Chapter 7
Zweite Szene
Lager der Volsker vor Rom Zwei Wachen der Volsker, zu ihnen kommt Menenius
Erste Wache. Halt!--Woher kommt Ihr?
Zweite Wache. Halt, und geht zurück!
Menenius. Ihr wacht wie Männer. Gut; doch mit Vergunst, Ich bin ein Staatsbeamter und gekommen, Mit Coriolan zu sprechen.
Erste Wache. Von wo?
Menenius. Von Rom.
Erste Wache. Ihr kommt nicht durch, Ihr müßt zurück.--Der Feldherr Will nichts von dort mehr hören.
Zweite Wache. Ihr sollt Eur Rom in Flammen sehn, bevor Mit Coriolan Ihr sprecht.
Menenius. Ihr guten Freunde, Habt ihr gehört von Rom den Feldherrn sprechen Und seinen Freunden dort? Zehn gegen eins, So traf mein Nam eur Ohr, er heißt Menenius.
Erste Wache. Mag sein. Zurück! denn Euers Namens Würde Bringt Euch nicht durch.
Menenius. Ich sage dir, mein Freund, Dein Feldherr liebt mich, denn ich war die Chronik Des Guten, das er tat, und wo sein Ruhm Als gleichlos stand, wohl etwas übertrieben. Denn immer zeugt ich gern für meine Freunde (Von denen er der liebste), ganz und groß, Soweit's die Wahrheit litt. Zuweilen wohl So wie auf scheinbar glattem Grund die Kugel, Sprang ich was jenseits, machte fast im Loben Ein wenig Wind.--Drum, Kerl, muß ich auch durch.
Erste Wache. Mein Treu, Herr, wenn Ihr auch so viele Lügen für ihn als jetzt Worte für Euch gesprochen habt, so sollt Ihr doch nicht durch. Nein--und wenn auch das Lügen so verdienstlich wäre wie ein keusches Leben. Darum--zurück!
Menenius. Ich bitte dich, Mensch, erinnere dich, daß ich Menenius heiße, der immer die Partei deines Feldherrn hielt.
Zweite Wache. Wenn Ihr auch sein Lügner gewesen seid, wie Ihr vorgebt, so bin ich einer, der in seinem Dienst die Wahrheit spricht und Euch sagt, daß Ihr hier nicht hinein dürft. Darum, zurück!
Menenius. Hat er zu Mittag gegessen? weißt du's nicht? denn ich wollte nicht gern eher mit ihm reden als nach der Mahlzeit.
Erste Wache. Nicht wahr, Ihr seid ein Römer?
Menenius. Ich bin, was dein Feldherr ist.
Erste Wache. Dann solltet Ihr auch Rom hassen, so wie er. Könnt Ihr, nachdem Ihr Euern Verteidiger zu Euern Toren hinausgestoßen und in Eurer blödsinnigen Volkswut Euerm Feind Euern eignen Schild gegeben habt, noch glauben, seine Rache ließe sich durch die schwächlichen Seufzer alter Frauen abwenden, durch das jungfräuliche Händefalten Eurer Töchter, oder durch gichtlahme Fürbitte eines so welken, kindischen Mannes, wie Ihr zu sein scheint? Könnt Ihr glauben, das Feuer, das Eure Stadt entflammen soll, mit so schwachem Atem auszublasen? Nein, Ihr irrt Euch-- darum, zurück nach Rom und bereitet Euch zu Eurer Hinrichtung. Ihr seid verurteilt ohne Aufschub und Gnade, das hat der General geschworen.
Menenius. Bursche, wenn dein Hauptmann wüßte, daß ich hier bin, so würde er mich mit Achtung behandeln.
Erste Wache. Geht, mein Hauptmann kennt Euch nicht.
Menenius. Ich meine den Feldherrn.
Erste Wache. Der Feldherr fragt nichts nach Euch.--Zurück, ich sag es Euch, geht, sonst zapfe ich noch Eure halbe Unze Blut ab--zurück! denn mehr könnt Ihr nicht haben! Fort!
Menenius. Nein, aber, Mensch! Mensch! Coriolanus und Aufidius treten auf.
Coriolanus. Was gibt's?
