Part 10
Doch wir können uns mit dem allgemeinen Übersichtsbilde, das uns Habana vom Hafen aus darbietet, nicht begnügen, sondern wir haben uns in einem der kleinen blauen Boote ans Land zu begeben und unsere kulturgeographischen Betrachtungen bei unseren Streifzügen in der Stadt und ihrer näheren und ferneren Umgebung weiter fortzusetzen und auf allerlei Einzelheiten zu erstrecken. Dem Stadtteile in der Nachbarschaft des Hafens sind durchgängig sehr enge Straßen mit kaum anderthalb Fuß breiten Bürgersteigen eigentümlich (Abb. 69), und es ist weder den Fuhrwerken noch den Fußgängern darin möglich, ohne vielfache Zusammenstöße aneinander vorüber zu kommen, während sie im übrigen die Luftzirkulation behindern, üble Dünste festhalten und zum Teil dadurch wahre Pestherde bilden -- Brutstätten des Gelb- und Malariafiebers sowie der Blattern- und Typhusepidemien. Eine gewisse Annehmlichkeit bieten sie nur insofern, als sie ein Wesentliches dazu beitragen, ihren Bewohnern lange Wanderungen in der Tropensonne zu ersparen, als sie die in sie einfallende Strahlenmenge auf ein Mindestmaß beschränken, und als sie es einem möglich machen, sie mit ein paar Schritten oder Sprüngen zu queren, wenn sie sich durch die Güsse der Regenzeit alltäglich zu wiederholtenmalen in fußtiefe Bäche verwandeln. Alles in allem hat man sie aber als ein Erbe aus alten Zeiten oder sozusagen als ein historisches Überlebsel zu betrachten, das für andere Bedürfnisse als die heutigen berechnet war, und das man nicht ohne weiteres beseitigen kann. Als diese Straßen und die sie einrahmenden festungsartigen Häuser mit ihren eisenvergitterten glaslosen Fenstern und ihren schwer beschlagenen starken Holzthüren entstanden, drohten noch die Einfälle der Korsaren und Boucaniere sowie der Holländer und Engländer, und es war nötig, das ganze Gemeinwesen in eine Ringmauer einzuschließen. Dabei galt es aber Raum zu sparen, und da in den Straßen beinahe ausschließlich Lasttiere und Reiter sowie Fußgänger verkehrten und selbst Ochsenkarren Ausnahmserscheinungen waren, während sich die Sanierung in der noch kleinen Stadt von selbst bewirkte, -- wie in mancher europäischen Kleinstadt wohl auch -- durfte man diese Rücksicht ohne weiteres walten lassen. Heute ist der Verkehr der Wagen und Personen in einzelnen von diesen Straßen, wie namentlich in der Calle Obispo und Calle O’Reilly, sowohl in den Morgen- als auch in den späten Nachmittagsstunden ein sehr starker, und der nicht an das Schauspiel Gewöhnte kann sich dabei nicht enthalten, das Geschick zu bewundern, mit dem die Rosselenker ebenso wie die Wanderer auf den Bürgersteigen die vorhandenen großen Schwierigkeiten zu überwinden wissen. Übrigens begegnet man natürlich auch unter den Formen des Verkehres manchem historischen Überlebsel, das vor zwei- oder dreihundert Jahren von Spanien nach Cuba verpflanzt worden ist und das heute in seiner ursprünglichen Heimat kaum noch zu erblicken sein dürfte, das aber hier unter der Tropensonne noch kräftig weiter blüht. Die alte Volante zwar sucht man heute vergebens in Habana, und statt ihrer jagen Wagen von derselben Art wie in den europäischen Hauptstädten hin und her, und dazu auch Omnibusse, Pferdebahnwagen und Dampfstraßenbahnzüge. Ein guter Teil der Verkaufsgegenstände, die für den täglichen Gebrauch der Stadtbevölkerung vom Lande her nötig sind, wird aber immer noch auf den Rücken von Pferden, Eseln und Maultieren herbei gebracht und in den Straßen oder auf dem großen und wohleingerichteten Taconmarkte feilgeboten (Abb. 70 und 71). Größere und schwerere Transporte vom Lande in die Stadt vollziehen sich aber vorwiegend in roh gebauten, zelttuchüberspannten und nach dem Tandemprincip von Maultieren gezogenen Karren (Abb. 72), denn die Landstraßen sind auch in der Nähe der Hauptstadt der Mehrzahl nach schlecht -- wenigstens in der Zeit der Regen --, und nicht weniger schlecht ist auch das Steinpflaster in der Stadt selbst. Wird die neue Ära, die über Cuba hereingebrochen ist, dies alles von Grund aus ändern? Und werden die Amerikaner, die sich anschicken, die Führung in dieser Ära zu übernehmen, den Stumpfsinn und den Schlendergeist zu bannen verstehen, der bei diesen Zuständen zweifellos mit im Spiele ist? Im eigenen Lande haben dieselben sich als Straßenbauer bisher nicht sonderlich bewährt, und ihre Stadtverwaltungen erfreuen sich ebenfalls beinahe durchgängig nicht eines sehr guten Rufes. Füglich fegt aber mancher Besen in der Welt weitaus am besten und wirksamsten vor der Thür des Nachbarn. Daß sowohl der Landstraßenbau als auch das Imstandehalten des Straßenpflasters in dem Tropenklima Cubas noch erheblich größere Anstrengungen erforderlich machen wird, als in dem Klima Nordamerikas, ist wohl sicher.
