Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Part 3

Chapter 33,343 wordsPublic domain

Der Gefeierte im roten Kardinalsmantel aber träumt von höheren Ehren und von einem andern Ruhm, der ihm nicht von seinem Nebenbuhler d'Annunzio und der Rache der Anarchisten streitig gemacht werden kann.

VENEDIG.

Aus dem kriegsrasenden Rom flüchtet Dada nach Toskana und kommt eines Nachts in Venedig an. Er legt seinen roten Mantel ab, und in Arbeitsbluse, unter angenommenen Namen tritt er in einer der alten Glasfabriken von Murano ein.

Er lernt die erste Stufe der Erzeugung reiner Glas- und Kristallflüsse, das Schmelzen, Brennen und Schleifen untadliger Gläser, köstlicher Spiegel und Sichtgläser, die den Weltraum zu zarten funkelnden Brennpunkten verdichten.

Dada träumt davon, ein Glas von Dauer und Härte der Steine herzustellen, das gegen alle Erschütterungen gefestigt ist, ohne jedoch den natürlichen Verwitterungen ausgesetzt zu sein wie jene. In riesigen kubischen Platten soll es geschnitten werden, und es soll lodern von feurigen Flüssen oder Bändern in den Spektralfarben. Sonnen, Wolkenschlachten und Liebesmahle sollen zum leuchtenden Schmuck der Erdringe werden. Er will die Erde panzern mit antiseptischem Glas, indem er den Drohungen des Kaukasus trotzt.

Die düstren Kalkhalden und vegetationslosen Hochflächen des istrischen Karst sollen geschnitten, geteilt, und durch Glätten und Schleifen in drei- und rechteckigen Formen gegeneinander gesetzt werden und die Berge als polygonale, pyramidale und kubische Felskörper eine ungeheure Raumgestalt in den Himmel türmen. Auf dem geschliffenen Gebirge sollen Italiens Arbeiter die Flächen auslegen und vernieten mit den dauerhaften und farbigen Glaspanzerplatten seines kaukasischen Traums. Hoch über der Adria soll das neue Kap Sunium, das glasgepanzerte Vorgebirge Istriens funkeln als der Diamant Europas und die Lateiner in Ravenna und Rimini an heiteren Tagen brüderlich grüßen: Denkmal der Freiheit und Verkündung und Triumph der Lateiner über den rohen Weltkrieg.

An beweglichen Stahlgestellen sollen riesige Refraktoren bis über die letzte terrestrische Luftschichtung hinaufstoßen und mit einsamen, stillen Augen das Leben des Himmels, des Festlandes und des Meeres beobachten. Von riesigen, sehr schlanken, witterungsbeständigen Glastürmen sollen leuchtende Explosionen von Radium über die magnetische Sphäre der Erdrinde hinausfahren, und sich zur Selbstbewegung nach glänzenderen Brennpunkten des Alls entfalten, um sich zu ergießen oder stürmisch mitzureißen und zum Karst zurückzukehren und aus kosmischer Vermischung den durch Jahrhunderte zur Dürre verdammten Fels mit brennender Erde zu befruchten.

Das aus dieser Befruchtung neu erstehende Vaterland soll mit Venedig durch eine Brücke aus sturmhartem Kristall in ungeheuren schneeweißen Bögen über die Adria verbunden werden, und die Brücke wird die Statuen der Dogen tragen, die durch den Ring der Adria vermählt waren. Dada sucht den Kristall zu gewinnen, durch den die kosmische Schönheit der Erde verwirklicht wird: Er bereitet eine Metallbindung mit Email vor, um die Glassteine zu mörteln. Auf istrischem Karst soll der Klotz von Glas wachsen, der die Last der weißen Glasbögen auf ihren hohen Feuertürmen übers Meer hebt und ihre letzte sanfte Wölbung vor Venedigs Markusturm entladet zur unlöslichen Vereinigung Istriens mit Italien.

Der kristallspannende Blick des Erdarchitekten erhebt sich über Europa und mißt das lateinische Reich, von Venedig bis zur Kreidewand von Dover, und vom Libanon bis zum schwarzen Felsenhaupte Gibraltars und über die Südsee zum lateinischen Amerika.

