Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger
Part 2
Dada sieht sich durch die Ochrana unheimlich verstrickt und weiter als je von Italias Freiheitssendung entfernt. Er schließt sich gequält den beiden Männern an, die eine für ihre Schicht ungewöhnliche politische Vernunft und kühne Rücksichtslosigkeit in der Verfolgung ihrer Ziele besitzen, außerdem lernt Dada in ihnen zwei Freunde jener Terroristin kennen. Mit ihnen geht der Istrianer auf die Straße, sie halten die Vorübergehenden an und erklären jedem einzeln ihre Ideen. Sie flüstern, versprechen geheimnisvoll, drohen, spotten -- sie werben mit unbezwinglicher Überzeugungskraft. Die Polizei ist machtlos gegen sie.
Auch Dada glaubt an die Revolution, die Demokratie und Kindlichkeit der Völker. Er glaubt an das Werk der Freiheit. Er bittet seine Freunde, das erste große Werk sozial zielvoller Ekstase den Muschiks und Proletariern vortragen zu dürfen: »Das Nordlicht!« und begründet: »Die Kindlichkeit neuer Demokratien erfordert eine ihr gemäße neue Urform des Ausdrucks und des Stils. Erst der kindliche Mensch ist der wahrhaft Freie! ein ausgelassener unbändiger Junge ist das Urbild der Freiheit!«
Seine Sätze brauche man nicht durch Kommas und Punkte eingeschachtelt zu hören, jedes seiner Worte sei ein Hauptwort, auf dem die Sonne der Urlandschaft sprieße. Jede seiner Empfindungen habe nur einen Ausdruck: Den o- oder aj-Ausruf, den Schmerz oder die Freude. Sein Wille kenne nur eine Wortform von substanziellstem Wert.
Vor dem gleichgültig rauchenden und trinkenden Publikum einer Arbeiterversammlung trägt Dada die Hymne des Nordlichts vor. Die Völker beider Welthälften erzählen selbst im eintönigen Chore von den Grausamkeiten, den Kriegen und den Kulten ihrer kindlichen Zeiten. Die Idole der Osterinsel, Perus und der grausamen Mexikaner erzählen ihre paradiesischen Feste und ihre schändlichsten Greuel, Madagaskar, Indien, und endlich jene untergegangene Atlantis, von der die lateinischen Neu-Republiken nur blasse Revenants sind, blühen urwaldblumenhaft in ihren wenigen gewaltigen Urlauten aus Dadas Rhythmen auf. Tänze, Prozessionen, Orgien, Fratzen, Götzen der alten Naturkulte leben magnetisch in einigen gelallten Silben Dadas, obgleich hier bereits die Grenzen des im Worte Darstellbaren erreicht werden. Diese Silben gleichen Kakteen oder Orchideen, die märchenhafte Systeme von Stacheln oder farbigen Blättern entfalten und mit ihren künstlichen Gebilden das Entzücken der Sammler oder ästhetischer Salons sind.
Dadas sozial zielvolle Dichtung ist ein archäologisches Museum der Seltsamkeiten des Völkerlebens, ein Erotikon und Folklore aller Geschlechtskulte. Die Menschheit eilt mit dem eintönigen Summen eines vielgeschäftigen Bienenstockes vorbei, ohne sich umzublicken, den Blick auf ihre erhabenen Idole geheftet. Immer auf dem Marsche nach Norden, immer von neuem ungeheuren Zuchtmitteln unterworfen, die aus Einöden entsprangen und die Erschlafften geißeln -- durch die Kriege, Opfer, Brände, Seuchen, Untergänge wandeln die gleichmütig gereimten Hymnen Dadas, um endlich das Nordlicht anzubeten und aus seinen glühenden Falten die kalte Prophetie Europas zu empfangen. Dada verkündet die Zertrümmerung dieses Erdteils, und nach Niederlegung all seines Menschen- und Pflanzenwuchses den Triumph der Polarwüste über die verworfenen Reiche, den Sieg des Nordlichts!
