Dahinten in der Haide: Roman

Part 4

Chapter 44,062 wordsPublic domain

Sie sah ihr Photographiealbum durch, in dem meistens aufgedonnerte Mädchen mit weit aufgerissenen Augen zu sehen waren, und Männer unterschiedlicher Art, ordnete den Inhalt ihres Reisekorbes, in den sie niemals einen Menschen hineinsehen ließ, und las schließlich zum soundsovielten Male in den gelben Heften, auf deren Vorderblatt ein Männerkopf mit rabenschwarzen Locken zu sehen war, worunter die Worte standen: Memoiren eines Scharfrichters oder das Geheimnis der Gräfin Olga.

Auf einmal sprang sie auf; sie hatte gehört, daß im Fleet Schritte gingen. Sie trällerte ein Liedchen vor sich hin, warf einen Blick in den Spiegel, rumpelte einen Stuhl hin und her, zupfte sich eine Locke zurecht, rieb sich unter den Augen umher, die vom langen Warten Fensterladen bekommen hatten, warf noch einen Blick in den Spiegel, übte schnell einen züchtigen Augenaufschlag ein, ergriff die Blechkanne und schoß in demselben Augenblick, als die Schritte des Mannes ihrer Tür gegenüber waren, heraus und Volkmann mitten vor den Leib.

Die Kanne fallen lassen, einen gellenden Jungfernschrei ausstoßen und gleich hinterher den Atem anhalten, so daß etwas ähnliches wie Schamröte ihr Gesicht färbte, die runde Hand an das Korsett pressen, doch so, daß die schöne Hemdenspitze nicht verdeckt wurde, und dann mit wildem Busengewoge nach Atem ringen und schmachtend jappend: »O, Herr Volkmann, wie hab' ich mir doch verschrocken; daß Sie mir auch so sehen müssen!« das war alles eins.

Der Bauer aber änderte sein Gesicht kein bißchen und liebelte nur den Hund ab, der vor Schreck zurückgefahren war, als ihm die Kanne vor der Nase hinknallte; gleichgültig sah der Mann auf die sorgfältig hergestellte Pracht, und während Aurelie Grimpe in ihre Kammer zurückschoß, schnitt er für sich und den Hund Brot und Speck ab, wickelte es ein, steckte es in die Tasche, langte den Drilling von dem Rehgehörn am Türrahmen und ging über den Hof.

Als er im Grasgarten war, blieb er stehen, denn im Apfelbaum saß der Wendehals, schrie nach der Schwierigkeit und drehte den Hals wie albern. Und da mußte der Bauer im Halse lachen, denn es fiel ihm ein, welche Mühe die gute Aurelie sich seit Wochen um ihn mit Augenverdrehen und Halsverrenken gegeben hatte, just so wie der Wendehals, der in dem Apfelbaume saß.

Aber dann ging das Lächeln aus seinem Gesichte fort. Das Weibsstück war ihm längst zuwider, einmal wegen ihrer schwarzen Kraushaare, dann wegen ihrer Anschummelei, und außerdem wußte er, was mit ihr los war, denn als Freimut sie das erstemal sah, hatte er hinterher in der Haide gesagt: »Mann, wie kommt dieses Besteck hierher? Ich dachte, die hätte der Satan längst lotweise geholt. Aurelie Grimpe, geborene Sziembowska aus Filehne, eheverlassene Juckenack und eheentlaufene Grimpe, unter dem Übelnamen die Gräwin weit bekannt an den Stätten, wo die Orchideen der Nacht wachsen, mehrfach wegen Begünstigung der Kuppelei hineingerasselt und wegen schweren Kuppelpelzhandels leider freigesprochen. Backt ihr eine Zehnpfennigmarke auf und schickt sie als Muster ohne jeglichen Wert dahin, wo der spanische Pfeffer wächst, denn das Weibsbild taugt in dem Grund nichts!«

Volkmann hatte derartiges schon immer geahnt, aber nicht recht gewußt, wie er es anstellen sollte, um die Person loszuwerden; jetzt, nach dem Bajonettangriff, den sie auf ihn verübt hatte, wollte er ihr aber aufsagen.

