Part 3
»Ich würde es dir wirklich sagen,« lachte sie noch an der Türe. Und sie schlüpfte in ihr Zimmer hinein. Dort sank sie in einen Stuhl. Das mit der Jungfer war nämlich durchaus nicht so einfach; sie wußte von früher her genug törichte Stücke von den Glenfordschen Leuten. Man hatte das ganze Personal längst unter Dach nach einer anderen Himmelsrichtung untergebracht. Und dann hatte sie kein Verlangen, ihre Gespensterfurcht so fraternisieren zu lassen. Denn sie tat sich etwas darauf zugute. Allein sie glaubte wahrhaftig, wenn Don Juan nur noch bis zum Abend geblieben wäre, sie hätte sich zu seinen Füßen gestürzt, damit er sie nicht allein ließe. Denn sie verging vor Angst. Zwar nur von jener Türe drang sie wieder auf sie ein. Warum war sie jetzt maskiert? Und von neuem dachte sie an den Marquis von Chandieu, der bei ihrem letzten Besuch ihr Nachbar gewesen war, und sie immer so eindringlich nach ihren Eindrücken befragt hatte. Aber damals hatte sie keine zu verzeichnen, es war alles erst nach seiner Abreise geschehen. Wie stolz hatte sie ihn damals angehört! Wie hatte sie sich innerlich gebrüstet, wenn er ihr seine gestörten, schlaflosen Nächte gestand, während sie so gänzlich unangefochten von derlei Nervositäten blieb. Was war aus ihm geworden? Warum hatte sie all die Zeit hindurch niemals an ihn gedacht? Und warum, da sie ihn so vergessen hatte, war er ihr mit einem Male so gegenwärtig, als müßte sie aufstehen und den Gang überschreiten und ihm erzählen, wie alles über sie gekommen und sie eins geworden war mit ihm in ihrer Angst, aber viel später, erst eine Woche nachdem er so plötzlich verreiste, und sie allein in diesen Gängen und dieser Flucht von Gemächern zurückblieb. Und plötzlich überkam sie eine große Reue, daß sie es nie getan hatte, und sie nahm sich vor (des Nachts faßte sie immer sehr viele Vorsätze) es nachzuholen. Es würde das erste sein, daß sie sich morgen nach ihm erkundigte.
Sie rückte ihren Schreibtisch zurecht, und bereitete sich vor, ihre Briefschulden zu tilgen. Denn seitdem sie nach London gefahren war, hatte sie keinem Menschen geschrieben. Sie faßte geschäftliche und Freundesbriefe ab und warf sie dann auf den Tisch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und sah auf die Türe. Nur eines hätte sie nie ertragen: das Licht zu verlöschen und dieser Türe den Rücken zu kehren. Erst als der Morgen graute, legte sie sich auf das Bett und dort wollen wir sie eine Weile schlafen lassen und erzählen, was für Erinnerungen es denn waren, die sich für sie an dieses Zimmer ketteten.
Als sie vor ein paar Jahren zum erstenmal nach Glenford fuhr, hatte sie nicht nur von seinen Ländereien, dem langen Saale mit den elf nach Westen stehenden Fenstern, der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt, und all den Bildern und historischen Schätzen vernommen, sondern auch von den Gespenstern, die seit Jahrhunderten hier umgehen sollen. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte sie mit gespannter, aber heiterer Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen -- zu welchen er zwar selbst über Nacht gehören kann -- wie von etwas »Wirklichem« Kunde erhält.
Schlaflos war sie damals die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Und in jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die trauernde Ebene erfüllte, wollte endlich auch ihr Bewußtsein ruhen und versinken. Aber kaum eine Minute lang!
Denn als sie erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das Land gebreitet, und zugleich rief ihre erschrocken ausgestreckte Hand ein anderes Bild in ihr wach, das unvergeßlich, sie wußte es wohl! zwischen ihr und der Außenwelt entstanden war.
Welcher Unhold hatte sie da so unvermittelt und so willenlos über eine so fremde Schwelle geführt?
Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg herein; und sie erblickte da in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten, aber schon sehr alten Frau: -- zwei langgestreckte seidne Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt, erwartungsvoll auf Mariclée gerichtet. Als diese aber, seltsam zu ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da zerfiel, zersetzte, _zerfetzte_ sich ihr Angesicht vor ihren Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte sie die Hand aus, um den furchtbaren Anblick von sich abzuwehren.
