Chapter 3
Menenius. Und es war Zeit für ihn, das kann ich ihm versichern. Hätte er ihm standgehalten, so hätte ich nicht mögen so gefidiust werden für alle Kisten in Corioli und das Gold, das in ihnen ist. Ist das dem Senat gemeldet?
Volumnia. Liebe Frauen, laßt uns gehn.--Ja, ja, ja!--Der Senat hat Briefe vom Feldherrn, der meinem Sohn allein den Ruhm dieses Krieges zugesteht. Er hat in diesem Feldzuge alle seine frühern Taten übertroffen.
Valeria. Gewiß, es werden wunderbare Dinge von ihm erzählt.
Menenius. Wunderbar? Ja, ich stehe Euch dafür, nicht ohne sein wahres Verdienst.
Virgilia. Geben die Götter, daß sie wahr seien!
Volumnia. Wahr! Pah!
Menenius. Wahr? Ich schwöre, daß sie wahr sind.--Wo ist er verwundet? (Zu den Tribunen.) Gott schütze Euer liebwertesten Gnaden, Marcius kommt nach Hause und hat nun noch mehr Ursach, stolz zu sein.--Wo ist er verwundet?
Volumnia. In der Schulter und am linken Arm. Das wird große Narben geben, sie dem Volk zu zeigen, wenn er um seine Stelle sich bewirbt. Als Tarquin zurückgeschlagen wurde, bekam er sieben Wunden an seinem Leib.
Menenius. Eine im Nacken und zwei im Schenkel, es sind neun, soviel ich weiß.
Volumnia. Vor diesem letzten Feldzuge hatte er fünfundzwanzig Wunden.
Menenius. Nun sind es siebenundzwanzig, und jeder Riß war eines Feindes Grab.
(Trompeten und Freudengeschrei.)
Hört die Trompeten!
Volumnia. Sie sind des Marcius Führer! Vor sich trägt er Gejauchz der Lust, läßt Tränen hinter sich. Der finstre Tod liegt ihm im nervgen Arm; Erhebt er ihn, so stürzt der Feinde Schwarm. Trompeten. Es treten auf Cominius und Titus Lartius, zwischen ihnen Coriolanus mit einem Eichenkranz geschmückt, Anführer, Krieger, ein Herold.
Herold. Kund sei dir, Rom, daß Marcius ganz allein Focht in Corioli und mit Ruhm erwarb Zu Cajus Marcius einen Namen: diesen Folgt ruhmvoll: Cajus Marcius Coriolanus. Gegrüßt in Rom, berühmter Coriolanus!
(Trompeten.)
Alle. Gegrüßt in Rom, berühmter Coriolanus!
Coriolanus. Laßt's nun genug sein, denn es kränkt mein Herz. Genug, ich bitte!
Cominius. Sieh, Freund, deine Mutter.
Coriolanus. O! Ich weiß, zu allen Göttern flehtest du Für mein Gelingen.
(Er kniet vor ihr nieder.)
Volumnia. Nein; auf, mein wackrer Krieger, Mein edler Marcius, würdger Cajus, und Durch taterkaufte Ehren neu benannt; Wie war's doch? Coriolan muß ich dich nennen? Doch sieh, dein Weib.
Coriolanus. Mein lieblich Schweigen, Heil! Hättst du gelacht, käm auf der Bahr ich heim, Da weinend meinen Sieg du schaust? O, Liebe! So in Corioli sind der Witwen Augen, Der Mütter, Söhne klagend.
Menenius. Die Götter krönen dich!
Coriolanus. Ei, lebst du noch? (Zu Valeria.) O! edle Frau, verzeiht!
Volumnia. Wohin nur wend ich mich? Willkommen heim! Willkommen, Feldherr! Alle sind willkommen!
