Coriolanus

Chapter 5

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Volumnia. Bringt es im Krieg dir Ehre, der zu scheinen, Der du nicht bist (und großer Zwecke halb Gebrauchst du diese Politik), entehrt's nun, Daß sie im Frieden soll Gemeinschaft halten Mit Ehre, wie im Krieg, da sie doch beiden Gleich unentbehrlich ist?

Coriolanus. Was drängst du so?

Volumnia. Weil jetzt dir obliegt, zu dem Volk zu reden, Nicht nach des eignen Sinnes Unterweisung, Noch in der Art, wie dir dein Herz befiehlt; Mit Worten nur, die auf der Zunge wachsen, Bastardgeburten, Lauten nur und Silben, Die nicht des Herzens Wahrheit sind verpflichtet. Dies, wahrlich, kann sowenig dich entehren, Als eine Stadt durch sanftes Wort erobern, Wo sonst dein Glück entscheiden müßt und Wagnis Von vielem Blutvergießen.-- Ich wollte meine Art und Weise bergen, Wenn Freund' und Glück es in Gefahr verlangten, Und blieb' in Ehr.--Ich steh hier auf dem Spiel, Dein Weib, dein Sohn, die Edlen, der Senat, Und du willst lieber unserm Pöbel zeigen, Wie du kannst finster sehn, als einmal lächeln, Um ihre Gunst zu erben und zu schützen, Was ohne sie zugrund geht.

Menenius. Edle Frau! Kommt, geht mit uns, sprecht freundlich und errettet Nicht nur, was jetzt gefährlich, nein, was schon Verloren war.

Volumnia. Ich bitte dich, mein Sohn, Geh hin, mit dieser Mütz in deiner Hand, So streck sie aus, tritt so an sie heran, Dein Knie berühr die Stein'; in solchem Tun ist Gebärd ein Redner, und der Einfalt Auge Gelehrter als ihr Ohr. Den Kopf so wiegend Und oft auch so, dein stolzes Herz bestrafend, Sei sanft, so wie die Maulbeer überreif, Die jedem Drucke weicht. Dann sprich zu ihnen: Du seist ihr Krieger, im Gelärm erwachsen, Habst nicht die sanfte Art, die, wie du einsähst, Dir nötig sei, die sie begehren dürften, Wärbst du um ihre Gunst; doch wolltst du sicher Dich künftig wandeln zu dem Ihrigen, So weit Natur und Kraft in dir nur reichten.

Menenius. Das nur getan, So wie sie sagt, sind alle Herzen dein, Denn sie verzeihn so leicht, wenn du sie bittest, Als sonst sie müßig schwatzen.

Volumnia. O! gib nach! Laß dir nur diesmal raten. Weiß ich schon, Du sprängst eh mit dem Feind in Feuerschlünde, Als daß du ihm in Blumenlauben schmeichelst. Hier ist Cominius.

(Cominius tritt auf)

Cominius. Vom Marktplatz komm ich, Freund, und dringend scheint, Daß Ihr Euch sehr verstärkt, sonst hilft Euch nur Flucht oder Sanftmut. Alles ist in Wut.

Menenius. Nur gutes Wort.

Cominius. Das, glaub ich, dient am besten, Zwingt er sein Herz dazu.

Volumnia. Er muß und will. Laß dich erbitten; sag: "Ich will", und geh!

Coriolanus. Muß ich mit bloßem Kopf mich zeigen? Muß ich Mit niedrer Zunge Lügen strafen so Mein edles Herz, das hier verstummt? Nun gut, ich tu's. Doch käm's nur auf das einzge Stück hier an, Den Marcius, sollten sie zu Staub ihn stampfen Und in den Wind ihn streun.--Zum Marktplatz nun. Ihr zwingt mir eine Rolle auf, die ich nie Natürlich spiele.

Cominius. Kommt, wir helfen Euch.

