Das erste Wort der kleinen Elinontis, und andere Indianergeschichten
Part 6
„Besser nicht,“ meinte dieser. Ich aber ließ mich nicht zurückhalten. Ich ging gemächlich zu den fünf Jungen hin, und ehe sie sich dessen versahen, hatte ich ihre fünf Hüte in meiner Hand und trug sie zu den Haken. Ehe ich aber dort anlangte, waren die Jungen aufgesprungen, mir gefolgt und hatten mir die Hüte entrissen. Noch zur rechten Zeit dachte ich daran, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte mich an dem Eigentum der Kinder vergriffen. Wie konnte ich bei diesen Naturkindern einen andern Ausgang der Sache erwarten, als er sich gezeigt hatte. Anstatt mich zu ärgern oder böse zu werden, drehte ich mich um und lachte. Da lachten auch die Jungen und setzten sich seelenvergnügt die zerlumpten Filzhüte wieder auf die dichten, schwarzen Haare.
Aber siehe da, was machten die beiden Mädchen? Sie hatten wohl gleich gemerkt, daß die Hutgeschichte sie nichts angehe, weil sie keine Hüte auf den Köpfen hatten. So fühlten sie sich frei und unbelästigt. Woher sie die Tiere hatten, weiß ich nicht, sie mußten sie wohl unter ihren Umschlagetüchern mit hereingebracht haben. Die eine der beiden hatte einen, die andere sogar zwei kleine, junge Hunde in ihrem Schoß und spielten damit.
Ganz entsetzt sagte ich zu meinem Gehilfen: „Sehen Sie nur die beiden Mädchen! Sie haben Hunde mitgebracht und spielen damit. Die müssen wir ihnen unbedingt fortnehmen. So etwas können wir hier nicht dulden.“
„Warum nicht? Wollen wir doch froh sein, daß die Mädchen sich beschäftigen! Es ist ein Zeichen, daß sie sich hier bereits ein wenig zu Hause fühlen. Täten sie das nicht, so würden sie die Hunde nicht hervorgeholt und mit ihnen zu spielen angefangen haben. Es ist immer schon etwas, wenn wir in dem Bericht, den wir nach Washington senden sollen, sagen können: Wir hatten zwei Mädchen. Dieselben haben mit Hunden gespielt.“
Ich fing an, in meinem Herzen dem lieben Gott zu danken, daß er mir diesen Gehilfen beschert hatte. Er war wirklich ein sehr verständiger Mann. Er wußte die Dinge, den Verhältnissen entsprechend, von der rechten Seiten anzusehen und anzugreifen.
Die beiden Mädchen durften also mit den Hunden weiter spielen. Sie waren beschäftigt.
Nun wieder zu den Jungen! Ich machte unwillkürlich ein paar Schritte zu der Ecke hin, in der sie saßen. Schnell griffen sämtliche Jungen nach ihren Hüten und hielten dieselben mit ihren schmutzigen Händen fest. Sie schienen zu befürchten, daß ich wieder einen Versuch machen wolle, ihnen die geliebte Kopfbedeckung zu entreißen. Ich ging noch ein paar Schritte weiter, da rissen sie ihre Hüte, wie auf ein gegebenes Zeichen, von den Köpfen und -- setzten sich darauf.
Weg waren sie.
„Hurra!“ rief mein Gehilfe, „nun haben wir die Hüte von den Köpfen weg! Großartiger Erfolg! Wird auch nach Washington berichtet! Ob sie an den Haken hängen oder ob die Jungen darauf sitzen, das ist ganz einerlei, solange sie nur nicht auf ihren Köpfen sind.“
„Aber das ist noch keine Beschäftigung, daß die Jungen sich auf ihre Hüte setzen.“
„Nein, das nicht, aber doch die Vorbereitung zu einer Beschäftigung.“
„Ich werde ihnen etwas an die Wandtafel zeichnen. Vielleicht schauen sie zu und nehmen Interesse daran.“
„Ja, tun Sie das,“ sagte mein Gehilfe.
Ich ging an die große Wandtafel, nahm ein Stück Kreide und zeichnete einen Indianerkopf mit breiten langen Federn im Haar.
