Part 8
»Da ist wirklich nicht viel zu erzählen!« rief Dorian, als sie sich um den kleinen Tisch gesetzt hatten. »Was geschah, war einfach so. Als ich dich gestern abend verließ, Harry, zog ich mich an, aß in dem kleinen italienischen Restaurant in Rupert Street, das ich durch dich kennengelernt habe, und ging um acht Uhr ins Theater. Sibyl spielte die Rosalinde. Natürlich war die Dekoration greulich und der Orlando zum Lachen. Aber Sibyl! Ihr hättet sie sehen sollen. Als sie in ihren Knabenkleidern auftrat, war sie einfach wunderbar. Sie trug ein moosgrünes Samtwams mit zimtbraunen Ärmeln, eine kurze, braune, überm Knie kreuzweise geschnürte Hose, ein reizendes grünes Barett mit einer Falkenfeder, die von einem funkelnden Stein gehalten wurde, und war in einen dunkelrot gefütterten Kapuzenmantel gehüllt. Sie war mir nie schöner vorgekommen. Sie hatte all die zarte Grazie der Tanagrafigur, die du in deinem Atelier hast, Basil. Das Haar schlang sich um ihr Gesicht wie dunkles Laub um eine blasse Rose. Und ihr Spiel -- nun, ihr werdet sie heute abend sehen. Sie ist eben eine geborene Künstlerin. Ich saß ganz verzaubert in der schmierigen Loge. Ich vergaß, daß ich in London war und im neunzehnten Jahrhundert lebte. Ich war mit meiner Geliebten weit fort in einem Wald, den noch kein Menschenauge gesehen hatte. Nach der Vorstellung ging ich hinter die Bühne und sprach mit ihr. Als wir nebeneinander saßen, trat plötzlich ein Ausdruck in ihre Augen, den ich nie vorher gesehen hatte. Meine Lippen fühlten sich zu ihr hingezogen. Wir küßten uns beide. Ich kann euch nicht beschreiben, was ich in dem Augenblick gefühlt habe. Mir schien, daß all mein Leben in einen vollkommenen Moment rosenfarbiger Wonne zusammengepreßt wäre. Sie zitterte am ganzen Leibe und bebte wie eine weiße Narzisse. Dann warf sie sich auf die Knie und küßte meine Hände. Ich weiß, ich sollte euch das alles nicht erzählen, aber ich kann mir nicht helfen. Natürlich ist unsere Verlobung tiefstes Geheimnis. Sie hat nicht einmal zu ihrer Mutter davon gesprochen. Ich weiß nicht, was meine Vormünder dazu sagen werden. Lord Radley wird sicher wütend sein. Ist mir ganz gleich. In weniger als einem Jahre bin ich volljährig und kann dann machen, was ich will. Hatte ich nicht recht, Basil, meine Geliebte aus dem Reich der Dichtung wegzuholen und meine Frau in Shakespeares Stücken zu finden? Lippen, die Shakespeare reden gelehrt hat, haben mir ihr Geheimnis ins Ohr geflüstert. Rosalindens Arme lagen um meinen Hals, und ich habe Julia auf den Mund geküßt.«
»Ja, Dorian, ich glaube, du tatest recht«, sagte Hallward langsam.
»Hast du sie heute schon gesehen?« fragte Lord Henry.