Volumnia. O! hör mich, holder Sohn. Du sagtest oft, Daß dich mein Lob zum Krieger erst gemacht. So spiel, mein Lob zu ernten, eine Rolle, Die du noch nie geübt.

Coriolanus. Ich muß es tun. Fort, meine Sinnesart! Komm über mich, Geist einer Metze. Mein Kriegsschrei sei verwandelt, Der in die Trommeln rief, jetzt in ein Pfeifchen, Dünn wie des Hämlings, wie des Mädchens Stimme, Die Kinder einlullt; eines Buben Lächeln Wohn auf der Wange mir; Schulknabentränen Verdunkeln mir den Blick; des Bettlers Zunge Reg in dem Mund sich; mein bepanzert Knie, Das nur im Bügel krumm war, beuge sich Wie des, der Pfennge fleht.--Ich will's nicht tun, Nicht so der eignen Wahrheit Ehre schlachten, Und durch des Leibs Gebärdung meinen Sinn Zu ewger Schand abrichten.

Volumnia. Wie du willst. Von dir zu betteln ist mir größre Schmach, Als dir von ihnen. Fall alles denn in Trümmer! Mag lieber deinen Stolz die Mutter fühlen, Als stets Gefahr von deinem Starrsinn fürchten. Den Tod verlach ich, großgeherzt wie du. Mein ist dein Mut, ja, den sogst du von mir, Dein Stolz gehört dir selbst.

Coriolanus. Sei ruhig, Mutter, Ich bitte dich!--Ich gehe auf den Markt; Schilt mich nicht mehr. Als Taschenspieler nun Stehl ich jetzt ihre Herzen, kehre heim Von jeder Zunft geliebt. Siehst du, ich gehe. Grüß meine Frau. Ich kehr als Konsul wieder; Sonst glaube nie, daß meine Zung es weit Im Weg des Schmeichelns bringt.

Volumnia. Tu, was du willst.

(Sie geht ab.)

Cominius. Fort, die Tribunen warten. Rüstet Euch Mit milder Antwort; denn sie sind bereit, Hör ich, mit härtern Klagen, als die jetzt Schon auf Euch lasten.

Coriolanus. "Mild" ist die Losung. Bitte, laßt uns gehn. Laßt sie mit Falschheit mich beschuldigen, ich Antworte ehrenvoll.

Menenius. Nur aber milde.

Coriolanus. Gut, milde sei's denn, milde.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Das Forum Sicinius und Brutus treten auf

Brutus. Das muß der Hauptpunkt sein: daß er erstrebt Tyrannische Gewalt; entschlüpft er da, Treibt ihn mit seinem Volkshaß in die Enge, Und daß er nie verteilen ließ die Beute, Die den Antiaten abgenommen ward.

(Ein Ädil tritt auf.)

Nun, kommt er?

Ädil. Er kommt.

Brutus. Und wer begleitet ihn?

Ädil. Der alte Menenius und die Senatoren, die Ihn stets begünstigt.

Brutus. Habt Ihr ein Verzeichnis Von allen Stimmen, die wir uns verschafft, Geschrieben nach der Ordnung?

Ädil. Ja, hier ist's.

Brutus. Habt Ihr nach Tribus sie gesammelt?

Ädil. Ja.

Sicinius. So ruft nun ungesäumt das Volk hieher, Und hören sie mich sagen: "So soll's sein, Nach der Gemeinen Fug und Recht", sei's nun Tod, Geldbuß oder Bann: so laß sie schnell "Tod" rufen, sag ich: "Tod!", "Geldbuße", sag ich: "Buße", Auf ihrem alten Vorrecht so bestehn Und auf der Kraft in der gerechten Sache.

Ädil. Ich will sie unterweisen.

Brutus. Und haben sie zu schreien erst begonnen, Nicht aufgehört, nein, dieser wilde Lärm Muß die Vollstreckung Augenblicks erzwingen Der Strafe, die wir rufen.

Ädil. Wohl, ich gehe.

Sicinius. Und mach sie stark und unserm Wink bereit, Wann wir ihn immer geben.

