Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 7

Chapter 73,595 wordsPublic domain

„Ich wollte -- der Satan holte sie, trotzdem daß Deine Mutter dabei ist -- -- und führte sie dahin, wo der Pfeffer wächst...“

„Trinke doch -- mein süßer Achill!“

„Ja -- ja -- ich glaube jedoch schon ein wenig zu viel getrunken zu haben....“

Er stieß wirklich bereits mit der Zunge an.

„Was schadet das! Der Wein gibt Muth ... und endlich werden wir dieses Volk da, welches uns belästigt -- zur Thür hinauswerfen...“

„Ja! das -- wollen wir! -- Das ist ein köstlicher Einfall! -- Wein, Wein herbei! -- So! Ein großes Glas! -- Ich leere es auf einen Zug! -- -- Alle Donner! -- Nun habe ich die Kraft -- es mit allen Hexen des Blocksberges aufzunehmen..... Komm! komm!“ schrie er, hinlänglich trunken, um kein Körnchen Verstand mehr zu besitzen: „Komm! -- Wir wollen diese alten und jungen Dämchen -- über die Treppe schmeißen.... Vorwärts, meine Freundin: das wird für uns nur ein Kinderspiel sein! -- Ich habe es tausend Mal schon mit einer dreifachen Mehrzahl aufgenommen und blieb immer Sieger!.... O, es soll eine Metzelei geben... daß es eine Freude ist... Blut soll fließen...“

Und während er diesen Unsinn mit einer Mordbrennerstimme schrie -- stürzte er mit dem Vorlegelöffel bewaffnet auf diese Frauenzimmer, die ihrerseits ebenfalls ein fürchterliches Geschrei erhoben -- und nach Hilfe rufend zur Thür hinausstürzten -- über die Treppe hinabliefen, wohin er ihnen, durch den leichtgewonnenen Erfolg übermüthig gemacht, mit rasender Kampfeswuth nachfolgte -- jedoch nur einige Stufen -- denn dann stolperte er über ein Paar -- fiel und rollte gleich einer Walze volle vier Treppen hinab bis zur zweiten Etage -- wo er auf dem Flur liegen blieb. Ein schauderhaftes Wehegeschrei entfuhr ihm hier: „Ich bin zerschlagen... ich bin todt... ich bin aufgeplatzt... mit mir ist es aus....“ Sodann verlor er die Besinnung, und was mit ihm weiter geschah, wußte er nicht.

Genug an dem, daß er sich Tags darauf bei vollkommenem Wohlbefinden in den Armen seiner süßen Nina erblickte, welche auch in diesem Augenblick zärtliche Thränen über den Unfall weinte, dem er gestern zur Beute geworden.... Wie zu erwarten stand, war mit der Gefahr auch seine Angst und sein Kleinmuth vorbei... seine Courage wuchs wieder riesengroß -- die Flammen seines Herzens loderten bis zum Dache des Hauses hinauf -- und begruben ihn und die schöne Nina, daß von den Beiden nichts zu sehen war....

Erst Nachmittag erhob sich der Sieger vom Schlachtfelde. Er ging nach dem andern Zimmer, wo seine Sachen lagen, machte Toilette -- und wollte diese damit beendigen, daß er sich mit Uhr, mit Ringen schmückte und nach seiner Brieftasche suchte.... Aber welches Entsetzen! -- als er bemerkte, daß nichts von alle dem zu finden war....

„Wo ist meine Uhr hingekommen?“ schrie er... „Wo sind meine Ringe hingekommen? -- Es befindet sich unter ihnen ein Solitär von Werth und die Uhr hat 800 Gulden gekostet...! -- Und wo, wo ist meine Brieftasche -- diese Brieftasche enthielt 1000 Gulden und noch andere Papiere von Werth!“

Auf sein Lärmen trat Nina herein: „Aber was ist Ihnen denn, mein Herr?“ sagte sie, die Hände zusammenschlagend. „Sie geberden sich ja wie toll?“

„Und das soll man nicht sein -- wenn man so bestohlen wird.... wie es mir bei Ihnen geschah.“

„Mein Herr -- Sie erlauben sich da, einen Schimpf auf mich zu werfen, den ich nicht dulde ... Ich werde sogleich meinen Freund, der zehn Schritte weit von hier auf derselben Etage wohnt, herbeirufen, damit er mich vor der Behandlung schütze, die Sie sich unterstehen, mir widerfahren zu lassen.“ -- Jetzt eilte die Holde fort und erschien wirklich gleich darauf mit einem großen schwarzen Kerl, der einen Räuberhauptmann in den Abruzzen hätte vorstellen können.

