Part 4
Daß zwischen Cuba und den Vereinigten Staaten von Nordamerika enge Verkehrs- und Kulturbeziehungen entstehen mußten, sobald die beiden Länder auf einer höheren Stufe ihrer Entwickelung angelangt waren, erhellt bei der flüchtigsten Betrachtung ihrer geographischen Lage zu einander, und ebenso erhellt daraus auch, daß unter Umständen eine gewisse Gefahr für die spanische Kolonialherrschaft von der Union her drohen konnte. Den von verschiedenen Seiten gepredigten Glaubenssatz, als ob es ein unabwendbares Verhängnis -- oder, um mit dem amerikanischen Schlagworte zu reden: „~a manifest destiny~“ -- gewesen sei, wonach Cuba der politischen Machtsphäre der Vereinigten Staaten verfallen mußte, können wir aber nicht gelten lassen. Freilich ist wohl auch bei der Gebietsentwickelung der staatlichen Gemeinwesen jederzeit eine Art Gesetz von der Anziehung der Massen wirksam gewesen, aber so streng mathematisch und einfach wie bei den Himmelskörpern ist es dabei nie und nirgends zugegangen, und in zahlreichen Fällen hat im politischen Leben eine kräftige Fernewirkung eine nicht minder kräftige Nähewirkung gänzlich aufgehoben. Würde sonst wohl der Organismus des britischen Weltreiches Bestand haben können, und sollte man es sonst nicht viel eher für ein „~manifest destiny~“ erklären, daß das durch das Geäder des Rheinstromes mit Deutschland verbundene und auch sonst in jeder Weise verwachsene Holland dem deutschen Reichsgebiete eingefügt werden müsse? Der Meeresraum, welcher Cuba von der Nordamerikanischen Union trennt, ist immerhin noch wesentlich breiter als der Ostseeraum zwischen Stralsund und den südschwedischen Küstenplätzen, und wenn der letztere eine sogenannte Naturgrenze zwischen verschiedenen Kulturkreisen und Staatsgebieten bildet, so sollte man es wohl auch von dem ersteren erwarten dürfen. Wenn Schweden die fragliche europäische Naturgrenze eben seinerzeit außer Augen gesetzt und Stralsund nebst anderen Teilen Pommerns unter seiner Herrschaft gehalten hat, so konnte dies nur durch einen Gewaltakt geschehen, dem von Deutschland aus kein wohlorganisierter und wohlgeleiteter begegnete; und daß dies in dem Falle von Cuba ebenso war, ließe sich leicht im einzelnen nachweisen.
Gegen außen aggressiv und annexionslustig ist die Nordamerikanische Union von ihren ersten Anfängen an gewesen -- nicht weniger als die verschiedenen Monarchien Europas --, und hinsichtlich Cubas hat vor allen Dingen schon Thomas Jefferson, der geistreichste und schärfstblickende unter den amerikanischen Präsidenten, erklärt, daß die Erwerbung der Insel seitens der Union der Abrundung und Sicherung ihrer Grenzen, sowie ihrer ganzen zukünftigen Entwickelung halber außerordentlich wünschenswert sei. Nach ihm aber ist der Wunsch, des Nachbars Weinberg zu besitzen, in der Union ganz besonders lebendig gewesen, als die südliche Sklavenhalterpartei darauf bedacht sein mußte, sich ihren nördlichen Anfechtern gegenüber so viel als immer möglich zu verstärken. Präsident Polk, der auch den bekannten Eroberungskrieg gegen Mexico führte, machte damals Spanien das Anerbieten, die Insel für 100 Millionen Dollars kaufen zu wollen, und als dasselbe stolz zurückgewiesen worden war, da brauchte James Buchanan in amtlicher Botschaft zum erstenmale das Wort von der „~manifest destiny~“ Cubas, der Kongreß zu Washington aber faßte den ausdrücklichen Beschluß, die Insel mit Waffengewalt zu erobern, falls ihre gütliche Abtretung gegen eine Entschädigungssumme des weiteren verweigert werde. Und dies alles geschah zu einer Zeit, wo Cuba unter dem spanischen Regiment wirtschaftlich auf das höchste prosperierte, und wo daselbst außer dem Rassenzwiespalt keinerlei erhebliche Schwierigkeit für die spanische Verwaltung bestand.