Seine Vorlesung schließt Dada mit dem Ausruf: »Betragt euch _kindlich_, so fühlt ihr euch frei und ihr seid es auch!«
Eine drückende Stille liegt auf den Zuhörern. Die beiden Freunde fassen Dada an den Armen und zwingen den bequemen herkulischen Italiener aufzustehen und mit ihnen die Versammlung zu verlassen.
Seit einiger Zeit ist Dada verdächtig des Einverständnisses mit der Polizei, und bei seiner ungewöhnlichen Vorlesung, die mit sämtlichen Perversitäten der bürgerlichen Gesellschaft aller Völker spielte, haben die Freunde das stärkste Mißtrauen der Versammlung bemerkt. Selbst die Freunde haben Dadas Werk nicht verstanden, das auf das Erscheinen irgendeines neuen bürgerlichen Ssanin hinaus zu gehen schien, der auf Kosten der Arbeiter einem Geschlechtskulte im Zeichen des Nordlichts sich hingeben wird. Ein Jahr hat Dada in Rußland verbracht, ohne seine Aufgabe, die Freiheit auch diesem gequälten Lande zu bringen, erfüllt zu haben, diesem mißtrauischen, bis auf die Wurzeln verdorbenen Volke, das in dem Bewußtsein ständiger Gefahr von Umsturz und Empörung sich dem Rausche ergeben hat, erregt von einer tief fressenden, stets sprungbereiten tierischen Sexualität. Ihre Freiheitsideen verdammt Dada im selben Maße wie ihren Fortschritt vom Stumpfsinn des Mir zum Cinéma und zum Alkohol.
Die Macht der Idee selbst bei den armen russischen Bauern und Arbeitern ist das Wunder, das Dada rührt, und er wünscht ihnen dazu die Vernunft des -- Nordlichts!
Dada ahnt nicht, daß er jene beiden Russen kennen gelernt hat, die nach dem Sturze des Zaren, nach Ausbruch unerhörtester Ereignisse, die günstige Stunde des Weltkrieges benutzten und das Schicksal der russischen Republik in ihre Hände nahmen, jene selben Männer, die noch eine Zeitspanne weiter dieselbe Terroristin und Freundin füsilieren ließen, als sie sich _ihnen_ entgegen stellte.
Der unglückliche Weltreisende muß sich von neuem entschließen zu wandern. Dada soll ebenso sanft wie nachdrücklich nach Deutschland abgeschoben werden, dem Zion aller Juden und Emporkömmlinge Rußlands und Polens.
Mit Hilfe seiner herzoglichen Freibriefe entrinnt er rechtzeitig der russischen Polizei und gelangt nach Deutschland.
DRESDEN.
Dada wendet sich sogleich nach Dresden, um Derobeas Aufenthalt zu erkunden. Siehe da: auch sie ist nach einjähriger Abwesenheit in den Polarländern zurückgekehrt, um von Dresden aus zum Gemahl nach Rom weiterzureisen. Sie hat die Expedition des Herzogs auf der Heimreise in Hamburg verlassen. Es ist ein köstliches Wiedersehen von Taubenzärtlichkeit, und sie beschließen, ganz der Kunst und der intimsten Gesellschaft geweihte Wochen gemeinsam zu verleben. Die reiche, in Künstlerkreisen sehr wohltätige Dame veranstaltet eine Reihe großer Empfangsabende und Feste, um die Künstler Dresdens und Berlins einzuladen. Die glückliche Derobea versammelt Sänger, Komponisten, Dichter, Rezitatoren, Maler, sie ruft Kunstausstellungen hervor, wirbt Zeitungen für den Dienst der neuen Kunst, der sie ihre Salons zur Verfügung stellt. Zusammen sind Derobea mit Dada die berühmten Protektoren. Derobea und ihr Kreis bewundern die Hymnen des großen Istrianers aus Lappland und dem Reiche der Sarmaten und Tartaren: »Das Nordlicht« sowie die Hymnen und die Philosophie von den Urlauten der kindlichen Rassen. Sämtliche Werke Dadas erscheinen im Druck, an