Dorian Gray schüttelte den Kopf. »Ich verließ sie im Ardennenwald und werde sie in einem Garten von Verona wiederfinden.«
Lord Henry schlürfte nachdenklich seinen Champagner. »In welchem Augenblick hast du von Heirat gesprochen, Dorian? Und was erwiderte sie darauf? Vielleicht hast du das schon ganz vergessen.«
»Lieber Harry, ich habe es nicht als Geschäft behandelt und habe ihr keinen förmlichen Antrag gemacht. Ich sagte ihr, daß ich sie liebe, und sie sagte, sie verdiene nicht, mein Weib zu sein. Nicht verdienen! Was ist denn die ganze Welt für mich, wenn ich sie mit ihr vergleiche!«
»Die Frauen sind wunderbar praktisch,« murmelte Lord Henry -- »viel praktischer als wir. In Situationen dieser Art vergessen wir oft, etwas von Heirat zu erwähnen, und sie erinnern uns immer daran.«
Hallward legte die Hand auf seinen Arm. »Nicht doch, Harry. Du kränkst Dorian. Er ist nicht wie andere Männer. Er würde nie jemand unglücklich machen. Seine Natur ist dafür zu edel.«
Lord Henry blickte über den Tisch. »Dorian fühlt sich nie gekränkt durch mich«, antwortete er. »Ich habe aus dem besten Grund gefragt, den es geben kann, aus dem einzigen Grund, der eine Entschuldigung für eine Frage ist -- einfach aus Neugier. Ich habe eine Theorie, wonach es immer Frauen sind, die uns einen Antrag machen, und nicht wir den Frauen. Natürlich ausgenommen die Mittelklassen. Aber die Mittelklassen sind eben nicht modern.«
Dorian Gray lachte und schüttelte den Kopf. »Du bist ganz unverbesserlich, Harry; aber ich bin nicht böse. Man kann dir ja gar nicht böse sein. Wenn du Sibyl Vane siehst, wirst du fühlen, daß der Mann, der ihr ein Leid antun kann, ein Tier sein muß, ein herzloses Tier. Ich kann nicht begreifen, wie man es über sich gewinnen kann, ein Wesen, das man liebt, in Schande zu bringen. Ich liebe Sibyl Vane. Ich möchte sie auf einen goldenen Sockel stellen und dann sehen, wie die ganze Welt das Weib anbetet, das mir gehört. Was ist Ehe? Ein unwiderrufliches Gelübde. Du spottest deshalb darüber. Ach, spotte nicht! Ein unwiderrufliches Gelübde will ich ablegen. Ihr Vertrauen macht mich treu, ihr Glaube macht mich gut. Wenn ich bei ihr bin, verleugne ich alles, was du mich gelehrt hast. Ich werde ein ganz anderer Mensch als der, den du in mir siehst. Ich bin verwandelt, und die bloße Berührung von Sibyl Vanes Hand läßt mich alle deine falschen, bezaubernden, vergifteten, entzückenden Theorien vergessen.«
»Und die wären?« fragte Lord Henry, während er Salat nahm.
»Oh, deine Theorien über das Leben, deine Theorien über die Liebe, deine Theorien über den Genuß. Tatsächlich alle deine Theorien, Harry.«
»Genuß ist das einzige auf der Welt, das eine Theorie verdient«, antwortete er mit seiner sanften, musikalischen Stimme. »Aber ich fürchte, es ist nicht meine eigene Theorie. Sie gehört der Natur, nicht mir. Genuß ist das Siegel der Natur, das Zeichen ihrer Zustimmung. Wenn wir glücklich sind, dann sind wir immer gut, aber wenn wir gut sind, sind wir nicht immer glücklich.«
»Ah, doch, was verstehst du unter gut?« rief Basil Hallward.
»Ja,« wiederholte Dorian, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und über den massigen Strauß rotblutiger Schwertlilien in der Mitte des Tisches zu Lord Henry blickte, »was verstehst du unter gut, Harry?«
»Gut sein, heißt mit sich selbst im Einklang sein«, antwortete er, den dünnen Stengel seines Glases mit blassen, feingespitzten Fingern umfassend. »Mißklang heißt es, mit anderen übereinstimmen müssen. Das eigene Leben -- das ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer Nachbarn betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein Puritaner sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen Ansichten ins Gesicht schleudern, aber sie gehen einen schließlich gar nichts an. Abgesehen davon, hat der Individualismus in der Tat die höheren Ziele. Die moderne Sittlichkeit besteht darin, daß man den Maßstab seiner Zeit anerkennt. Ich habe die Meinung, daß jeder kultivierte Mensch, der den Maßstab seiner Zeit anerkennt, damit eines der gröbsten Sittlichkeitsverbrechen begeht.«
»Wenn man aber nur für sich selbst lebt, Harry, muß man da nicht einen furchtbaren Preis dafür zahlen?« fragte der Maler.
