Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 8

Chapter 83,764 wordsPublic domain

Man quartierte sich in der verlassenen Lehmhütte irgend eines Hirten ein, denn um ihrem Wahnsinn die Krone aufzusetzen, bildeten sich die braven Leute auch noch ein, äußerst ermüdet zu sein. Man wollte den nächsten Tag abwarten, heute nichts Ernstliches mehr vornehmen, sondern höchstens insgeheim Erkundigungen einziehen und das große Werk vorbereiten. Und was man in Erfahrung brachte, schien den guten Leuten schrecklich genug, um die Haare ihres Hauptes sich emporsträuben zu machen. In einem kleinen, am äußersten Ende des Weilers gelegenen Hause sollte nämlich eine Frau mit ihrer Tochter wohnen, welche die Besitzerin dieses Grundstücks war -- da der Mann bereits vor längerer Zeit gestorben. Wovon diese zwei Frauen sich nährten, konnte man nie erfahren; es fehlte ihnen an nichts und -- doch arbeiteten sie nicht, sondern ließen auf einem Theile ihres Ackers, für den sie keinen Pächter fanden, Gras und wildes Gesträuch wachsen. Sie pflogen mit den Dorfleuten durchaus keinen Umgang -- was für die Mutter des Mädchens auch unmöglich gewesen wäre, denn sie litt an einem langwierigen Siechthum, welches man, da das so ganz in den Kram der hiesigen Einwohner paßte, dem bösen Geiste zuschrieb, der in diesem abgeschlossenen Hause sich aufhalte. Man wußte nur noch zu sagen, daß das Mädchen von ungewöhnlicher, zarter Schönheit sei, gar nicht aussehe, wie ein Bauernkind, und daß sie allemal zu gewissen Zeiten des Jahres nach dem herrschaftlichen Schlosse gehe, obgleich der Weiler nicht zu Alexanders Besitzungen gehörte. Alles das war, wie man sieht, sehr wenig in der Ordnung, sehr geheimnißvoll, und daher teufelsmäßig.

-- Dieses Haus und diese Leute nun hatte der Graf seit einigen Wochen regelmäßig Tag für Tag besucht und bei ihnen oft bis zum späten Abend verweilt. Man wollte gehört haben, wie dann die „Besessene“ drinnen in der Stube -- schrie, heulte und wildes Zeug trieb -- während das Mädchen laut weinte -- der Graf aber mit ernster und gemessener Stimme unverständliche Worte dazwischen sprach -- gleichsam, als redete er mit dem Bösen in der Kranken. Oft wurde der Lärm, welchen diese machte und das mystische Zureden des Grafen so laut und eifrig, daß die ehrlichen Horcher davon liefen, fürchtend, die Alte würde noch zum Fenster herausspringen -- und Unheil im Dorfe anrichten....

Es war heute gerade Mittwoch, und der Pfarrer bezeugte darüber eine große Freude, „denn,“ sagte er zu seiner kleinen Heerde -- „der morgige Tag, als ein +Donnerstag+, ist zur Bannung des bösen Geistes, welcher, wie klar am Tage liegt, in diesem Hause einen Hauptstapelplatz besitzt, außerordentlich günstig.“ Am Donnerstag war der Graf früh Morgens im Weiler angekommen, und nachdem er sein Pferd in einem Nachbarhause eingestellt hatte, verfügte er sich nach der Wohnung der zwei Frauen; die Verschwornen, oder besser, die Alliirten säumten nicht, auf Umwegen ihm rasch zu folgen, und nahmen, indem sie hinten über eine Gartenmauer setzten, von dem Hause in so weit Besitz, als sie nur mehr in die Stube einzudringen brauchten. Sie zögerten jedoch mit diesem letzten Schritt -- denn der Pfarrer wollte den Teufel zuvörderst +behorchen+ -- um zu sehen, was es für ein Teufel wäre und wieviel Gesellen er bei sich habe... Se. Hochwürden steckten sich daher in’s Ofenloch und -- -- vernahmen, sahen auch durch eine Ritze wunderliche Dinge.