Während er das bei seinem Gange über die Haide mit sich abmachte, lag Aurelie auf ihrem Bette, biß in die Kissen, strampelte mit den Beinen, daß die Lackspitzen an ihren Schuhen Sprünge kriegten, sauste dann auf die Deele, schmiß einen Teller auseinander, gab der Katze, die entsetzt unter dem Brennholze hervorschoß, einen Tritt, warf sich in den Spinnstuhl, heulte ihre feine Hemdenspitze naß, und dann ermannte sie sich, ging an den Schrank und trank drei Schnäpse.

Als Lembkes zurückkehrten, saß sie in einem ehrbaren Kleide und in biederen Strümpfen vor der Tür und strickte, wie es sich für eine gute Haushälterin gehört.

Neben sich hatte sie das Gesangbuch liegen.

Der Kuckuck.

Es war außer Aurelie Grimpe noch jemand auf dem Hofe, oder vielmehr, es waren zwei, die mit Lüder Volkmann nicht zufrieden waren, nämlich der Pächter Lembke und seine Ehefrau.

Lembke stammte aus der Lüchower Gegend; er war ein Mann mit zerknittertem Gesicht und einem Benehmen wie eine Birke bei Sturmwind; seine Frau blühte wie eine Pfingstrose, und wo sie ging, da stand das Gras so bald nicht wieder auf.

Es war dem Pächter schlecht zu Passe gekommen, als Volkmann plötzlich da war wie der Habicht zwischen den Hühnern, aber als er ihn reden hörte, die Schmisse sah und bemerkte, wie der Rechtsanwalt und der Baumeister sich zu ihm stellten, da meinte Lembke zu seiner Frau:

»Kaline, ich glaube, wir brauchen keine Bange nicht zu haben, brauchen wir nicht, daß es anders werden tut; das ist ein studierter Herr, ist er, wenn er jetzt auch man wie ein Pracher aussehen tut. Der wird sich die Hände nicht schwarz machen, wird er nicht. Wenn er das Pachtgeld hat, wird er in die Stadt fahren und es verwichsen, wird er, und wenn er keins hat, wird er hier bleiben und auf die Jagd gehen, wird er. Und so wird er mit der Zeit mehr Geld brauchen, wird er, als der Hof abwirft, glaube ich, und wir werden ihm etwas vorschießen, werden wir, oder Land abkaufen, und so bei kleinem wird der Hof unser werden, wird er.«

Karoline hatte genickt und von der krummbeinigen Gestalt ihres Mannes zu dem Bauern hingesehen, der lang und schlank über den Hof ging.

Lembkes merkten aber bald, daß Volkmann nicht daran dachte, sich selber das Wasser abzugraben; zwar ging er anfangs viel mit dem Gewehre los, aber als das Geld vom Gerichte kam, fuhr er damit nicht in die Stadt, sondern gab das meiste dem Vorsteher, der es auf die Kreissparkasse brachte.

Auch feine Kleider kaufte er sich nicht und weder gute Zigarren noch dergleichen; er trug sich wie die Bauern und Knechte, rauchte seine Pfeife und Sonntags wohl einmal eine Zigarre von Nordhoff, der ein ganz gutes Kraut führte, das ihm der Baumeister besorgt hatte; im Essen und Trinken war er nicht anders als der gemeine Mann, obzwar er dreist mehr dafür anlegen konnte, wenn er gewollt hätte.

Nach vier Wochen sagte Lembke zu seiner Frau: »Wenn das so beibleibt, Kaline, dann wird der Hof nicht unser, wird er nicht!«

Als der Bauer dann anfing, das Strohdach zu flicken und den neuen Zaun hinstellte und das Immenschauer baute und den Heuboden zurecht machte, da ließ Lembke die Ohren immer mehr hängen, und als Volkmann hier den Graben und dort den Weg ausbesserte, die Fischteiche austiefte und alles in die Reihe brachte, was nicht ganz eben war, da sah Lembke immer scheeläugiger, achtete auf alles, was nicht ganz in der Ordnung war, und machte es schnell selber zurecht, damit der Bauer sich das Arbeiten nicht noch mehr angewöhnen solle.

