Part 6
Die Bucht von Santiago ist als eine Art Hauptbresche in dem imposanten südostcubanischen Gebirge schon aus weiter Ferne erkennbar, und indem man sich derselben von Süd her nähert, entfaltet sich ihre Uferumrandung zu einem Bilde von wunderbarer Harmonie und Schönheit. Es erscheint die wohlbekannte niedrige Klippenwand, an der die Meereswellen sich hier für gewöhnlich und in sanftem Spiele brechen, darüber erhebt sich aber rechts von der Einfahrt mauergleich eine höhere Terrassenstufe (gegen 70 ~m~), auf der im Vordergrunde der Morro thront -- der altersgraue Wächter der Bucht, der länger als ein Vierteljahrtausend seines Amtes gewaltet hat, und der sich zwar schon den Boucanieren und Engländern gegenüber (1662 und 1762) nicht als vollkommen uneinnehmbar bewiesen hat, der sich aber trotz seiner mangelhaften Armierung im Verein mit seinen tiefer gelegenen Vorwerken auch noch den Amerikanern gegenüber wohl genug bewährt hat (Abb. 33). Zur Linken schiebt sich eine niedrigere Terrassenstufe vor, die neuere Befestigungen (die sogenannte Socapabatterie) trägt, und dahinter werden die gerundeten Hügel der Ziegeninsel und der Vorgebirge von Estrella, Santa Catalina und Gorda sichtbar, alle gleichfalls mit drohenden Bollwerken versehen, wenn auch nicht alle mit solchen, die dem Geschützfeuer der Neuzeit gewachsen sind. Ringsum aber türmen sich grüne Waldberge von der verschiedensten Gestalt und Höhe übereinander. Ist man dann unmittelbar unter den Festungsmauern durch die enge und tiefe Einfahrt, die die Amerikaner durch die Versenkung des „Merrimac“ vergeblich zu sperren suchten, in die Bai gelangt, so gesellen sich den kriegerischen Zügen des Landschaftsgepräges auch friedliche zu -- Fischerkähne und leicht gebaute Fischerhütten, einzelne Landhäuser und ein Lotsendörfchen (Abb. 35) --, und das Auge wird nicht müde, sich an dem bunten Wechsel zu weiden. In ihrer ganzen Pracht zeigt sich die Bai aber erst, wenn man jenseits der Punta Gorda ihren weiten Binnenteil erreicht hat und der Blick über die herrliche blaue Wasserfläche hinweg mehr in die Ferne schweifen kann -- hinüber zu den hell leuchtenden Häusern und Türmen der großen Stadt, die in ihrem innersten Nordostwinkel liegt, und zu den stattlichen Schiffen, die davor ankern, empor zu der hohen Mesa, an der die Straßen von Santiago hinaufstreben (Abb. 36 und 37), und höher empor zu den schön gezackten Bergen der Piedra- und Cobregruppe (Abb. 37 und 38), von deren Abhängen kleinere Ortschaften, sowie zerstreute Haciendas und Bohios aus ihren Mango- und Brotfruchtgärten und aus ihren Königspalmen- oder Kokospalmenhainen (Abb. 39) herabwinken. Man versteht an dieser Stelle besser als an jeder anderen die Begeisterung, welche Kolumbus betreffs der cubanischen Landschaft hegte, und man gesteht sich gern, daß es wenigstens an den Gestaden des amerikanischen Mittelmeeres keine Hafenbucht gibt, die dieser an stolzer Schönheit gleichkommt. Darf man sich also darüber wundern, daß die Spanier hier „Hütten bauten“, und daß Velasquez seinen Statthaltersitz nach kurzem Besinnen von Baracoa hierher verlegte (1514), daß Santiago bis in das XVII. Jahrhundert hinein (1607) die Regierungshauptstadt von ganz Cuba, später aber wenigstens diejenige der Osthälfte der Insel gewesen ist, daß die Stadt bereits seit 1522 eine stattliche Kathedrale besitzt, und daß der oberste Seelenhirt Cubas (seit 1804 zum Erzbischof erhoben) seine Residenz bis auf den heutigen Tag daselbst behalten hat? Viel kleiner als die Bucht von Guantanamo und nur etwa 7 ~km~ weit ins Land reichend, ist die Bucht von Santiago doch fähig, Flotten jeder Größe in sich aufzunehmen, und im Zusammenhange mit der näheren Bergumgebung ist sie nicht bloß landschaftlich viel großartiger, sondern zugleich auch viel tiefer und dicht an ihrem Ufer sowohl mit besserem Trinkwasser als auch mit besserem und gesünderem Baugrunde ausgestattet. Im übrigen darf man sie ein getreues Abbild der Guantanamobucht nennen, sowohl was die Richtung ihrer Hauptachse als auch was ihre Gliederung in eine Innen- und Außenbucht und in eine Reihe von Nebenbuchten angeht. Ist dies aber nicht ein Zeugnis dafür, daß an den beiden Buchten dieselben erdgeschichtlichen Bildungsprozesse thätig gewesen sind?
