Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe

Part 2

Chapter 23,970 wordsPublic domain

Wie bald ich es sah, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, daß der Eindruck so innig mit der Erinnerung an meine Frau verwoben ist, daß ich es jetzt nicht mehr fassen zu können glaube, daß ich sie je in dem Lichte der Jugend und des Glücks allein gesehen. Sie war nämlich frühzeitig krank, ja, ich habe sie eigentlich nie anders gekannt als mit dem Keim der Krankheit. Wie kam es da, daß ich bis zuletzt lange Zeiten vergessen konnte, daß ihre Gesundheit untergraben war und daß der Krankheitskeim, der bestand, sich entwickeln oder ganz verschwinden mußte? Ich wußte ja nur zu gut, daß er nicht verschwand. Und doch lernte ich nie ihr Leben in einem anderen Lichte sehen, als dem gewöhnlichen. Horchte ich nicht auf die Vorboten, die kamen? Stellte ich mich blind und taub gegen die Ahnungen, die in mir aufloderten, wie Feuersflammen meines Glückes Haus bedrohend, das ich so fest gemauert wähnte? Ich weiß nicht, ob es so war. Aber ich weiß, daß, als ich heiratete, ich so jung war, daß ich glaubte, die Liebe sei ein Heilmittel gegen alles Unglück der Welt, und wenn ich Elsa strahlend und glücklich sah, wenn wir uns gemeinsam in Wald und Wellen tummelten, wenn ich sah, wie die Sonne sie bräunte und die Sommerwellen ihre weißen Glieder bespülten, da vergaß ich, daß das Unglück kommen konnte, und ich spiegelte mir vor, daß das, was ich befürchtet hatte, nur Einbildung war. Ach, ich wurde schließlich so bewandert in der Kunst, das zu vergessen, was ich nicht sehen wollte, daß ich von Gesundheit und langem Leben träumte, auch nachdem Elsa dem Tod so nahe gewesen, daß es ein Wunder war, daß sie ihm entrann, und sie unter ihrem Kleid verborgen die Spuren des Messers des Operateurs trug, nie ganz frei von Schmerzen, sie nur dadurch vergessend, daß sie sich selbst Gewalt anthat, um uns, die sie liebte, den Kindern und mir, Freude und das Fest des Lebens zu schenken.

Aber ich erinnere mich doch, wie bald ich dieses Etwas sah, das zu vergessen unsere ganze Ehe ein wechselnder Kampf war. Ich sah es an ihrem Gesichte, wenn sie allein saß und sich unbeobachtet glaubte, und anfangs meinte ich, als ich dies sah, daß zwischen mir und ihr etwas stünde. Ich pflegte sie darnach zu fragen, und es ist schwer zu sagen, ob es meine Liebe oder meine Eigenliebe war, die mich glauben ließ, daß nichts anderes, als was mich selbst berührte, ihr Glück trüben konnte. Ich sah, daß ich sie mit meinen Fragen unsäglich quälte, aber ich fragte sie doch, und bei solchen Anlässen konnte sie mit einem Ausdruck lächeln, als weilte ihre Seele weit weg, einem Ausdruck, der mich noch in der Erinnerung quält, weil es dieser Ausdruck war, den ich jahrelang zu besiegen strebte, aber der schließlich die Oberhand bekam und mich besiegte.

»Du sollst mich nicht fragen,« sagte sie einmal. »Ich weiß selbst nicht, was es ist. Ich weiß nur, daß kein Mensch es verstehen kann.«

In was sie da blickte, gehört dem Unbekannten an, wonach Alle fragen, aber worauf Niemandem eine Antwort wird. Doch wie hätte ich das damals verstehen können? Unser Leben war glücklich, unsere Tage froh, unsere Knaben wuchsen heran und erfüllten unser Heim mit ihrer frohen Munterkeit. Und niemals war Elsa zärtlicher gegen mich, als wenn ich diese Momente schweigender Betrübtheit bemerkt hatte, die ich das Recht gehabt hätte, unmotiviert zu nennen, wenn es keine anderen Motive gäbe als die, welche die Menschen in Worte kleiden können.

