Das erste Wort der kleinen Elinontis, und andere Indianergeschichten
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
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Das erste Wort der kleinen Elinontis
und andere
Indianergeschichten
von
Gustav Harders.
Konstanz.
Buch- und Kunstverlag Carl Hirsch A.-G.
Inhalt.
Seite
Das erste Wort der kleinen Elinontis 3
Der alte Norisso 72
Mein erster Schultag 86
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika leben heutzutage noch viele Indianer. Die meisten derselben wohnen auf sogenannten Reservationen. Eine Reservation ist ein großes, großes Stück Land, das die Regierung den Indianern gibt. Hier müssen sie wohnen und das Land bebauen. Auf diesen Reservationen hat die Regierung Beamte, die dafür sorgen müssen, daß die Leute arbeiten lernen und auch wirklich arbeiten. Auf jeder Reservation ist auch eine Anzahl Schulen, dahin die Kinder gehen müssen, um Lesen und Schreiben zu lernen und vor allem die englische Sprache, die Landessprache in den Vereinigten Staaten. Außerdem arbeiten dort von der Regierung angestellte Damen, die man Feldmatronen nennt. Diese reiten alle Tage zu den Hütten der Indianer, um die Frauen zu unterweisen, wie man seinen Haushalt zu führen hat. Die meisten Indianer haben noch keine Häuser, wie die weißen Leute sie haben. Sie bauen sich Hütten aus Sträuchern, die sie mit Fellen oder mit Leinwand überspannen. In solch einer Hütte ist nicht Raum für Bett und Tisch, für Stuhl oder Schrank. Die Indianer sitzen, essen, trinken, schlafen auf dem Erdboden. Auf der Erde liegen ihre Bettdecken, auf der Erde steht ihr Koch- und Eßgeschirr umher -- kurz, es geschieht alles auf der Erde.
Nun ist da aber eine sehr schlimme Sache. Die Indianer und besonders die Indianerfrauen sind in der Regel sehr faul und sehr unsauber. Sie haben keine Lust, ihre Kleider zu waschen und zu flicken. Sie tragen sie bei Tag und Nacht, bis sie so schmutzig und zerrissen sind, daß sie ihnen vom Leibe fallen und sie dieselben einfach nicht mehr tragen können. Dann kaufen sie sich neue Sachen. Männer, Frauen und Kinder treten den Tag über auf den Decken herum, unter denen sie bei Nacht schlafen. Die Frauen haben keine Lust, dieselben am Morgen zusammenzurollen und beiseite zu schaffen. Sie sind zu träge, die Decken einmal ins Freie zu bringen, um sie auszuklopfen und zu reinigen. Das Koch- und Eßgeschirr wird, wenn es hoch kommt, ein bißchen mit kaltem Wasser ausgespült, aber meistens nach dem Gebrauch einfach in einen Winkel gestellt und bei der nächsten Mahlzeit ungereinigt wieder benutzt. Die Indianerfrauen sind sehr geschickt im Nähen. Die meisten nähen mit der Hand, man findet aber auch etliche, die mit einer Nähmaschine nähen. Es gibt einige große Kaffeegeschäfte, die in jedes Paket Kaffee, das sie auf den Markt bringen, einen Schein legen. Wer diese Scheine sammelt und an die Firma einsendet, erhält je nach der Anzahl der gesandten Scheine ein bestimmte Geschenk. Etliche Hundert solcher Scheine bringen eine gute Handnähmaschine. Nun trinken die Indianer sehr vielen und sehr starken Kaffee. Sie trinken Kaffee zu jeder Mahlzeit und verbrauchen infolgedessen sehr viel Kaffee. Die meisten Indianerfrauen lassen sich für ihre gesammelten Scheine Ringe oder Armbänder kommen, denn sie lieben es, sich mit Gold und Perlen zu schmücken, aber gelegentlich findet sich einmal eine Frau, die so lange Scheine sammelt, bis sie sich dafür eine Nähmaschine bestellen kann. So kommen Nähmaschinen in die armseligen Indianerhütten.