»Ja, heutzutage werden wir in allem überteuert. Ich glaube, die wirkliche Tragödie der Armut ist die, daß sich die Armen nichts leisten können als Selbstverleugnung. Schöne Sünden sind wie alle schönen Dinge ein Vorrecht der begüterten Klassen.«
»Man muß in anderer Münze zahlen als mit Geld.«
»In welcher Münze, Basil?«
»Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit... na eben mit dem Gefühl der Erniedrigung.«
Lord Henry zuckte die Achseln. »Mein lieber Junge, die mittelalterliche Kunst ist etwas Entzückendes, aber mittelalterliche Gefühle sind nicht mehr Mode. Man kann sie freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die einzigen Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche, um die man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kümmert. Glaube mir, kein zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten Genuß, und kein unzivilisierter Mensch weiß, was ein Genuß ist.«
»Ich weiß, was ein Genuß ist!« rief Dorian Gray. »Jemand anbeten.«
»Das ist jedenfalls besser, als angebetet zu werden«, antwortete Harry, während er mit einigen Früchten spielte. »Angebetet zu werden, ist peinlich. Die Weiber behandeln uns genau so wie die Menschheit ihre Götter. Sie beten uns an und quälen uns unaufhörlich, irgendwas für sie zu tun.«
»Ich würde sagen, alles, was sie von uns verlangen, haben sie uns zuerst geschenkt«, sagte der Jüngling ernst und leise. »Sie erzeugen die Liebe in uns. Sie haben ein Recht, sie dann zurückzuverlangen.«
»Das ist ganz richtig, Dorian«, rief Hallward.
»Ganz richtig ist niemals etwas«, sagte Lord Henry.
»Das ist es«, unterbrach Dorian. »Du mußt zugeben, Harry, daß nur die Frauen den Männern das reinste Gold des Lebens schenken.«
»Vielleicht,« seufzte er, »aber unweigerlich verlangen sie es dann in Kleingeld umgewechselt zurück. Das ist der Jammer dabei. >Die Frauen,< hat einmal ein witziger Franzose gesagt, >regen uns an, Meisterwerke zu schaffen, und verhindern uns immer, sie auszuführen.<«
»Harry, du bist schrecklich! Ich weiß gar nicht, warum ich dich so gern habe.«
»Du wirst mich immer gern haben, Dorian«, antwortete er. »Wollen wir Kaffee trinken, Kinder? -- Kellner, bringen Sie Kaffee, fine Champagne und Zigaretten. Nein, lassen Sie die Zigaretten, ich habe selbst bei mir. Basil, ich kann dir nicht erlauben, Zigarren zu rauchen. Du mußt eine Zigarette nehmen. Eine Zigarette ist der vollendete Ausdruck eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich und läßt dabei unbefriedigt. Was will man mehr verlangen? Ja, Dorian, du wirst mich immer lieb haben. Ich bin für dich der Inbegriff aller Sünden, die du zu begehen nie den Mut haben wirst.«
»Was für Unsinn du redest, Harry!« rief der junge Mann, während er seine Zigarette an dem feuerspeienden Silberdrachen anzündete, den der Kellner auf den Tisch gestellt hatte. »Wir wollen jetzt ins Theater. Wenn Sibyl auftritt, werdet ihr ein neues Lebensideal bekommen. Sie wird euch etwas offenbaren, das ihr noch nicht gekannt habt.«
»Ich habe alles kennengelernt,« sagte Lord Henry mit einem müden Ausdruck in den Augen, »aber ich bin immer bereit, mir eine neue Emotion zu verschaffen. Nur fürchte ich, daß es für mich derlei kaum noch gibt. Immerhin, dein wunderbares Mädchen wird mich vielleicht erschüttern. Ich liebe die Schauspielkunst. Sie ist soviel wirklicher als das Leben. Wir wollen gehen. Dorian, du kannst bei mir einsteigen. Basil, es tut mir leid, aber in meinem Brougham ist nur Platz für zwei. Du mußt schon in einer Droschke nachfahren.«
Sie standen auf, zogen ihre Röcke an und tranken den Kaffee im Stehen. Der Maler war schweigsam und bedrückt. Ein düsteres Gefühl lastete auf ihm. Er konnte diese Ehe nicht gutheißen, und sie schien ihm doch besser zu sein als manches andere, das hätte geschehen können. Nach einigen Minuten gingen sie gemeinsam die Treppe hinunter. Er fuhr, wie verabredet, allein, und sah auf die blitzenden Lichter des kleinen Wagens, der vor ihm dahinrollte. Das seltsame Gefühl eines großen Verlustes überkam ihn. Er fühlte, daß Dorian Gray nie wieder das für ihn sein würde, was er ihm früher gewesen war. Das Leben war zwischen sie getreten... Vor seinen Augen ward es dunkel, und die menschenvollen, erleuchteten Straßen verschwammen vor seinem Blick. Als seine Droschke am Theater vorfuhr, schien es ihm, als sei er um viele Jahre älter geworden.