Brutus. Macht Euch dran!

(Der Ädil geht ab.)

Reizt ihn sogleich zum Zorn; er ist gewohnt Zu siegen, und ihm gilt als höchster Ruhm Der Widerspruch. Einmal in Wut, nie lenkt er Zur Mäßigung zurück; dann spricht er aus, Was er im Herzen hat; genug ist dort, Was uns von selbst hilft, ihm den Hals zu brechen. Es treten auf Coriolanus, Menenius, Cominius, Senatoren und Patrizier.

Sicinius. Nun seht, hier kommt er.

Menenius. Sanft, das bitt ich dich.

Coriolanus. Ja, wie ein Stallknecht, der für lumpgen Heuer Den Schurken zehnfach einsteckt.--Hohe Götter! Gebt Rom den Frieden und den Richterstühlen Biderbe Männer! Pflanzet Lieb uns ein! Füllt dicht mit Friedensprunk die Tempelhallen, Und nicht mit Krieg die Straßen.

Erster Senator. Amen! Amen!

Menenius. Ein edler Wunsch.

Sicinius. Ihr Bürger, tretet näher. Der Ädil kommt mit den Bürgern.

Ädil. Auf die Tribunen merkt! Gebt acht! Still! still!

Coriolanus. Erst hört mich reden.

Beide Tribunen. Gut, sprecht--ruhig denn.

Coriolanus. Werd ich nicht weiter angeklagt als hier? Wird alles jetzt gleich ausgemacht?

Sicinius. Ich frage: Ob Ihr des Volkes Stimm Euch unterwerft, Die Sprecher anerkennt und willig tragt Die Strafe des Gesetzes für die Fehler, Die man Euch dartun wird?

Coriolanus. Ich trage sie.

Menenius. O, Bürger, seht! er sagt, er will sie tragen: Der Kriegesdienste, die er tat, gedenkt; Seht an die Wunden, die sein Körper hat, Sie gleichen Gräbern auf geweihtem Boden.

Coriolanus. Geritzt von Dornen, Schrammen, nur zum Lachen.

Menenius. Erwägt noch ferner: Daß, hört ihr ihn nicht gleich dem Bürger sprechen, Den Krieger findet ihr in ihm. Nehmt nicht Den rauhen Klang für bös gemeintes Wort; Nein, wie gesagt, so wie's dem Krieger ziemt, Nicht feindlich euch.

Cominius. Gut, gut, nichts mehr.

Coriolanus. Wie kommt's, Daß ich, einstimmig anerkannt als Konsul, Nun so entehrt bin, daß zur selben Stunde Ihr mir die Würde nehmt?

Sicinius. Antwortet uns.

Coriolanus. Sprecht denn, 's ist wahr, so sollt ich ja.

Sicinius. Wir zeihn dich, daß du hast gestrebt, zu stürzen Recht und Verfassung Roms und so dich selbst Tyrannisch aller Herrschaft anzumaßen, Und darum stehst du hier als Volksverräter.

Coriolanus. Verräter!--

Menenius. Still nur, mäßig!--Dein Versprechen.

Coriolanus. Der tiefsten Hölle Glut verschling das Volk! Verräter ich! du lästernder Tribun! Und säßen tausend Tod' in deinem Auge, Und packten Millionen deine Fäuste, Wärn doppelt die auf deiner Lügnerzunge: Ich, ich sag' dennoch dir, du lügst!--die Brust So frei, als wenn ich zu den Göttern bete.

Sicinius. Hörst du dies, Volk?

Die Bürger. Zum Fels mit ihm! Zum Fels mit ihm!

Sicinius. Seid ruhig! Wir brauchen neuer Fehl' ihn nicht zu zeihn; Was ihr ihn tun saht, reden hörtet, Wie er euch fluchte, eure Diener schlug, Streiche dem Recht erwidernd, denen trotzte, Die, machtbegabt, ihn richten sollten: dies So frevelhaft, so hochverräterisch, Verdient den härtsten Tod.

