Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 6

Chapter 63,608 wordsPublic domain

In diesem Momente erhob sich um ihn ein lautes Gelächter und eine Dame, für welche unser Ritter bisher keine Aufmerksamkeit hatte -- da sich diese derselben geflissentlich zu entziehen wußte, trat vor, schlug ihren Schleier zurück (solche Damen tragen bisweilen auch im Winter Schleier) und rief:

„So also! dies ist die Treue, welche Sie mir angelobten! So halten Sie also Ihre Versprechungen -- Ihre Schwüre!... O es ist schändlich, Herr von Althing! -- es ist schändlich, ein Mädchen auf diese Weise -- vor ihren eigenen Augen zu hintergehen! -- Es ist entsetzlich... und nie wird Ihnen das der Himmel verzeihen!“

Der dicke Held glaubte unter die Erde zu versinken. Er sah -- +Nina+, seine +Nina+ in leibhafter Gestalt vor sich.

„Ich wollte,“ begann sie heftig: „Sie auf die Probe stellen! Und so hat man also bestanden? Glaubt man mit einem armen Mädchen blos sein Spiel treiben zu dürfen!... Zuerst macht man sie verrückt vor Liebe -- -- und dann und dann -- --“

Er hatte sich jetzt aus dem Schnee erhoben, aber seine Beinkleider waren durch und durch naß...: „O, mein Fräulein -- o, geliebte Nina!“ wandte er sich mit flehender Geberde und gesenktem Haupte an diese: „Verzeihung -- theures Wesen! Engel in Menschengestalt -- Verzeihung für diesen Fehltritt.... welcher, bei allen Göttern! der erste meines Lebens ist. O, verkennen Sie mich nicht.... beurtheile mich nicht falsch, mein süßes Täubchen -- meine Geliebte! Suche dem Dinge auf den Grund zu kommen -- und Du wirst finden, daß ich -- -- nur in einer Art von Geistesabwesenheit dieser Dame da eine Liebeserklärung machen konnte. -- Wahrhaftig -- mein Kopf -- mein Hirn -- mein ganzes Wesen ist so sehr mit Dir beschäftigt, daß ich durch vieles Denken an Dich, wie’s scheint, mein Denkvermögen geschwächt habe... daß ich verwirrt wurde... daß ich ein Thor wurde -- ein Narr -- ein dummer Teufel -- oder was Du sonst willst.... O! wie bereue ich das Alles! Könnt’ ich es ungeschehen machen -- mein halbes Leben wollte ich drum hingeben -- und bei meinen Jahren habe ich noch eine schöne Strecke Zeit vor mir! -- -- Oh! Oh! ich Unseliger! ich unerfahrner junger Thor!“

Die Gesellschaft konnte das Lachen nicht bezähmen -- man nahm die Taschentücher zu Hilfe, um die Gesichter dahinter zu verbergen. -- Althing, in seiner Consternation, nahm dieses jedoch anders: „O!“ schrie er mächtig auf: „Sie weinen -- meine Verehrtesten! Weint denn heute die ganze Welt? -- Es ist fürwahr ein trauriger Tag! -- Und auch Nina -- meine angebetete Nina weint... sie schluchzt -- ihre Brust -- ihre Schultern -- ihr ganzer Körper schluchzt -- -- und ihr schönes, liebes Gesicht wird mir durch das Tuch entzogen... Doch, ja, ich habe es verdient! Ich klage mich an! Ich verabscheue, ich verachte mich! -- -- O!“ schrie er abermals auf -- und fiel, trotz der durchnäßten Beinkleider (er trug jedoch unter ihnen dreifaches Flanell und noch überdies Watte), abermals in den Schnee: „O! mir kann niemals verziehen werden! das seh’ ich... Niemals, niemals! -- Ich werde nicht mehr geliebt, mein Glück und -- Alles ist dahin!“

Jetzt endlich reichte Nina ihm die Hand -- und sprach hinter dem Schnupftuche hervor: „Nun denn -- es sei Dir verziehen, Treuloser! Du verdienst es zwar nicht und ich sollte Dich ewig hassen -- Dich fliehen -- -- aber, mein Herz spricht so laut zu Deinen Gunsten... daß ich nicht umhin kann...“