Als ich mich umdrehte, sah ich, daß sämtliche Jungen sich erhoben hatten und mit weit geöffneten Augen mir zuschauten.
Jetzt kam mir mein Nebenmann zur Hilfe. Er hatte sich Papier und Bleifeder geholt, setzte sich auf eine der Bänke und fing an, den Indianerkopf, den ich an die Wandtafel machte, nachzuzeichnen.
Die Indianerjungen wollten doch, neugierig wie sie sind, wissen, was der Mann tat. Auf den Zehenspitzen näherte sich erst einer, dann der zweite, der dritte, der vierte, der letzte der Jungen dem Zeichner. Der tat, als bemerke er es nicht. Er saß am Ende einer der langen Bänke, deren jede etwa zehn Kindern Platz bot.
Wie gesagt, mein Gehilfe kümmerte sich nicht um die Jungen. Er zeichnete ruhig weiter. Als aber einer derselben dicht an die Bank herankam, rückte er ein wenig weiter, als wolle er dem Jungen Platz machen, daß er sich neben ihm setzen könne. Und wirklich, der Junge setzte sich! Nun wollten aber auch der nächste und die andern drei sitzen. Mein Gehilfe mußte rücken. Und wie gern tat er das! Bald saßen alle fünf Jungen neben ihm auf der Bank. Die am äußersten Ende Sitzenden konnten aber nicht recht sehen, wie der Mann zeichnete. Da sprang der letzte auf, lief um die Bank herum und rutschte vom andern Ende her in die Bank hinein, so daß er ganz dicht neben meinem Gehilfen saß und ihm genau auf die Finger sehen konnte. Noch zwei andere Jungen folgten seinem Beispiel. Nun saß mein Gehilfe mitten zwischen den Jungen, zwei hatte er an der einen, drei an der andren Seite.
Jetzt war es an mir, ihm zu Hilfe zu kommen. Ich holte Papier und Bleifedern und gab jedem Knaben das Nötige. Es waren keine kleinen Knaben. Sie waren alle im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren, aber wie gesagt noch nie in einer Schule gewesen. Sie schienen zu verstehen, was sie tun sollten. Es währte auch garnicht so sehr lange, da saßen sie alle fünf und versuchten Indianerköpfe zu zeichnen. Sie taten das nicht ohne Geschick, und als ich nach einiger Zeit noch einen Indianerfrauenkopf zu dem Männerkopf zeichnete, gerieten sie geradezu in Eifer bei ihrer Arbeit. Mein Gehilfe spielte mit Schuljunge. Bessere Hilfe konnte er mir nicht leisten.
Als ich nach einiger Zeit nach meiner Uhr sah, bemerkte ich, daß wir schon eine Viertelstunde länger Schule gehalten hatten, als vorgeschrieben war.
So konnten wir denn unsern ersten Schultag schließen. Wir entließen die Kinder, die fröhlich und ausgelassen davonliefen, nachdem wir ihnen klargemacht hatten, daß sie morgen und alle Tage wieder kommen, auch die andern alle Kinder mitbringen müßten.
In dem Bericht, den wir über unsern ersten Schultag nach Washington sandten, schrieben wir folgendes:
Schülerzahl: Fünf Knaben und zwei Mädchen.
Beschäftigung: Die Mädchen haben mit jungen Hunden gespielt.
Die Knaben haben Indianerköpfe gezeichnet.
Besondere Bemerkungen: Die Knaben haben ihre Hüte abgenommen und auf den Bänken gesessen.
Dieser Bericht trug uns eine lobende Anerkennung für unsere Tätigkeit an unserem ersten Schultage ein. Die Leute in Washington haben nämlich ein Verständnis dafür, was es heißt, mit Indianerkindern, die noch nichts von einer Schule wissen, eine solche anzufangen.
Die lieben Leser und Leserinnen möchten vielleicht ganz gerne noch wissen, wie es in der Schule am nächsten und an den folgenden Tagen weiter gegangen ist. Das kann ich ihnen aber in diesem Bericht nicht sagen, denn er trägt die Überschrift: „Mein erster Schultag“, und dieser war mit der Entlassung der Schulkinder zu Ende.