In der Folge hat sich die Exekutive der Unionsregierung eine größere Zurückhaltung in der cubanischen Frage auferlegt, und namentlich hat sie während des ganzen zehnjährigen Aufstandes von 1868-1878, sowie auch während der ersten Jahre des soeben beendeten Aufstandes die Pflichten der Neutralität in gewisser Weise zu erfüllen gesucht. Da die Fähigkeiten und Befugnisse des Präsidenten in dieser Beziehung sehr beschränkte sind, so war damit aber für Spanien wenig gewonnen, und in den gesetzgebenden Körperschaften, sowie in der Presse und in den Volksversammlungen jeder Art war von der Einverleibung Cubas in die Union oder doch von der Notwendigkeit, die Insel von der spanischen Herrschaft zu befreien, nach wie vor sehr laut die Rede -- unter stetem Hinweis auf die Monroedoktrin, nach der Amerika die ausschließliche Domäne der „Amerikaner“ sein soll. Thatsächliche Hilfe leisteten die Unionsbürger den Insurgenten nicht bloß in der Gestalt von Geldsammlungen, sondern auch in Gestalt von wohlausgerüsteten Flibustierexpeditionen, und wenn die letzteren, in denen die Insurrektion ihren eigentlichen Lebensnerv hatte, gelegentlich von der Regierung ergriffen wurden oder in spanische Hände gerieten, so wurde amtlich immer dafür gesorgt, daß den Mitgliedern kein ernster Schaden daraus erwuchs. Die cubanische Junta aber, der die oberste Leitung der Aufstände oblag, erfreute sich in New York und Washington der weitgehendsten Duldung und der sorgsamsten amtlichen und außeramtlichen Pflege. Nur so war es möglich, daß der Aufstand von 1868 sich über die ganze Insel verbreitete und zum Unheile für das Wirtschaftsleben und die Finanzen Cubas zehn volle Jahre währte, und nur so nahm auch der neueste Aufstand den für Spanien und für die cubanischen Reconcentrados verhängnisvollen Charakter an. Spanien hatte dem ganzen Treiben gegenüber, bei dem auch das ehrlichste Bemühen von seiner Seite nichts fruchten konnte, nur schwachmütige Proteste und Vorstellungen, und der letzte entscheidende Schlag, den seine Gegner nach der bekannten, durch das amerikanische Gutachten in keiner Weise genügend aufgeklärten Maineexplosion ausführte, traf es gänzlich unvorbereitet. Was wunder, daß die Streitkräfte der Union bei Manila und Santiago ihre raschen und leichten Siege errangen, und daß diese Siege hinreichten, den Amerikanern ganz Cuba und dazu auch den übrigen spanischen Kolonialbesitz auf Gnade und Ungnade zu überantworten!
[Sidenote: Cubas Verlust für Spanien.]
In welcher Weise die Cubanerkolonien zu New York und Key West, in denen von Anfang an politische Flüchtlinge und Vertriebene (Creolen ebenso wie Mulatten) den Hauptbestandteil ausmachten, mithalfen, die „~manifest destiny~“ Cubas herbeizuführen, bedarf keiner weiteren Ausführung. Dagegen ist es vielleicht nicht überflüssig, zu betonen, daß auch die Mißgriffe der spanischen Zollgesetzgebung viel dazu beigetragen haben, die spanische Position auf Cuba mehr und mehr zu einer schwer haltbaren zu machen. Vor allen Dingen würdigten die spanischen Staatsmänner in dieser Beziehung nicht die hohe handelspolitische Bedeutung der sogenannten Rimessen, und während sie die cubanische Einfuhr dem Mutterlande so viel als möglich zu erhalten suchten, so lenkten sie die Ausfuhr des Zuckers, des Tabaks, der Erze und der Früchte mit Rücksicht auf die unmittelbaren Vorteile systematisch nach den Unionshäfen, dabei nicht bedenkend, daß sie ihre Kolonie auf diese Weise mehr und mehr in wirtschaftliche Abhängigkeit von der Union brachten. Es gingen so Anfang der neunziger Jahre 80 bis 90 Prozent des cubanischen Zuckers nach New York, Philadelphia, Baltimore u. s. w., und dazu auch mehr als 60 Prozent des Blättertabaks und gegen 50 Prozent der Cigarren. Einerseits gewannen dadurch aber die amerikanischen Zucker- und Tabakspekulanten einen tiefgreifenden Einfluß in den cubanischen Angelegenheiten, um gleich den gewissenlosen spanischen Beamten „im Trüben zu fischen“, und andererseits erlangte dadurch die Unionsregierung auch einen Schein des Rechtes für ihre Einmischungspolitik. Präsident McKinley durfte so, als er infolge der Mainekatastrophe dem amerikanischen Volkswillen hinsichtlich Cubas die Zügel schießen lassen mußte, aller Welt verkünden, daß er nicht bloß im Interesse der Humanität -- um den von seinem Lande her fünfzig Jahre lang geschürten furchtbaren Brand auf Cuba zu dämpfen --, sondern auch im Interesse des geschädigten Handels der Union die Waffen gegen Spanien ergreife.