4.

Zu dieser Zeit waren unsere Knaben herangewachsen und waren schon große Jungen. Olof hatte bereits mit der Schule angefangen, und Svante näherte sich auch schon der Zeit, wo er beginnen sollte, die trockenen Nüsse vom Baume der Erkenntnis zu knacken.

Zu dieser Zeit war es, daß die dunklen Stunden zum ersten Male anfingen, meiner Frau übermächtig zu werden, und mehr als einmal sah ich, daß sie geweint hatte. Sie wich mir in ihrer stillen Weise aus, und sie that es, damit ich sie bei solchen Anlässen nicht fragen sollte. Ich kann nie vergessen, welche Angst mich in dieser Zeit beherrschte. Diese Angst schlich sich Nachts an mich heran, wenn ich einsam an meinem Schreibtisch saß. Sie folgte mir, wenn ich ging, um mich zur Ruhe zu legen, und sie blieb in der Dunkelheit auf dem Rande des Bettes sitzen, während ich wach lag und den Atemzügen meiner Frau lauschte, um zu hören, ob sie schlief.

So still wurde es zwischen uns in dieser Zeit, so wunderlich still. Wir konnten in unser Wohnzimmer kommen und die Lampe anzünden, und wir konnten dort sitzen, ohne ein Wort zu sagen, und wir fühlten, wie das Schweigen sich gleich einer Mauer zwischen uns aufrichtete, die Niemand aufgebaut, aber die auch Niemand niederreißen konnte. Und wenn unsere Hände sich suchten, war es nur, weil wir es mußten und Keiner von uns es ertragen konnte, ferne von dem Anderen zu sein, obgleich wir Beide fühlten, daß wir es im Grunde doch waren.

Die Knaben kamen herein, um Gutenacht zu sagen. Wir küßten sie Beide, und wir sahen ihnen nach, wenn sie gegangen waren. Aber kein Wort wurde gesprochen, und wenn ich meinen Kopf wieder nach der Richtung wandte, wo meine Frau saß, fühlte ich, daß sie weinte, aber ich hörte es nicht. Wir hätten nicht unglücklicher sein können, wenn Eines von uns oder wir Beide ein dunkles Geheimnis zu verbergen gehabt hätten. Und doch wußten wir Beide, daß es kein solches gab.

»Bist Du unglücklich mit mir, Elsa?« fragte ich sie.

Und zur Antwort hörte ich sie schluchzen, wie in höchster Angst:

»Wenn ich Dich nicht hätte, glaubst Du, daß ich da leben könnte?«

5.

Wie lange diese Zeit währte, kann ich mich nicht mit Bestimmtheit entsinnen. Ich weiß nur, daß ich mich ihrer wie eines einzigen entsetzlichen Winters ohne Schnee erinnere, eines langen, dunklen Strichs in unserem Leben, das mich leer und ohne Sinn dünkte. Nachher habe ich den Tod das Teuerste, was ich besaß, aus meinen Armen reißen sehen, ich sah Freunde sterben, ich habe mich von Allem verlassen gefühlt, wofür ich geistig sterben oder leben wollte. Aber etwas, das sich mit diesem Winter vergleichen läßt, habe ich niemals erlebt, denn damals glaubte ich, daß Elsa im Begriffe stand, von mir fortzugleiten, und dieser Gedanke war mir furchtbarer als irgend etwas, das andere Menschen mir zufügen konnten oder das mich überhaupt im Leben zu treffen vermochte.

Diese Zeit war so bitter, weil ich damals das einzige Mal in meinem Leben in meinem Herzen hart gegen sie wurde, und ich wurde es, weil ich es nicht besser verstand. Ich kam schließlich dazu, mich in mich selbst zurückzuziehen so wie sie, denn der Gram beherrschte mich; endlich bekam der Gram Stimme, und die harten Worte zitterten in der Luft um uns.

