Dada Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger

Part 1

Chapter 13,396 wordsPublic domain

DADA

VON ADOLF KNOBLAUCH

KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG

BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 73/74

GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG

MIT EINEM HOLZSCHNITT VON LYONEL FEININGER

COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG, 1919

LEO FEININGER waffenbrüderlich zugeeignet

»Menschen, wie wir beide, verkennen möglicherweise unsere besten, echtesten Fähigkeiten und Kunstgaben, wenn wir den für uns beide erprobten Hang zum Satirischen immer nur unterdrücken. Sie, wie ich, befassen sich mit den mystischsten Dingen; wir leben in einer Thränenwelt (mit »Th...«) und unsere Gedanken sind vollgesättigt von dem gottverlassenen Treiben dieser Jahre; und tief in uns drin steckt doch auch die explosivste, rabiateste Bosheit und verlangt nach Betätigung und Befreiung. Wer weiß, ob sie nicht gerade _die_ Kraft ist, die uns zur sieghaften Gestaltung prädestinierte.«

Feininger.

»Denn wir haben Mondungen für die Erde mitgebracht.

Wer zur Welt kommt, sammelt Abfälle seiner fehlgeschlagenen Schaffung des Mondes.«

Theodor Däubler.

ERSTER TEIL

DER KARST.

Das sonnergraute Rund des Karst steigt über Dada empor, seine Stirn trägt vier Säulen roten Abendlichts, seine Hände ruhen blau: Die Linke mit dem Schlüssel Polas, die Rechte mit der goldenen Schale von Triest.

Pola im Klirren der Arsenale, Rauch der Stahlfabriken, der Hafen voll grauer Stahlboote. Die zierliche Schnur der zum Hafen einbiegenden Panzerkreuzer ist vom Karst ins adriatische Blau herabgerollt.

Triest das goldene Halbrund fraulichen Entzückens, Venezias ärmere Schwester, aber gleich hold von Adria geliebt.

Das sind die Götter! und in Dadas schwingenden Nerven dichten seine Städte aus der in den kargen Fels geschnittenen und gesprengten Fülle eine graue und goldene Hymne, zu den Göttern singen die Städte ihr in ihm geborenes Lob, auf daß Er Europas Hauptstädte vor ihrem Bilde beuge.

Dadas dichtender Leib ist auf kargem Karst ein lohender Abendnebel, ein Moos auf erhabenem Steine Ostlatiums, ein blauer, dann blasser Pilz. Ein etrurischer Silen, ohne Zentaurenzierde der Vorfahren, und von weißer Leinfarbe der Haut, hat den Leib im Karst geborgen, ihn werden nie die leichtgebogenen Läufe des Hirsches davontragen. Unter dem beschattenden Stirnhaar blicken Dadas blaß durchsichtige Augen auf das Meer gegen Abend.

In Dadas Blut braut Polas Rauch, duftet die Zärtlichkeit der triestinischen Schale. Möge endlich die lateinische Mutter Adrias blaue Meerflut zerteilen, mögen das königliche Venedig und das väterliche Rom ihre Wimpel senden und das verlorene Istrien befreien und belohnen!

Dadas weiche Hände sind zwei blaue Quallen, die in der Tiefe saugend mit den Fluten rollen und wiegen. Zu seinen Häupten stehen die vier roten Säulen im feinen telegraphischen Tönen der Arsenale von Pola. Diesem Tönen ist Dadas dichtendes Großhirn hingegeben.

In der zehnten Stunde bebt der Karst von großer Woge, tagjung steht eine Wolke im Lohgelben gebaut. Adria ruht hochgewölbt, und ein blankes junges Weib springt von Adrias Rücken auf die Wolke, die sich bläht und nach Osten wandelt. Dada eilt strahlend zur Felswand und breitet die Arme nach der Göttin Italia, nach der mächtigen, fruchtbaren Frau, die kommt, um den Karst zu segnen!

Die Wolke steigt gen Triest. Italia streckt den vollen weißen Arm aus dem wallenden Blau des Kleides und spendet über die glückliche Stadt goldene Jubelmünzen. Danach wird die Wolke finster zusammengedrückt und rollt überm Karst nach Pola. Dada späht scharf aus dem Eck der haarverhangenen Stirn zum Zenith des weltenvollen Himmels, bis er das blaue Kleid seiner Träume erschaut. Aber das Kleid rollt auf den grauen Berg hernieder, denn die Götter sind nackt, wenn sie einen Sterblichen liebenden Glanzes erfreuen. Italia schreitet herab, und der Silen starrt zu ihrem holden Jungreiz empor, zu den hohen Beinen, der gewölbten Hüfte, auf der d'Annunzio die Harfe schlug, und dem stolz wallenden Busen.