ENGADIN.

In der Fabrik erhält der Arbeiter Dada den Befehl, sich zum italienischen Heere zu stellen. Der unglücklich die Freiheit Istriens liebende Glaspionier wird unter Emanueles Fahnen gerufen. Er meldet sich zum Flugdienst und wird in der Führung eines Äroplanes ausgebildet. Eines Tages darf er emporsteigen und in den Wolken gen Triest fahren. Er jubelt Miramar zu und der ganzen Küste und wirft tausende Drucke seiner Hymnen über die Städte bis Abbazia. In einer späteren Nacht wagt er den ersten Flug mit Bombenabwurf auf die Arsenale von Pola. Aus Todesschauern der schütteren Erde und Feuerwirbeln, die das Festeste zerstören, nimmt Dada das Steuer zum Mittelmeer, und Italia fliegt brausend neben ihm als sein göttlicher Albatros.

Dada unternimmt einen Bergflug vom Gardasee über die Tiroler Alpen bis ins Herz Bayerns. Er wandert ganz einsam in die blaue Luft gehängt, mit unbeflecktem Fuß über Schründe, Spalten, Grate, Zinnen, Firne, Gletscher auf der Sonnenbahn nach Norden. Die Firne glänzen: blau, grün, scharlach, ocker. Bergtäler öffnen sich zu ungeheuren Blüten des Enzian. Klüfte, Spalten, Schründe mit Gletscherstürzen entfalten schmale, nie gelesene Buchrollen der Tiefe aus ewigem Kristall. Berggrate sind überwölkt von Silberrosen, Edelweiß auf Mammuthrücken.

Heftige Windströme saugen um die Klippen, und der Flieger wehrt sich um sein Leben. Schüsse prallen rings, von schlagenden Granaten bebt Trafoi. Dada biegt nach Westen, um nicht vom Tiroler Feuerringe gefaßt zu werden. An der Schweizer Grenze wird er durch erdstürzenden Windstrom herabgezwungen. Er landet auf einer Halde über dem Tale von Pontresina, sprengt das Flugzeug und flüchtet in die Klüfte des Corwatsch, denn die Täler sind voll Soldaten. Von Hirten bekommt er Nahrung und Bauernkleider und endlich wagt er sich als deutscher Flüchtling aus Zürich in das Engadin.

* * * * *

Das obere Engadin mit breiten tiefgrünen Bergseen zu Füßen wohlgeformter Schneegebirge ist eine ungeheure Enzianblüte. Im Anblick der himmlischen Eisdiamanten sucht Dada die Einsamkeit, ewige Frische und Reinheit der Luft von Chasté auf. Das ist kein Karst. Gewaltige Lärchen, Bergfichten, Eichen steigen bis zur Geröllzone in mächtigen Waldungen auf. So war einst Attika von den Hainen des Zeus bedeckt. Nebel und Wolken schweben mit Riesenschatten wandernder Legionen feierlich um die Bergzinnen, und diese tauchen schneeblitzender in der tiefsten Bläue auf.

Dada mietet ein Gehöft am Ufer des grünen Bergsees. »Einsame Zärtlichkeit« schreibt er über die Tür seines Hauses. Kein Zaun umschränkt es, kein Hofhund stört, und das Gezwitscher der roten Schweizer Wäschermädels tief am grünen See erquickt sein Geborgensein. Der hölzerne Oberbau mit dem giebeligen Dach ist fortgenommen und auf den viereckigen Granitunterbau ein hoher, flächig polygonaler Glasbau gesetzt worden. Das ist der Hauswohnraum Dadas zu ebener Erde, und drüber die gläserne Allwarte in Gestalt eines spitzen Hutes.

