Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 9

Chapter 93,532 wordsPublic domain

„Ei!“ sagten die redlichen Freunde des Hauses: „wozu braucht es aller dieser Umstände? -- Die Gräfin hätte es ihrer Mutter gleich hier sagen können -- um was es sich handelt. Man ist ja von Allem auf’s Genaueste unterrichtet...“

„Natürlich! Es betrifft den geliebten Herrn von -- Marsan! Was sonst?“ flüsterte eine Dame...

„O sagen Sie es nur gerade heraus, meine Liebe,“ bemerkte das Stiftsfräulein: „Wenn Sie Etwas wissen -- theilen Sie uns es ohne Scheu mit... denn wir haben bereits so viel in dieser Sache erfahren und gesehen -- daß uns nichts mehr in Erstaunen setzen kann. Das Einzige blos wundert mich, daß diese junge Gräfin noch immer nicht zum Mitglied des Frauenvereins ernannt ist....“

„Sie gibt als Grund an -- mit ihrem eigenen Unglück hinlänglich beschäftigt zu sein und nicht an fremde Dinge denken zu können!“

„O man kennt das!“ lachte die Stiftsdame: „Eigenes Unglück meint sie vielleicht damit -- daß Herr von Marsan gestern das Rendezvous nicht eingehalten hat, welches sie ihm zu jeder Mitternachtsstunde in seinem eigenen Quartiere gibt. -- Denn er hat nur zu diesem Behufe das einsame Haus, wo er jetzt wohnt, gemiethet...“

„Was sagen Sie da, mein bestes Fräulein?“ riefen Zwei aus dem Kreise: „ein Rendezvous um Mitternacht in seinem eigenen Hause...?“

„Wie ich sagte: Punkt Zwölf -- mit dem letzten Glockenschlage können Sie, wenn Sie sich anders hierzu die Mühe nehmen wollen -- dieses Musterbild einer Gattin und eines Mitgliedes des Frauenvereins -- Sie können sie, sage ich, in eine fremdartige Kleidung gehüllt, aber leicht an ihrem ganzen Wesen erkenntlich, ihr Haus durch ein Hinterpförtchen verlassen und zu Fuße den Weg nach der Wohnung des Chevaliers einschlagen sehen. Zehn Schritte von ihrem Hause erwartet sie, hinter einen Vorsprung versteckt -- Marsan..... sie gehen sodann eiligen Schrittes, und indem sie sich tausendmal umsehen, eine Strecke fort, wo ein verschlossener Wagen bereit steht, der sie aufnimmt und bis in das Haus des Chevaliers bringt. Nach Verlauf von zwei bis drei Stunden... wird die Fahrt auf dieselbe Weise zurückgemacht.... und so weiß diese kleine Cölestine vortrefflich ihr Leben zu genießen, sich wegen ihrer Strohwittwenschaft zu entschädigen.“

Die Zuhörerinnen waren erstarrt. Sie glaubten zu träumen und fingen an umherzublicken, ob wirklich Alles noch auf dem alten Platze stehe. --

„Aber,“ rief endlich die Eine aus: „ist es denn denkbar! Es wäre ein Fall, der seines Gleichen nicht hat: denn zu diesem Grade der Verstellungskunst hat es noch Keine gebracht. Sieht man sie an, scheint sie einen entsetzlichen Kummer niederzukämpfen und nur heiter zu sein -- um ihrer Freunde, ihrer Gesellschaft willen. Wie oft hört man sie im Gespräche plötzlich verstummen -- und Seufzer ausstoßen -- oft sieht man sich ihre Augen mit Thränen anfüllen... und das geschieht Alles so wie unwillkührlich, als könnte sie es länger nicht mehr zurückhalten. O die abscheuliche Heuchlerin! --“

„Allein,“ bemerkte eine dritte Dame: „Cölestinens Wesen scheint sichtbar untergraben, was man auch dagegen sagen mag. Das ist nicht mehr die blühende Gesichtsfarbe -- das glänzende Auge... das leichte, übermüthige Schaffen und Treiben.... Ihr Teint muß durch künstliche Mittel aufgefrischt werden -- ihr Gang ist schleppend -- ihre Hand zittert....“