[Sidenote: Lage von Santiago.]
Die Verbindungen von Santiago in das Binnenland sind keine leichten, ganz besonders in der Regenzeit, wenn die Bäche und Ströme des Gebirges hoch anschwellen und wenn der rote Boden sich in einen tiefen Morast verwandelt, immerhin sind sie aber leichter, als von den anderen Punkten der Südküste, Guantanamo nicht ausgenommen, und jedenfalls haben sich schon früher einigermaßen brauchbare Straßen nach den Kupfergruben im Westen, nach den Eisengruben im Osten und nach den fruchtbaren Thal- und Hügelgegenden an den Quellströmen des Cauto im Norden, sowie durch die letzteren nach Bayamo und Puerto Principe (als sogenannter ~Camino central~) anlegen lassen. Zu Eisenbahnen haben sich diese Verbindungen freilich nur in der näheren Nachbarschaft von Santiago vervollkommnet (bis Cobre, Juragua, El Caney und Sabanilla), und in dem Mangel einer Schienenstraße nach Holguin und Gibara sowie nach Bayamo und Puerto Principe hat die Hauptschwäche der Stadt bei ihrer Verteidigung gegen die Amerikaner gelegen. Die Stadt erlag ja dem ersten Ansturm der Feinde nur, weil weder Proviant noch Verstärkungen mit genügender Schnelligkeit herangezogen werden konnten.
Bei den Schwierigkeiten, die der Landverkehr in dem Ostteile von Cuba ganz im allgemeinen findet -- dergestalt, daß sie auch von den zukünftigen Herren der Insel niemals vollkommen zu überwinden sein werden --, bei diesen Schwierigkeiten war der Seeverkehr für die größeren Aufgaben der Verwaltung sowie für die in größere Ferne reichenden Handelsbeziehungen immer die Hauptsache, und für diesen bietet die Santiagobai nicht bloß den Vorteil einer genauen Mittellage an der Südküste (von Kap Maisi sowie von Kap Cruz ungefähr 170 ~km~), sondern auch den Vorteil einer annähernden Mittellage zwischen den Häfen der Nordostküste und der Cautomündung oder Manzanillo. Die eigentlichen Kulturdistrikte Ostcubas liegen beinahe sämtlich unfern der Küste. Als selbstverständlich dürfen wir es endlich bezeichnen, daß für die Anfänge der Entwickelung von Santiago auch die bequeme Verbindung mit San Domingo sowie die verhältnismäßige Nähe des Mutterlandes von Wichtigkeit war. Dauernd konnte es freilich den Schwerpunkt des cubanischen Kulturlebens nicht bilden, und ebendeswegen hätte sich auch das Schicksal von Cuba wohl schwerlich vor seinen Mauern entschieden, wenn nicht die Herrschaft der Spanier auch in der Westhälfte der Insel in der geschilderten Weise gründlich untergraben gewesen wäre.