In einer kleinen Stube, deren Fenster mit Vorhängen aus grüner Sersche verhangen und außerdem auch noch durch Blumenranken verstellt waren -- -- die Einrichtung hier deutete auf kein Bauernhaus, sondern athmete bürgerlichen Wohlstand -- -- stand ein großes Bette mit dem weißesten Linnenzeug überzogen, darin lag eine kranke Frau. Neben ihrem Kopfe saß ein junges Mädchen von seltener Anmuth, nicht über 15 Jahre alt -- und zu den Füßen des Bettes saß der Graf. -- Auf dem Gesichte der Kranken wechselte ein lebhaftes Mienenspiel, welches demselben bald den Ausdruck ungeheuren Schmerzes -- und gleich darauf wieder jenen sanfter Ergebung, inniger Rührung ertheilte. In diesem Augenblick schien der letztere Ausdruck auf längere Zeit den Sieg davon tragen zu wollen; die kranke Frau -- sie mochte nicht viel über 30 Jahre alt sein -- stieß einen langen Seufzer aus, richtete das zuvor flammende Auge mit unendlicher Milde auf Alexander und sprach mit einer Stimme, die aus innerstem Herzen zu kommen schien: „So sind Sie also gekommen!... So haben Sie also der armen niedern Frau, die Sie einst durch Ihre Liebe so glücklich machten, nicht vergessen, Herr Graf?“

Hier schwieg sie ermattet und faltete die Hände, als wollte sie ihm damit jenen Dank ausdrücken, welchen zu stammeln ihre Lippe zu schwach war.

„Nein, nein!“ antwortete Alexander bewegt und düster sie anblickend -- „ich habe Ihrer nicht vergessen -- Margaretha... Ich habe nicht vergessen, wie Sie mich liebten, als ich im wüsten Jugendtaumel ein reines und treues Herz noch nicht schätzen gelernt hatte.... Jetzt ist es anders geworden....“ setzte er leise vor sich hinzu: „O!“ sagte er mit gebrochenem Tone: „Wie haben Sie mich geliebt! Und wie habe ich es Ihnen vergolten!“ Nach diesen Worten sank sein Haupt auf die Brust herab, welche heftig athmend einen schweren Kampf zu bestehen schien....

„Ja,“ entgegnete sie -- „ich habe Sie so geliebt, Herr Graf -- daß ich um Ihretwillen elend, entsetzlich elend geworden bin.... die unheilbare Krankheit, an der ich leide, hat bereits mein Lebensmark aufgezehrt -- -- und bald -- bald....“ Sie wollte fortfahren, hatte jedoch hierzu nicht mehr die Kraft.

Mittlerweile erfüllte das Schluchzen des Mädchens das Gemach und Alexander reichte ihr die eine, ihrer Mutter die andere Hand, so daß Geliebte und Tochter von ihm gehalten wurden.

Denn so verhielt es sich in der That. Alexandrine, dies der Name des Mädchens -- war sein Kind; ihre Mutter hatte vor sechzehn Jahren zu jenen Unglücklichen gehört, die sich damals den schmeichelnden Lockungen und der rohen Gewalt des Wüstlings ergeben hatten, bei jenen Orgien, welche er mit einem Trupp ähnlich gesinnter Freunde feierte.... Der Unterschied zwischen ihr und den andern Opfern seiner wilden Begierden war der -- daß sie unglücklich genug war, eine wahre Leidenschaft für ihren Verführer zu fassen, durch welche sie, nachdem sie lange mit ihr gekämpft und sie in ihrem späteren ehelichen Verhältniß auch zum Scheine bezwungen hatte -- zuletzt in jene schreckliche Krankheit fiel, die jetzt an ihrem letzten Lebensmark zehrte. --

„Sie wollten vorhin noch etwas sagen -- liebe Margarethe!“ erinnerte nach einer Weile der Graf: „Reden Sie! Häufen Sie Anklage auf Anklage über mein Haupt... führen Sie Verbrechen auf Verbrechen an, die ich an Ihnen begangen habe, als ich noch der Thor war, zu glauben, die Welt sei nur da, mir das, was ich damals Freude und Lust nannte, zu bereiten. -- O beginnen Sie! Scheuen Sie sich nicht -- ich werde Alles geduldig anhören... und meine Reue wird Ihrem Zorne, Ihrem Unglück gleich sein...“