Wie gesagt, die Indianerfrauen sind fast ohne Ausnahme sehr geschickte Näherinnen. Haben sie ein Kleid für sich oder ihre Tochter, ein Hemd für ihren Mann oder Jungen fertig gestellt, so ist an der Arbeit nichts auszusetzen, aber sie halten die Sachen nicht in stand. Die Frauen waschen, flicken und stopfen nicht.
So sieht es im Haushalt der Indianer aus. Da stellt nun die Regierung die vorher erwähnten Feldmatronen an. Diese haben die Aufgabe, die Indianerfrauen anzuleiten und anzuhalten, ihren Haushalt in ordentlicher Weise zu führen. Sie zeigen ihnen auch und helfen ihnen, wie man eine gesunde und schmackhafte Mahlzeit bereitet und dergleichen andere nützliche Dinge mehr. Diese Feldmatronen, meistens unverheiratete Damen im Alter von dreißig bis vierzig Jahren, sind ohne Zweifel die den größten Segen stiftenden Angestellten in dem großen Heer von Beamten, das die Regierung der Vereinigten Staaten unterhält, um Kultur unter die Rothäute zu bringen. Dies ist ganz besonders der Fall, wenn diese Betreffenden christliche Persönlichkeiten sind, die zugleich das Wort Gottes und die Kunde von dem Erlöser der Welt in die Hütten der armen Heiden bringen.
Leider ist die Zahl der Feldmatronen, die die Regierung anstellt, nur eine sehr geringe, darum ist von einem eigentlichen Erfolg ihrer Arbeit noch nicht viel zu sehen. Der christlichen Feldmatronen sind noch weniger, denn häufig wird es ihnen noch von den sogenannten Agenten, den obersten Herrschern auf den Indianerreservationen, verboten, den Indianern etwas aus Gottes Wort zu erzählen.
Von einer frommen, christlichen Feldmatrone, die sich um solches Verbot einfach nicht kümmerte und etwas von dem Sinn der Apostel hatte, die erklärten, daß sie sich das Reden von Christo nicht verbieten ließen, soll hier erzählt werden.
Die Indianer nannten diese Feldmatrone Ina. So wollen auch wir sie nennen, obgleich Ina nicht ihr eigentlicher Name ist. Ina war dreißig Jahre alt, als sie auf die Reservation kam und ist dort viele Jahre geblieben. Sie stammte aus einem reichen, vornehmen Hause in Neuyork, wo ihr Vater Besitzer einer Bank war. Sie hatte eine sehr gute Erziehung genossen und viel von den Indianern gehört und gelesen. So war eine besondere Liebe zu den armen Leuten in ihrem Herzen entstanden und sie meldete sich bei der Regierung zum Eintritt in die Erziehungsarbeit unter den Indianern auf einer Reservation in Arizona.
Ina wohnte in einem kleinen aus Lehm gebauten Hause. Dasselbe hatte nur zwei Zimmer. In dem einen kochte und aß Ina, in dem andern schlief und wohnte sie. Ina war aber eigentlich nur am Morgen früh und am Abend in ihrem Hause zu finden. Den Tag über hielt sie sich unter den Indianern auf. Ihre Hauptmahlzeit bereitete und aß sie am Abend, für den Mittag nahm sie sich etwas in ihrer Satteltasche mit auf den Weg.
In der ersten Nacht, die Ina nach ihrer Ankunft auf der Reservation in ihrem kleinen Hause zubrachte, konnte sie nicht viel schlafen. Sie war noch nicht an das Geheul der Wölfe gewöhnt, die bei Nacht meistens in die Nähe der Wohnungen der Menschen kommen. Auch sangen und trommelten die ganze Nacht hindurch nicht weit von ihrem Hause in einer Indianerhütte etliche Medizinmänner. Dort lag ein krankes Weib, das nach dem Aberglauben der Indianer durch diesen wüsten, eintönigen, nächtlichen Gesang gesund gemacht werden sollte.