Menenius. Jetzt, Geselle, will ich dir etwas einbrocken--du sollst nun sehn, daß ich in Achtung stehe. Du sollst gewahr werden, daß solch ein Hans Schilderhaus mich nicht von meinem Sohn Coriolan wegtreiben kann. Sieh an der Art, wie er mit mir sprechen wird, ob du nicht reif für den Galgen bist, oder für eine Todesart von längrer Aussicht und größerer Qual. Sieh nun her und fall sogleich in Ohnmacht wegen dessen, was dir bevorsteht.--Die glorreichen Götter mögen stündliche Ratsversammlung halten wegen deiner besondern Glückseligkeit und dich nicht weniger lieben als dein alter Vater Menenius. O! mein Sohn! mein Sohn! du bereitest uns Feuer? Sieh, hier ist Wasser, um es zu löschen. Ich war schwer zu bewegen, zu dir zu gehn; aber weil ich überzeugt bin, daß keiner besser als ich dich bewegen kann, so bin ich mit Seufzern aus den Toren dort hinausgeblasen worden und beschwöre dich nun, Rom und deinen flehnden Landsleuten zu verzeihn. Die gütigen Götter mögen deinen Zorn sänftigen und die Hefen davon hier auf diesen Schurken leiten, auf diesen, der mir, wie ein Klotz, den Eintritt zu dir versagte.
Coriolanus. Hinweg!
Menenius. Wie, hinweg?
Coriolanus. Weib, Mutter, Kind, nicht kenn ich sie.--Mein Tun Ist andern dienstbar. Eignet mir die Rache Auch gänzlich, kann doch von den Volskern nur Verzeihung kommen. Daß wir einst vertraut, Vergifte lieber undankbar Vergessen, Als Mitleid sich, wie sehr, erinnre. Fort denn! Mein Ohr ist fester Euerm Flehn verschlossen, Als Eure Tore meiner Kraft. Doch nimm dies, Weil ich dich liebt, ich schrieb's um deinetwillen Und wollt es senden. Kein Wort mehr, Menenius. Verstatt ich dir. Der Mann, Aufidius, War mir sehr lieb in Rom; und dennoch siehst du--
Aufidius. Du bleibst dir immer gleich.
(Coriolanus und Aufidius gehn ab.)
Erste Wache. Nun, Herr, ist Euer Name Menenius?
Zweite Wache. Ihr seht, er ist ein Zauber von großer Kraft. Ihr wißt nun den Weg nach Hause.
Erste Wache. Habt Ihr gehört, wie wir ausgescholten sind, weil wir Eure Hoheit nicht einließen?
Zweite Wache. Warum doch, denkt Ihr, soll ich nun in Ohnmacht fallen?
Menenius. Ich frage weder nach der Welt noch nach euerm Feldherrn. Was solche Kreaturen betrifft, wie ihr, so weiß ich kaum, ob sie da sind, so unbedeutend seid ihr.--Wer den Entschluß fassen kann, von eigner Hand zu sterben, fürchtet es von keiner andern. Mag euer Feldherr das Ärgste tun; und, was euch betrifft, bleibt, was ihr seid, lange, und eure Erbärmlichkeit wachse mit euerm Alter! Ich sage euch das, was mir gesagt wurde: Hinweg!--
(Er geht ab.)
Erste Wache. Ein edler Mann, das muß ich sagen.
Zweite Wache. Der würdigste Mann ist unser Feldherr, er ist ein Fels, eine Eiche, die kein Sturm erschüttert.
(Sie gehn ab.)
Dritte Szene
Coriolans Zelt Es treten auf Coriolanus, Aufidius und andere
Coriolanus. So ziehn wir morgen denn mit unserm Heer Vor Rom. Ihr, mein Genoß in diesem Krieg, Tut Euren Senatoren kund, wie redlich Ich alles ausgeführt.
Aufidius. Nur ihren Vorteil Habt Ihr beachtet; Euer Ohr verstopft Roms allgemeinem Flehn; nie zugelassen Geheimes Flüstern; nein, selbst nicht von Freunden, Die ganz auf Euch vertraut.
Coriolanus. Der alte Mann, Den ich nach Rom gebrochnen Herzens sende, Er liebte mehr mich als mit Vaterliebe, Ja, machte mich zum Gott.--Die letzte Zuflucht War, ihn zu senden; und aus alter Liebe, Blickt ich schon finster, tat ich noch einmal Den ersten Antrag, den sie abgeschlagen Und jetzt nicht nehmen können; ihn zu ehren, Der mehr zu wirken hoffte, gab ich nach, Sehr wenig nur. Doch neuer Sendung, Bitte, Sei's nun vom Staat, von Freunden, leih ich nun Mein Ohr nicht mehr.--Ha! welch ein Lärm ist das?