Das neuzeitliche Habana liegt außerhalb der alten Ringmauern, und hier bieten die breiten, von westindischen Lorbeerbäumen beschatteten und von stattlichen Häusern und Bogengängen begleiteten Straßen (Abb. 73) zahlreiche Bilder vornehmen Glanzes, und in einem noch höheren Grade die mit Palmen, Hibiscus und Rosen sowie mit Bildsäulen und Springbrunnen schön geschmückten und von Kaffee-, Gast-, Schauspiel- und Klubhäusern umrahmten Plazas (Abb. 74) -- die letzteren vor allem am Abende, wenn sie von elektrischen Lichtern erhellt und von Scharen von Lustwandelnden sowie von den Klängen von Musikbanden belebt sind. Noch weiter draußen stoßen wir freilich zum Teil wieder auf sehr ärmliche Straßen, in denen das Elend daheim ist (Abb. 75), und die große Zahl zerlumpter Bettler bringt auch einen schlimmen Mißton in das heitere Leben der Plazas. Übrigens sondern sich aber Arme und Reiche, Schwarze, Weiße und Gelbe in Habana keineswegs nach derselben strengen Regel wie in den Städten der Union in besonderen Stadtvierteln voneinander ab, sondern es herrscht in dieser Beziehung ein ziemlich buntes und regelloses Durcheinander, und unmittelbar neben dem Palaste oder der Quinta eines Großkaufmanns oder Granden, an dem Marmorsäulen und sonstiger Zierat nicht gespart worden sind, stoßen wir vielfach auf recht bescheidene Häuschen oder Hütten.
[Sidenote: Gesundheitsverhältnisse Habanas.]
Wer in Habana echte Tropenbilder schauen will, -- schöne Reihen und Gruppen von Königs- und Kokospalmen, mächtige Bambusen, vollkronige Mango- und Aguacatebäume, saftgrüne hohe Bananenstöcke und dergleichen -- den müssen wir nach dem Parke bei der Quinta des Generalstatthalters führen oder nach dem Botanischen Garten am Fuße des Castello del Principe (Abb. 76 u. 77). Haben wir aber, um unsere Anschauungen betreffs der Stadt zu thunlichst vollständigen zu machen, nicht unsere Schritte schließlich auch noch über dieses Festungswerk hinaus nach dem großen Kirchhofe zu lenken und dort die zahlreichen prunkvollen Denkmäler in Augenschein zu nehmen, sowie daneben die zahlreichen frisch und flüchtig zugescharrten Gräber von den Opfern der letzten Blattern- und Gelbfieberepidemie? Der Tod arbeitet in Habana zu Zeiten so rasch, daß der Totengräber nicht gleichen Schritt mit ihm halten kann, und besonders ist dies in den Zeiten der letzten Insurrektion der Fall gewesen. In normalen Jahren ist die Sterblichkeitsziffer von Habana zwar eine hohe (34,1 auf das Tausend), bei weitem aber nicht die höchste, welche von den größeren Städten zu verzeichnen ist (Madrid 41,6 und Mexico 45 auf das Tausend), und wenn das in mancher Beziehung sehr im argen liegende Sanitätswesen der Stadt reformiert würde, so würde dieselbe vielleicht den gesündesten Städten der Erde zuzuzählen sein. Gegenwärtig ist außer den engen Straßen der Geschäftsstadt namentlich das unzweckmäßig angelegte Abzugskanalsystem, das unmittelbar an dem Hafeneingange in das Meer mündet, ein schreiender Uebelstand. Von den Sterbefällen sind aber in gewöhnlichen Zeiten nicht ganz 8 Prozent dem Gelben Fieber, 22 Prozent dagegen den Erkrankungen der Atmungsorgane, und reichlich 12 Prozent Unterleibsentzündungen zuzuschreiben.