„Wie -- Sie unterstehen sich?“ begann der Kerl und rollte ein Paar Augen, die bei Gott -- wie kleine Granaten aussahen. „Sie wagen es, meine Freundin zu beschimpfen... von Diebstahl zu sprechen... von verlornen Uhren -- Ringen u. dergl....“ Mit diesen Worten trat er ihm dicht bis vor’s Gesicht hin, so daß der dicke Liebesheld erschrocken sich zurückzog, und mit bleichen Lippen stammelte: „Aber -- was wollen Sie -- mein Herr -- ich habe ja -- -- das Recht -- zu glauben -- --“

„Was?“ brüllte der Schwarze: „Sie haben gar kein Recht, Niederträchtigkeiten zu glauben... Entweder haben Sie nicht einmal eine Uhr, einen Ring oder eine Brieftasche besessen -- -- und das Ganze ist nur eine elende Ausflucht, um der Bezahlung zu entgehen, welche Sie für das gestrige Mahl zu leisten haben... Oder aber, angenommen, daß Sie jene Sachen wirklich bei sich gehabt haben, so müssen Sie dieselben gestern, während Sie mit den Damen Skandal machten -- sich umherhetzten und zuletzt wie ein Igel über die Treppe rollten... bei dieser Spazierfahrt müssen Sie Ihre Preciosen verloren haben. -- Begreifen Sie mich nun?! -- Verstehen Sie -- mein Freund, wie? -- Oder aber -- capiren Sie mich noch immer nicht?!“

Die letzten Worte brüllte der verdammte Schwarze mit einer Bärenstimme und begleitete sie mit solchen Wolfs-Geberden -- daß der alte Adonis zu zittern anfing, wie Einer, der das kalte Fieber hat, -- und ferner kein Wort hervorzubringen vermochte -- als: „Schon gut -- schon gut -- -- ich bin -- ja -- zufrieden....“

„Wenn dies der Fall ist,“ versetzte der Schwarze, ein wenig den Ton seiner Bärenstimme mäßigend: „so können Sie gehen -- -- aber,“ fuhr er fort und wieder brüllte er ganz entsetzlich: „wofern Sie von der ganzen Geschichte nur das Geringste verlauten lassen, oder es wagen -- damit vor Gericht zu erscheinen, dann nehmen Sie Ihren Kopf in Acht.... ich reiße Ihnen denselben herab, wie einen Kohl aus dem Garten...“

„Es soll nicht geschehen!“ bebte Althing und pries seinen Schöpfer, als er zur Thür hinaus war: „Das ist ja ganz unglaublich!“ sagte er zu sich auf der Straße: „Es wohnen ja da Menschenfresser unter uns! -- Wenig fehlte, so hätte der Kerl mir den Kopf abgebissen.... Gott sei meiner armen Seele gnädig!...“

Noch nie war er von einem Rendezvous trauriger heimgekehrt, als diesmal.

Siebentes Kapitel.

Der Zurückgezogene.

In einem alten abgelegenen Schlosse der Provinz, wohin seit einer langen Reihe von Jahren kein anderer Fuß gekommen war, als der der Landleute aus der Umgegend, welche kamen, dem Amtmanne (Verwalter) den Zehnten einzuliefern oder den gesetzlichen Arbeitsdienst auf dem Gute ihres Grundherrn zu verrichten -- in diesem einsamen düstern Schlosse, dessen Ursprung sich in die graue Feudalzeit verlor, war seit einigen Wochen ein regeres Leben eingezogen und mehrere Menschen gingen dort ab und zu, wo früher lange Zeit hindurch nur Fledermäuse und anderes Gethier umhergezogen waren. Dieses Schloß nun gehörte zu den Besitzungen des Grafen Alexander von A--x, war jedoch seiner Gemahlin sowie seinen Freunden aus verschiedenen Gründen unbekannt geblieben, worunter wir sogleich einen anführen wollen.

