Coriolanus

Chapter 4

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Dritter Bürger. Er habe Wunden, insgeheim zu zeigen, Sprach er, uns so den Hut verächtlich schwenkend: Ich möchte Konsul sein;--doch, alter Brauch Erlaubt es nicht, als nur durch eure Stimmen. Drum eure Stimmen!--Als wir eingewilligt, Da hieß es: Dank für eure Stimmen, dank euch! O süße Stimmen! nun ihr gabt die Stimmen, Stör ich euch länger nicht.--War das kein Hohn?

Sicinius. Ihr waret blöde, scheint's, dies nicht zu sehn; Und, saht ihr's, allzu kindisch, freundlich doch Die Stimmen ihm zu leihn.

Brutus. Was? Spracht ihr nicht Nach Anweisung? Als er noch ohne Macht Und nur des Vaterlands geringer Diener, Da war er euer Feind, sprach stets der Freiheit Entgegen und den Rechten, die ihr habt Im Körper unsers Staats; und nun erhoben Zu mächtgem Einfluß und Regierung selbst-- Wenn er auch da mit bösem Sinn verharrt, Feind der Plebejer, könnten eure Stimmen Zum Fluch euch werden. Konntet ihr nicht sagen: Gebühr auch seinem edlen Tun nichts mindres, Als was er suche, mög er doch mit Huld, Zum Lohn für eure Stimmen, euer denken, Verwandelnd seinen Haß für euch in Liebe, Euch Freund und Gönner sein?

Sicinius. Spracht ihr nun so, Wie man euch riet, so ward sein Geist erregt, Sein Sinn geprüft; so ward ihm abgelockt Ein gütiges Versprechen, woran ihr, Wenn Ursach sich ergab, ihn mahnen konntet. Wo nicht, so ward sein trotzig Herz erbittert, Das keinem Punkt sich leicht bequemt, der irgend Ihn binden kann; so, wenn in Wut gebracht, Nahmt ihr den Vorteil seines Zornes wahr, Und er blieb unerwählt.

Brutus. Bemerktet ihr, Wie er euch frech verhöhnt', indem er bat, Da eure Lieb er brauchte? Wie--und glaubt ihr, Es wird euch nicht sein Hohn zermalmend treffen, Wenn ihm die Macht wird? War in all den Körpern Denn nicht ein Herz? Habt ihr nur deshalb Zungen, Weisheit, Vernunft zu überschrein?

Sicinius. Habt ihr Nicht Bitten sonst versagt? und jetzo ihm, Der euch nicht bat, nein, höhnte, wollt ihr schenken Die Stimmen, die sonst jeder ehrt?

Dritter Bürger. Noch ward er nicht ernannt, wir können's weigern.

Zweiter Bürger. Und wollen's weigern. Fünfhundert Stimmen schaff ich von dem Klang.

Erster Bürger. Ich dopple das und ihre Freund' als Zutat.

Brutus. So macht euch eilig fort. Sagt diesen Freunden, Sie wählen einen Konsul, der der Freiheit Sie wird berauben, uns so stimmlos machen Wie Hunde, die man für ihr Kläffen schlägt Und doch zum Kläffen hält.

Sicinius. Versammelt sie Und widerruft, nach reiferm Urteil, alle Die rasche Wahl. An seinen Stolz erinnert, An seinen alten Groll auf euch. Vergeßt nicht, Wie er mit Hoffart trug der Demut Kleid, Wie flehend er euch höhnt'. Nur eure Liebe, Gedenkend seiner Dienste, hindert' euch, Zu sehn, wie sein Benehmen jetzt erschien, Das achtungslos und spöttisch er gestaltet Nach eingefleischtem Haß.

Brutus. Legt alle Schuld Uns, den Tribunen, bei und sprecht: wir drängten Euch, keines Einwurfs achtend, so, daß ihr Ihn wählen mußtet.