(Geschrei hinter der Szene.)
Werd ich versucht, zu brechen meinen Schwur, Indem ich ihn getan? Ich werd es nicht. Es treten auf Virgilia, Volumnia, die den jungen Mardas an der Hand führt. Valeria mit Gefolge. Alle in Trauer. Mein Weib voran, dann die ehrwürdge Form, Die meinen Leib erschuf, an ihrer Hand Der Enkel ihres Bluts.--Fort, Sympathie! Brecht, all ihr Band' und Rechte der Natur! Sei's tugendhaft, in Starrsinn fest zu bleiben.-- Was gilt dies Beugen mir? dies Taubenauge, Das Götter lockt zum Meineid?--Ich zerschmelze! Und bin nicht festre Erd als andre Menschen-- Ha! meine Mutter beugt sich-- Als wenn Olympus sich vor kleinem Hügel Mit Flehen neigte; und mein junger Sohn Hat einen Blick der Bitt, aus dem allmächtig Natur schreit: "Weiger's nicht!"--Nein, pflüge auf Der Volsker Rom, verheer Italien.--Nimmer Soll, wie unflügge Brut, Instinkt mich führen; Ich steh, als wär der Mensch sein eigner Schöpfer Und kennte keinen Ursprung.
Virgilia. Herr und Gatte!
Coriolanus. Mein Auge schaut nicht mehr wie sonst in Rom.
Virgilia. Der Gram, der uns verwandelt hat, macht dich So denken.
Coriolanus. Wie ein schlechter Spieler jetzt Vergaß ich meine Roll und bin verwirrt, Bis zur Verhöhnung selbst.--Blut meines Herzens! Vergib mir meine Tyrannei; doch sage Drum nicht: "Vergib den Römern."--O! ein Kuß, Lang wie mein Bann und süß wie meine Rache. Nun, bei der Juno Eifersucht, den Kuß Nahm ich, Geliebte, mit, und meine Lippe Hat ihn seitdem jungfräulich treu bewahrt. Ihr Götter! wie? ich schwatze? Und aller Mütter edelste der Welt Blieb unbegrüßt?--Mein Knie, sink in die Erde, Drück tiefer deine Pflicht dem Boden ein Als jeder andre Sohn.
(Er kniet nieder.)
Volumnia. Steh auf gesegnet! Daß, auf nicht weicherm Kissen als der Stein, Ich vor dir knie und Huldgung neuer Art Dir weihe, die bisher ganz falsch verteilt War zwischen Kind und Eltern.
(Sie kniet.)
Coriolanus. Was ist das? Ihr vor mir knien? vor dem gescholtnen Sohn? Dann mögen Kiesel vor der öden Bucht Frech an die Sterne springen; rebellsche Winde Die Feuersonn mit stolzen Zedern peitschen, Mordend Unmöglichkeit, zum Kinderspiel Zu machen das, was ewig nie kann sein.
Volumnia. Du bist mein Krieger, Ich half dich formen. Kennst du diese Frau?
Coriolanus. Die edle Schwester des Publicola, Die Luna Roms, keusch wie die Eiszacken, Die aus dem reinsten Schnee der Frost erschuf Am Heiligtum Dianens. Seid gegrüßt, Valeria.
Volumnia. Dies ein kleiner Auszug von dir selbst, Der durch die Auslegung erfüllter Jahre Ganz werden kann wie du.
Coriolanus. Der Gott der Krieger, Mit Beistimmung des höchsten Zeus, erziehe Zum Adel deinen Sinn, daß du dich stählst, Der Schande unverwundbar, und im Krieg Ein groß Seezeichen stehst, den Stürmen trotzend, Die rettend, die dich schaun.
Volumnia. Knie nieder, Bursch.
Coriolanus. Das ist mein wackrer Sohn.
Volumnia. Er und dein Weib, die Frau hier und ich selbst Sind Flehende vor dir.
Coriolanus. Ich bitt euch, still! Wo nicht, bedenket dies, bevor ihr sprecht: Was zu gewähren ich verschwor, das nehmt nicht Als euch verweigert; heißt mich nicht entlassen Mein Heer; nicht, wieder unterhandeln mit Den Handarbeitern Roms; nicht sprecht mir vor, Worin ich unnatürlich scheine; denkt nicht Zu sänftgen meine Wut und meine Rache Mit euren kältern Gründen.