Eines Tages fand ich sie in Thränen, und mit einer Stimme, die nicht mehr meine war, rief ich aus:

»Wie lange glaubst Du, daß ich das aushalten werde?«

Im selben Augenblick, in dem ich es gesagt, bereute ich meine Worte, und niemals werde ich den Ausdruck des Schreckens vergessen, der ihr ganzes Antlitz versteinerte.

»Was meinst Du?« sagte sie.

»Das, was ich sage.«

Es war, als hätte ein böser Geist, den ich nicht zügeln konnte, durch meinen Mund gesprochen. Alles, was ich gelitten, stieg in mir empor, als wolle es mich ersticken, und ich empfand es als einen Triumph, daß ich ihr wehe gethan.

»Gehe doch,« sagte sie, »gehe von mir. Warum bist Du je zu mir gekommen?«

Sie weinte nicht, als sie ging. Aber mitten durch meinen Zorn fühlte ich, daß ich ihr mit meinen unüberlegten Worten einen Schmerz zugefügt, so groß, daß ich selbst nie einen ähnlichen gefühlt hatte, noch fühlen werde. Aber ich schüttelte diesen Gedanken ab und verschanzte mich hinter dem beschränkten Hochmut, der den Menschen dazu bringt, ein Unglück nicht abzuwehren, sondern nachzurechnen, wessen Schuld es ist.

»Es ist ihre Schuld,« sagte ich zu mir selbst, »wenn unser Glück vorüber ist. Was habe ich gethan, daß sie unglücklich sein und mich dadurch quälen muß, daß sie mir die Ursache nicht sagt? Sie liebt mich nicht mehr. Das ist ja der Lauf der Welt. Was schön ist, muß verunstaltet werden. Wer glücklich ist, darf es nicht lange bleiben.«

Hinter solchen Gedanken verbarg ich mein wirkliches Empfinden, das die ganze Zeit über von ihr erfüllt war. Ich glaubte, daß ich ein Recht zu grollen hätte, und ich fand, daß das, was ich gesagt, noch eine härtere Antwort erhalten hatte, als die Worte selbst verdient hatten.

6.

Diese Zeit war die einzige, in der unser Glück wirklich hätte untergehen können, und ich glaube, daß wir Beide gleich stark die Empfindung hatten, daß schicksalsschwere Mächte mit unserem Leben spielten. Ein ganzer Tag verging, während dessen kein Wort zwischen uns gewechselt wurde. Aber am Abend, als wir zur Ruhe gehen sollten, fielen wir einander in die Arme und weinten, ohne sprechen zu können.

Dann wurde alles wie zuvor. Aber die Frage, die mich verzehrte: »Was ist es, was kann es sein?« war und blieb unbeantwortet. Doch war ich ruhiger, fühlte Reue über meine unausgesprochenen Gedanken und wartete zugleich gewissermaßen auf eine Lösung.

Zwei Tage später fand ich folgenden Brief auf meinem Tisch.

Ich erinnere mich, daß ich ihn mit einem Gefühl der Angst erbrach, so, als könnte mir dieses Papier ein Geheimnis entschleiern, das die Macht hatte, mein ganzes Leben zu vernichten. Aber gleichzeitig brannte ich vor Verlangen, Antwort auf die eine Frage zu erhalten: »Warum ist sie nicht glücklich? Kann man gleichzeitig glücklich und unglücklich sein?«

Der Brief lautete folgendermaßen:

Mein Geliebter.

Daß solche Worte fallen konnten zwischen Dir und mir! Daß es nur möglich ist, daß das geschah! Ich glaubte zuerst, die Sonne sei erloschen und ich könnte niemals mehr das Licht des Tages sehen. Und ich grübelte und grübelte, wie ich Dich wieder gut gegen mich stimmen könnte und wie Alles werden könnte, als sei dies nie gewesen.