Hier schlug das Stiftsfräulein ein merkwürdiges Gelächter auf: „O,“ sagte sie: „diese Symptome können ganz wohl einen andern Grund haben -- -- denn man hat das Beispiel an jener italienischen Signora R**, welche vor zwei Jahren hier starb....“

Die Zuhörerinnen wandten sich bei diesen Worten von der Sprecherin ab, welche vermöge ihrer tapfern Zunge so eben im Begriffe war, eine Geschichte preis zu geben, die man sich bisher nur in Bierhäusern erzählte. --

Dieses Gespräch fand an demjenigen Tage statt, von welchem wir zuletzt sprachen.

Heute empfing von drei bis sechs Uhr Cölestine ihre Freunde bei sich. Man hatte ein Concert angekündigt, bei welchem ein eben durchreisender berühmter Künstler mitwirken und an dessen Schlusse eine Romanze von Cölestine selbst vorgetragen werden sollte. -- Sie saß, während ihre Gäste kamen, in einem Armstuhle, dem Eingange des kleinern Salons gerade gegenüber... Sie war ungewöhnlich bleich, und die bläulichen Ringe, von welchen seit einiger Zeit ihre Augen umkreis’t waren, ließen die letzteren heute ungewöhnlich tiefliegend erscheinen. Ungeachtet dieser und anderer Zeichen eines inneren Leidens -- eines leisen, schleichenden und giftigen Siechthums jedoch war die verlassene Gattin liebenswürdig gegen ihre Gesellschaft wie immer und eifrig bemüht, derselben eine Fröhlichkeit mitzutheilen, von welcher sie selber doch nichts besaß. Ihr Anzug war fast zu einfach und ein strenges Auge konnte selbst jene kleinen Nachlässigkeiten daran wahrnehmen, vor welchen sich eine elegante Dame der großen Welt stets in Acht nimmt und die sie sich höchstens in ihrem Boudoir erlaubt. Die Gräfin trug ein blaßblaues Morgenkleid und im Haare einige dunkelblaue Schleifen, was Alles nur dazu beitrug, ihr Aussehen noch leidender zu machen... Selbst die kleine Lorgnette von Schildkröte, mit Perlen besetzt, hatte sie heute vergessen....

Sie empfing jede einzelne Person, die sich ihr näherte, mit mehr als gewöhnlicher Salonshöflichkeit... ihr Willkommen war wirklich innig und aus dem Herzen kommend; denn sie befand sich in einer sonderbaren weichen Stimmung, welche sie nicht, wie sonst, zu bemeistern vermochte, welche durchschien -- und von gewissen Leuten, deren Geschäft dies ist, im Stillen belacht wurde. --

„Nun, meine Theure, was habe ich Ihnen gesagt? Ist dieses Betragen nicht lächerlich und selbst beleidigend. Will man uns durch diese zärtlichen Worte und Blicke nicht gleichsam sagen: das ist gut für Euch! Ihr braucht nichts Besseres! -- Ich wiederhole es Ihnen: diese Gräfin hat uns heute um sich versammelt -- um uns auf ihre Weise zum Besten zu haben.... Aber sie soll sich täuschen! --“

„Sehen Sie doch! da redet sie mit Herrn von Labers. Fällt sie ihm nicht beinahe zu Füßen!... Haha! Wie abgeschmackt! Es fehlt nur noch, daß sie uns heute mit gebrochener Stimme feierlichst ankündigt, sie wolle sich in ein Trappistenkloster zurückziehen -- -- und darauf morgen mit Marsan durchgeht...“

Man erräth es, wer so gesprochen.