Sicinius. Sagt, ihr stimmtet bei Mehr, weil wir's euch befohlen als geleitet Von eigner, wahrer Lieb; und eur Gemüt Erfüllt von dem mehr, was ihr solltet tun, Als was ihr wolltet, gabt ihr eure Stimmen Ganz gegen euern Sinn. Gebt uns die Schuld.

Brutus. Ja, schont uns nicht; sagt, daß wir euch gepredigt, Wie jung er schon dem Vaterland gedient, Wie lang seitdem; aus welchem Stamm er sproßt, Dem edlen Haus der Marcier; daher kam Auch Ancus Marcius, Numas Tochtersohn, Der nach Hostilius hier als König herrschte; Das Haus gab uns auch Publius und Quintus, Die uns durch Röhren gutes Wasser schafften; Auch Censorinus, er, des Volkes Liebling, Den, zweimal Censor, dieser Name schmückte, Der war sein großer Ahn.

Sicinius. Ein so Entsproßner, Der außerdem durch eignen Wert verdiente Den hohen Platz; wir schärften stets euch ein, Sein zu gedenken; doch da ihr erwägt

(Messend sein jetzges Tun mit dem vergangnen),

Er werd euch ewig Feind sein, widerruft ihr Den übereilten Schluß.

Brutus. Sagt, nimmer wär's geschehn (Darauf kommt stets zurück) ohn unsern Antrieb. Und eilt, wenn ihr die Stimmzahl gezogen, Aufs Kapitol.

Mehrere Bürger. Das wolln wir. Alle fast Bereun schon ihre Wahl.

(Die Bürger gehn ab.)

Brutus. So geh's nun fort; Denn besser ist's, den Aufstand jetzt zu wagen, Der später noch gefährlicher sich zeigte. Wann er, nach seiner Art, in Wut gerät Durch ihr Verweigern, so bemerkt und nützt Den Vorteil seines Zorns.

Sicinius. Zum Kapitol! Kommt, laßt uns dort sein vor dem Strom des Volks; Dies soll, wie's teilweis ist, ihr Wille scheinen, Was unser Treiben war.

(Sie gehn ab.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Rom. Eine Straße Hörner. Es treten auf Coriolanus, Menenius, Cominius, Titus Lartius, Senatoren und Patrizier

Coriolanus. Tullus Aufidius drohte denn von neuem?

Titus. Er tat's; und das war auch die Ursach, schneller Den Frieden abzuschließen.

Coriolanus. So stehn die Volsker, wie sie früher standen, Bereit, wenn sich der Anlaß beut, uns wieder Zu überziehn.

Cominius. Sie sind so matt, o Konsul! Daß wir wohl kaum in unserm Lebensalter Ihr Banner fliegen sehn.

Coriolanus. Saht ihr Aufidius?

Titus. Ich gab ihm Sicherheit; er kam und fluchte Ergrimmt den Volskern, die so niederträchtig Die Stadt geräumt. Er lebt in Antium jetzt.

Coriolanus. Sprach er von mir?

Titus. Das tat er, Freund.

Coriolanus. Wie? Was?

Titus. Wie oft er, Schwert an Schwert, Euch angerannt; Daß er von allen Dingen auf der Welt Euch haß zumeist; sein Gut woll er verpfänden Ohn Hoffnung des Ersatzes, könn er nur Eur Sieger heißen.

Coriolanus. Dort in Antium lebt er?

Titus. In Antium.

Coriolanus. O! hätt ich Ursach, dort ihn aufzusuchen, Zu trotzen seinem Haß! Willkommen hier!

(Sicinius und Brutus treten auf.)

Ha! seht, das da sind unsre Volkstribunen, Zungen des großen Mundes; mir verächtlich, Weil sie ihrer Amtsgewalt sich brüsten, Mehr als der Adel dulden kann.

Sicinius. Nicht weiter!

Coriolanus. Ha! was ist das?

Brutus. Es ist gefährlich, geht Ihr-- Zurück!

Coriolanus. Woher der Wechsel?

Menenius. Was geschah?

Cominius. Ward er vom Adel nicht und Volk bestätigt?

