Dahinten in der Haide: Roman

Part 3

Chapter 33,941 wordsPublic domain

Der Vorsteher machte lustige Augen und sah ihre Schultern und ihre Arme an, sie aber polterte weiter durch dick und dünn: »Ihrem seligen Herrn Onkel habe ich zwei Jahre die Wirtschaft geführt; eine Seele von Mann war das. Natürlich hatte er seine Grappen; sehen Sie mal da!« sie zeigte nach der Miststatt, »da wachsen an die zweihundert Königskerzen, daß man fast nicht mehr heran kann. Glauben Sie, daß die wegdurften? Ordentlich verniensch ist er geworden, als ich darauf zuschlug und er sagte: ›Das ist das Schönste am ganzen Hofe.‹ Na ja, es sieht ja ganz ramantisch aus, wenn sie ihre Blüten entfalten, aber die Propertät leidet darunter.

Das Schlimmste war, er machte sich aus dem Essen gar nichts. Wenn ich ihn fragte: ›Herr Volkmann‹, fragte ich, ›was soll ich kochen?‹ Dann sagte er: ›Das ist meine Sache nicht.‹ So war er. Ach, du meine Güte, sind doch wahrhaftig wieder die Hühner im Garten! Hscht! Wollt ihr wohl! Ja, und wenn ein Swein geslachtet werden sollte, dann machte er, daß er wege kam, so'n Herz hatte der Mann! Und keinmal habe ich ein Huhn vor ihm braten dürfen und eine Taube schon gar nicht.

In anderer Weise konnte er dagegen wie ein Stein sein; keinem armen Reisenden gab er auch man zwei Pfennige. ›Bleibt auf dem Lande und arbeitet bei den Bauern!‹ sagte er einen jeden, wo hier fechten kam. Und wenn auf die Franzosen die Rede kam, denn, wenn der Herr Paster und der Herr Dokter kam, dann wurde sehr politisch geredet, dann sagte er: ›Kaput getrammpt muß die Bande werden!‹ Ja, so war er.

Aber nun sehen Sie sich bitte das Haus an; es ist meist allens wie es war. Die Sammlungen sind an das Museum in Bremen gekommen, Käfer und Bienen und Steine und andere Wissenschaftlichkeiten, denn darin war er groß. Denken Sie bloßig, der pflanzte allerhand wilde Blumens an, bloßig damit die wilden Bienen danach kamen. Den ganzen Tag konnte er bei seinen Büchern und Kästen sitzen, und wenn ich ihm sagte, daß das Essen da ist, dann wurde er falsch. Hscht! Ist mir das Viehzeug von Spatzen bei die jungen Erbsen. Ja, man hat seine liebe Not!«

So ging es in einem Strange fort. Volkmann hörte nur mit einem halben Ohre hin; er sah sich das alte Haus an, den Garten mit den gut gepflegten Obstbäumen und Beerensträuchern, die große Alpenanlage, die zwischen dem Hause und dem Grasgarten lag, in der zwischen und auf den Tuffsteinen viele hundert Blumen und Kräuter wuchsen und sich in den kleinen und großen Wasserkübeln spiegelten, die in den Boden eingelassen waren und in denen allerlei Wasserpflanzen gediehen, die Hainbuchenlaube mit dem Steintische und der grünen Bank, von der man einen Blick über die Haide bis zu dem blauen Walde hatte, die sechs Fischteiche, die hinter dem Grasgarten lagen, die Stallungen und den Rest von dem Vieh, das noch geblieben war; er hörte auf die verständigen Worte, die Garberding an ihn richtete, und dachte, daß es vielleicht doch ein Glück wäre, daß der Hof nun sein Eigentum sei.

Vor ihm, neben ihm und hinter ihm, je nachdem, was sie zu zeigen hatte, witschte Aurelie Grimpe hin und redete Korn und Kaff durcheinander.

Er aber hörte nicht mehr darauf, als auf das, was die schwarze Krähe quarrte, die über den Hof wegflog.

Die Schwalbe.

Es kamen nun zwei graue Regentage, legten sich auf das Land und drückten des Hilgenhoferben Stimmung zu Boden.