In diesem Augenblick trat General Randow mit seiner Gemahlin ein -- und bei ihrem Anblick war es, wo Cölestine sich zum ersten Male erhob, um den geliebten Eltern entgegen zu gehen. Mit einer unbezwingbaren Rührung, mit einem Wesen, welches auf innerste Erschütterung hindeutete, warf sie sich in die Arme der Mutter; und ein feines Ohr hätte sie leise die paar Worte aussprechen hören: „Noch immer kein Trost!“

„Von beiden Seiten nicht?“ fragte eben so die Generalin, und Cölestine bejahte nur mit einer stummen Senkung des Hauptes, welches so schwer geworden war, daß sie es mehrere Minuten lang auf die Schulter der Matrone legen mußte.

„Sagen Sie mir --“ redeten jene Freundinnen unter einander: „was bedeutet wieder diese Farce da? -- Es fehlt nichts weiter, als daß man uns in diesem Schauspielhause Entrée bezahlen läßt...“

„Bei Nero! -- Sie fangen zu schluchzen an -- _in conspectu populi_, wie man sich ausdrückt. -- O schändlich! -- Ich wollte, daß ich diese beiden Heuchlerinnen in meinen Fußangeln hätte und daß sie Beide nur +einen+ Hals besäßen.... Sie wissen, was ich mit demselben anfangen wollte.“

„Und dieser Labers! -- Der Mann wird, nachdem man ihm die Weisheit der Braminen und die Güte des Sokrates zugeschrieben, plötzlich auf seine alten Tage ein Narr.... Er sieht den Zweien von Ferne zu und auch seine Augen befeuchten sich...“

„Der alte General hingegen scheint mir noch der Vernünftigste in dem ganzen Quartett. Das ist ein wahrer Ehrenmann! -- Er würdigt die Affectation seiner Frauen keines Blickes; er bemerkt sie nicht -- er geht zu einigen alten Herrn und stimmt in ihr Gelächter ein, welches wahrscheinlich irgend einer Anekdote gilt, die Graf Wollheim dort erzählt...“

„Und welche natürlich erlogen ist.... so, als hätte sie jener famöse Herr von Althing erzählt, den man seines hübschen Lebenswandels wegen in keinem Cirkel mehr duldet...“

„Der aber bis zum letzten dennoch der intime Freund von Cölestinens liebenswürdigem Bruder Edmund war...“

„An dem sich auch die Folgen dieses Umgangs bewährten -- hahaha!“

„Eigentlich, meine Freundinnen -- sollte dieser Fall uns aus der Familie der Randow verbannt haben...“

„Wir besuchen dieses Haus auch nur, um uns an dem immer tieferen Herabsinken desselben zu belustigen -- beim Nero und Domitian!“

Die Verläumderinnen hatten sich jedoch sehr geirrt, als sie glaubten, der General sei zu jenen Herren getreten, um an ihrer Lustbarkeit theilzunehmen; der General war seit dem Unglück seines Sohnes und seiner Tochter ernst geworden, wie er es nie gewesen. Nicht daß er sich der Fassungslosigkeit und dem Schmerze seiner Gemahlin hingegeben hätte -- er blieb kalt und fest bei diesem Begegniß, bei diesem Schlage seines Hauses -- aber die chevalereske Heiterkeit und der männliche Frohsinn, welche ihn sonst so liebenswerth gemacht hatten, waren auf immer von ihm gewichen... und diesmal, in dieser Stunde und bei dieser Gesellschaft, hatte er am allerwenigsten Ursache, ihn zurückzurufen, denn man hatte hier so eben über +Edmund+ gesprochen, auf welches Thema der alte Jäger den Discours gebracht, weil er da in seinem Elemente war. Wider Erwarten sah sich nun Wollheim von dem General auf die Seite gezogen und dieser redete ihn an:

