Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger
Part 4
Aus den wilden Eitelkeiten des Rosendomes mußte er zurückweichen und zu spät einsehen, daß für die Erhabenheit eines Gebäudes seine Höhenlage unwichtig ist. Der Azursaal des Rosendomes hätte dasselbe Blau des Himmels gezeigt, wenn er auf einer geringen Anhöhe am Vierwaldstättersee oder am Rhein bei Basel gebaut worden wäre. Das Parthenon brauchte keinen alpinen Sockel, und für Paestum genügte das Mittelmeer. Nachdem Dada den Bernina zerstört hat mit der Gedankenlosigkeit, die kein Bewußtsein hat von dem innigen Zusammenhange des ganzen Naturlebens, machte er es sich von neuem bequem auf einer Geröllhalde des Steinreichs, inmitten der verkarsteten Riesenalpen Graubündens. Eine Herde von Ziegen, Hammeln und Rindern, sowie allerlei nützliches Kleinvieh und Hunde nennt er sein eigen, er hütet selbst seine Arche und nährt sich von ihr. Er hat eine Almenmatte und ein Felsenhaus aus Geröllsteinen, für Hirten hergerichtet, gepachtet und betreibt Viehzucht und Milchhandel. Inmitten seiner Tiere führt er täglich das genüßlich phallische Dasein eines »Ketzers von Soana«, das ein modischer Dichter erotisch-geistlich seiner großstädtischen Lesewelt dargestellt hat.
Dada liegt den ganzen Tag ausgestreckt herkulischen Leibes im saftigen Würzgras der Alm. In den Alpenkräutern blüht der tiefäugige Enzian, und starke Felsen über ihm halten dichte Kissen von Sonnenglut um die regungslose Halde, auf der die Hammel fressen. Der istrische Apoll im blauen Leinenkittel liegt träg auf dem Bauche und bestaunt seine eigenen vom Sonnenlicht goldgefärbten Beine und Arme. Die Schwingung des tiefen Tals ründet sich sanft empor gleich dem Bauch seiner guten sattgefressenen Rinder, die nach ihm brüllen, um ihm die Lasten anzukündigen, die sie im Leibe für ihn tragen. Dada liebt dankbar und zärtlich seine ernährenden Freunde, und stärker als je von Italias und Derobeas Gnaden hüllt seine Glieder schwelgerisch mästende Fülle in der Sommerfrische Graubündens.
Dada bewundert die Tiere, und ihr Leben wandelt als ein endloses Schauspiel an seinem müßigen Gaffen vorbei: Sie fressen, darum müssen sie sich regen, spielen, sich vertragen oder sich bekämpfen. Sie lagern sich, flüchten, begatten sich, sind grausam und leidenschaftlich, ungestüm und feurig boshaft. Dada liebt besonders das unverschämte Glück und die sachliche Einfachheit der Begattung seiner Tiere. Er hört das schwere Ruhegebrüll der Rinder, die den Schatten in der Mittagsglut und das klare Bächlein lieben.
Dada spricht mit den Tieren, gemäß dem verschiedenen Charakter ihrer Laute, und folgt mit seiner Erkenntnis den Bahnen ihrer instinktiven Bewegungen, um die Rätsel ihrer Sprechzeichen und vielgestaltigen Stimmen zu entziffern. Er hat einmal jeder großen Sprache des europäischen Menschen wahlverwandt angehört, und er meidet fortan die Menschenworte und was ihresgleichen, um in den Tierlauten gleichen Sinn und Trieb zu erkennen, nur mütterlich traulicher und treuer. Dada lebt entzückt in den hymnisch-orphischen Kräften der Tiere, in der strahlenden Energie ihres natürlich Bösen, in der furchtbaren Schöpferkraft, die frißt, tötet, zeugt und schweigt. Er lebt ihren Alltag, ihre Feiern, ihre herdenhaften Beziehungen, die er mit denen des antiken Menschen vergleicht. An kalten oder regnerischen Tagen schließt er sich mit den Tieren in dem gemeinsamen großen Wohnraum des Felsenhauses ein, und diese in Jahrtausenden familienhafter Hausgenossenschaft erzogenen Tiere sind Tag und Nacht sein Trost, mitleidsvoll und sorgend lebt er in ihren Augen, ihren Freuden, ihrem Kranksein und Sterben.
Über die Laute der Felsen und Bäume und Erdtiere werfen Habicht, Geier, Adler und Falke ihre Mordschreie empor in die Lüfte bis zum Bereich, wo die tierischen Laute verlöschen vor dem freien Genius des Schweigens, der im stillsten Glanze der feinsten Bindung ferner Erdkräfte schwebt. Die magnetische Rinde hält wohltätig die Sonnenstrahlung in ihrem Bereich gesammelt, hüllt sich mit ihr, und läßt sich durchdringen und wärmen von ihr zu immer erneuerter Fruchtbarkeit, um das Traulich-Wohlbewohnte zu begründen.