„Ah!“ jauchzte Althing und fuhr mit einem lebhaften Satze in die Höhe: „Du Engel! Du Engel! -- Sie hat verziehen! Sie nimmt mich wieder zu sich auf.... Ach! ich wußte es wohl,“ murmelte er vor sich: „mir widersteht man nicht! -- -- ich bleibe allemal Sieger, Ueberwinder! -- -- Doch,“ sagte er zu der Gesellschaft -- -- „da Sie, meine Damen,“ -- es war nämlich noch eine Vierte da -- „Zeugen waren, sowohl von unserm Zwist als auch von unserer Versöhnung -- -- so werden Sie, wie ich hoffe, es mir nicht abschlagen, wenn ich Sie einlade, diesen Tag durch irgend ein frohes Fest zu verherrlichen. Ich denke, wir könnten uns, so wie wir da sind -- in die Wohnung meiner geliebten Nina verfügen, und dort zusammen im fröhlichen Vereine -- ein kleines Mahl mit Champagner einnehmen. Was sagen Sie dazu?“

„Angenommen, angenommen!“ erhob Nina ihre Stimme und wie ein Echo wiederholten die drei andern Huldinnen: „Angenommen! Angenommen!“ Man ging. --

Sechstes Kapitel.

Immer noch Promenade.

Noch war die Promenade der _beau monde_ nicht zu Ende. Im Gegentheil ostentirte sie jetzt, da das bürgerliche Element sich ausgeschieden hatte, um zu Tische zu gehen -- ihre interessantere, fashionablere Seite. -- Sie erhob sich aus einem mechanischen und materiellen Umhertreiben -- zur Conversation im Freien. Und jetzt sehen wir uns gezwungen, jene Gestalten und Charaktere, welche wir zu Anfang des vorigen Kapitels eingeführt haben, wieder herbeizurufen, da dieselben nunmehr die agirenden Hauptfiguren geworden sind...

Umgeben von einem Zirkel älterer und jüngerer Personen, worunter illustre Namen der Residenz -- schreitet Herr von Marsan langsam den Wall entlang, indem er in einer Auseinandersetzung begriffen scheint, an welcher seine ganze Suite, man möchte sagen, mit Andacht theilnimmt. -- Dieser Cavalier, den wir seit einiger Zeit aus dem Auge verloren haben, spielt jetzt in der höchsten Welt der Hauptstadt eine Rolle vom höchsten Range. Dies mächtige Emporkommen hat er nicht blos seinem Namen, seinem Reichthume und seinem Geiste oder seiner Schönheit zu danken -- sondern vornehmlich den mehrfältigen Affairen, in die er während der letzten Zeit sich als Hauptperson zu verflechten wußte -- und worunter die Angelegenheit zwischen dem Grafen A--x und Cölestine -- nur eine einzelne war; denn in Bezug auf diese sprach alle Welt ihm die Initiative zu, nannte ihn die veranlassende Ursache der Trennung -- und setzte hinzu: er sei noch immer der Geliebte Cölestinens, die nur um seinetwillen ihr Schicksal mit so großer Heiterkeit zu tragen wisse. -- Unter seinen andern Liaisons war eine zweite von eben solchen eklatanten Folgen gewesen -- nämlich sein Verhältniß zur Herzogin von S--; Marsan, von einem ihrer früheren Anbeter gefordert, schoß diesem eine Kugel so durch den Kopf, daß der letztere in hundert Stücke auseinander flog, gleich einem Apfel. -- --

Der Chevalier hatte in der That, und zwar nicht nur in Wien, sein Renommée als Schrecken der Männer, wie als Abgott der Frauen, mit einem Worte als Muster eines vornehmen Mannes, eines _grand seigneur_ von altem Schlage zu behaupten gewußt. -- Wenn ihm indessen sein stolzer, vornehmer und überlegener Charakter bei seinem Geschlechte viel verdarb, so wußte er zur gelegenen Zeit durch eine Menge von Talenten Manches wieder gut zu machen -- und hatte er z. B. heute einen Nebenbuhler bei der oder jener Frau besiegt, so versöhnte er ihn morgen dadurch, daß er einer andern Leidenschaft desselben schmeichelte: einen Reiter ließ er beim Wettrennen den Preis gewinnen -- an einen Spieler verlor er Geld -- einem Dritten ward er in dessen Carriere behilflich, so daß am Ende alle Mißtöne um ihn herum sich zur schönsten Harmonie auflösten: diese Harmonie sang sein Lob und es wiederhallte in der Welt....

