Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)
Part 5
Sehen Sie jene stattliche, große Dame dort: eine Junogestalt! und ihr Arm in dem eines kleinen, dünnen, feinen Mannes mit einem noch feineren Lächeln und einem allerfeinsten Augenkneifen. -- -- Kennen Sie dieses Paar? Es ist eines der bedeutendsten und angesehensten der Residenz. -- Sie werden den Namen des kleinen feinen Mannes mit sehr -- großen Buchstaben im +Staats+-Schematismus gedruckt finden. -- -- Dort weiter vorn drei weibliche Gestalten und zwei Herrn, ein älterer mit grauen und wie’s scheint gepuderten Haaren -- auf der andern Seite ein schlanker, blühender, kräftig schöner Jüngling. Er ist der Bruder der zwei jungen Damen, neben welchen er geht und der Sohn jener dritten so wie des alten Herrn mit den weißen Haaren.... O der Letztere ist auch ein sehr großer, großer, vielbedeutender Mann, ein berühmter Mann sogar -- und bei dem Allen ein so guter freundlicher, herablassender Mann. --
Hat man einmal bei ihm Etwas zu thun gehabt, wird man nie die edle Güte vergessen, mit der er uns behandelte.
Auch jene zahlreiche und etwas prunkende Gesellschaft weiter hinten führt einen hochklingenden Familiennamen -- aber dies ist auch Alles, was man von ihr sagen kann. Es ist immerhin schön, einen edlen Namen zu besitzen -- schöner aber ist es, ihn mit neuen Ehren zu umgeben. Die üppige Pracht, welche hier von den Töchtern des Hauses entfaltet wird, will noch nichts sagen gegen jenen feenhaften Glanz, womit sie bei festlichen Anlässen im Salon die Blicke ihrer Gäste blenden. -- --
Bemerken Sie die dicke, schwerfällige Frau dort in dem ponceaurothen Sammtpelze.... und die goldene wurstförmige Kette, die, fast eben so dick wie sie selbst, um ihren Hals baumelt? -- Das zeigt sich sogleich, wie es ist. Es ist aber ordinär; es ist plebejisch -- es ist banquiermäßig. Diese Familie ist reich! Hier haben Sie Alles, was man von ihr sagen kann; und dies ist viel weniger, als was ich Ihnen vorhin berichtet habe.
Ha, wie er mit seinem Geld in der Tasche klappert! Der Herr Bankier hat sogar in seinen Winter-Oberrock Geld gesteckt. Sein Geld ist die unsichtbare Leibgarde, mit der er sich stets umgibt -- und ohne welche er sich niemals für sicher hält. --
Dies ist auch eines von den vielen Unglücken des Glückes, d. h. Geldes. --
Und jener hübsche ernste Mann im schwarzen Kleide mit der eleganten, stillen Würde im ganzen Wesen -- und mit dem unaussprechlich geistreichen Zug im Angesichte, der an die Züge jenes größten Mannes unserer Zeit und unseres Landes erinnert, dessen Namen ich nicht auszusprechen wage....
Ach, dort erblicken wir +ihn+!! Schnell -- damit uns sein Erscheinen nicht verschwindet, denn nur selten ist uns sein Anblick gegönnt. -- O, wie muß das Herz jedes Oesterreichers schlagen, wenn er bedenkt, daß dieser Mann ihm und seinem Volke angehört. Eine Göttergestalt! -- Ihr olympischer Blick und Ihr ambrosisches Lächeln hat die Zeit vollständiger bezwungen, als das Schwert jenes großen Eroberers, dessen +gewaltigster Feind er+ war. O Fürst, vergönne dem treuesten Deiner Verehrer -- Dir seine Huldigung darzubringen!
