Dahinten in der Haide: Roman

Part 9

Chapter 92,952 wordsPublic domain

Seitdem Frau Holde auf dem Hilgenhofe war, hatte sich der Bauer in der schlechten Jahreszeit wieder an seine Arbeit gemacht und seine Quintärfauna von Deutschland in einer wissenschaftlichen Zeitung erscheinen lassen.

Die Arbeit machte großes Aufsehen, und in dem führenden Fachblatte wurde sie die wichtigste zoo-geographische Arbeit aus der deutschen Fauna genannt, die in den letzten fünfzig Jahren erschienen wäre.

Neben der Beschäftigung mit dieser Arbeit hatte der Bauer den Stoff für eine andere gesammelt, in der er die Veränderungen darstellen wollte, die die höhere Tierwelt des Gaues von den ältesten Zeiten bis auf seine Tage erfahren hatte, doch kam er davon ab, als er die Einzelheiten aus der Literatur, die ihm der naturwissenschaftliche Verein zu Bremen beschaffte, und aus allerlei Akten zusammensuchte, und aus den alten Leuten in der Gegend herausfragte, und auf einen anderen Gedanken.

Der Name seines Hofes und die Tatsache, daß die gewaltige Eiche, die mit den dreihundert anderen dort stand, nicht unter die Axt gekommen war, hatten ihn auf die Vermutung gebracht, daß es mit dem Hilgenhofe eine besondere Bewandtnis haben müsse.

Als er Thöde Volkmanns Bücher durchsuchte, fand er darunter einen mühsam zusammengebrachten Stammbaum der Hilgenbauern, der zwar einige kahle Stellen aufwies, aber weit zurückreichte, und in demselben Hefte eine Menge Aufzeichnungen über die Geschichte des Hofes und der Besitzer, sowie in einem Fache des Schrankes alle Literatur, in denen der Hilgenhof und Reethagen vorkamen.

Der Hilgenbauer fühlte sich mit seinem Hofe so sehr verwachsen, daß er selbst schon allerlei über ihn und seine Besitzer zusammengetragen hatte; er forschte weiter nach, wo er irgendwelche Urkunden, Akten und Aufzeichnungen vermutete und trug alles in das grüne Heft seines Ohms ein; dann zog er daraus den Stammbaum und trug ihn in einen starken Band mit Lederdeckel ein, den er eigens zu diesem Zwecke gekauft hatte und der das Hausbuch der Hilgenbauern werden sollte und davor in knapper Fassung die Geschichte des Hilgenhofes und seiner Besitzer, und die Bäuerin, die sehr gut zeichnete und malte, fügte Bilder von dem Hause, dem alten Wahrbaume, dem Hilgenberge, dem Grasgarten und dem Fleet hinzu und ihre, ihres Mannes und der Kinder Abbildungen.

Lüder hatte schon auf der Lateinschule sehr viel gelesen und auf der Hochschule und später noch mehr; jetzt las er nur ganz selten noch und eigentlich nur solche Bücher, die sich mit der Geschichte der Heimat und ihrem Volke beschäftigten, schöne Literatur dagegen gar nicht.

Dadurch kam er ganz zu sich selbst und lenkte seine Gestaltungskraft, die fortwährend in ihm arbeitete und die in den letzten Jahren ganz von der Arbeit für den Hof mit Beschlag belegt war, nicht ab, sondern speicherte einen großen Vorrat davon in sich auf.

Als ihm nun beim Holzabfahren in der Wohld ein Stamm den rechten Fuß so schwer gequetscht hatte, daß der Arzt ihm für lange Wochen Liegen verordnete, fühlte er sich sehr unbequem, denn mit dem Lesen von Büchern konnte er seiner Unruhe nicht Herr werden.

»Schreibe deine Gaufauna fertig,« riet ihm seine Frau, und sie beschaffte ihm ein Pult, das an das Bett geschraubt wurde. Er begann zu schreiben, aber während er bei der Einleitung war, in der er das Land schilderte, wie es zu den Zeiten ausgesehen haben mochte, als noch Urochs, Bär, Adler und Uhu dort lebten, traten, je weiter er kam, immer mehr die Menschen vor ihn, während das Getier zurückwich.