Brutus. Cominius, nein!

Coriolanus. Hatt ich von Kindern Stimmen?

Erster Senator. Macht Platz, Tribunen, er soll auf den Markt.

Brutus. Das Volk ist gegen ihn empört.

Sicinius. Halt ein! Sonst Unheil überall.

Coriolanus. Dies eure Herde? Die müssen Stimmen haben, jetzt zum Ja Und gleich zum Nein?--Und ihr, was schafft denn ihr? Seid ihr das Maul, regiert nicht ihre Zähne? Habt ihr sie nicht gehetzt?

Menenius. Seid ruhig, ruhig!

Coriolanus. Das ist nur ein Komplott und abgekartet, Um die Gewalt des Adels zu zerbrechen. Duldet's--und lebt mit Volk, das nicht kann herrschen Und nicht beherrscht sein.

Brutus. Nennt es nicht Komplott. Das Volk schreit, ihr verhöhntet es, und neulich, Als Korn umsonst verteilt ward, murrtet Ihr, Schmähtet die Volkesfreunde, schaltet sie Des Adels Feinde, Schmeichler, Zeitendiener.

Coriolanus. Nun, dies war längst bekannt.

Brutus. Allein nicht allen.

Coriolanus. Gabt ihr die Weisung ihnen jetzt?

Brutus. Ich, Weisung?

Coriolanus. Solch Tun sieht Euch schon ähnlich.

Brutus. Nicht unähnlich, Und jedenfalls doch besser als das Eure.

Coriolanus. Warum denn ward ich Konsul? Ha! beim Himmel! Nichtswürdig will ich sein wie ihr, dann macht mich Zu euerm Mittribun.

Sicinius. Zuviel schon tut Ihr Zur Aufreizung des Volks. Wollt Ihr die Bahn, Die Ihr begannt, vollenden, sucht den Weg, Den Ihr verloren habt, mit sanfterm Geist. Sonst könnt Ihr nimmermehr als Konsul herrschen, Noch als Tribun zur Seit ihm stehn.

Menenius. Nur ruhig!

Cominius. Man täuscht das Volk, verhetzt es.--Solche Falschheit Ziemt Römern nicht. Verdient hat Coriolan Nicht, daß man ehrlos diesen Stein ihm lege In seine Ehrenbahn.

Coriolanus. Vom Korn mir sprechen? Dies war mein Wort, und ich will's wiederholen.

Menenius. Nicht jetzt, nicht jetzt!

Erster Senator. Nicht jetzt in dieser Hitze.

Coriolanus. Bei meinem Leben! jetzt laßt mich gewähren, Ihr Freunde! Ihr vom Adel! Fest schau die schmutzge wankelmütge Menge Mich an, der ich nicht schmeichle, und bespiegle Sich selbst in mir.--Ich sag es wiederum: Wir ziehn, sie hätschelnd, gegen den Senat Unkraut der Rebellion, Frechheit, Empörung, Wofür wir selbst gepflügt, den Samen streuten, Da wir mit uns, der edlern Zahl, sie mengten, Die keine andre Macht und Tugend missen, Als die sie selbst an Bettler weggeschenkt.

Menenius. Nun gut, nichts mehr!

Erster Senator. Kein Wort mehr, laßt Euch bitten!

Coriolanus. Wie? nicht mehr? Hab ich mein Blut fürs Vaterland vergossen, Furchtlos dem fremden Dräun, so soll die Brust Laut schelten, bis sie bricht auf diesen Aussatz, Vor dessen Pest wir graun, und tun doch alles, Um von ihm angesteckt zu sein.

Brutus. Ihr sprecht vom Volk Als wäret Ihr ein Gott, gesandt zu strafen, Und nicht ein Mensch, so schwach wie sie.

Sicinius. Gut wär es, Wir sagten dies dem Volk.

Menenius. Wie! seinen Zorn?

Coriolanus. Zorn! Wär ich so sanft wie mitternächtger Schlaf, Beim Jupiter! dies wäre meine Meinung.