„Nein --“ sagte Margarethe: „glauben Sie ja nicht -- daß ich Ihnen zürne!... Ich würde Sie ja dann nie geliebt haben, Herr Graf! -- -- Ach, ich schelte Sie nicht -- ich habe Sie niemals gescholten, daß Sie ein armes Mädchen verließen -- Sie, ein großer Herr. Was sollten, was konnten Sie denn anders thun.... früher oder später mußte es doch geschehen. Wer hieß mich eine so maßlose Liebe für Sie fassen... der so hoch über mir steht und sich nur auf einen Augenblick zu mir herunterneigen konnte... Waren Sie denn nicht ehrlich genug an jenem Abend, da Sie mich zum ersten Male -- in Ihr Schloß brachten -- und Ihren Freunden zeigten -- ausrufend: „das kleine Ding da sagt, sie liebe mich und wolle nicht, daß ich auch noch Andern gut sei.... das Närrchen -- das thörichte Landkind... Sie macht mich lachen!...“ Hatte ich beim Anhören dieser Worte denn nöthig, Ihnen noch weiter zu folgen? -- Und doch folgte ich, und doch kam ich noch so oft selbst und zog Sie noch so oft an meine Brust.... Ich kann,“ schloß die Frau, „Ihnen nichts aufbürden, Herr Graf.... Ich kann nur über mein Schicksal weinen.... Dieses allein hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe, nicht Sie.“

Die Rede hatte Margarethe so angegriffen, daß sie nach den letzten Worten in eine Art Lethargie verfiel -- worin sie ein leibhaftes Bild des Todes vorstellte.

Alexander verhüllte sich das Gesicht mit beiden Händen -- das Mädchen aber warf sich auf ihre Mutter hin, umklammerte sie mit beiden Händen und schrie angstvoll: „Mutter! Mutter! -- liebe gute Mutter.... fasse Dich.... stirb mir nicht.... der Herr Graf ist ja hier! Du siehst ihn ja vor Dir stehen.... und sagtest Du nicht stets: „Ach, wenn nur er kommen möchte! Wenn er nur da wäre! Wenn ich ihn nur noch ein Mal mit meinen Augen sehen könnte... denn er ist Dein Vater und ich habe Dich ihm geboren!...“ Das sagtest Du so oft, gute Mutter -- und setztest hinzu -- -- „dann, dann würde ich wieder ruhig -- dann sollte meine Seele zufrieden und mein Leib gesund werden!“ Und -- nun da er hier ist, er, den ich so gern Vater nenne, weil er so gut gegen mich und Dich ist... nun, meine arme Mutter, hältst Du Dein Versprechen nicht.... nun wirst Du mir wieder unglücklich, krank und elend! -- -- O mein Gott! mein Gott -- erbarme Dich unser!“ So jammerte dieses zarte, unschuldige Geschöpf, dessen Miene der Ausdruck frommer, inniger Herzensgüte war und dessen Stimme so hold und rein klang, daß man sie tief gerührt hörte. -- In der That schien diese holde Stimme auch wunderbar auf die Kranke zu wirken -- sie regte sich wieder und begann nach einer Weile in eine Art von Clairvoyance zu fallen: „Kommt doch her und seht mich an --“ sprach sie -- „wie schön ich bin, wie gut ich es habe! Mich liebt ein junger schmucker Graf... Er hat es mir tausend Mal sagen wollen.... aber er schwieg immer.... weil er mich damit zu erzürnen fürchtete....! -- -- Oh, er weiß aber auch, daß ich ihn liebe.... Nein, nein! er weiß nichts, gar nichts! -- -- Er hat keine Ahnung davon! -- Und ich -- ich will es ihm auch nicht früher sagen, als um Mitternacht.... wenn wir schlafen .... dann will ich ihn aufwecken und flüstern: -- -- Schäme Dich, schmucker Edelmann -- -- Ich bin blos eine Bauerndirne -- und Du gibst Dich mit mir ab. -- Oder nein -- Du magst mich nicht -- und +ich+ laufe Dir nach.... Hahaha! -- -- Mit Hunden solltest Du mich vertreiben lassen -- denn ich belästige Dich in Deinem goldnen Schlosse.... und Deine Ahnen, die grinsen auf mich herab und sprechen: Was will die unter uns? -- Gehört sie denn hierher? -- Mag sie dahin gehen, woher sie kam.... von den Mägden! -- Ah! Ah! das ist recht! das ist gut! -- Es geschieht ihr, wie sie es verdient. -- Fort mit ihr! Hinaus aus dem Schlosse! Hinaus aus dem Dorfe! Einen Mühlstein um den Hals -- und in’s Wasser mit ihr, der schändlichen Dirne! -- --“