ihrer Spitze die Hymnen an Derobea, der das Ganze in kindlicher Dankbarkeit zu Füßen gelegt wird. Derobea ist glücklich. Dadas Genie ist in Deutschland entdeckt, er wird gemalt, wertvolle Liebhaberausgaben seiner Dichtungen werden subskribiert, seine Philosophie wird die Grundlage einer neuen Richtung der Ausdruckskunst. In kühnen Vorträgen bemächtigen sich Doktoren der Kunstwissenschaft der Dadaschen Dichtung. Gestammelte, gelallte, gestöhnte, gestaunte und geseufzte Empfindungsurlaute des Eskimos in Dadas Rhythmik haben die bisherigen Sprachgrenzen des Kulturmenschen überwunden, kein Verbum, kein Objekt fesselt den Strom der Dichtung, die wohlanständig logische Frisur des Satzbaus ist zerstört, das Subjekt allein bleibt im ewigen Einerlei seiner Abwandlungen bestehen: wunderbar entfesselt, ausgebreitet in einer Welt freier Leidenschaften, freien Liebens, Tötens und Getötetwerdens. Aus den Greueln Europas schreitet Dadas neues Subjekt hervor, um durch die Eisstürze des Polarkreises und die kalte Herrlichkeit des Nordlichts das Absolutum der Kunst zu finden, die letzte demantharte Kristallisierung, die Reinigung der kulturbefleckten Menschheit.
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In ihren Salons hat Derobea eine Reihe Spielzeuge für Kinder aufgestellt: einen Garten mit Arche Noah aus Pappe und bemalten Hölzchen, Postkutschen, Lokomotiven, Müllerwagen, Puppen und Dreiertieren mit mechanischem Antrieb. Alle Spielzeuge sind mit den Urlauten Dadas versehen. Man drückt auf einen rosa Gummipfropfen und die Figur stößt den ihrem Charakter angepaßten Urlaut aus, den Dada einem Lappländer, Samojeden oder Tartaren abgelauscht hat. Mit diesen Spielzeugen erheitert Derobea ihren Kreis, nachdem Dada eine seiner leiernden Hymnen vorgetragen hat. Da erschallen die Säle Derobeas von wunderlichem Geplärr und Geschrei, die Gäste versuchen selbst die Urlaute nachzuahmen, es ist, als ob eine ganze Mädchenschule eingesperrt ist und in allen Stimmlagen ihre Lehrer äfft. Durch Passanten aufmerksam gemacht, erscheint eines Tages die Polizei in Derobeas Hause, um dem revolutionären Lärm nachzuforschen. Alles lacht und der errötende Dada verschwindet hinter Derobeas mütterlicher Statue. Denn ein Plastiker hat Derobea und Dada in Jordaenscher Fülle aus Marmor gehauen.
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Eine neue furchtbare Stimme hat sich aus Berlin erhoben und droht wie einer der sagenhaften Gaskogner der Iliade dem Istrianer mit Herausforderung auf Urlaute. Ein Kreis von tyrtäischen Künstlern hat sich unter Führung von drei auserwählten Männern auf den Marsch begeben: mit dem Programm eines organisierten Orkans der erneuerten Künste und einer löffelartigen Fortbildung ihrer Sprechwerkzeuge. Vor ihnen her geht die neue furchtbare Dichterstimme Hackhacks aus dem Schall einer verstärkten Kindertrompete, neben ihm »denkt« der Philosoph mit Augen von Tetraëdern, geschliffen aus gewöhnlichem Kiesel und lacht erotisch über den eigenen und Hackhacks Bombast. Der Direktor des Ganzen springt über sie, rührt besessen die Hacken und tanzt in dünnster Luft. An jedes seiner langen langen Haare ist ein Heft des tyrtäischen »Orkans« geknüpft und fliegt rund mit solchem Babygrinsen, solcher Dummdreistigkeit, als wäre sein Dasein wichtiger als das der restlichen Schöpfungswerke.