Was die Kehrseite des schönen Bildes von Santiago betrifft, so ist die Stadt öfter und stärker als jede andere von den verwüstenden Erdbeben betroffen worden, die der Gegend charakteristisch sind, und man kann sagen, daß es geradezu den Hauptherd derselben bilde. Zahlreiche Häuser und Teile der Kathedrale stürzten dadurch ein in den Jahren 1580, 1678 und 1755, und das letzte größere Beben, welches Schrecken verursachte, fand 1895 statt. Ferner wüten vor der Bucht, und nicht gerade selten auch über ihr, in den Monaten August bis Oktober dieselben schlimmen Orkane wie bei Guantanamo. Und endlich ist das Klima durch die Bergumschlossenheit der Bucht das heißeste und schwülste von ganz Cuba (mit einer Minimaltemperatur von 20° und einer Maximaltemperatur von 34° ~C~), was die Akklimatisation der weißen Kulturmenschen an dem Orte ganz besonders schwer macht und gutenteils auch ihre Thatkraft in einem besonders hohen Grade lähmt, ganz abgesehen davon, daß der Stumpfsinn und die Unwissenheit der Regierten sowie der Regierenden die sanitären Verhältnisse auch sonst sehr im argen liegen gelassen haben. Von der Bevölkerung, die sich 1895 auf 60000 belief, gehört demgemäß auch die große Mehrzahl (etwa im Verhältnis von 2 : 1) der farbigen Rasse an. Zur Zeit Herreras wurde die Zahl ihrer Bürger auf 200 geschätzt, um das Ende des XVIII. Jahrhunderts betrug ihre Seelenzahl aber 10000, um die Mitte des XIX. gegen 30000.
Die Kupfergruben des nahen Cobre (4000 Einwohner), die seit 1596 im Betriebe waren, sind vollständig in Verfall geraten, und der genannte Ort hat daher heute nicht mehr durch die auszuführenden Erze, sondern nur noch durch sein weithin berühmtes wunderthätiges Marienbild Bedeutung für Santiago. Die Ausfuhr der Eisenerze von Jaragua dagegen findet vorwiegend über Nueva Salamanca statt. Einen hervorragenden Rang als Handelsplatz wird Santiago aber durch den ungeheuren Reichtum und die große Vielseitigkeit der pflanzlichen Produktion seines Hinterlandes jederzeit haben, und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß sowohl die Kulturen des Zuckers, des Kaffees, des Kakaos, des Tabaks und der tropischen Früchte jeder Art als auch die Viehzucht und die Gewinnung von tropischen Nutzhölzern (Mahagoni-, Cedrelen-, Tecoma-, Eisen-, Gelb-, Blauholz u. s. w.) daselbst einer sehr starken weiteren Steigerung fähig ist. 1890 gab es in dem Distrikte 64 Kaffeepflanzungen (34 Prozent von der Gesamtzahl Cubas), 38 Tabakvegas und 28 Ingenios.
Nachdrücklicher als angesichts jeder anderen cubanischen Landschaft kommt es dem geographischen Reisenden angesichts des mächtigen Gebirges westlich von der Santiagobai zum Bewußtsein, welch schwere Unterlassungssünde die spanischen Herren der Insel dadurch auf sich geladen haben, daß sie die gründliche wissenschaftliche Durchforschung derselben versäumt haben, und wie sie ihren kostbaren Kolonialbesitz im Grunde genommen vor allen Dingen dadurch vor der Richterin Weltgeschichte verwirkten, daß sie die Entdeckerarbeit der Kolumbus und Ocampo nicht im Geiste der fortschreitenden Zeiten weiter zu führen verstanden. Und indem er dem jähen seeseitigen Südabsturze des Gebirges entlang mit seinem Dampfer auf den Wellen dahingleitet, gewinnt er zugleich auch Muße, darüber nachzudenken, wie die Unterlassungssünde wohl zu erklären und vielleicht bis zu einem gewissen Grade zu entschuldigen ist. Dem deutschen Bergsteiger, der mit seinen Stahlnerven frisch von daheim kommt, erscheint das Erklimmen der Höhen, die er von der Santiagobucht oder von der offenen See gegen das Kap Cruz hin überschaut, sicherlich sehr verlockend; sobald er länger in der Gegend weilt und Erfahrungen sammelt, verschließt er sich aber schwerlich der Einsicht, daß es mit dem Durchwandern und Besteigen tropischer Waldberge ein anderes Ding ist, als mit dem Durchwandern und Besteigen deutscher Wald- und Alpenberge. Es sind eben andere, und gutenteils viel unheimlichere Berggeister, die hier walten und die vorhandenen Geheimnisse und Schätze bewachen, als in dem Harz und Riesengebirge oder in dem Berner Oberlande.
