Dahinten in der Haide: Roman

Part 5

Chapter 53,857 wordsPublic domain

Er kümmerte sich auch weiter nicht darum, da er dabei war, die Jagd mit einem Netz von Pürschsteigen und mit Hochständen zu versehen; er machte das ganz heimlich, um den Rechtsanwalt und den Baumeister damit zu überraschen, wenn die Jagd auf den Rehbock aufging.

Die Winterkrähe.

Damit hatte es aber noch lange Zeit, denn mittlerweile war es Dezember geworden. Es war ein harter Winter und der Bauer mußte mit dem Steigemachen in der Wohld und durch die Dickungen aufhören, denn die Tage waren zu kurz und die Wege zu weit.

Auf dem Felde und im Hofe gab es nichts zu tun, Lembkes ging er aus dem Wege, Suput war den ganzen Tag beim Vorsteher, weil der Knecht beim Holzabfahren Unglück gehabt hatte und mit einem Gipsverband liegen mußte, der Schulmeister hatte sich eine Frau genommen und saß vor dem Honigtopfe, Freimut kam ganz selten, da er mehr zu tun hatte, als ihm lieb war, und der Baumeister reiste in Ägypten umher.

So war Volkmann meist allein, und wenn er auch ab und zu losging, um für den Anwalt einen Küchenhasen zu schießen oder einen Marder auszutreten und an der Beeke die Enten zu beschleichen, er hatte doch mehr freie Zeit, als ihm gut war. Er packte die Bücherkisten des alten Volkmann aus und stellte die Bücher wieder auf, aber zum Lesen hatte er wenig Lust.

Wie die grauen Winterkrähen mit den schwarzen Flügeln, die aus dem Osten kamen, sich längs der Landstraßen in der Haide umhertrieben und über den Dächern des Dorfes quarrten, so flogen aus den entlegenen Gegenden seiner Erinnerung, in die die gute Jahreszeit kaum anders als im Traume gekommen war, die grauen Gedanken herbei und schlugen mit ihren schwarzen Flügeln um ihn her.

Stundenlang konnte er dann, wie er es von drüben gewohnt war, mit dem Kopfe auf der Hand auf dem Bette liegen, rauchen und in den Beilegeofen sehen, der seine Dönze erwärmte. Als er im Blockhause lag, waren Lebleu, der alte Indianer, und Quivive, der Schweißhund, bei ihm gewesen.

Gesprochen hatte Lebleu wenig, wenn er, den Kopf mit den spärlichen Kinnhaaren auf den Knien, dasaß, rauchte und in das offene Feuer sah, während draußen die Uhus schrien und die Wölfe vor Hunger heulten, bis Quivive zur Türe hinausfuhr und sie fortbrachte; aber er hatte doch ein Herz neben sich gehabt, das an ihm hing.

Denn der Alte liebte ihn, liebte ihn mehr als sein Weib und seine vierzehn Söhne, die als Holzhauer, Flößer und Fallensteller sich und die Ihren durchbrachten, denn er, den die Händler und Wirte siebenzig Jahre um den Ertrag seiner Jagdbeute betrogen hatten, hatte in Volkmann zum ersten Male einen weißen Mann gesehen, der Halbpart mit ihm machte.

Er war hungrig und müde in das Blockhaus gekommen, hatte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben das Feuer gekauert, hatte seine kalten Hände gewärmt und kein Auge auf das Wildpret geworfen, das in dem Kessel schmorte. Als aber der Trapper die Hirschkeule in zwei Teile schnitt und die eine Holzschüssel Lebleu hinschob, ihm Schiffszwieback hinlegte und Tee eingoß, da hatte der alte Mann gegessen, bis nichts mehr da war.

Dann setzte ihm Volkmann den hohlen Baumknorren hin, in dem er seinen Tabak aufhegte, und der Indianer nahm und rauchte und blies den Rauch durch die Nase. Endlich sah er seinen Gastgeber an, zeigte auf das kleine scharfe Beil, das er beim Eintreten aus dem Strick genommen hatte, mit dem er die alte Soldatenhose auf seinen dürren Lenden festhielt, und sagte:

»Ich armes Indianer, du reiches Allemand. Ich wissen Bär, du nicht. Ich Baum abhauen, du Bär schießen. Jetzt Lebleu schlafen.« Damit hatte er sich in ein paar alte Decken gewickelt.