Indeß würde man irren, wenn man glaubte, der Chevalier verstände nur auf diesem wenig erhabenen Felde Lorbeeren einzuerndten; -- das, was er im Salon einer großen Dame war, galt er auch im Kabinet eines großen Herrn, denn seine Hilfsquellen waren unerschöpflich, und sein Charakter im Sinne der großen Welt allseitig. Er wäre als Geschäftsmann, als Staatsmann vielleicht nicht minder groß geworden, wie er es jetzt als einfacher Weltmann war -- und obgleich er vorgezogen hatte, die letztere Stellung einzunehmen, so sah er doch recht gut ein, daß er dieselbe nicht werde behaupten können, ohne von Zeit zu Zeit den Arm in die andere Sphäre hinüberzustrecken oder gar einen Schritt auf das jenseitige Territorium zu thun. -- Daher sagte das Gerücht nicht zu viel, welches ihn in letzterer Zeit irgend einen diplomatischen Auftrag übernehmen und deshalb so fleißig in den Häusern fremder und hiesiger Minister aus- und eingehen ließ. Dieser Auftrag mußte außerordentlich mysteriöser Natur sein, denn so viel sich die Fama der guten Gesellschaft sich auch Mühe gab, ihn zu errathen, es wollte ihr durchaus nicht gelingen.

-- Ohne uns mit dem eigentlichen Inhalte der Conversation, welche im jetzigen Augenblicke zwischen Marsan und jener Gesellschaft, von der wir ihn begleitet sehen, stattfand, zu befassen, müssen wir dennoch bemerken, daß dieselbe auf doppeltem Gebiete umherstreifte, und ihn so recht in den Brennpunkt seiner gesammten Fähigkeiten -- an die Spitze der Bestrebungen seines ganzen Standes stellte. Er glänzte hier mit seinem Geiste erstens als Cavalier und zweitens als Mann von Geist und politischem Einfluß -- -- er beschäftigte den ganzen Kreis mit den mannigfachsten Dingen -- und während er diesem Herrn seine Ansicht über den Unterschied zwischen Patschuli und Moschus mittheilte -- ließ er gegen jenes Mitglied des diplomatischen Corps eine feine politische Anmerkung fallen, in einer Sprache, welche kein Anderer verstand....

„Zum Henker!“ flüsterten etliche junge Attaché’s am äußersten Flügel: „dieser Mensch kann Alles.... mich dünkt, er würde sogar auf einem Seile tanzen...“

„Er wird dies nicht nöthig haben, um sich früher oder später den Hals zu brechen!“ meinte Einer, der zu den Wenigen gehörte, die Marsan sich noch nicht verbunden hatte...

Die Sache war, daß der Chevalier den Grundsatz hatte, sich auch eine gewisse Anzahl +Feinde+ zu erhalten, da auch sie für einen Mann der großen Welt unentbehrlich sind. --

In einiger Entfernung von dem Chevalier bewegte sich eine andere Gesellschaft. Es befanden sich hier die Generalin E--z, Herr von Labers, die Gräfin Wollheim an der Seite des Fräuleins Eugenie von Bomben, dieser frommen Seele der abendländischen Christenheit.

Die Rede war von demjenigen, den man seit zwei Stunden beständig vor Augen hatte... von Herrn von Marsan. -- Man erörterte so eben den traurigen Fall in des Grafen von A--x Hause, und Herr von Labers hatte ihn eine von jenen Schickungen genannt, womit die Gottheit bisweilen gute Menschen heimsucht, um ihre Kraft zu erproben und zu stählen -- oder auch um sie nach dem Kampfe des Sieges um so froher werden zu lassen. -- Jedermann stimmte in diese schöne Ansicht ein... nur das Stiftsfräulein lächelte still vor sich hin, indem sie die Achseln zuckte, was ihr um so leichter fiel, als diese schon von Natur schief und „nervös“ waren.