Ina stand am Morgen früh auf, kleidete sich an und trat hinaus vor ihre Haustüre. Etwa siebenzig Schritt weit von dem Hause entfernt befand sich ein Ziehbrunnen. Ina hatte denselben schon am Tage zuvor gesehen, auch Wasser dort geholt und etlichen Indianerfrauen zugeschaut, die gekommen waren, um Wasser zu holen. Heute morgen stand da am Brunnen ein kleines Indianermädchen, struppig und schmutzig, in zerrissenen Kleidern. Die Kleine mochte etwa sechs Jahre alt sein. Sie wollte gerade den Eimer in den Brunnen hinablassen, als sie die aus dem Hause tretende weiße Frau erblickte. Schnell stellte sie den Eimer wieder an seinen Platz, ergriff ihren Krug, hängte sich denselben an einem Riemen über den Kopf, warf noch einen scheuen, bösen Blick auf die unbekannte, neu angekommene Weiße und lief, so schnell sie konnte, davon.
Ina rief hinter ihr her: „Ich tue dir nichts, ich tue dir nichts,“ aber das Kind verstand ihre Sprache nicht, und hätte sie dieselbe verstanden, so wäre sie doch nicht stehen geblieben. Das kleine Mädchen hatte oft von seiner Mutter gehört, daß alle weißen Leute böse seien, daß man ihnen immer aus dem Wege gehen und nie mit ihnen reden müsse. Es wohnten Furcht und Haß in dem Herzen des Kindes, sie wollte gleich ihrer Mutter von den Weißen nichts wissen und nichts mit ihnen zu tun haben.
Ina wußte, daß die Indianer so zu den Weißen standen. Heute machte sie die erste Erfahrung davon und, das tat ihr weh. Sie grollte aber dem kleinen Mädchen nicht, im Gegenteil nahm sie sich vor, alles zu versuchen, um mit Gottes Hilfe das Herz des kleinen Mädchens zu gewinnen.
Während Ina noch mit ihrem Frühstück beschäftigt war, klopfte jemand an ihre Haustür. Sie stand auf und öffnete. Vor der Tür stand ein großer stattlicher Indianer. Er war in eine blaue, mit gelben Streifen besetzte Uniform gekleidet. Auf der linken Brust trug er einen großen silbernen Stern. Ina erkannte sofort, daß sie einen Indianerpolizisten vor sich hatte. Der Mann nahm seinen Hut ab und sagte, er sei vom Agenten gesandt, um sie auf ihren Ritten zu den Indianerhütten zu begleiten. Er würde jeden Tag kommen außer Sonnabends und Sonntags. Die beiden Tage seien Ruhetage. Er werde jetzt in den Stall gehen, das Pferd reinigen, füttern und satteln und in etwa einer kleinen Stunde alles fertig haben, um mit dem Fräulein fortzureiten.
„Es freut mich, daß du alle Tage kommen willst,“ sagte Ina. „Ich hoffe, wir werden gute Freunde werden.“ Sie reichte dem Indianer die Hand.
Der Mann schaute verwundert drein; er schien nicht gewohnt zu sein, daß Regierungsbeamte ihm die Hand reichten, ergriff aber Inas Rechte und drückte sie herzlich.
„Ich sehe, daß du ein Polizist bist,“ sagte Ina, „das ist ja recht schön, aber wenn du mit mir gehst, darfst du nicht als ein Polizist mit mir gehen.“
„Das muß sein,“ fiel ihr der Indianer in die Rede, „die Indianerfrauen tun sonst nicht, was du ihnen sagst.“
„Ich denke anders darüber,“ sagte Ina, „ich will nicht, daß die Frauen tun, was ich ihnen sage, weil sie denken, sie +müssen+. Ich möchte nicht, daß sie gezwungenermaßen gehorchen, sondern daß sie tun, was ich ihnen sage, weil sie es tun +wollen+.“
„Sie werden nie tun wollen, was du ihnen sagst, wenn man sie nicht zwingt,“ meinte der Polizist.
