Chapter 6
Coriolanus. Nun, das ist doch schicklicher, als wenn ich mit deiner Frau zu schaffen hätte. Du schwatzest und schwatzest.--Trag deine Teller weg. Marsch!
(Er schlägt ihn hinaus. Aufidius tritt auf.)
Aufidius. Wo ist der Mensch?
Zweiter Diener. Hier, Herr. Ich hätte ihn wie einen Hund hinausgeprügelt, ich wollte nur die Herren drinnen nicht stören.
Aufidius. Woher kommst du? Was willst du? Dein Name? Weshalb antwortest du nicht? Sprich, Mensch, wie heißest du?
Coriolanus (schlägt den Mantel auseinander). Wenn, Tullus, Du noch nicht mich erkennst, und, mich beschauend, Nicht findest, wer ich bin, zwingt mich die Not, Mich selbst zu nennen.
Aufidius. Und wie ist dein Name?
Coriolanus. Ein Name, schneidend für der Volsker Ohr, Und rauhen Klangs für dich.
Aufidius. Wie ist dein Name? Du hast ein grimmig Aussehn, deine Mien ist Gebieterisch. Ist auch zerfetzt dein Tauwerk, Zeigst du als wackres Schiff dich. Wie dein Name?
Coriolanus. Zieh deine Stirn in Falten. Kennst mich jetzt?
Aufidius. Nicht kenn ich dich. Dein Name?
Coriolanus. Mein Nam ist Cajus Marcius, der dich selbst Vorerst und alle deine Landsgenossen Sehr schwer verletzt' und elend machte; Zeuge: Mein dritter Name Coriolan. Die Kriegsmühn, Die Todsgefahr und all die Tropfen Bluts, Vergossen für das undankbare Rom, Das alles wird bezahlt mit diesem Namen, Er, starkes Mahnwort und Anreiz zu Haß Und Feindschaft, die du mir mußt hegen. Nur Der Name bleibt. Die Grausamkeit des Volks, Ihr Neid, gestattet von dem feigen Adel, Die alle mich verließen, schlang das andre. Sie duldeten's, mich durch der Sklaven Stimmen Aus Rom gezischt zu sehn.--Diese Verruchtheit Bringt mich an deinen Herd; die Hoffnung nicht, Versteh mich recht, mein Leben zu erhalten; Denn fürchtet ich den Tod, so mied' ich wohl Von allen Menschen dich zumeist;--nein, Haß, Ganz meinen Neidern alles wettzumachen, Bringt mich hierher.--Wenn du nun in dir trägst Ein Herz des Grimms, das Rache heischt für alles, Was dich als Mann gekränkt, und die Verstümmlung Und Schmach in deinem ganzen Land will strafen, Mach dich gleich dran, daß dir mein Elend nütze, Daß dir mein Rachedienst zur Wohltat werde; Denn ich bekämpfe Mein gifterfülltes Land mit aller Wut Der Höllengeister. Doch fügt es sich so: Du wagst es nicht und bist ermüdet, höher Dein Glück zu steigern, dann, mit einem Wort, Bin ich des Lebens auch höchst überdrüssig; Dann biet ich dir und deinem alten Haß Hier meine Gurgel.--Schneidest du sie nicht, So würdest du nur als ein Tor dich zeigen; Denn immer hab ich dich mit Grimm verfolgt Und Tonnen Blutes deinem Land entzapft. Ich kann nur leben dir zum Hohn, es sei denn, Um Dienste dir zu tun.