Erde und Gebirge haben lange auf den Menschen gewartet. Das Tier, das zärtlich geliebt wird, hat die Felsen mit warmen Vliesen bedeckt, um sich in der Sonne liebkosen zu lassen. Die Felsen träumen gern von den guten glücklichen Tieren und beschwören Gemse und Steinbock, Albatros und Adler zu ihren Wächtern und Spähern. Vor der Frühe bedecken sie sich mit Tau und sie fürchten die eisige Vernichtung und den Haß der Menschheit. Dada ist unter den letzten einer sterbenden Erdrasse, die Tiere genannt werden, weil die Menschen ihren Haß auf sie abgeladen haben.
Die Gipfel Graubündens nehmen die Formen riesig ruhender Tierhäupter an. Übertierische Gestalten von Kranich, Hund und Widder stehen hochaufgerichtet in die Felsen gemeißelt. Über den Felsen erheben sich die Göttergestalten der großen Tierrassen, sitzend über dem Erdkreis gegründet: Löwe und Stier. Das brummende Moo der Stiere, das erzene Geschmetter der Böcke, die Urstimmen aller Geschöpfe, die von den Seen bis zu den Schneezinnen Graubündens schweifen, dichtet Dada, und bildet in ihren Lauten die Veden und die ägyptischen Gebete, die Stier und Widder als Götter anriefen. In die milden Hammellaute übersetzt Dada die Brünste, Ängste, Untergänge der Tiere in Urwut und Urklang.
DER ROTE WIDDER.
Der feurige Widder, der trotzende Liebling der Herde, der Gott seiner Rasse wird in Dadas Felsenhaus geboren. Zur Kraft erwachsen, tritt er eines Morgens rot und stark auf die letzte Felsenstufe und geht auf über Dadas Felsgipfel: Sonne der Tierheit, die nicht mit Blut gemästet und nicht von den düstren Flecken der Verwesung angefaßt ist. Sein Gehörn ist edel geschweift, der Bart feurig und züngelnd, die feinen, bergharten Gelenke sind zum Sprung gestrafft.
Sorglich schreitet Dada mit der gewölbten Brust und den milden Armen des Vaters der Tiere auf dem Grate und tritt dicht zum Widder. Er legt beide breiten Hände auf das honigglänzende Geweih und spricht ruhig und stark in den wenigen Urlauten, in denen er das Geheimnis der Tiersprachen gefunden hat. Dada bringt langgezogene, wohltönende, weibliche Laute hervor, denen der Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet. Die harte Trompete des Bockes beherrscht den Gipfel, marschiert, befiehlt, hält Ordnung, während Dada hineinzutönen versucht und mit verschämtem Verlangen um Gleichberechtigung wirbt, nicht etwa für den Bock, sondern für sein Menschen-Ich. Hier folgt das Gespräch übersetzungsweise, das Dada kunstgemäß mit wenigen, aber immer verschieden gefalteten Tierlauten durchgeführt hat.
»Lieber Sohn, ich will dir die schöne weiße Zuckerkante schenken, die drüben auf den Bergen hängt, und die feinen rosa Wolkenlämmer, die im tiefen Blau grasen, verlocken feurige Hammelbeine zu Galopp und Sprung. Willst du zu ihnen, mein Widder?«
Der Widder erwidert in Urlauten, feurige Blitze seiner Bosheit fahren zum Talgrund:
»Ich sehe viel weiter und will viel weiter, als du willst, lieber Herr. Deinen Zuckerkant lecke ich bald mit roter Zunge, und auf die rosa Wolkenlämmer setze ich meinen Bockstritt. Versuch mal diesen Galopp.«
Der Bock zieht zehn scharfe Bogen hart um Dada auf dem gefährlichen Felsgrat, aber schließlich gesellt er sich wieder neben seinen Gebieter und Dada legt von neuem die Hand auf das honigglänzende Gehörn.
»Über hundert Gipfel im Norden setzest du mit harten Läufen und dann gelangst du in das tiefe Land, das der Krieg beschattete mit Zerstörung und Verwesung. In diesem Lande wurde täglich und jahrelang das unzählbare Menschenfleisch von köstlichen Nationen der ganzen Erde mit Feuer und Stahl gemahlen, und die eklen Sümpfe wurden mit Blut gedüngt. Der Ätna, der Sudan, die Kalahari, keine Wüste der Erde droht vergiftet von Greueln wie dies Land. Auch dein armer Vater Dada war in diesem Lande gefangen, bis ich entwich!«
Der Widder mit honigglänzendem Gehörn schüttelt Dadas Hände fort, springt im Ruck vor Dada und senkt drohend das Horn zum Angriff, seine Augen brechen Feuer aus, seine Stimme donnert von Urlauten:
»Du dicker Butterschlegel, hochtrabendes Faß voll Regen, Säusler von Zuckerkant, kamst zu Anfang mit deinem Zweifel an dir selbst. Und als alles vorbei war, schlugst du an deine stumpfe Brust und schriest »Meine Schuld«. Wohlan, Dada, der Widder aus dem Sternenbild, nicht der Nachtmahr deiner Verbrechen im Kaukasus, die ewige Jugend der Welt empört sich und stößt dich fort, weil du dick, erstickend träg von Worten schwillst, weil die Freiheit auf gewölbter Sonnenbahn erglänzt und dich verwirft.
