Das Buch vom eisernen Kanzler: Eine Erzählung für Deutschlands Jugend
Part 7
»Ich möchte Seife, aber etwas wohlriechende,« sprach Bismarck, und der dienstbeflissene Jüngling begann seine Proben vorzulegen. Der Diplomat roch an jeder, dann wählte er jene, welche den stärksten Geruch hatte und schob sie ohne weiteres in seine Tasche.
»Haben Sie auch Briefkuverts?«
»Sehr wohl!«
Nach kurzer Auswahl nahm Bismarck die schlichteste und einfachste Sorte, zog dann ein bereits zusammengefaltetes Papier aus der Tasche, schob es in den Umschlag und bat sich nun Tinte und Feder aus, um die Adresse zu schreiben. Da jedoch die Handschuhe ihm hinderlich zu sein schienen, bat er den Verkäufer, ihm die Mühe abzunehmen, was dieser auch beinahe geschmeichelt tat. Behaglich steckte Bismarck nun das Schreiben zu der Seife in seiner Tasche, und als er mit seinem Begleiter vor der Türe stand, sagte er zu diesem:
»Glauben Sie nun, lieber Kollege, daß man unter diesem Kuvert, das nach Käse und Hering, Seife und Wichse duftet, nicht so leicht meine Depesche herausschnüffeln wird?«
Manchmal jedoch, wenn es ihm in dem Frankfurter Treiben zu unbehaglich und in den Bundestagsverhandlungen zu langweilig und zu ärgerlich wurde, setzte er sich auf die Eisenbahn und fuhr hinein in den Odenwald, oder besah sich einmal das bunte Leben und Treiben in den glänzenden Badeorten Homburg, Wiesbaden, Baden-Baden, oder er erquickte sich an der ewigen Schönheit des Rheinstromes und seiner lieblichen Ufer. So fuhr er eines Nachmittags nach Rüdesheim. Dort mietete er einen Kahn und glitt hinaus auf den Strom. Der Mond warf seinen milden, dämmerigen Schein auf die Fluten, die Luft war lau, und ihn faßte ein Gelüste an, die Kleider abzuwerfen und sich in die silbernen Wellen zu tauchen. Gedacht, getan, und bald schwamm er langsam und behaglich dahin. Hinter ihm her, im Abendschimmer verdämmernd, kam langsam das Boot, das der schweigende Ferge lenkte, hoch über dem Schwimmer wölbte sich blau und klar der Himmel mit seinen vieltausend Sternen, und drüben an den Ufern webte der bläuliche Mondenschimmer um die dunkelnden Höhen, die bewaldeten Berge, die grünen Weingärten und die grauen, schweigenden Ruinen der Vorzeit. Und das Wasser klang und rauschte und flüsterte wie von alten Sagen. Von Bingen herüber schimmerten einzelne Lichter, und nun hob sich der Mäuseturm düster und ernst aus den Wellen. Hier stieg der Schwimmer ans Land, kleidete sich an und fuhr nach Bingen hinüber, wo er Nachtrast hielt. Am nächsten Morgen aber ging’s über Koblenz nach Frankfurt zurück.
Das erfrischte Leib und Seele.
Auf den 18. Oktober fiel der Geburtstag des Königs. Auf der Villa in der Bockenheimer Landstraße wehten die preußischen Fahnen, und im Laufe des Vormittags fuhren Bismarck und die Beamten der Gesandtschaft in größtem Staat nach dem Kornmarkt, wo in der großen Reformierten Kirche der Festgottesdienst abgehalten wurde. Die Mittagstafel aber sah zahlreiche und erlesene Gäste, und der Hausherr verstand es, in kräftigen, gehaltvollen Worten der Begeisterung Ausdruck zu geben, die er selbst für seinen königlichen Herrn fühlte, und die er auch in anderen Herzen zu entflammen wußte.
