Cuba

Part 5

Chapter 53,040 wordsPublic domain

Von Baracoa westwärts geht die Seefahrt einer überaus malerischen Küste entlang, und auch größere Schiffe können sich in naher Sicht derselben halten, weil das Meer -- es handelt sich um den Eingang zu dem Alten Bahamakanale -- bis auf eine oder zwei Seemeilen Abstand eine beträchtliche Tiefe besitzt und gefahrdrohende Korallenriffe nur hier und da unmittelbar am Lande liegen. Die aus fossilen Korallenbauten zusammengesetzte Küstenwand ist auch hier allerwärts deutlich erkennbar, und nicht minder der weiße Schaum der unter dem Einfluß des Passatwindes dagegen donnernden Brandung. Die höheren Terrassenstufen aber sucht das Auge im allgemeinen vergebens, und statt ihrer folgen wieder in bunter Reihe bald höhere und bald niedrigere Tafelberge (~mesas~ und ~yunques~), Sattelberge (~sillas~), zugespitzte oder abgestumpfte Kegelberge (~picos~ und ~pans~) und abgerundete Kuppen (~arcos~ und ~tetas~) -- Bergformen, für deren Benennung die spanische Sprache einen so beneidenswert reichen Wortschatz zur Verfügung hat. Man kann schon aus der Ferne wahrnehmen, daß die tropischen Regengüsse und die von ihnen geschwellten Gebirgsbäche und Ströme hier in noch rüstigerer Weise als bei Baracoa an der Zerfeilung und Ausgestaltung der Landschaft gearbeitet haben. Und wem es gelingt, eine Strecke in das Innere einzudringen -- im kleinen Ruderboot auf dem Rio de Tanamo oder Rio de Mayari oder auf dem Rücken eines Maultieres an anderem Orte --, dem wird dies besonders in den Monaten Mai bis November, wenn hier an den meisten Tagen ein schwerer Gewitterschauer und Wolkenbruch schnell auf den anderen folgt, noch nachdrücklicher zum Bewußtsein gebracht. Der Erosionseffekt der fließenden Gewässer ist in dieser Zeit allerwärts ein gewaltiger, es erfolgen Uferzerreißungen und größere und kleinere Bergrutsche an tausend Orten, und die Schluchten, in denen die Bäche und Ströme dahinrasen, werden sozusagen vor den Augen des Beschauers und von einem Tage zum anderen tiefer und weiter zugleich. Nicht bloß am Tageslichte thun aber die cubanischen Atmosphärilien solchergestalt ihr physikalisch-geographisches Werk, sondern in sehr bedeutendem Maßstabe geschieht dies auch unterirdisch, und die Gegend ist infolgedessen voll von mehr oder minder ausgedehnten Höhlengängen und Hohlräumen, von denen viele in einem prächtigen Stalaktiten- und Stalagmitenschmuck prangen, manche auch interessante vorgeschichtliche Reste bergen. Wir weisen besonders auf die Höhlen hin, aus denen der Rio Moa, der Abfluß der Sierra de Moa, hervorbricht, um sich alsbald in der Gestalt eines etwa 100 ~m~ hohen Wasserfalles in die Schlucht hinabzustürzen, durch welche er dem Meere zueilt; sowie daneben auf die Höhlen der Sierra de Frijol, etwas weiter südlich, und auf die berühmten Yumurihöhlen in der Nähe von Baracoa.

[Sidenote: Baracoasche Berglandschaft.]

Die Berge in der unmittelbaren Nachbarschaft der Küste halten sich im allgemeinen in der Höhe von 200-300 ~m~, die Silla de Jaragua, welche nördlich von der Mündung des wilden Rio de Toar die Hauptlandmarke für die Seefahrer bildet, ist aber auf 420 ~m~ bestimmt worden, und die Bergketten tiefer im Binnenlande -- die Sierra de Toar, die sich dem Nordufer des gleichbenannten Stromes entlang zieht und von der die genannte Silla den östlichen Abbruch bezeichnet, die Sierra de Moa, die ihren nordwestlichen Parallelzug bildet, die Sierra de Cristal an der Nordseite des oberen Rio de Mayari und die Sierra de Catalina und Sierra de Frijol am oberen Rio de Tanamo -- mögen gegen 600 ~m~ oder annähernd zu derselben Höhe wie der Yunque von Baracoa emporragen. Wahrscheinlich waren alle diese Ketten einst mit dem Yunque zu derselben großen Kalksteintafel verwachsen, und es ist einzig und allein die ober- und unterirdische Erosion gewesen, die sie getrennt und in sich zerklüftet hat.