Sicinius. Und diese Meinung Soll bleiben in sich selbst verschloßnes Gift, Nicht andre mehr vergiften noch.

Coriolanus. Soll bleiben? Hört ihr der Gründlinge Triton? Bemerkt ihr Sein herrschend "Soll"?

Cominius. 's war ungesetzlich.

Coriolanus. Soll! Du guter, aber höchst unkluger Adel! Ehrbare, doch achtlose Senatoren! Wie gebt ihr so der Hydra nach, zu wählen Den Diener, der mit eigenmächtgem "Soll"

(Er nur Trompet und Klang des Ungeheuers),

Frech euern Strom in sumpfgen Teich will leiten Und eure Macht auf sich.--Hat er Gewalt, Neigt euch als blödgesinnt; wenn keine, weckt Die Langmut, die Gefahr bringt. Seid ihr weise, Gleicht nicht gemeinen Toren; seid ihr's nicht, Legt ihnen Polster hin.--Ihr seid Plebejer, Wenn Senatoren sie; sie sind nichts mindres, Wenn durch der Stimmen Mischung nur nach ihnen Das Ganze schmeckt. Sie wählten sich Beamte-- Wie diesen, der sein "Soll" entgegensetzt, Sein pöbelhaftes "Soll", weit würdgerm Rat, Als Griechenland nur je verehrt. Beim Zeus! Beschimpft wird so der Konsul, und mein Herz weint, Zu sehn, wie, wenn zwei Mächte sich erheben Und keine herrscht, Verderben, ungesäumt, Dringt in die Lücke zwischen beid und stürzt Die eine durch die andre.

Cominius. Gut, zum Marktplatz!

Coriolanus. Wer immer riet, das Korn der Vorratshäuser Zu geben unentgeltlich, wie's gebräuchlich Manchmal in Griechenland--

Menenius. Genug! Nicht weiter!

Coriolanus. (Obgleich das Volk dort freire Macht besaß) Der, sag ich, nährt Empörung, führt herbei Den Untergang des Staats.

Brutus. Wie kann das Volk Dem seine Stimme geben, der so spricht?

Coriolanus. Ich geb euch Gründe, Mehr wert als ihre Stimmen: Korn, sie wissen's, War nicht von uns ein Dank; sie waren sicher, Sie taten nichts dafür; zum Krieg gepreßt, Als selbst des Vaterlandes Herz erkrankte, Da wollte keiner aus dem Tor: der Eifer Verdient nicht Korn umsonst; hernach im Krieg Ihr Meutern und Empören, ihres Mutes Erhabne Proben, sprachen schlecht ihr Lob.-- Die Klage, Womit sie oftmals den Senat beschuldigt, Aus ungebornem Grund, kann nie erzeugen Ein Recht auf freie Schenkung. Nun--was weiter? Wie mag so vielgeteilter Schlund verdaun Die Güte des Senats? Die Taten sprechen, Was Worte sagen möchten. Wir verlangten's, Wir sind der größre Hauf; und sie, recht furchtsam, Sie gaben, was wir heischten.--So erniedern Wir unser hohes Amt, sind schuld, daß Pöbel Furcht unsre Sorgfalt schilt. Dies bricht dereinst Die Schranken des Senats und läßt die Krähen Hinein, daß sie die Adler hacken.

Menenius. Kommt! Genug.

Brutus. Genug im Übermaß!