„Die Oede und Melancholie in den Häusern des Generals Randow und seiner Tochter -- läßt sich durch das eifrigste Bestreben, das vorige Leben in sie herbeizuzaubern -- nicht unterdrücken.... Es zieht ein schlimmer Geist durch diese Hallen, trotz aller geweihten Kerzen, die darin brennen, und die einen Tag erlügen wollen,“ -- bemerkte die alte Wittwe des Feldmarschallieutenants; sie schloß mit den Worten: „Dieses Unglück hat sogar mich erschüttert -- diese Trauer hat sich sogar mir mitgetheilt.“

„Aber,“ sagte Gräfin Wollheim, „wie konnte man nur so grausam sein, und das Räthselhafte in dieser Begebenheit dadurch erklären, daß man Herrn von Marsan mit ihr in eine Verbindung brachte, welche Verbindung --“

Hierbei fiel Herr von Labers ein: „durch die Würde der jungen Gräfin hinlänglich widerlegt ist. -- Ach, wir leben in einer Zeit, die sich mit Gewissen und Ehre bereits so weit abgefunden hat, daß man beide nur mehr dem Namen nach gebraucht.... Man könnte unsere Epoche, ähnlich wie man frühere die des +Glaubens+ -- des +Schwertes+ -- der +Barbarei+ -- der +Philosophie+ -- der +Umwälzungen+ -- nannte: eine Epoche der +Lüge+ oder des +Wahnsinns+ nennen.“

„Man geht so weit, zu behaupten,“ nahm Gräfin Wollheim wieder das Wort: -- „Graf Alexander habe gegründeten Verdacht -- Beweise sogar, daß Cölestine --“

„Entsetzlich! Und so Etwas behauptet man wirklich?“ rief die Generalin E--z.

„-- -- Und mit Recht!“ flüsterte das Stiftsfräulein der Gräfin zu: „Mit Recht!“ Die edle Menschenfreundin konnte die Vertheidigung der Tugend nicht länger mehr anhören....

„Was hat man nicht Alles bereits in der Welt behauptet!“ sagte Labers lächelnd: „dergleichen Gerüchte schaden jedoch nicht mehr... Der, welcher sie spricht, so wie der, welcher sie hört, glauben Beide nicht mehr an sie.“

„Der Graf soll für Cölestine ein Schreiben hinterlassen haben.... worin er Punkt für Punkt seine Anklage vorbringt... da soll es unter Anderem auch heißen: er habe mit eigenen Augen die Zeichen bemerkt, welche Cölestine mit dem Chevalier auf irgend einem Balle gewechselt...“

„Die Zeichen waren +handgreiflich+,“ flüsterte die Stiftsdame....

„Ferner,“ fuhr die Gräfin fort: „gleich nach diesem Balle habe Cölestine mit dem Chevalier eine geheime Zusammenkunft gehabt...“

„In ihrem eigenen Boudoir -- oder vielmehr Schlafzimmer, und zur Nachtzeit, da Alles schlief... sie war drei volle Stunden mit ihm eingeschlossen; -- ihr Mann hat sie auf dem Verbrechen ertappt -- ihr Wesen -- ihre Kleidung befand sich in einem Zustande...“

„Still doch!“ bedeutete die Gräfin der zischelnden Schlange. „Auch,“ wandte sich die alte Dame zur Gesellschaft: „von einem Billetdoux spricht man, worin die junge Frau Herrn von Marsan ein zweites _tête à tête_ bewilligt haben soll.“