Die Folge davon war, daß der Hof wie abgeleckt aussah, so daß der Vorsteher, der ab und zu kam, die Augenbrauen hochnahm und sagte: »Bei mir sieht es doch auch ordentlich aus, Hilgenbur, aber bei dir, das ist ja, als wenn jedweden Tag Wochenabend ist.«

»Kaline,« sagte eines Abends Jochen Lembke, als er im Bette lag, »Kaline, was ich dir sagen will, sage ich dir, wie fangen wir es an? Gestern hat er mir beis Torfriegeln geholfen, hat er, und dann sagte er, beis Heumachen will er auch helfen, will er. Und ich sage dir, Kaline, sage ich, er hat das Kleemähen raus, hat er, und wenn die Ernte hin ist, dann kann er mähen als wie ich, kann er. Wo er das man gelernt hat, das Umgehen mit die Axt und die Säge, als wie ein gelernter Zimmermann kann er es, Kaline, kann er.«

Aber Frau Lembke sagte: »Drähn nicht so viel, ich will schlafen!« und damit drehte sie sich um und dachte daran, wie glatt es ausgesehen hatte, als der Bauer den Vormittag in Hemd und Hose Holz klein gemacht hatte und sein Haar in der Sonne aussah wie eitel Gold. Jochens Haar sah aus wie altes Dachstroh.

Aber wenn sie ihren Jochen auch nur genommen hatte, weil es klapperte und klingelte, wenn er sich auf die Tasche schlug, deswegen blieb er doch ihr Mann, und wenn sie ihm auch nicht so nachsah wie dem Bauern, so gehörte sie dennoch zu ihm.

Sie hatte es längst gemerkt, daß Aurelie Grimpe dem Bauern Blumen und Buntpapier auf den Weg warf, daß ihm aber so wenig daran lag, als wenn es Häcksel gewesen wäre, und daß er der Haushälterin nicht mehr, als nötig war, Rede und Antwort stand und dabei meistens anderswohin sah.

Dagegen, wenn er mit ihr selber sprach, sah er ihr voll in die Augen, stand auch gern bei ihr, wenn sie beim Melken war oder das Federvieh fütterte, und es kam ihr manchesmal so vor, als wenn er hinter ihr hersah, vorzüglich, wenn sie in bloßen Armen war oder die Röcke aufgesteckt hatte. Und so machte sie sich einen Plan zurecht, bei dem sowohl sie selber wie Jochen auf seine Kosten kommen sollte.

Den ganzen nächsten Tag dachte sie darüber nach, und da es sich gerade traf, daß der Bauer die Türe vor ihr aufmachte, als sie in jeder Hand eine Satte Dickmilch hatte und der Zug die Türe zuschmiß, so erblickte sie darin eine Liebeserklärung deutlichster Art; als er ihr zudem hinterher beim Futteraufschütten half und ihr das Wasserholen abnahm, da stand es bei ihr fest, daß ihr Plan nicht uneben war.

»Jochen,« sagte sie, als sie abends im Bette lag, »Jochen, hör' zu; ich glaube, ich weiß, wie wir ihn herumkriegen. Es ist doch gegen die Natur, daß so ein Kerl, wie er, keine Frau und auch sonst nichts hat, denn was die Grimpesche ist, und wenn sie ihm auch noch so viel mit ihren Locken und weißen Schürzen unter die Augen geht, so macht er sich noch nicht einmal so viel aus ihr wie aus unserer Mutter.

Nun hör' zu, Jochen, und versteh' mich auch recht: auf mich hat er ein Auge, an mir sieht er nicht vorbei, wenn er zu mir redet, und ich kann es ohne Hoffärtigkeit sagen, er sieht manches liebe Mal hinter mir her, wenn ich bei ihm vorbei muß. Und denn: alle Augenblicke geht er mir zur Hand, im Garten oder beim Vieh; gestern hat er die Türe vor mir aufgemacht und mir Wasser getragen.«

Sie hielt einen Augenblick an und spann dann weiter: »Jochen, nun mein ich, du verstehst doch, wie ich es meine? Ich kann ja so tun, als wenn mir auch was an ihm gelegen ist, bis er mich mal anfaßt oder sowas. Und dann können wir uns das besprechen, daß du und die Grimpesche beide nicht da seid, das heißt, du mußt doch da sein, bloß so, daß er dich nicht spitz kriegt, und zusehen, was er anfängt; na, und wenn er dann an mich heran will, dann kannst du ja von ungefähr dazukommen, und denn haben wir ihn da, wo er hin soll.