Eine eigentliche Industriestadt hat Habana so wenig werden können als irgend eine andere Koloniestadt in den Tropen. Kein Besucher der Stadt sollte es aber versäumen, einen Einblick in eine von den vierzig großen Cigarrenfabriken zu nehmen, die daselbst im Werke sind, die Welt mit dem köstlichen Genußmittel zu versorgen, durch das Habana in allererster Linie berühmt ist.
Ein kurzer besonderer Besuch gilt dann noch der im Jahre 1724 erbauten Kathedrale (Abb. 78) nebst der darin angebrachten Gedächtnistafel von Christoph Kolumbus (Abb. 2) sowie dem kleinen besonderen Gedächtnistempel nahe dabei (Abb. 3), der dem großen Entdecker errichtet worden ist. Ob die Asche desselben im Jahre 1795 thatsächlich von Santo Domingo nach Habana übergeführt wurde und demgemäß im Jahre 1898 wieder von Habana zurück nach Spanien, muß freilich als sehr fragwürdig gelten.
[Sidenote: Bevölkerung Habanas.]
Die Einwohnerzahl von Habana betrug im Jahre 1827: 94023, im Jahre 1877: 198721 und im Jahre 1887: 200448, und die beiden letzten Ziffern lassen auf einen gewissen Stillstand der Entwickelung schließen, was bei der beschriebenen allgemeinen Lage, in der sich die ganze Insel in den letzten Jahrzehnten befunden hat, nicht zu verwundern ist. Das Verhältnis der Männer zu den Frauen stand 1887 wie 112 : 88, ähnlich wie in anderen Kolonialstädten, das Verhältnis der weißen Rasse zu der farbigen aber wie 74 : 26, in bemerkenswertem Gegensatze zu Santiago, und die Zahl der weißen Nichtspanier war im ganzen nur 6500.
IX.
[Sidenote: Guanabacoa.]
Die Vuelta Arriba ist durch den bunten Wechsel ihrer Bodenformen und die davon abhängige Pflanzenbekleidung eine der reizvollsten und schönsten sowie auch zugleich der reichsten von ganz Cuba. Zu dem kleinen Hügelgebirge von Guanabacoa, das sich bis 170 ~m~ über dem Meeresspiegel erhebt, ist der Anstieg von Regla (10000 Einw.), dem Fähr- und Eisenbahnvororte Habanas östlich der Bai, ziemlich steil. Auf seinen Höhen -- dem Monte Blanco, dem Monte Villareal, der Sierra de San Martin -- angekommen, darf sich der Bürger der Großstadt aber im Vollgenusse aller Herrlichkeiten fühlen, die die „~isla la mas hermosa~“ des Kolumbus dem Auge zu bieten vermag, des Rückblickes auf die Häusermenge und das Festungsgemäuer Habanas sowie auf seine von Schiffen und Booten belebte Bai, des Überblickes über die Palmenthäler und Palmenhänge sowie über die bebuschten und begrasten Cerro- und Lomagipfel mit ihren weidenden Rindern rings umher, und des Ausblickes auf das weite Meer im Norden, zu dem das Gebirge jäh genug abstürzt. Dazu umweht ihn die frische, kräftige Passatbrise, und er kann von der niederdrückenden Schwüle und Enge und von den Anstrengungen und Schweißtropfen der Geschäftsstraßen frei aufatmen. Mit gutem Grunde ist Guanabacoa (12000 Einw.) daher seit langem ein beliebter Landhaus- und Wohnvorort von Habana gewesen (Abb. 79), und der Personenverkehr auf der Eisenbahn zwischen den beiden Städten ist ein sehr reger. Für größere Kulturen lassen die engen Thäler und die steinschuttbedeckten Hänge des kleinen Gebirges aber im allgemeinen keinen Raum, und so blüht in der Gegend nur etwas Gartenbau zur Versorgung der Hauptstadt sowie daneben die Viehzucht. Gegen Süd und Ost verflacht sich das Guanabacoagebirge allmählich, und während die namhaft gemachten höheren Teile aus Tertiärkalk bestehen, so tritt hier seine Diorit- und Serpentinfelsgrundlage an den Tag, bei Las Minas mit eingebetteten Eisen- und Kupfererzlagern. Der oberflächliche graue Boden ist von zahlreichen großen Steinblöcken überstreut, die ausgewittert sind, und die spärliche Vegetation der Espartillograsbüschel (~Kylingia filiformis~), der gelben Heiligendisteln („~Cardio Santo~“) und der Opuntien, die in ihm wurzelt, und die kaum für einige Esel und Ziegen hinreichende Nahrung bietet, bekundet seine Unfruchtbarkeit. Den Eisenbahnbau zwischen Habana und Matanzas hat diese flachwellige und nur von einigen kleinen Flüßchen durchschnittene Thalgegend aber sehr wesentlich erleichtert.