Wenn Cuba in der angedeuteten Weise durch eine Verkettung historischer Verhältnisse und durch einen von langer Hand vorbereiteten Gewaltakt in seine augenblickliche Lage gelangt und für Spanien verloren gegangen ist, so versteht es sich von selbst, daß es einer weiteren Verkettung historischer Verhältnisse und wahrscheinlich auch weiterer Gewaltakte bedürfen wird, sein ferneres Schicksal zu gestalten. Die der Insel zu stellende Prognose ist in dieser Hinsicht eine sehr schwierige. Zur Zeit sind nicht die Creolen die Herren der Situation auf Cuba, sondern die Amerikaner von der Union, und angesichts des Rassenzwiespaltes, der auf der Insel vorhanden ist, muß man dies als ein Glück bezeichnen. Eine Reihe weiterer blutiger Auseinandersetzungen und eine Fortdauer der Verwüstungen würde sonst kaum zu vermeiden sein. Im übrigen wird es aber sehr darauf ankommen, welches die Hauptfaktoren sein werden, die nunmehr von der Union her gestaltend in das cubanische Wirtschafts- und Kulturleben eingreifen; ob die großen Zucker- und Tabakspekulanten und Professionspolitiker, denen Gewissen und Anstand in keinem geringeren Maße abgeht als den schlechtesten spanischen Verwaltungsbeamten, und denen es so wenig als diesen darauf ankommen würde, die in ihre Hände geratene goldene Gans zu würgen und zu mißhandeln, um eins von ihren goldenen Eiern zu erlangen; oder die Klasse der rechtschaffenen Leute und Idealisten, die an eine höhere Kulturmission ihrer großen Republik glauben, und denen es allen Ernstes darum zu thun ist, allerorten, wo das Sternenbanner weht und wo der amerikanische Adler seine Fittiche ausbreitet, so viel als auf Erden eben möglich, Gefilde der Glücklichen zu schaffen und Freiheit, Recht und Menschenwürde zur Anerkennung zu bringen.
Soweit die geographischen Verhältnisse die zukünftige Entwickelung Cubas mitbestimmen werden, sparen wir uns die Schlüsse der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf für die nachfolgenden Abschnitte, in denen wir an der Hand unserer eigenen Anschauungen, sowie an der Hand der besten vorhandenen Informationsquellen im Geiste eine Umsegelung der Insel, sowie eine Reihe von Streifzügen quer durch sie hindurch unternehmen wollen.
[2] Das meiste thaten in neuerer Zeit zur Förderung der wissenschaftlichen Landeskunde Ausländer, Deutsche und Amerikaner: J. Gundlach, der die Insel 54 Jahre lang in den verschiedensten Teilen und Richtungen durchstreifte, um vor allem ihre tiergeographischen Verhältnisse in umfassender Weise klar zu legen, A. Grisebach, der auf Grund der von dem Amerikaner C. Wright gemachten Sammlungen seinen „~Catalogus plantarum Cubensium~“ (1866) zusammenstellte, und Alexander Agassiz, R. T. Hill und J. W. Spencer, die die Grundzüge der geologischen Entwickelungsgeschichte der Insel und den Anteil der Korallentierchen an ihrem Aufbau festzustellen suchten.
IV.
[Sidenote: Dampferlinien nach Cuba.]