Menenius. Willkommen tausendmal. Ich könnte weinen Und lachen; ich bin leicht und schwer. Willkommen! Es treff ein Fluch im tiefsten Herzen den, Der nicht mit Freuden dich erblickt. Euch drei Sollt Rom vergöttern.--Doch, auf Treu und Glauben, Holzäpfel, alte, stehn noch hier, die niemals Durch Pfropfen sich veredeln. Heil euch, Krieger! Die Nessel nennen wir nur Nessel, und Der Narren Fehler Narrheit.
Cominius. Stets der Alte!
Coriolanus. Immer Menenius, immer.
Herold. Platz da! Weiter!
Coriolanus (zu Frau und Mutter). Deine Hand, und deine, Eh noch mein eignes Haus mein Haupt beschattet, Besuch ich erst die trefflichen Patrizier, Von denen ich nicht Grüße nur empfing, Auch mannigfache Ehren.
Volumnia. Ich erlebt es, Erfüllt zu sehn den allerhöchsten Wunsch, Den kühnsten Bau der Einbildung. Nur eins Fehlt noch, und das, ich zweifle nicht, Wird unser Rom dir schenken.
Coriolanus. Gute Mutter, Ich bin auf meine Art ihr Sklave lieber, Als auf die ihrige mit ihnen Herrscher.
Cominius. Zum Kapitol.
(Trompeten, Hörner. Sie gehn alle im feierlichen Zuge ab, wie sie kamen. Die Tribunen bleiben.)
Brutus. Von ihm spricht jeder Mund; das blöde Auge Trägt Brillen, ihn zu sehn. Die Amme, schwatzend Läßt ihren Säugling sich in Krämpfe schrein, Von ihm herplappernd. Seht, die Küchenmagd Knüpft um den rauchgen Hals ihr bestes Leinen, Die Wand erkletternd; Buden, Bänk und Fenster Gefüllt; das Dach besetzt, der First beritten Mit vielerlei Gestaltung: alle einig In Gier, nur ihn zu schaun. Es drängen sich Fast nie gesehne Priester durch den Schwarm Und stoßen, um beim Pöbel Platz zu finden; Verhüllte Fraun ergeben Weiß und Rot Auf zartgeschonter Wang dem wilden Raub Von Phöbus' Feuerküssen. Solch ein Wirrwarr, Als wenn ein fremder Gott, der mit ihm ist, Sich still in seine Menschenform geschlichen Und ihm der Anmut Zauber mitgeteilt.
Sicinius. Im Umsehn, glaub mir, wird er Konsul sein.
Brutus. Dann schlafe unser Amt, solang er herrscht.
Sicinius. Er kann nicht mäßgen Schritts die Würden tragen Vom Anfang bis zum Ziel; er wird vielmehr Verlieren den Gewinn.
Brutus. Das ist noch Trost.
Sicinius. O, zweifelt nicht: das Volk, für das wir stehn, Vergißt, nach angebornen Bosheit, leicht Auf kleinsten Anlaß diesen neuen Glanz; Und daß er Anlaß gibt, ist so gewiß, Als ihn sein Hochmut spornt.
Brutus. Ich hört ihn schwören, Würb er um's Konsulat, so wollt er nicht Erscheinen auf dem Marktplatz, noch sich hüllen Ins abgetragne, schlichte Kleid der Demut; Noch, wie die Sitt ist, seine Wunden zeigend Dem Volk, um ihren übeln Atem betteln.
Sicinius. Gut!
Brutus. So war sein Wort. Eh gibt er's auf, als daß Er's nimmt, wenn nicht der Adel ganz allein Es durchsetzt mit den Vätern.
Sicinius. Höchst erwünscht! Bleib er nur bei dem Vorsatz und erfüll ihn, Kommt's zur Entscheidung.
Brutus. Glaubt's, er wird es tun.
Sicinius. Dann bringt es ihm, wie's unser Vorteil heischt, Den sichern Untergang.