[Sidenote: Das Bergland östlich von Habana.]
Sowohl südlich als auch östlich von ihr steigt dann wieder wirkliches Gebirgsland auf, und dem Auge erscheint dasselbe aus der Ferne, und vielerorten kaum minder in der unmittelbaren Nähe, als geradezu großartig. In seinen tieferen Lagen allenthalben in einen dichten Mantel von üppigem Tropengrün gehüllt, und im Vordergrunde beinahe immer herrliche Königspalmenhaine tragend, zeigt es uns doch höher oben zugleich auch so zahlreiche kahle, weißleuchtende Felswände und so vielgestaltige Zinnen, Zacken und Hörner, daß wir meinen, es müsse sich um eine sehr ansehnliche Erhebung über den Meeresspiegel handeln. Thatsächlich sind es aber auch nur Hügelgebirge, deren Gipfel kaum 300 ~m~ Höhe erreichen, mit denen wir es zu thun haben -- im Süden eine lose Aneinanderreihung kleiner Sierren und Tafelberg- und Lomagruppen, zwischen denen sich ähnliche flachwellige Thalgegenden ausbreiten, wie die erwähnte größere und tiefere, welche das Guanabacoabergland begrenzt; und im Osten ein dichtes Gedränge solcher Ketten und Gruppen, die teils durch tief eingerissene Thalschluchten mit wilden Kalkfelspartien, teils durch mehr oder minder weite Roterdeebenen („Llanuras“) voneinander getrennt sind. Das erstere Bergland, das wir als Bergland von Managua bezeichnen, begreift vor allem die weithin sichtbaren Tetas de Managua (223 ~m~) und die Sierra de Camoa (272 ~m~) in sich und dacht sich westwärts zum Isthmus von Batabano, südwärts zur Niederung des Matamanogolfes und ostwärts zu den großen Roterdeebenen von Guines und Aguacate ab, an den meisten Orten mit stark abgeböschten, aber immerhin deutlich bemerkbaren Stufen. Es bildet einerseits das Quellgebiet des westlich von Habana mündenden Rio Almendares (im Unterlaufe Chorrera genannt) und andererseits dasjenige des Rio de Guines (Mayabeque), der sich östlich von Batabano in den Matamanogolf ergießt, und die den betreffenden Gewässern und den sie schwellenden Regengüssen inne wohnende Energie ist es offenbar vor allen Dingen gewesen, welche das Bergland zu dem gemacht hat, was es heute ist. Der Almendares bezeugt diese Energie wenige Kilometer oberhalb seiner Mündung noch nachdrücklich genug, und auch sein Hochwasser steigt bisweilen auch dort noch gegen 12 ~m~ über sein Niederwasser (Abb. 80). Bei der vorherrschenden Kalksteinnatur war es übrigens auch hier in sehr bedeutendem Maßstabe die unterirdische Erosion, welche die Wirkung hervorrief, und neben der großen Zahl bekannter Höhlen, die das Gebirge durchsetzen, und die zum Teil erst an seinem letzten Stufenabsatze ans Tageslicht ausgehen, ist dabei wahrscheinlich eine noch beträchtlichere Zahl unbekannter sowie zusammengebrochener vorzeitlicher in Anschlag zu bringen. Hier weisen wir nur auf die großen Höhlen von Las Comas (Tapaste) hin, die im letzten Aufstande ein wichtiges Insurgentenversteck bildeten, sowie auf die Höhlen von Cotilla und Toribacoa. Wirtschaftsgeographisch ist das Managuabergland gleich dem Guanabacoaberglande vorwiegend eine Stätte der Viehzucht, und der Zuckerrohrbau sowie daneben die Fruchtkultur (Abb. 81) und der Tabakbau sind nur in der Randgegend bedeutend, vor allem bei Santiago de las Vegas (6000 Einw.), bei Bejucal (8000 Einw.), bei San Antonio des las Vegas (1200 Einw.), bei Melena del Sur (1000 Einw.), und bei Guines (7000 Einw.). Diese Orte sind gleichzeitig Hauptstationen der das Bergland im weiten Bogen umkreisenden Eisenbahn, und Guines dankt seine Bedeutung vor allen Dingen dem Netze von Bewässerungskanälen, das seine Ebene durchzieht. Das nahe bei Habana gelegene Santa Maria del Rosario ist durch seine Heilquellen namhaft.