Dada kniet trunken weich vor der Gebieterin, mit schwerem, sehr quälend schwerem Bauch, zu den Füßen von Rosamilch und bietet den Schlüssel Pola und die Schale Triest huldigend der Lateinerin. Die Geliebte uralter Waldgötter, der sich einst Stier, Eber, Hirsch brünstig gewälzt hatten, die Umworbene teutonischer Könige, sie neigt sich gnädig in Dadas Augen. Aus seinen Händen lischt das Blau, die Lichtsäulen verstummen und wenden sich ab, den entgöttert Dämmernden küßt die hohe Frau, freigebig gelaunt, mit der Koketterie der prächtigen, volkstümlichen Dame. Sie spricht: »Dada, werde durch mich berühmt, wandle als mein Bote durch die Städte Europas und sage, daß ich ihnen aus meinem Schoße die Freiheit schenken will.

Wenn du aufstehst unter ihnen, gebiete als mein Marschall, wenn du sitzest und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner Demokratie und erlösten Republik.

Dein schöner Silenskopf sei feurig gebräunt, es sei die Blässe vom Zeitungspapier aus den lateinischen Zügen getilgt. Dein Haarbusch ruhe schmachtend auf der goldenem Mittelmaß nicht entfliehenden Stirn, denn die schöneren Hälften künftiger Republiken werden auf deine Locken mit Küssen sinken. Deine blassen, durchsichtigen Augen, die meine Brüste umspannen mit der zart saugenden Nähe des Neugeborenen, bewahre mein Lieber, denn sie künden deinen Charakter.«

Eh sich Dada ermannt, Italias Hüfte ergreift und die Schöne an sich reißt, hat die Wolke sich gesenkt. Unter neckenden Glockentönen entweicht die Gestalt und schwebt gen Abend.

Triest zählt das Gold im Schlafe, Pola schlägt tolle Hämmer, als wolle es in seinen Essen das Meer zu Stahl schmieden. Dada verneigt sich morgenländisch und spricht zärtlich das Zauberwort: »Freiheit!«

DEROBEA.

Dada hat ein wunderbares Wort, um vor niederbeugenden Hemmnissen sich selbst wiederzufinden: elastisch sein! Dieser Zauber hilft ihm durch die unwirtlichsten Zeiten.

Nachdem er Frau Italia geschaut, hat er Istriens Karst umkreist, sein karges Vaterland, das einst die heimatlichen Wälder rodete, um auf ihren Pfählen Venedig zu errichten. In dieser Einöde lebt er von der Ekstase jenes Zauberrufes, den die Göttin von den vollen zärtlichen Formen Tiepolos ihm schenkte. Aber nur unvollkommen die Bedeutung des Zauberrufes in der Wüste ermessend, hat Dada ihn treulich nach Pola und Triest getragen, in jene Schenken armseliger Vorstädte und in winzige Arbeiterhütten, aus denen der im Reichtum geborene strenge Hauch der Freiheit zum schreckensvollen Orkane verwandelt hervorrast.

Eines Nachts, beim Heimgange von der Druckerei des Polaer Generalanzeigers wird Dada überfallen, seine ungewöhnliche Körperfülle wird in einen Sack gepreßt, er wird auf ein Maultier gebunden, und so auf den Karst gebracht. Dort wird er seinem Schicksal überlassen, nicht ohne ihm eine Anzahl gut österreichischer Schläge mit dem Knüttel auf die weichsten Teile seines Leibes zu zählen, die von der Schwere seines Leibes ganz besonders hart geprüft wurden.