„Herr Graf, wenn ich Sie bitten darf, so leiten Sie das Gespräch nie wieder so, wie es eben geschah; ich würde es sonst als eine Beleidigung, die mir selbst widerführe, aufzunehmen gezwungen sein und dieselbe mit Bedauern rächen müssen. Ohnehin gehen in der Hauptstadt hierüber die tollsten Sagen, so daß ich nicht weiß, was ich mehr bewundern soll, den Erfindungsgeist, der sie ausbrütete, oder die Leichtgläubigkeit, welche ihnen Glauben schenkt... Mein Sohn hat sich, seinen Namen und sein ganzes Haus in eine traurige Lage versetzt, dies bekenne ich mit Schmerz.... aber ich würde Niemand rathen, den bedauernswerthen Jüngling, der seine Ehre vielleicht, wie ein mißbrauchtes Mädchen ihre Tugend, durch fremde Gewaltthätigkeit verloren hat, zu verspotten... Wäre mein Sohn von Natur ehrlos und nichtswürdig, so würde ich selbst kein Wort über ihn verlieren, sondern seinen Namen mit eigener Hand aus meinem Stammbaume streichen. -- So aber umhüllt noch ein schreckliches Dunkel die Umstände seines Verbrechens -- ich weiß nur so viel, daß Edmund von Randow stets würdig war mein Sohn zu heißen, und bis ich ihn selbst nicht über seine That vernommen und seine Vertheidigung angehört habe -- bin ich entschlossen, ihn abermals, außer vor dem Gesetze, wohin mein Arm nicht reicht, auf’s ernstlichste zu vertreten!“

„Bravo!“ schrie der Jäger, nachdem er die letzten Worte angehört hatte -- und kaum sich länger zu halten im Stande war: „Bravo, alter Vater, tapferer General! -- Das nenne ich gesprochen.... wie sich’s gehört -- und wäre es nicht hier vor den Augen aller Leute, ich würde Ihnen, hol’ mich Dieser und Jener, nicht nur um den Hals, sondern kurzweg um die Kniee fallen. Ja -- Sie haben Recht! Edmund, mein theurer Edmund, mein Jüngelchen, mein Schüler ist ein Ehrenmann. Wer etwas Anderes behauptet, dem schieße ich eine Handvoll Entenschrotte in den Bauch. Aber wie konnten Sie’s nur übel nehmen, daß ich von ihm sprach? Ich erzählte ja das Rühmlichste. Ich sprach von einem Pirschen, welches jetzt vor zwei Jahren zwischen uns stattfand und wobei Edmund, der brave Junge, mir in demselben Augenblick, als eben ein alter Petz aus dem Gesträuche auf mich herausbrach, das Leben rettete, indem er diesem dicken Petz sein Jagdmesser bis an’s Heft -- ja ich glaube sogar auch noch seinen Arm mit in den Hals steckte.... worauf ich dann meinen unvergleichlichen Schüler mit 18 Kannen Dickbier regalirte -- so daß er drei volle Tage weder A noch B sagen konnte -- --“ hier hielt der Nimrod inne, merkend, daß er im Begriffe stehe, einen dummen Streich zu machen und Dinge -- wiewohl große erhabene Dinge! -- am unrechten Orte zu erzählen. --

Der General beruhigte sich seit dieser Erklärung, doch schien ihn der Nachsatz sichtbarlich zu verdrießen und sein Unmuth kehrte wieder, sich in folgenden Worten Luft machend: „Lieber Graf Wollheim, die Sachen, welche Sie da erzählen, so wie überhaupt Ihr ganzes Verhältniß zu Edmund, hat, glauben Sie mir, auch das Seinige dazu beigetragen, den jungen Menschen zu dem Punkte zu bringen, wo wir ihn jetzt mit Schmerz erblicken.... Nicht daß ich Sie nur im Mindesten beleidigen und Ihren Umgang mit Edmund in direkte Verbindung mit seinem letzten unglückseligen Streiche bringen wollte... das sei fern von mir. Jedoch unter die bösen Gewohnheiten, welche seinen Verstand und sein Gemüth befleckt und ihn zu immer traurigeren Verirrungen geführt haben.... gehörte auch die +Unmäßigkeit+....“

Der Jäger wollte hier lebhaft losbrechen; seine Meinung über Unmäßigkeit war eine ganz andere, als die des Generals, und er war fest überzeugt, an Edmund nur Gutes gethan, ihn, wie er sagte, „zu einem tüchtigen Kerle“ herangebildet zu haben. -- Der General verhinderte indeß jede weitere Erklärung, indem er fortging und seine Schritte zu der früheren Gesellschaft lenkte, aufmerksam zuhörend, was sie sprach -- eifersüchtig den Ruf seines armen Kindes bewachend. --