Am anderen Morgen hatte er gegessen, als hätte er drei Tage nichts gehabt; dann waren sie mit dem Schlitten nach einem Bruche gegangen, bis der Indianer vor einem hohlen Ahorn stehenblieb, den Stamm ansah und sprach: »Ich Beil, du Gewehr, da Bär!«

Dann hatte er Schlag um Schlag getan, daß jedesmal ein breiter Span in den Schnee sprang, bis der Baum fiel, der Baribal seinen Kopf aus dem Loche steckte und Lüder ihm die Kugel antrug.

Von den vielen Dollarscheinen, die der Wirt des Holzfällerlagers für die Haut und einen Teil des Wildprets zahlte, gab der Trapper die Hälfte dem Indianer. Der sah ihn erst fassungslos an, steckte dann das Geld in seinen Tabaksbeutel und sagte: »Du gutes Freund; armes Indianer jetzt reiches Mann.«

Dann verschwand er und als er nach acht Tagen wiederkam, hatte er ein Mädchen bei sich, das ein Gesicht hatte, so freundlich, wie der Indianersommer, und dessen schwarze, mit Glasperlen durchflochtene Zöpfe ihm bis in die Kniekehlen hingen, und er hatte gesagt: »Altes Indianer schlechtes Gesellschaft für junges Mann; junges Weib besser. Altes Indianer jetzt Biber suchen und Skunks.« Und er war in dem Schneegeriesel untergetaucht.

Margerit aber hatte das Feuer geschürt, Schnee zum Tee geschmolzen, Wildpret in Scheiben geschnitten und abwechselnd mit Speckfladen auf einen Stab gezogen, die Holzteller abgewaschen, die Messer geputzt, Brot hingelegt, und dann hatte sie sich vor das Feuer gekauert und den Bratspieß so lange über der Glut gewendet, bis Fleischschnitte um Fleischschnitte sich krümmte, und jede, die gar war, streifte sie herunter und legte sie dem Trapper vor. Als er ihr sagte, sie solle auch essen, sah sie ihn groß an und bediente ihn weiter.

Erst, als er gesättigt war, und sie ihm die Pfeife gestopft und einen glühenden Zweig gereicht hatte, kauerte sie sich mit dem Gesichte gegen die dunkle Ecke des Blockhauses, aß lautlos den Rest von Braten und Brot und trank ohne einen Laut eine Tasse Tee durch das Stückchen Kandis, das sie zwischen den Lippen hielt.

Anderthalb Jahre war sie die Gefährtin des einsamen Mannes mit der verregneten Vergangenheit und der ausgewinterten Zukunft gewesen; wie sein Schatten war sie.

Wenn die schwarzen Gedanken um seine Stirne flogen und er auf den Hirschdecken lag und rauchend vor sich hinbrütete, dann kauerte sie bei ihrer Näharbeit und sah durch ihre langen Augenwimpern mitleidig auf ihn; flog aber das schwarze Geflügel von dannen, pfiff er ein Lied und nahm das Schnitzmesser her, und sah er sie dann an, dann färbten sich ihre Backen rot und ihre Augen waren voll von demutsvoller Zärtlichkeit.

Wenn er sie auf seine Knie zog, dann bebte sie, und wenn er morgens erwachte und sich den Nachtschlaf fortgähnte, dann stand sie schon neben dem Block, auf dem die Waschbütte mit dem stubenwarmen Wasser stand, hatte den aufgetrennten Brotsack in der Hand, der ihm als Handtuch diente, und auf dem Feuer kochte die Wildsuppe. Wenn er ihr dann lächelnd zunickte und sie heranwinkte, dann glühte ihr Gesicht und der Kuß, der seine Stirne streifte, war wie der Hauch des Südwindes, der im Mai über das blumige Ufer kam.