„Und dieses Billetdoux,“ raunte Fräulein Eugenie trunken vor Freude ihrer Begleiterin zu -- „fiel dem Grafen in die Hände -- -- er hatte jetzt ein Selbstbekenntniß -- eine Selbstanklage der Verbrecherin. -- Ja, einer Verbrecherin!“ fuhr die Philanthropin wild fort: „wie die Erde noch keine abscheulichere getragen hat -- wie selbst Babel sie ausspeien würde -- -- während der saubere Frauenverein sie in ihren Schooß aufnehmen und mit dem Mantel seiner Tugendlichkeit bedecken will -- welche Tugendlichkeit durch diesen Fall allein schon ihre Erklärung findet, hehe! -- O! Wie bin ich gerächt! Wie hat der Himmel selbst sich zu meinem Partisan erhoben! -- Bei allen Kneifzangen Nero’s! bei dem Skalpirmesser der Indianer! -- ich bin mit der Gerechtigkeit des ewigen Schicksals ausgesöhnt. -- Ich murre nicht ferner... ich neige mich in Demuth und werde im Stillen fort arbeiten am allgemeinen Werke der Liebe. Erst vor Kurzem habe ich wieder ein neues Surrogat für die +Armenspeise+ erfunden; es besteht in einem Mehl, welches man aus gestoßenen Tannenzapfen gewinnt, und welches Mehl die Eigenschaft hat, daß es die Speiseröhre anschwellt; wenn Einem aber die Speiseröhre geschwollen ist, kann man nicht viel essen, man lebt daher äußerst billig....“

„Zu den schmählichen Verläumdungen, von denen wir so eben gesprochen,“ sagte Labers -- „gehört auch die, welche einen neuen Beweis gegen die arme Gräfin A--x in dem Umstande sieht, daß der Chevalier von Marsan seit der Abwesenheit ihres Gemahls ihr Haus nicht mehr besucht. Diese so natürliche Thatsache -- diese Delikatesse von Seiten Marsans legt man demselben als eine abscheuliche Absichtlichkeit aus, als wollte er den Gerüchten keine neue Nahrung geben.“

„Es ist wahr,“ murmelte die Stiftsdame: „daß er sie am Tage nicht besucht, das wäre auch sehr albern.... sie kommen zur Nachtzeit zusammen, halten ihre Bacchanalien unter dem Schleier der Mitternacht -- und das scheint mir weit vernünftiger.... hehe! --“

In diesem Augenblick stieß man durch ein Ungefähr, welches Marsan und seine Gesellschaft zwang, stillzustehen, mit der letzteren zusammen und machte den ferneren Weg an ihrer Seite, wobei sich nun nichts mehr zutrug, was irgend verdiente, hier aufgezeichnet zu werden. --

* * *

Wie wir wissen, hatte Althing jenen vier Damen, mit welchen wir ihn in einer „hohlen Gasse“ getroffen haben, zu einer Mahlzeit eingeladen, die bei der Gebieterin seines Herzens (Keiner glaubte er noch so tief in’s Herz gewachsen zu sein!) statt finden sollte. Ferner wissen wir, daß er sich mit ihnen sofort auf den Weg begeben habe. -- O, es war ein hitziger Kerl, dieser Althing! Er hatte Temperament und Feuer für Zehn! -- -- Nach mannigfachen Krümmungen durch enge Gäßchen und Durchgänge gelangte man endlich auf’s Salzgries -- denn hier wohnte die Dulcinea des Ritters. Als echte Dulcinea wohnte sie dem Himmel näher als der Erde; -- -- Althings Geliebten hatten überhaupt alle diese Eigenthümlichkeit. -- Sie wohnten sämmtlich nicht unter sechs Treppen. -- Aber wem, der je ein glühendes Jünglingsherz im Busen trug -- sind sechs Treppen mehr als eine Kleinigkeit gewesen -- über welche er hinwegeilte, während man kaum zwei Schnippchen schlug? -- Daher kommt es auch, daß unser Mann seit den drei Tagen, da er seine holde Nina die +Seine+ nannte -- mindestens schon vierzig Mal diese allerliebsten sechs Treppen auf und ab gelaufen war. --

Er bewies dies auch jetzt. Ehe man sich’s versah, war er oben -- -- die vier Schönen keuchten ihm mühsam nach, hatten es ihm jedoch nur bis zum zweiten Treppenabsatze nachthun können. --

Fräulein +Nina’s+ Wohnung bestand in zwei Zimmern und einer Art Küche, die zugleich als Vorzimmer diente. Wir sagen zwei Zimmer -- weil wir uns gerne nach dem Sprachgebrauche der Personen richten, mit welchen wir zu thun haben, und Fräulein Nina sprach stets von ihren „zwei Zimmern.“ Wer aber war dieses Fräulein? Hierher paßt dasjenige, was ein trefflicher französischer Novellist der neuesten Zeit, +Charles de Bernard+ in einem seiner Werke[C] über jene Gattung Menschen in Paris sagt, die man dort die +problematischen Existenzen+ nennt.