Aufidius. O Marcius, Marcius! Ein jedes Wort von dir hat eine Wurzel Des alten Neids mir aus der Brust gejätet. Wenn Jupiter Von jener Wolk uns als Orakel riefe: "Wahr ist's!" nicht mehr als dir würd ich ihm glauben. Ganz edler Marcius! O! laß mich umwinden Den Leib mit meinen Armen, gegen den Mein fester Speer wohl hundertmal zerbrach, Und traf den Mond mit Splittern. Hier umfang ich Den Amboß meines Schwerts und ringe nun So edel und so heiß mit deiner Liebe, Als je mein eifersüchtger Mut gerungen Mit deiner Tapferkeit. Laß mich bekennen: Ich liebte meine Braut, nie seufzt' ein Mann Mit treurer Seele; doch, dich hier zu sehn, Du hoher Geist! dem springt mein Herz noch freudger, Als da mein neuvermähltes Weib zuerst Mein Haus betrat. Du Mars, ich sage dir, Ganz fertig steht ein Kriegsheer, und ich wollte Noch einmal dir den Schild vom Arme hauen, Wo nicht, den Arm verlieren. Zwölfmal hast du Mich ausgeklopft, und jede Nacht seitdem Träumt ich vom Balgen zwischen dir und mir. Wir waren beid in meinem Schlaf am Boden, Die Helme reißend, bei der Kehl uns packend: Halbtot vom Nichts erwacht ich.--Würdger Marcius! Hätt ich nicht andern Streit mit Rom, als nur, Daß du von dort verbannt, ich böte auf Von zwölf zu siebzig alles Volk, um Krieg Ins Herz des undankbaren Roms zu gießen Mit überschwellnder Flut.--O komm! tritt ein Und nimm die Freundeshand der Senatoren, Die jetzt hier sind, mir Lebewohl zu sagen, Der eure Länderein angreifen wollte, Wenn auch nicht Rom selbst.
Coriolanus. Götter, seid gepriesen!
Aufidius. Willst du nun selbst als unumschränkter Herr Dein eigner Rächer sein, so übernimm Die Hälfte meiner Macht; bestimme du, Wie dir gefällt, da du am besten kennst Des Landes Kraft und Schwäche, deinen Weg, Sei's, anzuklopfen an die Tore Roms, Sei's, sie an fernen Grenzen heimzusuchen, Erst schreckend, dann vernichtend. Doch tritt ein Und sei empfohlen jenen, daß sie ja Zu deinen Wünschen sprechen.--Tausend Willkomm! Und mehr mein Freund als du je Feind gewesen, Und, Marcius, das ist viel. Komm, deine Hand.
(Coriolanus und Aufidius gehn ab.)
Erster Diener. Das ist eine wunderliche Verändrung.
Zweiter Diener. Bei meiner Hand, ich dachte, ihn mit einem Prügel hinauszuschlagen, und doch ahnete mir, seine Kleider machten von ihm eine falsche Aussage.
Erster Diener. Was hat er für einen Arm! Er schwenkte mich herum mit seinem Daum und Finger, wie man einen Kreisel tanzen läßt.
Zweiter Diener. Nun, ich sah gleich an seinem Gesicht, daß was Besonderes in ihm steckte. Er hatte mir eine Art von Gesicht, sag ich-- ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.
Erster Diener. Das hatte er. Er sah aus, gleichsam--ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht dachte, es wäre mehr in ihm, als ich denken konnte.
Zweiter Diener. Das dachte ich auch, mein Seel. Er ist geradezu der herrlichste Mann der Welt.
Erster Diener. Das glaube ich auch. Aber einen besseren Krieger als er kennst du doch wohl.
Zweiter Diener. Wer? mein Herr?
Erster Diener. Ja, das ist keine Frage.
Zweiter Diener. Der wiegt sechs solche auf.
Erster Diener. Nein, das nun auch nicht, doch ich halte ihn für einen bessern Krieger.
Zweiter Diener. Mein Treu! sieh, man kann nicht sagen, was man davon denken soll; was die Verteidigung einer Stadt betrifft, da ist unser Feldherr vorzüglich.
Erster Diener. Ja, und auch für den Angriff. Der dritte Diener kommt zurück.
Dritter Diener. O, Bursche, ich kann euch Neuigkeiten erzählen, Neuigkeiten, ihr Flegel!