»Margerit, meine kleine Margerit!« dachte er und sah auf die Ofenplatte, in der das springende Pferd schwarz auf glührotem Grunde stand. »Ich war dein Glück und du bist mein Trost gewesen.«

Eines Tages im Mai, als der Waldboden bunt wurde, war ein Handelsjude mit seinem Planwagen angefahren gekommen und hatte allerlei Tand feilgeboten; Lüder hatte Stoff zu zwei Kleidern für das Mädchen gekauft, blitzende Ohrringe und eine funkelnde Brosche, bunte Glasperlenschnüre für ihr Haar und allerlei Schürzen und Tücher, eines immer greller als das andere.

Margerit hatte durcheinander gelacht und geweint und ihm die Hände küssen wollen, wie man es sie als Kind in der Schule gelehrt hatte. Er aber hatte sich aus dem Kasten des Händlers noch zwei silberne Ringe herausgesucht, an denen keine Steine waren, einen weiten und einen engen, und war mit ihr und Quivive nach dem Lager gegangen, wo, wie der Jude erzählt hatte, ein Wanderprediger das bißchen Halbchristentum der indianischen Holzfäller auffrischte.

Margerit hatte erst gar nicht begriffen, was es heißen sollte, daß sie in dem kleinen Zelte vor dem Mann mit dem schwarzen Rocke und den hohen Stiefeln neben Lüder hinknien sollte, aber als der fremde Mann sie fragte, ob sie des Trappers Lüder Volkmann christliches Eheweib werden wollte, da hatte sie ein Gesicht gemacht, als spräche die Stimme des großen Geistes zu ihr und hatte am ganzen Leibe gezittert, als sie den Ring an den Finger bekam.

Als ihre Brüder und die anderen Holzfäller, die Lüder zu einem Festmahle geladen hatte, sie mit einem »Vive 'sjö, vive m'dame« begrüßten, ein altes indianisches Hochzeitslied herausgurgelten und weiße Waldblumen vor ihre Füße warfen, hatte sie die Augen nicht aufgeschlagen und geweint, daß ihr die Tränen über das Gesicht liefen, bis Lüder sie oben an den Tisch führte, wo für sie und den Prediger ein weißes Tischtuch aufgelegt war; da endlich hatte sie aufgesehen und ihre rechte Hand neben seine gelegt, mit der linken Hand über beide Ringe gestrichen und ihren Kopf auf einen Augenblick an seine Schulter gelegt.

Da hatte plötzlich auch Lebleu dagestanden, zitternd vor Erregung, Lüder die Hand gegeben, sich unten an den Tisch gesetzt und so gern er sich auch sonst voll und toll trank, keinen Schnaps angerührt, ehe Lüder und Margerit aufbrachen; dann aber hatte er sich so voll gesogen, daß er drei Tage schlief.

Ein und ein halbes Jahr war Margerit Lüders Frau gewesen; in der ganzen Zeit hatte sie ihm nicht ein einziges Mal eine Minute Verdruß bereitet, keinmal hatte er sich ihrer zu schämen brauchen, trotzdem sie die Tochter eines trunksüchtigen Fallenstellers war und ihre Brüder arme Holzarbeiter waren, denn das Stammeshäuptlingsblut, das sie von ihrer Mutter her hatte, war stark in ihr geblieben, und seitdem sie des deutschen Mannes Ehefrau geworden war, zeigte sie vor der Welt eine Würde, als hätte sie nie Waldbeeren in den Lagern feilgeboten.

Eines Tages war ein ganzer Trupp englischer Lachsangler vor dem Blockhause erschienen, die Herren in karrierten Anzügen und ihre Damen mit seidenen Schleiern an den Panamas, um sich den deutschen Trapper anzusehen, der mit einem indianischen Weibe verheiratet war. Margerit hatte sie mit Tee, Gebäck und Honig bewirtet und mit so liebenswürdigem Hochmute darüber hinweggesehen, daß die Engländerinnen mit Lüder, der frisch rasiert war und eine reine Bluse anhatte, recht unverschämt liebäugelten, sehr zum Ärger der Männer, daß Volkmann sich das Lachen kaum verbeißen konnte.