Ja, hier hat die Macht des Genies sich manifestirt. Lauter als alle Dichterworte verkündeten es die seinen, daß der Geist der Herrscher der Welt ist -- -- und Ihr bornirten Priester des Geistes redet noch vom Zwange desselben. Wie kann derjenige die Geister fesseln, der selbst der reinste und größte unter ihnen ist? Freilich, der Geistesunflath ist ihm zuwider -- wie für die reinen Cherubim jene sündigen Geister ein Gräuel waren, die von ihnen in den Abgrund gestoßen wurden.
-- Immer tauchen neue Gestalten um uns auf. Dies nimmt kein Ende. Stets neue Schönheit und neue Pracht. -- Ach, zu dieser Promenade braucht man tausend Augen und ein tausendfältiges Entzücken.
Aber damit wir auch die Aversseite nicht vergessen, wird es nöthig sein, zu ihr sofort überzugehen. Hier begegnen wir sogleich lauter bekannten Gestalten, und da durch dieselben einzeln uns das Ganze skizzirt wird, dessen Theil sie sind -- so werden wir bei ihnen auch stehen bleiben und unsere Beobachtungen nicht weiter ausdehnen. -- Zuerst erblicken wir unsern guten +alten+ Freund (oder, weil er dies übel nehmen könnte, unsern guten Freund in +seinen besten Jahren+) -- den Herrn von Althing, ersten Verführer der Residenz und Despoten aller Frauenherzen; -- da wir bereits seit langer Zeit von ihm getrennt waren, dürfte uns dies Wiedersehen vielleicht nicht unangenehm sein. -- O, er ist auch noch immer der Vorige! Keine Linie fehlt an diesem ausdrucksvollen, herrlichen, reizenden, gefährlichen Männerbilde! -- da der lächelnde Blick -- das feurig strahlende Siegerauge -- die hochgeröthete Wange -- der stolze Schnurbart -- der Hut kühn und ein wenig auf die Seite des +kunstreichen+ Haarbaues gerückt.... Diese so edeln und herkulischen Gliedmaßen, diesmal in einen eleganten und stattlichen Oberrock gehüllt.... ein Kaschmir um den Hals geworfen.... und durch ein Knopfloch blüht eine rothe Blume so täuschend hervor, daß es wie ein Ordensband aussieht.... ferner ein Lorgnon in der Hand (obwohl unser Mann, wie er selbst sagt -- +wie ein Falke+ sieht) -- -- die Sporen, die sind nicht vergessen.... und auch die Reitgerte nicht, daß es aussehen soll, als habe er so eben einen Ritt gemacht... was, seiner Behauptung nach, immer vortheilhaft für einen Mann ist. -- Ihn begleitet ein alter Herr, dessen Gesicht mit mehr Recht ewige Jugend verkündete, als das Althings -- wiewohl in diesem Augenblick eine sonderbare Melancholie, die im Grunde zu dem Gesichte des Mannes nicht paßte, mit der Fröhlichkeit in seinem Wesen abwechselte. Es ist der Graf von +Wollheim+, unser biederer Jäger oder eigentlich wackerer Trinker. Er hatte sich, seit sein Schüler, Freund und guter Genius, den er auch sein „Jüngelchen“ nannte, für ihn gewissermaßen auf immer verloren war, an Denjenigen gehängt, der außer ihm der einzige Freund des Entflohenen schien... und welcher, wenn er auch diesen nicht ersetzte, den Nimrod doch an ihn erinnerte.... und so eine Art unvollkommener Illusion für die Wirklichkeit bot.
Lustig war zu gewissen Augenblicken der Anblick dieser Beiden -- er bot dann einen Contrast, wie man ihn im Leben nicht besser findet....