Die beiden andern. Was? was? was? Laß hören.
Dritter Diener. Ich wollte kein Römer sein, lieber alles in der Welt; lieber wäre ich ein verurteilter Mensch.
Erster und zweiter Diener. Warum? Warum?
Dritter Diener. Nun, der ist da, der unsern Feldherrn immer zwackte, der Cajus Marcius.
Erster Diener. Warum sagtest du, unsern Feldherrn zwacken?
Dritter Diener. Ich sage just nicht, unsern Feldherrn zwacken; aber er war ihm doch immer gewachsen.
Zweiter Diener. Kommt, wir sind Freunde und Kameraden. Er war ihm immer zu mächtig, das habe ich ihn selbst sagen hören.
Erster Diener. Er war ihm, kurz und gut, zu mächtig, Vor Corioli hackte und zwackte er ihn wie eine Karbonade.
Zweiter Diener. Und hätte er was von einem Kannibalen gehabt, so hätte er ihn wohl gebraten und aufgegessen dazu.
Erster Diener. Aber dein andres Neues?
Dritter Diener. Nun, da drinnen machen sie soviel Aufhebens von ihm, als wenn er der Sohn und Erbe des Mars wäre. Obenan gesetzt bei Tische, von keinem der Senatoren gefragt, der sich nicht barhäuptig vor ihn hinstellt. Unser Feldherr selbst tut, als wenn er seine Geliebte wäre, segnet sich mit Berührung seiner Hand und dreht das Weiße in den Augen heraus, wenn er spricht. Aber der Grund und Boden meiner Neuigkeit ist: unser Feldherr ist mitten durchgeschnitten und nur noch die Hälfte von dem, was er gestern war; denn der andre hat die Hälfte durch Ansuchen und Genehmigung der ganzen Tafel. Er sagt, er will gehn und den Pförtner von Rom bei den Ohren zerren, er will alles vor sich niedermähen und sich glatten Weg machen.
Zweiter Diener. Und er ist der Mann danach, es zu tun, mehr als irgend jemand, den ich kenne.
Dritter Diener. Es zu tun? Freilich wird er's tun! Denn versteht, Leute, er hat ebensoviel Freunde als Feinde; und diese Freunde, Leute, wagten gleichsam nicht, versteht mich, Leute, sich als seine Freunde, wie man zu sagen pflegt, zu zeigen, solange er in Mißkreditierung war.
Erster Diener. In Mißkreditierung? Was ist das?
Dritter Diener. Aber Leute, wenn sie seinen Kamm wieder hoch sehen werden und den Mann in seiner Kraft, so werden sie aus ihren Höhlen kriechen wie Kaninchen nach dem Regen, und ihm alle nachlaufen.
Erster Diener. Aber wann geht das los?
Dritter Diener. Morgen, heute, sogleich. Ihr werdet die Trommel heute nachmittag schlagen hören, es ist gleichsam noch eine Schüssel zu ihrem Fest, die verzehrt werden muß, ehe sie sich den Mund abwischen.
Zweiter Diener. Nun, so kriegen wir doch wieder eine muntre Welt. Der Friede ist zu nichts gut als Eisen zu rosten, Schneider zu vermehren und Bänkelsänger zu schaffen.
Erster Diener. Ich bin für den Krieg, sage ich, er übertrifft den Frieden wie der Tag die Nacht; er ist lustig, wachsam, gesprächig, immer was Neues; Friede ist Stumpfheit, Schlafsucht, dick, faul, taub, unempfindlich und bringt mehr Bastarde hervor, als der Krieg Menschen erwürgt.
Zweiter Diener. Richtig; und wie man auf gewisse Weise den Krieg Notzucht nennen kann, so macht, ohne Widerrede, der Friede viele Hahnrei'.
Erster Diener. Ja, und er macht, daß die Menschen einander hassen.