Coriolanus. Nein! nehmt noch mehr: Was nur den Schwur, sei's göttlich, menschlich, heiligt, Besiegle meinen Schluß. Die Doppelherrschaft, Wo dieser Teil mit Grund verachtet, jener Ohn Grund frohlockt, wo Adel, Macht und Weisheit Nichts tun kann ohne jenes Ja und Nein Des großen Unverstands--dies muß verdrängen, Was wahrhaftig nötig ist, um Raum zu geben Dem haltlos Nichtgen.--Hemmt man so den Zweck, So folgt, daß nichts dem Zweck gemäß geschieht-- Darum beschwör ich euch! Ihr, die ihr wen'ger zaghaft seid als weise, Die ihr mehr liebt des Staates feste Gründung Als Ändrung scheut, die höher stets geachtet Ein edles Leben als ein langes, die Nicht fürchten, durch gewagte Kur zu retten Den Leib vom sichern Tod--mit eins reißt aus Die vielgespaltne Zung, laßt sie nicht lecken Dies Süß, was ihnen Gift ist. Eur Entehrung Verstümmelt das gesunde Urteil und Beraubt den Staat der Einheit, die ihm ziemt, So daß ihm Macht fehlt, Gutes, das er möchte, Zu tun, weil ihn das Böse stets verhindert.

Brutus. Er sprach genug.

Sicinius. Er sprach als Hochverräter Und soll es büßen, wie's Verräter tun.

Coriolanus. Elender du! Schmach sei dein Grab! Was soll das Volk, Was soll's mit den kahlköpfigen Tribunen? Anhangend ihnen weigert's den Gehorsam Der höhern Obrigkeit. In einem Aufruhr, Da nicht das Recht, nein, da die Not Gesetz war, Da wurden sie gewählt--Zu beßrer Zeit Sagt von dem Recht nun kühn: Dies ist das Recht, Und schleudert in den Staub hin ihre Macht.

Brutus. Offner Verrat!

Sicinius. Der da ein Konsul? Nein.

Brutus. He! die Ädilen her! laßt ihn verhaften.

Sicinius. Geht, ruft das Volk.

(Brutus geht ab.)

Ich selbst, in seinem Namen, Ergreife dich als Neurer und Empörer Und Feind des Staats.--Folg, ich befehl es dir, Um Rechenschaft zu stehn.

Coriolanus. Fort, alter Bock!

Senatoren und Patrizier. Wir schützen ihn.

Menenius. Die Hand weg, alter Mann!

Coriolanus. Fort, morsches Ding, sonst schüttl ich deine Knochen Dir aus den Kleidern.

Sicinius. Helft! ihr Bürger, helft! Brutus kommt zurück mit den Ädilen und einer Schar Bürger.

Menenius. Mehr Achtung beiderseits.

Sicinius. Hier ist er, welcher euch Ganz machtlos machen will.

Brutus. Greift ihn, Ädilen.

Die Bürger. Nieder mit ihm! zu Boden!

(Geschrei von allen Seiten.)

Waffen! Waffen!

(Alle drängen sich um Coriolanus.)

Zweiter Senator. Tribunen! Edle! Bürger! Haltet! Ha! Sicinius! Brutus! Coriolanus! Bürger!

Die Bürger. Den Frieden haltet! Frieden! Haltet alle!

Menenius. Was wird draus werden? Ich bin außer Atem, Es droht uns Untergang! Ich kann nicht, sprecht, Tribunen, ihr, zum Volk. Coriolanus, ruhig! Sprich, Freund Sicinius.

Sicinius. Hört mich, Bürger. Ruhig!

Die Bürger. Hört den Tribun. Still! Rede, rede, rede!

Sicinius. Ihr seid daran, die Freiheit zu verlieren. Marcius will alles von euch nehmen, Marcius, Den eben ihr zum Konsul wähltet.

Menenius. Pfui! Dies ist der Weg zu zünden, nicht zu löschen.

Erster Senator. Die Stadt zu schleifen, alles zu zerstören.

Sicinius. Was ist die Stadt wohl, als das Volk?

Die Bürger. Ganz recht! Das Volk nur ist die Stadt.

Brutus. Durch aller Einstimmung sind wir erwählt Als Obrigkeit des Volks.

Die Bürger. Und sollt es bleiben.

Menenius. Ja, so sieht's aus.

Cominius. Dies ist der Weg, um alles zu zerstören, Das Dach zu stürzen auf das Fundament Und zu begraben jede Rangordnung In Trümmerhaufen!--

Sicinius. Dies verdient den Tod!