Brutus. Der muß erfolgen, Sonst fallen wir. Zu diesem Endzweck denn Bereden wir das Volk, daß er sie stets Gehaßt; und, hätt er Macht, zu Eseln sie Umschafft', verstummen hieße ihre Sprecher Und ihre Freiheit bräche, schätze sie, In Fähigkeit des Geists und Kraft zu handeln, Von nicht mehr Seel und Nutzen für die Welt Als das Kamel im Krieg, das nur sein Futter Erhält, um Last zu tragen; herbe Schläge, Wenn's unter ihr erliegt.
Sicinius. Dies eingeblasen, Wenn seine Frechheit einst im höchsten Flug Das Volk erreicht (woran's nicht fehlen wird, Bringt man ihn auf, und das ist leichter noch Als Hund auf Schafe hetzen), wird zur Glut, Ihr dürr Gestrüpp zu zünden, dessen Dampf Ihn schwärzen wird auf ewig.
(Ein Bote tritt auf.)
Brutus. Nun, was gibt's?
Bote. Ihr seid aufs Kapitol geladen. Sicher Glaubt man, daß Marcius Konsul wird. Ich sah Die Stummen drängen, ihn zu sehn, die Blinden, Ihn zu vernehmen, Frauen warfen Handschuh', Jungfraun und Mädchen Bänder hin und Tücher, Wo er vorbeiging; die Patrizier neigten Wie vor des Jovis Bild. Das Volk erregte Mit Schrein und Mützenwerfen Donnerschauer. So etwas sah ich nie.
Brutus. Zum Kapitol! Habt Ohr und Auge, wie's die Zeit erheischt, Und Herz für die Entscheidung--
Sicinius. Nehmt mich mit.
(Alle ab.)
Zweite Szene
Das Kapitol Zwei Ratsdiener welche Polster legen
Erster Ratsdiener. Komm, komm. Sie werden gleich hier sein. Wie viele werben um das Konsulat?
Zweiter Ratsdiener. Drei, heißt es; aber jedermann glaubt, daß Coriolanus es erhalten wird.
Erster Ratsdiener. Das ist ein wackrer Gesell; aber er ist verzweifelt stolz und liebt das gemeine Volk nicht.
Zweiter Ratsdiener. Ei! es hat viele große Männer gegeben, die dem Volk schmeichelten und es doch nicht liebten. Und es gibt manche, die das Volk geliebt hat, ohne zu wissen, warum? Also, wenn sie lieben, so wissen sie nicht, weshalb, und sie hassen aus keinem besseren Grunde; darum, weil es den Coriolanus nicht kümmert, ob sie ihn lieben oder hassen, beweist er die richtige Einsicht, die er von ihrer Gemütsart hat; und seine edle Sorglosigkeit zeigt ihnen dies deutlich.
Erster Ratsdiener. Wenn er sich nicht darum kümmerte, ob sie ihn lieben oder nicht, so würde er sich unparteiisch in der Mitte halten und ihnen weder Gutes noch Böses tun; aber er sucht ihren Haß mit größerm Eifer, als sie ihm erwidern können, und unterläßt nichts, was ihn vollständig als ihren Gegner zeigt. Nun, sich die Miene geben, daß man nach dem Haß und dem Mißvergnügen des Volkes strebt, ist so schlecht, wie das, was er verschmäht: ihnen um ihrer Liebe willen zu schmeicheln.
Zweiter Ratsdiener. Er hat sich um sein Vaterland sehr verdient gemacht. Und sein Aufsteigen ist nicht auf so bequemen Staffeln wie jener, welche geschmeidig und höflich gegen das Volk, mit geschwenkten Mützen, ohne weitre Tat, Achtung und Ruhm eingingen. Er aber hat seine Verdienste ihren Augen und seine Taten ihren Herzen so eingepflanzt, daß wenn ihre Zungen schweigen wollten und dies nicht eingestehn, es eine Art von undankbarer Beschimpfung sein würde; es zu leugnen, wäre eine Bosheit, die, indem sie sich selbst Lügen strafte, von jedem Ohr, das sie hörte, Vorwurf und Tadel erzwingen müßte.