[Sidenote: Die Sierra Maestra.]
Die Sierra Maestra, um die es sich hier handelt, und der wir vom physikalisch-geographischen Standpunkte aus auch die mehrfach genannte Cobre- und Granpiedragruppe zuzurechnen haben, hat insgesamt eine Längserstreckung von 240 ~km~, entspricht in dieser Beziehung also ziemlich genau dem schweizerischen Alpenzuge zwischen Martigny und Rheineck. Ihre Gipfel aber erreichen nach den spärlich vorliegenden und unzuverlässigen Messungen in der Cobregruppe 1018 ~m~, in dem Pico Turquino, ziemlich genau mittwegs zwischen Santiago und dem Kap Cruz, 2560 ~m~, und in dem Ojo del Toro, nahe dem Westende des Gebirges, 1582 ~m~, und zahlreiche namenlose Spitzen nordöstlich und nordwestlich von dem Pico Turquino kann man aus der Ferne auf reichlich 2000 ~m~, verschiedene Berge zwischen dem Pico de Turquino und dem Ojo del Toro, wie die Silla del Rosario und den Sibon, aber wenigstens auf 1500 ~m~ schätzen. Sind nun diese Höhen dem absoluten Ausmaße nach im Vergleiche mit den Alpen keine sehr bedeutenden, so sind sie es doch dem relativen nach, denn das Auge betrachtet sie unmittelbar vom Meeresspiegel aus, und der Fuß hat so unmittelbar von dort aus zu steigen. Der Pico Turquino ragt über das Karibische Meer ebenso hoch empor wie der Tödi über das benachbarte Vorderrheinthal, und der Abstand des Gipfels von der betreffenden Basis ist bei dem Pico Turquino geringer (7,5 ~km~), so daß sein allgemeiner Anstieg steiler sein muß.
Der Südfuß der Sierra Maestra, den das Gebirge hineintaucht in das herrliche Azurblau der tiefen Cubasee, offenbart sich bei näherer Betrachtung westlich von Santiago als ein noch viel ungastlicheres Gestade als östlich davon. Allerorten steigen steile Hänge und Wände empor, die ersteren dicht bebuscht, die letzteren aber das nackte weiße oder braune Gestein zeigend -- die offenbare Wirkung neuerlicher Bergstürze, da das feuchtwarme Tropenklima dergleichen Wände niemals lange duldet und sie rasch wieder mit Grün bekleidet. An verschiedenen Orten verraten Höhlenöffnungen auch hier den Kalkstein, ein ursprünglicher Terrassenbau des Gebirges ist aber im allgemeinen nicht zu erkennen, und nur bei dem Kap Cruz können ein paar mauergleich verlaufende Stufen unterschieden werden. Auch dort zeigen die Schichten aber mehrfach starke Störung und zum Teil vollkommen senkrechte Aufrichtung. Jungkorallene Bildungen treten ebenfalls nur stellenweise auf -- namentlich um den Cayo Damas, südöstlich vom Turquinopik, und in der Gegend des Kap Cruz. Die Buchten aber, die die Steilküste gliedern, sind ausnahmslos dort gegen die See aufgerissen, und Schutz gegen südliche Winde oder Orkane gewähren nur einige wenige durch vorgelagerte Inselchen, so besonders der kleine Nothafen Portillo unter dem Meridian von Manzanillo. Wir haben nach dem früher Gesagten kaum nötig, hervorzuheben, daß uns alle diese Eigentümlichkeiten des seeseitigen Absturzes der Sierra Maestra in merkwürdiger Übereinstimmung zu bezeugen scheinen, wie auch hier weite Striche des tertiären Kalksteinvorlandes sowie vielleicht in beträchtlichem Umfange zugleich spätere Bildungen (namentlich koralline) von dem blauen Meere verschlungen worden sind. Die orkanbewegten Wogen stürmen nun wütend genug gegen den Gebirgsfuß an, und sie reißen dabei wohl manche Klippe fort. Den ganzen Betrag der Zerstörung vermögen sie aber nicht zu erklären, und man hat dabei vielmehr zurückzudenken an die heftigen Erdbeben, die die Gegend so oft betreffen und deren Bedeutung für die Bildungsgeschichte der Sierra Maestra erst voll gewürdigt werden wird, wenn man in Südostcuba gelernt haben wird, genaue seismologische Beobachtungen anzustellen. Auf die ungeheuren Tiefen der Cubasee, die bis reichlich 5000 ~m~ hinabsinken und die unter dem Meridian des Turquinopiks 7,5 ~km~ südlich von der Küste ungefähr dasselbe Ausmaß haben wie der Pik ebenso weit nördlich davon, können nur durch einen großen Dislokationsprozeß begriffen werden, der seit der späteren Tertiärzeit vor sich gegangen und noch beständig im Fortschreiten begriffen ist, wenn auch vielleicht gegen früher sehr verlangsamt.