Zur Zeit ist die fragliche Landschaft, die wir der Einfachheit wegen als Baracoasche Berglandschaft bezeichnen, in den allermeisten Gegenden noch eine pfadlose und ursprüngliche Wildnis, und weder die stattlichen Kiefern- und Palmenbestände, die schon Kolumbus bewunderte und in ihrem wirtschaftlichen Werte würdigte, noch die Bestände der Mahagoni-, Cedrelen-, Tecoma-, Gayacum-, Sapota-, Catalpa-, Sideroxylon-, Balata-, Chlorophora- und Lorbeerbäume, die in dem wechselvollen Durcheinander ihrer Gestalt und Belaubung Höhen und Thäler bis dicht an die Meeresküste bekleiden, sind irgendwo in bemerkenswerter Weise gelichtet worden. Und wer die seltsame einheimische Tierwelt Cubas kennen lernen will, durch die sich die Insel zusammen mit den übrigen Großen Antillen als ein ähnlich selbständiger Erdraum bekundet, wie Madagaskar und Neuseeland, der findet hier dazu die beste Gelegenheit. Besonders sind die Hutias (Capromys) und Aires (Solenodon) in diesen Wäldern sehr zahlreich, nicht minder aber auch die von den nord- und südamerikanischen stark abweichenden Flatterer, die ungiftigen Schlangen, die Iguanas u. s. w.

Hier und da öffnet sich in der korallinen Küstenwand der Eingang in eine weite und zumeist auch tiefe Bucht, und manche dieser Buchten würde fähig sein, Riesenflotten zu bergen. Alle ohne Ausnahme haben aber die schlimme Schattenseite, daß sie in strenger Weise von dem Passatwinde beherrscht werden und daß schon das Einsegeln in sie, mehr aber noch das Aussegeln aus ihnen außerordentlich schwierig, ja zu Zeiten vollkommen unmöglich ist. Nur an der Minderzahl, wie an der Bucht von Juragua, an der von Tanamo und an der von Cabonico und Levisa, sind daher kleine Niederlassungen entstanden, deren Palmhütten von Bataten-, Yams- und Bananenpflanzungen und Kokoshainen umgeben sind, und irgend welchen Kultureinfluß, der weit in das Innere reicht, hat keine der Buchten auszuüben vermocht.

[Sidenote: Bucht von Nipe.]

Auch selbst die herrliche Bucht von Nipe sowie diejenige von Banes, die zwischen der malerischen Sierra de Nipe (der westlichen Fortsetzung der Sierra de Cristal) und der Kette des weithin sichtbaren Pan de Sama tief in das Land hineingreifen und die unter einem anderen Luftströmungsregime den vorzüglichsten Naturhäfen der Erde zuzählen könnten, werden im Laufe des Jahres nur von wenigen Fahrzeugen besucht, und sowohl das Uferland des auf einer kurzen Strecke (12 ~km~) schiffbaren Rio Mayari als auch der Südabhang der Sierra de Sama sind ungeachtet ihrer fruchtbaren Roterde nur in geringem Umfange von Tabak- und Bananenpflanzungen bestanden, während die weite Schwarzerdeniederung zwischen den genannten Bergzügen beinahe in ihrer ganzen Ausdehnung noch eine ähnliche jungfräuliche Urwaldwildnis bildet, wie das beschriebene Gebirgsland.

Von physikalisch-geographischem Gesichtspunkte aus ist an den Buchten von Nipe und Banes sowie an dem Pan de Sama, der sie in einer Höhe von 280 ~m~ überragt, bemerkenswert, daß die Terrassenstufen des Küstenlandes daselbst wieder ebenso deutlich ausgeprägt erscheinen, wie an der Bucht von Baracoa, ja daß stellenweise über der dritten Kalksteinbank noch eine vierte sichtbar ist.