Siebentes Kapitel
Aus irgendeinem Grunde war das Haus an diesem Abend besonders dicht gefüllt, und der fette jüdische Direktor, der sie an der Tür empfing, strahlte von einem Ohr zum anderen in einem öligen, zuckenden Lächeln. Er begleitete sie zu ihrer Loge mit einer gewissen prahlerischen Demut, die feisten, juwelenbedeckten Hände hastig bewegend und sich mit der Stimme beinahe überschlagend. Dorian verabscheute ihn mehr als je. Er hatte das Gefühl, als sei er gekommen, um Miranda zu besuchen und Caliban habe ihn empfangen. Dagegen hatte Lord Henry etwas für ihn übrig. Wenigstens erklärte er, daß er ihm gefiele, bestand darauf, ihm die Hand zu schütteln und versicherte ihm, er sei stolz darauf, einen Mann kennenzulernen, der ein bedeutendes Genie entdeckt habe und an einem Dichter bankerott geworden sei. Hallward unterhielt sich damit, die Gestalten im Stehparterre zu beobachten. Die Hitze war äußerst drückend, und der riesige Sonnenkronleuchter flammte wie eine gigantische Dahlie mit Blättern von gelbem Feuer. Die jungen Leute auf der Galerie hatten Röcke und Westen ausgezogen und sie über die Brüstung gehängt. Sie riefen einander quer über das ganze Theater zu und fütterten die grell gekleideten Mädchen neben ihnen mit Orangen. Ein paar Weiber unten im Stehparterre lachten. Ihre Stimmen waren schrecklich schrill und unangenehm. Vom Büfett her hörte man Flaschen entkorken.
»Was für ein sonderbarer Platz, um seine Göttin zu finden!« sagte Lord Henry.
»Ja«, erwiderte Dorian Gray. »Hier habe ich sie gefunden, und sie ist göttlicher als alles Lebendige. Wenn sie spielt, wirst du alles vergessen. Diese gewöhnlichen rohen Leute mit ihren alltäglichen Gesichtern und brutalen Bewegungen werden ganz verwandelt, sobald sie auf der Bühne steht. Sie sitzen stumm da und beobachten sie. Sie weinen und lachen, wenn sie es will. Sie hält sie in Stimmung, wie man es mit einer Geige tut. Sie veredelt sie, und man spürt, daß sie vom selben Fleisch und Blut sind wie man selbst.«
»Vom selben Fleisch und Blut wie man selbst? Oh, ich hoffe nicht!« rief Lord Henry, der die Leute auf der Galerie mit seinem Opernglas musterte.
»Höre nicht auf ihn, Dorian!« sagte der Maler. »Ich begreife, was du meinst, und ich glaube an dies Mädchen. Der Mensch, den du liebst, muß wunderbar sein, und jedes Mädchen, das die von dir geschilderte Wirkung erzielt, muß fein und edel sein. Seine Mitmenschen veredeln -- das verlohnt der Mühe. Wenn dies Mädchen die beseelen kann, die seelenlos gelebt haben, wenn sie in Menschen, deren Dasein schmutzig und häßlich war, einen Sinn für Schönheit wecken kann, wenn sie sie aus ihrem Eigennutze losreißen und ihnen Tränen um Sorgen entlocken kann, die nicht ihre eigenen sind, dann ist sie deiner Verehrung wert, dann ist sie der Verehrung der ganzen Welt wert. Solche Heirat ist ganz das Rechte. Ich dachte zuerst nicht so, aber jetzt gebe ich es zu. Die Götter haben Sibyl Vane für dich geschaffen. Ohne sie wärst du nur unvollständig gewesen.«
»Danke, Basil«, antwortete Dorian Gray und drückte ihm die Hand. »Ich wußte, daß du mich verstehst. Harry ist ein Zyniker, er erschreckt mich. Aber da kommt das Orchester. Es ist furchtbar, aber es dauert nur knappe fünf Minuten. Dann geht der Vorhang auf und du erblickst ein Mädchen, dem ich mein ganzes Leben schenken will, dem ich alles überantwortet habe, was gut ist in mir.«
Eine Viertelstunde später betrat Sibyl Vane unter einem geräuschvollen Beifallssturm die Bühne. Ja, sie war wirklich entzückend -- eins der entzückendsten Geschöpfe, dachte Lord Henry, die er je gesehen hatte. Es lag etwas von einem Reh in ihrer scheuen Grazie und ihren erstaunten Augen. Ein schwaches Erröten wie der Widerschein einer Rose in einem silbernen Spiegel trat auf ihre Wangen, als sie das überfüllte und begeisterte Haus erblickte. Sie trat ein paar Schritte zurück, und ihre Lippen schienen zu zittern. Basil Hallward sprang auf und begann zu klatschen. Bewegungslos, und wie in tiefem Traume, saß Dorian Gray da und sah sie an. Lord Henry starrte unverwandt durch sein Glas und murmelte: »Entzückend! Entzückend!«
Die Szene stellte die Halle in Capulets Hause dar, und Romeo war in seinem Pilgerkleid mit Mercutio und seinen anderen Freunden aufgetreten. Die Musik präludierte, so gut sie konnte, mit ein paar Akkorden, und der Tanz fing an. Mitten in dem Gewimmel von ungeschickten, schäbig gekleideten Schauspielern bewegte sich Sibyl Vane wie ein Geschöpf aus einer höheren Welt. Ihr Körper schwebte im Tanze wie eine Blume auf dem Wasser. Die Linien ihres Halses glichen denen einer weißen Lilie. Ihre Hände schienen aus kühlem Elfenbein zu sein.