Er klagte seiner Frau sein Leid, aber sie sagte ihm: »Die Hauptsache ist, daß du dir die Zeit vertreibst. Die Tiere laufen dir nicht fort, und wenn sich die Menschen vordrängen, so werden sie wohl ihre Ursache dazu haben. Das, was du bis jetzt geschrieben hast, ist sehr schön.«

So tat er, was er mußte, ließ den Hilgenhof entstehen, schilderte die Schicksale der Leute, die darauf saßen, und als er in kurzen Zügen die alte Zeit dargestellt hatte, langte er bei Helmold Hilgen an, der während des Dreißigjahreskrieges lebte und dessen zweiter Sohn Hennecke, der herzoglicher Amtsschreiber war, ein Heft mit Aufzeichnungen über das, was ihm sein Vater erzählt hatte, hinterließ.

Dadurch bekam Lüder Boden unter die Füße, so daß er weiterkommen konnte bis zu Henning Volkmann, der auf den Hilgenhof heiratete und zur Zeit des ersten Napoleon lebte. Das war ein ausnehmend gescheiter Mann; er hatte ein Tagebuch über alle wichtigen Geschehnisse auf dem Hofe und im Kirchspiele geführt und immer die großen Zeitereignisse dabei bemerkt, soweit sie Einfluß auf den Hof hatten, auch seine eigenen Gedanken dabei nicht vergessen, die er sich darüber gemacht hatte.

Da nun ein Schillscher Offizier, der lange mit einer schweren Wunde auf dem Hilgenhofe lag, sowohl den Bauern als die Bäuerin und die Kinder als Schattenrisse in das Heft hineingezeichnet hatte, auch auf zehn Seiten in trefflicher Weise das Leben auf dem Hofe beschrieben hatte, so hatte Lüder diesen seinen Ahnen sichtbar vor Augen und konnte nicht eher von ihm fortkommen, als bis er in zehn Schreibheften das ganze Leben dieses ausgezeichneten Bauern, der ein Mehrer des Hofes und fünfzig Jahre lang Bauernvogt war, beschrieben hatte.

In vier weiteren Heften schloß sich der Niedergang des Hofes an, bis im fünfzehnten und letzten Hefte die beiden letzten Volkmanns, der weltflüchtige Gelehrte Thöde und Lüder, der Landstreicher, den Beschluß bildeten.

Es war Ende Februar, als der Bauer mit der Geschichte des Hofes zu Rande war. Sein Fuß hatte sich sehr gebessert, zumal er sich während des Schreibens ruhig verhalten hatte, denn je mehr er schrieb, um so ruhiger wurde es in ihm.

Er gab die fünfzehn Hefte der Bäuerin; sie las sie trotz der engen Schrift in einem Zuge durch, faßte seinen Kopf mit beiden Händen, gab ihm einen Kuß und sagte: »Das kannst du mir schenken, es ist wundervoll.« Er nickte, und als sie weiter fragte: »Darf ich damit machen, was ich will?« nickte er wieder und sagte: »Gewiß, Holde, was du willst!«

Da die Sonne warm schien, hatte er Lust, nach draußen zu gehen, denn bis dahin war er nur im Hause auf und ab gegangen. Die Bäuerin gab ihm den Arm und führte ihn in den Garten, wo in der Alpenanlage, die Thöde Volkmann angelegt hatte, allerlei frühe Blumen blühten, und von da bis zum Ende des Grasgartens, weil dort die Vormittagssonne am wärmsten war.

Als sie auf die Saat sahen, die vortrefflich durch den Winter gekommen war, flog aus dem dichten Grün die erste Lerche hoch, stieg auf und sang. »Ich habe es gut getroffen, Holde,« sagte der Bauer, »gleich beim ersten Schritte vor das Haus singt mir die Lerche zu.« Seine Frau nickte lächelnd; sie hatte ihre eigenen Gedanken.

In der Folge, als Lüder wieder mehr draußen war, um nach den Knechten zu sehen, denn er hatte jetzt drei Knechte außer dem neuen Häusling Lüdeke, mit dem er es gut getroffen hatte, saß die Bäuerin jeden Tag und schrieb die Geschichte des Hilgenhofes sauber ab, und wenn ihr Mann sie dabei antraf und sie fragte, warum sie sich soviel Mühe gäbe, dann sagte sie lächelnd: »Du hast gesagt, ich kann damit machen, was ich will.«

Wenn aber Freimut zur Jagd da war und sich auf dem Hofe sehen ließ, dann hatte sie immer Wichtiges mit ihm zu reden; manchmal steckte er ihr auch einen Brief zu, und als Lüder das einmal bemerkte, lächelte seine Frau ganz so, wie damals Mutter Garberding gelächelt hatte, als sie sich zur Kreisstadt fahren ließ, um ihre Erbverschreibung aufsetzen zu lassen.