Und als der Abend kam, zog er seine Landwehrleutnants-Uniform an mit der Lebensrettungsmedaille und begab sich nach der Kaserne, wo die preußischen Soldaten gleichfalls festlich den Geburtstag ihres obersten Kriegsherrn begingen. Hier war die Lust in vollem Gange. Rauschende Musik klang durch den Saal, und in lauter, aufjauchzender Fröhlichkeit drehten sich die Paare im Reigen. Als er eintrat, machten die Soldaten am Eingang Honneurs und flüsterten sich, als er vorüber war, zu: »Seine Exzellenz, der Herr Leutnant von Bismarck!« Sie kannten ihn alle, den prächtigen, stattlichen Mann, der so heiter und herzlich sein konnte, und auch diesmal wieder bald da, bald dort auftauchte und sich mit den schlichten Kriegern unterhielt.
Der Herbst entblätterte die Bäume in dem Garten, und der Winter spielte mit seinen Flocken um die freundliche Villa. Aber wenn auch der Sturmwind um die Fenster fegte, drinnen war’s um so behaglicher. Diese Winterabende waren köstlich, wenn in dem Salon bei dem flackernden Kaminfeuer sich um die liebenswürdigen Wirte prächtige Gestalten scharten, von denen jeder fand, was er nur suchen mochte: Schlichtheit, Herzlichkeit, vornehme Sitte und frischen Humor. Wie zwanglos verkehrte da Prinz Georg von Preußen mit Schriftstellern, in deren Kreis er sich zählen durfte, wie gemütvoll und vergnügt plauderte die Großfürstin Helene von Rußland (geborene Prinzessin von Württemberg) mit der Frau des Malers Becker, und wenn die Gäste in stiller Nacht schieden, nahmen sie etwas von dem Behagen dieses Hauses mit sich fort, das noch lange in ihnen nachklang.
Der Winter stellte freilich auch gesellschaftliche Anforderungen, denen Bismarck um seiner Stellung willen entsprechen mußte. Dabei fühlte er sich nicht immer besonders vergnüglich, zumal der österreichische »Botschafter« überall eine dominierende Stellung beanspruchte, und er seinerseits darüber wachte, daß auch der Würde seines Staates nichts vergeben werde.
Der englische Lord Cowley gab ein großes Fest zu Ehren seiner Königin. Die Räume waren glänzend geschmückt; Farben und Fähnchen fast aller Kulturstaaten woben sich zu einem bunten Bilde zusammen, aus welchem sich das transparente englische Wappen abhob, dem gegenüber sich der ungekrönte Doppeladler – das Wappen des deutschen Bundes – zeigte. Die Gesellschaft war eine sehr vornehme. Graf Thun tänzelte zierlich um die Damen, der Lord zeigte sich als vornehmer und lebhafter Wirt, zwischen den Gesandten der deutschen Staaten bewegten sich mit graziöser Gewandtheit der Vertreter Frankreichs, Tallenay, und der belgische Graf Briey, und der Tanz bot bei der Reichhaltigkeit der Toiletten geradezu glänzende Bilder. Bismarck lehnte behaglich an einer reichdekorierten Säule und sah in das Gewühl. Im bunten Kotillon bewegten sich die Paare, darunter viele der älteren Diplomaten, und er machte die Bemerkung, wie viele von den Damen schwarzgelbe Seidenschleifen, die Farben Österreichs, trugen, während er nach jenen Preußens vergebens suchte. Eine junge Prinzessin von Nassau kam eben an ihm vorüber, am Arme eines süddeutschen Diplomaten. Sie sah ihn flüchtig an, aber es lag in dem Blicke selbst eine unverkennbare Beimischung von Geringschätzung. In diesem Augenblicke trat ein anderes Mitglied der preußischen Bundestagsgesandtschaft an ihn heran. »Fürchten Exzellenz nicht die Ungnade Ihrer Hoheit der Prinzessin von Nassau?«
»Wieso?«
»Wir armen Preußen sind bei ihr schwer diskreditiert; Hoheit geruhte mit allen anderen Mächten zu tanzen, nur mit Preußen nicht!«
»Das ist freilich schlimm, aber ich hoffe, daß es mir nicht den Rest meiner Nachtruhe verderben wird,« sagte Bismarck lächelnd.