Dritter Diener. Und warum? Weil sie dann einander weniger nötig haben. Der Krieg ist mein Mann.--Ich hoffe, Römer sollen noch ebenso wohlfeil werden als Volsker. Sie stehn auf, sie stehn auf!
Alle. Hinein! hinein!
(Alle ab.)
Vierte Szene
Rom. Ein öffentlicher Platz Sicinius und Brutus treten auf
Sicinius. Man hört von ihm nichts, hat ihn nicht zu fürchten. Was ihn gestärkt, ist zahm, wo Friede jetzt Und Ruh im Volke, welches sonst empört Und wild. Wir machen seine Freund' erröten, Daß alles blieb im ruh'gen Gleis. Sie sähen Viel lieber, ob sie selbst auch drunter litten, Aufrührerhaufen unsre Straßen stürmen, Als daß der Handwerksmann im Laden singt Und alle freudig an die Arbeit gehn.
(Menenius tritt auf.)
Brutus. Wir griffen glücklich durch. Ist das Menenius?
Sicinius. Er ist es. O! er wurde sehr geschmeidig Seit kurzem.--Seid gegrüßt!
Menenius. Ich grüß euch beide.
Sicinius. Euer Coriolanus wird nicht sehr vermißt, Als von den Freunden nur; der Staat besteht Und würde stehn, wenn er ihn mehr noch haßte.
Menenius. Gut ist's und könnte noch weit besser sein, Hätt er sich nur gefügt.
Sicinius. Wo ist er? Wißt Ihr's--
Menenius. Ich hörte nichts; auch seine Frau und Mutter Vernehmen nichts von ihm. Es kommen mehrere Bürger.
Die Bürger. Der Himmel schütz euch!
Sicinius. Guten Abend, Nachbarn!
Brutus. Guten Abend allen! Allen guten Abend!
Erster Bürger. Wir, unsre Fraun und Kinder sind verpflichtet, Auf Knien für euch zu beten.
Sicinius. Geh's euch wohl.
Brutus. Lebt wohl, ihr Nachbarn. Hätte Coriolanus Euch so geliebt wie wir!
Die Bürger. Der Himmel segn euch.
Die Tribunen. Lebt wohl! lebt wohl!
(Die Bürger gehn ab.)
Sicinius. Dies ist beglücktre wohl und liebre Zeit, Als da die Burschen durch die Straßen liefen, Zerstörung brüllend.
Brutus. Cajus Marcius war Im Krieg ein würdger Held, doch unverschämt Von Stolz gebläht, ehrgeizig übers Maß, Selbstsüchtig--
Sicinius. Unumschränkte Macht erstrebend Ohn andern Beistand.
Menenius. Nein das glaub ich nicht.
Sicinius. Das hätten wir, so daß wir's all' beweinten, Empfunden, wär er Konsul nur geblieben.
Brutus. Die Götter wandten's gnädig ab, und Rom Ist frei und sicher ohne ihn. Ein Ädil kommt
Ädil. Tribunen, Da ist ein Sklave, den wir festgesetzt; Der sagt: "Es brach mit zwei verschiednen Heeren Der Volsker Macht ins römische Gebiet, Und mit des Krieges fürchterlichster Wut Verwüsten sie das Land."
Menenius. Das ist Aufidius, Der, da er unsers Marcius Bann gehört, Die Hörner wieder ausstreckt in die Welt, Die er einzog, als Marcius stand für Rom, Und nicht ein Blickchen wagte.
Sicinius. Ei, was schwatzt Ihr Vom Marcius da.
Brutus. Peitscht diesen Lügner aus. Es kann nicht sein. Die Volsker wagen nicht den Bruch.
Menenius. Es kann nicht sein? Wohl sagt uns die Erinnrung, daß es sein kann; Dreimal bezeugt' er uns dasselbe Beispiel In meiner Zeit.--Sprecht doch mit dem Gesellen, Eh ihr ihn straft, fragt ihn, wo er's gehört; Ihr möchtet sonst wohl eure Warnung peitschen, Den Boten schlagen, der euch wahren will Vor dem, was zu befürchten.