»Es ist ein gesegnetes Jahr,« meinte der Bauer, als sie die Deele zum Erntebier rüsteten.

Die Frau stimmte ihm mit den Augen zu, aber sie dachte nicht an die Ernte, die auf dem Felde gewachsen war, und nicht an die Gartenfrüchte und an die Obstbäume, die sich alle tief bückten, noch weniger.

Zuzeiten fragte Lüder sie, was sie habe, denn wenn sie auch immer heiteren Sinnes war, in ihren Augen war seit einiger Zeit ein ganz eigenes Leuchten, und noch nie hatte sie soviel gesungen und gelacht, wie zu dieser Zeit, und war sie früher schon schön, so wurde sie es jetzt noch viel mehr, trotzdem sie von früh bis spät mit dem Haushalte zu tun hatte und außerdem noch auf die Kinder, deren es mit der Zeit vier geworden waren, zu achten hatte.

So kam der Weihnachtsabend heran. Lüder saß in der großen Wohnstube in dem Anbau, in dem jetzt die Familie lebte, da das alte Haus zu klein geworden war, und hatte das jüngste Kind auf dem Schoße, während die anderen mit gemachter Ruhe die Bilder in einem Tierbuche besahen. Die Geschenke für seine Frau hatte er der Großmagd gegeben.

Um sieben Uhr kam die Bäuerin herein; sie hatte, wie die anderen auch, ihr bestes Zeug an, und in ihren Augen war eine heimliche Ausgelassenheit, so daß ihr Töchterchen sagte: »Mutter, du siehst heute wirklich zu schön aus!«

Bald darauf läutete es; die Bäuerin faßte ihren Mann an die Hand und führte ihn auf die Deele, wo der Lichterbaum brannte; um ihn herum standen das Gesinde und der Häusling mit seiner Familie.

Nachdem die Kinder mit klaren Stimmen das Weihnachtslied gesungen hatten, wurden erst Lüdekens beschert, dann das Gesinde, worauf schließlich die Kinder zu ihren Gaben gewiesen wurden; zuletzt führte Lüder seine Frau dahin, wo seine Geschenke lagen, alltägliche Dinge, die ihr fehlten und die er sich im Verlaufe des Jahres gemerkt hatte, und einiges, das nicht so notwendig war und von liebevoller Aufmerksamkeit Zeugnis gab.

»Du, lieber Lüder,« sagte die Bäuerin, nachdem das Gesinde mit seinen Geschenken in die Leutestube gegangen war, »du bekommst wie gewöhnlich das wenigste; da sind zwölf Paar Strümpfe, sechs für den Sommer und sechs aus Schnuckenwolle für wintertags, und zwei Kisten Räucherwerk und natürlich einen Weihnachtskuß, weil du bis auf die Dummheit mit dem gequetschten Fuß dich das ganze Jahr gut betragen hast. Gern hätte ich dir noch ein besseres Angebinde verehrt, aber du hast ja so wenig Bedürfnisse, daß man nie weiß, was man dir schenken soll. Unter den Strümpfen liegt noch eine Kleinigkeit, die dir vielleicht Freude macht.«

Neugierig packte er die Strümpfe fort und fand darunter ein Heft einer vornehmen Zeitschrift liegen, auf dessen aufgeschlagener Seite eine Stelle blau bezeichnet war. Er las und wurde ganz rot im Gesicht, denn da stand:

»Im Verlage des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrt- und Heimatpflege ist ein Buch erschienen, das in der Weihnachtsliteratur dasteht wie eine Eiche im Felde. Es heißt »Der hohe Hof« und behandelt die Geschichte einer bäuerlichen Familie der Lüneburger Haide. Sein Verfasser nennt sich Lüder Volkmann; wir wissen nicht, wer das ist, aber wir wissen, daß er ein großer Künstler ist. Seine Sprache ist rein und klar, wie die Luft in der Haide; da stäubt kein überflüssiges Wort, da fliegt kein falscher Ausdruck. Sein Satzbau ist von jener Natürlichkeit, die so schwer zu treffen ist, und seine Bilder sind ungesucht und neu. Das Buch wird demnächst ausführlicher besprochen; für heute sagen wir nur: es ist ein köstliches Werk.«