Erster Ratsdiener. Nichts mehr von ihm, er ist ein würdiger Mann. Mach Platz, sie kommen. Trompeten. Es treten auf der Konsul Cominius, dem die Liktoren vorausgehen, Menenius, Coriolanus, mehrere Senatoren, Sicinius und Brutus. Senatoren und Tribunen nehmen ihre Plätze.
Menenius. Da ein Beschluß gefaßt, der Volsker wegen, Und wir den Titus Lartius heimberufen, Bleibt noch als Hauptpunkt dieser zweiten Sitzung, Des Helden edlen Dienst zu lohnen, der So für sein Vaterland gekämpft.--Geruht dann, Ehrwürdge, ernste Väter, und erlaubt Ihm, der jetzt Konsul ist und Feldherr war In unserm wohlbeschloßnen Krieg, ein wenig Zu sagen von dem edlen Werk, vollführt Durch Cajus Marcius Coriolanus, der Hier mit uns ist, um dankbar ihn zu grüßen Durch Ehre, seiner wert.
Erster Senator. Cominius, sprich. Laß, als zu lang, nichts aus. Wir glauben eh', Daß unserm Staat die Macht zu lohnen fehlt, Als uns der weitste Wille. Volksvertreter, Wir bitten euer freundlich Ohr und dann Eur günstig Fürwort beim gemeinen Volk, Daß gelte, was wir wünschen.
Sicinius. Wir sind hier Zu freundlichem Vergleiche; unsre Herzen Nicht abgeneigt zu ehren, zu befördern Ihn, der uns hier versammelt.
Brutus. Um so lieber Tun wir dies freudgen Muts, gedenkt er auch Des Volks mit beßrem Sinn, als er bisher Es hat geschätzt.
Menenius. Das paßt nicht, paßt hier nicht. Ihr hättet lieber schweigen sollen. Gefällt's euch, Cominius anzuhören?
Brutus. Herzlich gern. Doch war mein Warnen besser hier am Platz Als der Verweis.
Menenius. Er liebt ja euer Volk; Doch zwingt ihn nicht, ihr Schlafgesell zu sein. Edler Cominius, spricht
(Coriolanus steht auf und will gehn.)
Nein, bleib nur sitzen.
Erster Senator. Bleib, Coriolanus, schäm dich nicht, zu hören, Was edel du getan.
Coriolanus. Verzeiht mir, Väter, Eh will ich noch einmal die Wunden heilen, Als hören, wie ich dazu kam.
Brutus. Ich hoffe, Mein Wort vertrieb Euch nicht.
Coriolanus. O nein! doch oft Hielt ich den Streichen stand und floh vor Worten. Nicht schmeichelt und drum kränkt Ihr nicht. Eur Volk, Das lieb ich nach Verdienst.
Menenius. Setzt Euch.
Coriolanus. Eh ließ ich Im warmen Sonnenschein den Kopf mir kratzen, Wenn man zum Angriff bläst, als, müßig sitzend, Mein Nichts zum Fabelwerk vergrößert hören.
(Geht ab.)
Menenius. Volksvertreter! Wie könnt er euer scheckgen Brut' wohl schmeicheln, Wo einer gut im Tausend? wenn ihr seht, Er wagt eh alle Glieder für den Ruhm, Als eins von seinen Ohren, ihn zu hören? Cominius, fahre fort.