Und doch schien sie von seltsamer Abwesenheit. Sie zeigte kein Zeichen der Freude, während ihr Auge auf Romeo ruhte. Die wenigen Worte, die sie zu sprechen hatte --
Nein, Pilger, lege nichts der Hand zuschulden Für ihren sittsam-andachtsvollen Gruß; Der Heiligen Rechte darf Berührung dulden, Und Hand in Hand ist frommer Waller Kuß --
mit dem kurzen Dialog, der folgt, sprach sie in einem ganz gekünstelten Tone. Die Stimme klang wundervoll, aber der Ton ganz verfehlt. Er traf die Stimmungsfarbe nicht. Er nahm den Versen alles Leben. Er machte die Leidenschaft unwahr.
Dorian Gray erbleichte, als er es hörte. Er war verlegen und erschreckt. Seine beiden Freunde wagten nicht, ihm etwas zu sagen. Sie schien ja ganz talentlos zu sein. Sie waren furchtbar enttäuscht.
Aber sie wußten, daß der wahre Prüfstein für jede Julia die Balkonszene im zweiten Akt sei. Darauf warteten sie. Wenn sie hier versagte, war nichts an ihr.
Sie sah reizend aus, als sie im Mondschein auftrat. Das konnte niemand leugnen. Aber das Theatralische ihres Spiels war unerträglich und wurde im Verlauf immer ärger. Ihre Gesten waren lächerlich gekünstelt. Sie übertrieb das Pathos von allem, was sie zu sagen hatte. Die wundervollen Verse --
Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht, Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen Um das, was du vorhin mich sagen hörtest --
deklamierte sie mit der peinlichen Genauigkeit eines Schulmädchens, das einen mittelmäßigen Vortragslehrer in der Schule gehabt hat. Als sie sich über den Balkon lehnte und zu den herrlichen Versen kam --
Obwohl ich dein mich freue, Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht: Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich, Gleicht allzusehr dem Blitz, der schon vorbei, Noch eh' man sagen kann: es blitzt. -- Schlaf süß! Mag warmer Sommerhauch die Liebesknospe Zur Blume bis zum Wiedersehn entfalten --
sprach sie die Worte, als enthielten sie keinerlei Sinn für sie. Es war nicht Aufregung. Nein, weit entfernt davon, erregt zu sein, schien sie ganz mit sich zufrieden. Es war einfach schlechte Kunst. Es war ein richtiger Abfall.
Selbst das gewöhnliche, ungebildete Publikum auf Stehplatz und Galerie verlor sein Interesse am Stück. Man wurde unruhig und begann laut zu sprechen und zu zischen. Der jüdische Direktor, der im Hintergrunde des ersten Ranges stand, stampfte mit den Füßen und fluchte vor Wut. Einzig und allein unbewegt war das Mädchen selbst.