Als Lüder aufsah, warf sich Holde an seine Brust. »Ich habe nur die Namen etwas geändert; alles andere blieb, wie es war. Du sagtest, ich könnte damit anfangen, was ich wollte, da habe ich es drucken lassen.«

Sie schlug die weißleinene Decke zurück, und zwei Bücher kamen zum Vorschein, das eine in kostbarer, das andere in einfacher Ausstattung.

»Das, Lüder, ist die Volksausgabe. Dein Buch muß in recht viele Hände kommen, darum ist gleich eine ganz billige Ausgabe herausgegeben. Inhaltlich sind beide Ausgaben gleich, nur kostet dieses Buch zwei, jenes sechs Mark.

Und nun gib mir einen Kuß, damit ich weiß, daß du mir nicht böse bist.«

Sie lehnte sich an ihn und sah mit Augen zu ihm auf, die vor Glück und Stolz feucht glänzten.

Ihr Mann küßte sie auf die Stirne: »Du!« sagte er und weiter nichts.

Der Brachvogel.

Am Altjahrsabend dröhnte die Stimme Freimuts über die Deele: »Mann,« trompetete er, »die Welt ist deines Ruhmes voll, und was das beste ist, sie schimpfen sogar schon über dich in den Zeitungen, die an pikante Gerichte, wie Rollmops mit Vanillesauce gewöhnt sind. Mann, ich werde von jetzt ab Sie zu dir sagen und dich nur noch in der dritten Person anreden.

Haben Euer Gnaden das schon gelesen?«, er holte eine Zeitung aus der Tasche, »und das und das und das? Lasse dich schleunsamst photographieren und schaffe dir einen Mann an, oder besser deren drei, die gerade solche Haarfarbe haben wie du, und lege dir einen Schreibknecht bei, denn ich sage dir, wenn die Haide blüht, wird die Wallfahrerei zum Hilgenhofe losgehen und dann kannst du Widmungen schreiben, dein Kunterfei an flötende und hold lächelnde Mägdeleins verschenken und deine Locken wirst du sänftlich los!

Nun ergreif dein Glas; sobald die Glocke das neue Jahr ansagt, wollen wir auf das nächste Buch trinken, von dem ich hoffe, daß darin ein gewisser Jochen Freimut eine große Rolle spielt, und auf deine liebe Frau, denn ohne die wäre aus dir nichts Vernünftiges geworden.«

Lüder lachte: »Das stimmt,« sagte er und nickte seiner Frau zu.

In diesem Winter stellte er seine große naturwissenschaftliche Arbeit fertig, in der er erzählte, wie sich im Laufe von Jahrhunderten je nach der Art der Pflanzenwelt und der Kultur die wilde Tierwelt zusammensetzte, von der Zeit an, als noch mongoloide Fischer und Jäger dort hausten, bis die blonden Weidebauern sie von dannen trieben, die Fichten und Fuhren zurückdrängten und die Eiche begünstigten, wodurch eine ganz andere Tierwelt aufkam. Dann wurde aus dem Weide- ein Ackerbauer und wieder änderte sich die Tierwelt; die Lüneburger Saline und der schreckliche Krieg nahmen die alten Eichen fort und abermals traten Fichten und Fuhren und mit ihnen andere Tiere vorn hin; die Vorderlader, die Eisenbahn, die Vergrößerung des Landstraßennetzes, die Ablösung der Waldhutung in den Staatsforsten, die zunehmende Entwässerung und Urbarmachung gaben der Zusammensetzung der Fauna wieder ein anderes Gesicht, und so zeigte er in seiner klaren, ruhigen Schreibart, warum Blauracke und Wiedehopf verschwinden mußten und weshalb Haubenlerche und Grauammer in die Haide einwanderten, und als das Buch erschien, fand es überall Lob.