Cominius. Mir fehlt's an Stimme. Coriolanus' Taten Soll man nicht schwach verkünden. Wie man sagt, Ist Mut die erste Tugend und erhebt Zumeist den Eigner; ist es so, dann wiegt Den Mann, von dem ich sprech, in aller Welt Kein andrer auf. Mit sechzehn Jahren schon, Da, als Tarquin Rom überzog, da focht er Voraus den Besten. Der Diktator, hoch Und groß gepriesen stets, sah seinen Kampf; Wie mit dem Kinn der Amazon er jagte Die bärtgen Lippen; zog aus dem Gedränge Den hingestürzten Römer; schlug drei Feinde Im Angesicht des Konsuls; traf Tarquin Und stürzt' ihn auf das Knie. An jenem Tag, Als er ein Weib konnt auf der Bühne spielen, Zeigt' er sich ganz als Mann im Kampf; zum Lohn Ward ihm der Eichenkranz. Sein zartes Alter Gereift zum Manne, wuchs er, gleich dem Meer, Und seit der Zeit, im Sturm von siebzehn Schlachten, Streift' er den Kranz von jedem Schwert. Sein Letztes, Erst vor, dann in Corioli, ist so, Daß jedes Lob verarmt. Die Fliehnden hemmt' er, Und durch sein hohes Beispiel ward dem Feigsten Zum Spiel das Schrecknis. So wie Binsen tauchen Dem Schiff im Segeln, wichen ihm die Menschen Und schwanden seinem Streich. Sein Schwert, Todstempel, Schnitt, wo es fiel, von Haupt zu Füßen nieder. Vernichtung war er; jeglicher Bewegung Hallt Sterberöcheln nach. Allein betrat er Das Todestor der Stadt, das er bemalt Mit unentrinnbarm Weh, und ohne Beistand Entkommt er, trifft mit plötzlicher Verstärkung Die Stadt, wie 'n Meteor; und sein ist alles, Da plötzlich weckt ihm Schlachtgetöse rufend Den wachen Sinn, und schnell den Mut verdoppelnd Belebt sich frisch sein arbeitmüder Leib: Er stürzt in neuen Kampf und schreitet nun Blutdampfend über Menschenleben hin, Als folg ihm Mord und Tod. Und bis wir Stadt Und Schlachtfeld unser nannten, ruht' er nicht, Um Atem nur zu schöpfen.
Menenius. Würdger Mann!
Erster Senator. Im vollsten Maß ist er der Ehre wert, Die seiner harrt.
Cominius. Die Beute stieß er weg. Kostbare Dinge sah er an, als wär's Gemeiner Staub und Kehricht; wen'ger nimmt er, Als selbst der Geiz ihm gäbe. Ihm ist Lohn Für Großtat, sie zu tun. Zufrieden ist er, Sein Leben so zu opfern ohne Zweck.
Menenius. Er ist von wahrem Adel. Ruft ihn her.
Erster Senator. Ruft Coriolanus.
Erster Ratsdiener. Er tritt schon herein. Coriolanus kommt zurück.
Menenius. Mt Freud ernennt dich, Coriolan, zum Konsul Der sämtliche Senat.
Coriolanus. Stets weih ich ihm Mein Leben, meinen Dienst.
Menenius. Jetzt bleibt nur noch, Daß du das Volk anredest.
Coriolanus. Ich ersuch euch, Erlaßt mir diesen Brauch; denn ich kann nicht Das Kleid antun, entblößt stehn und sie bitten, Um ihre Stimmen, meiner Wunden wegen. Erlaubt, die Sitte zu umgehn.
Sicinius. Das Volk, Herr, Muß Euer Werben haben, läßt nicht fahren Den kleinsten Punkt des Herkomms.
Menenius. Reizt es nicht. Nein, bitte! fügt Euch dem Gebrauch und nehmt, Wie es bisher die Konsuln all getan, Die Würd in ihrer Form.
Coriolanus. 's ist eine Rolle, Die ich errötend spiel; auch wär es gut, Dem Volke dies zu nehmen.
Brutus. Hört ihr das?
Coriolanus. Vor ihnen prahlen: dies tat ich und das; Geheilte Schmarren zeigen, die ich bergen sollte, Als hätt ich sie um ihres Atems Lohn Allein bekommen.--
Menenius. Nein, du mußt dich fügen. Ihr Volkstribunen, euch empfehlen wir: Macht den Entschluß bekannt. Dem edlen Konsul Sei alle Freud und Ehre!
Senatoren. Den Coriolanus kröne Freud und Ehre!