Mit ernstem Gesichte half er Nordhoff bei der Arbeit auf dem Hofe, denn der Krüger hatte die Wirtschaft und den Kramladen nur so nebenbei, und Ramaker arbeitete auf dem Felde mit, weil der Knecht eine schlimme Hand hatte. Den beiden Männern kam das sehr zu Passe, denn Volkmanns letzter Taler war verzehrt und so konnten sie Kost und Nachtlager mit ihrer Hände Arbeit bezahlen.

Als am Sonnabend Nachmittag Feierabend gemacht wurde, kam die Sonne durch. Lüder setzte sich in den Garten und machte dem kleinen Lieschen eine Puppe, und Strom, der immer bei ihm war, sah zu. Im blühenden Kirschbaume sang die Schwarzdrossel. Die Grauartschen schwatzten auf der Hecke und von dem Windbrette zwitscherten die Schwalben.

»So,« sagte Volkmann, »nun ist sie fertig, die Puppe. Und jetzt geh nach Deiner Mutter; es ist Abendbrotzeit für Dich.« Das Kind nahm ihn in den Arm und gab ihm einen Kuß auf die Backe, bei dem es dem Manne warm um das Herz wurde; dann lief es mit glänzenden Augen in das Haus und Strom schwänzelte hinterher.

Volkmann steckte sich eine Zigarre an und sah nach den gelben Osterblumen hin, die in dicken Horsten aus dem Rasen kamen und um die ein Ackermännchen herumsprang und nach Fliegen schnappte. Über ihm zwitscherte die Schwalbe in einem fort.

Seine Stirn hellte sich auf: ja, er wollte es wagen, wollte den Hof auf dem Hilgenberge antreten, wollte da hinten in der Haide ein Bauer werden, von dessen Giebel die Schwalbe lustig zwitscherte, und nicht wieder staubige Straßen fahren, an denen der Ortolan sein müdes Lied sang.

Die Welt der Stadtleute lag abseits von seinem Wege; das Schicksal hatte ihn nach harter Buße dahin gestellt, wo er hingehörte, in die Haide; es hatte ihm den Pflugsterz in die Hand gegeben und er wollte ihn festhalten. Und das Geschick hatte ihm einen Gehilfen gegeben in dem heimatlosen Knecht, so daß er nicht ganz alleine mit sich und seiner Erinnerung war.

Ein Wagen hielt vor der Wirtschaft und eine tiefe Männerstimme, die Lüder bekannt vorkam, rief die Tageszeit. Dann kamen Schritte über den Gang, ein Schatten fiel über das Gras, und als Volkmann aufsah, stand der lange Freimut vor ihm. Bis auf einige graue Haare war er noch derselbe Mann wie vordem; seine Augen hatten noch denselben Kinderblick und der blonde Bart bedeckte die ganze Oberbrust. Er war in Jagdkittel und Manchesterhosen und trug Schmierstiefel.

Er stand vor Volkmann, lächelte und schüttelte den Kopf: »Da schlag doch Gott den Deubel dot! Sagt bloß, wo kommt Ihr eigentlich her? Wir lauern und lauern, aber kein Volkmann läßt sich sehen. Einen Preis haben wir auf Euer edles Haupt gesetzt, bestehend in zwölf Pullen Forster Kirchenstück Auslese; aber selbst das half nicht. Schließlich hieß es, Wodan habe eine seiner Schwertjungfern losgeschickt und Euch zu einem längeren Abendschoppen gebeten.

Doch Spaß beiseite. Jetzt wollen wir einmal ernsthaft reden: was trinkt Ihr lieber, weiß oder rot? denn ich habe meinen eigenen Wein hier. Die Sache ist nämlich die: Baumeister Schönewolf, auch einer von uns Niefelheimern, und ich, wir haben die Jagd hier, fünfzehntausend Morgen zusammenhängend, uneingerechnet das große Moor, denn da weiß kein Deubel die Grenze, und der Hilgenhof gehört mit dazu.