Diese drei starken Männer haben die Kunst ethisch gedrillt und unter Polizeiaufsicht genommen. Gelenkt von einer Mänade von internationalem Blondschein, genügt Berlin keineswegs ihrem teutonischen Eroberungsdrange. Sie ziehen eines Abends in Dresden ein und Hackhack veranstaltet eine Orgie seiner Dichtungen in Derobeas Salon. Unter Chagalls »Bild des Gehörnten« lernt Dada Hackhack kennen. Der Vortragende, ein Märtyrer der Kunst Hackhacks, donnert in ununterbrochener Ekstase die Berliner Dichtungen, mit der Eintönung der heraufgestemmten Urlaute, die seltsam von fern an die Leier Dadas erinnert. Es sind Dichtungen in mediumistischem Trance und spiegeln den zerwühlten Zustand hindämmernden Weltlebens, zersetzter, geschwächter und zur schöpferischen Ohnmacht verdammter Völker.
Gleich Dada hat Hackhack das Objekt und Prädikat ausgerodet. Das Subjekt strömt hartnäckig seine unaufhörlichen Interjektionen in einem Niagara von Verben, die weder Logik noch Satzgefüge hemmen, und sich in eine furchtbare Öde stürzen, die nur einige trübe Berlinismen erquicken. Dada würde gern den neuen Mann aus Preußen als seinen Doppelgänger von der nördlichen Hälfte Europas begrüßt haben, wenn ihn nicht eine furchtbare Anomalie gegen Hackhack eingenommen hätte: das sind die seltsam zerhackten Wortreste der deutschen Sprache zum höheren Ruhme des neuen Gottes, der Kunst!
Ausgerodeten, bleichenden Wurzelknorren oder Brocken von großen Stämmen gleichen diese armseligen sinnberaubten Wortreste, die in einer unermüdlich quellenden, gurgelnden, schubbsenden, zappelnden Flutung eines furchtbar stöhnenden, schwer Atem ringenden Subjekts kreisen, dem Gesetz der Beharrung unterworfen gleich ihrem Schöpfer. Dada ergreift eines dieser vergewaltigten Worte, die aktivische Vorsilbe ist ihm abgesägt, und der bloße Schwanz als leidenschaftslose Urerscheinung aus der Kindheit germanischer Rasse zeigt die Hoheit des Dichters. Der in den Urlauten völkischer Säuglingstage tiefbohrende Dada steht entsetzt vor diesen Urformen berliner Hackhacks.
Wird Dada auf seine sinnlichen Urlaute verzichten, und jene Lautempfindungen aus ihnen hacken, die Dadas teuerstes Gut sind? Wird er dies Verbrechen seinen Wörtlein antun, damit sie schnell an der Oberfläche mitschwimmen können?
Oder wird Hackhack sich seiner Dichtersiege und seiner unzähligen Krüppel von Worten freiwillig begeben, die seinen fürchterlichen Berserkeranfällen von pedantischer Wortschrauberei und Klügelei entsprossen sind? Die Hexerei, Taschenspiegelei aus Berlin und ihre dekadente Wüstheit betrübt Dadas katholische Seele und italienisch formgebildeten Kunstgeist. Auch er ist begehrlich nach den wildesten Urgenüssen, dafür ist er moderner Silen. Aber Hackhack ist auch Hackhack in der Seele und das taugt Dada nicht.
Am Morgen nach dieser Berliner Gassenjugend begibt er sich mit Derobea zum ersten Male seit Jahren zu einer Messe in die Liebfrauenkirche. Er besprengt sich mit geweihtem Wasser, beugt das Knie und betet aufrichtig für die Reinheit seiner Seele und seiner der menschlichen Befreiung geweihten Kunst.
* * * * *
Im selben Sommer, der Derobeas und Dadas Märchenglück sieht, bricht der Krieg aus, der allen Aspirationen des Istrianers ein Ziel setzt und den Konsul aus Rom in die Arme seiner Gattin zurückführt.
Dada wird nach Österreich zum Heere eingezogen, macht einige Märsche mit und bleibt dann als Badewärter in einem Lausoleum Galiziens hängen.
ZWEITER TEIL
DIE SERBIN.