[Sidenote: Umgebung von Jibara.]

Westlich von dem leuchtturmgekrönten und weit gegen den Bahama-Archipel vorspringenden Kap Lucrecia, das zusammen mit dem Kap Cruz die größte Querausmessung des schmächtigen cubanischen Landkörpers bezeichnet (280 ~km~), deutet eine Reihe von Tafelbergen, die der Sierra de Sama angehören, darauf hin, daß auch hier einst höhere Terrassenstufen vorhanden waren. Im allgemeinen ist das Küstengebirge hier aber beinahe noch wunderlicher zerklüftet und zersägt, als zwischen Baracoa und Banes -- ähnlich wie etwa das Kalksteingebirge der „Fränkischen Schweiz“ oder gewisse Teile des Krainer Karstes, denen die cubanische Landschaft geologisch nahe genug verwandt ist. Von den nierenförmigen oder handförmigen Meeresbuchten, die hier in die Küstengegend eingreifen, und darunter auch von der schönen und tiefen Bucht von Naranjo, gilt aber dasselbe wie von den früher erwähnten, und nur die weit geöffnete und gleich derjenigen von Baracoa gegen den Seegang ungenügend geschützte Jibarabucht, über der sich ein hübscher Sattel- und Zuckerhutberg nebeneinander erheben, hat in den letzten Jahrzehnten eine höhere Bedeutung als Ausfuhrhafen gewonnen, so daß an ihren Ufern eine Stadt entstanden ist, die trotz ihrer Jugend Baracoa an Volkszahl und an Rührigkeit übertrifft.

[Sidenote: Holguin und Binnenlandschaft von Jibara.]

Südlich von Jibara (7500 Einwohner) nimmt nämlich das cubanische Binnenland teilweise einen anderen Charakter an, und es erstrecken sich daselbst nicht mehr ausschließlich Kalksteingebirge kultur- und verkehrsfeindlich von Ost nach West, sondern das archäische Grundgerüst der Insel tritt an vielen Orten zu Tage, und gerundete Kuppen und Hügel aus Granit, Syenit, Diorit und Serpentin -- sogenannte „Lomas“ (Brotlaib-Berge) und „Cerros“ (Rundhügel) -- reihen sich lose aneinander, engere und breitere Thalmulden mit sandigem Lehmboden von schokoladenbrauner oder roter Farbe umschließend. Namentlich dehnt sich aber am oberen Rio Salado, der dem Rio Cauto zufließt, eine große und fruchtbare Roterdeebene aus. Hier ist das Waldkleid Cubas an vielen Stellen gelichtet, und der Anbau von Zuckerrohr und Mais, von Tabak und Baumwolle und von anderen Feldfrüchten sowie daneben die Rinderzucht hat statt seiner Platz gegriffen. Die Stadt Holguin (10000 Einwohner) aber, die um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts in der fraglichen Ebene begründet worden ist, erfreut sich einer verhältnismäßig hohen und zunehmenden Blüte. Bis Ende der siebziger Jahre mußten ihrem Verkehre die schwerfälligen cubanischen Ochsenkarren (Abb. 31) und Lasttiere (Abb. 32) genügen, jetzt verbindet sie aber mit Jibara eine Eisenbahn, und es wäre wohl möglich, daß diese Bahn demnächst in der Richtung auf Santiago und Manzanillo eine Fortsetzung erhielte. Ein Teil des entwickelungsfähigen Hinterlandes von Jibara ist übrigens durch den für kleine Fahrzeuge schiffbaren Rio Jibara, der dem Berglande von Holguin entströmt, zu erreichen.