Brutus. Doch, da er Dienste Dem Staat getan--

Coriolanus. Was schwatzt Ihr noch von Diensten?

Brutus. Ich sag es, der ich's weiß.

Coriolanus. Ihr?

Menenius. Ist es dies, Was Eurer Mutter Ihr verspracht?

Cominius. O hört. Ich bitt Euch.

Coriolanus. Nein, ich will nichts weiter hören. Laß sie ausrufen: Tod vom steilen Fels, Landflüchtges Elend, Schinden, eingekerkert Zu schmachten, tags mit einem Korn--doch kauft ich Nicht für ein gutes Wort mir ihre Gnade, Nicht zähmt ich mich, für was sie schenken können, Bekäm ich's für 'nen "Guten Morgen" schon.

Sicinius. Weil er, soviel er konnt, von Zeit zu Zeit, Aus Haß zum Volke Mittel hat gesucht, Ihm seine Macht zu rauben, und auch jetzt Als Feind sich wehrt, nicht nur in Gegenwart Erhabnen Rechts, nein, gegen die Beamten, Die es verwalten: in des Volkes Namen Und unsrer, der Tribunen, Macht verbannen Wir augenblicklich ihn aus unsrer Stadt. Bei Strafe, vom Tarpejschen Fels gestürzt Zu sein, betret er nie die Tore Roms. In 's Volkes Namen sag ich: So soll's sein.

Die Bürger. So soll es sein! So soll's sein! Fort mit ihm! Er ist verbannt, und also soll es sein.

Cominius. Hört mich, ihr Männer, Freunde hier im Volk.

Sicinius. Er ist verurteilt. Nichts mehr.

Cominius. Laßt mich sprechen. Ich war eur Konsul, und Rom kann an mir Die Spuren seiner Feinde sehn. Ich liebe Des Vaterlandes Wohl mit zartrer Ehrfurcht, Heiliger und tiefer als mein eignes Leben, Mehr als mein Weib und ihres Leibes Kinder, Die Schätze meines Bluts. Wollt ich nun sagen--

Sicinius. Wir wissen, was Ihr wollt. Was könnt Ihr sagen?

Brutus. Zu sagen ist nichts mehr. Er ist verbannt Als Feind des Volks und seines Vaterlands. So soll's sein.

Die Bürger. So soll's sein! So soll es sein!

Coriolanus. Du schlechtes Hundepack! des Hauch ich hasse Wie fauler Sümpfe Dunst; des Gunst mir teuer Wie unbegrabner Männer totes Aas, Das mir die Luft vergift't.--Ich banne dich! Bleibt hier zurück mit eurem Unbestand, Der schwächste Lärm mach euer Herz erbeben, Eur Feind mit seines Helmbuschs Nicken fächle Euch in Verzweiflung; die Gewalt habt immer, Zu bannen eure Schützer--bis zuletzt Eur stumpfer Sinn, der glaubt, erst wenn er fühlt, Der nicht einmal euch selbst erhalten kann, Stets Feind euch selbst, euch endlich unterwerfe Als höchst verworfne Sklaven einem Volk Das ohne Schwertstreich euch gewann. Verachtend Um euch die Stadt--wend ich so meinen Rücken-- Noch anderswo gibt's eine Welt.

(Coriolanus, Cominius, Menenius, Senatoren und Patrizier gehn ab.)

Ädilen. Des Volkes Feind ist fort! ist fort! ist fort!

Die Bürger. Verbannt ist unser Feind! ist fort! Ho! Ho!

(Sie jauchzen und werfen ihre Mützen.)

Sicinius. Geht, seht ihm nach zum Tor hinaus und folgt ihm, Wie er euch sonst mit bitterm Schmähn verfolgte, Kränkt ihn, wie er's verdient.--Laßt eine Wache Uns durch die Stadt begleiten.

Die Bürger. Kommt, kommt! ihm nach! zum Tor hinaus, so kommt! Edle Tribunen, euch der Götter Schutz!