Eine Frage noch: wer kennt Eure Verhältnisse hier? Der Vorsteher! Bonus, wie der Küchenlateiner sagt; dann sind wir unser vier: ~tres faciunt collegium~, alleine vier ist auch nicht dumm.«

Er rief in das Haus hinein: »Deern, lauf mal nach dem Vorsteher, er möchte sofort kommen; eine wichtige Angelegenheit harret seiner. Kriegst auch nachher 'n Söten!«

Das Mädchen quiekte und lief los. »Und nun an die Gewehre! Ich habe einen Schmacht, daß ich Mazzes fressen könnte.«

In der besseren Stube saß der Baumeister und streckte Volkmann die Hand hin. Freimut sagte: »Unser Freund weiß Bescheid; er hat Euretwegen einen Lümmel einmal backgepfiffen und ihm nachher eine tadellose Terz in die Rippen gesetzt. So, nun wollen wir der selbstgeschlachteten Wurst die gebührende Ehre antun. Da ist ja auch der Vorsteher! Guten Abend, Vatter Garberding, ~comment vous portemonnez-vous~? Und nun, ihr deutschen Männer,« er füllte vier Gläschen mit altem Korn, »erhebet euch und die Stimmen zum uralten germanischen Weihegesang: Wenn alle eenen hebbt, will eck ook eenen hebben! denn so ist es der Brauch bei den Mannen, so im Rheinischen Hof in Niefelheim, der Stätte der Gräuel, nächtlicherweile tagen.

Und ich soll euch grüßen von der ganzen Schwefelbande, vor allem vom kleinen Doktor, der mitgekommen wäre, wenn er nicht zufällig grade heute freite, und von Knüppel, dem Kunstmaler aus Deutschland, der ein Weib genommen hat und sich nur noch Sonnabends betrinken darf, aber nur ein ganz bißchen. Und hallo, das Wichtigste; als ich grade in die Bahn stieg, sah ich Herrn Mehls; er hat sein ganzes Geld in Kuxen verjuxt und ich führe fünf Prozesse gegen ihn, und an dem Tage, wo er so weit ist, daß er sich sein Mittag aus dem Mülleimer sucht, da will ich dem heiligen Hubertus eine Kerze stiften für hundert Reichsmark.«

Lüder schwoll die Brust, als er den Namen Mehls hörte. Das war der Mann, der ihn zu Tode gehetzt hatte, einst sein Freund, und dann sein Todfeind, den seine politischen Gegner auf seine Wundfährte gelegt hatten, um ihn zur Strecke zu bringen.

»Ja,« sprach der Rechtsanwalt und warf seinem Hunde eine Hand voll Wursthäute hin, »auf dem Bauche soll er kriechen und Staub fressen, der Schweinehund. Ich habe jetzt ein paar Wechsel von ihm in der Hand, damit bringe ich ihn an den Galgen. Seine zweite Frau, wenn es nicht schon die dritte ist, ist ihm ausgerückt, sein Haus ist ihm verkauft, keinen Kredit hat er ooch nicht mehr. Kinder, das Leben ist doch schön! Es lebe das edle Waidwerk und die Jagd auf das Raubzeug! Horüdhoh, do, do, do, do!«

Es wurde ein gemütlicher Abend; der Vorsteher, der sich sonst sehr zurückhielt, taute auf, denn er mochte den langen Rechtsanwalt gern und den Baumeister auch.

Als der Tisch abgeräumt war, wurden Volkmanns Angelegenheiten besprochen. Garberding und Schönewolf waren der Meinung, daß Volkmann den Hof selbst bewirtschaften sollte; Freimut sagte nichts dazu. Nachdem Garberding sich verabschiedet hatte und Schönewolf, der vor Tau und Tag zur Birkhahnbalz in das Moor wollte, zu Bett gegangen war, sagte er:

»Das mit dem Hofe halte ich für Duffsin. Zum ersten, weil Ihr von der dicken Kartoffelzucht nichts versteht, zum zweiten, weil es ein bethlehemitischer Kindesmord wäre, wenn Ihr Euch hier verkriechen wolltet. Freunde habt Ihr genug; ich würde kaltlächelnd wieder die Feder in die Faust nehmen und darauf loshauen. Wir haben damals bei der ganzen befreundeten Presse angefragt, ob sie ferner von Euch Leitartikel und Kunstbesprechungen nehmen würde, und überall hieß es: ›Nun grade!‹ Verpachtet den Hof gut, behaltet Euch eine Stube vor, damit Ihr mit uns jagen könnt, oder noch besser zwei, dann sind wir gleich mitten drin in der Jagd, denn dem guten Nordhoff liegt an Bett- und Mittagsgästen scheußlich wenig und er ist froh, wenn wir ihm sein Bitterbier austrinken und ihn sonst in Frieden lassen. Ihr gehört vorne an, Mann, und nicht hinten in die Haide. Das ist meine Meinung.«