Nicht lange darauf verließ er das Fest.
Weihnachten wurde in freundlicher Weise verlebt, und das Fest brachte dem Vielbeschäftigten einige Ruhe und Muße. Dann wieder Arbeit in Fülle, zwischendurch aber auch manch ein vergnügter Tag! Wie war das so lustig zur Fastnachtszeit, als er seinem Dienstpersonal ein fröhliches Fest gab, wie er es daheim in der Altmark seit der Väter Tage gewohnt war! Er fehlte nicht unter den »Seinen« und freute sich, wie alle Augen lachten vor Fröhlichkeit, und wie vor allem die knusprigen, braunen »Pannkauken« schmeckten, die er selber auch kostete. In solchen Stunden wuchs er seinen Dienern noch mehr ans Herz, als es schon der Fall war, und Frau Johanna nicht minder.
Der Frühling von 1852 kam ins Land. In Österreich war an Stelle des Ministers Schwarzenberg der Graf Buol-Schauenstein getreten, und damit schärfte sich eine bereits schwebende Angelegenheit zwischen Preußen und Österreich noch mehr zu. Es betraf den von dem ersteren begründeten deutschen Zollverein, für welchen die bisher noch unbeteiligten deutschen Staaten gewonnen werden sollten, während Österreich, das von demselben ausgeschlossen war, an der Auflösung desselben arbeitete. Bismarck hatte hier seine vollgemessenen Verdienste, und da der neue österreichische Ministerpräsident mit aller Macht den preußischen Bestrebungen entgegenarbeitete, ging er im Auftrag seines Königs nach Wien, um an den Kaiser ein Handschreiben Friedrich Wilhelms IV. zu überbringen.
In den ersten Tagen des Juni traf er in der Hauptstadt an der Donau ein. Der Minister Buol empfing ihn ziemlich ungnädig und erklärte bestimmt, daß Österreich sich von Deutschland nicht als Ausland behandeln lassen werde.
Bismarck war zwar verstimmt, aber nichts weniger als entmutigt. Er freute sich der Liebenswürdigkeit, mit welcher er fast überall aufgenommen ward, lebte in dem freundlichen Schönbrunn den anmutigen Erinnerungen an seine Hochzeitsreise, und fuhr endlich am 23. Juni auf der Donau hinab nach dem alten Ofen, wo er im kaiserlichen Schlosse seine Wohnung erhielt. Hier saß er, hoch über Stadt und Strom, und ließ den Blick hinausschweifen über das weite ungarische Flachland, und dachte bei all den Schönheiten an den Kreis seiner Lieben in Frankfurt.
Von dem jungen Kaiser wurde er in besonderer Audienz mit liebenswürdiger Herablassung empfangen und machte mit dem Hofe einen Ausflug ins Gebirge. Stimmungsbilder von satter Farbenglut gingen an seinem Auge vorüber. Im Hintergrunde die ungarische Königsstadt mit ihrer hochragenden Burg, ringsum grüner Buchenwald, auf freiem Rasenplane die kleine Tafel für etwa zwanzig Personen, eine jubelnde Volksmenge, die sich ringsum drängte und bis in die Wipfel der Bäume kletterte, leise hallender Hörnerklang, und als der Abend kam, das ganze Bild übergossen vom bläulichen Mondschimmer und matt erhellt von loderndem Fackelglanz – das alles war so fremdseltsam, daß es wie eine Phantasie erschien, der die ernste Wirklichkeit bald folgte in Gestalt eines Telegramms aus Berlin, welches entschieden die österreichischen Zumutungen in der Zollvereinsfrage zurückwies.
Nicht lange darauf saß Bismarck wieder im Kreise der Seinen, der sich am 1. August 1852 noch um ein Söhnchen vermehrte, das nach seinem hohen Paten _Wilhelm_ genannt wurde.