(Alle ab.)

Vierte Szene

Rom, vor einem Tore der Stadt Es treten auf Coriolanus, Volumnia, Virgilia, Menenius, Cominius und mehrere junge Patrizier

Coriolanus. Nein, weint nicht mehr. Ein kurz Lebwohl. Das Tier Mit vielen Köpfen stößt mich weg. Ei, Mutter! Wo ist dein alter Mut! Du sagtest oft: Es sei das Unglück Prüfstein der Gemüter, Gemeine Not trag ein gemeiner Mensch. Es segl' auf stiller See mit gleicher Kunst Ein jedes Boot; doch bei den schwersten Schlägen Des Glücks gelassen bleiben, das erheische Den höchsten Sinn.--Du ludest oft mir auf Belehrungen, die unbezwinglich machten Die Herzen, die sie ganz durchdrangen.

Virgilia. O Himmel! Himmel!

Coriolanus. Nein, ich bitte, Frau--

Volumnia. Die Pestilenz treff alle Zünfte Roms Und die Gewerke Tod!

Coriolanus. Was, was! Ich werde Geliebt sein, wenn ich bin gemißt. Nun Mutter! Wo ist der Geist, der sonst dich sagen machte, Wärst du das Weib des Herkules gewesen, Sechs seiner Taten hättest du getan, Und deinem Mann so vielen Schweiß erspart? Cominius! Frisch auf! Gott schütz euch!--Lebt wohl, Frau und Mutter! Mir geht's noch gut.--Menenius, alter, treuer, Salzger als jüngern Manns sind deine Tränen, Und giftig deinem Aug. Mein weiland Feldherr, Ich sah dich finster, und oft schautest du Herzhärtend Schauspiel; sag den bangen Frauen: Beweinen Unvermeidliches sei Torheit Sowohl als drüber lachen.--Weißt du, Mutter, Mein Wagnis war dein Trost ja immer! und, Das glaube fest, geh ich auch jetzt allein, So wie ein Drache einsam, den die Höhle Gefürchtet macht, besprochen mehr, weil nicht gesehn, Dein Sohn ragt über dem Gemeinen stets; Wo nicht, fällt er durch Tück und niedre List.

Volumnia. Mein großer Sohn! Wo willst du hin? Nimm für die erste Zeit Cominius mit, bestimme dir den Lauf, Statt wild dich jedem Zufall preiszugeben, Der auf dem Weg dich anfällt.

Coriolanus. O ihr Götter!

Cominius. Den Monat bleib ich bei dir; wir bedenken, Wo du magst weilen, daß du von uns hörest Und wir von dir; daß, wenn die Zeit den Anlaß Für deine Rückberufung reift, wir nicht Nach einem Mann die Welt durchsuchen müssen, Die Gunst verlierend, welche stets erkaltet, Ist jener fern, der sie bedarf.

Coriolanus. Leb wohl! Du trägst der Jahre viel, hast übersatt Kriegsschwelgerei, mit einem umzutreiben, Des Gier noch frisch. Bringt mich nur aus dem Tor; Komm, süßes Weib, geliebte Mutter und Ihr wohlerprobten Freunde.--Bin ich draußen, Sagt: Lebe wohl! und lächelt. Bitte, kommt-- Solang ich überm Boden bin, sollt ihr Stets von mir hören und nie etwas andres, Als was dem frühern Marcius gleicht.

Menenius. So würdig, Wie man nur hören kann. Laßt uns nicht weinen. Könnt ich nur sieben Jahr herunterschütteln Von diesen alten Gliedern--bei den Göttern! Ich wollt auf jedem Schritt dir folgen!

Coriolanus. Kommt! Deine Hand.

(Alle ab.)

Fünfte Szene

Sicinius, Brutus und ein Ädil treten auf.

Sicinius. Schickt sie nach Hause, er ist fort. Nicht weiter. Der Adel ist gekränkt, der, wie wir sahen, Für ihn Partei ergriff.