Ich glaube, Jochen, auf eine andere Art geht es nicht; er geht darauf aus, uns hier rauszuschmeißen, sonst würde er nicht wie ein Knecht arbeiten; im Weedergrund hat er ja wohl einen ganzen Morgen abgeplaggt, weil er da Fuhren anpflanzen will, und für umsonst hat er nicht ein neues Stück im Meinsbruche eingehachelt. Also, Jochen, was sagst du dazu?«

Jochen richtete sich im Bette auf, sah seine Frau an, nickte dreimal mit dem Kopfe und sagte: »Kaline, ich sage dir, sage ich, das ist ein Plan, ist er, das hast du großartig ausklamüsert, hast du, und ich glaube wahrhaftig, glaube ich, auf die Art kommen wir doch noch dahin, wo wir hin wollen, kommen wir.«

Dann drehte er sich um, und seine Frau dachte: »Wenn es glückt, haben wir beide etwas davon.«

Es glückte aber nicht, so langsam und bedächtig Frau Lembke auch vorging, indem sie, wenn sie mit dem Bauern allein war, mit ihren runden Schultern oder ihren breiten Hüften an ihn herankam, wenn es sich unauffällig machen ließ; Volkmann stellte sich an wie ein Kind und wollte mit Gewalt nichts merken.

Wenn Jochen abends fragte: »Kaline, wo weit bist du mit ihm, bist du?« Dann sagte sie: »Jochen, jedes Werk muß seine Zeit haben; laß mich man machen!« Aber ihr war es selbst verwunderlich, daß der Bauer sich wie ein Stock anstellte.

Sie stopfte ihm seine Strümpfe mit Wolle, die sie aus ihren eigenen Strümpfen gerewwelt hatte, sie nötigte ihm eine Frühbirne in den Mund, die sie seit drei Tagen in der Kleidertasche getragen, drei Nächte unter ihrem Kopfkissen gehabt und drei Tage in ihre Schürze gewickelt hatte, aber auch das wollte nicht einschlagen.

Als sie aber anfing, wenn er mit ihr sprach und lustig wurde, vertraulich zu ihm zu werden, ihn auf den Arm oder auf das Bein zu schlagen, da hatte sie ganz ausgespielt, denn von da ab ging er um sie genau so herum wie um die andere, und wenn er zu ihr sprechen mußte, sah er nach der Wand oder aus dem Fenster.

Als Jochen sie eines Abends wieder fragte: »Kaline, wo weit bist du nun mit ihm, bist du?« Da schnauzte sie ihn an, daß er auf den Gedanken kam, mit ihr und dem Bauern stehe die Sache nicht so, wie es ihm passen könne, denn es war ihm schon lange verdächtig, daß Volkmann jetzt ganz anders zu ihr war, was er für Verstellung hielt.

Alle Augenblicke, wenn er im Stalle oder auf dem Felde zu tun hatte, kam er in das Haus geschossen, weil er bald dieses, bald jenes vergessen hatte, und als er eines Mittags sah, daß seine Frau bei dem Bauern stand, machte er ihr hinterher eine große Schande.

Ganz unglücklich wurde ihm aber zu Sinne, als der Bauer ihn eines Tages in den Garten rief und sagte, indem er auf einen Stachelbeerbusch hinwies: »Hast du schon so etwas gesehen, Lembke? Da hat eine Grasmücke ihr Nest gebaut und nun sitzt ein junger Kuckuck darin und hat die kleinen Grasmücken herausgeschmissen, so daß sie elend haben umkommen müssen. Ja, man soll sehen, wen man bei sich aufnimmt.«

Lembke hatte ihn mit einem halben Auge angesehen und war dann an seine Arbeit gegangen, abends im Bette aber sagte er zu seiner Frau: »Ich sage dir, Kaline, sage ich, er hat was gemerkt, hat er.«

Die Bachstelze.