„Das laß meine Sorge sein,“ sagte Ina, „sie werden es lernen und gerne tun. Ich bringe Ihnen etwas, was sie willig macht.“
„Was ist das?“ fragte scheinbar sehr interessiert der Indianer.
„Das wirst du schon ausfindig machen, wenn du erst eine Weile mit mir zusammen gewesen bist. Aber nun nimm deinen Polizistenstern ab. Du kannst ihn unter deinem Rock tragen, so daß ihn niemand sieht, aber nicht auf dem Rock. Du gehst mit mir, um mir mit deiner Kenntnis der englischen Sprache zu dienen, um mir zu zeigen, wo die Indianer alle wohnen, um mir zu helfen, wo ich Männerhilfe brauche, aber nicht als Polizist.“
„Du gefällst mir,“ sagte der Indianer, „ich will jetzt an meine Arbeit gehen.“ Aber zuvor löste er den großen silbernen Polizistenstern von seinem Rock, knüpfte letzteren auf und befestigte den Stern an seinem Hemde. Dann knöpfte er den Rock wieder zu.
„So gefällst du mir auch,“ sagte Ina. Der Indianer lachte und ging. Er drehte sich aber noch einmal um und rief Ina zu: „Wie heißt du?“
Ina nannte ihren Namen und setzte hinzu: „Aber du mußt mir auch deinen Namen sagen, denn Herr ‚Polizist‘ werde ich dich nicht nennen.“
„Ich heiße Majull,“ sagte der Indianer und ging in den hinter dem Hause gelegenen Stall.
Ina kehrte in ihr Zimmer zurück und machte sich reitfertig. Einen für den Westen, wo die Frauen nach Art der Männer reiten, passenden Reitrock hatte sie sich schon im Osten herstellen lassen, einen großen Sombrero hatte sie sich in El Paso gekauft, wo sie etliche Stunden Aufenthalt gehabt hatte, -- eine leichte seidene Bluse und ein buntes Band um den Hals vervollständigten den anmutigen Anzug der Dame.
Als Majull mit den beiden Pferden zurückkam, betrachtete er Ina mit Wohlgefallen, und sagte wieder: „Du gefällst mir, du siehst auch hübsch aus, wenngleich du ein weißes Gesicht und blaue Augen hast. Alle andern weißen Frauen hier sind häßlich. Sie gleichen den Gänsen, die hier im Herbst vom Süden her durchkommen, sich in unserem Flusse baden und von uns geschossen und verspeist werden. Dabei denken wir der alten Zeiten, wo der rote Mann noch den weißen Mann und dessen Frauen niederschießen konnte. Heute können wir das nicht mehr; unsere Kraft ist gebrochen, des weißen Mannes Gewalt ist über uns.“
„Warum sagst du mir das?“ fragte Ina.
„Damit du dich nicht vor uns fürchten sollst.“
„Ich fürchte mich nicht vor euch.“
„Aber die andern fürchten sich.“
„Wenn ich mich vor euch fürchtete, wäre ich nicht zu euch gekommen. Ich habe euch lieb. Aber ihr fürchtet euch vor mir.“
„Wieso?“ fragte Majull.
„Heute morgen war ein kleines Mädchen am Brunnen. Sobald sie mich sah, lief sie davon. Sie hat nicht mal erst Wasser geschöpft. Da ist sie wieder,“ rief Ina hastig und sichtbar freudig überrascht. Sie wies auf ein kleines Mädchen, das aus einer Hütte gekommen war, der sie sich näherten. Sobald die Kleine Ina erblickte, lief sie schnurstracks davon und war schnell zwischen dem Gestrüpp, das dort reichlich wuchs, verschwunden.
„Wer ist die Kleine?“ fragte Ina ihren Begleiter.