Aber dann sah ich, daß Du doch gut warst in Deinem Herzen, obgleich es nicht den Anschein hatte, und ich begann zu verstehen, daß Du niemals anders werden kannst, und daß nur das, daß ich nicht auf Deine Fragen antworten konnte, Dich so zerrissen und bitter machte, und darum schlugst Du blind zu, ohne zu wissen, daß Du mir so wehe thun konntest, wie Du es thatst. Auch jetzt weiß ich nicht, was ich Dir antworten soll, aber Du darfst Dich nicht darüber wundern, daß ich schreibe. Es geschieht nur, weil, wenn ich versuchen wollte, davon zu sprechen, ich nie mehr als die Hälfte von dem sagen würde, was ich wollte.

Es giebt so vieles, das ich in mir herumtrage, Georg, so vieles, das ich nie gesagt, weder zu Dir noch zu irgend jemand Anderem, weil ich weiß, daß ich es nie sagen kann. Ich bin immer so gewesen, Georg, und ich werde wohl auch immer so bleiben.

Manchmal, wenn ich daran denke, wie Du gegen mich bist, von Allem sprichst, keinen Winkel Deines Herzens verbirgst, dann glaube ich, daß ich nur ein Echo von Dir bin, und ich bin so arm, daß ich Dir nichts wiederzugeben habe. Und wenn Du mir gesagt hast, daß dem nicht so ist, dann habe ich mich so glücklich gefühlt, Georg, so glücklich und reich. Und ich weiß, daß ich Dir alles gegeben habe, was ich geben kann, und alles, was ich habe.

Aber wenn Du siehst, daß ich sitze und in mich selbst hineinstarre, wie Du zu sagen pflegst, dann sollst Du wissen, daß ich nichts anderes thue, als was ich immer gethan habe, auch wenn ich am glücklichsten war, auch lange bevor ich Dich kannte und mein wirkliches Leben anfing. Und wenn ich weine, sollst Du nicht glauben, daß ich unglücklich bin. Das, woran ich da denke, macht mich nicht unglücklich. Es ist nur etwas, worüber ich zuweilen grübeln muß, weil ich weiß, daß es kommen wird und weil ich es immer gewußt habe.

Aber Du sollst mich nicht darnach fragen, denn ich kann Dir doch nicht antworten. Könnte ich es, ach, könnte ich es, dann würden ja meine Thränen von selbst trocknen. Vielleicht ist es auch nichts, vielleicht liegt es nur darin, daß ich zu glücklich bin.

Aber ich will, daß Du mir glaubst, wenn ich Dir sage, daß Du nicht zu fürchten brauchst, es gäbe etwas Verborgenes und Geheimes in meiner Seele, das ich verberge und geheim halte, weil Du es nicht sehen dürftest. Es ist bloß das, daß ich nicht kann.

Bitte mich darum nicht, zu sprechen, sondern sei mir gut, so wie ich bin. Sei mir gut als Deinem kleinen Mädchen und Deiner Freundin, die nichts anderes verlangt, als an Deiner Seite gehen zu dürfen, so lange Gott mir das Leben schenkt, und dann zu sterben und in Ruhe zu schlafen, von allen Anderen vergessen, außer von Dir. Denn _Du_ sollst mich nicht vergessen, und das ist das einzige »unsterbliche Leben«, das ich verlange.

Aber eines wünsche ich zuweilen. Und das ist, daß wir Beide grau und alt wären und unsere Kinder schon recht alt. Ich bin so sehr Mutter, daß ich wünschte, meine Knaben wären erwachsen und ich könnte zu ihnen nach Hause gehen und kleine, kleine, ganz kleine hilflose Kindchen in meine Arme nehmen und sehen, daß ich auch ein bißchen in ihnen lebte. Meine Jungen sind jetzt so groß, daß sie mich bald nicht mehr brauchen. Aber es wäre so gut alt zu sein und zusammen mit Dir zu gehen und des Tages harren zu können, an dem die große Ruhe kommt. Ich glaube, ich würde Dich doppelt lieben, wenn Du alt und grau wärest und Niemand Dich mit denselben Augen ansehen könnte wie ich und ich denken dürfte, daß Niemand außer mir an Dich ein Recht gehabt und Niemand so recht wüßte, wer Du bist.