Brutus. Jetzt gilt's, daß unser Ansehn wir behaupten Oder verlieren. Wir erklären hier Im Namen dieses Volks, durch dessen Macht Wir sind erwählt für sie: Marcius verdient Sogleich den Tod.

Sicinius. Deshalb legt Hand an ihn, Bringt zum Tarpejschen Felsen und von dort Stürzt in Vernichtung ihn.

Brutus. Ädilen, greift ihn!

Die Bürger. Ergib dich, Marcius!

Menenius. Hört ein einzig Wort! Tribunen, hört! ich bitt euch, nur ein Wort.

Ädilen. Still, still!

Menenius. Seid, was ihr scheint, Freunde des Vaterlands. Ergreift mit weiser Mäßgung, was gewaltsam Ihr herzustellen strebt.

Brutus. Die kalten Mittel, Sie scheinen kluge Hilf und sind nur Gift, Wenn so die Krankheit rast. Legt Hand an ihn Und schleppt ihn auf den Fels!

Coriolanus. Nein, gleich hier sterb ich.

(Er zieht sein Schwert.)

Es sah wohl mancher unter euch mich kämpfen; Kommt und versucht nun selbst, was ihr nur saht.

Menenius. Fort mit dem Schwert. Tribunen, steht zurück.

Brutus. Legt Hand an ihn.

Menenius. Helft! helft dem Marcius! helft! Ihr hier vom Adel, helft ihm, jung und alt.

Die Bürger. Nieder mit ihm! Nieder mit ihm!

(Handgemenge, die Tribunen, die Ädilen und das Volk werden hinausgetrieben.)

Menenius. Geh! fort, nach deinem Haus! enteile schnell! Zugrund geht alles sonst.

Zweiter Senator. Fort!

Coriolanus. Haltet stand! Wir haben ebensoviel Freund als Feinde.

Menenius. Soll's dahin kommen?

Erster Senator. Das verhütet, Götter! Mein edler Freund, ich bitte, geh nach Haus. Laß uns des Schadens Kur.

Menenius. Denn unsre Wund ist's: Du kannst nicht selbst dich heilen. Fort, ich bitte.

Cominius. Freund, geh hinweg mit uns.

Coriolanus. O! wären sie Barbaren! (und sie sind's, Obwohl Roms Brut) nicht Römer! (und sie sind's nicht, Obwohl geworfen vor dem Kapitol).

Menenius. Komm! Nimm deinen edlen Zorn nicht auf die Zunge; Einst kommt uns beßre Zeit.

Coriolanus. Auf ebnem Boden Schlüg ich wohl ihrer vierzig.

Menenius. Ich auch nehm es Mit zwei der besten auf, ja, den Tribunen.

Cominius. Doch hier ist Übermacht nicht zu berechnen; Und Mannheit wird zur Torheit, stemmt sie sich Entgegen stürzendem Gebäu. Entfernt Euch, Eh dieser Schwarm zurückkehrt, dessen Wut Rast wie gehemmter Strom, und übersteigt, Was sonst ihn niederhielt.

Menenius. Ich bitte, geh! So seh ich, ob mein alter Witz noch anschlägt Bei Leuten, die nur wenig haben. Flicken Muß man den Riß mit Lappen jeder Farbe.

Coriolanus. Nun komm!

(Coriolanus, Cominius und andere gehn ab.)

Erster Patrizier. Der Mann hat ganz sein Glück zerstört.

Menenius. Sein Sinn ist viel zu edel für die Welt. Er kann Neptun nicht um den Dreizack schmeicheln, Nicht Zeus um seine Donner: Mund und Herz ist eins. Was seine Brust nur schafft, kommt auf die Zunge, Und ist er zornig, so vergißt er gleich, Daß man den Tod je nannte.

(Geräusch hinter der Szene.)

Ein schöner Lärm.

Zweiter Patrizier. O! wären sie im Bett!