Der Morgen erscheint in Adrias erhabenem Glanze und Adria hört aus dem Sacke den leisen Seufzer: elastisch sein! Dada trennt die fesselnde Leinwand, barhäuptig, gelenkig, schnellfüßig tritt er mit Zorn den grauen Schiefer des Felsens. Dann bückt er sich und faßt das nächstbeste Stück Glimmerschiefer, zerdrückt es in beiden hohlen Händen zu Staub, speit dreimal kräftig drauf und bäckt aus dem Ganzen einen Kloß. Diesen Kloß nun schleudert er mit Spottworten Pola zu, das drunten mit seinen Türmen und Dächern den Schlaf der Provinz hält. Der Kloß rollt zufällig auf das weiße Hemd eines Mädchens, das Wäsche auf dem flachen Dache ihres Hauses zum Trocknen aufhängt. Sie ist entsetzt, denn sie glaubt, daß ein Stier vom Karst mit seinem Mist ihr Hemd verunreinigt habe. Und aus solcher Höhe!

Dada lacht. Er ist frei. Er läuft am Rand der Felsen entlang und schreit fünfmal seinen Namen. Diese eine Silbe fünffach gedoppelt wiederholt, stellen das erstaunte Aufmerken und Fingerweisen eines Säuglings dar. Das fünffach gedoppelte Da! rollt aus Dada zauberhaft lieb und mit der Perligkeit eines Säuglingsmundes ö-artig rund und mit den Häkchen des zartesten Hammellautes zu Adrias blauen Wohnungen, so daß selbst die Göttin erwacht, die von fürstlichen Räubern und Mördern abstammt.

Über die gläsernen Kuppeln ihres Palastes fährt ein schneeweißer riesiger Kreuzer und hoch auf allen seinen Stricken, Masten, Stangen und Spieren flattern Italias Wimpel.

Dada rast zum Strande. Das mächtige Schiff hat draußen ein schmales Boot niedergelassen. Mit zehn Ruderschlägen saust es an Land, während die Hymne Emanueles hoch über der Adria zum Gruße Istriens rauscht. Dada wird an Bord des Kreuzers geholt.

Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum Nordpol führen und jene Länder der Antarktis entdecken, von denen der Italiener im Namen der lateinischen Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem Sack und den Knütteln entronnen, der Patriot, der letzte Italiener Ostlatiums, der Redakteur des istrianischen Proletariats, ist auserkoren zum Berichterstatter für jenes umworbene Polarland, das seinen silbernen Gipfel über dem erstaunten Europa mit der italienischen Flagge schmücken wird. Anstelle seiner verlorenen Mütze wird Dada ein mit langen Truthahnfedern geschmückter Bersaglieri-Hut auf die starke Stirnlocke gedrückt.

* * * * *

Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes versammelt, als der Istrianer vorgestellt wird. Professoren, Literaten, Politiker und vereinzelte Damen gehören dem Unternehmen an, das in Schwung gebracht worden ist, um ein Ereignis von ebenso wissenschaftlichem wie weltpolitischem Charakter heraufzubeschwören.

Der kühne Dada hat sich nach einer allgemeinen Verbeugung, und nachdem die schönsten, ausgezeichnetsten Namen von Rom an ihm vorübergebeugt sind, sogleich in den nächsten Ledersessel sinken lassen, danach rutscht er ein wenig nach vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt die Knie, aber keineswegs, um die Zierde der Stiere unter seinem Kleide der Zivilisation zu zeigen, sondern um jenes Wort Frau Italias zu erfüllen: »Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner Demokratie!«

Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen Stirn zu den glänzenden Uniformen und den prächtigen Damen. An der Seite des Herzogs ruht eine ungewöhnliche korpulente, busengefildete Frau von hochrotem Angesichte, die Dada mit Lorgnon in Augenschein nimmt. Einen Augenblick lang will Dada sich beleidigt fühlen, er fährt von der Tiefe des Sessels auf, und indem er mit seiner gewaltigen Leibesmasse gebieterisch aufrecht steht, zieht er die Blicke des ganzen Publikums auf sich.

Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet ihre gnädige Laune, zu gestatten, daß er eine seiner Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum besten geben dürfe. Die Lorgnons senken sich langsam, wie die Fittiche des Albatros, um den Schaum der Welle zu berühren, und Dada rezitiert seine istrianischen Hymnen.

Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons ist dieser eintönig leiernde Lateiner eine Wohltat, eine Sanftheit und Trägheit langen Verdösens. Die Professoren sind eingenickt und die Damen in tiefste Korbsessel geflüchtet zum Schlummer. Nur die unermüdliche Begleiterin des Herzogs bleibt wach und bewundert Dada. Sie steht plötzlich auf, tritt zum Lesenden und legt den Arm in den seinen. Erst jetzt bemerkt der ganz in die Darstellung seiner urgefügten Laute gespannte Dichter die überaus vollblütige, starke Weibesgestalt, die ihn mit lustigem Zwinkern aus dem Saale und an Deck schiebt. Indem sie auf die rings um die herzogliche Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: »Dada, Sie sind schon jetzt ein berühmter Mann, der Herzog ist unterrichtet von Ihrer politischen Kühnheit und den gegen Sie geplanten Anschlägen. Aber die von ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur Reise überanstrengten Häupter dürfen Sie nicht im Sturm für Ihre tiefsymbolischen Dichtungen zu gewinnen hoffen. Lieber Freund --! so darf ich Sie wohl schon jetzt nennen, denn Sie sind doch auch ein wenig Österreicher, und ich bin eine Deutsche -- ich will für Sie werben, junge Dichter sind so außerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur ganz in meine Hände, in Freundeshände --!«

Sie lächelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht flammt vor ihm auf. Mit einem Blick umfaßt der feurige hübsche Silen den mächtigen Leib, den wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit, und sie, von der Karstglut seiner Hymnen versengt, streicht über seine Stirnlocken. Und Dada erinnert sich des Augenblicks, in dem die Göttin Italia ihm ihren Segen und ihre Sendung gab. Er hat noch kein Weib gefunden, das so sehr der Vollendung Italias gemäß gebildet ist, als diese Deutsche neben ihm. Ein glühendes Hinneigen zu diesem Weibe bemächtigt sich des Dichters, er preßt den vollsten und stärksten aller Weibesarme an seine heroische Hüfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht, sondern rund auf dem Gewölbe seines Bauches ruht. Sein braunes Silensgesicht wird noch dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er senkt den unverhüllten Blick in das Auge der vollblütigen Aphrodite, die fest an seiner Hüfte ruht, denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie flüstert träumend: »Mein Herr von Casanova!« Ihren Augen entschwindet die Küste Italiens.

Es ist Dada nicht möglich, den mächtigen Rücken neben sich mit dem Arm zu umfangen, schließlich biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen und sie geben sich gründlich einen Kuß. Dann lassen sie einander los. Die Professoren erscheinen, die Hoheit hat ausgeschlafen, und die beiden dicken neuen Freunde bilden den Mittelpunkt für alle Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien. Jetzt erfährt Dada auch den Namen seiner Göttin: sie wird Derobea genannt und ist die Frau eines königlich sächsischen Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist. Als Freundin des Herzogs hat sie die Erlaubnis, die Nordpolfahrt zu seiner Linken mitzureisen.

* * * * *

Das Schiff verläßt England und steuert zur skandinavischen Küste. Dada führt das Tagebuch des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen und Seerössern der Polarzone ihre Urlaute abzulauschen und ein Epos von den Pinguinen zu verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten Weltfahrt, die ihn zwar Italias Sendung, Europa die Freiheit aus ihrem Schoße zu bringen, abwegig macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen düsteren Horden der Eskimos zuführt, die in ihren Erdhöhlen die holdesten Kulturreize Italiens fühlen sollen. Dada hat Derobea für die nationalen Aspirationen in Niemandsland geworben. Wie die Jordaenssche Lebensfülle beider die Plötzlichkeit, Offenherzigkeit ihres Liebesverständnisses simultan durchsprüht, so sind sie auch für ihre künftigen Eroberungen eine Hand, eine Seele.

Sie nähern sich nördlicheren Breitengraden, Bergen, Trondhjem, als Dada jene Taktlosigkeit begeht, derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von ihrem neuen Freunde befreien zu müssen. Seinem eigenen feurigen Ungestüm ist die schuldige Entdeckung zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als sie zufällig Dada beim Verlassen von Derobeas Schlafzimmer betrifft.

Dada wird bedeutet, sich an einem Küstenorte Norwegens ausschiffen zu lassen, und trotz Derobeas entrüsteten Thränen, die für ihren dicken Schützling mehr fürchtet als für das Wohl und Wehe der ganzen hoheitlichen Expedition, muß sie sich in die ernsten Vorhaltungen der Professoren fügen, die nur das Ärgernis entfernt wissen wollen.