Das andere Bergland, das wir Bergland von Jaruco nennen, und das in den Montes de Don Martin (300 ~m~) und in der Sierra de Sibarima gipfelt, fällt gleich dem Guanabacoaberglande steil zum Meere ab, während es sich im Südwesten eng an das Managuabergland anlehnt und auch im Osten nur unvollständig gegen das benachbarte Bergland von Canasi abgegrenzt werden kann. Die Stromthäler des Rio Jaruco und des Rio Santa Auz, die es in südöstlicher Richtung durchschneiden, sind außerordentlich malerisch, und die Roterdeebenen von Jaruco (2500 Einw.), Bainoa Aguacate (2000 Einw.) und Jibacoa enthalten eine beträchtliche Zahl großer Ingenios.
[Sidenote: Yumurithal.]
Ähnliches gilt auch von dem prächtig bewaldeten Berglande von Madruga, jenseits der reichen Ebenen von Guines und Aguacate, dem besonders die Montes de la Esperanza und die Lomas de Jiquima (341 ~m~) zugehören, und desgleichen von dem gegen Nordost hin damit verwachsenen Berglande von Canasi, in dem sich das schöne Bergpaar des Palenque und des Pan de Matanzas (386 ~m~) als der letzte Rest einer ehemaligen Hochstufe des ursprünglichen Terrassenbaues auffällig über die Sierra de Camarones (193 ~m~) erhebt, und in dessen nordöstliche Kalksteinmesa (die Cumbremesa etwa 70 ~m~ hoch) das berühmte Yumurithal (Abb. 82) eingegraben ist. Das letztere große Kesselthal, dessen ebene Sohle sich nur schwach über den Meeresspiegel erhebt, dürfte schwerlich wohl anders gebildet worden sein, als durch unterirdische Erosion und durch nachfolgenden Höhleneinsturz, und eine ähnliche Entstehungsgeschichte glauben wir überhaupt vielen der berührten, von steilen Berghängen umwandeten Roterdeebenen zuschreiben zu müssen. Kleinere Kesselthäler von der Art der Karstdolinen -- die natürliche Begleiterscheinung der Höhlen -- sind in keinem der angegebenen Gebirge selten, und ganz im allgemeinen darf man füglich die cubanische Kalksteinlandschaft als eine durch das Tropenklima modifizierte Karstlandschaft bezeichnen. Die Schichtung des Kalksteins ist in den genannten Gebirgen vielfach stark gestört, und ganz besonders ist dies auch der Fall an dem Yumuridurchbruche (Abb. 83) durch die Cumbremesa, meist scheinen diese Störungen aber die Folge von Höhleneinstürzen zu sein.
Denselben Familiencharakter und dieselben hohen natürlichen Reize besitzt schließlich auch noch das Hügelgebirge von Limonar, zwischen Matanzas und Cardenas, dem die Tetas de Camarioca (340 ~m~) und die Lomas Grandes sowie die bekannten schönen Tropfsteinhöhlen von Bellamar an dem hohen Ostgestade der Matanzasbai (Abb. 84) zuzurechnen sind. Der Eisenbahnbau stieß in den zuletzt genannten Hügelgebirgen auf erhebliche Schwierigkeiten, da sowohl zahlreiche Strom- und Schluchtüberbrückungen als auch verschiedene Felsdurchstiche nötig waren.
[Sidenote: Zuckerrohrfelder.]