Sicinius. Sprecht nicht so! Ich weiß, es kann nicht sein.
Brutus. Es ist unmöglich. Ein Bote kommt.
Bote. In größter Eil versammelt der Senat Sich auf dem Kapitol.--Sie hörten Botschaft, Die ihr Gesicht entfärbt.
Sicinius. Das macht der Sklave. Laßt vor dem Volk ihn peitschen; sein Verhetzen-- Nichts als sein Märchen.
Bote. Nicht doch, würdger Herr. Des Sklaven Wort bestätigt sich, und weit, Weit schlimmer, als er aussagt.
Sicinius. Wie, weit schlimmer?
Bote. Es wird von vielen Zungen frei gesprochen, Ob glaublich, weiß ich nicht, es führe Marcius, Aufidius zugesellt, ein Heer auf Rom; So weite Rache schwörend, wie der Anfang Der Dinge weit vom jetzt ist.
Sicinius. O! höchst glaublich!
Brutus. Nur ausgestreut, damit der schwächre Teil Den guten Marcius heim soll wünschen.
Sicinius. Freilich Ist das der Kniff.
Menenius. Nein, dies ist unwahrscheinlich. Nicht mehr kann mit Aufidius er sich einen, Als was am heftigsten sich widerspricht. Es kommt ein zweiter Bote.
Bote. Man läßt in Eil aufs Kapitol euch fordern; Ein furchtbar Heer, geführt von Cajus Marcius, Aufidius zugesellt, verwüstet rings Die ganze Landschaft und betritt den Weg Hierher, durch Feur gebahnt, zerstörend alles, Was ihrer Wut begegnet.
(Cominius tritt auf)
Cominius. Oh! ihr habt Hübsches angerichtet.
Menenius. Nun, was gibt's?
Cominius. Die eignen Töchter helft ihr schänden und Der Dächer Blei auf eure Schädel schmelzen, Vor euren Augen eure Fraun entehren.
Menenius. Was gibt es denn? Was gibt's denn?
Cominius. Verbrennen eure Tempel bis zum Grund, Und eure Recht', auf die ihr pocht, verjagen Bis in ein Mäuseloch.
Menenius. Ich bitt Euch--sprecht! Ich fürcht, ihr habt es schön gemacht. O sprecht! Wenn Marcius sich verband den Volskern--
Cominius. Wenn? Er ist ihr All, er führt sie als ein Wesen, Das nicht Natur erschuf, nein, eine Gottheit, Die höher ihn begabt. Sie folgen ihm Her gegen uns Gezücht, so ruhig, sicher, Wie Knaben bunte Schmetterlinge jagen Und Schlächter Fliegen töten.
Menenius. Ihr habt's schön gemacht. Ihr, eure Schürzfellmänner, die so fest Auf ihre Handwerksstimmen hielten, und Der Knoblauchfresser Atem.
Cominius. Schütteln wird er Euch um die Ohren Rom.
Menenius. Wie Herkules Die reife Frucht abschüttelt'. Schöne Arbeit!
Brutus. So ist es wahr?
Cominius. Ja, und ihr sollt erbleichen, Bevor ihr's anders findet. Jede Stadt Fällt lachend ab, und wer sich widersetzt, Den höhnt man ob der tapfern Dummheit aus, Der stirbt als treuer Narr. Wer kann ihn tadeln? Die Feind' ihm sind, sehn jetzo, was er ist.
Menenius. Wir alle sind verloren, wenn der Edle Nicht Gnade übt.
Cominius. Wer soll ihn darum bitten? Aus Schande können's die Tribunen nicht; Das Volk verdient von ihm Erbarmen, wie Der Wolf vom Schäfer.--Seine besten Freunde, Sagten sie: "Schone Rom!", sie kränkten ihn Gleich jenen, welche seinen Haß verdient, Und zeigten sich als Feinde.