Die Engländer hatten ihn und sie eingeladen, sie in ihrem Zeltlager am Flußeinlaufe der Seebucht zu besuchen, doch hatte er abgelehnt, worüber Margerit sehr froh war.

Eine Lungenentzündung hatte sie ihm genommen, sie und das Kind, das sie erwartete.

Er hatte so manches Mal, wenn er die Sohlen durch den Staub der Landstraße schleppte, gedacht, daß das das beste für sie beide war, nun aber war er anderer Meinung.

Sie, die Frau, die in ihm alles sah, was es auf der Welt für sie gab, die nichts wollte, als daß es ihm schmeckte und er sie dafür anlächelte, die im Blockhause seine demütige Magd war, die erst aß, wenn er satt war, sie war das Weib für ihn, den verlorenen Mann.

Das Mädchen mit dem goldenen Haare und der Stimme, wie Rotkehlchensang im frühtaufrischen Walde, deren rotes Blut unter seinem Messer auf ihren weißen Fuß geperlt war, was war sie ihm anders, denn ein heller Traum in dunkler Nacht, der vor dem scharfen Tageslichte dahinschwand, wie der Tau auf der Flur.

Schwarze Fittiche schlugen gegen seine Stirne, und laut quarrten die Winterkrähen.

Die Meise.

Es war wie ein Gewitterregen nach dürren Wochen für den Bauern, als Ende Januar eines Vormittags Freimut auf dem Hilgenhofe auftauchte, zwei große Koffer abladen ließ und lostrompetete:

»Sintemalen und alldieweil Aurelie Grimpe geborene Sziembowska, geschiedene Juckenack und entlaufene Grimpe durch Abwesenheit glänzt, ist ja für mich wohl auf vierzehn Tage Platz. Jetzt ist die Zeit, wo die Betze rennt, jetzt wird auf den Fuchs gepirscht und die wilde Aante beschlichen. Mann, ich bringe den Vorfrühling mit. Hört, kaum bin ich da, so singt die Speckmeise schon im saueren Appelbaum!

Und Mehls ist auf der Strecke. Ha la lit! Da ligget dat Schinneaas in'n Graben! Zwei und ein halbes Jährchen wegen qualifizierter Qualifiziertheiten in idealer Konkurrenz mit höherer Gemeinerei.

Was gibt es zu Mittag? Weiße Bohnen mit 'nen Schinkenknochen mit was daran? Gestern habe ich mich durch acht Gänge durchgehungert und mein Trost waren meine Nachbarinnen, die aufgebrochen jede ihre zwei Zentner wogen.«

Er legte Volkmann die Hände auf die Schultern, sah ihn an, schüttelte den Kopf und sprach: »Stark abgekommen seit dem Spätherbst! Zu eintönige Äsung! Zu regelmäßig gelebt! Ist keine Sache für unsereins, nur für das Stallvieh, die Philister; wir kriegen die Mauke, geht es uns andauernd gut.

Schönewolf läßt grüßen; elende Jagd im Pharaonenlande: Schakale nennen sie's, räudige Dorffixe sind es; Nilkrokodile gibt es bloß im Berliner Zoologischen Garten lebendig, da unten nur als Mumjen. Hyänen nur im Kellnerfrack; alles Schwindel bis auf das, was Cheops und seine blassen Nachkommen mimten.

Aber, Mann, Ihr gefallt mir mies; seht ebenso bleich- wie süchtig aus. Ja, man soll heiraten; ich tät's auch gern, bin bloß noch zu rüstig. Und dann, wer weiß, ob nicht das dicke Ende nachgehinkt kommt. Meine liebe Frau Mutter sagt immer: ›Jochimchen, sieh doch bloß zu, daß du von der Straße kommst!‹ Ist nicht so einfach, wie es aussieht; ist man erst aus dem Schneider, dann sieht man nicht bloß auf die Hübschigkeit. Und dann hab' ich so viel zu tun! Weiß der Deuwel, warum die Menschen sich nicht vertragen können, daß ich gar keine Zeit habe, mich zu verschießen. Hurra, da kommt die Suppe; Mutter, meinen großen Löffel!«

So redete er, indem er Aurelies Dönze mit dem Inhalte seiner Koffer verschönte. »Dieses hier wollen wir alles austrinken«, sagte er und zeigte auf eine stattliche Reihe blankhäuptiger Flaschen, »und hiervon nehme ich nichts wieder mit,« und er wies auf die Zigarrenkisten und Konservenbüchsen.