Östlich und südlich von dem Limonargebirge sowie östlich und südlich von dem Madrugagebirge tritt aber eine allgemeine Verebnung der Landschaft ein, und es tauchen daselbst nur hier und da noch unbedeutende Lomazüge auf. Der stark kalkhaltige rote Verwitterungsboden dieser weiten Ebene, die ostwärts ohne irgend welche Grenzscheide in die Ebenen der Las-Villas-Landschaft übergeht und die an der Hauptsache von dem Rio Camarones, dem Rio de Palmas, dem Rio Hanabana und dem Rio Negro entwässert wird, besitzt im allgemeinen eine große Fruchtbarkeit, und auf ihm hat die cubanische Zuckerrohrkultur ihre hervoragendste Heimstätte gefunden. Fast könnte man sagen, daß die ganze Gegend ein einziges, wogendes Zuckerrohrfeld sei (Abb. 85), und die aneinander stoßenden Distrikte von Colon und Alfonso XII, die den Hauptteil der Ebene umfassen, enthalten nicht weniger als 25 Prozent von der Gesamtzahl der cubanischen Ingenios (Abb. 86). Als die Hauptmittelpunkte der betreffenden Industrie und der Zucker- und Melasseverfertigung haben wir aber neben Colon (6000 Einw.) und Alfonso XII (2500 Einw.) namentlich die Eisenbahnknotenpunkte La Union (2000 Einw.) und Jovellanos (5000 Einw.) sowie Sabanilla del Eda (2000 Einw.), Bolondron (1200 Einw.), Corral Falso (2500 Einw.), Jaguey Grande (1000 Einw.), Cuevitas (1500 Einw.), Guamutas (2000 Einw.) Cimarrones (1800 Einw.) und Lagumillas (2500 Einw.) zu verzeichnen.
[Sidenote: Zapata.]
Südlich von diesem ungeheuren Garten, in dem ein guter Teil von wirtschaftsgeographischen Fähigkeiten Cubas beruht, breitet sich dann, von zahlreichen großen Lagunen durchsetzt und von dem schleichenden Rio Gonzalo und Rio Negro durchzogen, die ungeheure Sumpfwildnis der Cienaga de Zapata aus, die sich durch die Cochinosbucht in eine Ost- und Westhälfte gliedert, und diese bietet zur Zeit auch ein reiches Feld für den Naturforscher -- den Botaniker so gut wie den Zoologen -- aber noch in viel höherem Grade als die Sumpfgürtel des Camaguey einen trostlosen Boden für die Kultur. An ihrem Südrande erhebt sich ein trockenerer Landgürtel schwach aus dem Sumpfe heraus, der Boden ist aber dort im allgemeinen kahle Seborucofläche und ermöglicht lediglich die Existenz einiger armseliger Ranchos und Rinderherden. An der Seeseite begleiten die große Cienaga Untiefen und Sandbänke, sowie weiter westlich Korallenriffe und Keys, und im allgemeinen kann ihre Küste als vollkommen unnahbar gelten. Auch die weit gegen Süd geöffnete Cochinosbai und die Cazonesbai machen von dieser Regel keine Ausnahme. Übrigens setzt sich die Cienaga in einem schmaleren Streifen entlang dem Golfe von Matamano weiter fort, und Batabano (2500 Einw.) bleibt auf diese Weise der einzige Landungsplatz, den die Vuelta Arriba an der Seite des Karibischen Meeres für Schiffe bis 3 ~m~ Tiefgang besitzt. Sie ist in einem noch höheren Maße als selbst das Camaguey an dieser Seite ein geschlossenes Land.
[Sidenote: Cardenas.]
Damit die reiche Produktion der Landschaft nicht Habana allein zu gute komme, ist aber ihre Nordküste wesentlich anders beschaffen. Auf die große Bucht von Cardenas, die noch dem Bereiche der großen nördlichen Korallenkeyflur angehört, ist bereits hingewiesen worden. Da dieselbe Fahrzeuge von hinreichendem Tiefgange aufzunehmen vermag und mit der Habanabucht den Vorteil der gegen Nordamerika vorgeschobenen Lage teilt, so nimmt die Ausfuhr der großen Zuckerdistrikte von Colon und Jorellanos, mit dem sie durch zwei Eisenbahnen verbunden ist, größtenteils über sie ihren Weg. An ihren Ufern aber nahm die erst im Jahre 1828 an dem niedrigen Mangroveufer begründete Stadt Cardenas (25000 Einw.) einen raschen und hohen Aufschwung, als Zuckerausfuhrhafen mit Cienfuegos wetteifernd, und auch ein ähnliches unhistorisches, hervorragende Bauten entbehrendes, aber sauberes Gepräge zur Schau tragend. Mit Habana ebensowie mit Sagua la Grande und Caibarien steht Cardenas im regelmäßigen Küstendampferverkehr. Ein kleinerer Hafenplatz an derselben Bucht, der ebenfalls von amerikanischen Zuckerschonern besucht wird, ist Siguapa.
[Sidenote: Matanzas.]