Am Abend dieses selben Tages war sie in Glenford. Und der Zufall fügte, daß gleich während des Diners von den Gespenstern des Schlosses gesprochen wurde, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer für gewöhnlich ausgeschaltet blieb. Dies rief nun unverzüglich ihre eigenen Erinnerungen wach; ihr, meinte sie, hätten Glenfords Gespenster wohl besondere Ehren zugedacht, da ihr ja schon eines bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte sie das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage und das Gesicht, das sie am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in ihrer Erzählung inne, als sie die plötzliche Stille und die überraschten, gespannten Mienen rings um sie her bemerkte.
Einer der Gäste, ein Herr von Chandieu, ging nach Tische auf sie zu und bot sich ihr als Führer an für ihren morgigen Rundgang durch das Schloß. Er bestand darauf mit einer eigentümlichen Bestimmtheit, als gälte es einen Vertrag, oder meinetwegen ein Engagement für einen Walzer, den man aber, einmal vergeben, nicht mehr mit einem anderen tanzen dürfe.
So zogen sie denn Tags darauf durch die herrlichen, doch so umdüsterten, ja wie untröstlichen Gemächer. Und von der schweren Stimmung, die darin herrschte, überkommen, fühlte jeder sich allein und vergaß des anderen, vergaß sich selber, und verstummte. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte, atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit. Als sie endlich die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaues betraten, der den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei, sagte Chandieu: »Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,« und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier zu verschiedenen Windungen und Stufen und führte plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Sie traten ein, zwischen den Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes schmales Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, stand davor. Mariclée begegnete Chandieus fragendem, gespanntem Blick und erschrak. Zu genau war ihr schon der Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt!
Indes erfüllte es sie mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise Bestätigung eines gespenstigen Traumes sie nicht ängstigte, um so mehr als die Inhaber der sogenannten Stuartzimmer sich über ihre schlaflosen Nächte unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König während seines jährlichen Besuches bewohnte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Sie hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern ihre Türe führte direkt in das große, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene Paradezimmer, das für die »schwersten Gespensterfälle« notorisch war.
Nach einigen Tagen reisten die anderen Gäste, und mit ihnen Chandieu, ab, und infolgedessen stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels leer; Mariclées Freunde forderten sie wiederholt auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen, allein sie weigerte sich auf das entschiedenste, denn jetzt war alles so schauerlich und schön, und es gefiel ihr erst recht. Sie besaß indes für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder »das Mädchen«, noch »der Mönch«, noch der »cuddling ghost«, noch die alte Dame, die sie doch kennen mußte, bemühten sich zu ihr.
Da eines Nachts fuhr sie aus tiefem Schlafe von diesem Bette empor, warf sich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte dort blitzschnell das Licht auf, und stürzte dann zu Boden. Verwundert blickte sie in dem hellerleuchteten Raume umher. Was war geschehen? sie konnte sich auf nichts besinnen. Warum lag sie zu Boden? und warum fühlte sie ihren Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht? Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen, hatte ja in ihr gelebt. Aber welch höllisches Entsetzen hatte sie dann niedergeworfen und jagte sie von neuem, bevor sie es faßte? -- Ach, jenes Licht, sie hatte es entfachen _müssen_, damit sie die Erschütterung ertrug, die ihr jetzt das Bewußtsein brachte! sie war nicht erwacht, sie war geweckt worden.
Erst als Tageshelle ihr Zimmer erfüllte, löschte sie, und trat ans Fenster. Allein die Frühluft, die jetzt so froh zu ihr hereindrang, verscheuchte nicht, wie sie es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Der silberne Morgenhimmel lehrte ihr nur, daß sie den Mut nicht finden würde, ja daß ein unheimlich seltsamer Widerwille sie erfüllte, ihre untatsächlichen Erfahrungen zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an ihr, weil sie sie erlebte. Und darum blieb sie in diesem Zimmer und schwieg. Aber sie ließ ihre Lichter immer bis zum Sonnenaufgang brennen, und die Furcht vor einem Erwachen, wie sie mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein zweites Mal nicht zu ertragen, hielt Nacht für Nacht ihre Wachheit rege. Und sie saß aufrecht und horchte. -- Gerührt vernahm sie das Rauschen der Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte. Und sie horchte entsetzt -- wie ein Scheinlebender -- auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruhe. Welcher Sinn war in ihr erwacht für die finsteren Flammen, lechzend wie das Leben reißender Tiere vom Leben Verstoßener? für dies Wehen wie von Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert! Denn es schien, als dürsteten sie nach ihr, als richte sich ihr Ansturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, eine Bresche in ihrem innersten Selbst.