Volkmann schüttelte den Kopf: »Nein, lieber Freimut, ich bleibe hier. Erstens ekelt mich die Parteipolitik an; denn ob schwarz, blau oder rot, mit Wasser wird überall gekocht, mit sehr trübem Wasser oft. Selbst bei meiner Niedersächsischen Bauernzeitung, bei der ich doch alle Parteiklüngelei ausließ, habe ich mich oft drehen und wenden müssen. Und meine anderen Schreibereien? Du lieber Himmel, das, was ich als Kunstkritiker und im Feuilleton leistete, das können hundert andere auch und manche viel besser. Überhaupt ist mir alles, was nach Luxus und Asphalt riecht, in die Seele verhaßt; am wohlsten habe ich mich gefühlt, als ich im Blockhause lebte und keine andere Gesellschaft hatte als meine Margerit, meinen Schweißhund und den Homer.

Unsere Parteipolitik, unsere Kunst, unser Feuilleton, lieber Mann, es ist wie der Asphalt; es sieht glatt und sauber aus, und besieht man es in der Sonne, dann klebt es und stinkt. Ich danke ergebenst! Ich will das werden, was meine Ahnen waren: ein Bauer und von dem ganzen Stadtkrempel mit seiner Talmikultur keinen Schwanzzipfel mehr sehen. Habe ich mich in Kanada, wo doch das Wort gilt: ~Trapping for sport very well, for Life damned~, bequem durchgebracht und noch einen Rucksack voll Dollarnoten dabei übrig gehabt, so werde ich hier auch schon durchkommen. Und ich habe ja Ruloff Ramaker bei mir. Ich weiß, Ihr meint das gut mit mir, aber ich habe mit allem abgeschlossen, was außerhalb meines Ichs liegt.«

Gellendes Hasenquäken weckte ihn am anderen Morgen. Er fuhr im Bette in die Höhe, das er jetzt allein hatte, da Ramaker bei dem Knechte schlief, und sah Freimut vor sich stehen.

»Auf! sprach der Fuchs zum Hasen; hörst du nicht den Jäger blasen?« schrie der und warf ihm einen Jagdanzug auf das Bett: »Host Euch damit an, Hochedler, denn Eure Kluft ist mehr interessant, als sonntagsgemäß. Wir wollen dem Amtsrichter auf die Bude rücken; ich bin gestern bei ihm vorgefahren und er erwartet uns. Wir duzen uns beide; er war mit mir in Berlin im V. d. St. und mit seiner Frau bin ich so auf Umwegen auch noch verwandt, denn sie ist eine Hasselmann, Schwester von unserem Hasselmann, der jetzt in Deutschsüdwest herumtobt.

Donnerhagel, sitzt Euch das Zeug fein, besser als mir! Hier ist ein Hut, und hier ein Wanderstab, wie es sich für den deutschen Mann gehört. Der Vorsteher schickt ihn; Ihr sollt ihn behalten. Seht, da hat er die Volkmannsche Hausmarke hineingeschnitten.«

Hell leuchtete aus dem dunklen Schlehenstocke die alte Eigenrune der Hilgenbauern heraus, und Volkmann wurde seltsam zumute, als er den Stock in die Hand nahm; ihm war es, als träte er damit das Erbe an.

Sie frühstückten und fuhren los. Die Birkenstämme an der Straße blitzten in der Sonne und wehten mit ihrem grünen Gezweige, die Wiesen waren weiß vom Schaumkraut, die Grabenufer leuchteten von den gelben Kohmolken, überall stelzten die Störche umher, und die Luft war voll von Lerchengesang und Krähengequarre.