Es war Aurelie Grimpe nicht verborgen geblieben, daß Karoline Lembke um den Bauern herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall.

Sie war sehr falsch darüber, und während es bisher immer »liebe Frau Lembke« hier und »liebe Frau Lembke« da geheißen hatte, hielt sie die Nase jetzt so hoch wie der Hund in den Nesseln und ging mit einem Gesicht wie sauer Bier an ihr vorbei.

Da nun bei Frau Lembke in der letzten Zeit die Wolken tief hingen, so sah es im Hause nach Regen aus, und eines Vormittags, als die beiden Frauen allein zu Hause waren, ging das Wetter nieder.

Als das Gewitter auf der Höhe war, wurde die Obertüre aufgestoßen und der Bauer sah hinein. Er sagte gar nichts, aber nach dem Mittag sagte er Lembke, er solle den Kastenwagen anspannen. Dann legte er Frau Grimpe ihren Lohn für den nächsten Monat auf den Tisch und sagte ihr, sie könne gehen, und zwar sofort.

Er ging in das Bruch, und als er am Abend wiederkam, war sie fort. Frau Lembke wollte ihm erzählen, wie sie sich angestellt habe, aber er winkte ab.

Nachdem er gemerkt hatte, wie wenig es Lembke passe, daß er ihm bei der Feldarbeit und beim Heumachen half, hatte er entweder für sich Haide oder Moor zu Land gemacht oder er hatte Peter Suput bei der Arbeit geholfen, der bei Garberdings Häusling war.

Frau Suput segnete den Tag, an dem Volkmann gekommen war, denn nun konnte sie sich besser der Kinder annehmen und brauchte sich nicht so sehr abzuhetzen.

So standen sich beide Teile gut, denn Suput kannte die Arbeit aus dem Grunde und hatte einen anschlägigen Kopf, so daß bei wichtigen Sachen der Vorsteher meist fragte: »Peter, was meinst du dazu?«

Da nun der Hilgenbauer sich für keine Arbeit zu gut hielt und Suput bei allem half, so kam er in alles, was zu Hof- und Feldarbeit gehört, gut hinein, und mehr als einmal sagte ihm der Vorsteher: »Übers Jahr, wenn Lembke aufhört, kannst du das Leit selber in die Hand nehmen.«

Während der Erntezeit aß Volkmann meist bei Garberdings, und da ihm Lembkes von Tag zu Tag weniger gefielen, so saß er späterhin, als die schlimmste Arbeit vorbei war, abends meist bei Suput, mit dem er sich gut unterhalten konnte, denn der Häusling ging immer nach seinem eigenen Kopfe und trat sich überall Richtewege.

Manchesmal glückte ihm das und Volkmann wunderte sich oft, wie selbständig der Mann über politische Dinge urteilte; hier und da lief Suput aber auch ins Moor und mußte einen großen Umweg machen, bis er wieder auf einen festen Weg kam.

Er kannte seine Bibel so gut wie der Pastor oder, wie er meinte, noch besser, und da darin nur von einem Sabbat, aber von keinem Sonntag die Rede war, so verlangte er von dem Pastor, er solle den Sonnabend zum Ruhetage machen. Das konnte und wollte der nicht und da erklärte ihm der Häusling: »Dann werde ich mich an das Wort halten, Herr Pastor,« zog am Sonnabend sein Kirchenzeug an und setzte sich mit der Bibel hinter das Haus, und am Sonntag ging er hin und haute Haide.

Auch sonst hatte er seine Eigenheiten; wenn er zu Pferde war oder fuhr, grüßte er keinen Menschen, mochte es sein, wer es wolle, zuerst; an seinem ganzen Zeuge war kein Knopfloch und kein Knopf, sondern nur Haken und Ösen, und er konnte es nicht leiden, wenn man Blumen abschnitt und auf den Tisch stellte.

