dächt ich!!!

+Robert+: So? na dann muß das wohl +vor+ meiner Zeit gewesen sein. _(ab durch die erste Thür links.)_

+Frau Scholz+ _(schon wieder lauschend an dem Treppenausgang)_: Wenn ich zurückdenke .... oben wird ja gesprochen .... _(sie schließt auf, sieht sich allein, horcht abermals unruhig und verschwindet schließlich -- die Hand am Ohr -- mit einem Gesicht voll Gram, Kummer und Neugier durch den Treppenausgang)_.

_(+Ida+ und +Wilhelm+ durch die Glasthür. +Wilhelm+: mittelgroß, kräftig, wohlaussehend. Blonder kurzgeschorener Kopf, Kleidung gutsitzend, nicht geckenhaft. Paletot, Hut, Reisetasche. Seine Linke ist um die Schultern Ida’s gelegt, die ihn ihrerseits mit dem rechten Arm umfaßt hält und den leise Widerstrebenden vorwärts drängt.)_

+Ida+: Siehst Du, nu bist Du drin! die Hauptsache ist nu schon überstanden.

+Wilhelm+ _(schwer aufseufzend)_: O nein, Du!

+Ida+: Du kannst mir glauben, Deine Mutter freut sich sehr, sehr auf Dich. Auch Gustchen _(sie zieht ihm die Winterhandschuhe ab)_. Wo hast Du denn +die+ her?

+Wilhelm+: Du kennst also nun meine -- Mutter?

+Ida+: Alle, Schatz! -- seit heute dutzen wir uns sogar.

+Wilhelm+: Wie bist Du mit -- ihnen zufrieden?

+Ida+: Seelensgute Menschen, das weißt Du ja selbst.

+Wilhelm+ _(von jetzt ab befangener mit jedem Augenblick, gedehnt und wie im Selbstgespräch redend)_: Merk--würdig _(seine Augen haften an dem Christbaum, in den Anblick desselben versinkend, ist er unwillkürlich stehen geblieben)_.

+Ida+ _(ihm den Paletot aufknöpfend)_: Aber Schatz! das ist doch nicht der erste Christbaum, den Du ...

+Wilhelm+: Hier ja -- und Du kannst, +kannst+ mir nicht nachfühlen -- +wie+ sonderbar ....