Brutus. Da unsre Macht Wir nun gezeigt, laßt uns demütger scheinen, Nun es geschehn, als da's im Werden.

Sicinius. Schickt sie heim. Sagt ihnen, fort sei nun ihr großer Feind Und neu befestigt ihre Macht.

Brutus. Entlaßt sie. Hier kommt die Mutter. Volumnia, Virgilia und Menenius treten auf.

Sicinius. Laßt uns fort!

Brutus. Weshalb?

Sicinius. Man sagt, sie sei verrückt.

Brutus. Sie sah uns schon. Weicht ihr nicht aus.

Volumnia. Ha, wohlgetroffen! Der Götter aufgehäufte Strafen lohnen Euch eure Liebe.

Menenius. Still, seid nicht so laut.

Volumnia. Könnt ich vor Tränen nur, ihr solltet hören-- Doch sollt ihr etwas hören. Wollt Ihr gehn?

Virgilia. Auch Ihr sollt bleiben. Hätt ich doch die Macht, Das meinem Mann zu sagen.

Sicinius. Seid Ihr männisch?

Volumnia. Ja, Narr. Ist das 'ne Schande? Seht den Narren! War nicht ein Mann ihr Vater? Warst du fuchsisch, Zu bannen ihn, der Wunden schlug für Rom, Mehr als du Worte sprachst?

Sicinius. O gütger Himmel!

Volumnia. Mehr edle Wunden als du kluge Worte, Und zu Roms Heil. Eins sag ich dir--doch geh. Nein, bleiben sollst du! Wäre nur mein Sohn, Sein gutes Schwert in Händen, in Arabien, Und dort vor ihm dein Stamm.

Sicinius. Was dann?

Virgilia. Was dann? Er würde dort dein ganz Geschlecht vertilgen.

Volumnia. Bastard' und alles. O Wackrer! du trägst Wunden viel für Rom.

Menenius. Kommt, kommt! seid ruhig.

Sicinius. Ich wollt, er wär dem Vaterland geblieben, Was er ihm war, statt selbst den edlen Knoten Zu lösen, den er schlang.

Brutus. So wünscht ich auch.

Volumnia. "So wünscht ich auch"? Ihr hetztet auf den Pöbel, Katzen, die seinen Wert begreifen können Wie die Mysterien ich, die nicht der Himmel Der Erd enthüllen will.

Brutus. Kommt, laßt uns gehn.

Volumnia. Nun ja, ich bitt euch! geht! Ihr tatet wackre Tat.--Hört dies noch erst: So weit das Kapitol hoch überragt Das kleinste Haus in Rom, so weit mein Sohn, Der Gatte dieser Frau, hier dieser, seht ihr? Den ihr verbanntet, überragt euch alle.

Brutus. Genug. Wir gehn.

Sicinius. Was bleiben wir, gehetzt Von einer, der die Sinne fehlen?

Volumnia. Nehmt Noch mein Gebet mit euch.

(Die Tribunen gehn ab.)

O! hätten doch die Götter nichts zu tun, Als meine Flüch erfüllen. Träf ich sie Nur einmal tags, erleichtern würd's mein Herz Von schwerer Last.

Menenius. Ihr gabt es ihnen derb, Und habt auch Grund. Speist Ihr mit mir zu Nacht?

Volumnia. Zorn ist mein Nachtmahl; so mich selbst verzehrend, Verschmacht ich an der Nahrung. Laßt uns gehn. Laßt dieses schwache Wimmern, klagt wie ich, Der Juno gleich im Zorn.--Kommt, kommt!

Menenius. Pfui, pfui!

(Sie gehn ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Landstraße zwischen Rom und Antium Ein Römer und ein Volsker, die sich begegnen

Römer. Ich kenne Euch recht gut, Freund, und Ihr kennt mich auch. Ich denke, Ihr heißt Adrian?

Volsker. Ganz recht. Wahrhaftig, ich hatte Euch vergessen.

