Cuba

Part 3

Chapter 33,025 wordsPublic domain

Die Gefährlichkeit des Zwiespaltes wurde aber auf Cuba noch sehr bedeutend erhöht dadurch, daß die spanische Regierung sich bei ihrer Politik immer rückhaltslos auf den Einwanderernachschub aus dem Mutterlande gestützt und die höheren Verwaltungsämter vorwiegend mit Spaniern von Geburt besetzt hat. Dabei mußte den Creolen wohl oder übel viel schweres Unrecht geschehen, auch wenn die Beamten jederzeit wirklich fähige und moralisch fleckenlose Männer gewesen wären, was nicht behauptet werden kann. Das ganze Hispaniertum aber mußte den Creolen als eine wohlorganisierte Macht erscheinen, die in erster Linie darauf ausging, sie zu bedrücken, und das schöne Land, das sie kraft ihrer Geburt als das ihrige ansahen, in jeder Weise auszusaugen. Naturgemäß strebten sie also gleichfalls danach, sich zu organisieren, und in den Geheimbünden der „Soles de Bolivar“ (1823) und der „Aguila Negra“ (1829) zielte dieses Streben bereits auf die Beseitigung der spanischen Herrschaft ab, während es in der von Narciso Lopez geleiteten Erhebung von 1848-1851 für diese Herrschaft zum erstenmale wirklich bedrohlich wurde. Die spanische Regierung hat demgegenüber ihr Heil darin gesucht, daß sie den Generalstatthalter von Cuba mit diktatorischer Gewalt bekleidete, daß sie das Versammlungs- und Vereinsrecht, sowie das Recht der Presse in engen Schranken hielt, daß sie eine starke militärische Besatzung auf die Insel warf (in Friedenszeiten bis 30000 und in Kriegszeiten bis 200000 Mann), daß sie die vorwiegend aus Einwanderern zusammengesetzte Truppe der sogenannten Freiwilligen („Voluntarios“) schuf, daß sie zahlreiche Verschwörer und politischer Umtriebe Verdächtige aus dem Lande verwies und daß sie in den Zeiten des Aufruhrs unbedenklich zu Masseneinkerkerungen und Massenhinrichtungen schritt. Wir erinnern in letzterer Hinsicht namentlich an das Erschießen der acht Studenten von der Universität Habana (1871) und der 53 Leute von dem amerikanischen Dampfer Virginius (1873). Der Erfolg, den die Regierung mit diesen Maßregeln gehabt hat, ist aber ein sehr schlechter gewesen, und zu Zeiten sind ihr die Zügel dabei völlig aus der Hand geraten, um von dem „Casino Español“ (dem „Spanischen Vereine“), sowie von den „Voluntarios“, also von den Einwanderern selbst, ergriffen zu werden. Wurde doch sowohl ein General Dulce (1870) als auch ein Marschall Campos (1896) von ihnen zum Rücktritt und zur Rückkehr nach Spanien gezwungen, als sie ihnen nicht scharf und rücksichtslos genug gegen die Insurgenten vorzugehen schienen, und feuerten doch die Voluntarios ohne jeden Befehl auf die Besucher des Villanueva-Theaters. Als der große Aufstand von 1868-1878 durch den Vertrag von Zanjon beigelegt war, suchte die Regierung zu Madrid den inneren Frieden und die Ordnung auf Cuba dadurch zu befestigen, daß sie die Insel für eine spanische Provinz erklärte und ihr als solcher „alle Freiheiten Spaniens“ zugestand, und seit dieser Zeit haben 16 cubanische Senatoren und 30 Abgeordnete in den spanischen Cortes Sitz und Stimme gehabt. Den Wünschen und Ansprüchen der Creolen ist aber auch damit keine Genüge geschehen, denn trotz der viel geringeren Zahl der Peninsulares, die zu derjenigen der Creolen etwa wie 1 : 4 stehen dürfte, haben diese bei den Wahlen in der Regel den Sieg davongetragen, und überdies haben die Vertreter Cubas natürlich in den Cortes niemals etwas anderes darstellen können, als eine kleine Minorität, die einen entscheidenden Einfluß betreffs des Schicksals der Insel unmöglich geltend machen konnte. Es kam daher im Februar des Jahres 1895 zu einer neuen großen Erhebung, und der Katastrophe, die dadurch herbeigeführt worden ist, hat die Bewilligung einer weitgehenden Autonomie -- nach Art der canadischen --, zu der sich die spanische Regierung endlich entschloß, nicht mehr begegnen können. Daß die hervorragendsten und energischsten Führer in diesem letzten Kampfe meist keine cubanischen Creolen waren, sondern Mulatten und Ausländer -- Maximo Gomez Dominganer, Suarez Mexicaner, Roloff Pole, Vargasa Chilene, Castello Colombaner u. s. f. --, ist bekannt. Das steht in vollkommenem Einklange mit dem geschilderten Nationalcharakter und war in den vorausgegangenen Insurrektionskämpfen auch nicht anders, denn Narciso Lopez war Venezuelaner, und Maximo Gomez bewährte sich auch schon in den Jahren 1873 bis 1878 als der scharf blickende, verwegene und rücksichtslose, mit seinen eigenen Kampfmitteln, sowie mit der Gefechtsart seiner Gegner und mit der tropischen Landesnatur wohlvertraute Obergeneral. Echte cubanische Creolen waren dagegen die Häupter der republikanischen Regierung des „Freien Cuba“ („Cuba Libre“) -- S. Cisneros und B. Masso --, die sich während des Kampfes schattenhaft im Hintergrunde gehalten haben, sowie die überaus rührigen Vertreter dieser Regierung in Washington und New York -- Estra da Palma und Gonzalez de Quesada --, und die große Masse der Creolen ließ den Aufständischen allenthalben, wo sie konnte, gern jede geheime Förderung und Unterstützung zu teil werden, dadurch der aufgebotenen Militärmacht der Spanier ohne Zweifel ungleich gefährlicher, als wenn sie ihr im offenen Felde gegenüber gestanden hätte.