„Diese Parias,“ sagt unser Schriftsteller -- „von denen man nicht weiß, woher sie kommen, noch wohin sie gehen, ohne eine Familie, die sie anerkennt, ohne einen Stand, den sie zu gestehen wagen, frei von allen Pflichten -- besitzen nur so viel Erde, als die Blumenvasen ihrer Salons enthalten, und leben wie Paschas. Wie wunderbar und doch so gewöhnlich! Aehnlich den Lilien, von denen die Bibel spricht, arbeiten sie nicht und spinnen auch nicht, und dennoch bietet manchmal ihr Luxus den Herrlichkeiten der Prinzen Trotz..... Verfolgt sie bis zu ihrem Ursprunge, diese Bäche mit unverschämtem Rauschen, mit den golden schimmernden Wellen, wie der Pactol, ihr werdet unfehlbar an eine unreine Quelle kommen... u. s. w.“

Ohne die Dame, von der wir sprechen, in die höchste Klasse dieser Existenzen zu rangiren, ohne sie zu den weiblichen Industrierittern _par excellence_ zählen zu wollen, müssen wir von ihr doch sagen, daß es ihr an nichts fehlte -- um stets vor der Welt in einer reizenden Hülle erscheinen und Dummköpfe verdrehen zu können... Ihre Begleiterinnen und die Alte, welche sich als ihre Mutter gerirte, (man kennt diesen Posten!) waren natürlich ihres Gleichen.

„Meine Freunde und Freundinnen, machen Sie sich es bei mir so bequem als möglich...!“ fing Fräulein Nina an die Frau vom Hause zu spielen -- nachdem Alles eingetreten war und Platz genommen hatte -- -- „und um Ihnen mit gutem Beispiele vorauszugehen, will ich selbst den Anfang machen....“ Sie trat in ihr +zweites Zimmer+, blieb daselbst einige Minuten lang, und erschien sodann -- vollständig metamorphosirt bei der Gesellschaft.... so daß Althing nicht umhin konnte, einen Ruf der Ueberraschung auszustoßen....

Seine Dame hatte ihr Costume so weit abgeworfen, daß das jetzige sehr stark an jenes von Adam und Eva erinnerte: sie trug über ihren ursprünglichen Reizen weiter nichts, als einen Unterrock und eine Art Camisol aus Mousselin, welches im Winde flatterte, offen wie eine Flagge. -- Sogleich eilten auch die andern Damenschaften in das Kabinet und erschienen nach einer gleichen Zeit in einem überraschend ähnlichen Anzuge.... Dieses Intervall, so klein es war, hatte der verliebte Ritter gewandt zu benutzen gewußt; er hatte seine Dame zu sich auf den Schoß gezogen -- ihr einige Dutzend Schwüre ertheilt und abgenommen -- auch etwelche Küsse und andere Zärtlichkeiten.

„Aber wer wird nach dem Gasthause gehen, um das Nöthige herbeizuschaffen?“ frugen die Damen, kaum daß sie zurückkehrten....

„Die Sache ist sehr einfach,“ erwiderte +Nina+...: „meine Mutter wird so gut sein und den Aufwärter aus der +Stadt Neapel+ herbescheiden -- -- den hübschen Joseph.... bei dem mein Freund +Achilles+.... so heißt Du doch, nicht wahr...?“

„+Achilles+ -- ganz recht, meine Geliebte!“ versetzte Althing und klirrte mit seinen Sporren....

„Nun, bei ihm kannst Du sodann Alles bestellen, was wir brauchen... Habe ich nicht Recht, theurer Achilles?“

„Vollkommen, vollkommen!“ lächelte der Dicke -- der sich mit diesem Namen, den er so eben erst angenommen hatte, sehr zu gefallen schien...