An dieses Schloß knüpften sich sonderbare Erinnerungen aus der Jugendzeit des Grafen, die er hier im Kreise ähnlich gesinnter Gesellen -- auf eine Lord Byron’s würdige Weise durchlebt hatte. Hier wurden einst jene wilden, wüsten Orgien um Mitternacht gefeiert -- hier Mädchen verführt und Gott gelästert -- hier in Wein, Würfeln und wüthender Leidenschaft ein Dienst Moloch’s begangen, von welchem der Aberglaube der Bauern noch jetzt, wie von einem übernatürlichen Treiben, woran der Teufel in eigener Person theilgenommen, sprach -- und welche Epoche diejenige in des Grafen Leben war, von der dunkle Sagen selbst in die Hauptstadt gedrungen waren.

Wir haben hiervon bereits am Eingange der gegenwärtigen Novelle gehandelt. --

Natürlich, daß Alexander vor der Gesellschaft und besonders vor seiner Gemahlin einen Ort geheim zu halten suchte, an welchen sich ein Abschnitt seines Lebens knüpfte, den er in gereifteren Jahren und namentlich unter seinen ersten Verhältnissen zu Cölestine alle Ursache hatte zu desavouiren. -- Man wußte wohl, daß er wild und unbändig gelebt hatte -- aber +wo+ dies stattgefunden, konnte Niemand sagen. -- Jetzt in der verhängnißvollsten Lage seines Lebens erndtete Alexander die Früchte seiner klugen Verschwiegenheit -- -- er konnte, da er sich von seinem Hause und von der Welt trennte, in ein Schloß einziehen, von dem Niemand Kunde hatte, und wo er gesichert war, wie ein Verstorbener.

Seit seiner Trennung von Cölestine lebte er hier. Wie uns bewußt ist, war seine Umgebung sehr klein und beschränkte sich auf den Sekretär und einige Diener, auf deren Treue und Verschwiegenheit er bauen konnte. Die Absicht, mit der er hierher gekommen, war, sich von allen Geschäften und vom Verkehr mit der Gesellschaft überhaupt zurückzuziehen und in Zukunft nur mehr als freiwilliger Verbannter, als Anachoret zu leben, zurückgezogen in seinen Stolz, in seinen Groll. -- In späteren Jahren wollte er nebenbei auch noch eine Reise, vielleicht eine sehr große vornehmen -- stets jedoch seine Einsamkeit behaupten. Er glaubte, die Welt hinlänglich kennen gelernt zu haben, und -- fand nur Verachtungswürdiges in ihrem Bereiche. Denn es hatte ihn nicht nur sein Weib betrogen -- seine Freunde, seine Bekannten, die, welche sich seine Getreuen, seine Brüder nannten -- sie Alle, aus früherer sowohl wie späterer Zeit, waren falsch, tückisch, heuchlerisch und feige gewesen, hatten ihm geschmeichelt, so lange es ihr Vortheil war, und flohen ihn, als er in’s Unglück kam. Diese Ansichten -- welche übrigens bei ihm schon seit langer Zeit existirten -- waren jedoch nicht ganz das Resultat des Lebens, wie er glaubte, sondern sie beruhten großentheils auf seinem krankhaften, trübsinnigen und düstern Charakter, den wir hinlänglich kennen. -- Mag dem indeß sein, wie ihm wolle, er war ein Unglücklicher, in der That ein solcher, und nicht blos ein affektirender... Er verdient beklagt und nicht verspottet zu werden.