Von Jibara westwärts ändert sich mit der Physiognomie des Binnenlandes auch die Physiognomie der Küstenlandschaft. Die Bergketten -- auch hier noch aus tertiärem Kalkstein bestehend -- treten weiter und weiter von dem Meere zurück, und das unmittelbare Gestade ist flach und niedrig und von breiten Sandbänken begleitet, dergestalt, daß die im allgemeinen nicht höher als 1 ~m~ steigenden Springfluten öfters darüber hinwegschlagen. Ganz besonders ist dies der Fall an den Buchten von Padre, von Malagueta, von Manati und von Nuevas Grandes, durch die die Küste sich hier gliedert und in deren Umgebung nur einige unbedeutende Hügel über die mit üppigem Mangrove- und Palmenwuchs bedeckte Seestrandsniederung emporragen. Das Leben der Rallen, Reiher, Pelikane, Papageien, Manglarsänger u. s. w. mag hier noch bunter und reicher sein als bei Baracoa, und ebenso auch das Leben der Schildkröten, Krokodile und Seekühe und das Leben der zahllosen Insekten -- nicht zu vergessen den zur Nachtzeit prächtig leuchtenden Cucujo (~Pyrophorus noctilucus~) und die bösen Landplagen der Sandflöhe und Moskitos. Die Vorbedingungen für das Gedeihen namhafter Siedelungen sind aber in dieser Gegend entschieden schlechte, denn abgesehen davon, daß der Passatwind sich auch an den Einfahrten der Padre- und Manati-Bucht in keiner Weise als ein guter Handelswind -- ~trade wind~ -- bewährt, so fehlt es daselbst vor allem an gutem Baugrund und an gesundem Trinkwasser.

[Sidenote: Isthmus von Tunas.]

An dem Rio Naranjo, der in die Bucht von Manati mündet, sowie auch an dem Rio Cabreras, der sich erst in zahlreiche Arme spaltet und dann zur Bucht von Nuevas Grandes erweitert, streckt sich der Mangrovesumpf in breiten Streifen weit in das Binnenland, und wir sind geneigt, hierin eine Art Naturgrenze für den in vielfacher Beziehung eigenartigen Ostteil Cubas zu erblicken. Von Süden greift ja annähernd unter dem gleichen Meridian der große Golf von Guacanayabo (Manzanillo) gliedernd in den Inselkörper ein, und wenn der letztere an der fraglichen Stelle schon dadurch halsartig zusammengeschnürt erscheint, so ist dies durch die Sümpfe, die sich von Norden und Süden her einander entgegenerstrecken, mindestens verkehr- und kulturgeographisch in einem noch viel höheren Maße der Fall. Mit gutem Grunde hat das spanische Kolonialregiment also die Gegend östlich von der Zusammenschnürung (die wir als Isthmus von Jobaba oder Tunas bezeichnen) als eine besondere Provinz behandelt und zu Zwecken der Civilverwaltung nach der Hauptstadt Santiago, zu Zwecken der Militärverwaltung aber Departamento Oriental genannt, und der Geograph könnte den Ostteil Cubas beim Hinblicke auf das an einen schmächtigen Eidechsen- oder Fischkörper erinnernde Kartenbild der Insel recht wohl als ihren Kopfteil gelten lassen. Um diesen Ostteil aber so viel als möglich als ein zusammenhängendes Ganzes kennen zu lernen und seine Eigenart einheitlich zu beurteilen, brechen wir unsere Fahrt bei Nuevas Grandes bis auf weiteres ab -- wie dies Kolumbus seiner Zeit wenige Meilen weiter westlich that --, und wir wenden uns nach Baracoa zurück, um von dort aus das Kap Maisi zu umschiffen und von der Südseite her das Eindringen zu versuchen.

V.

[Sidenote: Südliches Baracoasches Bergland.]