Mittlerweile hatte das Concert seinen Anfang genommen. Eine tiefe Stille entstand, nur zeitweise auf den entfernteren Punkten des Salons von einigen alten Frauen und einem Paar junger Leute von jener Sorte unterbrochen, die für nichts Sinn haben, außer für ihre eigenen Wichtigkeiten -- -- und die ein Privilegium zu besitzen glauben, überall stören, überall ihre alten Albernheiten zum tausendsten Male wiederholen, überall lachen -- überall Lärm machen zu dürfen.

„Ach -- welch’ ein Gesicht -- das dort gegenüber von dem Cello.... sehen Sie nur, lieber Arthur!“

„Haha! -- ein allerliebster Kerl!... Gewiß irgend ein großer Kunstkenner.... seine rothe Nase bezeichnet ihn als Freund der Geister...“

„Und jenes Fräulein dort weiter! Kennen Sie sie nicht? Sie scheint zum ersten Male in einer Gesellschaft, denn sie macht allen Leuten Platz, die sich ihr nähern...“

„Ach! Köstlich! Welche Bereitwilligkeit! Die trifft man heut zu Tage nicht überall....“

„Uebrigens scheint sie mir nicht ohne +Raison+[D] zu sein! das wäre vielleicht so Etwas für Dich -- Du mein ruinirter Lancelot! --“

Der, dem dieser Name galt, entgegnete: „Du irrst; ich bin von diesem Systeme -- eine Partie zu +suchen+, abgekommen, und habe mir ein neues gewählt; die Fortune muß +selbst kommen+ und.... sie wird nicht ausbleiben.“

„Einstweilen behilft sich Lancelot mit seiner Fürstin... dabei ist wenigstens nichts zu verlieren, haha!“

„Sie ist sein tägliches Brod... diese gute Herzogin. Sie schützt wenigstens vor dem --“

„Still, meine Herren! Ich werde alle weiteren Explicationen ernstlich nehmen.....“

Das erste Musikstück war zu Ende. Die jungen Herren hatten davon gerade die letzte Note gehört... und sie bereiteten sich vor, es bei dem zweiten eben so zu machen. -- Indessen widmete ein großer Theil der Versammlung den Productionen große Aufmerksamkeit -- und Cölestine selbst schien durch die Macht Polyhymnia’s dem trüben Diesseits entrückt, zu den Regionen einer schönern Welt getragen zu werden. Ihr Auge blickte seelenvoll vor sich, ihr Ohr schien mit Wonne in diese Harmonie zu versinken... Einige Augenblicke lang schwand selbst die kalte Blässe von ihrem Gesichte, eine zarte ätherische Röthe flog ihre Wangen an.... so daß sie jetzt jedes künstlichen Mittels hätten entbehren können. --

Sie saß zwischen ihrer Mutter und der Generalin E--z, welche beide sie abwechselnd betrachteten und wovon die erstere mit tiefer Rührung den kurzen Frieden in ihrer Tochter Brust einziehen sah.

Trotzdem unterließen Frauen mit Drachenherzen es nicht, giftige Bemerkungen dicht hinter dem Rücken der Verlassenen anzustellen -- die jedoch an der anderweitigen Aufmerksamkeit Cölestinens ihre Wirkung gänzlich verfehlten und von Niemand vernommen wurden, als von den Sprecherinnen selbst....