Menenius. Das ist wahr. Wenn er den Brand an meine Schwelle legte, Sie zu verzehren, hätt ich nicht die Stirn, Zu sagen: "Bitte, laß!"-- Ihr treibt es schön, Ihr und das Handwerk. Herrlich Werk der Hand!
Cominius. Ihr brachtet Solch Zittern über Rom, daß sich's noch nie So hilflos fand.
Die Tribunen. Sagt nicht, daß wir es brachten.
Menenius. So? Waren wir's? Wir liebten ihn, doch tierisch Und knechtisch feig, nicht adlig, wichen wir Dem Pack, das aus der Stadt ihn zischte.
Cominius. Ich fürchte, Sie brüllen wieder ihn herein. Aufidius, Der Männer zweiter, folgt nur seinem Wink, Als dient' er unter ihm. Verzweiflung nur Kann Rom ihm nun statt Kriegskunst und Verteidgung Und Macht entgegenstellen. Es kommt ein Haufen Bürger.
Menenius. Hier kommt das Pack. Und ist Aufidius mit ihm? Ja, ihr seid's, Die unsre Luft verpestet, als ihr warft Die schweißgen Mützen in die Höh und schriet: "Verbannt sei Coriolan."--Nun kommt er wieder, Und jedes Haar auf seiner Krieger Haupt Wird euch zur Geißel.--Soviel Narrenköpfe, Als Mützen flogen, wird er niederstrecken Zum Lohn für eure Stimmen.--Nun, was tut's? Und wenn er all' uns brennt in eine Kohle, Geschieht uns recht.
Die Bürger. Wir hörten böse Zeitung.
Erster Bürger. Was mich betrifft, als ich gesagt: "Verbannt ihn", Da sagt ich: "Schade drum!"
Zweiter Bürger. Das tat ich auch.
Dritter Bürger. Das tat ich auch; und, die Wahrheit zu sagen, das taten viele von uns. Was wir taten, das taten wir zum allgemeinen Besten; und obgleich wir freiwillig in seine Verbannung einwilligten, so war es doch gegen unsern Willen.
Cominius. Ihr seid ein schönes Volk, ihr Stimmen!
Menenius. Ihr machtet's herrlich, ihr und euer Pack. Gehn wir aufs Kapitol?
Cominius. Jawohl. Was sonst?
(Cominius und Menenius gehn ab.)
Sicinius. Geht, Freunde, geht nach Haus, seid nicht entmutigt. Dies ist sein Anhang, der das wünscht bestätigt, Was er zu fürchten vorgibt. Geht nach Haus. Seid ohne Furcht.
Erster Bürger. Die Götter seien uns gnädig. Kommt, Nachbarn, laßt uns nach Hause gehn. Ich sagte immer: Wir taten unrecht, als wir ihn verbannten.
Zweiter Bürger. Das taten wir alle. Kommt, laßt uns nach Hause gehn.
(Die Bürger gehn ab.)
Brutus. Die Neuigkeit gefällt mir nicht.
Sicinius. Mir auch nicht.
Brutus. Aufs Kapitol! Mein halb Vermögen gäb ich, Könnt ich als Lüge diese Nachricht kaufen.
Sicinius. Kommt, laßt uns gehn.
(Gehn ab.)
Fünfte Szene
Ein Lager in geringer Entfernung von Rom Aufidius und ein Hauptmann treten auf
Aufidius. Noch immer laufen sie dem Römer zu?
Hauptmann. Ich weiß nicht, welche Zauberkraft er hat; Doch dient zum Tischgebet er Euren Kriegern, Wie zum Gespräch beim Mahl und Dank am Schluß. Ihr seid in diesem Krieg verdunkelt, Herr, Selbst von den Eignen.