Ohne Gepäck, mittellos, wie er vom Karst gekommen, nur mit einigem Reisegeld, dem Reisepaß und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben ausgerüstet, steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom Nordkap schwenkt der Verlassene seinen wallenden Bersaglierihut, während Derobea vom weißen Schiffe ein zartes Tüchlein weht, und es immer wieder an die Augen führt. Das einzige, teure Wort, das ihm geblieben, murmelt Dada immerfort vor sich hin: Derobea! »Dada! wo hast du deine Derobea?!«

DAS NORDLICHT.

Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jäh vorbrechende Stürme. Die Meereswüste wird nur selten von einigen die kimerische Dämmerung durchbrechenden Sonnenstrahlen gefärbt. Den Tagen folgen wunderliche Nächte von gleicher Helligkeit.

Eines Abends sitzt Dada wie gewöhnlich am Meere, das ihm Derobea genommen hat und erwägt einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand entglitten ist: »Die Überwindung der unsozialen, richtungslosen Ekstase durch die soziale Ziel-Ekstase, das himmlische Jerusalem aus irdischen Bausteinen.« Es ist ihm, als unterhielte er sich mit Derobea über den Sinn dieses Satzes.

Der Wind schläft ein, die Wolken stehen reglos, und das Meer verändert fern hinaus seine Düsternis zur tiefsten Schwärze. Nur der Schall der gegen die Blöcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert im Gleichmaß fort. Unheimliche Finsternis der Antarktis steht undurchdringlich vor Dada. Nur das Land bleibt schattenhaft in seinem gespenstigen Eigenlicht sichtbar. In Höhe des Meeres beginnen einzelne gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter einem unermeßlichen Vorhang finstrer Geschiebewinde, einzelne ferne Fanfarentöne, dann tiefste Stille. Dicht überm Meere wird es in endloser Ausdehnung vom Licht lebendig, der Horizont glüht an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grün und strahlt auf, während ungeheure Fächer, Gardinen, schwere Vorhänge sich hell färben und aus durchsichtigem Kristall werden, um ein unerhörtes lohgelbes Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen. Endlich erhebt sich hinter den starren Falten der purpurne Riesenfächer eines ungeheuer starken Kernfeuers, das mit blutigem Licht durch die flammenden Kristalle hinaus aufs Meer in breiten Strömen rieselt. Ein unermeßliches Blutergießen überflutet den geheimnisvollen Polarkreis. Die wilde Schönheit purpurner Grotten und Eismeere, ungeheurer Pflanzen und Wale und Berge von Eis, vom zartesten Splitter bis zu den Kristall-Stalaktiten antarktischer Riesendome in düsteren Gluten errötend und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas Herz und tötet mit Geisterhänden sein Liebesleid. Das Miramar des Nordpols steht vor seiner Seele, und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster Stille das Wort des neuen Jahrtausends aus.

Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht, von schrecklicherer Kälte als alle grausamen Kulte Mexikos, Indiens und Karthagos. Das kälteste und feurigste Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut. Das grausigste der Schöpfungswerke, das der äußersten Finsternis die blendendste Pracht des Lichtes beigesellte.

* * * * *

Das blutige Nordlicht, gewaltiger als je eins seit Menschengedenken, ist von vielen Lappländern beobachtet worden.

Dada hat das Fieber seit jener Nacht gepackt und liegt im Gasthofe zu Bett, wo er von einer Lappländerin gepflegt wird. Und diese erzählt ihm eines Tages vom Nordlicht und seiner Prophetie. Es kündigt einen Krieg an, in dessen weißglühenden Ring alle Völker der Erde nacheinander ihre Söhne hineinschmieden müssen, um sie in seiner unerlöschlichen Glut für ewig versinken zu sehen. Ein herrlicher Vorhang flammensprühend verbirgt wohltätig die Greuel denen, die warten, aber wenn ein Vorhang verzehrt ist, so stellt ein neuer noch herrlicher sich dar. Niemand vermag hineinzuspringen, die abscheulichen Gluten auszutreten oder die Geopferten ihnen zu entreißen. Hier wird Retter, Henker und Opfer eines und gleich. Diese Schrecken verkünden die prophetischen Falten des Nordlichts.

DIE URLAUTE.

Dada lernt die Sprache der Lappländer, um Zunge und Gehör in der Urform des Menschenwortes kindlicher Rassen zu binden.