Unter den großen Weltverkehrsbahnen, die nach Cuba streben, waren bis auf den heutigen Tag vor allen Dingen zwei bedeutsam: die, welche von Cadiz ihren Ausgang nimmt -- nicht weit von der denkwürdigen Bucht von Huelva, von der Kolumbus zu seiner ersten Entdeckerfahrt aufbrach --, und die, welche ihren Anfangspunkt in New York hat. Auf ihnen vollzog sich bislang der weitaus größte Teil der Güter- und Personenbewegung, die zwischen der westindischen Hauptinsel und den anderen Erdgegenden hin und her flutete. Die erstere, gegen 3800 Seemeilen lange Bahn entspricht den althergebrachten Beziehungen zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande, die durch die geschichtliche Großthat des Kolumbus eingeleitet wurden und durch sie wohl genug legitimiert waren. Diese Linie berührt bei San Juan Puertorico, die kleinste der Großen Antillen, um sodann der Küste von Haiti entlang und durch den Alten Bahamakanal nach Habana oder durch die Monadurchfahrt (zwischen Puertorico und Haiti) oder Windwarddurchfahrt (zwischen Haiti und Cuba) nach Santiago zu führen. Die letztere Bahn aber, die nur etwa 1200 Meilen lang ist, erklärt sich zur Genüge daraus, daß die Nordamerikanische Union unter den großen wirtschaftlichen und politischen Gemeinwesen der Erde das Cuba am nächsten benachbarte ist, und daß die beiden Länder sich hinsichtlich ihrer Produktionsverhältnisse in gewisser Weise wechselseitig ergänzen; und sie erscheint von Anfang als eine Doppelbahn, bezugsweise als ein Doppelgeleis, indem der Schnellverkehr der Personen und Nachrichten sich vorwiegend von New York über Land nach Tampa in Florida und fernerweit über Key West nach Habana bewegt, der Güterverkehr aber durch die Floridastraße nach Habana, Matanzas, Cardenas, Sagua und Remedios oder durch die Durchfahrten des Bahamaarchipels (besonders die Crookedpassage) nach den nordöstlichen und südlichen Häfen Cubas. Alle anderen Verkehrsbahnen nach Cuba, und besonders auch die von Hamburg, Bremen, Liverpool, Bordeaux und New Orleans, sowie von den westindischen Nachbarinseln ausgehenden, können nur als Nebenbahnen gelten. Die wichtigste und belebteste davon ist aber die von Hamburg über St. Thomas nach Habana.
[Sidenote: Umgebung von Baracoa.]
Dem Reisenden, der sich Cuba auf der zuerst bezeichneten Bahn nähert, zeigt die Insel ein überaus eindrucksvolles und typisches erstes Bild. Ein stattlicher Tafelberg taucht vor seinen Blicken aus den Fluten auf -- der Yunque (Amboß) von Baracoa, der den Schiffern weithin als unverkennbares Wahrzeichen dient. Und indem der Kurs sich auf den kleinen Hafenplatz Baracoa zu lenkt, erscheinen dahinter in der Ferne scharfgeschnittene andere Bergzacken -- die Cuchillas de Baracoa --, die gegen die Ostspitze der Insel, das Kap Maisi, niedriger und niedriger werden. Allmählich hebt sich dann auch das Vorland jener Berge deutlicher heraus, und das Auge unterscheidet drei merkwürdig regelmäßige Terrassenstufen, aus denen sich dasselbe aufbaut. Die ganze Landschaft aber prangt in dem Schmucke einer reichen Tropenvegetation, und vor allen Dingen winkt von allen Berghängen die ebenso anmutige als majestätische Königspalme (~Oreodoxa regia~) herab -- der eigentliche Charakterbaum Cubas, den der palmenkundige Alexander von Humboldt einen der schönsten seines Geschlechtes nennt (Abb. 26 und 27). Brächten die üppige Vegetation und der Stufenbau des Landes nicht fremdartige Momente in das Bild, so könnte es wohl an die südeuropäischen Küstenbilder gemahnen.
[Sidenote: Bucht von Baracoa.]