Vielerlei Leute suchten den Hilgenbauer auf, Forscher und Künstler, aber nur wenige kamen an ihn heran. Die Bäuerin hatte helle Augen, und wenn sie erkannte, daß nur Neugier oder Geschäftsmacherei einen Menschen auf den Hof trieben, dann blieb ihr Mann damit verschont, denn obzwar er jetzt wußte, daß er mehr war als nur ein Bauer, so wollte er im Grunde nichts als ein Bauer sein.

Nur in der stillen Zeit, wenn das Feld und die Wiese eingeschlafen waren, nahm er die Feder in die Hand, aber auch nur dann, wenn die viele Kraft, die in ihm war, Frucht angesetzt hatte.

Da er nicht dem Ruhme nachlief und nicht hinter dem Gelde her war, mähte er seine Gedanken nicht, bevor ihr Jakobstag da war, und trieb keinen Raubbau mit seiner Seele. So wurde jedes Buch, das er schrieb, reif und nahrhaft.

An dem Tage, als sein ältester Sohn aus der Dorfschule kam, hatte er ihn gefragt, was er werden wolle, denn der Junge hatte nebenbei bei dem Pastor Unterricht in den alten Sprachen, in Geschichte und Erdkunde bekommen. »Ich will die Lateinschule besuchen,« hatte der Junge gesagt, »bis ich damit zu Ende bin.«

Lüder dünkte das sonderbar, denn Dettmer hatte viel Freude an der Landwirtschaft, und so fragte er: »Willst du denn studieren?« Da hatte der Junge ihn groß angesehen: »Studieren? Wo ich doch Hoferbe bin! Aber ich will überall mitreden können, denn der Pastor sagt, was einer lernt, ist gleich, wenn er nur etwas lernt; wer gut Latein kann, der wird auch seinen Hof gut im Stande halten.«

Am andern Tage fuhr der Bauer mit seiner Frau nach Hülsingen; sie aßen in demselben Kruge, wo sie an dem Tage gewesen waren, als die Schlange sie zusammengeführt hatte.

Der Haidbrink, auf dem Lüder, der Landstreicher, damals gelegen hatte, als er auf Ramaker wartete, war fast noch so, wie an jenem Tage, nur daß die Haide höher war und die Zweige der Birke bis auf die Erde hingen. Der Ortolan sang nicht, denn er war noch nicht wieder da, aber auf dem Brombeerbusche unten an dem Brinke saß der Goldammer und sang sein friedliches Lied, und über dem Postbruche kreiste der Brachvogel und rief laut.

Holde ging zu dem Machangelbusche, bei dem sie Lüder zuerst gesehen hatte; sie wollte sich einen Zweig zum Andenken mitnehmen. Der Bauer sah dorthin, wo der Brachvogel sich mit abnehmendem Rufe niederließ.

Die Füße fest auf der Heimaterde, aber die Gedanken darüber; so soll es sein, dachte er. Und dann sah er dorthin, wo vor dem dunklen Busche das blonde Haar der Bäuerin in der Sonne leuchtete, und er dachte daran, was er gewesen war, ehe er sie gesehen hatte, und was er jetzt war.

Er dachte an seine Verfehlung und die Strafe, die dafür über ihn gekommen war und daß er ohne beide sich wohl niemals auf sich selber besonnen hätte, sondern mit der Zeit abgestanden und schal geworden wäre, wie so mancher treffliche Mann in dem Wirrwarr der großen Stadt.

Seine Frau kam den Hügel hinauf, hing sich in seinen Arm und sagte, indem sie den Geruch des Machangelzweiges einatmete, den sie in der Hand hielt: »Man sagt, Kreuzottern seien böse Tiere; die mich damals gebissen hat, war gut; Ramaker hätte sie nicht totschlagen sollen.«

»Ja, Holde,« pflichtete ihr Mann ihr bei, indem er sie an sich zog, »das ist wohl so, es sieht manches wie ein Unglück aus und nachher wird es uns zum Segen!«

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Originalschreibweise wurde, soweit nicht unten aufgeführt, beibehalten. Das Cover wurde aus dem Originalcover und der Titelseite kombiniert und unter die Public-Domain-Lizenz gestellt.

Korrekturen:

S. 50: einen → einem die redet {einem} ein Loch in den Strumpf

S. 81: Karline → Karoline {Karoline} hatte genickt

S. 152: Niffelheim → Niefelheim letzten der Mannen von {Niefelheim}

S. 188: belebt → erlebt Wenn das unser Vater noch {erlebt} hätte