„Sie ist das einzige Kind einer kranken Frau, einer Witwe, zu der ich dich eben führen will.“
„O das freut mich,“ sagte Ina. „Nicht daß die Frau krank und eine Witwe ist, sondern daß du mich zu ihr führen willst und daß ich dann gewiß auch die Kleine kennen lernen werde.“
„Was liegt dir an dem Kinde?“
„Viel. Besonders da sie von mir wegläuft, muß ich ihr doch zeigen, daß ich sie lieb habe und ihr nichts Böses tun will. Wie heißt das Kind?“
„Ihr Name ist Elinontis.“
„Elinontis,“ wiederholte Ina, „ein sehr schöner Name! Majull gefällt mir auch. Mir gefallen die Indianernamen. Sie klingen fast alle als wäre schon in dem Namen eine Seele.“
Die beiden waren an der Hütte angelangt, stiegen von ihren Pferden und Ina betrat zum ersten Male in ihrem Leben eine Indianerhütte. Eigentlich war es kein Betreten. Die kleine, durch ein Stück Leinwand verhängte Öffnung war so niedrig, daß man nur auf den Knieen hindurchrutschen konnte. In dem engen runden Raum lag auf schmutzigen zerrissenen Decken eine kranke, sehr abgemagerte Frau. Sie mußte schon lange krank gewesen sein und keinerlei Pflege gehabt haben. Ringsherum auf dem Erdboden lagen Lumpen, leere Blechkannen, schmutzige Papierstücke, Knochen usw. Ina hatte noch nie solchen Schmutz in einer menschlichen Behausung gesehen.
„Zuerst müssen wir aufräumen und alles rein machen,“ sagte Ina, „du mußt mir helfen, Majull.“
Majull war bereit. „Sie hat niemand als das Kind, die Elinontis,“ sagte Majull, „und dasselbe ist noch zu klein, um viel Arbeit tun zu können.“ Nun wurde all der Unrat hinausgeschafft. Dann wurde das Geschirr und darnach die kranke Frau gewaschen. Die Bettdecken wurden hinausgetragen und ausgeschüttelt. „Das ist nur für heute,“ sagte Ina, „später machen wir es besser; es geht nicht alles mit einem Male.“
Ina untersuchte hierauf die Kranke, gab ihr Medizin und bereitete ihr etwas zu essen und zu trinken. Als sie damit fertig war, schaute sie nach ihrer Uhr. Es war bereits elf Uhr.
„Unsere Morgenarbeitszeit ist jetzt vorüber,“ sagte Ina zu Majull, „aber willst du mir noch ein paar Minuten helfen?“
„Gewiß,“ antwortete Majull.
„Dann komm und setze dich her zu mir neben die Kranke. Nachher gehen wir hinaus und essen zusammen.“
Ina zog ein Neues Testament aus der Tasche. „Was ich in meiner freien Zeit tue, geht niemand etwas an, selbst den Herrn Agenten nicht,“ sagte sie zu sich selber, „Regierungsbeamte sollen zwar keine Religion treiben, aber in meiner freien Zeit kann ich tun, was ich will. Da kann mir niemand wehren, von Christo zu zeugen.“
Ina las der Kranken einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift vor und Majull mußte die Worte in die Sprache der Indianerin übertragen.
Ehe die beiden fortgingen, ließ Ina der Kranken noch verdolmetschen, sie solle der kleinen Elinontis sagen, daß sie sich nicht vor ihr zu fürchten brauche, sie sei ihre Freundin und täte ihr nichts zuleide, sie solle nur getrost kommen und ihr Wasser holen. Die Frau antwortete nicht, sie hatte überhaupt noch kein Wort gesprochen. Sie hatte nur halb verwundert halb unwillig der weißen Unbekannten zugeschaut, die sich in ihrem Hause betrug, als ob alles was darin war, ihr gehöre.
Ina wollte ihr zum Abschied die Hand reichen. Die Indianerin tat aber, als sähe sie es nicht. Das ließ Ina sich nicht gefallen, sie nahm einfach die Hand, die ihr verweigert wurde, und drückte sie herzlich und die Indianerin ließ das geschehen.