Es wäre hier vielleicht der passende Ort, zwischen diesem Charakter und einigen ähnlichen, welche die neuere Poesie hervorgebracht hat, eine Parallele zu ziehen -- denn die moderne Romantik und Dramatik ist reich an düstern und stolzen Melancholikern -- wie die moderne Zeit, diese Zeit schwärmerischer, hochklingender Wünsche und schaler, trauriger Erfolge. Sollen wir hier die +Lara’s+, die +Corsaren+, die +Werther+, die +Meinau’s+, die +Arthur’s+, die +Wally’s+, die +Helden Georg Sand’s+ citiren? -- Doch nein, wir enthalten uns dessen, es würde doch eine undankbare Mühe sein, da man mit diesem Thema gegen eine nüchterne unbarmherzige Kritik stößt -- der es gefällt, dasjenige wegzuspotten, was doch vor ihren Augen in düsterer Wirklichkeit steht -- wollte sie sich nur die Mühe nehmen, die Augen aufzuthun. -- Aber schon weil man so gerne darüber spottet -- existirt es; denn am heftigsten hat sich die Satyre stets gegen das +Bestehende+ gerichtet. --

Die Lebensweise Alexanders auf dem alten Schlosse war einförmig und bitterlich traurig. Er bewohnte einige Zimmer, die ihm die Aussicht auf den Wald und See boten, von welchen zwei Seiten des Schlosses umgeben waren. Diese Zimmer standen noch so, wie sie einer seiner Vorfahren mütterlicher Seits vor mehr als 100 Jahren verlassen hatte. Da sich die Conservationssorgen des Verwalters vorzüglich diesem Theile des Hauses zuwandten, so war es ihm gelungen, hier Alles noch im reinsten Geschmacke der Zeit der +Theresia+ zu erhalten ... Diese Zeit aber, die Freundin eines eben so prunkenden als reellen Luxus, hatte hier in fünf oder sechs Gemächern einen Reichthum an Sachen und Verzierungen aufgehäuft, womit man heut zu Tage ein großes, weitläuftiges Haus vollständig versehen könnte. -- -- Die schweren Seiden- und Sammttapeten, welche die Wände verhüllten, waren allein so viel werth, wie das ganze Ameublement einer mäßigen Wohnung unserer Zeit... Diese prachtvollen Spiegel aus venetianischen Fabriken -- diese kunstreichen Uhren in kolossalen Gehäusen, wovon jedes ein Meisterwerk damaliger Kunst... diese Armstühle, schwer vergoldet und mit dicken Brokatstoffen, woran tausenderlei Blumen und Farben glänzten, überzogen... diese Tische aus einem Eichenholz, welches noch jetzt hart war wie Granit -- -- diese Schränke mit den in’s Fabelhafte gehenden Arabesken überladen -- -- diese Tischchen und Kästchen von eingelegter Arbeit... endlich diese großen Familien- und Schlachtengemälde aus einer Schule, die es mit den besten unserer Zeit aufnehmen konnte... und zum Schlusse noch alles das Uebrige, wovon eine hochadelige Wohnung damaliger Zeit erfüllt war und worunter sich Gegenstände befanden, deren Namen uns nicht einmal mehr geläufig sind... kurz in dieser Umgebung von 1700 und einigen Jahren lebte jetzt Alexander, ein moderner Mann, ein Zeitgenosse von uns.

Noch vor Tagesanbruch erhob er sich aus seinem feudalen Himmelbette, kleidete sich ohne Beihilfe eines Kammerdieners an und lehnte sich durch’s offene Fenster in die kalte Luft eines dunklen Wintermorgens hinaus.... Es machte ihm ein stolzes Vergnügen, die Natur vor sich in ihrer erhabenen Erstarrung -- den Himmel in seinem grauen, zerrissenen Königsmantel zu sehen.... Und wenn so kein einziges Sternlein blinkte -- der Mond sich dicht verhüllt hatte -- wenn der karge Wiederschein des Eises und Schnees das einzige Licht des Horizontes war -- daß solchergestalt dessen Dunkelheit erst recht sichtbar wurde... dann freute sich sein Herz, denn es fand jetzt Uebereinstimmung mit sich selbst, nach der ja ein jedes Herz verlangt -- mag dieser Einklang auch noch so traurig sein. Die Dienerschaft hatte den strengsten Auftrag, sich ihm nie anders, als gerufen zu nähern -- -- und oft verging ein halber Tag, ehe er nach dem Verwalter, Sekretär oder sonst Jemand verlangte. -- Häufig noch vor Sonnenaufgang ging der Graf in einen Mantel gehüllt hinaus in’s Freie und streifte bis in den abgelegensten Theil der Landschaft hinaus... Der Jäger traf ihn dann am Morgen mitten im Walde eine Meile vom Schlosse entfernt. Hier saß er auf einem hohen Felsenvorsprung -- -- und starrte hinaus in’s Leere, Gott weiß wohin.... der Jäger aber schlug ein Kreuz, denn dieser Felsen war aus der Vorzeit her sehr berüchtigt, was schon sein Name „der Heidenfelsen“ hinlänglich andeutet -- und überdies noch leiblich gefährlich, denn von ihm war es so schwer herab zu kommen, daß Niemand Lust hatte, +hinauf+ zu gehen....