(Trompeten. Die Senatoren gehn.)
Brutus. Ihr seht, wie er das Volk behandeln will.
Sicinius. Wenn sie's nur merkten. Er wird sie ersuchen, Als wie zum Hohn, daß er von ihnen bittet, Was sie gewähren müssen.
Brutus. Doch sogleich Erfahren sie, was hier geschah. Ich weiß, Sie warten unser auf dem Markt.
(Sie gehn ab.)
Dritte Szene
Das Forum Mehrere Bürger treten auf
Erster Bürger. Ein und für allemal: wenn er unsre Stimmen verlangt, können wir sie ihm nicht abschlagen.
Zweiter Bürger. Wir können, Freund, wenn wir wollen.
Dritter Bürger. Wir haben freilich die Gewalt; aber es ist eine Gewalt, die wir nicht Gewalt haben, zu gebrauchen. Denn wenn er uns seine Wunden zeigt und seine Taten erzählt, so müssen wir unsre Zungen in diese Wunden legen und für ihn sprechen; ebenso, wenn er uns seine edlen Taten mitteilt, so müssen wir ihm unsre edle Anerkennung derselben mitteilen. Undankbarkeit ist ungeheuer; wenn die Menge nun undankbar wäre, das hieße, aus der Menge ein Ungeheuer machen; wir, die wir Glieder derselben sind, würden ja dadurch Ungeheuerglieder werden.
Erster Bürger. Und es fehlt wenig, daß wir für nichts besser gehalten werden; denn dazumal, als wir wegen des Korns einen Aufstand machten, scheute er sich nicht, uns die vielköpfige Menge zu nennen.
Dritter Bürger. So hat uns schon mancher genannt. Nicht, weil von unsern Köpfen einige braun, einige schwarz, einige scheckig und einige kahl sind, sondern weil unser Witz so vielfarbig ist; und das glaube ich wahrhaftig, auch wenn alle unsre Witze aus einem und demselben Schädel herausgelassen würden, so flögen sie nach Ost, West, Nord und Süd; und verständigten sie sich, einen graden Weg zu suchen, so würden sie zugleich auf allen Punkten des Kompasses sein.
Zweiter Bürger. Glaubst du das? Wohin, denkst du, würde dann mein Witz fliegen?
Dritter Bürger. O! dein Witz kann nicht so schnell heraus, als der von andern Leuten; denn er ist zu fest in einen Klotzkopf eingekeilt; aber wenn er seine Freiheit hätte, so würde er gewiß südwärts fliegen.
Zweiter Bürger. Warum dahin?
Dritter Bürger. Um sich in einem Nebel zu verlieren; wären nun drei Viertel davon in faulem Dunst weggeschmolzen, so würde der letzte Teil aus Gewissenhaftigkeit zurückkommen, um dir zu einer Frau zu verhelfen.
Zweiter Bürger. Du hast immer deine Schwänke im Kopf. Schon gut, schon gut!
Dritter Bürger. Seid ihr alle entschlossen, eure Stimmen zu geben? Aber das macht nichts; die größere Zahl setzt es durch. Ich bleibe dabei: wenn er dem Volke geneigter wäre, so gab es nie einen bessern Mann.
(Coriolanus und Menenius treten auf.)
Hier kommt er! und zwar in dem Gewand der Demut. Gebt acht auf sein Betragen.--Wir müssen nicht so beisammen bleiben, sondern zu ihm gehn, wo er steht, einzeln oder zu zweien und dreien. Er muß jedem besonders eine Bitte vortragen, dadurch erlangt der einzelne die Ehre, ihm seine eigne Stimme mit seiner eignen Zunge zu geben. Darum folgt mir, und ich will euch anweisen, wie ihr zu ihm gehn sollt.
Alle. Recht so, recht so!
(Sie gehn ab.)
Menenius. Nein, Freund, Ihr habt nicht recht. Wißt Ihr denn nicht, Die größten Männer taten's.