Es war von nun an Inas erste Arbeit an jedem Morgen, wenn sie mit Majull ausritt, daß sie die kranke Mutter der kleinen Elinontis mit allem versorgte, dessen sie bedurfte. Die Zeit vor ihrem Frühstück aber widmete sie der Kleinen. Ina hatte sich ja vorgenommen, sie wolle alles tun, um das Vertrauen und die Liebe dieses Kindes zu gewinnen.
Am nächsten Morgen stand sie zeitig auf und setzte sich mit einem Buch auf die kleine Steintreppe vor der Tür ihres Lehmhauses. Ina meinte, Elinontis würde sich weniger fürchten, wenn sie sie schon dort sitzen sähe, wenn sie käme, als wenn sie plötzlich aus dem Hause träte wie gestern.
Ina brauchte nicht lange zu warten. Sie hatte noch keine Seite in ihrem Buch gelesen, da sah sie die Kleine kommen. Ina tat, als sähe sie das Kind nicht. Sie las ruhig weiter, beobachtete aber, über den Rand des Buches hinüberblickend, das Indianerkind.
Elinontis ließ die weiße Frau keinen Augenblick aus dem Auge. Sie näherte sich langsam und in einem großen Bogen dem Brunnen. So schnell sie konnte, schöpfte sie Wasser, füllte ihren Krug, hängte sich denselben über den Kopf und eilte, nachdem sie noch einen scheuen Blick auf die eifrige Leserin geworfen, davon.
Das wiederholte sich eine Zeitlang jeden Morgen. Dann aber dachte Ina, sie wolle es nun doch einmal versuchen, sich der Kleinen zu nähern. Sie meinte, dieselbe müsse sich nun doch allmählich an sie gewöhnt haben und könne sich nicht mehr fürchten, daß sie, Ina, ihr etwas zuleide tun werde. Elinontis hatte ihren Krug auf den Boden gestellt und griff gerade nach dem Eimer, als Ina sich langsam erhob und dem Brunnen zuwendete. Da aber stieß das Kind einen leisen Schrei aus und sprang davon, garnicht daran denkend, ihren Krug zu füllen oder denselben doch wenigstens wieder mit sich zu nehmen.
Ina sagte nichts, sie rief dem Kinde auch nichts zu, ging aber zum Brunnen. Sie hatte einen Plan, den sie ausführen wollte. Elinontis lief nicht nach Hause, sondern sie lief nur eine Strecke weit fort, dann blieb sie stehen, um zu sehen, wohin Ina ging und was sie vorhatte.
Wie gesagt, Ina ging zum Brunnen. Dort angelangt, nahm sie den Eimer, ließ ihn in den Brunnen hinab und füllte den Krug der kleinen Elinontis mit Wasser. Dann ging sie wieder an ihren Platz vor dem Hause zurück. Zuvor aber winkte sie dem Kinde zu kommen und seinen Krug zu holen.
Elinontis rührte sich nicht vom Fleck. Sie schaute nur starr auf die Frau. Wohl zehn Minuten mochten vergangen sein. Elinontis kam nicht, ihren Krug zu holen. Ina ging in ihr Haus zurück, beobachtete aber das Kind durch das Fenster.
Da sah sie nun, wie Elinontis langsam, immer hin und wieder stillstehend und nach der Haustür schauend, herankam. Jetzt war sie am Brunnen angelangt.
Elinontis bückte sich über ihren Krug und schaute in denselben hinein. Eine kleine Weile stand sie still, als ob sie überlege. Dann blickte sie auf, ballte und schüttelte ihre kleine Faust nach dem Hause zu, gab dem Krug einen Stoß mit dem Fuß, so daß er umfiel und alles Wasser, das Ina eingeschöpft hatte, auf den Erdboden floß. Eilig schöpfte das Kind neues Wasser und ging dann mit dem Kruge davon.