Das ganze Land sah aus, als wenn es frisch aus der Wäsche gekommen wäre, alle Leute, die ihnen begegneten, hatten blanke Augen, und vor jedem Hause war Hundegekläff und hinter allen Hahnengekrähe.

Der Anwalt schlug Volkmann auf den Schenkel: »Mann, ich glaube, Ihr habt recht; ist das hier schön! Ich wollte verdammt auch lieber hinter dem Pfluge gehen, als Akten durchwurzeln und Verteidigungsreden herausrasseln. Hol's der Deuwel!«

Amtsrichter Ketel Frerksen winkte mit der langen Pfeife, als der Wagen herankam. Er war lang und schlank und man sah ihm den Reserveleutnant an, aber sein Benehmen war das des frohen Burschen, der auf der hohen Schule gewesen war.

»Freut mich von Herzen, Sie kennen zu lernen,« rief er und drückte Volkmann die Hand; »kommen Sie, erst will ich Sie meiner Familie vorstellen.« Er schob seine Gäste in den Garten, wo ein zierliches Frauchen, einen anderthalbjährigen Blondkopf an der linken Hand, mit dem Spargelstecher zwischen den Beeten herumspähte.

»Hier, Lottchen, das ist Herr Volkmann, genannt der Hilgenbur, und das ist mein ältester Sohn, Ubbe Ketelsen; wir sind nämlich Friesen. Und da ist das Frühstück: selbstgeschlachtete Radieschen, selbstgesäte Würste und Spargelsalat gibt es auch, und der Handkäse läuft weg, wenn wir ihn nicht schlachten. Aber was hat denn der Junge? Du willst zu dem fremden Onkel auf den Arm? Das ist doch sonst deine Art nicht? Komm, Väterchen will dich nehmen! Nicht? Na, das ist die Höhe!«

Volkmann nahm das Kind hin, das ihm die Backen strich, ihn fest in den Arm nahm und ihm einen Kuß auf das Haar gab. Die hübsche Frau des Amtsrichters schlug die Hände zusammen: »Das hat er noch nie bei einem Fremden getan, noch nicht einmal bei seiner Minna. Bitte, Minna, nehmen Sie das Kind.«

Das Mädchen kam, aber der Junge fing gefährlich an zu brüllen, als er von Volkmann fort sollte, er klammerte sich fest an ihn an und jubelte auf, als Lüder der Magd abwinkte, und er jauchzte vor Wonne, als er aus der braunen Hand ein Butterbrötchen bekam.

Das Ehepaar saß ganz verwundert da. Dem Hilgenbauer aber war zumute, als streichelte die kleine weiche Hand, die ihm über die Backen fuhr, jede Erinnerung an die graue Zeit fort.

In der Linde vor der Laube zwitscherte die Schwalbe.

Der Wendehals.

Lüder Volkmann hatte die Erbschaft angetreten; es gereute ihn keineswegs.

Zuerst wußte er nicht, was er so recht anfangen sollte, da Lembke, der das Ackerland und einen Teil der Wiesen in Pacht hatte, vorderhand allein mit der Arbeit fertig wurde, zumal Ramaker ihm von früh bis spät half, ohne mehr zu verlangen als Essen und Trinken und freien Tabak.

Freimut und Schönewolf hatten Volkmann gebeten, die Aufsicht über die Jagd zu übernehmen und ihm freie Flinte dafür gewährt, und so lag er die meiste Zeit draußen, weniger, um zu waidwerken, als um die Zeit totzuschlagen.

Auf die Dauer wurde ihm das aber langweilig und er suchte sich Arbeit. In Reethagen hatte er einen ganzen Vormittag dem Strohdecker zugesehen, und da das Hausdach auf der Wetterseite schadhaft geworden war, so lieh er sich von ihm die Dachstühle, das Dachmesser, die Dachnadel und das Dachholz, ließ sich Bindedraht besorgen und machte sich mit Ramaker daran, das Dach zu flicken.

Anfangs hatte er vor, nur eine kleine Ecke auszubessern, aber dann fand er, daß die ganze Dachkante undicht war, und da Stroh genug da war für die Schoofe, so ließ er nicht eher nach, als bis keine Fehlstelle mehr an dem ganzen Dache war.