„Manche Musik klingt nicht so angenehm, wie diese da... zum Beispiel jene, von welcher das Ohr eines armen getäuschten Gatten beständig erfüllt sein muß....“

„Ach -- es gibt Leute, die so Etwas nicht einsehen!“ bemerkte die Stiftsdame: „die von Natur dazu geboren sind, Disharmonie in der Welt zu erzeugen -- und ihren Eltern, ihren Gatten, Freunden und der ganzen Menschheit das Gehör zu zerreißen.... Trotzdem aber geben sie sich große Mühe, für absonderliche Tonkünstler und Tonkünstlerinnen zu gelten.... O man kennt diese Gattung!“

„-- -- Können Sie mir nicht sagen, liebste Beste --“ fing die Vorige nach einer Pause an: „wie es mit dem armen Grafen von A--x steht. Hat man noch keine Nachrichten von ihm -- und weiß man nichts über seinen Aufenthalt, seine Lebensweise?“

„Es thut mir leid,“ versetzte die Stiftsdame -- „Ihnen damit nicht dienen zu können. -- Zuverläßlich jedoch hat sich der würdige und hochgeschätzte Graf nach irgend einer entfernten Gegend begeben... denn ich zweifle, daß er es in dieser Stadt oder in geringer Entfernung von derselben lange hätte aushalten können. -- -- Man würde in kurzer Zeit Gelegenheit gefunden haben -- -- das alte Spiel zu erneuern... man hätte durch eine kluge, listige Behandlung ihn nach und nach wieder zu gewinnen verstanden... man hätte durch zweite und dritte Personen auf ihn gewirkt.... oder auch durch Briefe....“

„Das Alles,“ erhob jetzt ein Herr, der wie aus den Wolken gefallen schien, den Niemand kommen und hier auftreten sah, sondern der hier inmitten dieser würdigen Damen plötzlich empor tauchte, seine Stimme: „das Alles,“ sagte er, „ist geschehen, meine Damen. Obgleich der Graf von A--x hundert Meilen von hier entfernt in einem verborgenen Thale, einsam wie Timon und verschanzt wie dieser, lebt -- hat man doch Mittel gefunden, ihn auszukundschaften, hat sein heiliges Asyl entweiht -- hat seiner Einsamkeit und Trauer nicht geschont -- hat ihn durch feile Zwischenträger belagern -- mit Lügen und Versprechungen bestürmen lassen.... kurz hat ihm zum zweiten Male eine arglistige Lockspeise vorsetzen lassen, um ihn zum zweiten Male damit zu vergiften.....“

Seit Kurzem war Cölestine gezwungen, diesem Gespräch zuzuhören, denn es wurde immer lauter geführt. Bei den letzten Worten sah man ein tödtliches Grau über ihr Gesicht ziehen.... sie bebte an allen Gliedern, und eben schien sie die Besinnung verlieren zu wollen, als der Ruf:

„Ihre Romanze ist an der Reihe, Gräfin!“ sie weckte und mit einer Art künstlicher, elektrischer, gewaltsamer Lebenskraft erfüllte.

Sie stand auf und ging an den Flügel.

Hier nahm sie neben einem Herrn, der sie accompagniren sollte, Platz. Aber als man die Notenhefte der Romanze suchte -- fand man dieselben nicht. Und doch waren sie früher vor dem Anfange der Matinée von ihr selbst aufgelegt worden. Das Ganze schien mit einem Wunder zuzugehen; aber der Gesellschaft, obgleich diese die Wunder in neuerer Zeit wieder außerordentlich liebt, schien mit dem gegenwärtigen keineswegs ein Gefallen zu geschehen. Man bestand darauf, daß Cölestine singen sollte, und da ihr in dem Gedränge, worin sie sich befand, nichts Anderes einfiel, stimmte sie ein +Lied+ an, das sie ihrem Gatten sehr oft vorgesungen hatte und welches diesem so gefiel, daß er es für seinen Lieblingsgesang erklärte...

„Abend ist, ein tiefes Schweigen Zieht herauf vom Meeresstrand; Himmelslichter sinken, neigen Sich zum grauen Uferrand.

Siehst Du dort des Sternleins Schimmer, Eilend nach dem größern Stern?! -- So auch folg’ ich ewig, immer, Dir, Geliebter, nah und fern.

Sieh’ die Fluth das größ’re fassen! Auch das kleine stürzt sich drein! -- So auch könnt’ ich nicht allein Dich Geliebter sinken lassen!! -- --“

Nachdem Cölestine den letzten Vers gesungen -- fiel sie leblos auf die Lehne ihres Stuhles zurück. --

Alles erhob sich -- fuhr durcheinander -- man eilte von hundert Seiten der Gräfin zu Hilfe.