Ina stand sprachlos. Was war das für ein Gebahren von einem sechsjährigen Kinde? War es Furcht, die Weiße möchte ihr das Wasser vergiftet haben, oder war es ein solcher Haß, daß sie keinen Liebesdienst von ihr annehmen wollte? Wahrscheinlich beides. Ina wollte Majull den Vorgang erzählen und ihn fragen, was er denn wolle.
Das tat sie auch, als Majull bald darauf kam, um seine Herrin zu den Besuchen bei den Indianern abzuholen. Wie alle Tage ritten die beiden zuerst zum Hause der kranken Mutter der kleinen Elinontis.
„Majull,“ sagte Ina, „ich muß dir etwas erzählen.“
„So erzähle,“ erwiderte Majull.
Ina erzählte und als sie zum Schluß fragte, ob Majull denke, daß Elinontis aus Haß oder aus Furcht so gehandelt habe, lachte Majull laut auf.
„Die Kleine haßt dich gar nicht mehr und hat auch keine Furcht vor dir,“ sagte Majull.
„Aber sie ist doch nie da, wenn wir zu ihrer Mutter kommen,“ entgegnete Ina.
„Das kann sie nicht,“ erwiderte Majull, „sie muß jeden Morgen zur Agentur gehen und Lebensmittel holen. Kranke und Arme erhalten gratis Mehl, Kaffee, Fleisch und Zucker von der Regierung. Sie läuft nicht deinetwegen fort.“
„Aber heute morgen lief sie fort.“
„Du hast sie wahrscheinlich erschreckt.“
„Aber warum hat sie denn das Wasser ausgegossen und nach meinem Hause hin mit der Faust gedroht?“
„Ich kann mir schon denken, was die Ursache war,“ sagte Majull. „Wenn die Kinder gehen, um Wasser zu holen, nehmen sie sich gewöhnlich eine Handvoll geröstetes Welschkorn mit auf den Weg. Das tun sie in den Krug und nehmen es heraus, ehe sie letzteren mit Wasser füllen. Sie essen dann das Korn auf dem Heimwege. Das ist ihr Frühstück. Das Korn war sicherlich noch im Kruge, als du das Wasser hinein gossest. Du hast dem Kinde sein Frühstück verdorben. Darüber war die Kleine böse. Kannst du ihr das verargen?“
„Nein, gewiß nicht, wenn sich die Sache so verhält,“ erwiderte Ina. Nach einer Weile setzte sie nachdenklich hinzu: „Ich wollte, es wäre wie du sagst, daß das Kind mich weder haßt noch fürchtet.“
„Es ist so, glaube es nur. Aber vom Nichtfürchten und Nichthassen zum Vertrauen ist noch ein großer Schritt. Du kannst nicht erwarten, daß die Kleine dir bereits vertraut. Du hast ja noch nicht einmal mit ihr geredet.“
„Sie läßt mich ja gar nicht an sich herankommen, daß ich zu ihr reden könnte,“ sagte Ina.
„Das wird sich schon finden,“ meinte Majull, und sie stiegen von ihren Pferden, um in die Hütte der kranken Frau einzutreten.
Am nächsten Morgen saß Ina wie an den vorhergehenden Tagen vor ihrer Hütte. Neben ihr lag ein großes Stück weißes Brot, dick mit Honig bestrichen. Sie wollte das nicht selber essen, sondern versuchen, es der kleinen Elinontis zu geben, um ihr das Frühstück von gestern zu ersetzen, was sie ihr verdorben hatte.
Elinontis kam. Wie gewöhnlich stellte sie ihren Krug hin und schöpfte dann Wasser. Heute aber bemerkte Ina, die ihr genau auf die Finger schaute, daß sie bevor sie den Krug füllte, in denselben hineingriff und die Hand geschlossen wieder herausnahm. Es war also wie Majull gesagte hatte. Elinontis hatte etwas in dem Kruge.
Als Elinontis gleich darauf zu Ina hinüberblickte, hob diese das schöne Stück Brot auf, zeigte es dem Kinde und winkte, es solle kommen und sich es holen.