Im Herbste desselben Jahres mußte er zu seinem großen Bedauern seine freundliche Wohnung in der Bockenheimer Landstraße aufgeben, weil ein reicher Westfale das Haus gekauft, und nun siedelte er nach der Großen Gallusstraße Nr. 19 über; aber der Ruf der hohen Gastlichkeit, der vornehmen und dabei gemütvollen Liebenswürdigkeit haftete auch hier an dem Heim des Diplomaten.
Die kommenden Jahre gaben Bismarck genug Gelegenheit, seine Umsicht, Klugheit und Tatkraft im Interesse seines Staates zu bekunden. Und er hat in kleineren wie in gewichtigen Dingen seine Anschauungen zur Geltung zu bringen verstanden – und eine Tätigkeit entwickelt, die schon ihrem Umfange nach Staunen erregt. Die immerwährenden Reisen, die eingehenden klaren Berichte, die unmittelbare Tätigkeit im Bundestage selbst hätten einen anderen aufreiben müssen.
Da tat mitunter eine Erholung dringend not.
Im Sommer 1853 erfrischte er sich in den Wellen der Nordsee und reiste dann durch Belgien und Holland zurück. Der politische Horizont hatte sich umwölkt, der »Krimkrieg« zwischen Rußland und den europäischen Westmächten hing in der Luft, und der preußische Staatsmann suchte nach seiner besten Überzeugung seinen König in dieser Sache neutral zu erhalten, was auch gelang.
Spott, der ihn deshalb traf, wußte er sehr geschickt und scharf zurückzuweisen. So war er in diplomatischem Auftrage in München gewesen, und als dort zu Ehren eines österreichischen Generals eine Militärparade abgehalten wurde, erschien er dabei gleichfalls in seiner Landwehruniform. Auf seiner Brust lag schon längst nicht mehr die Rettungsmedaille allein, sondern zahlreiche hohe Orden schmückten dieselbe. Der General, welcher an ihn herangeritten war, sah mit einigermaßen spöttischem Blicke auf die blinkenden Auszeichnungen und fragte:
»Schaun’s Exzellenz! Alle vorm Feind erworben?«
»Jawohl, Exzellenz, alle vorm Feinde, alle in Frankfurt a. M.,« erwiderte Bismarck mit verbindlichem Lächeln.
Noch schärfer führte er den französischen Gesandten in Berlin, de Moustier, ab. Die Franzosen waren über die Neutralität Preußens in der orientalischen Frage verstimmt, und als der Gesandte mit Bismarck zusammentraf, ließ er sich zu der Äußerung verleiten: »Preußen wird seine Haltung noch einmal bedauern; auf diesem Wege kommt es vermutlich nach Jena!«
»Und warum nicht nach Leipzig oder Waterloo?« fragte Bismarck dagegen, und de Moustier war durch diese Antwort so gekränkt, daß er sich beim König – jedoch ohne Erfolg – beschwerte.
Bismarck war einmal nicht der Mann, der seiner Würde, noch weniger aber der Würde seines Staates etwas vergab.
Der Krimkrieg war zu Ende, und in Paris fanden sich die Vertreter der Mächte ein, um über den Frieden zu verhandeln. Damals reiste auch der Minister Graf Buol über Frankfurt dahin und hielt sich kurze Zeit in letzterer Stadt auf. Da beeilten sich denn die meisten der deutschen Bundesgesandten, ihm einen Beweis ihrer Ergebenheit zu geben, und ließen sich durch den Graf Rechberg, welcher indes an Graf Thuns Stelle getreten war, anfragen, wann sie ihre offiziellen Besuche machen könnten. Aber der Herr Minister, ermüdet von der Reise, lehnte solche Besuche ab, bestimmte jedoch eine Stunde, in welcher er für die Herren in seiner Wohnung zu einer vertraulichen Besprechung anzutreffen sei. Diese Mitteilung war auch Bismarck, trotzdem derselbe nicht angefragt hatte, zugegangen. Er ließ dem Grafen Rechberg wissen, daß er durchaus gar nicht die Absicht habe, die wertvolle Zeit des Grafen Buol in Anspruch zu nehmen, und während die anderen Gesandten im Vorzimmer der österreichischen Exzellenz warteten, bis es derselben genehm war, sich von ihnen respektvoll begrüßen zu lassen, wartete Bismarck, ob nicht Graf Buol zu ihm kommen werde.