Menenius. Wären sie in der Tiber! Was, zum Henker, Konnt er nicht freundlich sprechen! Brutus, Sicinius, Bürger kommen zurück.

Sicinius. Wo ist die Viper, Die unsre Stadt entvölkern möcht, um alles In allem drin zu sein?

Menenius. Würdge Tribunen--

Sicinius. Wir stürzen ihn von dem Tarpejschen Fels Mit strenger Hand; er trotzet dem Gesetz, Drum weigert das Gesetz ihm das Verhör; Die Macht der bürgerlichen Strenge fühl er, Die ihm so nichtig dünkt.

Erster Bürger. Er soll erfahren, Des Volkes edler Mund sind die Tribunen, Wir seine Hand.

Mehrere Bürger. Er soll! er soll!

Menenius. Freund--

Sicinius. Still!

Menenius. Schreit nicht Vertilgung, wo ein mäßges Jagen Zum Ziel euch führen mag.

Sicinius. Wie kommt's, daß Ihr Ihm halft, sich fort zu machen?

Menenius. Hört mich an: Wie ich den Wert des Konsuls kenne, kann ich Auch seine Fehler nennen.

Sicinius. Konsul? welcher Konsul?

Menenius. Der Konsul Coriolan.

Brutus. Er, Konsul?

Die Bürger. Nein, nein, nein, nein, nein!

Menenius. Vergönnt, ihr, gutes Volk, und ihr, Tribunen, Gehör, so möcht ich ein, zwei Worte sagen, Die euch kein weitres Opfer kosten sollen Als diese kurze Zeit.

Sicinius. So faßt Euch kurz, Denn wir sind fest entschlossen, abzutun Den giftgen Staatsverräter; ihn verbannen Läßt die Gefahr bestehn; ihn hier behalten Ist sichrer Tod. Drum wird ihm zuerkannt: Er sterb noch heut.

Menenius. Verhüten das die Götter! Soll unser hohes Rom, des Dankbarkeit Für die verdienten Kinder steht verzeichnet In Jovis Buch, entmenscht, verworfne Mutter, Den eignen Sohn verschlingen.

Sicinius. Ein Schad ist er, muß ausgeschnitten werden.

Menenius. Ein Glied ist er, das einen Schaden hat: Es abzuschneiden tödlich, leicht zu heilen. Was tat er Rom, wofür er Tod verdiente? Weil er die Feind' erschlug? Sein Blut, vergossen (Und das, ich schwör's, ist mehr, als er noch hat, Und manchen Tropfen), floß nur für sein Land;-- Wird, was ihm bleibt, vergossen durch sein Land, Das wär uns allen, die es tun und dulden, Ein ewges Brandmal.

Sicinius. Das ist nur Gewäsch.

Brutus. Gänzlich verkehrt! Als er sein Land geliebt, Ehrt' es ihn auch.

Menenius. Hat uns der Fuß gedient Und wird vom Krebs geschädigt, denken wir Nicht mehr der vor'gen Dienste?

Brutus. Schweigt nur still. Zu seinem Hause hin! reißt ihn heraus, Damit die Ansteckung von giftger Art Nicht weiter fort sich zünde.

Menenius. Nur ein Wort. So tigerfüßge Wut, sieht sie den Schaden Der ungehemmten Eile, legt zu spät Blei an die Sohlen.--Drum verfahrt nach Recht, Daß nicht, da er beliebt, Partein sich rotten Und unser hohes Rom durch Römer falle.

Brutus. Wenn das geschäh!

Sicinius. Was schwatzt Ihr da? Wie er Gesetz' verhöhnte, sahn wir ja. Ädilen schlagen! Trotz uns bieten! Kommt!

Menenius. Erwägt nur dies: er ist im Krieg erwachsen; Seit er ein Schwert mocht haben, lernt' er fein Gesiebte Sprache nicht, wirft Mehl und Kleie Nun im Gemengsel aus. Bewilligt mir, Ich geh zu ihm und bring ihn friedlich her, Wo nach der Form des Rechts er Rede steht Auf seine äußerste Gefahr.