Von den Urlauten der Kinder und der Primitiven wendet sich der Dichter dem terrestrischen Magnetismus zu. Er arbeitet an der Herstellung eines absoluten Kristalls, das Feuer, Sprengung und Wasser widersteht. Er schmilzt ein Glas von äußerster Empfindlichkeit für Farben und Schatten der Luft. An heiteren Tagen steigt aus dem Glaspilz am stählernen Gelenk der große Luftspiegel in die Höhe, mit dem Dada bildtelegraphisch Himmel und Firn beobachtet in ihren unerhörten Wandlungen.

Glücklich das kleine Stück Felsland, das vor der unreinen Überschwemmung des europäischen Reisepublikums durch die schützende Lohe des Weltkriegs noch eine Weile bewahrt blieb. Zahnradbahn und Massenwanderungen zum Gletscher verfinstern nicht das Eis der Gipfel, das Schweigen und die herbe Glut der Felsen. Der mächtige Sturzklang der Quellbäche am Granit der Hochwände wird nicht von den Brüllaffen der Mode, des Sports und Flirts zertreten. Der Anblick der Gestirne, elektrisch zitternder Nachtglanz des Alls, Belauschung des stillen Streits kosmischer Todeskräfte, werden nicht roh unterbrochen durch Sprechwerkzeuge, die leider nicht die der Grille und Nachtigall sind.

Dadas Zärtlichkeit: Das Sausen des Windes, des mitternachtgeborenen, in den Seewellen am Hain von Chasté, die heißen Felswände in wechselnden Schatten und der Firn. Den mondrunden Spiegel hat Dada über den kaiserlichen Firn gehängt, um das hohl geschwollene, weggreifende Ich fortzuätzen und die Erde von unreiner tierischer Kruste der fäulenden Ichs zu befreien.

Dadas Freuden: Versenkung, Innendienst mit Herz und Hirn, Beobachtung, freie göttliche Bewegung der schaffenden, messenden, wägenden Hand. Diese Freuden dauern, ohne schal zu werden.

Das neue Vaterland der Idee ist erschienen, das Engadin der Alliebe, die Bergheimat zärtlicher Innquellen, bereit zum Schmuck der Erdrinde mit geschliffenem Kristall. Europas Arbeiter sollen nicht mehr Europas Kriege führen, sondern Europas Berge meißeln und die rauhsten Werke mit Juwelen gottbeseelter Erdheimat schmücken.

In den Gerölleinöden des roten Corvatsch läßt Dada durch Arbeiter einen Stuhl in die Felsen meißeln. Den obersten Teil des Gipfels mit seinem Zinnenriff läßt er in mächtigen kubischen Flächen arbeiten zu einem unregelmäßig polygonalen Riesenblock. Und seine Flächen läßt er mit Platten geflammten Glases bedecken, so hart und dauerhaft, wie die Schweizer Glasfabrik sie nach seiner Vorschrift hat machen können.

Den Sitz seines Felsenstuhles läßt Dada aus Glas in der Form einer gewölbten Schildkrötenschale befestigen, und die hohe Lehne ist ein Mantel starr gefalteten Glases von tiefer Blaustrahlung. Über dem Mantel steht der mondrunde Spiegel. Habicht, Falke, Steinadler umkreisen das hohe Auge, und vor dem blauen Mantel sinken in die Tiefe mitbürgerlicher Argwohn und tödlicher Haß gegen den Eindringling auf uralten Heimatfels.

Reiner, tiefer, prächtiger sind die Farben der Erdtiefe. Das mächtige Weltherz pulst in den Bildern des Spiegels. Massensterben in Gräben, qualenbedecktes Getrümmer, blutiger Tierjammer wutzerrissener Millionengesichter, Todesfratzen mit schrecklichem Wundtod. Die Katharsis nimmt den bedingten tragischen Lauf ihrer Greuel.

Aber wer vermag zu ertragen, wie auch nur _ein_ menschliches Herz bricht -- und muß ohnmächtig daneben stehen! Dada lenkt seinen Spiegel über den Firn, machtlos, die Wut der Menschenschlächterei anzuhalten, und diejenigen zur Freiheit zu lenken, die noch immer nur das Opfer vor den Göttern des Blutes kennen. Dieselben, die Flugzeuge lenken, Bomben werfen und Menschen töten.