Sodann sah er sich nach anderem Tagewerk um. Der Zaun zwischen dem Hofe und dem Grasgarten war morsch; er sägte Ständer und Latten zurecht und setzte einen Zaun hin, daß Frau Grimpe die Hände zusammenschlug und rief: »Nein, Herr Volkmann, aber über Ihnen aber auch! an Sie ist ja ein Tischlermeister verloren gegangen.«

Die Fischteiche waren arg verschlammt, denn davon hatte Lembke keinen Verstand; so ließ der Bauer einen nach dem anderen ab, reinigte und vertiefte ihn, düngte ihn und ließ ihn sich begrünen und besetzte ihn.

Je mehr er sich umsah, um so mehr fand er, was nicht in der Reihe war; hier fehlte ein Brett, da stockte ein Graben, dort sackte ein Weg weg; Lüder hatte allmählich so viel zu tischlern, zu graben und zu dämmen, daß ihm kein Tag mehr lang wurde.

Der alte Immenschauer fiel fast um; er baute an einer besseren Stelle einen neuen, der doppelt so viel Stöcke aufnahm, und acht Tage lang quälte er sich damit ab, die Bohlen auf dem Heuboden, von denen mehrere recht schlecht waren, auszuflicken oder zu ersetzen, und Frau Grimpe sah bewundernd zu und rief: »Nein, Herr Volkmann, als wenn Sie auf Zimmermann studiert hätten!«

Aurelie Grimpes Herz hatte allerlei Liebe aushalten müssen, aber sie fühlte sich frisch genug, es noch einmal damit zu versuchen.

Je länger der Bauer auf dem Hofe war, um so heißer wurde es ihr unter dem Schürzenlatze, der jetzt immer schlohweiß war, wie sie denn auch seitdem am Kopfe und an den Füßen stets herumging, wie aus der Beilade genommen.

Das Haus hielt sie so sauber, daß es eine Freude war, und obzwar sie wieder angefangen hatte, im stillen Kämmerlein mit Feile, Rosawachs und Wildleder ihre Hände so zu pflegen wie damals, als sie noch Dreimarkchampagner für vier Taler an ihre Gäste verkaufte, wenn die Mädchen ihnen die Köpfe heiß gemacht hatten, den Garten hielt sie so schnicker wie vordem.

Dumm war sie nicht; sie hatte es sofort herausbekommen, daß der Bauer keiner von den Männern war, die man leicht einfängt; so sparte sie ihre runden Armbewegungen und ihre einladenden Blicke, legte in ihr Lächeln so viel Mütterlichkeit, wie sie auftreiben konnte, und ließ ihre Zunge Schritt laufen, so schwer ihr das auch wurde.

Sie wollte den großen schönen Mann langsam an sich herangewöhnen, ihn leinenführig machen und ihn soweit bringen, daß er sich sagen mußte: »Aurelie Grimpe oder keine!«

Vorläufig schien es damit allerdings noch gute Weile zu haben, denn der Bauer sah weder die krausen Nackenlocken und die weißen Arme, noch den innigen Augenaufschlag und das mütterliche Lächeln; er ging und kam mit kurzem Gruße, und wenn er mit der Frau sprach, dann war es um alltägliche Dinge und geschah in derselben trockenen Art, mit der er zu dem Pächter sprach.

Aurelie Grimpe stellte sich oft genug in ihrer Dönze vor den Spiegel, knetete sich die Krähenfüße von den Schläfen weg, zupfte die Stirnlöckchen zurecht und fragte ihr Widerbild ganz erstaunt, wie es wohl möglich wäre, daß ein so strammer Kerl, der rein nichts an der Hand habe, an einer so schieren und molligen Frau, wie sie war, Aurelie Grimpe, geborene und so weiter, vorbeisehen könne, als wenn sie die Altmutter Lembke mit dem kahlen Scheitel und dem leeren Mund wäre.

Alles mögliche hatte sie angestellt, um dem Bauern zu beweisen, daß sie Verständnis für höhere Bildung habe; sie hatte ihn gefragt, ob sie sich aus dem Rest der Bücher, die der alte Volkmann zurückgelassen hatte, Leselektüre holen dürfe, aber der Bauer hatte nur »Bitte schön« gesagt, und als sie ihn fragte, was dies oder jenes in dem Buche bedeute, da hatte er, ohne eine Miene zu verziehen, gesagt: »Das verstehen Sie doch nicht!« und war an seine Arbeit gegangen.