Dieser Irrsinn artete jedoch keineswegs aus; er hatte keine Gewaltthätigkeiten im Gefolge, wie er denn auch erst seit Kurzem sich bei der Kranken einstellte, jedoch mit immer größerer Intensität. --

Endlich nach einer viertelstündigen Dauer hörte dieser trostlose Zustand auf und die Spuren des Paroxysmus schwanden allgemach dahin -- -- der allmächtigen Rückkehr jener Milde und stillen Zufriedenheit Platz machend, welche eine Folge der Gegenwart Alexanders zu sein schienen... Nach einem innigen, seelenvollen Blick, den sie lange auf ihm verweilen ließ -- redete die arme Margaretha wieder: „O -- er ist noch immer da.... Er geht, er verläßt mich nicht! Er spottet nicht über mich... es ekelt ihm nicht vor mir! O, wie gut ist er!... und ich, ich habe ihn so verkannt.... Ich, so geringe Ansprüche ich an ihn auch hatte und so wenig ich auch hoffen durfte, daß sie durch ihn erfüllt würden -- (denn am Ende hat er ja doch Alles gethan, was er mir schuldig war: indem er für unsere Zukunft sorgte) -- -- ich sehe jetzt dennoch Alles über die Maßen erfüllt! -- Er ist hier! Er kommt täglich an meine Lagerstätte...“

Sie schwieg. Augenscheinlich schien die Quelle ihres Lebens schon gänzlich verrinnen zu wollen; man hörte ihr Rauschen von Stunde zu Stunde weniger. Vor mehreren Monaten konnte Margaretha noch frei in der Stube umhergehen -- jetzt seit langer Zeit hatte sie das Bett nicht mehr verlassen -- und nur die Intervalle ihres Leidens, nicht aber das Wesen desselben, waren seit Alexanders Besuchen ein wenig milder geworden. --

„Ich weiß,“ sagte sie nach einer Weile, wobei sie in den Armen ihres Kindes lag: „daß diese Stube und meine Nähe kein Aufenthalt für Dich ist -- theurer Alexander. Das, was der Schmerz und meine Traurigkeit mich zu Zeiten ausstoßen ließ, sollte Dir ewig verborgen bleiben. Es ist nicht gut -- wenn ein Kind die Vergehungen ihrer Mutter aus dem eigenen Munde derselben hört -- ihre Schande mit eigenen Augen sieht -- es ist kummervoll und wenig lehrreich für sie. -- Aber,“ setzte sie darauf weinend hinzu: „vielleicht ist es eben gut und nützlich! -- Du hast an mir ein Beispiel, meine Tochter, -- dem Du nicht nachahmen wirst! --“