In den Nächten des nassen, sturmumtobten Hammerfest sieht Dada die Grundlage einer Zukunftsdichtung, indem er die Sprachen alter Rassen nach Urworten und Lauten durchforscht, die Töne tausendjähriger Kindheit blumenhaft öffnen. Wie vordem die Urlaute der Kinder, versucht er jetzt die Urklänge der menschlichen Rassen in seinem System von Rhythmen zum schwingenden Rausche zu dichten, wie jener Ekstatiker in Là-bas die substilsten Sorten des Kognaks zu einer Symphonie des Kognak-Rausches. Vom wilden Lappen, Eskimo, Tschungusen nimmt Dada den Urlaut, und läßt ihn neu tönen in Dadas Wildheit, Trauer, Glück und Schmerz. Dada hebt die logische Sukzession der Worte in den Ursprachen der Fetischanbeter auf und sammelt ihre einzelnen Silben oder Laute, sperrt ihren beziehungsreichen Sinn in das Gefängnis seines nervös eilenden Rhythmus und senkt in ihre traurig gerupften Kelche die bleichen Leidenschaften des Urwalddurstigen verkrüppelten Europäers. Der Chinese, der Ägypter, der Druide sprachen durch Zeichen, die sie auf Seide, Stein oder Holz eingruben. Dada nimmt die gottgeweihten Zeichen, wiederholt sie auf mehreren Reihen des nervös fiebernden Rhythmus, um die Empfindung des Urlaute-denkenden Dada flüchtig schillernd auszudrücken.

In einem lappländischen Dorfe nahe der russischen Grenze findet Dada einen Dorfgötzen, vor dem er sich niederwirft, dann wieder aufrichtet, um von neuem niederzufallen. Mit schäumendem Munde betet Dada in den drei Urlauten einer Hymne, die zum Gegenstande die komplizierte Idee der sozialen Zielekstase hat. Das Dorf um ihn ist nichts weiter als die materielle Gestalt seiner Idee, der er in der Hymne den Ausdruck des Urlautes verleiht.

* * * * *

Dada spricht: »Ich bin der Orient.«

Er reist durch Finnmarken nach St. Petersburg; er geht durch das Geschlinge aller Rassen und Sprachen und er bildet das Gehör zur äußersten Feinheit der Wahrnehmung, um die allertiefsten und allerfernsten Urklänge der lebenden Völker zu verstehen und zu besitzen.

Er betritt vom ersten Augenblick an jene Bahn, die jedermann wählt, wenn er weder Geld noch Beschützer besitzt, um zum Erfolge zu gelangen. Dada tritt in die berühmte Organisation der russischen Geheimpolizei. Er wird beauftragt, einer Reihe revolutionärer Klubs als ordentliches Mitglied anzugehören. Auf Grund gefälschter Zertifikate erlangt er Zutritt zu einer Reihe politischer Versammlungen, erwirbt sich Vertrauen und wird schnell berühmt auf Grund seiner persönlichen herkulischen Erscheinung, die an die Leibesfülle des Begründers russischen Terrors erinnert: Michail Bakunin. Dadas Vorname, bei dem ihn jetzt das Proletariat kennt, ist: Michail.

Auf einer Werbereise zu den Muschiks eines westlichen Gouvernements kommt der erfolgreiche Istrianer in einem Provinzstädtchen mit zwei Männern zusammen, die Bauern und Arbeiterschaft ihrer Bezirke in Bewegung gesetzt haben, ohne eine Kopeke von den Geldern des Zentralkomitees zu brauchen. Der eine ist Klavierlehrer, der andere Angestellter der Stadtdruckerei. Mit diesen beiden Männern gerät er in ein Gespräch über ein Ereignis, das ganz Rußland erschüttert. Ein junges Mädchen aus guter Familie, gut erzogen und von der Jugend der Charlotte Corday, hat einen General mit der Bombe getötet, weil er ein grausamer Gouverneur war. Dies Mädchen wird in der Untersuchungshaft von den überwachenden Offizieren vergewaltigt und am nackten Leibe gemartert. Sie löschten z. B. die Zigaretten auf ihrer Haut. Als sie vor ihren Richtern steht, erklärt sie, daß sie aus dem Leben wolle.

Eine düstere Tragödie folgt der anderen, diese glühenden Verfinsterungen einer Nation, in der die mechanische Cinéma-Kultur Europas sich mit den asiatischen Triebkräften zur ungeheuren Selbstzerstörung vermischen.