[Sidenote: Chinesen, Amerikaner und Engländer.]

Die chinesischen Kulis, deren Zahl sich zur Zeit etwa auf 50000 (gegen 3 Prozent der Gesamtbevölkerung) beläuft, haben den Zweck, zu dem sie seit 1847 eingeführt worden sind, im allgemeinen gut erfüllt und sich in den Zuckerrohrpflanzungen und Zuckerfabriken als geschickte und fleißige Arbeiter bewiesen, so daß das Fortblühen des wichtigsten cubanischen Wirtschaftszweiges ihnen in sehr bemerkenswertem Maße mit zu verdanken ist. Reichtümer haben sie aber unter den obwaltenden Verhältnissen als Plantagenarbeiter ebensowenig gesammelt als in anderen Geschäftsbetrieben, denen sie sich nach Ablauf ihres Kontraktes etwa zuwandten -- als Handwerker, Gemüsegärtner, Straßenverkäufer (Abb. 24) u. s. w. --, und zu dem cubanischen Proletariate stellen sie eine auffällig große Anzahl der allerelendesten und beklagenswertesten Bettlerfiguren. Loyalität dem spanischen Regiment gegenüber war natürlich von ihnen noch weniger zu erwarten als von den Negern, Mulatten und Creolen, und da sie in politischer Beziehung einfach mit dem Strome schwimmen, so sind sie auch in dem Insurgentenheere verhältnismäßig stark vertreten gewesen, zwar nicht unter den Kämpfern, wohl aber unter den Köchen, Trägern und dergleichen.