„O,“ dachte Alexander bei sich, dessen Herz blutete, -- „ich habe dieses Alles verdient! -- Die Strafe, welche ich in diesem Augenblick erleide -- ist schwer, aber gerecht. -- -- Mein Uebermuth, meine wilde Begierde hat hier zwei Seelen zu Grunde gerichtet -- -- denn was war das Leben von Mutter und Tochter? Eine Kette von Schmerz! -- -- -- -- Ach, ach!“ versank er immer tiefer in den Abgrund seiner Selbstanklagen: „und erst jetzt denke ich daran! Jetzt, nach 12 Jahren.... nachdem es längst zu spät -- nachdem eines dieser Herzen gebrochen ist.... denn bald, bald wird es ausgepocht haben! Jetzt erst nahe ich mich ihm -- und will ihm Rettung bringen... So wäre ich niemals hierher geführt worden, wenn mich nicht das eigene Unglück hierher geführt hätte! -- So mußte ich selbst erst betrogen und verlassen werden, um zu begreifen, wie entsetzlich das schmerzt?! -- Ja, ja, arme Märtyrin der Treue, die Du da vor mir liegst -- ich habe es jetzt selbst kennen gelernt -- wie bitter die Täuschungen, wie tödtlich die Leiden der Liebe sind. -- O, um aller Seligkeit willen möchte ich kein Herz mehr kränken, das mich geliebt hat -- eher wollte ich sterben, als noch einmal falsch lieben! -- -- Falsche Liebe! -- Teufel in Heiligengestalt, du küssest unser Herz, um mit unsichtbarem Vampyrrüssel das Blut aus demselben zu saugen!... Falsche Liebe -- ewige Paradiesesschlange! die du seit Jahrtausenden die Menschheit verlockest -- ihr süßes Glück versprichst und ewigen Tod sendest. -- -- -- -- O, mich faßt fürwahr der Glaube, daß wahre Liebe gar nicht lebe. Sie ist ein Hirngespinnst, ein Traum der Dichter! -- Noch nie hat es eine glückliche Liebe gegeben .... mir ist keine bekannt. Entweder betrog er sie -- oder sie betrog ihn. Das ist das Ende vom Liede. -- Wer etwas Besseres über die Sache zu sagen weiß, der komme hierher und rede... er soll an mir einen aufmerksamen Zuhörer finden -- aber glauben, glauben werde ich ihm nicht, bis er mir Beweise bringt; handgreifliche Beweise. -- O, der +Prinz von Dänemark+ hat Recht: „Wir sind Alle geborne Schurken!“ -- Dies ist der größte Lehrsatz in Poesie und Geschichte....“

Er war bei seinem Monolog unwillkührlich laut geworden und Mutter wie Tochter hörten seiner Rede mit Verwunderung zu. Da wandte er sich an Alexandrine, ergriff das liebliche junge Wesen an beiden Händen und zog es zu sich an seine Brust -- dann legte er eine seiner Hände auf ihr Haupt, sah ihr ernst und schwermüthig in’s rosige Angesicht und sprach:

„Vertraue keinem Manne, wenn Du groß sein wirst... und fliehe Jeden, der Dir von Liebe sprechen will. Denn sei gewiß, er will Dich betrügen! -- Achte auf meine Worte, holdes Kind, und präge sie Deinem jungen Gedächtnisse ein. Vielleicht verstehst Du ihren Sinn noch nicht ganz.... O möchte er Dir nie durch die Erfahrung deutlich werden!“ Jetzt verstummte er und ergab sich den zärtlichsten Liebkosungen, die er im Uebermaße an das Mädchen verschwendete, und wobei die Thränen dieses sonst so festen Mannes rannen, als hätte er damit alle Flecken der Geburt von Alexandrinen abwaschen wollen.

„Nie hätte ich gedacht,“ flüsterte er ihr zu: „ein so liebes Kind -- ein so holdes Töchterchen zu besitzen! -- Ach, ach, Dein Vater hatte Dich gänzlich vergessen -- arme Kleine.... nur einmal im Jahre, wenn er Euch seine karge Unterstützung auf’s Schloß sendete, erinnerte er sich während eines Momentes, daß Ihr noch lebt. -- Aber wie geschah das? -- So erinnert der große Herr sich seines Knechtes, seiner Magd -- seines Hundes. Er weiß blos, daß er ihnen zu essen geben muß; im Uebrigen hat er keine Gedanken für sie. -- -- O Schmach! O Schande! und auf diese Weise wurdet Ihr von mir behandelt.... Ihr, die Ihr zwei Engel seid, für welche diese Erde zu schlecht, zu niedrig ist. Ach, erst jetzt bin ich fähig, Euern Werth zu schätzen -- da ich sehe, daß Ihr das seit 13 Jahren in Geduld traget, unter dessen Last ich seit etlichen Wochen schon fast zusammengebrochen bin -- O, meine Tochter, noch ein Mal! Liebe keinen Menschen! -- Niemand ist Deiner würdig... denn Du bist das Ebenbild Deiner Mutter, an Leib wie an Seele. -- Liebe niemals! -- Es gibt keine Liebe! -- --“