Nun habe ich Dir so viel gesagt, und das, was Du mich gebeten, Dir zu sagen, habe ich doch nicht gesagt. Aber denke nicht daran, Georg, denke nur, daß ich Dich jetzt liebe, so wie ich Dich immer geliebt habe, daß das, was ich jetzt für Dich fühle, mehr ist, als Worte ausdrücken können, mehr als Du selbst je wissen kannst. Denn bei Dir und hier ist mein Platz und ich habe alles, was je eine Frau gehabt hat oder haben kann, und wenn sie noch so glücklich wird. Glaube nichts Anderes, denn sonst machst Du mich unglücklicher, als Du ahnen oder glauben kannst.

Deine Frau.

7.

Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von Zärtlichkeit, die mir entgegenströmte, war so mächtig, daß sie alle Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts verändert schien, mit einem Gefühle umhergehen ließ, als sei ich der Märchenprinz, der auf den Flügeln des Westwinds die Insel der Glückseligkeit erreicht hat.

Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verändert schien, und ich hatte es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen, und so ist ja die Liebe, daß sie nichts Anderes will als sich selbst, und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts Anderes hin als auf die einzige Gewißheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann. Darum gab dieser kleine Brief uns die Lösung von allem, obgleich er nichts erklärte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn gelesen, zu meiner Frau hinein, glücklich, daß ich ganz glauben konnte.

Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es Beide als eine Erleichterung, daß er geschrieben worden war, und des Abends saßen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie sie nie für jemand Anderen als mich gesungen hat. Und ich saß und ließ meine Seele von den Tönen liebkosen, während ich in mir grübelte, wie es möglich gewesen war, daß eine Mißstimmung sich zwischen sie und mich hatte schleichen können.

Wie die Tage gingen, weiß ich nicht. Ich bemerkte nicht, daß sie länger wurden, daß der Schnee von den Dächern tropfte und daß die Bäume des Humlegartens zu knospen begannen. Höchstens bedauerte ich, daß der Winter nicht länger währte, so daß die Lampe zeitig angezündet werden und unsere Abende beginnen konnten.

»Hast Du gemerkt,« sagte mir meine Frau eines Morgens, »daß ich froher bin als früher und daß ich nie mehr weine?«

Ich hatte es gemerkt. Aber undankbar wie ein Mensch ist, der eben einer Gefahr entgangen ist, die er nicht verstanden hat, hatte ich die Veränderung genossen, ohne darüber nachzudenken.

»Weinst Du vielleicht, wenn Niemand Dich sieht?« fragte ich.

Und ich fühlte einen Schatten meines alten Mißtrauens in mir erwachen.

Aber meine Frau merkte es nicht. Sie stand vor mir so strahlend jung, als hätte keine Wolke ihre Stirne verdunkelt. Und um ihre Lippen spielte ein Lächeln, das ich schon einmal gesehen zu haben meinte. Ich konnte mich nur nicht erinnern, wann.

»Ich weine nicht mehr,« sagte sie.

Und ihre Stimme hatte einen fast herausfordernden Klang, als sie hinzufügte:

»Das ist _auch_ mein Geheimnis.«

Ich folgte ihrer Stimmung, ohne ihre Worte zu verstehen. Ich war zufrieden und glücklich in dem Gefühl, daß das Leben uns wieder lächelte.

Diese ganze Periode ließ in unserem Zusammenleben keine andere Spur zurück, als daß dieses noch inniger und gleichsam behutsamer wurde, als je zuvor. Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Weise ich diese wunderliche Paranthese in einer glücklichen Ehe mir selbst zu erklären versuchte. Gewiß ist, daß ich damals weit entfernt war zu ahnen, daß sie den Keim zu der Tragik einer ganzen Zukunft barg.