Er hatte zwei Feldzüge mitgemacht, war dreizehnmal im Feuer gewesen und besaß das eiserne Kreuz, trug es aber niemals, weil er nicht hoffärtig erscheinen wollte. Er hatte einen Bruder, der in Amerika eine gute Farm besaß, und der hatte so lange gequält, bis er auch nach drüben ging; nach einem Jahre aber war er wieder da. »Es konnte mir da nicht gefallen,« sagte er; das war aber auch alles.

Mit diesem Manne unterhielt sich Volkmann liebendgern, anfangs über Bodenbestellung und Viehzucht, dann über Politik und Religion, und durch vernünftiges Vorstellen brachte er es dahin, daß Suput zum Pastor ging und sagte: »Herr Pastor, ich will es jetzt wieder nach der gebräuchlichen Art machen; ich glaube, ich hatte mich verbiestert.«

Das war dem Geistlichen sehr lieb, denn der Häusling war einer der tüchtigsten Männer in der Gemeinde, und der Vorsteher war es erst recht zufrieden, denn in der hillen Zeit war es ihm oft sehr störend gewesen, wenn sein Lehnsmann am Sonnabend ausgeblieben war.

Suput hatte bei dem Zusammenarbeiten mit Volkmann herausgefunden, daß dieser jedes Getier und alle Kräuter mit Namen zu nennen wußte, und da er von klein auf an draußen gearbeitet und auf alles ein achtsames Auge gehabt hatte, so kam er Volkmann fortwährend mit Fragen, die dazu beitrugen, daß die Unterhaltung zwischen ihnen nicht abriß.

So sagte er ihm eines Tages: »Als Engelke sich vor dem Moore hier anbaute als junger Kerl, da war hier bloß Haide. Da gab es Dullerchen und nach dem Moore zu Moormännchen, und in der großen Sandkuhle Lochschwalben. Nachher, als das Haus eben fertig war, bauten gleich Schwalben, und mit der Zeit kamen auch Spatzen, und als hier Land unter den Pflug kam oder zu Wiesen gemacht wurde, da war mit eins auch die Singlerche da, alles Vögel, die man auf Ödland doch nicht antrifft. Nun bedünkt mich, daß alle diese Vögel, und noch andere, als wie der Storch und der Kiebitz und der gelbe Wippsteert, daß sie alle früher hier nicht waren und erst zugereist sind, nachdem die alten Deutschen, wie es in den Büchern zu lesen ist, hier an die Herrschaft kamen und Viehzucht und Feldwirtschaft hier einführten, denn anders kann ich mir das nicht erklären. Aber das ist bloß so meine dumme Meinung, weil ich davon doch keinen rechten Verstand habe.«

Volkmann mußte lächeln, als der Mann so redete. Ihm, dem Fachzoologen, war diese Tatsache, daß die deutsche Tierwelt aus zwei ziemlich scharf getrennten Schichten, der des Urlandes und der des Baulandes und der Siedelung, bestehe, wohl aufgefallen, aber nachgedacht hatte er darüber noch nicht weiter.

Nun saß dieser Häusling da, Peter Suput, rauchte seinen Rippenkanaster und stellte eine Theorie auf, die, wenn sie irgendein Gelehrter gefunden hätte, wohl Veranlassung gewesen wäre, daß dieser wer weiß wie hoch gesprungen wäre, die Theorie von der Quintärfauna; und das hätte ein dickes Buch mit vielen Karten und Tafeln und einen großen Aufstand in der Zoogeographie gegeben.

Aber Peter Suput hatte noch etwas anderes: »Diesen Sommer hat bei der Mühle ein Vogel gebaut, aus dem ich mir nicht klug werden kann. Er sieht aus wie ein Wippsteert, ist aber unten gelb. Es ist aber nicht der, der auf den Wiesen im Grase brütet und dem Vieh das Ungeziefer absucht, sondern er benimmt sich ganz so wie der weiße Wippsteert, und was der Hahn ist, der ist schwarz am Halse und das Nest stand unter dem hohlen Ufer.«

Der Hilgenbauer war neugierig, ging mit dem Häusling nach der Mühle und stellte fest, daß der Vogel die Bergbachstelze war, die er sonst nur im Berglande gefunden hatte. Aber als er daraufhin die Augen aufmachte, fand er, daß der Vogel weit und breit bei Mühlen und Stauwehren brütete, und er schüttelte bei sich den Kopf über Peter Suput und seine Beobachtungen.