Dada trägt Tschako, Bluse und Habsburgs Doppeladler. Sein Blick steht schräg, und auf die bewaffneten Horden, die gen Osten ziehen, fällt sein Schatten dumpfer Härte, mürrischer Unlust; verstaubt, verdorrt, verwest in den Wirbeln der Menschenöde, die bis ins ferne Morgenland schäumen. Der jüngst weltweite Horizont, den Dada zu erobern ausgezogen war, hat sich verkrochen, liegt in der Kriegswildnis im Hinterhalt, bestückt mit zehntausend Drohungen. Das Standbild der Freiheit, in den verzehrenden Flugsand irgendeiner Wüste Gobi gestürzt, wonneglänzt ihm nimmer zu den Mondungen seiner Seele, und das hellste der irdischen Festländer ist finster geworden.
Zu einem runden Silbervollmond der Steppe steigt Dada auf dem Damm der Bahnlinie, die Wien mit dem goldenen Kiew bindet. Hell, zart leuchtend ist die nächtliche Ebene. Dada steht lauschend und sinnt gen Osten.
Auf den im Monde bläulichen Schienen schreitet hoch und anmutsvoll ein Weib, den Rock geschürzt, und bleibt vor Dada still, die entblößten Arme über dem starken Busen gekreuzt. Das stattliche Weib ist von Angesicht und Haltung frei der knechtigen Plumpheit träger Halbslawen. Sie spricht leise im Wind der Sommernacht im Sieden der Erde: »Mich trug Istriens armer Karst, durch das tote Europa bin ich in alle Länder bis zu den letzten aller Slawen gewandert, um sie den Klauen des Doppeladlers zu entreißen. Du bist müde und schwer geworden, seit dich Italia zu ihrem Geliebten machte und sie dich zu den kraftvollen Spannungen der Freiheit erkor. Gib acht, ob du noch taugst zu der Sendung, die dich in die Freiheit pflanzte. Du warst geschmückt mit dem Adel Etruriens und gebotest mit dem Lockklang Pans über die Horden. Aus Galiziens Kriegswildnis schmachtest du nach dem Orient und verhüllst Abtrünnigkeit und weibische Zagheit mit dem Lack Chinas und Krischnas Liebesblumen. Weil beflissene Knechte die Völker in Kriegsgerät, Panzer und Flugzeug schnürten, glaubst du, daß die Freiheit verliegt und fault?
Einst gefürstet von Cäsaren empfing ich Legionen in der Kraft meiner kimerischen und dacischen Völker. Ungebeugt, roh, von Bärenkraft und Pantheranmut, genoß ich die römische Freiheit und senkte sie meinen Jungbürtigen in Hirn und Herz. Gründer neuer Reiche und Pflüger neuer Grenzen zogen ihre düstren ergebenen Fahnen nach Norden und zeugten das neue Europa.
Dada, ich weiß, dir fehlt Garibaldis Feuerblick, Magnet der Freischar, wahrer Gott der armen ruhmbelohnten Kämpfer. Du hast viele Geliebte nötig gehabt, und schließlich hat eine Köchin, die einem Deutschen gehört, dich um dein entartet lateinisch Blut betrogen. Mit einer braven Zweischichtigen, Zweischläfrigen wurdest du bettgewöhnt und hast die Freiheit verschlafen. Als es dann zu spät war, als alle um dich aus dem Rausch erwachten, und Männerblut und Weibertränen ihnen bis an den Hals in roter Sintflut stand, fürchtetest du dich und du verhülltest die Seelennot mit deines furchtsamen Verstandes bunter Wortkunst.
Aber es ist keine Schonzeit für die Furchtsamen.
Nimm die Schiene, löse ihre Schrauben und trage die starken Stahlglieder beiseite, damit das Gleis zerbrochen sei. Und an das Ende des westlichen Schienenkörpers befestige diesen eisernen Topf mit hohen Explosiven.«
Das Weib löst vom Gürtel ein kleines schwarzes Gefäß und Dada nimmt es schweigend. Ein Balken starken weißen Lichtes quert den Bauch der Geheimnisvollen. Sie lächelt. Dada kniet und birgt den treuen Zentaurenkopf in den groben Falten des Bauernrocks. Ein Bäumchen mit dicken, grünen Blättern und drei dunklen Granatäpfeln sprießt aus der Erde und wölbt um Dadas am Bauch der Serbin ruhendes Haupt betäubende Wollust.