Und derselbe kam trotz seiner »Ermüdung«.
Auch die Unterdrückung Schleswig-Holsteins durch die Dänen war eine Angelegenheit, welche den Bundestag viel beschäftigte, ohne daß eine Einigung zu erzielen war. Preußen hatte den besten Willen, zu helfen, aber die Eifersucht Österreichs, die Zwietracht der anderen Mächte banden ihm die Hände.
Trotzdem wußte Bismarck auch hier einiges zu erreichen, und vor allem zu erlangen, daß Dänemark für den Herzog von Schleswig-Holstein eine entsprechende Abfindungssumme entrichte.
In der schleswig-holsteinischen Sache war er übrigens selbst in Kopenhagen gewesen. Im August 1857 war er aufgebrochen, seine Familie hatte er nach Reinfeld gebracht, wo sie in ländlichem Behagen sich freuen und erholen konnte, und in der dänischen Hauptstadt fand er eine durchaus höfliche Aufnahme.
Hier war ihm alles fremd und neu, und so ließ er sich gern veranlassen zu Ausflügen, welche den Reiz der nordischen Gegenden vor ihm entrollten und überdies eigenartige neue Jagdvergnügen boten. Diese Ausflüge erstreckten sich bis nach Schweden, wo er bis Tomsjonäs in Smaland vordrang. Fremdseltsam mutete ihn die Gegend an mit ihren weiten, wüsten Strecken, wo bald zwischen Sumpf und Moor dichtes Gestrüpp und Unterholz wuchert, bald über grauverwittertes Gestein und zwischen felsigen Ufern schäumende Bergwasser hinwegrauschen, bald, von Waldesgrün umsäumt, große, dunkle Seen im Sonnenscheine träumen – wo die Menschheit zu fehlen scheint in der großen Szenerie der Natur, die wie im Sonntagsgewande ihrer Schöpfung ruht und mit tiefer Stille den Jäger umfängt.
Manch jagdbares Getier verfiel seiner sicheren Büchse, und das Jagen war nicht immer gefahrlos. So stand dem Jäger auf einer seiner Fahrten plötzlich ein unbehaglicher Gesell gegenüber, ein braunes Ungeheuer, das wie aus dem Boden gewachsen schien, ein Bär, der die zornigen Augen gegen ihn wandte und nicht freundlich ihn anbrummte. Da galt kein langes Überlegen. Auf sechs Schritte Entfernung gab der mutige Schütze Feuer, und das Tier brach zusammen. Aber »Meister Petz« war zäh; er begann sich noch einmal, jetzt zur Wut entfacht, zu erheben, doch Bismarck lud schnell und ohne merkliche Bewegung seine Waffe, und als das Tier sich nun erhob, traf es die zweite Kugel und streckte es tot nieder.
An Körper und Geist erfrischt, die Seele erfüllt von neuen Bildern, kam Bismarck nach Frankfurt zurück, froh, mit seinen Lieben wieder vereint zu sein, die er sich manchmal zur Seite gewünscht hatte in einem kleinen, stillen, freundlichen Landhause an einem der Nordlandsseen. – Da brachte der Herbst wiederum Trübes. König Friedrich Wilhelm IV. war infolge eines Schlaganfalles erkrankt und hatte die Stellvertretung in der Regierung seinem Bruder, dem Prinzen Wilhelm, übertragen. Es war eine bange Zeit für die preußischen Herzen, die bei aller Verehrung für den Prinzen doch den Schmerz empfanden, der in dem königlichen Hause lebte.