„Ist das Wetter heute nicht köstlich, mein lieber Graf und Freund?“ denn Althing, der dies sprach, war aller Menschen, die er kannte, „+Freund+“. „Ist dieser Decembertag nicht schöner als der beste August, ich meine nämlich, wo die Hitze so groß ist -- daß man es auf der Straße nicht aushalten kann -- und nichts zu sehen bekommt von der Welt -- außer etwa ein miserables Quadrat von einigen Klaftern -- durch sein Zimmerfenster...?“
„Ja, gewiß -- +lieber Althing+,“ -- der Jäger hatte in Bezug auf das Obige denselben Charakter... „ja, Sie haben ganz Recht.... Uebrigens ist es im December auch zu Hause angenehm -- man erhitzt sich nicht so leicht, mag man im Zimmer oder im -- -- Kell....“ Er sprach das Wort nicht aus... sondern glaubte sehr geistreich einzulenken, indem er hinzusetzte...: „Man kann in dieser Saison auch mehr +vertragen+, hahahaha! hahahaha!“ -- --
„Was meinen Sie damit, bester Graf.... +mehr vertragen+?“
„-- Nun -- ich sage: mehr Wei... +Wei+...“ der +Wein+ wollte nicht so leicht von seiner Zunge gehen -- „Weibesblicke -- Liebesblicke -- zarte Winke mit schönen Augen und Fingern.... hehe!“ Er war überzeugt, seine Sachen ungeheuer klug gemacht zu haben....
„Ha!“ rief mit einem Male der Andere, der so eben wieder mit dem Sporren hängen blieb, aber glücklicher Weise nicht in seinen Beinkleidern -- -- „haben Sie das dort nicht bemerkt ... bester Graf? Wie?“
„Das dort? -- Jenes Gasthausschild da drüben über dem Kanale? Es gehört dem Hôtel „Zum goldnen Lamm“ -- woselbst man kolossale Rheinweine bekommt, mein Lieber...“
„Ach, welches Mißverständniß!... Rheinwein! -- Wer spricht davon? -- Welche abscheuliche Verwechslung einer ordinären Sache mit dem extraordinärsten -- göttlichsten Dinge von der Welt. -- Da... sehen Sie denn noch nicht.... die himmelblaue Pelerine dort! -- -- O, mein Freund! Welch’ ein Blick war das, welchen ich so eben erhaschte....“
„Pah!“ -- versetzte der Jäger, dem wir diese Benennung jetzt nur noch aus Pietät geben, denn seit so und so langer Zeit hatte er seinem frühern Geschäft fast gänzlich entsagt und seine ganze Aufmerksamkeit nur demjenigen, bei welchem wir ihn in dieser Geschichte so zahlreich begegnet sind, zugewendet... „Pah!“ sagte er, seine heitere Miene wurde traurig -- sein Blick suchte die Erde, der ganze Mensch war wie verwechselt.... „Pah!“ wiederholte er nochmals: „was liegt mir an diesen Blicken -- Thorheiten -- Spielereien...“
„Das nennen Sie Thorheit! Spielerei! unglücklicher Mann, dem nie die süßeste der Göttinnen gelächelt -- sonst müßten Sie mit mehr Ehrfurcht von ihrem Dienste sprechen.... Aber wie, mein Freund, wollen denn Ihre Beine nicht mehr vorwärts gehen! Ich muß Sie ja fortziehen...“
Wollheim stieß einen Seufzer aus, so tief, als komme er aus jener Tiefe, in welcher Fässer liegen....