Römer. Ich bin ein Römer und tue jetzt wie Ihr Dienste gegen Rom. Kennt Ihr mich nun?

Volsker. Nikanor? nicht?

Römer. Ganz recht.

Volsker. Ihr hattet mehr Bart, als ich Euch zuletzt sah; aber Euer Gesicht wird mir durch Eure Zunge kenntlich.--Was gibt es Neues in Rom? Ich habe einen Auftrag vom Staat der Volsker, Euch dort auszukundschaften, und Ihr habt mir eine Tagereise erspart.

Römer. In Rom hat es einen seltsamen Aufstand gegeben: das Volk gegen die Senatoren, Patrizier und Edeln.

Volsker. Hat es gegeben? Ist es denn nun vorbei? Unser Staat denkt nicht so; sie machen die stärksten Rüstungen und hoffen, sie in der Hitze der Entzweiung zu überfallen.

Römer. Der große Brand ist gelöscht; aber eine geringe Veranlassung würde ihn wieder in Flammen setzen; denn den Edeln geht die Verbannung des würdigen Coriolan so zu Herzen, daß sie ganz in der Stimmung sind, dem Volk alle Gewalt zu nehmen und ihnen ihre Tribunen auf immer zu entreißen. Dies glimmt unter der Asche, das kann ich Euch versichern, und ist fast reif zum heftigsten Ausbruch.

Volsker. Coriolan verbannt?

Römer. Ja, verbannt.

Volsker. Mit der Nachricht werdet Ihr willkommen sein, Nikanor.

Römer. Das Wetter ist jetzt gut für euch. Man pflegt zu sagen, die beste Zeit, eine Frau zu verführen, sei, wenn sie sich mit ihrem Manne überworfen hat. Euer edler Tullus Aufidius kann sich in diesem Kriege hervortun, da sein großer Gegner Coriolanus jetzt für sein Vaterland nichts tut.

Volsker. Das kann ihm nicht fehlen. Wie glücklich war ich, Euch so unvermutet zu begegnen! Ihr habt meinem Geschäft ein Ende gemacht, und ich will Euch nun freudig nach Hause begleiten.

Römer. Ich kann Euch vor dem Abendessen noch höchst sonderbare Dinge von Rom erzählen, die ihren Feinden sämtlich zum Vorteil gereichen. Habt ihr ein Heer bereit? Wie?

Volsker. Ja, und ein wahrhaft königliches. Die Zenturionen und ihre Mannschaft sind schon förmlich verteilt und stehn im Sold, so daß sie jede Stunde aufbrechen können.

Römer. Es freut mich, daß sie so marschfertig sind, und ich denke, ich bin der Mann, der sie sogleich in Bewegung setzen wird. Also herzlich willkommen, und höchst vergnügt durch Eure Gesellschaft.

Volsker. Ihr nehmt mir die Worte aus dem Munde; ich habe die meiste Ursach, mich dieser Zusammenkunft zu freuen.

Römer. Gut, laßt uns gehn.

(Sie gehn ab.)

Zweite Szene

Antium. Vor Aufidius' Haus Coriolanus tritt auf in geringem Anzuge verkleidet und verhüllt.

Coriolanus. Dies Antium ist ein hübscher Ort. O Stadt! Ich schuf dir deine Witwen. Manche Erben Der schönen Häuser hört ich in der Schlacht Stöhnen und sterben.--Kenne mich drum nicht, Sonst morden mich mit Bratspieß deine Weiber, In kindscher Schlacht mit Steinen deine Knaben.

(Es kommt ein Bürger.)

Gott grüß Euch, Herr.

Der Bürger. Und Euch.

Coriolanus. Zeigt mir, ich bitte, Wo Held Aufidius wohnt. Ist er in Antium?

Bürger. Ja, und bewirtet heut in seinem Haus Die Ersten unsrer Stadt.

Coriolanus. Wo ist sein Haus?

Bürger. Dies ist's, Ihr steht davor.

Coriolanus. Lebt wohl. Ich dank Euch.