Die Orkane und Gewitterböen, welche so überaus häufig gegen den Südfuß der Sierra Maestra heran und über ihre Berge hinwegbrausen, machen unserer Meinung nach daselbst eine gewisse Dauerwirkung namentlich darin geltend, daß sie hochstämmigen Baumwuchs bloß in geschützten Rillen und Thalungen dulden, während sie an den offen liegenden Hängen, ebenso auf den Gipfeln im allgemeinen nur ein undurchdringliches Gewirr von Sträuchern und Schlingpflanzen, sowie eine üppige Epiphytenvegetation aufkommen lassen.
[Sidenote: Geologische Verhältnisse.]
Die zahllosen Ströme und Bäche, welche in engen Schluchten von dem Kamme des Gebirges herabkommen, sind sämtlich kurzläufig, und ihre Wasserführung schwankt nicht bloß mit der Jahreszeit, zwischen weit auseinander liegenden Extremen, sondern in vielen Fällen von Tag zu Tag oder von Stunde zu Stunde, je nach den Wolkenbrüchen und Regengüssen, die in ihren Quellgebieten niedergehen. Einmal versagen sie in solcher Weise dem Wanderer in der Sonnenglut den erfrischenden Trunk, und das andere Mal wehren sie ihm gebieterisch jedes Vordringen, den Straßen- und Eisenbahnbauern aber mag bei ihrem Anblick von vornherein der Mut entfallen. Von der Höhe herab bringen sie gewaltige Massen roten Schlammes, sowie zugleich auch groben Gerölles und Schuttes, und aus dem letzteren läßt sich schließen, daß die Hochsierra zu einem großen Teile aus Felsarten zusammengesetzt ist, die älter sind als das Tertiär, was mit den Beobachtungen, welche an den Bergwerken des Cobredistriktes gemacht worden sind, gut übereinstimmt. Namentlich die Hauptkerne des Gebirges in der Gegend des Rico Turquino und bei dem Ojo del Toro sind offenbar archäisch und im wesentlichen aus Diabas, Diorit und Syenit zusammengesetzt. Auch an Porphyren, Doleriten und Basalten scheint es aber nicht zu fehlen und ebensowenig an kretaceischen Schichtgesteinen, so daß das Gebirge westlich von Santiago genetisch in keiner Weise von der Granpiedragruppe getrennt werden kann. Wahrscheinlich bildeten die Hauptteile der Sierra Maestra zusammen mit anderen noch zu erwähnenden Teilen von Cuba und vereint mit Jamaica, sowie mit Haiti und Puertorico nebst den Jungferninseln in der mesozoischen Zeit einen größeren Landraum. Gegen das Ende dieser Zeit und in dem größten Teile der Tertiärzeit wurde derselbe aber bis auf eine Reihe kleiner Reste vom Meere überflutet, und erst im späten Tertiär tauchte die Insel in der bereits berührten Weise wieder aus den Wellen empor, im allgemeinen viel breiter als heute, und vorübergehend nochmals mit den anderen Großen Antillen verbunden. Die Einzelheiten darüber bedürfen aber noch der Feststellung, und bei der weiteren Erforschung der Sierra wäre es recht wohl möglich, daß man daselbst noch auf verschiedene Mineralschätze stieße.