DER SPIEGEL EUROPAS.

Dem Monde ist eine magnetische Kraft zu eigen, deren Strahlung die Meere der Erde folgen. Ein Flutberg steigt zu gemessener Zeit empor und überrollt den Ozean auf seinem zum Horizont hinangewölbten Rücken.

Ein Flutberg menschlicher Seelenkraft erscheint über dem Meer der Völker: die Idee für die Omnes ruft die Seelen zur unlöslichen Verschmelzung. Der verbindende sanfte Mond der Völker erscheint und wandelt hin im Strahlenkleid der menschlichen Ekstasen. Mit seinem allgegenwärtigen Licht umfaßt er die Landschaft der Kräfte und Bezauberungen. Leidenschaftlich empfunden, stark erlebt ist die Idee nur wenigen geistig sichtbar. Ein Haupt denkt diese Idee: der zornige rote Christus betritt die Wolken zum Gerichte und stürzt die Gäste der Welt in die Tiefe. Auf der Flut von Morgen gen Mitternacht drückt sie ihre leuchtende Spur in die Millionen Geistigen. Und aus der Flut erhebt sich die Tat, die den Erdball in ungewisse Zukunft schleudert und die Freiheit in ihrem blutigen Wirbel beschwört.

Ein unsichtbarer Flutberg bricht aus den feindseligen Fronten empor, aus Krampf und Leid von Millionen Todbedrohter und Verdammter. Er rollt von Osten heran und pflanzt seine schwarzen Wimpel auf Deutschland und Frankreich, und bedeckt die Götzenbilder der zerbrochenen Völker mit seiner stillen, mächtigen Woge: den russischen Pantokrator, die Kriegsgötter Germaniens und den Gladiatorenhelm Frankreichs. Vergeblich haben die Götter schrankenlosen Wahnes Kriegsmaschinen in die Finsternis eingebaut: Die Idee des einen Hauptes, die Idee im mächtigen Schweigen, in dem unauflöslichen Licht von Millionen Geistigen lebt fruchtbar und wirkt.

Ewige Blutnacht Bartholomäi über Europa! Die Idee steht reinster Sonne in dem einen Herzen auf, im gemeinsamen Herzen der tödlich Gelockerten und Opfergekrümmten. Weihnacht des künftigen Europa, du beschwörst die Schande der Völker, du wehklagst und tötest.

Ruhelosigkeit, geheime Furcht, fieberige Schrecken bewältigen die Mächtigen. Sie wechseln die nächtliche Schlafstätte, sie verlieren den ursprünglichen Stolz der Überzeugung, sie fürchten gewaltsamen Tod, sie haben die persönliche Ehre verloren, sie gleichen dem gehetzten Napoleon, der den Giftbecher nimmt, ihn aber fortstößt und sich ergibt, um Ruhe zu haben. Auch sie, die jetzt Furcht haben, ergeben sich den Giftmischern, um Kirchhofsruhe zu haben, um den Qualen zu entrinnen. Der Gladiator Frankreichs, der Dilettant des Thrones, der sich selbst als Friedensfürst bezeichnete, samt seinen Teutonen, Emanuele, der König der heiligen National-Selbstsucht -- vor ihnen erscheint der makellose Spiegel Dadas und zeigt ihnen im weißen Rund das Bild des armen Zaren, der unter einer Salve von Narren »glücklich« verscheidet.

Mit kundiger Macht sendet Dada die Strahlung in die Nächte der Machthaber und Ehrsüchtigen. Auf Tribünen, im Auto, inmitten öffentlicher Ansprachen, bei der Fahrt durch die Städte, bei militärischen Schaustellungen, bei städtischen Prunkaufzügen, inmitten von Banketten, Militärs und Deputierten: erscheint die Grimasse des glücklich Verschiedenen. Das Scharren eines Stuhles im Saale, das Knirschen eines Schuhes oder seidenen Kleides, ein elektrischer Schlag, schauernd vom Ganglion des Großhirns bis in die Eingeweide -- das Gottesauge schaut auf den Gladiator. Das Fieber des Tigers wird weiß und kalt. Die Teutonen tauschen im starren Krampf Puppenbewegung der steifen quadratischen Häupter. Allen, die Feinde sind, Feinde sich, dem All, allen, allen Soldaten, die dem Schlamm des Krieges entronnen sind, selbst den Kindern des neuen Raubtiers aus Atlantis erscheint die schreckliche Idee im Spiegel: die Drohung der Selbstzerstörung.