Dabei hing es oft an einem Haar, daß sie über alles dies nur lachte.
So drehte sie eines Nachts das Licht ungeduldig wieder ab und lag vor Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem Gefühl des raschen Versinkens anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein guter Riese, unser Bewußtsein davon trägt.
Allein wie eine unrechte Beute ließ er sie jäh fallen. -- In der Schnelligkeit, mit der sie nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte sie Decken und Tücher mit fortgerissen: ihr Blut wie in Flucht geschlagen, hämmerte in ihren Schläfen, als dränge es den Augenhöhlen zu entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte sie sich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie das erste Mal, kam jener unbeschreibliche und haßerfüllte Schatten eines Hauches von jener Tür. --
* * * * *
Aber wir müssen zu Mariclée zurückkehren, denn sie ist schon erwacht. Ein leises Klopfen scheuchte sie aus dem Schlafe und gleich darauf ertönte eine Glocke. Es half ihr nichts, nach ihrer Uhr zu sehen; sie hatte wieder einmal vergessen sie aufzuziehen. Sie eilte sich nun so gut sie konnte, denn die Mutter des Hausherrn, die mit ihrer Tochter im Erdgeschoß wohnte, war eine sehr alte, aber sehr pünktliche Dame, und Mariclée wollte nicht später als sie erscheinen. Da sie jetzt allein auf diesem Stockwerk hauste, nahm sie zum Ankleiden, wie früher, das Badezimmer in Beschlag. Es lag den Königszimmern gegenüber, man mußte den Gang hinaufgehen und dann rechts einbiegen. Wenn Gäste in Glenford waren und Stimmen, Seidengeknister und huschende Zofen die Atmosphäre erhellten, die wie ein schwerer Himmel diese Räume überhing, dann gewannen sie einen Zauber, eine faszinierende, schaurige Heimlichkeit, die in der Welt vielleicht nicht ihresgleichen hatte. Ein herumliegender Atlasschuh, ein hypermoderner Hut, ein Parfüm wurde hier zur ergreifenden Note, und Schritte konnten wie beruhigende Orgelklänge verklingen. Aber wehe, wenn das Leben an diesen verwunschenen Gestaden nicht länger brandete. Vergangenes herrschte dann wieder, grübelte und versank in sich selbst, schwarze Wolken sammelten sich wieder und die erdrückte Luft preßte, wie einen Todesschweiß der Berührung weichende und sprachlose Dinge aus! Untilgbarer Haß lauerte hinter den Baldachinen, ohnmächtige Wut hing sich an die altertümlichen Pfosten, an das Holz und an die damastenen Wände. Öffnete sich aber die Türe, trat ein Mensch in diesen finsteren Kreis, so entstand jener gewaltige, unhörbare Tumult, und dann rang es in allen Ecken den Kreis zu sprengen, die Schatten gerieten in Aufruhr und überall gierte es so heiß, gierte so traurig ein Gesicht, eine Gebärde zu werden. Und keine Sonne, kein frohlockendes Wölkchen, kein Vogelgezwitscher linderte die Qual.
Sechstes Kapitel
Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat. Die zweite Glocke war längst ertönt.
»Wie spät ist es denn?« fragte sie.
Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.
»Es ist noch früh,« sagte er. »Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.«
»Ach, das macht gar nichts,« sagte Mariclée und setzte sich gegen das Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne war es anders.
»Ja, danke,« sagte sie, da er für sie sorgte. »Ich fange mit einem Pfirsich an.« Sie hatte einen wahren Heißhunger nach ihrer schlaflosen Nacht. »Aber verdiene ich zu leben, da ich nie weiß, wie lange es her ist? Wann bin ich hier gewesen? vor zwei Jahren oder vor zehn? Alles bleibt mir so lebhaft, nur zerrinnt mir die Zeit, hier hängt ein Bild anders als damals«, und sie deutete auf die Wand.
»Hören Sie noch von Chandieu?« fragte sie weiter. »Was treibt er, und was ist aus ihm geworden?«
»Denken Sie,« sagte Lord S., »er ist tot, er starb vor ungefähr einem Monat in der Schweiz. Wir hörten es erst kürzlich.«
»Tot!« rief Mariclée. »Mein Gott! so jung! was hat ihm gefehlt? er ist tot!« wiederholte sie bestürzt. Und jetzt hielt sie nichts mehr zurück: »Ich hatte seltsame Gespräche mit ihm,« gestand sie.