Ohne Säumen begab sich die ehrwürdige Mutter des Fräuleins, so wie sie da stand -- nach dem Gasthause zur „Stadt Neapel“... Sie mochte ähnliche Wege schon oft in solchem Costume gemacht haben....

Während ihrer Abwesenheit unterhielt man sich über Verschiedenes... was aber nicht ganz nach Althings Geschmacke war, denn er wollte sich blos mit Einem beschäftigen. Er hielt seine Angebetete noch immer auf dem Schoße und schwitzte dicke Tropfen unter der Anstrengung, die es ihm verursachte, nebenbei noch gegen die Uebrigen den Liebenswürdigen zu spielen... Indeß war er darüber nicht böse, denn er zeigte sich gerne gewandt in den Künsten der Galanterie, welche ja sämmtlich in sein Fach einschlugen.

Der schöne Joseph und die alte Vettel erschienen bald im Zimmer. Der erstere brachte mit der Karte jene ungeheure Aufmerksamkeit der Wiener Kellner mit, woran sich die des übrigen Deutschland ein Beispiel nehmen sollten. Nebenbei lachte der schöne Joseph zu Zeiten auf so eigenthümliche Weise -- hiervon sah jedoch Althing nichts, welcher sich in die grundlosen aber auch goldhaltigen Schachten der Speisekarte vergraben hatte. -- Nina aber schien diesen Blick Josephs ganz gut bemerkt zu haben und sie gab dem schönen Joseph einen bedeutsamen Wink.

In kurzer Zeit bog sich der Tisch unter einer zahlreichen Menge von Speisen und Getränken ... das Mahl begann und ward demselben, wie sich vermuthen ließ, von sämmtlichen Gästen eine gebührende Ehre angethan. Diese Damen aßen auf eine Weise -- als hätten sie entweder noch niemals gegessen oder als sollten sie in Zukunft nimmer essen -- und wenn man sagt, daß die Liebe den Appetit benimmt, so hatte dies Sprichwort bei Fräulein Nina total Unrecht, denn diese aß und trank allein eben so viel, wie die Andern zusammen genommen. -- Bald wurden Toaste ausgebracht und von diesem Zeitpunkte an bekam Mahl wie Gesellschaft eine neue, nämlich die eigentliche Gestalt... d. h. alle Schranken fielen, welche die thörichte Sitte erschaffen hatte -- wenn auch nicht zum Besten dieses Hauses. -- Man fing an zu schreien, zu singen -- und Althing wurde so leidenschaftlich, daß Nina, die er noch immer umherzerrte, ausrief:

„Aber haben Sie denn den -- Koller!“

„Nein, meine Geliebte -- sondern ich bin sterblich in Sie verliebt, ich könnte in dieser Stunde es mit einer Million Teufel aufnehmen, wenn die Sie mir entreißen wollten...“

„O, das ist nicht nöthig! Ich würde mich freiwillig für Dich entscheiden -- mein holder Achill -- und wären es selbst eine Million Engel. Du weißt, wie ich Dich liebe!“

„Wirklich? -- Und dies scheint nicht blos Redensart? -- Ach Du machst mich zum glücklichsten der Menschen.... Wie schade, daß wir hier vor Zeugen sind! Ach, wären wir allein!“

„Ja, wären wir allein!“

„O -- das sollte eine Wonne sein!“ schmachtete der alte Narr und verdrehte die Augen, wie ein andächtiger Derwisch...

„Ja -- es sollte eine Seligkeit sein!“ wiederholte sie und verdrehte nicht minder die Augen ... jedoch nur, um ihren Freundinnen ein Zeichen zu geben, was diese verstanden und mit einem Kopfnicken beantworteten.

„O, ich bete Dich an!“ seufzte Nina, gleichsam zerfließend in Liebeseligkeit....

„Und erst ich Dich!“ ächzte Althing, dessen Leidenschaft sein Mieder in der Weste und seinen Gurt um den Bauch sprengen zu wollen schien.

„Ach -- ach -- -- diese abscheulichen Menschen da! Wie sie uns anglotzen!“ flüsterte sie ihm in’s Ohr...