Das Kap Maisi, in dem sich Cuba seiner Nachbarinsel Haiti bis auf 90 ~km~ nähert, ist unter dem augenscheinlichen Einflusse der gegen West gerichteten Meeresströmungen, die in der Windwarddurchfahrt vorherrschen, sandig und flach, und neben ihm liegen ausgedehnte Bänke, vor denen der Leuchtturm auf der Landspitze die Schiffer nicht umsonst warnt. Eine kleine Strecke weiter südwestwärts, gegen die Punta de Caleta hin, erhebt sich aber wieder dieselbe brandungbewegte Klippenwand aus Korallenkalk (Seboruco), welche wir an der Nordostküste kennen gelernt haben, und auch derselbe regelmäßige Stufenbau des Küstenlandes wie dort kommt wieder zum Vorschein. Über den drei oder vier Terrassenstufen und einige Kilometer weiter zurück erhebt sich zugleich auch wieder höheres Gebirge, mit ähnlichen Gipfelformen und Gipfelhöhen wie die Cuchillas de Baracoa, deren südliche Parallelkette es bildet. An manchen Orten, und je weiter man gegen Westen gelangt, desto allgemeiner, stürzt das Gebirge aber ohne die Vermittlung von Terrassen zum Meere ab -- in der Gestalt senkrechter, dunkler Felsenstirnen, wie es die Punta Negra und der Salto de Jojo (an der Mündung des gleichbenannten Flüßchens) sind, oder in der Gestalt von tafel-, sarg- und zuckerhutförmigen, von einfachen und doppelten Spitzen und von abgerundeten, zum Teil von mächtigen losen Felsblöcken gekrönten Kuppen, unter denen der Yunque de Seco (am Rio Seco), der Piedra de Sabana-la-Mar (am Rio Ocambo), der Pan de Baitiquiri und die Silla de Guantanamo besonders hervorstechen. Den genannten hohen Steilwänden fehlt die Pflanzenbekleidung beinahe gänzlich, die sanfter abgedachten Küstenberge aber sind durchgängig vom Fuße bis zum Gipfel mit Tropenwald bewachsen -- mit rundblätterigen Seestrandswinden und Seestrandstrauben (~Coccoloba uvifera~) neben Kokospalmen unten, und mit fiederblätterigen Mimosen- und Campechesträuchern, sowie mit Rohr-, Mucuja-, Kohl- und Königspalmen und mit Mahagoni-, Cedrelen-, Cassia-, Guajacum- und Büchsenholzbäumen höher hinauf, und ähnlich verhält es sich auch mit den Gebirgsketten, die in einer Gipfelhöhe von ungefähr 600 ~m~ 15-25 ~km~ landeinwärts der Küste parallel streichen -- in der Sierra de Imias, der Sierra Mariana und der Sierra de Vela. Der Höhlenreichtum, der das Kalksteingebirge auch hier auszeichnet, wird an verschiedenen Orten schon von der See aus bemerkbar -- vor allem in der gewaltigen Cueva de Pintado und in der Höhle der Punta Negra, in die das Meer ähnlich mächtig hinein brandet wie in die schottische Fingalshöhle. Man erkennt ohne weiteres, daß die ganze Gegend bis gegen den Sattelberg von Guantanamo hin nichts ist, als ein Teil des Baracoaschen Berglandes -- derselben von der Seite her treppenförmig aufsteigenden Kalksteintafel durch die atmosphärischen Gewässer ober- und unterirdisch zurecht gemeißelt, und unter der Wirkung der gleichen Regengüsse und der gleichen Sonnenglut auch dieselbe üppige Vegetation aus seinem Verwitterungsboden heraus treibend, die menschliche Kultur aber in arger Weise hemmend.

Auffällig und befremdlich muß man nach den Erfahrungen an der Nordküste die schlechte Gliederung der Südküste finden. Die Mehrzahl der ins Land einschneidenden Buchten ist klein und gegen Wind und Wellen von der See her weit geöffnet, und nur diejenigen von Baitiqueri und Escondido tragen einen ähnlichen Typus wie die Buchten von Baracoa, Tanamo u. s. w., so daß sie den Schiffen wirkliche Sicherheit gewähren. Leider lagern aber gerade vor ihren Eingängen eine Anzahl gefährlicher Korallenriffe, während solche sonst zusammen mit der korallenen Küstenwand und mit den darüber liegenden Terrassenstufen westlich von der Punta Negra so gut wie gänzlich fehlen. Wir können uns diese Abweichungen nicht anders erklären, als dadurch, daß an der Südküste ein beträchtlicher Teil des in der Tertiärzeit aus den Fluten aufgestiegenen Landes wieder hinabgebrochen ist in das angrenzende tiefe Meer, das Cuba von Haiti und Jamaica trennt.

[Sidenote: Die Bucht von Guantanamo.]