„-- -- Und was ist denn das Gefühl,“ fragte er sich rasch: „welches Margarethe einst mir -- -- und ich Cölestinen gewidmet? -- Ist dies denn nicht Liebe? -- -- -- -- O! O!“ stöhnte er: „Man könnte wahnsinnig werden, wenn man lange nachdenkt! -- Eine schreckliche Verwirrung entsteht in unserm Gehirne, wenn es über diesen Punkt grübelt. Tausend Fälle verneinen -- zwei bejahen das Dasein der Liebe... Also lebt Liebe doch!“ rief er mit einem Male aus: „Ja, sie lebt! -- -- -- -- Aber ich, ich werde sie nimmer mehr finden!“

Er blieb noch mehrere Stunden bei den Frauen. Die Kranke sprach nur wenig und die ganze Thätigkeit des jungen Mädchens schien sich auf Weinen und stilles Wehklagen zu beschränken .... denn dieses Kind hatte eine Vorahnung von der baldigen Auflösung ihrer Mutter. Alles Zureden, alle Trostsprüche, alle Liebkosungen des Grafen konnten sie nicht beruhigen -- -- indeß die Kranke selbst den Tod nicht zu fürchten schien, da sie ja, wie sie sich mit erschütternder Wonne ausdrückte: „in den Armen ihres wiedergefundenen Freundes und Herrn sterben werde!“ --

Ein stiller Trübsinn lagerte sich zuletzt über Alexanders ganzes Wesen -- weit tiefer, als jener, der ihm angeboren war und mit welchem er sich seit so vielen Jahren umhertrug. -- So, in dieser Stimmung nahm er Abschied von der Kranken, indem er versprach, morgen früher als sonst wiederzukommen und nicht eher zu scheiden, als zu dieser gegenwärtigen Stunde. --

Alexandrine begleitete ihn über die Schwelle des Hauses, wo er sie auf die Arme nahm und lange, lange, so fest und warm an seine Brust drückte, als wollte er sie nicht wieder fortlassen .... nachdem er ihr noch einen Kuß auf die weiße Stirne gegeben.... entfernte er sich mit raschen Schritten durch das Gärtchen, von dessen Thür er den Schlüssel hatte....

Kaum war er auf freiem Felde angelangt -- als eine Bande fremder Kerle, wovon Einige Pechfackeln, Andere Stöcke und Prügel in der Hand trugen, ihm entgegen stürzten, drei bis vier sprangen heraus wie Tieger, und sich an seinen Arm, an seinen ganzen Körper hängend, rissen sie ihn zu Boden, legten ihn platt auf die Erde, mit dem Gesichte gegen den Himmel gekehrt, der diesmal voller Sterne war.

Darauf trat einer, schwarz wie ein Schornsteinfeger aussehend, vor ihn hin -- fing an in lateinischer Sprache zu singen, zu schreien und zu heulen... ging und lief rund herum -- goß ihm eine Menge Wassers auf den Kopf -- und räucherte mit allen möglichen wohl und übel riechenden Spezereien dazu -- darauf badete er ihm noch einmal das Gesicht -- und zuletzt warf er eine Decke über ihn, die den unglücklichen Grafen ganz einhüllte. -- Er sah nichts mehr -- aber bald fühlte er um so mehr: nämlich fürchterliche Prügel, die es von Außen hageldicht auf ihn regnete.... Alles dieses unter einem betäubenden, wüthenden Geschrei der ganzen Bande und dem Kommandoruf des Schwarzen.... Nur der außergewöhnlichen Körperkraft Alexanders konnte es gelingen, sich in Kurzem aufzuraffen und dem Todtschlag unter den Händen dieser Rotte von tollen Spitzbuben zu entgehen... Hierbei diente ihm die Decke als Schild und Schutzmittel, denn er hielt sie so vor sich hin, daß die Streiche und Schläge nur sie trafen.

„Ihr Schurken!“ schrie er: „seid Ihr denn wahnsinnig oder habt Ihr wirklich ein Bubenstück vor? -- Kennt Ihr mich denn nicht? -- Ich bin der Graf von A--x!“

„Ja, ja -- wir wissen es sehr gut, gnädiger Herr! Wir kennen Hochdieselben! -- O wir wissen Alles! -- aber eben deshalb -- schlagt zu, Kameraden! Immer zu! Damit der Teufel den Leib des guten Herrn verläßt! --“ Dies waren die Worte, womit der schwarze Anführer seine Schaar ermunterte....