»Und mein Jagdzeug bleibt alles hier; was noch bei Vatter Nordhoff ist, das bringen wir heute abend mit. Mann, so tut doch endlich einmal das Geäse auf! Sagt nichts und grient, wie ein Honigkuchenpferd! Jawollja, Frau Lembke, wir sind da!«

Er setzte sich an den Tisch, schlug eine Klinge wie ein Drescher und stöhnte, als er aufhörte, indem er seinen Barbarossabart strich: »Ein Segen, daß ich hier nicht immer esse, Frau Lembke, ich paßte sonst in keinen Sarg mehr,« und er schlug sie zwischen die Blätter, daß alles an ihr wabbelte und Jochen Lembke ein Gesicht machte, wie ein Hund vor der Terpentinflasche.

Aber als Volkmann sagte: »Wir wollen nach dem Kronsbruche, denn da stecken seit drei Wochen Sauen,« da juchzte der Anwalt los, daß Hund und Katz machten, daß sie aus dem Hause kamen, und im Handumdrehen hatte er das weiße Zeug übergezogen und storchte los.

Am dritten Tage schoß er einen überlaufenden Frischling und vier Tage hinterher eine grobe Sau, zwischendurch ein Dutzend Enten, eine Wildgans und drei Füchse, und da er die schlimmsten Prozesse hinter sich hatte und mit einem jungen Anwalt zusammenarbeitete, so blieb er drei Wochen, ließ den Bauern keine Stunde aus den Fingern und als er abfuhr, rief er:

»So, nun seht Ihr doch wieder wie ein deutscher Mann und nicht wie eine anämische höhere Tochter aus, und wenn ich zur Balz und zur Murke wiederkomme, wünsche ich keinen Rückfall zu erleben, ansonsten ich Euch alle Verzierungen abdrehe.«

Seine Kur hatte angeschlagen, oder die längeren Tage hatten schuld, daß Lüder das Krächzen der Winterkrähen nicht mehr hörte; jeden Tag schlug die Speckmeise im Garten, die Stare schickten ihre Vorboten, an der Südwand des Hauses hatte der Haselbusch geflaggt und an der Beeke die Eller; es wehte eine andere Luft über dem Bauern, und wenn über seine helle Laune auch einmal dunkles Gewölk zog und Schlackerschnee auf seine Saaten fiel, im ganzen war er gut zuwege und lag nicht mehr halbe Tage da, rauchte und sah auf die Ofenplatte.

Er arbeitete sich in die höhere Tierwelt wieder hinein und schrieb sich aus dem Gedächtnisse alles Getier auf, das er über Sommer bei Wege angetroffen hatte; als der März kam, der Wald lebendig und die Büsche laut wurden, da hatte er genug anzumerken, so daß er, als die Feldbestellung wieder anfing und er bei Garberding mithalf, was es nur gab, einen zolldicken Stoß Papier mit Beobachtungen gefüllt hatte.

Kam er müde nach Hause, so trug er auf lose Zettel ein, was er hier und da gesehen und aus alten Leuten herausgefragt hatte über Vögel, die seitdem verschwunden oder selten geworden waren.

So war er nie müßig und eines Tages waren die Winterkrähen nicht nur von der Straße, sondern auch aus seiner Erinnerung verschwunden. Es machte ihm Freude, daß die Pflugschar ihm immer mehr zu willen wurde, er streute den Kunstdünger fast so ebenmäßig wie Suput, der ihm oftmals sagte: »Noch ein Jahr, dann kann ich dir nichts mehr lernen.«

Um diese Zeit reiste ein Berliner in der Gegend umher, der großartig auftrat und so viel Bier und Wein ausgab, als jeder trinken wollte; er hieß Ludwig Neumann und war Bohrunternehmer.