Eine gewaltige Bucht, die ihresgleichen an der Nordküste nur in der Bucht von Nipe hat, erstreckt sich aber hinter der Silla de Guantanamo über 25 ~km~ weit landein, und dieselbe läßt hinsichtlich der Bequemlichkeit und Sicherheit ihres Zuganges, sowie hinsichtlich der Tiefenverhältnisse und des Ankergrundes kaum irgend etwas zu wünschen übrig. Die Kraft des Passatwindes ist hier gebrochen, es wehen abwechselnd Land- und Seewinde, und nur in den Sommermonaten wühlen die heftigen westindischen Orkane das Meer außerhalb zeitweise furchtbar auf, das Eindringen in das Innere wehren den Sturmwogen aber auch dann die zahlreichen Landvorsprünge, die die Bucht auf das mannigfaltigste gliedern und in eine Außen- und Innenbucht (Caimamera- und Joabucht) scheiden. Zugleich tritt das höhere Gebirge daselbst weit in das Binnenland zurück, und es bleibt Raum für breite Thalebenen mit reichem Schwarzerdeboden, der durch die Vermischung des herbeigeschwemmten Verwitterungslehmes mit verwesten Pflanzenstoffen entstanden ist, und der von Natur einen beinahe undurchdringlichen tropischen Bruchwald trägt -- Mangroven, Fächer- und Federpalmen und von Farnkräutern, Orchideen und Melastomaceen überwucherte, sowie von Lianen umwundene Bäume und Sträucher der verschiedensten anderen Arten. An diesem Orte waren der tropischen Pflanzungskultur also wohl von vornherein noch viel günstigere Vorbedingungen gegeben als bei Holguin, und wenn die Besiedelung der Gegend bis zum Schlusse des vorigen Jahrhunderts über wenige dürftige Anfänge nicht hinausgekommen ist, so begreift sich dies nur daraus, daß es den Spaniern für die allseitige Nutzbarmachung der ihrem Scepter unterstehenden weiten Gebiete an Kolonisationskraft gemangelt hat. Als die Negerrevolution in Haiti ausbrach, da wandten sich aber die französischen Flüchtlinge zu allermeist in die Umgebung der Guantanamobucht, und durch ihren Fleiß und ihr Gärtnergeschick zählten die Zuckerrohr- und Kaffeepflanzungen am Rio Yateras, der sich östlich von der Bucht in das Meer ergießt, sowie auch am Rio Guaro und Rio Jaibo, die in die Bucht selbst münden, bald zu den größten und blühendsten der Insel, und die Stadt Guantanamo (6000 Einw.), bezugsweise sein mit ihm durch eine Eisenbahn verbundener Hafen Caimanera, gewann als Zuckerausfuhrplatz den Vorrang vor Santiago.

Im Westen von Guantanamo erhebt sich aus der Niederung ziemlich unvermittelt und steil ein Gebirge, das an Höhe und Schönheit alle bisher erwähnten weit übertrifft, wenn man seine Thal- und Gipfelformen auch vielleicht als ruhigere bezeichnen kann. Die Loma de la Canasta, der der Rio Jaibo entquillt, und die Loma del Indio südlich davon steigen bereits gegen 1000 ~m~ auf, der majestätische Blocksberg der Gran Piedra aber, weiter westlich, erreicht 1588 ~m~. Tertiäre Kalksteine nehmen auch an der Zusammensetzung dieses Gebirges teil, und in den lang gestreckten Mesas und Tafelbergen der Gegend von Santiago lassen dieselben auch den mehrfach berührten Stufenbau wieder erkennen, in hervorragenderer Weise bestimmen aber kretaceische Thon- und Sandsteine und Konglomerate, sowie alte Eruptivgesteine -- besonders Diorit -- das Gepräge der Landschaft, und die letzteren umschließen südöstlich von der Gran Piedra mächtige Eisen- und Manganerzablagerungen. Die Küste begleiten teils abgerundete Brotlaibberge (Lomas), teils steilwandige Tafelberge, und gute Ankerplätze gibt es an ihr nicht, zur Verschiffung der Eisenerze von Juragua ist aber bei Baiquiri eine große Kunsthafenanlage geschaffen worden. Im Juli 1898 benutzten die Amerikaner diese Anlage zur Landung ihrer Truppen, und Baiquiri (Nueva Salamanca), sowie die ganze westliche Fußhügelgegend der Gran Piedra bei Guasima und El Caney erlangte so durch den blutigen Entscheidungskampf, der daselbst ausgefochten wurde, historische Bedeutung.

[Sidenote: Santiago-Bucht.]