»Was hat er Ihnen gesagt?«
»Er klagte über seine Nächte und forschte immer nach den meinen. Sie wissen, ich wohnte ihm gegenüber, und er schüttelte den Kopf, wenn ich ihm sagte, daß ich sie eine nach der anderen in größter Seelenruhe durchschlief. Aber ich weiß nicht,« fuhr sie scheinbar zögernd fort, »ob es mir gestattet ist, von solchen Dingen mit Ihnen zu sprechen?«
»Aber natürlich! Wie kommt es, daß Sie zweifeln?«
»Man warnte mich, daß Ihnen Erörterungen über diese Dinge nicht willkommen seien, und daß ich sie vermeiden sollte,« rückte sie wieder unverblümt heraus.
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Ich habe es oft gehört. Auch Chandieu machte mich darauf aufmerksam.«
»Chandieu hat vor seinem Tode das merkwürdige Geständnis abgelegt,« sagte jetzt Lord S., »er habe in Glenford ein Gespenst gesehen und angesprochen.«
»Das hat er mir nie gesagt!« rief Mariclée. Aber sie wollte sich der Mitteilung würdig erzeigen, indem sie kein zu großes Wesen daraus machte. »Glauben Sie denn an solche Sachen?« fragte sie.
»Ich muß gestehen,« sagte er, »ich habe nie eine Wahrnehmung gemacht, welche die Gespensterchronik dieses Hauses bereichern könnte.«
»Ach,« sagte Mariclée, »sobald man diesen Dingen mit Worten kommt, tritt so viel Unsinn ans Tageslicht, daß sie zerfließen. Ob es an ihrer Wesenlosigkeit oder an der Plumpheit des Wortes liegt, das ist mir noch nicht klar. Aber eines wissen wir alle: Glenford besäße ohne seine Schauer nie einen so unerhörten Reiz.«
Er nickte. »Ich glaube es selbst; und was Sie über mich sagen hörten,« fuhr er dann fort, »trifft nicht für mich, es traf nur für meinen Vorgänger zu. Solange mein Onkel lebte, blieben hier gewisse Fragen auf das bestimmteste unterdrückt, und er duldete nicht, daß man sie vor ihm debattierte. So wurde allerdings seine Abneigung für den Ton dieses Hauses bestimmend.«
»Im großen Ganzen sicher die richtige Haltung. Aber was hat Chandieu gestanden?« Sie brannte darauf, mehr zu hören.
»Nichts, als was ich Ihnen sagte, und dies erst am Tage, an dem er starb.«
»Was hätte wohl Ihr Onkel zu einem solchen Geständnis gesagt?«
»Er hätte keine Notiz davon genommen. Hierin war er wirklich sehr eigen. Selbst wo er sich gezwungen sah, etwas zu konstatieren, ließ er es ohne Kommentar. So wollte er anfangs den Flügel für sich nehmen, in welchem Sie, glaube ich, wohnen, weil ihm dort die Aussicht am besten gefiel. Seine besondere Vorliebe galt dem gelben Zimmer.«
»Das in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene,« unterbrach sie, »das in meines führt?«
»Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß es nur flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.«
Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt, als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die sie von jenem Zimmer schied . . .
»Wie grauenhaft!« entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: »Wie lang ist es her?«
»O an die dreißig Jahre mindestens.«
»Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,« versuchte sie zu scherzen.
»Sie haben ja gar nichts gegessen!« sagte Lord S.
»Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,« und sie erhob sich rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. »Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und ich will sie in der Halle erwarten.« Damit ging sie zur Türe und sie trennten sich.
Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.
»Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich nicht nötig.« Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen, und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.
Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst, die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis -- und dies war nicht anzuzweifeln -- im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische, noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. -- Aber plötzlich riß ihr der Faden. »Ich habe ja noch zwei Nächte,« dachte sie, »für diese langweilige Sippe.«
Siebentes Kapitel
Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet, die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid, und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den Schultern saß. Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.
Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde Rehaugen starrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien. Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war. Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter einem Zelt die alte Dame. »Ah!« sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr am Boden, »ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine Viertelstunde hier rasten?« Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. »Es war schön im Walde,« sagte sie, »und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!«
»Ja, es ist ein finsteres Schloß,« sagte die Alte.
»Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.«