Du hast geduldet, daß jene sich zerfleischten, die du trösten und vereinigen solltest. Du mitsamt der Helena, um derentwillen du getötet hast, habt die Würfel geworfen um des Lebens willen, du bist der antiken Hure nachgelaufen, dem lateinischen Popanz und einer dacischen Mänade. Mit Mummenschanz von Urlauten, Glasbergen und Ziegensprache hast du genüßlich das Leben beklebt und deinen Bastardsinn verraten.
Wenn ich dich mit den Hörnern hinabstieße, was würde es den bösen Tälern schaden, denen du entlaufen bist! »Unsere Schuld!« ruft ihr. Ein Chor der Unmündigen zeugt von sich selbst. Die sich selbst nicht zu befehlen vermögen, treten unter die ratlosen Besserwisser der Völker und verwirren die geringe Vernunft, die nach ihren Verbrechen und Bluträuschen erwachen will. Hohle Raketen der Wortkunst schleudert ihr unter sie und ihr schämt euch nicht und gebt euch preis, die ihr unfähig zu einer Welt ohne Blut und Tränen seid. Unschuld, Unverwelklichkeit der edlen Seelen habt ihr nicht gekannt!«
Im heftigen Sprung schlägt der Bock mit dem Gehörn den Istrier zu Boden und entweicht nach Norden. Dada erhebt sich vom jähen Sturz, zerschunden, bleich, gepeitscht von kreisenden Schwänzen der aufgerufenen Schrecken. Er erhebt die dicken Arme, um sie auf den eigenen Schädel niederwirbeln zu lassen. Stierlaute quälen seine Kehle. Die hundert Tschakos seines ukrainischen Attentats zertrümmern seinen Verstand. Er bricht in Klagen menschlicher Worte aus.
»Meine Schuld! Wann wird uns Zuchtlose, Gehorsam Entwöhnte die Liebe binden. Wann werden wir fähig zur sittlichen Erlösung sein, wir Betrüger und Mörder. Wann werden wir im engsten frei sein, im Schaffen beständig!
Du Widder hast mich aus der Schmach meines genüßlichen Zuschauertums aufgerissen. Du hast mich schaudern gemacht vor der baren Trägheit und der mörderischen Leere. Denn durch die Leere mordete ich das Leben. Ich habe noch nie ein Volk geführt, ich habe mich noch nie im Ätna gebadet, ich habe noch nie einen Sohn gezeugt, wahnsinnig vor Entzücken und Schmerz. Ich habe mich im Abgrund des Todes an den ärmsten aller Gedanken geklammert und ich habe gezagt. Ich habe des Menschenwurms letzte Furcht und schmählichste Ohnmacht erlitten und ich habe nur nach neuen Unterpfändern meines liebelosen, armseligen Daseins gespäht.
Du Widder hast mich niedergeschlagen in dem bescheidenen Stolze meiner Tierfreundschaft, darum grolle ich dir nicht. Denn ich will mich umwenden zu der niederen Behausung und mich aufrichten zu schaffender Arbeit, die mich zu der glücklichen Pforte des Ausganges leiten wird. Glücklicher Ausgang, zu dir steige ich empor und ich feiere dich, indem ich lebe.
Flüchtig und ruhelos war ich von Europa krank. Von jetzt ab werde ich glücklich an dir, Europa, neues Vaterland, das ich gegrüßt habe mit früher, heiliger Liebe. Ich werde arbeiten für dein Glück, lichtes Europa, mit dem schaffenden Werk, das die Völker versöhnt.«
INHALTSÜBERSICHT
Erster Teil Der Karst 11 Derobea 15 Das Nordlicht 22 Die Urlaute 25 Dresden 32
Zweiter Teil Die Serbin 41 Kiew 44 Kaukasus 46 Venedig 50 Engadin 53 Der Spiegel Europas 58 Der Firndom 61 Graubünden 67 Der rote Widder 72
Anmerkungen zur Transkription
Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 70]: ... Gemse und Steinbock Albatros und Adler ... ... Gemse und Steinbock, Albatros und Adler ...
[S. 72]: ... Bock mit gemessen kriegerischen Geschmetter antwortet. ... ... Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet. ...