Coriolanus. Was nur sag ich? Ich bitte!--Herr.--Verdammt! ich kann die Zunge In diesen Gang nicht bringen. Seht die Wunden-- Im Dienst des Vaterlands empfing ich sie, Als ein'ge Euer Brüder brüllend liefen Vor unsern eignen Trommeln.
Menenius. Nein.--Ihr Götter! Nicht davon müßt Ihr reden. Nein, sie bitten, An Euch zu denken.
Coriolanus. An mich denken! Hängt sie! Vergäßen sie mich lieber, wie die Tugend, Umsonst von Priestern eingeschärft.
Menenius. Ich bitte! Verderbt nicht alles, sprecht sie an; doch, bitt ich, Anständger Weis. Es kommen zwei Bürger.
Coriolanus. Heißt ihr Gesicht sie waschen Und ihre Zähne reinigen. Ach! da kommt so'n Paar! Ihr wißt den Grund, weshalb ich hier bin, Freund.
Erster Bürger. Jawohl; doch sagt, was Euch dazu gebracht?
Coriolanus. Mein eigner Wert.
Zweiter Bürger. Euer eigner Wert?
Coriolanus. Ja, Nicht Mein eigner Wunsch.
Erster Bürger. Wie? Nicht Euer eigner Wunsch?
Coriolanus. Nein, Freund! nie war's mein eigner Wunsch, mit Betteln Den Armen zu belästigen.
Erster Bürger. Ihr müßt denken, Wenn wir Euch etwas geben, ist's in Hoffnung, Durch Euch auch zu gewinnen.
Coriolanus. Gut, sagt mir den Preis des Konsulats.
Erster Bürger. Der Preis ist: freundlich drum zu bitten.
Coriolanus. Freundlich? Ich bitte, gönnt mir's. Wunden kann ich zeigen, Wenn wir allein sind--Eure Stimme, Herr! Was sagt Ihr?
Zweiter Bürger. Würdger Mann, Ihr sollt sie haben.
Coriolanus. Geschloßner Kauf! Zwei edle Stimmen also schon erbettelt. Eur Almosen hab ich!--Geht!
Erster Bürger. Doch das ist seltsam.
Zweiter Bürger. Müßt ich sie nochmals geben--doch--meinthalb.
(Sie gehn ab.)
Zwei andere Bürger kommen.
Coriolanus. Ich bitt euch nun, wenn sich's zu dem Tone eurer Stimmen paßt, daß ich Konsul werde; ich habe hier den üblichen Rock an.
Dritter Bürger. Ihr habt Euch edel um Euer Vaterland verdient gemacht und habt Euch auch nicht edel verdient gemacht.
Coriolanus. Euer Rätsel?
Dritter Bürger. Ihr waret eine Geißel für seine Feinde; Ihr waret eine Rute für seine Freunde. Ihr habt, die Wahrheit zu sagen, das gemeine Volk nicht geliebt.
Coriolanus. Ihr solltet mich für um so tugendhafter halten, da ich meine Liebe nicht gemein gemacht habe. Freund, ich will meinem geschwornen Bruder, dem Volk, schmeicheln, um eine beßre Meinung von ihm zu ernten: es ist ja eine Eigenschaft, die sie hoch anrechnen. Und da der Weisheit ihrer Wahl mein Hut lieber ist als mein Herz, so will ich mich auf die einschmeichelnde Verbeugung üben und mich mit ihnen abfinden auf ganz nachäffende Art. Das heißt, Freund, ich will die Bezauberungskünste irgendeines Volksfreundes nachäffen und den Verlangenden höchst freigebig mitteilen. Deshalb bitt ich euch: laßt mich Konsul werden.
Vierter Bürger. Wir hoffen, uns in Euch einen Freund zu erwerben, und geben Euch darum unsre Stimmen herzlich gern.
Dritter Bürger. Ihr habt auch mehrere Wunden für das Vaterland empfangen.