Die übrigen Stunden des Vormittags brachte Alexander eingeschlossen in seiner Bibliothek zu, die hier sehr alt, aber eben deshalb ganz seinem Bedürfniß gemäß war. -- Besonders an diese Bibliothek knüpfte der gemeine Aberglaube -- seine Beweise an. -- Hier wie dort in der Stadt übten die großen Bücher und unerklärbaren Instrumente auf die guten Leute der Gesindstube und des Dorfes eine unheimliche Macht aus; denn die Macht der Bücher ist so gewaltig, daß derjenige, welcher sich sträubt, den Gott in ihnen anzuerkennen, wenigstens vor dem Teufel zittern muß, den sie enthalten sollen. --

Das Mittagsmahl verzehrte Alexander ebenfalls einsam in einem weitläuftigen Speisesaale, was einen sonderbaren, gespensterhaften Anblick bot und die Diener, welche die Speisen hereintrugen, zittern machte, so daß sie zwei oder drei Mal schon die Teller hatten fallen und den Wein auf die Tafeldecke fließen lassen.... Nur wenn der Sekretär oder der Verwalter ihren Herrn dringend zu sprechen hatten, durften sie ihn bei seiner einsamen Mahlzeit -- dafür aber auch zu keiner andern Stunde -- besuchen, und er wies ihnen dann sich gegenüber einen Platz an, jedoch ohne sie zum Essen aufzufordern.... was einiger Maßen der Mahlzeit mit dem steinernen Gaste ähnlich sah. --

Nach Tische machte er einen Ritt -- Niemand wußte wohin, denn noch Niemand hatte ihn hierbei begleitet. -- Oft kehrte er erst in später Nacht zurück, schweißtriefend oder durchnäßt vom Unwetter, das Pferd aber häufig so ermattet, daß er es lange nicht wieder brauchen konnte und der aufmerksamsten Pflege übergeben mußte.