„Vorwärts, vorwärts, mein Guter! Sie verderben mir sonst gänzlich mein Glück -- das so eben im vollen Anzuge ist! Ach, ach! schon wieder ein Blick! Sie hat sich jetzt mindestens zum siebenten Male nach mir umgesehen -- -- und wie hat sie sich umgesehen!... Alle Donner! Die versteht es -- so jung das Püppchen auch noch ist. Doch heut zu Tage sind wir in diesen Dingen enorm vorgerückt.... Unsere Töchterchen und Fräuleinchen von 15 bis 16 Jahren -- das sind gerade die routinirtesten.... Kein Wunder! Sie haben an der Seite Mama’s eine gute Schule....“
Die ganze Antwort Wollheims war wieder blos ein schauderhafter Seufzer, und sein Gang wurde nachgerade so schwer und lästig, daß Althing Mühe hatte, mit ihm fortzukommen... „Zum Guckuk... Herr Graf! was soll das heißen? -- Sie ruiniren mich förmlich! -- -- Sie werfen mir Felsenblöcke in den Weg -- -- Ach! Ach! -- Schon wieder! -- Nun, diesmal mußte es ein Blinder bemerkt haben! -- Diese liebe Kleine mit ihrer himmelblauen Pelerine -- bringt mich ganz in Aufruhr! Das Blut siedet in meinen Adern... wie es uns jungen Leuten schon bisweilen geht... denn in unseren Jahren steckt noch ein ganzer Vesuv und zwei Hekla in unserer Brust... _A propos_, was meine Brust betrifft, wie finden Sie ihre Wölbung und Breite, liebster Graf? Bei Gott! kein Flöckchen Watte im Rock... kein Flöckchen! Nun, was sagen Sie?“ Der Dicke spreitete hierbei seine Brust ungeheuer aus und klopfte auf dieselbe: „Ja! das ist so fest wie Stahl! Nicht wahr? Reden Sie doch!“
Nimrod ließ statt dessen den Kopf auf die Brust fallen -- blieb stehen und langte sein Taschentuch heraus, mit welchem er, unter Ausstoßung sonderbarer Laute, die eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Schluchzen hatten -- über sein Gesicht fuhr und sich die Augen wischte... Er sahe so fast aus -- wie der König Gambrinus, als er eines Morgens erfuhr, daß der Hagel seine Hopfengärten zusammengeschlagen habe....
Wirklich schluchzte der tapfere Jäger Wollheim in diesem Augenblicke. --
Aber der Liebesheld gerieth darüber in einen unmenschlichen Affekt. Was Geier -- es war auch keine Kleinigkeit -- in diesem Augenblick, wo er auf einer neuen Siegesbahn so rasch wie Amors Pfeil selbst forteilte, mit einem _espèce_ von altem Narren stehen zu bleiben und dessen sentimentalen Firlefanz mit anzusehen. --
„Wollen Sie mich denn dem Wahnsinn in die Arme werfen?“ rief er, vergessend, wo sie sich befanden -- und rüttelte ihn am Arme, daß der Alte das Gleichgewicht verlor und umzufallen drohte -- jedoch noch zeitig genug von Althings Armen aufgefangen wurde: „Ach, Sie sind ein Satan -- in Freundesgestalt! Sie peinigen mich -- Sie bringen mich um den sichern Himmel!“ schrie dieser.
„Ich bin -- sehr unglücklich....“ stammelte der Jäger.
„Aber -- ich nicht minder!“ tobte empört Althing.
„-- O -- ich habe einen Freund an ihm verloren...“
„-- Ich werde bald meinen ganzen Verstand verlieren... oder Sie hier stehen lassen, Herr Graf!“
„Meinetwegen, wie es Ihnen gefällt, Althing. Mich kann jetzt kein Unglück mehr treffen...“
„Aber zum Teufel! so kommen Sie doch! -- Die Pelerine entfernt sich immer mehr.... sie ist ganz wild über mein Zurückbleiben.... Vorwärts! Sie können die Begleiterin der Pelerine auf’s Korn nehmen....“
„Hol’ sie beide der schwarze Jäger!“ brach mit einem Male Nimrod wüthend und in seiner ursprünglichen Derbheit aus: „Was gehen mich diese dummen -- Schürzen da an! -- -- In meiner Brust ist ein so großer Riß, daß alle Schürzen und Pelerinen der Erde ihn nicht auszufüllen vermögen... Ach! nach Prag, sagt man, sei er gegangen.... Ich fürchte, ich fürchte -- er ist in dem verfl-- Duell geblieben und in eine Welt gegangen -- wo es weder Mosler noch Gumpeldskirchner gibt -- -- Uh!“
Althing tanzte fast vor Wuth und Ungeduld -- er drehte seinen Schnurbart (seit der letzten +heißen+ Affaire hatte er sich wieder einen wachsen lassen -- und zwar einen, dessen Gleichen man suchen mußte!), daß dieser Schnurbart auf einer Seite die Farbe changirte oder besser gesagt: -- seine natürliche bekam....