Volumnia. O! nicht mehr! nicht mehr! Du hast erklärt, du willst uns nichts gewähren; Denn nichts zu wünschen haben wir, als das, Was du schon abschlugst; dennoch will ich bitten, Daß, weichst du unsern Bitten aus, der Tadel Auf deine Härte falle. Hör uns drum.
Coriolanus. Aufidius und ihr Volsker, merkt, wir hören Nichts insgeheim von Rom. Nun, eure Bitte?
Volumnia. Wenn wir auch schwiegen, sagte doch dies Kleid Und unser bleiches Antlitz, welch ein Leben Seit deinem Bann wir führten. Denke selbst, Wie wir, unselger als je Fraun auf Erden, Dir nahn! Dein Anblick, der mit Freudentränen Die Augen füllen soll, das Herz mit Wonne, Netzt sie mit Leid, und quält's mit Furcht und Sorge; Da Mutter, Weib und Kind es sehen müssen, Wie Sohn, Gemahl und Vater grausam wühlt In seines Landes Busen.--Weh, uns Armen! Uns trifft am härtsten deine Wut; du wehrst uns Die Götter anzuflehn, ein Trost, den alle, Nur wir nicht, teilen: denn wie könnten wir's? Wie können für das Vaterland wir beten, Was unsre Pflicht? und auch für deinen Sieg, Was unsre Pflicht?--Ach! unsre teure Amme, Das Vaterland, geht unter, oder du, Du Trost im Vaterland. Wir finden immer Ein unabwendbar Elend, wird uns auch Ein Wunsch gewährt; wer auch gewinnen mag, Entweder führt man dich, Abtrünn'gen, Fremden, In Ketten durch die Straßen; oder du Trittst im Triumph des Vaterlandes Schutt Und trägst die Palme, weil du kühn vergossest Der Frau, des Kindes Blut; denn ich, mein Sohn, Ich will das Schicksal nicht erwarten, noch Des Krieges Schluß. Kann ich dich nicht bewegen, Daß lieber jedem Teil du Huld gewährst, Als einen stürzest--Traun, du sollst nicht eher Dein Vaterland bestürmen, bis du tratst (Glaub mir, du sollst nicht) auf der Mutter Leib, Der dich zur Welt gebar.
Virgilia. Ja, auch auf meinen, Der diesen Sohn dir gab, auf daß dein Name Der Nachwelt blüh.
Der kleine Marcius. Auf mich soll er nicht treten. Fort lauf ich, bis ich größer bin, dann fecht ich.
Coriolanus. Wer nicht will Wehmut fühlen, gleich den Frauen, Der muß nicht Frau noch Kindes Antlitz schauen. Zu lange saß ich.
(Er steht auf.)
Volumnia. Nein, so geh nicht fort. Zielt' unsre Bitte nur dahin, die Römer Zu retten durch den Untergang der Volsker, Die deine Herrn, so möchtst du uns verdammen Als Mörder deiner Ehre.--Nein, wir bitten, Daß beide du versöhnst; dann sagen einst Die Volsker: "Diese Gnad erwiesen wir",-- Die Römer: "Wir empfingen sie"; und jeder Gibt dir den Preis und ruft: "Gesegnet sei Für diesen Frieden!"--Großer Sohn, du weißt, Des Krieges Glück ist ungewiß; gewiß Ist dies, daß, wenn du Rom besiegst, der Lohn Den du dir erntest, solch ein Name bleibt, Dem, wie er nur genannt wird, Flüche folgen. Dann schreibt die Chronik einst: "Der Mann war edel, Doch seine letzte Tat löscht' alles aus, Zerstört' sein Vaterland; drum bleibt sein Name Ein Abscheu künftgen Zeiten."--Sprich zu mir. Der Ehre zartste Fordrung war dein Streben, In ihrer Hoheit Göttern gleich zu sein: Den Luftraum mit dem Donner zu erschüttern Und dann den Blitz mit einem Keil zu tauschen, Der nur den Eichbaum spaltet. Wie? nicht sprichst du?-- Hältst du es würdig eines edlen Mannes, Sich stets der Kränkung zu erinnern?--Tochter, Sprich du, er achtet auf dein Weinen nicht.-- Sprich du, mein Kind-- Vielleicht bewegt dein Kindgeschwätz ihn mehr, Als unsre Rede mag.