Eine ungleich bedeutsamere Rolle haben aber in der neuesten Phase der Kulturentwickelung Cubas die weißen Nichtspanier gespielt, die auf der Insel ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben, wenn deren Zahl sich insgesamt auch nur auf etwa 11000 beläuft. Dieselben haben sowohl einen großen Teil der Kapitalkraft in dem cubanischen Wirtschaftsleben vertreten, als auch zugleich einen großen Teil des darin wirksamen Unternehmungsgeistes, und sie sind es deshalb in ganz hervorragender Weise gewesen, die seinen eigentlichen Niedergang verhindert haben. Vor allem gilt dies von den Amerikanern aus der Union, die bei den regen Handels- und Verkehrsbeziehungen ihres Landes zu Cuba besonders stark darunter vertreten sind und in deren Händen sich nicht bloß zahlreiche, mit Maschinen auf das vorzüglichste ausgestattete Ingenios befinden, sondern auch die schwungreich betriebenen Eisen- und Manganerzminen, sowie verschiedene große Südfruchtpflanzungen. Nicht minder gilt es aber auch von den Deutschen, deren Kolonie zu Habana die stattlichste nichtspanische Kolonie der ganzen Insel ist, und die namentlich einen beträchtlichen Teil der Tabakverarbeitung und Tabakausfuhr sowie der Zuckerausfuhr bewirken. Engländer leben zwar nur wenige auf Cuba, ihr Kapital ist aber bei dem Baue und Betriebe der cubanischen Eisenbahnen in der hervorragendsten Weise beteiligt. In den Revolutionswirren haben die weißen Nichtspanier sich der aktiven Parteinahme um so leichter enthalten können, als sie vorwiegend in den Städten oder doch außerhalb der Machtsphäre der Aufständischen lebten. Dies hat aber nicht verhindert, daß sie an den Mißständen der Verwaltung gelegentlich sehr herbe, zum Teil vielleicht ungerechte Kritik übten, und von dem amerikanischen Elemente könnte man in dieser Beziehung sogar behaupten, daß es dadurch ein Wesentliches mit dazu beigetragen habe, die letzte große Katastrophe heraufzubeschwören. Die amerikanischen Konsuln waren jedenfalls so gut wie ausnahmslos entschiedene Parteigänger der Insurrektion.

III.

[Sidenote: Rückgang der Zuckerpreise und der Tabaksindustrie.]

Weitere Schwierigkeiten für die Kulturentwickelung Cubas und für die volle Geltendmachung der ihm inne wohnenden Fähigkeiten haben sich aus der fortschreitenden Entwertung seiner beiden Hauptstapelerzeugnisse ergeben. Dem Rohrzucker ist in dem Rübenzucker ein übermächtiger Konkurrent erstanden, und die Zuckerpreise sind dadurch gegen früher auf ihren vierten oder fünften Teil gesunken. Den Pflanzern blieb dabei ein spärlicher oder unter Umständen wohl gar kein Gewinn, und viele würden die Kultur sicherlich ganz aufgeben, wenn sie sich nicht durch die beschriebenen Arbeiterverhältnisse und durch den aufgebotenen kostspieligen Apparat der Maschinen und Baulichkeiten gezwungen sähen, auf der einmal betretenen Bahn zu beharren. Hat doch die Einrichtung mancher cubanischer Ingenios mehr als eine Million Dollars gekostet. Wie ungünstig die Notlage der Pflanzer auf die Lage der übrigen Volksklassen, und besonders auf die Lage des weißen und farbigen Proletariats zurückwirkte, ist aber ohne weiteres zu ermessen: die Löhne der Pflanzungsarbeiter wurden niedrigere, der Luxus und der Geldaufgang in den Städten schwand, es bot sich in Land und Stadt seltener Arbeitsgelegenheit, und die Zahl der Bettler und Desperados mehrte sich in erschreckender Weise. Das war auf den anderen westindischen Zuckerinseln, und vor allem auf denen, die der britischen Krone unterstehen -- auf St. Christopher, Antigua, Barbados u. s. w. -- genau ebenso. Dort betraf die allgemeine Verarmung aber viel kleinere Volksmassen, deren Klagen leichter überhört wurden und denen es zu bedrohlichen politischen Demonstrationen sowie zu bewaffneten Aufständen gegen das vermeintliche oder wirkliche Mißregiment an der Kraft fehlte. Auf Cuba war das anders, und dort hat die Zuckerkrise zweifellos ganz wesentlich mit dazu beigetragen, daß der letzte Aufstand die bekannte gewaltige und für Spanien verhängnisvolle Ausdehnung angenommen hat.