Das Weib entfernt sich unmerklich, auf bleichen Schienen entwandelnd. Dada liegt quer über die Schienen gestreckt und küßt in blinder Inbrunst den schrecklichen Stahl. Dada biegt die Schrauben, lockert sie mit Steinschlägen, trägt die Schienen auf dem Rücken beiseite und befestigt, gehorsam der Slawin, das Hochexplosiv.
Danach macht er sich fertig und wandert gen Osten in der Tracht kroatischer Bauern.
KIEW.
Durch die Serbin zu süßerer Qual entzündet als von allen Derobeas eilt Dada Rußland zu. Als ukrainischer Bauer kommt er nach Kiew. Entsandt von der neuen Einheitsrasse, die Europas blutgedüngter Erde entsproß, seinem erstickenden Völkergefängnis entsprungen, entkettet, entbunden, entrollt zu Wirrsalen des Staatenumsturzes, fernster Völkersicht, zu Stürmen, Himmeln, Bindungen erneuerten Festlandes.
Im Dom zu Kiew kniet Dada vor den Bildern des Weltgerichts. Nachtdunkle Augenmale der weltverschlingenden Propheten starren auf das Meer Europas, in dessen Abgrunde brünstige Ungeheuer rollen. Jo, die Sklavin roher verderblicher Götter, nimmt gepeitscht durch kimerische Länder ihren qualvollen Lauf zu den Zinnen des Kaukasus. Über prometheischer Zwiesprache zürnt das feurige Antlitz des Stiergottes durch die Wolken und beschattet das junge Europa mit endloser Zwietracht und Krieg, gleich Blitzen unter Wolken gestreut.
Die furchtbaren Tiere regen sich markzehrend in Europas Tiefen: Plage, Seuche, Hunger, Aufruhr, Gewalttat, Verfolgung, Mord. Die Heiligen des Pantokrators, erhöht über Verbrechen und Schwächen, gewaffnet mit Jovis Blitzen und dem Bannfluch, um jede Seele botmäßig zu machen, starren glühend in den unermeßlichen Abgrund, über dem sie ihre Macht errichtet haben. Heulende Gewalten werfen sich in den Staub, Zerknirschte tun Buße, das Schwert zerschellt, seine Schrecken enden am gläsernen Meere, das unwandelbar von Gottes Stuhl über Europa fließt.
Die Gottesmutter nimmt die Gestalt der Serbin an. Sie stiehlt das goldene Vlies des Orients. Dada wird in Kolchis seinen Bock den alten Göttern schlachten und er wehrt es nicht den neuen, ihr Mahl am frischen Lamme zu halten und das Opferblut zu trinken. Dada sieht den Transportzug in der hellhörigen, zartleuchtenden Nacht, die Explosion und den Zusammenstoß: die Raserei der Verwundeten, die Schreie der Getöteten, die Schande des Mordes haben seine Seele erreicht. Das Lamm ist zerrissen, das Blut dampft um Rache im strengen Licht von Patmos -- das die Stufen beglänzt, auf denen die schwarzen Väter thronen.
KAUKASUS.
Brücken, Stahlschienen, Wagen tragen den Leib des glücklich dem wolhynischen Gemetzel Entronnenen. Bäche, Ströme, Hügel beugen ihre breiten Rücken, Wälder setzen ihren schwarzen Fuß zögernd in die endlose Steppe und nehmen endlich Abschied von Dada. Russische Dome heben ihre Türme mit Zimbeln der goldenen Kuppeln und zärtlichen Kreuzen. Rosa-Lämmer mit Glöckchen um den Hals springen auf zum Silbermond in grüner Abendaue, und ein Lächeln betaut Dadas Angesicht. Eines der Rosalämmer hüpft auf die gewölbte Mondsichel, und Dada faßt hinauf in dem zärtlichen Bedürfnis, als der gute Hirte das Tier auf den Arm und an seine Brust zu nehmen. Da schwillt die zarte Rosagestalt ungeheuer an zum blutroten Mastodon, dessen Wanst langsam über den kleinen Mond sinkt und ihn mit blauen Riesenschatten verhüllt.