Der Flutberg naht. Er überrollt den Ozean, er hat seine Breite, niemand ist ausgenommen, wo ist Gang und Richtung zu erkennen! Vor dem Kristall am Corvatsch steht der Beschwörer und betrachtet den Gang eines Käfers auf seiner Hand. Und der die Tiere in Menschen sieht und die Götter in den Tieren, sinkt in die Kniee und betet.

DER FIRNDOM.

Dada hat kein Vaterland.

Er meidet und fürchtet, das trunken und satt vom Blut ist: Patriotismus, Nationalniedertracht, Irredenta, Pöbelwahn, Heroismus des stumpfen, irrsinnigen Maschinentodes. Schutz und Höhe der Felsen, leichte stille Lüfte und reines Blau der Idee Europa -- in ihrer Hut bildet sich das Wunder der Freiheit.

Die Eisbärenflanken des Berninafirns erglühen im zartesten Gold- und Weinrot, und zu seinen Füßen ruhen die Felsen in scharlachner Tiefe: eisig rot, lila, blau. Auf diesen Alpenbergen will Dada die erste Schöpfung eines erneuerten Europa der Arbeit und wiedergeborener Künste errichten. Noch ruhen die Gletscher und Firne in mondlicher Sanftheit der Hänge, in Stille von dünnster Klarheit, in der das Herz scharf dröhnt, als höbe es sich selbst aus der Brust, um in ungeheurer Höhe zu kreisen und sein Blut zu vergießen. Die Erdrinde erhebt die rauhste und erhabenste Sprache zur Feier und zum Triumph der Menschheit. Dada sieht beglückt seinen höchsten Traum.

Er erhält das Recht, auf dem Bernina einen Dom der Schönheit aus Glas zu errichten zu Ehren der freien Demokratien Europas. Er wirbt eine Arbeiterarmee an. Glasschmelzen und Schleifereien werden gegründet, elektrische Motore arbeiten und treiben Bohrmaschinen, um die Fundamente des Glasdoms in den Felsgrund zu senken. Gewaltige Stahlhämmer klopfen und plätten die Felswände zu geschrägten kubischen oder dreieckigen Flächen, die in kühnen Falzen und Winkeln aneinanderstoßen. Das ganze Massiv bis zur Schneegrenze wird von Geröll gesäubert, und in einen kolossalen, vielflächigen Kunstblock verwandelt, von dem jede Vegetation entfernt bleibt. Unwegsame Schluchten werden flächig ausgemeißelt und als Hohlwege bis zur Firngrenze ausgebaut. Drahtseilbahnen senden ihre Förderwagen zum Firn hinauf. Das Gebirge dröhnt vom Lärm der elektrischen Schleifarbeit, dem Hämmern der Arbeitermassen und den Sprengungen mit Dynamit.

Noch ruhen die sanft gewölbten Hügel des ewigen Firns im makellosen Urlicht und im nächtlichen Schmuck der schimmernden, augengroßen Sterngehänge. Aber Dadas Heer dringt rastlos aufwärts, baut den Firnschnee mit Hilfe der Förderwagen ab, überbrückt die schneetiefen Klüfte mit Glasgewölben, bis der Gipfel in eisiger Herrlichkeit erreicht ist. Das grüne Firneis wird in riesigen Blöcken abgelöst und talab geseilt, und mit ihm werden unten die Dampfkessel gespeist. Die Abplattung des gesamten Gipfels ist rasch im Gange und die Zerstörung des alpinen Urriesen ist in wenigen Monaten geschehen. Eine ungeheure, nackte Hochfläche bleibt als Grundlagerung des vormaligen Firns.