Coriolanus. Ich will eure Kenntnis nicht dadurch besiegeln, daß ich sie euch zeige. Ich will eure Stimmen sehr hoch schätzen und euch nun nicht länger zur Last fallen.
Beide Bürger. Die Götter geben Euch Freude: das wünschen wir aufrichtig.
(Die Bürger gehn ab.)
Coriolanus. O süße Stimmen! Lieber verhungert, lieber gleich gestorben, Als Lohn erbetteln, den wir schon erworben. Warum soll hier im Narrenkleid ich stehn, Um Hinz und Kunz und jeden anzuflehn Um nutzlos Fürwort? Weil's der Brauch verfügt. Doch wenn sich alles vor Gebräuchen schmiegt, Wird nie der Staub des Alters abgestreift, Berghoher Irrtum wird so aufgehäuft, Daß Wahrheit nie ihn überragt. Eh zahm, Noch Narr ich bin, sei aller Ehrenkram Dem, den's gelüstet.--Halb ist's schon geschehn, Viel überstanden, mag's nun weitergehn.
(Drei andre Bürger kommen.)
Mehr Stimmen noch!-- Eure Stimmen! denn für eure Stimmen focht ich, Für eure Stimmen wacht ich, für eure Stimmen Hab ich zwei Dutzend Narben; achtzehn Schlachten Hab ich gesehn, gehört; für eure Stimmen Getan sehr vieles, minder, mehr. Eure Stimmen! Gewiß, gern wär ich Konsul.
Fünfter Bürger. Er hat edel gehandelt, und kein redlicher Mann kann ihm seine Stimme versagen.
Sechster Bürger. Darum laßt ihn Konsul werden. Die Götter verleihen ihm Glück und machen ihn zum Freund des Volkes.
Alle. Amen! Amen! Gott schütz dich, edler Konsul!
Coriolanus. Würdge Stimmen!
(Die Bürger gehn ab.)
Menenius, Sicinius und Brutus treten auf.
Menenius. Ihr gnügtet jetzt der Vorschrift. Die Tribunen Erhöhen Euch durch Volkesstimm, es bleibt nur, Daß im Gewand der Würde Ihr alsbald Nun den Senat besucht.
Coriolanus. Ist dies nun aus?
Sicinius. Genügt habt Ihr dem Brauche des Ersuchens, Das Volk bestätigt Euch, Ihr seid geladen Zur Sitzung, um ernannt sogleich zu werden.
Coriolanus. Wo? Im Senat?
Sicinius. Ja, Coriolanus, dort.
Coriolanus. Darf ich die Kleider wechseln?
Sicinius. Ja, Ihr dürft es.
Coriolanus. Das will ich gleich; und kenn ich selbst mich wieder, Mich zum Senat verfügen.
Menenius. Ich geh mit Euch. Wollt ihr uns nicht begleiten?
Brutus. Wir harren hier des Volks.
Sicinius. Gehabt euch wohl!
(Coriolan und Menenius gehn ab.)
Er hat's nun, und, mich dünkt, sein Blick verriet, Wie's ihm am Herzen liegt.
Brutus. Mit stolzem Herzen trug er Der Demut Kleid. Wollt Ihr das Volk entlassen? Die Bürger kommen zurück.
Sicinius. Nun, Freunde, habt ihr diesen Mann erwählt?
Erster Bürger. Ja, unsre Stimmen hat er.
Brutus. Die Götter machen wert ihn eurer Liebe.
Zweiter Bürger. Amen! Nach meiner armen, schwachen Einsicht Verlacht' er uns, um unsre Stimmen bittend.
Dritter Bürger. Gewiß, er höhnt' uns gradezu.
Erster Bürger. Nein, das ist seine Art; er höhnt' uns nicht.
Zweiter Bürger. Du bist der einzge, welcher sagt, er habe Uns schmählich nicht behandelt; zeigen sollt er Die Ehrenmal', fürs Vaterland die Wunden.
Sicinius. Nun, und das tat er doch?
Mehrere Bürger. Nein, keiner sah sie.