An der Nordseite löst sich die Sierra in verhältnismäßig sanfter allgemeiner Abdachung allmählich in einzelne Züge und Gruppen von Brotlaib- und Tafelbergen auf, zwischen denen die tief eingeschnittenen Thäler der Quell- und Zuflüsse des Rio Cauto liegen. Die namhaftesten derselben sind die Lomas von Palma Soriano und Santa Rita am Cauto selbst, die Lomas von La Guira und Las Piedras am Rio Contramaestre und die Lomas von Horneros, Jiguë und Yagua am Rio Cautillo. Tertiärkalk ist auch hier das verbreitetste Gestein, an vielen Orten, namentlich aber im Quellgebiete des Cautillo, finden sich große Höhlen (die Cuevas de Torrelado), und der allgemeine Charakter der Landschaftsformen ist Schroffheit und wilde Zerklüftung -- die Wirkung einer gewaltigen tropischen Erosion seit den jungtertiären Zeiten, die in der Regenzeit von Tag zu Tag noch weitere große Fortschritte macht.
Das Pflanzenkleid der Sierra Maestra ist nach seiner genaueren Zusammensetzung und Verbreitung wissenschaftlich noch ebensowenig bekannt wie das Gestein, man weiß aber, daß namentlich Kiefern und Farnbäume stark in ihr vertreten sind, und daß ihre reichen Bestände der mehrfach genannten tropischen Nutzhölzer an den meisten Orten noch vollkommen unberührt geblieben sind. Die schwere Zugänglichkeit des Gebirges sowie von dem Lande her macht wenigstens letzteres begreiflich.
[Sidenote: Menschenarmut des Gebirges.]
Von Menschen bewohnt war die Sierra zu keiner Zeit, und auch die Indianer suchten in ihren Schluchten und Thälern, die ohne Aufhören von Wolkenbrüchen, Überflutungen, Stürmen, Erdbeben und Bergrutschen heimgesucht werden, immer nur ihre letzte Zuflucht. Die entlaufenen Negersklaven späterer Tage, sowie auch die schwarzen und weißen Räuberbanden, die die Sierragegend jederzeit unsicher gemacht haben, und in den Zeiten des Aufruhrs die Insurgenten, fanden inmitten der niedrigeren und wirtlicheren Lomas weiter nördlich allerwärts Verstecke, die ihren Verfolgern zur Genüge unnahbar waren. Pflanzungskultur, vor allem Tabak- und Kaffeekultur, ist in größerem Maßstabe nur in die nördlichen Thalgegenden eingedrungen, und zu einem beträchtlichen Teile ist ihr Aufschwung auch hier aus Haiti vertriebenen Franzosen zu verdanken. An dem Südhange ist lediglich auf einige zerstreute Hütten (Ranchos), von denen etwas Viehzucht betrieben wird (Abb. 47), sowie auf eine Ochsenschlachtstätte (Asserardero) und zwei oder drei Tabakvegas hinzuweisen. Als Verkehrsstraßen von einem Hange zum anderen mußten aber bislang auch selbst in der Nähe von Santiago und Kap Cruz beschwerliche Reit- und Fußwege genügen, und die mittlere Hochsierra ist gänzlich pfadlos. Der weitaus vorwiegende Teil der eigentlichen Gebirgsbevölkerung besteht aber selbstverständlich aus Mulatten und Negern. Fremde durfte das Gebirge in solcher Weise sicherlich von dem Eindringen abschrecken, und einheimische Cubaner fühlten sich um so weniger dazu berufen, als ihre geistigen Führer -- die Priester -- sie zum Ersteigen von Bergen, die höher emporragen als der Wallfahrtsberg von Cobre, in keiner Weise anspornen.
[Sidenote: Das Cauto-Thal.]