--Kein Mann auf Erden Verdankt der Mutter mehr; doch hier läßt er Mich schwatzen wie ein Weib am Pranger.--Nie Im ganzen Leben gabst der lieben Mutter Du freundlich nach, wenn sie, die arme Henne, Nicht andrer Brut erfreut, zum Krieg dich gluckte, Und sicher heim, mit Ehren stets beladen.-- Heiß ungerecht mein Flehn und stoß mich weg; Doch ist's das nicht, so bist nicht edel du, Und strafen werden dich die Götter, daß Du mir die Pflicht entziehst, die Müttern ziemt. Er kehrt sich ab!-- Kniet nieder Fraun, beschäm ihn unser Knien. Dem Namen Coriolanus ziemt Verehrung, Nicht Mitleid unserm Flehn.--Kniet, sei's das Letzte.-- Nun ist es aus--wir kehren heim nach Rom Und sterben mit den Unsern.--Nein, sieh her! Dies Kind, nicht kann es sagen, was es meint; Doch kniet es, hebt die Händ empor mit uns, Spricht so der Bitte Recht mit größrer Kraft, Als du zu weigern hast.--Kommt, laßt uns gehn: Der Mensch hat eine Volskerin zur Mutter, Sein Weib ist in Corioli, dies Kind Gleicht ihm durch Zufall.--So sind wir entlassen, Still bin ich, bis die Stadt in Flammen steht, Dann sag ich etwas noch.
Coriolanus. O! Mutter!--Mutter!
(Er faßt die beiden Hände der Mutter. Pause.)
Was tust du? Sieh, die Himmel öffnen sich, Die Götter schaun herab; den Auftritt, unnatürlich, Belachen sie.--O! meine Mutter! Mutter! O! Für Rom hast glücklich du den Sieg gewonnen; Doch deinen Sohn--O glaub es, glaub es nur, Ihm höchst gefahrvoll hast du den bezwungen, Wohl tödlich selbst. Doch mag es nur geschehn! Aufidius, kann ich Krieg nicht redlich führen, Schließ ich heilsamen Frieden. Sprich, Aufidius, Wärst du an meiner Statt, hättst du die Mutter Wen'ger gehört? ihr wen'ger zugestanden?
Aufidius. Ich war bewegt.
Coriolanus. Ich schwöre drauf, du warst es. Und nichts Geringes ist es, wenn mein Auge Von Mitleid träuft. Doch rate mir, mein Freund! Was für Bedingung machst du? denn nicht geh ich Nach Rom, ich kehre mit euch um und bitt euch, Seid hierin mir gewogen.--O Mutter! Frau!
Aufidius (für sich). Froh bin ich, daß dein Mitleid, deine Ehre, Dich so entzwein; hieraus denn schaff ich mir Mein ehemalges Glück.
(Die Frauen wollen sich entfernen.)
Coriolanus. O! jetzt noch nicht. Erst trinken wir, dann tragt ein beßres Zeugnis Als bloßes Wort nach Rom, das gegenseitig Auf billige Bedingung wir besiegeln. Kommt, tretet mit uns ein. Ihr Fraun verdient, Daß man euch Tempel baut; denn alle Schwerter Italiens und aller Bundsgenossen, Sie hätten diesen Frieden nicht erkämpft.
(Alle ab.)
Vierte Szene
Rom. Ein öffentlicher Platz Menenius und Sicinius treten auf
Menenius. Seht ihr dort jenen Vorsprung am Kapitol? jenen Eckstein?
Sicinius. Warum? Was soll er?
Menenius. Wenn es möglich ist, daß Ihr ihn mit Euerm kleinen Finger von der Stelle bewegt, dann ist einige Hoffnung, daß die römischen Frauen, besonders seine Mutter, etwas bei ihm ausrichten können.-- Aber! ich sage, es ist keine Hoffnung; unsre Kehlen sind verurteilt und warten auf den Henker.
Sicinius. Ist es möglich, daß eine so kurze Zeit die Gemütsart eines Menschen so verändert?
Menenius. Es ist ein Unterschied zwischen einer Raupe und einem Schmetterling; und doch war der Schmetterling eine Raupe. Dieser Marcius ist aus einem Menschen ein Drache geworden, die Schwingen sind ihm gewachsen, er ist mehr als ein kriechendes Geschöpf.
Sicinius. Er liebte seine Mutter von Herzen.