Nicht viel besser als um die Zuckerindustrie war es übrigens in den letzten Jahrzehnten um die cubanische Tabakindustrie bestellt, und an diesem Erwerbszweige hing ebenfalls unmittelbar oder mittelbar das Wohl und Wehe von einem starken Bruchteile der Inselbevölkerung. Das Volumen der Ernte und die Güte des Erzeugnisses hielt sich zwar trotz der Erschöpfung weiter Anbaustrecken im allgemeinen auf der alten Höhe, die damit erzielten Preise wurden aber durch die Konkurrenz anderer Tabakländer (Sumatras, Manilas, Mexicos) immer gedrückter, und dem zu Cigarren und Cigaretten verarbeiteten Kraut wurden durch die Schutzzollsätze der Absatzgebiete (der Vereinigten Staaten, Deutschlands u. s. w.) in beträchtlichem Umfange der Eingang verwehrt, so daß die Zahl der ausgeführten Cubacigarren von 250,5 Millionen im Jahre 1889 auf 147,4 Millionen im Jahre 1893 sank. Dabei war die Tabakbauerbevölkerung sowie auch die Cigarrenarbeiterbevölkerung von jeher eine ganz besonders stark zur Illoyalität geneigte Volksklasse, und Tabakunruhen sind bereits in den ersten Jahrzehnten des XVIII. Jahrhunderts zu verzeichnen gewesen.

[Sidenote: Wachsen der Schulden.]

Sehr schlimm war es sodann für Cuba und seine Bewohner und Herren, daß durch die wiederholten Aufstände und namentlich durch den langwierigen Bürgerkrieg der sechziger und siebziger Jahre eine ungeheure öffentliche Schuldenlast (gegen 750 Millionen Mark) auf die Insel gehäuft wurde und daß die Verzinsung dieser Schuld zusammen mit dem Aufwande für das Verteidigungswesen (1894: 77,6 Millionen Mark) den weitaus größten Teil der öffentlichen Einnahmen (1894: 80 Millionen Mark) verschlang. Für öffentliche Kulturarbeiten und Verbesserungen jeder Art blieb auf diese Weise so gut wie gar nichts übrig, und vor allen Dingen hatte man sowohl von der Anlage eines guten Landstraßennetzes als auch von dem weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes abzustehen -- von der sehr wünschenswerten und technisch ohne erhebliche Schwierigkeit ausführbaren Kanaldurchstechung an dem niedrigen Isthmus von Moron zu geschweigen. Und doch hätte man hierin das allerbeste Mittel gewonnen, das danieder liegende Wirtschaftsleben unmittelbar kräftig zu fördern, das Banditenwesen auszurotten, aufständischen Bewegungen wirksam zu begegnen und den inneren Frieden nach allen Richtungen hin zu befestigen. Gewisse Landungserleichterungen hätten gleichfalls not gethan, obgleich Cuba mit Naturhäfen so wohl ausgestattet ist, wie kaum ein anderes Land der Erde, und desgleichen auch gewisse Stromkorrekturen und Schutzdammbauten gegen die Überschwemmungen der Regenzeit, die Entwässerung großer Sumpfstrecken, die systematische Sanierung der Städte und dergleichen, und auch diese Ameliorationen hätten mancherlei dazu beitragen können, eine mit ihrem Schicksal zufriedene und zum Aufruhr weniger geneigte Bevölkerung zu schaffen. Dazu hatte die öffentliche Schuld natürlich einen starken Steuerdruck zur Folge, und wenn derselbe auch in der Gestalt direkter Abgaben nicht sehr empfindlich war, so war er es doch in der Gestalt hoher Eingangszölle auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse. Beispielsweise hatte das Weizenmehl dadurch in Cuba nahezu einen dreifach so hohen Preis als in der Nordamerikanischen Union.

[Sidenote: Schwächen der Verwaltung.]

Daß die üble Finanz- und Wirtschaftslage auch überaus nachteilig auf den Charakter der Verwaltung einwirken mußte, ist selbstredend. Die spanische Beamtenschaft auf Cuba wurde schlecht und unregelmäßig bezahlt und war deswegen auch großenteils von zweifelhafter moralischer und intellektueller Beschaffenheit -- ein wenig geeignetes Instrument des Kolonialregiments bei der ihm obliegenden schweren Aufgabe. An zahllosen Orten suchte persönliche Schurkerei im Trüben zu fischen, und Bestechlichkeit der schlimmsten Art machte sich nicht bloß breit in den Zollhäusern, sondern auch in dem Polizeiwesen und in den Gerichtssälen. Eine wahre Pest des Landes waren vor allen Dingen die allenthalben umherschleichenden Winkeladvokaten, die das Recht nach jeder beliebigen Richtung beugten. Auch selbst an oberster Stelle -- auf dem Posten des Generalstatthalters -- hielt man sich nicht immer frei von dem Vorwurfe selbstsüchtiger Bereicherung, und außerdem waltete an dieser Stelle in vielen Fällen offenkundige Unfähigkeit. Es spielte in dieser Beziehung namentlich die Günstlingswirtschaft einer Isabella II. unheilvoll in die cubanischen Verhältnisse hinein. Die Verbitterung der ohnedies schon unzufriedenen Volksklassen gegenüber Spanien stieg hierdurch aber auf das höchste, und die große Mehrzahl erblickte in dem korrupten Beamtentum die Wurzel aller Übel.