Dann hatte sie eine Zeitung, in der das Allerneueste zu finden war, bestellt, und nun ging es ab und zu: »Herr Volkmann, haben Sie schon gehört?« oder »Herr Volkmann, denken Sie sich bloßig?« Er aber sagte: »Tun Sie mir den einzigen Gefallen und lassen Sie mich mit solchen Geschichten in Frieden!« Er sagte das ganz freundlich, aber es betrübte sie doch sehr, daß es ihr nicht gelingen wollte, einen Weg von ihrem zu seinem Herzen zu finden.

Obzwar sie anfangs nur an die gute Versorgung gedacht hatte, mit der Zeit fing sie an zu brennen wie eine alte Scheune und stellte mit Besorgnis fest, daß sie, wenn sie nicht ihren Zweck erreichte, auf dem besten Wege wäre, den Glanz ihrer Augen und die Frische ihrer Farbe loszuwerden, und so beugte sie dem mit Antimon und Karmin vor, das der geheimnisvolle Kasten enthielt, den sie in den Tiefen ihres großmächtigen Reisekorbes verborgen hielt.

Das Allerbetrüblichste aber war, daß der alte Spruch, der da sagt, daß die Liebe durch den Magen gehe, auf Volkmann durchaus nicht zutraf. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, um herauszubringen, was wohl seine Leibgerichte wären, aber immer und immer wieder hatte sie in die Brennessel gefaßt, wenn sie danach fragte.

Er aß Morgen für Morgen seinen steifen Buchweizenbrei mit einer dreizolldicken Hausbrotschnitte, er war zufrieden, wenn es zum Frühstück acht Tage dieselbe langweilige Wurst oder ein und denselben gemeinen Käse gab, er fragte nicht danach, ob die Kartoffeln kroß mit Speck oder mit Butter weich gebraten waren, ob die dicke Milch alt oder jung, ob das Rauchfleisch herzlich schmeckte oder streng.

»Die reine Dranktonne,« dachte Aurelie Grimpe mit Wehmut und verzweifelte immer mehr, wenn sie sah, daß er den einen Tag die halbkalten Pellkartoffeln mit dem alten Speck ebenso gleichgültig hinunteraß wie Tags zuvor die schöne Gemüsesuppe mit dem zarten Schinkenende darin. Das gefiel ihr nicht an dem Manne.

Eines Sonntagnachmittags, als Lembkes in das Dorf gegangen waren, beschloß sie, drei Pferde vor den Wagen zu spannen, um durch den Sand zu kommen.

Der Bauer schlief, denn er war um zwei Uhr in der Nacht aufgestanden und mit dem Drilling und Söllmann, dem Schweißhunde Freimuts, losgegangen, weil er vermutete, daß hinten im Moor gewildert wurde. Er war erst gegen Mittag nach Hause gekommen und hatte sich dann lang gemacht.

Aurelie sagte sich, daß die Gelegenheit günstig wäre, die dicken Trümpfe auszuspielen.

Sie zog ihre süßesten Strümpfe und ihre zuckrigsten Schuhe an, ein Spitzenhemd und ein Korsett, wie es das weit und breit nicht gab, und einen Unterrock, der gerade so lang war, wie er sein sollte, machte sich ihr Haar so hübsch wie möglich, gab ihren Augen durch ein wenig Antimon noch mehr Feuer, sah sich lange im Spiegel an, machte sich einen Knix, langte ihren Handspiegel her, besah sich von hinterwärts, und dann setzte sie sich auf den Bettrand und wartete.

Sie mußte sehr lange warten, so lange, daß ihr allerlei dumme Gedanken kamen, Gedanken, die nicht gerade geeignet waren, ihren Augen helleren Glanz und ihren Backen mehr Farbe zu geben. Sie wurde müde, aber sie wagte nicht zu schlafen, einmal der wunderbaren Haaraufmachung wegen, und dann überhaupt und so.