So ging wieder ein Jahr vorüber, und der politische Himmel schien sich von neuem zu bewölken; zwischen Österreich und Italien begann eine Spannung, welche für den Einsichtigen, zumal bei dem Ehrgeiz des dritten Napoleon eine Einmischung Frankreichs zu befürchten war, eine drohende Kriegsgefahr barg. Im Oktober 1858 übertrug der unheilbar kranke König seinem Bruder die Regierung gänzlich, und der Prinzregent schien der preußischen Politik eine andere Richtung geben zu wollen, indem er ein neues Ministerium berief, auf welches er wie sein Volk große Hoffnungen zu setzen geneigt waren.
Auch an Bismarck war anfangs dabei gedacht worden, aber seine Zeit war noch nicht gekommen. Er wußte sich, trotz der Verstimmung seiner Angehörigen, zu trösten, und tat auch angesichts der augenblicklichen Situation das, was ihm das Richtige schien. Der Bundestag war in Aufregung, mittel- und süddeutsche Staaten drängten zum Kriege gegen Italien und Frankreich und zur Bundesgenossenschaft mit Österreich. Eine solche unbedingte Heeresfolge ging dem preußischen Diplomaten gegen seine Überzeugung. Dieselbe hatte er schon vorher unumwunden in einer Denkschrift an seine Regierung ausgesprochen, in welcher er eine selbständige preußische Politik dringendst empfahl und verlangte, daß Preußen als der größte deutsche Staat an die ihm gebührende Stelle in Deutschland treten müsse, selbst, wenn es darüber zum Bruche mit Österreich komme.
Und als jetzt der Krieg sozusagen in der Luft schwebte, sahen die übrigen deutschen Gesandten zu ihrem Erstaunen, ja Entsetzen, auf der »Zeile« Bismarck Arm in Arm mit dem Gesandten Italiens, dem Grafen Barral, einherschreiten.
In Berlin aber war man noch nicht geneigt, mit Österreich geradezu zu brechen, und so erhielt der preußische Bundestagsgesandte an einem schönen Februartage seine Ernennung zum Gesandten in Petersburg. Erfreut war er über die Mitteilung nicht, er hatte die Empfindung, daß man ihn »kaltgestellt« habe, aber der Prinzregent selbst gab ihm die Versicherung, daß diese Versetzung ein Beweis ganz besonderen Vertrauens sei – und der Mann der Pflicht tat seine Schuldigkeit.
Siebentes Kapitel.
An der Newa und der Seine.
An einem wenig freundlichen Märztage des Jahres 1859 fuhr frühmorgens ein hochbeladener Postwagen, mit acht Pferden bespannt, zu dem Tore von Königsberg hinaus. Auf dem Außensitze saß Otto von Bismarck und schaute in den dämmerigen Morgen, der ihn aus Deutschland entführte nach den Ufern der Newa.
Eine behagliche Fahrt war es eben nicht.
In den Steppen Rußlands lag noch tiefer Schnee, und mühsam arbeiteten sich die Pferde fort, so daß der Gesandte es manchmal vorzog, neben dem Wagen herzuschreiten, zumal das den frosterstarrten Gliedern guttat. Bergab war es am schlimmsten; die Pferde glitten auf den glatten Wegen aus und kamen wiederholt zum Stürzen, und in einer Stunde war man einmal etwa 20 Schritte vorwärts gekommen. Dazu keine Nachtpost. Durch das unbehagliche Dunkel leuchteten nur mit müdem Scheine die Wagenlaternen, ein eisiger Wind blies über die Steppen und wehte den feinen, beißenden Schneestaub dem Reisenden in das Gesicht, der auf seinem freien Sitze auch gar nicht daran denken konnte, zu schlafen. Es war eine Wohltat, das letzte Stück des Weges im Eisenbahnwagen zurücklegen zu können.
Nach sechs Tagen traf er in Petersburg ein. In den winterlichen weißen Hermelin gehüllt, lag die russische Kaiserstadt, und ihre Pulsader, die Newa, flutete noch unter der Eisdecke dahin. Durch die prächtigen Straßen fuhr Bismarck nach dem Hotel Demidoff, wo er fürs erste sein Quartier nahm.