Nichts an dem nackten Riesenkegel soll unbewußt bleiben, das Ganze soll in Form, Fläche und Farbe gegliedert werden. Dada klettert in jede Felsritze, in die engen Betten schäumender Gebirgsbäche, die bald versiegen müssen, da ihnen das mütterliche Firn fehlt. Er läßt all diese kleinen Schönheitsfehler der Natur mit Glas überwölben und in den Klüften sanft ansteigende, überwölbte Treppen anlegen, die wie Tunnels elektrisch erleuchtet werden. Dada kämpft unter unerhörten Schwierigkeiten vorwärts. Seine Leute stürzen in Abgründe oder gehen an raschen Krankheiten zugrunde. Die Bergnebel verdunkeln tagelang jeden Schritt seiner Maultiere und Arbeiter. Der Föhn, furchtbare Unwetter, gegen die es auf den geplätteten Felswänden keinen Schutz gibt, vernichten die Arbeiterhütten, Menschen und Werkzeuge. Der ganze Bernina gleicht nur noch einer unermeßlichen Baustelle von Kriegsgewinnlern, ein Kegel armseligen Graus inmitten der Eiswildnis.

Die erste farbige Platte von dauerhaftem, sturmhartem Glas wird feierlich unter Dadas Händen an den Fels genietet. Überall wird der Berg geplättet, poliert, gekantet, heroisiert, um schließlich ganz bekleidet zu werden mit grünen, schwefelgelben, scharlachnen, azurnen und irisierenden Glasplatten. Die Kunstnatur in Email geistert wunderlich ins Gebirge.

Auf der platten Hochfläche läßt Dada einen Wald von riesigen, goldroten Säulen errichten und ihre Spitzen durch Glasbögen zur Gestalt einer kristallenen Rose verbinden. Das ist der Rosendom, von dem Dada geträumt hat. Das ist die Krönung des ungeheuren Werkes, des unerbittlichen Glasfirnes, der den Schweiß von Arbeiterheeren und das Vermögen Dadas gekostet hat. Als der Dom in kindlichem Geglitzer und in der Konfektarchitektur eines Ausstellungspalastes förmlich strahlt, ist Dada ärmer als der bronzene Hammelhirt am Roseggletscher.

Er hat die Genugtuung, unter den Schwibbögen des Rosendomes die große weiße Glastafel aufgehängt zu sehen, auf der Dadas Aufruf an die künftige Brüderschaft freier Architekten Europas geprägt ist. Kein Gerät befindet sich in der weiten Halle aus rosenfarbigem Glas, das Licht dämmert sanft durch die Wände, und das Blau des Himmels dringt allein durch die klaren Glasflächen im Zenith des Domes. In den Wänden sind die Glaszeichnungen Dadas eingelassen, er, der sich selbst in diesem Dome als Präsidenten der Menschheit bezeichnet, hat hier seinen wunderlichen kaukasischen Glastraum niedergelegt. Das ist der Traum von Pyramiden, Domen, Olympias und hängenden Gärten aus Glas, vom Schliff des Matterhornes, des Monte Cristallo. Alle Bergwände sind geplättet, jede Kante ist stilisiert, jeder sanfte Abhang zur Terrasse ausgespreizt, Klüfte, Schründe, Höhlen, Abgründe werden von Glasbögen mit Windharfen überspannt, darauf der Föhn Urlaute spielt. Die Täler werden zu geöffneten Enzian- oder Oleanderblüten oder gespaltenen Granatäpfeln aus Glas. Die heroischen Hochalpen zieren Versailler Rosenlauben mit Rokokogärten aus Glas, die nachts von elektrischem Innenlicht zu feenhaften Girlanden aufstrahlen.

Auf die Blöcke und Zacken uralter Wildgletscher sind Glasfelsendome gebaut. Über die Seen des Engadins und des Kantons Luzern sind Feststädte und Tempel auf Glassäulen bis zu den Berggipfeln erhöht, über den Bodensee bis zum Säntis hängende Gärten und Festterrassen mit türmenden Söllern und Sälen für Zusammenkünfte ganzer Städte und Provinzen. In diesen Tempeln und Festpalästen wird die Musik Mozarts von verborgenen mechanischen Instrumenten jederzeit tönen: alles ist leicht, spielend, heiter, still. Es gibt nur die Pflicht, zu schweigen und das Glas zu verehren.