Aufidius. Jetzt kann ich's nicht ändern, Als nur durch Mittel, die die Kräfte lähmten Von unsrer Absicht. Er beträgt sich stolzer, Selbst gegen mich, als ich es je erwartet, Da ich zuerst ihn aufnahm. Doch sein Wesen Bleibt darin sich getreu. Ich muß entschuldgen, Was nicht zu bessern ist.
Hauptmann. Doch wünscht ich, Herr, Zu Eurem eignen Heil, Ihr hättet nie Mit ihm geteilt Eur Ansehn, nein, entweder Die Führung selbst behalten oder ihm Allein sie überlassen.
Aufidius. Wohl weiß ich, was du meinst; und, sei versichert, Wenn's zur Erklärung kommt, so denkt er nicht, Wes ich ihn kann beschuldgen. Scheint es gleich, Und glaubt er selbst, und überzeugt sich auch Das Volk, daß er in allem redlich handelt Und guten Haushalt für die Volsker führt; Ficht, gleich dem Drachen, siegt, sobald er nur Das Schwert gezückt; doch blieb noch ungetan, Was ihm den Hals soll brechen oder meinen Gefährden, wenn wir miteinander rechnen.
Hauptmann. Herr, glaubt Ihr, daß er Roms sich wird bemeistern?
Aufidius. Jedwede Stadt ist sein, eh er belagert, Und ihm ergeben ist der Adel Roms; Patrizier lieben ihn und Senatoren. Den Krieg versteht nicht der Tribun. Das Volk Wird schnell zurück ihn rufen, wie's ihn eilig Von dort verstieß. Ich glaub, er ist für Rom, Was für den Fisch der Meeraar, der ihn fängt Durch angeborne Macht. Erst war er ihnen Ein edler Diener; doch er konnte nicht Die Würden mäßig tragen. Sei's nun Stolz, Der immer, bleibt das Glück unwandelbar, Den Glücklichen befleckt; sei's Urteilsmangel, Wodurch er nicht den Zufall klug genutzt, Den er beherrschte; oder sei's Natur, Die ihn aus einem Stück schuf--stets derselbe Im Helme wie im Rat, herrscht' er im Frieden Mit unbeugsamer Streng und finsterm Ernst, Wie er dem Krieg gebot. Schon eins von diesen (Von jedem hat er etwas, keines ganz, So weit sprech ich ihn frei) macht' ihn gefürchtet, Gehaßt, verbannt.--Doch so ist sein Verdienst, Daß es im Übermaß erstirbt. So fällt Stets unser Wert der Zeiten Deutung heim; Und Macht, die an sich selbst zu loben ist, Hat kein so unverkennbar Grab, als wenn Von Rednerbühnen wird ihr Tun gepriesen. Der Nagel treibt den Nagel, Brand den Brand, Kraft sinkt durch Kraft, durch Recht wird Recht verkannt. Kommt, laßt uns gehn. Ist, Cajus, Rom erst dein, Dann bist der Ärmste du und dann bald mein.
(Sie gehn ab.)
Fünfter Aufzug
Erste Szene
Rom, ein öffentlicher Platz Es treten auf Menenius, Cominius, Sicinius, Brutus und andere
Menenius. Nein, ich geh nicht.--Ihr hört, was dem er sagte, Der einst sein Feldherr war; der ihn geliebt Aufs allerzärtlichste. Mich nannt er Vater; Doch was tut das?--Geht ihr, die ihn verbannt, 'ne Meile schon vor seinem Zelt fallt nieder Und schleicht so kniend in seine Gnade.--Nein: Wollt er nichts von Cominius hören, bleib ich Zu Haus.
Cominius. Er tat, als kennte er mich nicht.
Menenius. Hört ihr's?
Cominius. Doch einmal nannt er mich bei meinem Namen: Die alte Freundschaft macht ich geltend, Blut, Gemeinsam sonst vergossen. Coriolan Wollt er nicht sein, verbat sich jeden Namen: Er sei ein Nichts, ein ungenanntes Wesen, Bis er sich einen Namen neu geschmiedet Im Brande Roms.