Als der zweite Akt vorüber war, brach ein Sturm von Zischen los, und Lord Henry stand von seinem Stuhl auf und zog seinen Rock an. »Sie ist wunderschön, Dorian,« sagte er, »aber sie kann nicht spielen. Wir wollen gehen.«
»Ich will das Stück zu Ende sehen«, antwortete der junge Mann mit harter, bitterer Stimme. »Es tut mir äußerst leid, daß ich dich veranlaßt habe, einen Abend zu vergeuden, Harry. Ich muß mich bei euch beiden entschuldigen.«
»Mein lieber Dorian, ich glaube, Miß Vane war krank«, unterbrach ihn Hallward. »Wir wollen an einem anderen Abend wiederkommen.«
»Ich wünschte, sie wäre krank«, erwiderte er. »Aber ich glaube, sie hat nur kein Gefühl und ist kalt. Sie ist völlig verändert. Gestern abend war sie eine große Künstlerin. Heute abend ist sie nur eine gewöhnliche, mittelmäßige Schauspielerin.«
»Sprich nicht so über jemand, den du liebst, Dorian. Liebe ist etwas viel Wunderbareres als Kunst.«
»Es sind beides nur Formen der Nachahmung«, bemerkte Lord Henry. »Aber wir wollen gehen. Dorian, du darfst nicht länger hier bleiben. Es schadet der Moral, schlechte Schauspielkunst zu sehen. Ich glaube übrigens nicht, daß du deine Frau auftreten lassen wirst. Was liegt also daran, ob sie die Julia wie eine Holzpuppe spielt! Sie ist wirklich bezaubernd, und wenn sie so wenig vom Leben weiß wie vom Theaterspielen, wird sie dir eine köstliche Erfahrung sein. Es gibt nur zwei Arten fesselnder Menschen -- solche, die alles wissen, und solche, die gar nichts wissen. Großer Gott, mein lieber Junge, mach' kein so tragisches Gesicht! Das Rezept, jung zu bleiben, besteht einfach darin, nie eine Erregung haben, die unzuträglich ist. Komm mit Basil und mir in den Klub! Wir wollen Zigaretten rauchen und auf Sibyl Vanes Schönheit trinken. Sie ist schön. Was willst du noch mehr?«
»Geh, Harry!« rief der Jüngling. »Ich will allein sein. Basil, geh! Ach, könnt ihr nicht sehen, daß mir das Herz bricht?« Heiße Tränen traten ihm in die Augen. Seine Lippen bebten, er drückte sich in die dunkelste Ecke der Loge, lehnte sich an die Wand und verbarg sein Gesicht in den Händen.
»Komm, Basil«, sagte Lord Henry mit seltsam zärtlicher Stimme; und die beiden jungen Männer gingen zusammen hinaus.
Ein paar Augenblicke später flammte die Rampe wieder auf, und der Vorhang rauschte zum dritten Akt in die Höhe. Dorian Gray ging auf seinen Platz zurück. Er sah bleich, abwesend, gleichgültig aus. Das Spiel schleppte sich weiter und schien endlos zu sein. Die Hälfte des Publikums ging weg, auf schweren Stiefeln trampelnd und lachend. Das Ganze war ein richtiges Fiasko. Der letzte Akt wurde beinah vor leeren Bänken gespielt. Der Vorhang fiel unter Zischen und höhnischem Gegrunze.
Sobald es aus war, stürzte Dorian Gray hinter die Kulissen in die Garderobe. Das Mädchen stand allein da, mit einem triumphierenden Zuge im Antlitz. Die Augen leuchteten in einem merkwürdigen Feuer. Eine Art Glanz umschwebte sie. Ihre halbgeöffneten Lippen lächelten wie ein Geheimnis, das ihnen allein bewußt war.
Als er eintrat, blickte sie ihn an und ein Ausdruck unsäglichen Glückes kam über sie. »Wie schlecht ich heute gespielt habe, Dorian!« rief sie.
»Schrecklich«, antwortete er und sah sie voll Staunen an -- »schrecklich. Es war geradezu fürchterlich. Bist du krank? Du hast keine Ahnung, wie es war. Keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.«
Das Mädchen lächelte. »Dorian«, antwortete sie und zog seinen Namen mit einem musikalischen Klang in die Länge, als wäre er den roten Blüten ihres Mundes süßer als Honig -- »Dorian, du hättest begreifen sollen. Aber jetzt begreifst du, nicht wahr?«
»Was?« fragte er heftig.
»Warum ich heute abend so schlecht spielte. Warum ich immer schlecht spielen werde. Warum ich nie mehr gut spielen werde.«
Er zuckte die Achseln. »Du bist gewiß krank. Wenn du krank bist, solltest du nicht spielen. Du machst dich nur lächerlich. Meine Freunde haben sich gelangweilt. Ich ebenfalls.«
Sie schien nicht zu hören, was er sagte. Sie war wie verklärt vor Vergnügen. Eine Ekstase des Glücks beherrschte sie.