So verlebte er diesmal seinen Geburtstag fern von der deutschen Heimat und den lieben Seinen, aber er war doch nicht ohne Bedeutung; er überreichte an demselben dem Zaren Alexander II. sein Beglaubigungsschreiben. Um die Mittagszeit war das reich vergoldete Gefährt mit dem kaiserlichen Wappen vorgefahren, das den Gesandten nach dem Winterpalais brachte. Durch die entlaubten Lindenalleen ging es pfeilschnell hin, vorüber an dem Prachtbau der Admiralität, von dessen Turme sich der herrlichste Blick über die Zarenstadt bietet, über den Paradeplatz hinweg und dann hinein durch das Tor in den Hof des Palastes.
Der Empfang ließ an Feierlichkeit und würdigem Zeremoniell nichts zu wünschen, aber er hatte auch beinahe den Anstrich einer gewissen Herzlichkeit. Der Kaiser empfing den preußischen Gesandten herablassend liebenswürdig und schien an dessen feinem und offenem Wesen von der ersten Stunde an Gefallen zu finden.
Auch sonst hatte Bismarck nicht über Mangel an freundlichem Entgegenkommen zu klagen. Wie einst die Großfürstin Helene, die geistvolle Witwe des Großfürsten Michael Pawlowitsch, eine geborene Prinzessin von Württemberg, sich in seinem gastlichen Hause in Frankfurt wohl befunden hatte, so vergalt sie ihm jetzt diese Gastfreundschaft in liebenswürdigster Weise in Petersburg. Manch schöner Abend wurde bei ihr verlebt, gemeinsam mit bedeutenden und angesehenen Persönlichkeiten; besonderes Interesse aber erregte es, wenn man mit Bismarck in intimem Gespräche in irgendeiner Fensternische einen kleinen, grauhaarigen Herrn mit dem glattrasierten Gesichte und den klugen Augen, die hinter glitzernden Brillengläsern hervorsahen, erblickte. Das war der russische Kanzler, Fürst Gortschakoff.
Die Freundschaft der beiden war nicht neu, sie datierte schon aus Frankfurt, wo der Fürst Gesandter seiner Regierung beim Bundestage gewesen war, und sie wurde hier mit einer gewissen Herzlichkeit erneuert.
Endlich kam auch für Petersburg der Frühling. Die Kanonenschüsse, welche eines Tags von der Festung aus donnerten, verkündeten der freudig aufatmenden Residenz, daß die Newa die starre Eisdecke zerbrochen habe und ihr glänzender Wasserspiegel mindestens auf eine Bootsbreite zutage getreten sei, und jedes Kind in Petersburg wußte es, daß zu dieser Stunde der Kommandant der Festung im Paradeanzug, und von seinen Offizieren begleitet, in eine reichgeschmückte Gondel steige, in einem goldenen Becher Wasser aus dem Strome schöpfe und dann hinüberfahre nach dem Winterpalais, um es dem Kaiser zu überbringen. Tausende von Menschen strömten zusammen und füllten den Platz, während der mächtige Herrscher oben den Becher empfing und auf das Wohl seiner Residenz leerte. So war es alter Brauch, und der Kommandant erhielt demselben gemäß zweihundert Dukaten.
Nun begann der Lenz auch die Ufer des Flusses zu schmücken, und die Straßen der Stadt wurden lebendiger, zumal der glänzende Newski-Prospekt. An der Umgebung der Residenz aber fand Bismarck kein besonderes Gefallen. Nach Süden zu hatte die Kunst der Natur einigermaßen nachgeholfen, nach den übrigen Seiten hin war noch viel einförmiger Wald und Wildnis.
Ein Punkt aber hatte für ihn eine freundliche Anziehungskraft; hier wehte es ihm entgegen wie der Hauch der Heimat. Das war das Schloß _Peterhof_, der überreich geschmückte Sommersitz Peters des Großen, das Versailles der russischen Kaiser, zu jener Zeit aber der Aufenthaltsort der Kaiserin-Mutter Charlotte, der Tochter der unvergeßlichen Königin Luise von Preußen.