Menenius. Ah! so. Ihr machtet's gut. Ein Paar Tribunen, die für Rom sich quälten, Wohfeil zu machen Kohlen.--Edler Ruhm!
Cominius. Ich mahnt ihn, wie so königlich Verzeihung, Je minder sie erwartet sei. Er sprach, Das sei vom Staat ein kahles Wort an ihn, Den selbst der Staat bestraft.
Menenius. Das war ganz recht. Was konnt er anders sagen?
Cominius. Ich suchte dann sein Mitleid zu erwecken Für die besondern Freund'. Er gab zur Antwort: Nicht lesen könn er sie aus einem Haufen Verdorbner, schlechter Spreu, auch sei es Torheit, Um ein zwei arme Körner stinken lassen Den Unrat unverbrannt.
Menenius. Um ein paar Körner? Davon bin ich eins, seine Frau und Mutter, Sein Kind, der wackre Freund, wir sind die Körner: Ihr seid die dumpfe Spreu, und eur Gestank Dringt bis zum Mond; wir müssen für euch brennen.
Sicinius. Seid milde doch, wenn ihr zu helfen weigert In so ratloser Zeit. Verhöhnt uns mindestens Mit unserm Elend nicht; denn sprächet Ihr Für Euer Vaterland, Eur gutes Wort, Mehr als ein eilig aufgerafftes Heer, Hemmt' unsern Landsmann.
Menenius. Nein ich bleib davon.
Sicinius. Ich bitt Euch, geht zu ihm.
Menenius. Was soll es nutzen?
Brutus. Versuchen nur, was Eure Liebe kann Für Rom bei Marcius.
Menenius. Und gesetzt, daß Marcius Zurück mich schickt, wie er Cominius tat, Ganz ungehört.--Die Folge? Noch ein gekränkter Freund, von Gram durchbohrt Durch seine Härte. Nun?
Sicinius. Euern Willen Erkennt Rom dankbar nach dem Maß, wie Ihr Die gute Meinung zeigt.
Menenius. Ich will's versuchen-- Kann sein, er hört mich; doch, die Lippe beißen Und grollen mit Cominius schwächt mein Herz. Man traf die Stunde nicht, vor Tische war's. Und sind die Adern leer, ist kalt das Blut, Dann schmollen wir dem Morgen, sind unwillig Zu geben und vergeben; doch gefüllt Die Röhren und Kanäle unsers Bluts Mit Wein und Nahrung, macht die Seele schmeidger Als priesterliches Fasten.--Drum erpaß ich, Bis er für mein Gesuch in Tafellaune, Und dann mach ich mich an ihn.
Brutus. Ihr kennt den wahren Pfad zu seiner Güte Und könnt des Wegs nicht fehlen.
Menenius. Gut, ich prüf ihn. Geh's, wie es will, bald werd ich selber wissen, Ob's mir gelang.
(Geht ab.)
Cominius. Er hört ihn nimmer.
Sicinius. Nicht?
Cominius. Glaubt mir, er sitzt in Gold, sein Blick so feurig, Als wollt er Rom verbrennen; und sein Zorn Ist Kerkermeister seiner Gnad.--Ich kniete, Nur leise sprach er: "Auf!"--entließ mich--so-- Mit seiner stummen Hand. Was er tun würde, Schickt' er mir schriftlich nach; was er nicht würde, Zwäng ihn ein Eid, sich selbst nicht nachzugeben. So daß uns keine Hoffnung bleibt-- Wenn's seine edle Mutter nicht und Gattin-- Die, hör ich, sind gewillt, ihn anzuflehn Um Gnade für die Stadt; drum gehn wir hin, Daß unser bestes Wort sie noch mehr treibe.
(Gehn ab.)