Ganz undenkbar war endlich unter den obwaltenden Verhältnissen auch ein rüstiges Fortschreiten der wissenschaftlichen Durchforschung der Insel im Geiste der neuen Zeit, und was in dieser Richtung von seiten der Verwaltung geschah, war im allgemeinen nur dazu angethan, zu hemmen und zu hindern. Selbst eine genaue Arealvermessung und eine einigermaßen zuverlässige topographische Kartierung unterblieb, und ebenso unterblieb auch die Vervollständigung der in besseren Zeiten rühmlich begonnenen Küstenaufnahme. In Bezug auf den geologischen Bau stellten Pedro Salterain und F. de Castro Anfang der achtziger Jahre verschiedene wichtige Thatsachen fest, die darauf begründete geologische Karte hat aber nur den Wert einer vorläufigen flüchtigen Skizze. Nicht hoch genug können ferner die sorgfältigen Beobachtungen angeschlagen werden, welche der Jesuitenpater Benito Viñes von dem Belen-Kolleg Habanas durch eine lange Jahresreihe betreffs der meteorologischen Erscheinungen angestellt hat: außerhalb Habanas geschah aber auch in dieser Richtung seit den vierziger Jahren nicht das Geringste, und unsere Kenntnis von der Insel hatte daher in Bezug auf das Klima im wesentlichen auf der Stufe zu verharren, auf der es bereits in Zeiten des Humboldtschen „~Essai politique~“ (1824) angelangt war.[2]

[Sidenote: Verwaltungspolitik.]

[Sidenote: Militärische Unkenntnis.]