8.

Obgleich sie sich mit Stolz die Mutter zweier Knaben nannte, war Elsa doch noch jung, und wenn sie am Arm ihres Mannes über die Strand-Promenade ging, waren ihre Schritte elastisch, und sie schmiegte sich, während sie ging, mit einer Bewegung an mich, die zeigte, daß, wenn etwas diesen schönen Kopf bedrückte, es nicht die Jahre waren.

Es war an einem dieser gefährlichen Frühlingsabende in Stockholm, wo die Sonne warm über frischknospende Bäume fällt, die Straßen gleichsam zum Spiel und zur Augenweide von Leuten wimmeln, wo die Landgasthäuser alte Eheleute locken, Neuvermählte oder Verlobte zu spielen, wo der Himmel blau ist und die Eisblöcke den Strom hinabtanzen, wo der Winter so weit weg scheint, als sollte er niemals wiederkommen, und der Frühling einen Sommer verspricht, so wie man noch keinen erlebt.

An einem solchen Abend war es, daß Elsa ihren Mann verlockte, bis zum Tiergartenbrunnen spazieren zu gehen, eine Absage nach Hause zu telephonieren und ein kleines Souper _à deux_ zu bestellen, in einem niedrigen Zimmer mit weißen Gardinen, von wo aus man über die hellen Bäume sehen konnte, durch deren Zweige die Abendsonne zwischen langen Schatten schien.

Dies war eine unserer liebsten Vergnügungen, und je seltener wir uns, seit die Kinder heranwuchsen, derselben hingeben und diese allein lassen wollten, desto mehr genossen wir einen solchen Abend, der die ganze Freudigkeit und Schwärmerei mit sich brachte, die die Alltagskost der Jugend ist und die mit den Jahren zu Feierstunden wird, die man in der Erinnerung hegt.

Ich erinnere mich auch gerade an diesem Abend so gut an Elsa.

Vergnügt und zufrieden, in die Sophaecke geschmiegt, saß sie da und genoß langsam ihr letztes Glas Champagner. Sie glich einem Kätzchen, das darauf wartet, daß man es liebkost oder mit ihm spielt. Und ihr gegenüber saß ich selbst, rauchte bedächtig eine gute Cigarre und folgte mit meinen Blicken dem Sonnenschein, der zwischen den Schatten der Bäume zitterte. Ich fühlte mich glücklich und zufrieden, aber ich hatte in letzter Zeit viel gearbeitet, und es störte mich beinahe, daß meine Frau da saß und sich darnach sehnte, daß ich mich ganz mitreißen ließ. Denn sie selbst war in Fieberstimmung. Sie sah aus, als wollte sie im Zimmer umherspringen, spielen, rasen und sich fangen lassen, als sehnte sie sich nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, als wäre sie von dem mädchenhaften Verlangen nach den unsterblichen Thorheiten des Glücks erfüllt, was gerade zu dem gehörte, was ich bei ihr am allermeisten liebte. Aber ich konnte mich nicht mitreißen lassen, wie gerne ich auch wollte. Es war, als läge eine böse Ahnung oder eine unwiderstehliche Wehmut in mir auf der Lauer und hinderte mich, ganz dem Flug ihrer Gefühle zu folgen. Später kann man sich an etwas derartiges erinnern, und man kann sich selbst wegen dessen anklagen, was man damals versäumt hat, so als hätte man ein Verbrechen begangen. Ich erinnere mich noch, daß ich damals ihre Stimmung verstand; und durch das, was nachher folgte, weiß ich, welchen Weg ihre Träume nahmen.