Man muß wissen, daß Althing die Maxime aller Bösewichter seines Schlages besaß, die, einem merkwürdigen Widerspruch gemäß, einen eben so großen Drang, eine Dame zu verfolgen, als Scheu, sie anzusprechen, haben, -- weshalb sie sich gerne bei einem +Begleiter+ Muth holen... Indeß gründet sich diese Maxime oft auf einen sehr vernünftigen Umstand: diese Herren suchen sich ihre Kameraden so aus -- daß sie ihnen bei dem _tête à tête_ nicht schaden können, sondern im Gegentheile noch ihrer Schönheit als Folie dienen.
Der Stutzer-Veteran drang deshalb unausgesetzt in Wollheim, mit ihm weiter zu gehen -- dieser jedoch, als wollte er es ihm zum Possen thun, bewegte sich nicht von der Stelle -- sondern schien hier erstarren zu wollen....
„O mein Gott! was ist dieser Wollheim für ein Mensch!“ fing Althing an, der sich jetzt auf’s Jammern zu legen schien, da es auf andere Weise nicht mehr ging. --
„Mensch -- oder nicht Mensch! Lassen Sie mich in Ruhe... und stören Sie mich in meinen Betrachtungen nicht!“ polterte der Jäger.
„Aber -- haben Sie denn gar kein Mitgefühl -- bester Graf! -- Sehen Sie, wie ich Sie bitte...“
„Fort damit -- oder ich werde wüthend!“
„Theuerster Freund!“
„Ich werde grob!“
„Lieber Graf und Gönner....“
„Ich werde massiv!“
„Alter Bruder -- und Kamerad...“
„Ich prügle Sie...“ brüllte Wollheim und holte hier mit der Faust in der That aus; -- wodurch er bewies, daß Sentimentalität und Prügellust näher beisammen stehen, als unsere Psychologen bisher geglaubt haben.
Bei den letzten Worten und der sie so ausdrucksvoll begleitenden Geberde -- sprang der Günstling der Venus entsetzt zurück, wobei ein Dutzend Menschen, die hinter seinem Rücken vorbeigingen, seinen Sprung begleiteten -- -- die in ein lautschallendes Gelächter ausbrachen, das sich bald in der ganzen Umgebung verbreitete. -- Man blieb stehen... man wollte sich amusiren -- und schon war wieder die Polizei daran, sich hineinzumischen, als der Jäger plötzlich den Kopf um zwei Zoll höher als gewöhnlich erhob -- eine grandiose Idee malte sich auf seiner Stirn; er warf geringschätzende Blicke -- zuckte die Achseln -- und schlug mit stolzen Schritten den Weg nach dem „Goldnen Lamm“ in der Leopoldstadt ein.
Hier ließ er sich ein Zimmer im hintern Hofe geben
„dort wo jenes altersgrauen Kellers Zinnen herüberschauen!“
ein mäßiges Stückfaß wurde zu ihm hereingerollt -- er schloß sich mit demselben ein und war für diesen Tag, sowie für kommende Nacht nicht mehr zu sehen. --
Althing hatte sich behende aus dem Menschenknäuel losgewickelt, er war den Blicken entschwunden, bevor diese Zeit hatten, sich von dem weit interessanteren Objekte, dem Jäger -- abzuwenden... er eilte, flog in Sturmesschritten der himmelblauen Pelerine nach. --
Jedoch sie verdiente es auch. Es war eine köstliche Blondine von 16-18 Jahren oder etwas drüber. -- Allein unser Althing war auch ein Kenner, das mußte man ihm lassen. Wäre Alles bei ihm so vortrefflich bestellt gewesen, wie diese Eigenschaft -- dann freilich würde er weit seltener in die Lage gekommen sein, schrecklich immer nur in Illusionen zu schweben -- was indeß für ihn keineswegs ein Unglück zu sein schien, denn er hatte das Talent, nicht daran zu glauben -- -- er hatte das seltene Vermögen, aus allen Unglücksfällen zusammengenommen sich erst so recht sein Glück herauszubilden: er war dem Schicksal gegenüber die personifizirte Ironie.