(Der Bürger geht ab.)

O Welt! du rollend Rad! Geschworne Freunde, Die in zwei Busen nur ein Herz getragen, Die Zeit und Bett und Mahl und Arbeit teilten, Vereinigt stets, als wie ein Zwillingspaar, In ungetrennter Liebe, brechen aus Urplötzlich durch den Hader um ein Nichts In bittern Haß.--So auch erboste Feinde, Die Haß und Grimm nicht schlafen ließ vor Planen, Einander zu vertilgen, durch 'nen Zufall, Ein Ding, kein Ei wert, werden Herzensfreunde, Und Doppelgatten ihre Kinder. So auch ich. Ich hasse den Geburtsort, liebe hier Die Feindesstadt.--Hinein! Erschlägt er mich, So übt er gutes Recht; nimmt er mich auf, So dien ich seinem Land.

(Geht ab.)

Dritte Szene

Halle in Aufidius' Hause Man hört Musik von innen; es kommt ein Diener

Erster Diener. Wein, Wein! Was ist das für Aufwartung?--Ich glaube, die Burschen sind alle im Schlaf. (Geht ab.) Ein zweiter Diener kommt.

Zweiter Diener. Wo ist Cotus? Der Herr ruft ihn. Cotus.

(Geht ab. Coriolanus tritt auf.)

Coriolanus. Ein hübsches Haus; das Mahl riecht gut. Doch ich Seh keinem Gaste gleich. Der erste Diener kommt wieder.

Erster Diener. Was wollt Ihr, Freund? Woher kommt Ihr? Hier ist kein Platz für Euch. Bitte, macht Euch fort.

Coriolanus. Ich habe bessern Willkomm nicht verdient, Wenn Coriolan ich bin. Der Zweite Diener kommt.

Zweiter Diener. Wo kommst du her, Freund? Hat der Pförtner keine Augen im Kopf, daß er solche Gesellen herein läßt? Bitte, mach dich fort.

Coriolanus. Hinweg!

Zweiter Diener. Hinweg? Geh du hinweg.

Coriolanus. Du bist mir lästig.

Zweiter Diener. Bist du so trotzig? Man wird schon mit dir sprechen. Der dritte Diener kommt.

Dritter Diener. Was ist das für ein Mensch?

Erster Diener. Ein so wunderlicher, wie ich noch keinen sah. Ich kann ihn nicht aus dem Hause kriegen. Ich bitte, ruf doch mal den Herrn her.

Dritter Diener. Was habt Ihr hier zu suchen, Mensch? Bitte, scher dich aus dem Haus.

Coriolanus. Laßt mich hier stehn, nicht schad ich euerm Herd.

Dritter Diener. Wer seid Ihr?

Coriolanus. Ein Mann von Stande.

Dritter Diener. Ein verwünscht armer.

Coriolanus. Gewiß, das bin ich.

Dritter Diener. Ich bitte Euch, armer Mann von Stande, sucht Euch ein andres Quartier; hier ist kein Platz für Euch.--Ich bitte Euch, packt Euch fort.

Coriolanus. Euerm Berufe folgt. Hinweg! Stopft euch mit kalten Bissen.

(Stößt den Diener weg.)

Dritter Diener. Was, Ihr wollt nicht? Bitte, sage doch meinem Herrn, was er hier für einen seltsamen Gast hat.

Zweiter Diener. Das will ich.

(Geht ab.)

Dritter Diener. Wo wohnst du?

Coriolanus. Unter dem Firmament.

Dritter Diener. Unter dem Firmament?

Coriolanus. Ja.

Dritter Diener. Wo ist das?

Coriolanus. In der Stadt der Geier und Krähen.

Dritter Diener. In der Stadt der Geier und Krähen? Was das für ein Esel ist! So wohnst du auch wohl bei den Dohlen?

Coriolanus. Nein, ich diene nicht deinem Herrn.

Erster Diener. Kerl! was hast du mit meinem Herrn zu schaffen?