Ein wenig darüber verstimmt, daß unsere Gefühle sich nicht wie gewöhnlich im selben Rhythmus bewegten, saß sie stumm da, das letzte Glas Champagner schlürfend, und während sie so saß, glitten ihre übermütigen Gedanken unmerklich in eine milde träumende Stimmung hinüber, und während sie ihren Mann anblickte, dessen Haar an den Schläfen schon ganz grau war, sah sie wie in einem Traum den Tag, an dem wir Beide vor vielen Jahren zu einer sonnenbeleuchteten Schärengarteninsel gerudert waren, hinter deren Bäumen unser erstes lichtes Sommerheim hervorschimmerte. Sie sah und sah. Das Bild wurde so deutlich und so scharf, daß sie jeden Strauch und jeden Baum zu unterscheiden vermeinte, alles bis zu dem feinen Spiel von Schatten und Lichtern, die die Abendsonne über das Schindeldach des grauen Häuschens warf. Sie sah die Bucht sich in unendlichem Blau weiten, und da, wo sie sich um die Insel schloß, wiegten ihre Wellen Spiegelbilder der hellen Birken und der dunklen Eichen und Tannen, die sich im Wasser beinahe schwarz abzeichneten.

Wie oft hat sie mir nicht die Klarheit dieser Visionen oder Erinnerungen beschrieben, die ihr eigenthümlich waren! Ich kann ihren Traum jetzt besser und klarer sehen, als ich es damals konnte.

Gewiß ist, daß sie all dies sah, bis ihre ganze tolle Laune verschwunden war, und ich sah, wie warme Thränen ihre Augen füllten. Mit einer hastigen Bewegung leerte sie den Rest ihres Glases, glitt von dem Sopha herab und lehnte ihren Kopf an meine Kniee.

Als hätte etwas von ihrem Gefühle sich unmittelbar auf mich übertragen, oder als wären sich unsere Gedanken in der Vergangenheit begegnet, in der der Glückstraum des Lebens uns beide umfing, wurde auch ich von einer Stimmung, die ganz verschieden von der vorhergehenden war, ergriffen, und indem ich sanft meinen Arm um ihren Hals legte und ihre Wange streichelte, sagte ich:

»Woran denkst Du?«

»Ich denke an unseren ersten Sommer.«

In diesem Augenblick kam es mir vor, als hätte ich auch an dasselbe gedacht. All meine Müdigkeit war wie fortgeflogen, und voll Bewegung bog ich ihren Kopf empor und küßte ihren Mund.

Im selben Moment saß Elsa aufrecht da.

Das Verlangen nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, das die Einförmigkeit des Alltäglichen durchbrach, vermischte sich im Augenblick mit der Erinnerung an das, was einst gewesen, und mit einem Tonfall, dem man nicht widerstehen konnte, rief sie aus:

»Ich will hinfahren, Georg! Ich will hinfahren!«

Aber im selben Augenblick fühlte ich mich wieder in die Wirklichkeit zurückversetzt. Meine Gemütsstimmung war im tiefsten Grunde vielleicht dieselbe wie die meiner Frau. Aber ich empfand gleichzeitig dieses wunderliche Gefühl einer wartenden Enttäuschung, das sich in uns erhebt und in den überspanntesten Augenblicken des Lebens unsere Träume zügelt. Ich scheute zurück vor diesem Versuch, die Jugend zum Leben zu erwecken, als fürchtete ich, anstatt dessen einem Schmerz zu begegnen, den ich um jeden Preis vermeiden wollte. Ich fühlte mich einer Enttäuschung so gewiß, daß der unschuldige Vorschlag meiner Frau, die kleine Fahrt in den Schärengarten, der Besuch des Ortes, wo ich jede Bucht, jeden Sund kannte, ja sogar die Steine auf dem Grunde des Fjords, mir etwas so Wichtiges und Entscheidendes zu bergen schien, daß ich mich genau bedenken mußte, bevor ich einen so schicksalsschweren Entschluß faßte. Aber gleichzeitig sah ich, daß dieser Gedanke meine Frau mit einem Entzücken erfüllte, so groß, daß ich nicht Nein sagen konnte. Darum sagte ich auch Ja und schloß sie in meine Arme, um meine eigene Mißstimmung zu verbergen.