Die unterste Terrassenstufe erhebt sich im allgemeinen als eine gegen 10 ~m~ hohe, steile Klippenwand aus der See und erweist sich bei näherer Betrachtung als ein reiner Korallenbau. Ungezählte Millionen von Astraeen, Maeandrinen, Poriten, Madreporen, Colpophyllien, Orbicellen u. s. w. von derselben Art, wie sie heute noch um die Bahamainseln, um Südflorida und um Cuba herum ihr wunderbares Wesen treiben, haben daran gearbeitet, ihn zustande zu bringen. Die von dem herrschenden Nordostpassatwinde, noch mehr aber von dem öfters einbrechenden starken Nordwestwinde („Norte“) gepeitschten Wogen schäumen in wilder Brandung an der Klippenwand hoch auf. Das zierliche Gefüge der Korallenzellen bewährt sich dabei aber als ein viel festeres und widerstandsfähigeres, als man glauben sollte, und das Zerstörungswerk, das die Brandung daran treibt, erscheint dem Auge als geringfügig. Verwettert genug sieht die Seefront allerdings aus, und eine einsame Felsenbank am Eingange in die Bucht von Baracoa, der sogenannte Buren, bekundet, daß die Klippe einst weiter vorsprang und daß ein Teil des natürlichen Wogenbrechers aus Korallenkalk, der die Bucht vor dem Seegange schützte, zusammengebrochen und weggewaschen ist. Heute ist die Öffnung der Bucht infolgedessen eine weitere, als den Schiffern, die darin zu verkehren haben, lieb sein kann, und die beiden angegebenen Hauptwinde der Gegend treiben häufig eine schwere See in sie hinein. Das von den Wellen zerriebene Trümmermaterial nebst den vom Lande herabgespülten Sedimentmassen aber ist an den Rändern der Bucht in der Gestalt eines sandigen Strandes zur Ablagerung gekommen, und der in sie mündende Macaguaniguafluß wird durch das so entstandene, von Mangrovegebüsch (Manglar) bewachsene Schwemmland auf einer beträchtlichen Strecke abgedämmt, so daß er in weitem Bogen hart an ihr entlang fließt, ehe er in ihrem geschütztesten östlichen Winkel seinen Ausgang findet. Vor der Flußmündung schwimmen gravitätisch graue Pelikane hin und her, am Ufer stehen ihrer Beute harrend kleine weiße und bläuliche Reiher (~Ardea occidentalis~ und ~Ardea coerulea~), und aus dem Gebüsch heraus ertönt der Gesang des Canario de Manglar (~Dendroica petechia~) und des westindisch-nordamerikanischen Spottvogels (~Mimus polyglottus~), dessen Stimme Kolumbus für Nachtigallengesang nahm.
An der Oberfläche ist die unterste Terrassenstufe mit einer dünnen Schicht von Roterde (~tierra colorada~) bedeckt, zum Teil überstreuen Korallenfelsbruchstücke nach Art deutscher Feldsteine den Boden, und das hier und da zu Tage stehende Grundgestein erscheint allenthalben bienenwabenähnlich zerlöchert und zerfressen -- unverkennbare Zeugnisse davon, daß die mächtigen cubanischen Regengüsse so wenig ohne Wirkung auf sie geblieben sind wie die Meeresbrandung.
Die höheren Stufen, die nur eine kleine Strecke weiter landein liegen, bestehen aus weißem, gelbem und rötlichem Kalkstein jung- und mitteltertiären Alters, in dem korallines Gefüge nur stellenweise sichtbar wird, und ebenso ist es auch mit den darüber aufragenden Bergstöcken und Bergketten, vor allem mit dem Yunque, den bisher nur wenige Reisende erklommen haben. Zwar ist die Erhebung des letzteren über den Meeresspiegel nur eine mäßige (556 ~m~), gleich zahlreichen anderen cubanischen Bergen stürzt derselbe aber ringsum mit jähen, teils von dichtem Waldwuchse bekleideten, teils völlig kahlen Wänden und Hängen zur Tiefe, und sein flacher Gipfel ist nur auf einem einzigen schwierigen Pfade erreichbar. Daß die Wettergeister der Tropen auch an der Zerstörung des Yunque rastlos thätig sind, verraten einesteils die weithin leuchtenden kahlen Wände, die ihren Ursprung samt und sonders unlängst stattgehabten Bergstürzen verdanken, anderenteils aber auch die mächtigen Trümmermassen, die den Fuß umlagern, und man kann sich angesichts dieser Wände und Trümmer und angesichts einer einzigen Regenflut, die auf sie niedergeht, des Gedankens nicht erwehren, daß der schöne Bergstock nichts anderes ist, als die zur Zeit noch stehen gebliebene Ruine einer viel ausgedehnteren Kalksteintafel, bezugsweise der Überrest einer höchsten Terrassenstufe, die die übrigen Stufen weit überragte. Die niedrigen Berge der Gegend, wie der Monte de Santa Teresa (210 ~m~) und der Monte Majayara (160 ~m~), östlich von Baracoa, ergeben sich dann als die Reste von Zwischenstufen. Betreffs der Bildungsgeschichte von Cuba aber scheint das ganze Landschaftsbild von Baracoa lehren zu wollen, daß die Insel seit der mittleren Tertiärzeit ruckweise und mit langen Ruhepausen höher und höher aus dem Meere emporgetaucht oder daß der Meeresspiegel an ihrem Gestade in solcher Weise gesunken ist. Das letztere für das Wahrscheinlichere zu halten, könnte man namentlich im Hinblick auf den vollkommen horizontalen Verlauf der korallinen Küstenwand geneigt sein.