In dieser allgemeinen Verwirrung schlich sich jener Fremde, der zuvor die verhängnißvollen Worte hinter dem Stuhle Cölestinens gesprochen, hinaus.

Es war derselbe unbekannte und geheimnißvolle Mensch, den wir schon früher einige Mal in den Salons Alexanders und anderswo umherschleichen sahen -- finster und unheimlich wie das Verhängniß.

Neuntes Kapitel.

Trauer und Verzweiflung.

Was Alexander auf seinem Schlosse und in seiner Einsamkeit betraf, so lebte er daselbst noch stets in der alten Weise. Seine Tagesordnung blieb die nämliche, seine Absonderung, seine düstere Kälte, sein Haß gegen die Menschen, seine finstere Sucht, sie zu vermeiden, und seine scheue Angst, wenn er ihnen nicht ausweichen konnte -- -- bei dem Allem jedoch auch seine Mildthätigkeit, seine geheim ausgeübte Menschenliebe, sie waren sämmtlich die früheren. Täglich machte er den Ritt aus dem Schlosse nach jener Gegend, welche wir kennen -- täglich besuchte er die kranke Margaretha und blieb in letzterer Zeit oft vom frühen Morgen bis in die tiefste Nacht an ihrem Krankenlager... Er hatte ihr einen geschickten und zuverläßlichen Arzt geschickt, der seine Wohnung im Orte selbst nahm, um stets bei ihr zu sein, sobald sie seine Hülfe brauchte. -- Ach, Alles das half zu nichts ... es war der menschlichen Kunst nicht mehr möglich, dort etwas zu thun, wo die Natur bereits ihre Verwesung vorbereitete....

Da ward der Schmerz Alexanders übergroß; dieser Mann, sonst stolz, kalt und schroff, schien seine inneren Stützen zu verlieren, schien zusammenzubrechen, gleich einem untergrabenen Kraftbau. -- Er konnte sich nicht länger beherrschen: seine gepreßte und geängstigte Seele machte sich in einem lauten, entsetzlichen Schmerzensschrei Luft -- und nachdem dieser ausgestoßen war, flossen seine Zähren gleich mächtigen Bächen, als sollten sie die lange Tafel seiner Schuld, alle Vergehungen seines früheren Lebens abwaschen. Er ward zum Kinde, ja weniger als dieses, denn das kleine Mädchen zu seinen Füßen besaß jetzt mehr Fassung als er: „O!“ rief er, der draußen den Stolz so gut zu behaupten verstand: „könnte ich Dich, arme Dulderin, mit der Hälfte meines Lebens, meines Glückes, meiner Seligkeit retten, ja mit dem Ganzen -- -- ich würde es thun, denn Du hast es um mich verdient! -- Ach, warum habe ich es früher nicht erkannt, warum vorsätzlich mich dem Bewußtsein entzogen, daß ein Herz lebt, welches so große Liebe zu mir trug, daß sie um ihretwillen in den Tod ging... eine Liebe, die nur gleichkommt an Macht jener Falschheit und jenem Trug, welche mich die ganze übrige Welt empfinden ließ, O wie glücklich hätte ich sein können! -- In dieser Erkenntniß möchte jetzt meine Seele sich auflösen in ungeheuren Klagen. Was hatte ich nöthig, das Glück und die Liebe dort zu suchen, wo sie nicht sind?... Was hatte ich nöthig, im rauschenden Leben der Welt nach dem zu haschen, was nur in stiller Einsamkeit wohnen kann: nach einem Herzen! -- -- O sie blühte nur in einem grünen Thale unter einem bescheidenen Dache -- die treue Liebe!... aber sie schien mir zu niedrig -- ich suchte eine stolze, erhabene; und was fand ich? Traurige Täuschung! bittere Enttäuschung. -- -- Ha! ich möchte mich darob in einen Ocean des ewigen Todes stürzen! --“