Erster Senator. Tribunen, Die Weis ist menschlich; allzu blutig würde Der andre Weg, und im Beginnen nicht Der Ausgang zu erkennen.

Sicinius. Edler Menenius, So handelt Ihr denn als des Volks Beamter;-- Ihr Leute, legt die Waffen ab.

Brutus. Geht nicht nach Haus.

Sicinius. Hin auf den Markt, dort treffen wir Euch wieder, Und bringt ihr Marcius nicht, so gehn wir weiter Auf unserm ersten Weg.

(Ab.)

Menenius. Ich bring ihn euch.

(Zu den Senatoren.)

Geht mit mir, ich ersuch euch. Er muß kommen, Sonst folgt das Schlimmste.

Erster Senator. Laßt uns zu ihm gehn.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Zimmer in Coriolans Hause Coriolanus tritt auf mit einigen Patriziern

Coriolanus. Laßt sie mir um die Ohren alles werfen: Mir drohn mit Tod durch Rad, durch wilde Rosse; Zehn Berg' auf den Tarpejschen Felsen türmen, Daß sich der Absturz tiefer reißt, als je Das Auge sieht: doch bleib ich ihnen stets Also gesinnt.

Erster Patrizier. Ihr handelt um so edler.

(Volumnia tritt auf.)

Coriolanus. Mich wundert, wie die Mutter Mein Tun nicht billigt, die doch lumpge Sklaven Sie stets genannt; Geschöpfe, nur gemacht, Daß sie mit Pfenngen schachern; barhaupt stehn In der Versammlung, gähnen, staunen, schweigen, Wenn einer meines Ranges sich erhebt, Redend von Fried und Krieg. (Zu Volumnia.) Ich sprach von Euch. Weshalb wünscht Ihr mich milder? Soll ich falsch sein Der eignen Seele? Lieber sagt, ich spiele Den Mann nur, der ich bin.

Volumnia. O! Sohn, Sohn, Sohn! Hättst deine Macht du doch erst angelegt, Eh du sie abgenutzt.

Coriolanus. Sie fahre hin!

Volumnia. Du konntest mehr der Mann sein, der du bist, Wenn du es wen'ger zeigtest; schwächer waren Sie deinem Sinn entgegen, hehltest du Nur etwas mehr, wie du gesinnt, bis ihnen Die Macht gebrach, um dich zu kreuzen.

Coriolanus. Hängt sie!

Volumnia. Ja, und verbrennt sie! Menenius kommt mit Senatoren.

Menenius. Kommt! kommt! Ihr wart zu rauh, etwas zu rauh. Ihr müßt zurück, es bessern.

Erster Senator. Da hilft nichts. Denn tut Ihr dieses nicht, reißt auseinander Die Stadt und geht zugrund.

Volumnia. O! laß dir raten. Ich hab ein Herz, unbeugsam, wie das deine, Doch auch ein Hirn, das meines Zornes Ausbruch Zu besserm Vorteil lenkt.

Menenius. Recht, edle Frau. Eh er sich so der Herde beugt, wenn's nicht Die Fieberwut der Zeit als Mittel heischte Dem ganzen Staat, schnallt' ich die Rüstung um, Die ich kaum tragen kann.

Coriolanus. Was muß ich tun?

Menenius. Zu den Tribunen kehren.

Coriolanus. Was weiter denn?

Menenius. Bereun, was Ihr gesprochen.

Coriolanus. Um ihretwillen? Nicht kann ich's um der Götter willen tun; Muß ich's denn ihretwillen tun?

Volumnia. Du bist zu herrisch. Magst du auch hierin nie zu edel sein, Gebietet Not doch auch.--Du selbst oft sagtest: "Wie Ehr und Politik als treue Freunde Im Krieg zusammen gehn." Ist's dies, so sprich, Wie sie im Frieden wohl sich schaden können, Daß sie in ihm sich trennen?

Coriolanus. Pah!

Menenius. Gut gefragt.