Menenius. Mich auch. Aber er kennt jetzt seine Mutter sowenig als ein achtjähriges Roß. Die Herbigkeit seines Angesichts macht reife Trauben sauer. Wenn er wandelt, so bewegt er sich wie ein Turm, und der Boden bebt unter seinem Tritt. Er ist imstande, einen Harnisch mit seinem Blick zu durchbohren; er spricht wie eine Glocke, und sein "Hm" ist eine Batterie. Er sitzt da in seiner Herrlichkeit wie ein Abbild Alexanders. Was er befiehlt, das geschehen soll, das ist schon vollendet, indem er es befiehlt. Ihm fehlt zu einem Gotte nichts als Ewigkeit und ein Himmel, darin zu thronen.
Sicinius. Doch, Gnade, wenn Ihr ihn richtig beschreibt.
Menenius. Ich male ihn nach dem Leben. Gebt nur acht, was für Gnade seine Mutter mitbringen wird. Es ist nicht mehr Gnade in ihm als Milch in einem männlichen Tiger; das wird unsre arme Stadt empfinden.-- Und alles dies haben wir euch zu danken.
Sicinius. Die Götter mögen sich unser erbarmen!
Menenius. Nein, bei dieser Gelegenheit werden sich die Götter unser nicht erbarmen. Als wir ihn verbannten, achteten wir nicht auf sie, und da er nun zurückkommt, um uns den Hals zu brechen, achten sie nicht auf uns.
(Ein Bote tritt auf.)
Bote. Wollt Ihr das Leben retten, flieht nach Hause, Das Volk hat Euren Mittribun ergriffen Und schleift ihn durch die Straßen. Alle schwören, Er soll, wenn keinen Trost die Frauen bringen, Den Tod zollweis empfinden. Ein Zweiter Bote kommt.
Sicinius. Was für Nachricht?
Bote. Heil! Heil! Die Frauen haben obgesiegt, Es ziehn die Volsker ab und Marcius geht. Ein frohrer Tag hat nimmer Rom begrüßt, Nicht seit Tarquins Vertreibung.
Sicinius. Freund, sag an, Ist's denn auch wirklich wahr? weißt du's gewiß?
Bote. Ja, so gewiß die Sonne Feuer ist. Wo stecktet Ihr, daß Ihr noch zweifeln könnt? Geschwollne Flut stürzt so nicht durch den Bogen, Wie die Beglückten durch die Tore. Horcht! (Man hört Trompeten, Hoboen, Trommeln und Freudengeschrei.) Posaunen, Flöten, Trommeln und Drommeten, Zimbeln und Pauken und der Römer Jauchzen, Es macht die Sonne tanzen.
(Freudengeschrei.)
Menenius. Gute Zeitung. Ich geh den Fraun entgegen. Die Volumnia Ist von Patriziern, Konsuln, Senatoren Wert eine Stadt voll, solcher Volkstribunen Ein Meer und Land voll.--Ihr habt gut gebetet, Für hunderttausend eurer Kehlen gab ich Heut früh nicht einen Pfennig. Hört die Freude!
(Musik und Freudengeschrei.)
Sicinius. Erst für die Botschaft segnen Euch die Götter, Und dann nehmt meinen Dank.
Bote. Wir haben alle Viel Grund zu vielem Dank.
Sicinius. Sind sie schon nah?
Bote. Fast schon am Tor.
Sicinius. Laßt uns entgegengehn Und ihren Jubel mehren. Die Frauen treten auf, von Senatoren, Patriziern und Volk begleitet Sie gehn über die Bühne.
Erster Senator. Seht unsre Schutzgöttin, das Leben Roms! Ruft alles Volk zusammen, preist die Götter, Macht Freudfeuer, streut den Weg mit Blumen Und übertönt den Schrei, der Marcius bannte, Ruft ihn zurück im Willkomm seiner Mutter. Willkommen! ruft den Fraun Willkommen zu.
Alle. Willkommen! edle Frauen! seid willkommen!
(Trommeln und Trompeten. Alle ab.)
Fünfte Szene
Antium. Ein öffentlicher Platz Aufidius tritt auf mit Begleitern
Aufidius. Geht, sagt den Senatoren, ich sei hier, Gebt ihnen dies Papier, und wenn sie's lasen, Heißt sie zum Marktplatz kommen, wo ich selbst Vor ihrem und des ganzen Volkes Ohr Bekräftge, was hier steht. Der Angeklagte Zog eben in die Stadt und ist gewillt, Sich vor das Volk zu stellen, in der Hoffnung, Durch Worte sich zu rein'gen. Geht.