Die schroffe Abgesondertheit, welche er im Schlosse gegenüber seinen Beamten und Dienern behauptete... änderte er auch nicht außerhalb desselben -- und er blieb seinen Unterthanen jetzt eben so fremd, wie er es ihnen seit jeher gewesen war. -- Nur in einer Hinsicht priesen sie sich, im Vergleich zu jenen früheren Zeiten, glücklich, und ihre diesfälligen Befürchtungen waren nicht eingetroffen. Früher verdarb er mit seinen Gesellen ihre Felder -- hetzte ihr Vieh -- und bei den Jagden sie selbst -- entführte ihre Mädchen -- und lästerte ihren Gott.... jetzt that er, wenn auch nicht unmittelbar, fast eben so viel Gutes an ihnen; so zwar, als hätte er den Willen gehabt, ihnen den alten Schaden zehnfach zu ersetzen, und Wunden, welche längst vernarbt waren, als frischgeschlagene zu heilen. -- In kurzer Zeit wurde der Name des „gnädigen Herrn Grafen“ eben so gesegnet, als er früher verflucht ward -- und während man damals wünschte, jener Teufel, mit dem er einen Bund geschlossen, möchte ihn recht bald holen -- betete man nunmehr für die Seele des armen Herrn, auf daß ihr Satan und seine höllische Macht fern bleibe. -- In Wahrheit, eines Tages begab sich eine Deputation aus den zwei nächsten Dörfern zum Pfarrer und ersuchte denselben ernstlich, kraft seiner priesterlichen Würde in dieser Sache das Seinige zu thun, was in nichts Geringerem bestehen sollte, als in der Austreibung Beelzebubs aus dem Leibe des „gnädigen Herrn.“ Der Pfarrer -- ein in dieser Hinsicht mit ihnen auf gleicher Geistesstufe stehender Mann -- nahm Alles wirklich so, wie es ihm geboten wurde, und versprach, nach Kräften für die Erlösung des Gutsherrn zu wirken; hierbei schien ihm der Exorzismus eben so wohl das einzige, wie das unzweifelhafteste Mittel, da dies Mittel sich obendrein erst vor Kurzem an einer Viehmagd bewährt hatte, die nächtlich stets von einem großen, dicken bösen Geiste geplagt wurde, der in ihren Stall kam und sie während des Schlafes (die Dirne hatte einen etwas kräftigen Schlaf,) so lange quälte und drückte, bis sie stets davon erwachte und ihn mit dem Besen davon trieb. -- Seit der Geistliche nun den Exorzismus mit ihr vorgenommen hatte -- war vom Teufel keine Spur mehr zu sehen. -- Zufällig nur erkrankte um dieselbe Zeit ein großer dicker Knecht in der Nachbarschaft, welcher Umstand jedoch weder von der Magd, noch vom Teufelsbanner, noch aber von den andern klugen Köpfen des Dorfes berücksichtigt wurde.

Der Pfarrer empfing die Deputation in seinem Hofe, als er eben aus dem Gänsestall, mit einer fetten Gans unter dem Arme, kam: „Also, Ihr meint, der gnädige Herr sei wirklich vom -- Gott sei bei uns besessen, liebe Kinder?“

„Ganz gewiß, Euer Hochwürden -- -- und vielleicht nicht blos von einem; es mögen da wohl ein Dutzend in ihm ihr arges Wesen treiben!“ antwortete der Führer dieser Deputation, ein alter Bauer, der schon drei Mal in Wien und einmal sogar in München gewesen war, deshalb auch für ein absonderliches Lumen galt. --

„Aber welche Beweise habt Ihr, meine lieben Pfarrkinder, daß dies mit dem gnädigen Herrn wirklich --?“ er sprach das Wort nicht aus, denn so eben hatte die Gans unter seinem Arme sich ein wenig allzunatürlich betragen und den Pfarrrock des guten Pfründners in Verlegenheit gebracht, -- -- sogleich beeilten sich die Mitglieder der Deputation, ihm ihre Dienste anzubieten, wischten und putzten mit Fingern und Rockärmeln, bis die Verlegenheit der schwarzen Toga gehoben war. --

Der Pfarrer, noch immer die Gans fest unterm Arme haltend -- dankte ihnen lächelnd und fuhr nun im Verhöre fort: „Ich fragte Euch, Ihr lieben Leute, nach den Beweisen, auf die Ihr Euere Behauptung von des Herrn Grafen Unglück stützt? Was habt Ihr Besonderes an ihm bemerkt?“

„Euer Hochwürden -- -- erstens ist der gnädige Herr ohne die gnädige Frau, auf die wir uns so gefreut haben und zu deren Empfang wir sogar eine Triumphpforte aus Pappe, mit Raketen und Puffern gespickt, beim Kaufmann bestellt haben, gekommen....“

Der Pfarrer dachte ein wenig nach, gab dann der Gans, welche sich zu bewegen anfing, einen Schlag auf den Kopf und versetzte ernst: „Das ist Etwas! -- -- Aber ferner?“

„Ferner,“ fuhr der Sprecher fort: „ferner ist der gnädige Herr den ganzen Tag über eingeschlossen -- redet mit keiner Menschenseele.... sondern blos --“