Von Hause aus war er Ingenieur, hatte Glück im Kauf und Verkauf von Kuxen gehabt und eine Gesellschaft zusammengebracht, die Öl und Kali in der Haide suchte.

Aus allerlei Anzeichen hatte er geschlossen, daß bei Reethagen Aussichten vorhanden wären, daß man fündig würde; so steckte er sich hinter einzelne Leute und die bearbeiteten andere und die wieder noch welche, so daß er fast von zwei Dritteln der Gemeindemitglieder Vorverträge in den Händen hatte.

Er kam auch auf den Hilgenhof, trat sehr bescheiden auf, versprach goldene Berge, richtete aber vorläufig bei dem Bauern nichts aus, weil der den Vorvertrag nicht unterschrieb. Volkmann ging vielmehr sofort zu dem Vorsteher, bei dem der Berliner noch nicht gewesen war, weil ihm gesagt wurde, das wäre ein ganz altmodischer Mann und nicht anders für das Unternehmen zu haben, als wenn ihm das Feuer von drei Seiten käme.

»Hm,« brummte Garberding, »soll die Schweinerei hier auch losgehen? Wenn hier erst Bohrtürme stehen, dann haben wir das Leit aus der Hand gegeben. Zu leben haben wir alle, und die nichts haben, die stehen sich dann noch schlechter, dieweil das Werk doch bloß lauter Pollacken, Krabatten und anderes Tatternvolk heranzieht.«

Als der Unternehmer abgereist war, berief der Vorsteher eine allgemeine Gemeindeversammlung, zu der jeder seinen Vorvertrag mitbrachte, und da stellte es sich heraus, daß die Verträge sehr verschieden waren, je nachdem das Land lag und auch insofern, als Neumann mit einem hellen Manne oder mit einem zu tun hatte, der sich in die Sache nicht hineinfinden konnte.

Das ärgerte diejenigen, die dabei nicht so gut gefahren waren, ganz gewaltig; als der Berliner nun wieder ankam, merkte er bald, daß jetzt der Wind von Mitternacht wehte.

Nun hatte er den Krüger Fürbotter in Schedensen, dem ein kleines Anwesen in Reethagen gehörte, ganz auf seiner Seite, zum ersten, weil er dort viel verzehrte und oft über Nacht blieb, dann aber auch, weil der Krüger sich für seine Wirtschaft viel Gewinn aus dem Unternehmen versprach.

Dieser Mann hatte es ihm hinterbracht, daß der Hilgenbauer es war, der es herausbekommen hatte, daß die Verträge so ungleich waren. Deshalb hing sich Neumann nun an Volkmann und suchte ihn zu sich herüberzuholen; als er damit kein Glück hatte, ging er daran, ihm die Wurzeln abzugraben.

Er wohnte nämlich in Hannover, wo er sein Hauptquartier hatte, bei Aurelie Grimpe, die sich mit Abvermieten durchschlug, und die hatte ihm über die Leute in Reethagen manchen nützlichen Wink gegeben und auch über den Hilgenbauer, dessen Vorleben sie mittlerweile in Erfahrung gebracht hatte.

Volkmann merkte nach und nach, daß ihn einzelne, dann immer mehr Leute von der Seite ansahen, glaubte aber, da er seine Anforstungen im Kopfe hatte, das seien nur die Bauern, die wegen des Bohrvertrages anderer Meinung waren als der Vorsteher und er; so gab er darauf nichts.

Mit der Zeit wurde es aber doch auffällig, und schließlich rückte Nordhoff damit heraus, was im Dorfe erzählt würde.

Der Hilgenbauer war von dem Tage an, da er das Erbe antrat, darauf gefaßt gewesen, daß sein Unglück sich wieder zu ihm hinfinden werde, aber es biß ihm doch in das Herz, daß Leute, denen er vielfach gefällig gewesen, ihm aus dem Wege gingen oder die Zähne nicht auseinander bekamen, wenn sie an ihm vorbeigingen.