Durch den Häusling erfuhr er auch, daß der Schulmeister Owerhaide für solche Dinge ein Auge habe und allerlei Sachen sammele, die er den Kindern zeigte, Steine, Baumfrüchte, Schlangen in Spiritus und dergleichen.

Der Lehrer bekam einen roten Kopf, als Volkmann ihn bei Gelegenheit bat, ihm die Sammlung zu zeigen, weil er, wie er sagte, davon auf dem Seminare so gut wie nichts gelernt hätte, und so war es auch, denn er hatte Korn und Kaff durcheinander gesammelt und die Hälfte falsch bestimmt.

Um so froher war er, als Volkmann Flachs und Hede auseinanderbrachte, jedem Dinge seinen wahren Namen gab und die richtige Reihenfolge herstellte.

Drei Dinge aber nahm er heraus: eine alte Münze, deren Ränder wie Messing glänzten, eine grüne Schwertklinge und ein schwarzes Steinbeil, die alle beim Torfmachen gefunden und dem vorigen Lehrer gebracht waren, und sagte:

»Diese drei sind zu schade für eine Dorfsammlung; sie gehören in ein großes Museum. Schicken Sie sie versichert an das Bremer Museum und bieten Sie sie zum Ankauf an. Sie bekommen dann sicher soviel, daß Sie einen Sammlungsschrank für die Schule und einige gute Bücher anschaffen können.«

Da der Lehrer und der Schulvorstand damit einverstanden waren, wurde die Sache so gemacht, und es kam auch einige Zeit darauf die Antwort, daß die Sachen angekommen wären; das Nähere sollte mündlich abgemacht werden.

Vierzehn Tage später kam ein Herr mit greisem Bart und jungen Augen angefahren, sah sich die Sammlungen an und machte dem Schulvorstande folgenden Vorschlag:

Die Schule bekommt zwei Sammlungsschränke, Präparatengläser, gestopfte Tiere, eine kleine Heimatbücherei, Nachbildungen der drei Gegenstände und tausend Mark bar.

Der Schulvorstand fiel beinahe um, als er das vernahm, und der Schulmeister stieg mächtig in Achtung, und Volkmann, von dem man wußte, daß er zu dem Angebot geraten hatte, erst recht.

Als er abends mit dem Bremer Museumsleiter bei dem Lehrer saß, erzählte er von den Beobachtungen Peter Suputs, und der Professor sagte: »Sie sind ja Zoologe; schreiben Sie uns doch darüber. Viel zahlen wir grade nicht, aber immerhin etwas.«

Es gab einen großen Aufstand, als die Schränke ankamen, denn sie waren so groß, daß sie in der Schule keinen Platz hatten; und da die Schulbehörde nichts dawider hatte, so wurde auf Vorschlag des Schulmeisters, dem Volkmann das eingeblasen hatte, ein eigener Anbau dafür gemacht, der ganz in der alten Art gehalten wurde und in der Mitte durchgeteilt war, so daß in dem einen Zimmer die Schränke mit den Tieren und Steinen und Heidentöpfen und Büchern untergebracht wurden; das andere wurde ganz wie eine alte Dönze gehalten, und es dauerte keine acht Tage, da wußte der Lehrer nicht, wo er mit dem Urväterhausrat, der ihm zugebracht wurde, bleiben sollte, denn jedes Gemeindeglied wollte mit einem Stück darin vertreten sein.

Das Dorf war sehr stolz auf sein Museum, zumal von weit und breit Männer kamen, die es sich ansahen und photographierten und die Bilder in »Niedersachsen« herausbrachten, und Lehrer Owerhaide wurde ein vielgenannter Mann, denn der Hilgenbauer hatte ihm das Wort abgenommen, daß von ihm selber nicht die Rede sein sollte.