Endlich bemächtigte sich der Graf des Knittels eines dieser Kerle und nun warf er sich auf die nächsten, worunter der Anführer selbst, den er zu Boden schlug, worauf die Andern sogleich die Flucht ergriffen, heulend:

„Ach! der Teufel ist mächtig! Er hat unsern heiligen Pfarrer überwunden! Gott steh uns bei!“

Jetzt erkannte Alexander den Pfarrer, und brachte endlich auch in Erfahrung, daß seine eigenen geliebten Unterthanen es waren, mit denen er so eben einen Strauß zu bestehen gehabt. --

„Aber,“ wandte er sich an den Geistlichen: „sagen Sie mir, was soll denn das bedeuten? ... Sind Sie denn sammt Ihren Pfarrkindern um den Verstand gekommen?“

„Das nicht, gnädiger Herr,“ versetzte dieser, sich mit seinen zerschlagenen Gliedern jämmerlich am Boden windend: „Wir hatten Gutes mit Ihnen vor.“

„Wie -- Gutes?“

„Wir wollten Ihnen den Teufel austreiben.“

„Und dies sagen Sie selbst, der Pfarrer, der Lehrer, der Führer dieser Bauern, dem es obliegt, ihren Geist zu erhellen und ihr Herz zu veredeln? -- Sie sprechen vom Teufel Austreiben? --“

„Allerdings, gnädiger Herr!... Und haben wir Sie denn nicht gesehen, nicht gehört -- wie Sie da drinnen bei der +besessenen Frau+ allerhand Teufelszeug trieben -- weinten, lachten, beteten -- und sich mit diesem Weibe, die gewiß eine Hexe ist -- auf eine Weise einließen, daß es uns, Ihren getreuen Unterthanen, ein wahrer Gräuel war. Können Sie es läugnen: Sie umarmten das verfluchte Weib!“

Alexanders Gesicht verfinsterte sich jetzt zum wilden Zorne: „Mein Herr,“ sagte er zu dem Pfarrer -- „Sie sind von diesem Augenblick an Ihrer Pfründe verlustig und ich werde deshalb nach meiner Ankunft auf dem Schlosse sogleich das Nöthige verfügen... denn wie mir dieser Vorfall lehrt, so sind Sie weit eher dem Amte eines Stockmeisters oder Banditenchefs als eines Seelsorgers gewachsen... Erwarten Sie morgen meine fernere Entschließung. -- Was jedoch diese Kerle dort betrifft,“ fuhr er, auf die in einiger Entfernung stehenden Bauern deutend, fort: „so sollen sie ihrer wohlverdienten Strafe nicht entgehen. Ich werde ihnen für die Zukunft die Lust benehmen, sich um den Geisteszustand ihrer Herrschaft zu bekümmern....“

Damit entfernte sich Alexander, ging nach dem Gasthause, wo sein Pferd stand, und ritt von da nach dem Schlosse zurück. --

Achtes Kapitel.

Die Verlassene.

Die Sachen in der Stadt standen indeß noch immer auf dem alten Punkte. Cölestinens Haus war nach wie vor den ausgewählteren ihrer Bekannten geöffnet -- nur daß keine größeren Soirées und _jours fixes_ mehr statt fanden. In letzterer Zeit hatte die junge Frau sich inniger als je an ihre Eltern angeschlossen; man sah sie nicht anders als in Gesellschaft ihrer Mutter. Dieselbe schien mit ihr irgend ein Geheimniß zu theilen, denn es geschah häufig, daß sich die Frauen für mehrere Stunden mit einander einschlossen, und selbst vor den Augen der Leute wechselten sie Winke, verständigten sich mit abgebrochenen, geheimnißvollen Worten, ja es geschah ein Mal, daß Cölestine die Generalin mitten aus einem Zirkel von Damen herausholte, sie, zu großer Aergerniß aller Leute vom guten Ton -- aus dem Salon entführte, und mit ihr erst nach einer starken Stunde zurückkam.