Sogar Suput und seine Frau waren anders als vordem, denn als er sich dazu erbot, dem Häusling wieder Arbeit abzunehmen, wußte der immer einen Ausweg zu finden.

Lüder hatte es im Sinne behalten, daß er sich an den Vorsteher wenden sollte, wenn es soweit kam, aber den wollte er darum nicht angehen, weil es Garberding nicht gut ging, indem er eine schwere Erkältung nicht loswerden konnte.

So tat er, als sei ihm alles gleich, ging an jedem, der nicht so war wie früher, ohne Gruß vorbei, plaggte Haide ab, warf im Bruche Gräben aus und sagte sich, daß die Leute schon zu Vernunft kommen würden, zumal mehrere unter ihnen waren, die auch kein reines Hemd anhatten.

Um diese Zeit kam Lembke ihm etliche Male von hintenherum mit einer Verlängerung der Pacht, doch schlug der Bauer darauf nicht zu, und nun hängte erst Lembke und dann andere Besitzer den Jagdpächtern Wildschadenklagen an den Hals, und was früher keinmal vorgekommen war, Jagdstörungen und Vergrämen des Wildes, das begab sich von da ab fortwährend.

Da aber die Jagd groß genug war, so ließen sich die Pächter in der abgelegensten Ecke eine Jagdbude bauen. Eines Tages brannte sie ab und acht Morgen Haide und Fuhren mit ihr, und obzwar es augenscheinlich war, daß böswillige Brandstiftung vorlag, setzte Fürbotter es doch durch, daß die Gemeinde Schedensen, zu der das ausgebrannte Stück Haidland gehörte, gegen Schönewolf und Freimut auf Schadenersatz klagte, wobei allerdings nichts anderes herauskam, als daß die Gemeindekasse ein gutes Stück Geld dabei zusetzte.

Da nun der Baumeister und der Rechtsanwalt, so überlegte Fürbotter, durch ihren Verkehr mit Volkmann diesem immer noch bei vielen Leuten von Nutzen waren, so mußte ihnen die Jagd auf andere Weise verekelt werden.

Im Kruge zu Schedensen, der an der Landstraße lag, kehrte allerlei Volk ein und da der Berliner gesagt hatte: »Der Kerl muß von dem Hilgenberg herunter, und wenn es tausend Mark kostet,« so stand bald kein Hochsitz mehr, alle guten Wechsel waren verstänkert, alle Dickungen lagen voll von Zeitungspapier, und schließlich verlangte erst Schedensen, dann Breeden und schließlich auch Reethagen, da Garberding in Andreasberg war, weil seine Lunge nicht so wollte, wie sie sollte, und die Kalipartei auf diese Art die Hand am Henkel hatte, die Jagdpächter sollten den Wildstand auf ein Zehntel verringern, widrigenfalls sie nicht darauf rechnen könnten, daß sie die Jagden wieder bekämen.

Volkmann tat es in der Seele weh, daß die beiden Männer seinetwegen soviel Mißgunst ausstehen mußten, und er erklärte eines Abends, er wolle wieder in die Welt.

Aber da ging Freimut in die Luft: »Das fehlte noch gerade! Nun erst recht nicht! Und wenn ich die Büchse für immer an den Nagel hängen soll; so bin ich nun doch nicht gebaut, daß ich vor dieser Berliner Quadratschnauze und diesem Pottekel von Fürbotter über den Zaun gehe.

Ihr habt mir ja einmal erzählt, wie Euer Freund Lebleu es mit den Stinktieren machte. Skunk gut, wenn Mann zu Skunk gut. So sagte er, ging hin, verrammelte den Bau mit Schnee, goß warmes Wasser darauf und ließ es überfrieren, und am anderen Tage fiel es keinem Skunk mehr ein, sich übel zu benehmen; tot waren sie alle. Stinktiere muß man sachte behandeln, damit sie erst gar nicht dazu kommen, sich penetrant zu benehmen.