Auf die Handhabung der cubanischen Probleme ganz im allgemeinen -- der verwaltungspolitischen ebenso wie der militärischen -- mußte der üble Stand der cubanischen Landeskunde gleichfalls überaus nachteilig zurückwirken, und man darf in dieser Hinsicht das alte gute Wort anwenden: „Wen der Herr verderben will, den schlägt er mit Blindheit.“ Wie hätten die Regierenden im Mittelalter -- die Cortes und die Ratgeber der spanischen Krone -- die zweckentsprechenden Entschließungen in Bezug auf ihren kostbaren Kolonialbesitz fassen sollen, da sie so schlecht über ihn unterrichtet waren! Und wie hätten ihre Beauftragten in Habana und in den anderen Hauptstädten Cubas den Bedürfnissen der Bevölkerung bei ihren Maßregeln genügend Rechnung tragen sollen! Regierende sollen eben vor allen Dingen Wissende sein, und wenn sie das nicht sind, so begehen sie, auch wenn sie von den besten Absichten und der stärksten Willenskraft beseelt sind, Irrtum auf Irrtum und Mißgriff auf Mißgriff, bis das ganze ihnen anvertraute Räderwerk ins Stocken gerät oder zerbricht. Des Schandregimentes einer Isabella II. und der Schwächen und Schwankungen aller nach ihrem Sturze folgenden spanischen Regierungen -- die gegenwärtige eingeschlossen -- hätte es also gar nicht bedurft, um die cubanischen Angelegenheiten in jeder Beziehung im argen zu lassen. Was die Verwaltungspolitik anlangt, so wurzelte in der herrschenden Unkenntnis insbesondere auch das zähe Festhalten an gewissen Grundsätzen des alten Kolonialsystems. Man suchte dem Mutterlande das Handelsmonopol früherer Zeiten so viel als möglich zu erhalten, indem man Schiffahrtsgesetze erließ, nach denen die in den cubanischen Häfen verkehrenden spanischen Schiffe im Gegensatze zu den Schiffen anderer Völker als Küstenfahrer galten, und indem man zugleich ein überaus lästiges und den Handelsinteressen der Cubaner zuwiderlaufendes Differential-Schutzzollsystem aufrichtete. Und ein Teil der oben angegebenen gemeinnützigen Werke -- namentlich ein Teil der Straßenbauten -- hätte wohl trotz der Finanznot ausgeführt werden können, wenn betreffs derselben nicht zugleich ein hoher Betrag von Gleichgültigkeit und Stumpfsinn, -- den unmittelbaren Äußerungen jener Unkenntnis -- obgewaltet hätte. Was aber die militärischen Probleme angeht, mit denen man es zu thun hatte, so befanden sich die spanischen Heerführer bei dem Mangel an einer guten topographischen Karte und an anderweiten eingehenden Informationen über Land und Leute in einer sehr üblen Lage, und wenn ihre Operationen gegenüber den über einen ausgezeichneten ortskundigen Ausspäherdienst verfügenden Insurgenten den Eindruck eines vorsichtigen Tappens und Tastens im Dunklen machten, so brauchte man sich darüber eigentlich nicht zu wundern. Die wilde Zerklüftung und der Höhlenreichtum der cubanischen Gebirge, der dichte Buschwuchs der sogenannten „Manigua“ und die zahlreichen Waldsümpfe mit den sich darin bietenden Schlupfwinkeln machten ein sorgfältiges militärgeographisches Studium doppelt unentbehrlich. Und ebendasselbe wie von dem Inneren gilt auch von der Küste. Durch die lange Ausgezogenheit derselben (auf 3500 ~km~ im allgemeinen Umriß) und durch das verwickelte System der sie begleitenden Nebeninseln und Bänke und Riffe, sowie der sie umflutenden Strömungen lagen auch dort die Verhältnisse ungemein schwierig. Während die Aufständischen aber daselbst in der creolischen und farbigen Fischerbevölkerung allenthalben dienstbereite und mit dem Fahrwasser wohlvertraute Piloten fanden, so tasteten die Befehlshaber der spanischen Kanonenboote auch dort vielerorten in einem unbekannten und dunklen Labyrinthe umher, und die bekannten Flibustierexpeditionen aus den Häfen der Vereinigten Staaten, sowie alle anderen Parteigänger der Insurrektion hatten auf diese Weise in den allermeisten Fällen völlig unbehinderten Aus- und Eingang. Alles in allem aber darf man behaupten, daß bei besserer Landeskenntnis der spanischen Offiziere das Aufgebot einer viel geringeren Truppenzahl ausgereicht haben würde, die Aufstände niederzuwerfen, und daß also das Dahinsterben von vielen Tausenden durch klimatische Krankheiten hätte vermieden werden können. Zugleich hätte die Kriegsleitung es dann aber auch nicht nötig gehabt, zu der harten Maßregel der sogenannten „Rekonzentration“ zu greifen, wodurch ein großer Teil der Landbevölkerung dazu gezwungen wurde, sich ohne genügende Subsistenzmittel in den von den spanischen Befestigungen beherrschten Außenteilen der Städte anzusiedeln (Abb. 25), und wodurch bei dem weiteren unglücklichen Verlaufe des Kampfes Tausende dem Hungertode preisgegeben wurden.

[Sidenote: Einfluß der Vereinigten Staaten.]

Und hätten die spanischen Staatslenker zu Madrid, wenn sie die cubanischen Angelegenheiten besser verstanden und beurteilt hätten, nicht auch den Zusammenstoß mit dem äußeren Feinde, der sie auf Cuba bedrohte, vermeiden können? Oder ihm doch wirksamer begegnen? Auch wie die Dinge hinsichtlich der cubanischen Rassen- und Wirtschaftsverhältnisse, sowie hinsichtlich seiner Militär- und Civilverwaltung thatsächlich lagen, hätte ja der Aufstand von 1895-1898 schwerlich zu einer vollkommenen Vernichtung der spanischen Herrschaft über Cuba geführt, wenn die Insurgenten nicht in der Nordamerikanischen Union einen Verbündeten gehabt hätten, und wenn die spanische Regierung nicht auch der Union gegenüber alle ihre Schwächen und alle ihre Blindheit an den Tag gelegt hätte.