(Die Begleiter gehn ab. Drei oder vier Verschworne treten auf.)
Willkommen!
Erster Verschworner. Wie steht's mit unserm Feldherrn?
Aufidius. Grade so Wie dem, der durch sein Wohltun wird vergiftet, Den sein Erbarmen mordet.
Zweiter Verschworner. Edler Herr, Wenn bei derselben Absicht Ihr verharrt, Zu der Ihr unsern Beitritt wünscht, erretten Wir Euch von der Gefahr.
Aufidius. Ich weiß noch nicht. Wir müssen handeln nach des Volkes Stimmung.
Dritter Verschworner. Das Volk bleibt ungewiß, solang es noch Kann wählen zwischen euch. Der Fall des einen Macht, daß der andre alles erbt.
Aufidius. Ich weiß es. Auch wird der Vorwand, ihm eins beizubringen, Beschönigt. Ich erhob ihn, gab mein Wort Für seine Treu. Er, so emporgestiegen, Begoß mit Schmeicheltau die neuen Pflanzen, Die Freunde mir verführend; zu dem Zweck Bog er sein Wesen, das man nur vorher Als rauh, unlenksam und freimütig kannte.
Dritter Verschworner. Jawohl, sein Starrsinn, als er einst die Würde Des Konsuls suchte, die er nur verlor, Weil er nicht nachgab--
Aufidius. Davon wollt ich reden. Deshalb verbannt, kam er an meinen Herd, Bot seinen Hals dem Dolch. Ich nahm ihn auf, Macht ihn zu meinesgleichen, gab ihm Raum Nach seinem eignen Wunsch, ja, ließ ihn wählen Aus meinem Heer, zu seines Plans Gelingen, Die besten, kühnsten Leute. Selbst auch dient' ich Für seinen Plan, half ernten Ruhm und Ehre, Die er ganz nahm als eigen. Selbst mir Schaden Zu tun, war ich fast stolz. Bis ich am Ende Sein Söldner schien, nicht Mitregent, den er Mit Gunst bezahlt und Beifall; als wär ich Für Lohn in seinem Dienste.
Erster Verschworner. Ja, das tat er, Das Heer erstaunte drob. Und dann zuletzt, Als Rom sein war, und wir nicht wen'ger Ruhm Als Beut erwarteten--
Aufidius. Dies ist der Punkt, Wo meine ganze Kraft ihm widerstrebt. Für wen'ge Tropfen Weibertränen, wohlfeil Wie Lügen, konnt er Schweiß und Blut verkaufen Der großen Unternehmung. Darum sterb er, Und ich ersteh in seinem Fall.--Doch, horcht.--
(Trommeln und Trompeten, Freudengeschrei des Volks.)
Erster Verschworner. Ihr kamt zur Vaterstadt, gleich einem Boten, Und wurdet nicht begrüßt; bei seiner Rückkehr Zerreißt ihr Schrein die Luft.
Zweiter Verschworner. Ihr blöden Toren! Die Kinder schlug er euch: ihr sprengt die Kehlen, Ihm Glück zu wünschen.
Dritter Verschworner. Drum zu Euerm Vorteil, Eh er noch sprechen kann, das Volk zu stimmen Durch seine Rede, fühl er Euer Schwert. Wir unterstützen Euch, daß, wenn er liegt, Auf Eure Art sein Wort gedeutet wird, Mit ihm sein Recht begraben.
Aufidius. Sprich nicht mehr, Hier kommt schon der Senat. Die Senatoren treten auf.
Die Senatoren. Ihr seid daheim willkommen!
Aufidius. Das hab ich nicht verdient; doch, würdge Herrn, Last ihr bedächtig durch, was ich euch schrieb?
Die Senatoren. Wir taten's.
Erster Senator. Und mit Kummer, dies zu hören. Was früher er gefehlt, das, glaub ich, war Nur leichter Strafe wert; doch da zu enden, Wo er beginnen sollte, wegzuschenken Den Vorteil unsers Kriegs, uns zu bezahlen Mit unsern Kosten und Vergleich zu schließen Statt der Erobrung--das ist unverzeihlich.
Aufidius. Er naht, ihr sollt ihn hören. Coriolanus tritt ein mit Trommeln und Fahnen, Bürger mit ihm.