[Sidenote: Kulturen bei Baracoa.]
In allen Einsenkungen und Thalungen auf den höheren Terrassen und zwischen den Bergen lagert eine mehr oder minder mächtige Schicht von Roterde, die als das schließliche Verwitterungsprodukt des Kalksteins dahin geschwemmt worden ist, und vor allen Dingen: diese Roterdestrecken tragen eine artenreiche und hochstämmige tropische Vegetation. Insbesondere sind dieselben die Stätten, wo die Hauptkulturen der Gegend gedeihen: die schattigen Kokospalmenhaine (Abb. 28), die sonnigen Ananasfelder (Abb. 29), die üppigen Bananenpflanzungen (Platanales, Abb. 30) und die Kakao-, Orangen- und Mangogärten, aus denen hier und da eine leicht gebaute, von Negern oder Creolen bewohnt, Palmpfahl- und Palmstrohhütte (Bohio) hervorblickt.
Die Stadt Baracoa (6000 Einw.), die am östlichen Winkel ihrer Bucht auf der untersten Terrassenstufe steht, während der den Hafeneingang bewachende alte Festungsbau die zweite Terrasse krönt, verdient als die älteste Stadt Cubas und als eine der ältesten und ehrwürdigsten Städte der gesamten Neuen Welt Beachtung. Schon Christoph Kolumbus, der den Hafen Puerto Santo nannte, weilte hier länger als an anderen Punkten der cubanischen Nordostküste, und er knüpfte hier seine ersten engeren Beziehungen zu den Eingeborenen; Diego Velasquez aber gründete hier die erste spanische Niederlassung im Jahre 1512. Wegen seiner gegen die Bahamas und gegen Haiti, sowie gegen Europa vorgeschobenen Lage und wegen seiner daraus sich ergebenden leichten Verbindung mit dem Mutterlande und mit dem übrigen westindischen Kolonialbesitze schien der Ort den Spaniern eben als Stützpunkt ihrer Herrschaft über die Insel ganz besonders geeignet, und eine gewisse strategische Bedeutung könnte man im Hinblick auf die Windwarddurchfahrt, auf die Hauptdurchfahrten des Bahama-Archipels (die Caicos-, Mariguana- und Crookedpassage) und auf den Alten Bahamakanal füglich auch heute noch geltend machen. Als Eingangspforte in das Innere von Cuba konnte Baracoa aber immer nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil die steilhängigen, wild zerklüfteten Gebirge wenige Meilen süd- und westwärts nur unter großen Mühsalen übersteiglich und ihre Thäler der Kultur in sehr beschränktem Umfange zu gewinnen sind. Velasquez selbst wandte sich daher auch bald wieder von ihm weg und verlegte den Regierungssitz nach Santiago, und die Rolle, welche Baracoa als Handelsplatz gespielt hat, ist immer eine bescheidene geblieben. Belangreich ist in der Gegenwart nur seine Ausfuhr von Ananas und Bananen, sowie von Kokosnüssen und Kokosöl, und die kleinen Dampfer und Schoner, die in dem Hafen Ladung nehmen, verkehren beinahe ausschließlich nach der großen nordamerikanischen Welthandelsmetropole New York. Um höheren Bedürfnissen zu genügen, würde der Hafen sehr der künstlichen Verbesserung bedürfen, sowohl weil der in ihn hineinwirkende Seegang den vor Anker liegenden Schiffen unmittelbar verderblich werden kann, als auch, weil er durch das Spiel der Wellen und den einmündenden Strom in fortschreitender Versandung begriffen ist.
[Sidenote: Baracoasche Küstenlandschaft.]