Dada ruft die Architekten zu den Entzückungen des Glases und Europas Arbeiterheere zu dem männlichen, rauhen Werke der Erdbezwingung. Gemeinsame Opfer, Qualen, Kämpfe, Arbeiten, gemeinsame Werke, Frucht, Belohnung, Genuß in den Glasdomen der Alpen.

Danach dehnt Dada den Zauberkreis aus. Die Erdrinde erscheint, die Südsee, das farbige aber dunkle Asien. Die Nächte dieser kosmischen Meere sind durchglüht von riesigen Lingams oder Hörnern. Otaheiti, Neuseeland, Guinea sind durch Glasbögen auf Feuertürmen im Meere verbunden. Im Meere schweben Glastürme, denen Äroplane sich nähern.

Über den Erdball von Nord nach Süd sind gestaltete, farbige Weltnebel gewölkt, um nächtlich diejenigen zu erfreuen, die der Plakate von Liebigs Fleischextrakt und Zuntz' Kaffee müde geworden sind. Aufschießende Sternkristalle, rote Diskusse, grüne Saturne, gelbe Oktoëder aus sphärischem Quarz bindet Dada magnetisch zwischen Pol und dem Gleicher und furcht den Tageshimmel mit dem Fluge kubischer Projektile, anderer, als die der Zerstörung! Sie streuen aus den Lüften farbige Flugblätter zur Verherrlichung gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen Genusses im Park Europa.

Dada verheißt Wunder dem armen Menschenwurm des Erdsternes, ihm, der von härtester Fabrikfron erschöpft ist und sich in Kriegen zerfleischt, die seinen Fabriken entspringen. Der Präsident der Menschheit ist an den Rand des schäumenden Wahnes gelangt, die Menschen durch Glas zu erlösen. Verarmt, unfähig, das Glaswerk fortzusetzen, ohnmächtig vor der gepanzerten Gleichgültigkeit demokratischer Regierungen, die schließlich nur der abgesonderten vaterländischen Selbstsucht zu leben verstehen.

Dada muß den Firndom dem Verfall überlassen. Langsam, aber unbezwinglich ist die Rache des kastrierten Bernina. Die Schnee- und Eisgeschiebe erneuern sich, die Verankerungen lockern sich, Eisbäche sprengen die Glastunnels, der Sturm bricht die Glasbögen, und die Glasplatten werden vom Eis bedeckt und stürzen in die Tiefe ab.

Neugierige Fremde aus St. Moritz kommen und starren auf die unermeßliche Narrheit aus finstrer Kriegszeit und spotten ihrer. Eines Tages steigen Bewohner des Engadin zum Corvatsch auf und verjagen Dada mit Steinwürfen von seinem Felsensitz wie einen räudigen Hund und zertrümmern seinen Spiegel.

GRAUBÜNDEN.

Selbst die republikanische Schweiz mit ihrer zwieschlächtigen Seele und ihren innerpolitischen Fehden ist nicht die Stätte jener Freiheit, die Dada vergebens sucht. Er hat Hymnen auf ein Vaterland gedichtet, das Slowaken und ähnliche Halbslawen unter sich teilen. Er hat Glasdome für ein Europa bauen wollen, von dessen Rumpf köstliche Glieder abgeschnitten wurden, und dem der Jugendsaft verluderte und giftig wurde. Sein Ruf nach einer antiseptischen Glasarchitektur der Alpen verhallt ohnmächtig vor dem Empörergeschrei der von Kriegsknechtschaft befreiten Völker. Wo wird Dada eine Nation finden, die seine magnetische Erleuchtung und Erwärmung der Erdrinde zur Reife bringen würde! Wo soll er Helfer werben, um den Plan der Ausgleichung der kosmischen Klimate und der Vermondung des Erdkörpers zu verwirklichen.