Die himmlischen Eisdiamanten des Kaukasus erscheinen am Himmelsgewölbe, königlich über den Reichen des Lebens. Keine Absolution durch Handauflegen, keine Gnade durch Messe und Rosenkranz -- erdwurzelnder Glaube, strenge Ordnung, Riesenkreis säulenstarker Offenbarung. Die feierlichen Stimmen der Berge dulden keine versteckten Winkel voller Trägheit und keine Schlammfelder voll anarchischer Mordtaten.
Die Berge wandeln erhaben, senken sich, ruhen, steigen an und neigen schwarze Riesentafeln über Dada. Eisige Windströme stoßen von nächtlichen Hängen, reißen und kälten ins Mark. Düster geduckt harrt Dada zwischen Bauern gekauert, auf den Ausbruch des roten Wahnsinns, wenn vom Riegel des Orients die Trompete schallt und die Nie-Entsühnten zum Weltgerichte ladet.
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Durch die Städte des Hafis gelangt Dada zum Indischen Ozean. Mit englischen Khakis, die zur Front nach Görz eingeschifft werden, geht Dada an Bord eines mit Rauten und Rechtecken übermalten Kreuzers. Anders als er in Pola über die Adria emporflog zur Eroberung des Poles, belastet, verdumpft, zugeschüttet, kehrt er endlich heim von seiner Europareise zu Italia: zu ihr, die ihn als ihren Marschall aussandte, kehrt er müde und ohne sein schimmerndes Schild heroischer Taten zurück und keine Hymne Emanueles rauscht heimatskündend dem vielbewanderten Dada.
Krank, zerrüttet verbringt der Flüchtling die Reise im Bette. Im Fiebertraum steigt der Kaukasus immer drohender, in schrecklicher Schönheit empor. Dada klimmt an düstren Hängen auf und hämmert hilflos einsam riesige kubische Glastafeln an die Felswände. Aber sie lockern sich schnell und stürzen in die Tiefe, aus der furchtbare Windströme die Kräfte seiner Arme saugen. Qualgeblendet steigt Dada zu den prometheischen Firnen auf, um ihnen seine antiseptischen Glastafeln aufzuhämmern, aber die mächtigen Berge spotten seiner kindischen Anstrengungen.
Als das Fieber von Dada weicht, bemächtigt sich des Dichters ein dämonischer Glaswahn: mit riesigen Glastafeln will er Berge, Küsten und Hochflächen bedecken und sie schützen vor der Fäulnis und Verderbnis des kriegführenden Europas durch eine Erdarchitektur des Glases.
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In Brindisi betritt Dada das gelobte Land unter den Huldigungen der weiblichen Bevölkerung, die einen Helden vermutet. Die gewaltige Gestalt, gehüllt in einen schweren Mantel von Kardinalsrot, zieht aller Blicke an. Während Dada die Terrassen vom Meere heraufschreitet, wird er mit Blumen überschüttet, Körbe mit Früchten Siziliens werden ihm nachgetragen.
Dada wölbt die athletische Brust und spricht zu den italienischen Frauen: »Der Held träumte unter den Blumen des Orients vom armen Karst im Norden, den die lateinische Flagge seit Jahrhunderten nicht mehr küßte. Der Held fährt zu der schaurigen Hölle zu Füßen der Alpen, die eure lebendigen Söhne frißt.«
Dadas Ruhm beginnt. In Neapel und Rom wird er interviewt und gefilmt, Barzini schildert seine antarktische Reise. Jenes dunkle Attentat auf die ukrainische Eisenbahnlinie, das vielen Tschakos den Garaus gemacht, und das der Dichter der Urlaute in einem molligen Interview zum besten gegeben hat, wird in der ganzen Kriegspresse abgedruckt zur Förderung einer gesunden Akzentuierung der Heeresberichte. Seine Hymnen werden als patriotische Kundgebung für den Sieg Italiens über den Nordpol verherrlicht, und die um Bissolati träumen von seinem Denkmal auf dem Karst. Nur der Avanti erklärt sich gegen eine öffentliche Geldsammlung für die Statue Dadas.