„Sondern blos -- -- meine Kinder?“

„Mit sich selbst!“

„So?!“ betonte der Parochus -- und gab seiner Gans abermals einen Schlag, denn sie wollte keine Ruhe annehmen, sie schien ein äußerst rebellisches Gemüth....: „Das ist,“ nahm er jetzt das Wort und machte dabei die allertiefsinnigste Miene: „das ist allerdings ein wichtiger Umstand, meine Freunde.... Er redet mit sich selbst -- -- das ist böser, als ich glaubte. Doch weiter -- weiter -- ich muß Alles wissen!“

„Der gnädige Herr Graf macht ferner oft um Mitternacht einsame Spaziergänge in den Wald -- und man sieht ihn in der Morgendämmerung auf dem +Heidenfelsen+ sitzen, wobei er wild die Augen rollt, wie zwei feurige Kugeln -- mit den Armen umherficht, als kämpfte er gegen Jemand in der Luft -- und dabei hört man in der Nähe ein gellendes Hohngelächter ..... selbst Feuerflammen blitzen auf und der ganze Ort hat dann einen Schwefelgeruch.“

„Gott steh’ uns bei!“ rief hier der fromme Priester und entsetzte sich so, daß er die Gans losließ, welche unter abscheulichem Geschrei auf die Erde fiel und mitten zwischen die Beine der Deputirten fuhr, daß diese, in der Meinung, es sei der Teufel selbst, von dem sie so eben sprachen -- in Aufruhr geriethen -- -- und sammt dem Pfarrer, der so wie sie dachte, in alle Winde auseinander stoben.

Die Illusion war in der That zu stark geworden.

Tags darauf kamen sie wieder zusammen und nun wurde ausgemacht, daß Se. Hochwürden im Ornate und mit den nöthigen Requisiten versehen -- auch von ihnen, den Deputirten, begleitet, dem Grafen auf einer seiner Wanderungen nachfolgen, an einem bösen Orte mit ihm zusammentreffen und ohne Rücksicht auf den unterthanlichen Respekt ihn umzingeln sollten -- der Geistliche aber sollte dann zu ihm in den Kreis treten, um das heilsame Werk in aller Form zu vollbringen. --

Zum größten Mißvergnügen der braven Leute machte ihr Gebieter seit einiger Zeit seine Ausflüge nur zu Pferde, und da konnten sie auf ihren Dorfmähren ihm nicht nachsetzen; überhaupt verstand der geistliche Herr auch besser in seinem Lehnstuhle, als auf einem Pferde zu sitzen -- und so mußte man denn auf ein neues Auskunftsmittel denken.

Man hatte bemerkt, daß der Graf in letzterer Zeit seine Touren weniger geheimnißvoll als sonst gemacht -- auch dabei stets eine und dieselbe Richtung eingeschlagen habe, woraus man scharfsinnig schloß: er muß ein +bestimmtes+ Ziel verfolgen. Voll von diesem fruchtbaren Gedanken -- unternahmen die Teufelsaustreiber Folgendes. Zuerst versahen sie sich mit Lebensmitteln auf mehrere Tage, denn sie waren fest überzeugt, der Graf begebe sich täglich mindestens 20-30 Meilen weit, was ihm bei seinem höllischen Mittel sehr leicht fiel. Nach diesem stellten sie sich auf die Lauer und beobachteten sein Abreiten vom Schlosse; sie folgten ihm nun auf seinem Wege ungesehen nach -- behielten ihn jedoch, so lange es ging, im Auge. Als sie ihn nicht mehr sahen -- -- hielten sie an, lagerten sich neben dem Wege im Gebüsch und warteten hier bis Morgen, wo er wieder vorbeikommen würde. Er erschien wirklich -- und nun nahmen sie die gestrige Operation von Neuem vor, sie begleiteten ihn wieder auf versteckten Wegen -- so lange, bis er wieder ihren Blicken entschwand ... dann blieben sie abermals stehen -- und wiederholten dies geduldig, bis sie mit ihm fast zugleich an dem verhängnißvollen Orte anlangten.

Es war dies ein kleiner Weiler, drei Stunden vom Schlosse entfernt. -- Die Deputation jedoch bildete sich wirklich ein, zum wenigsten zwei Tagereisen weit sich von ihren Dörfern zu befinden.