Endlich holte er seine Pelerine ein: „Allerliebst!“ rief er sich zu: „sie hat sich so eben wieder nach mir umgesehen! Ihr Auge schien mich schmelzen zu wollen. -- Hehehe! Das Glück, Freund Althing, kennt weder Ziel noch Maaß... Dies ist heute schon die dritte, welcher ich zugleich in den Weg laufe und die mich nicht mehr losläßt.... Aber ist das auch recht von dir, Spitzbube von einem Don Juan? -- Du liegst bis über die Schultern bereits in andern Liebesfesseln -- man hofft auf deine Treue -- man würde unglücklich werden, falls man dich des Gegentheils fähig hielte -- -- man würde sich den Tod um dich geben... und dennoch läufst du da dieser kleinen Schelmin nach -- -- die bereits heute die -- -- ach, ich vergesse es immer -- die wievielte sie sei -- ja richtig, die dritte ist sie! -- Bei meiner Annehmlichkeit! Das ist nicht recht -- das!!... Und jetzt ist gerade die Stunde, wo sie mir, meine holde Nina, das Rendezvous geben will, Nina, die mich seit vier Tagen bei sich empfängt, in ihrem kleinen Zimmerchen -- -- welches Zimmerchen sattsam unsere beiderseitigen Schwüre gehört hat.... u. s. w. u. s. w. -- --“
Er sprach hier die volle Wahrheit, -- das Alles verhielt sich wirklich so, wie er sagte; diese Nina empfing ihn in der That bei sich, schwur ihm in der That heiße Liebe und ewige Treue -- gab ihm große Beweise.... wie sie das jedoch meinte, wird sich später zeigen...
Althing ging jetzt dicht hinter der blauen Pelerine einher, sie mußte, falls sie sich jetzt noch einmal umsah, unmittelbar in sein rothglänzendes Gesicht, gleichsam wie eine blutig aufsteigende Sonnenscheibe, sehen -- -- und es ließ sich erwarten, daß dadurch ihre Augen geblendet würden.... Wirklich geschah dies ganz so. Sie sah sich um, sie fuhr erschrocken zusammen vor Althings Strahlenangesichte.... sie bedeckte sich obendrein auch noch die Augen.... kurz unser Dicker glaubte das Recht zu haben, so zu sich zu sprechen:
„Ah! Ah! -- das ist zu stark! -- Das hätte die Welt sehen sollen! -- O warum ist in diesem Augenblick hier nicht das Menschengeschlecht versammelt, um Zeuge meines Triumphes zu sein!... Bei Gott! Venus, -- meine Beschützerin! so Etwas ist einer einfachen Mannsperson noch gar nicht passirt! -- Das sollte gedruckt, -- unbedingt gedruckt, oder noch besser -- in Erz gegossen werden, um der Unsterblichkeit anheimzufallen. -- Aber, ach! Was sollte +dir+ unmöglich sein, mächtiger Althing! -- In der That -- -- ich fange an, rasenden Respect vor mir selbst zu bekommen und mich für eine Art von Auserwählten des Himmels zu halten ... für ein Wesen, das mehr ist als Mensch... für einen Halb- oder wenigstens Viertels-Gott ... Schade, daß ich die nähere Eintheilung dieser mythologischen Materie nicht genauer kenne. -- Und warum,“ fuhr er fort, immerwährend seinen Platz hinter der jungen Dame behauptend -- „schlägt sie jetzt mit ihrer Gesellschaft diesen Seitenweg da ein?... Ach! sicherlich will sie in’s Paradies-Gärtchen gehen -- in den Salon -- ein abgesondertes Kabinetchen... hehehe! hab’ ich’s nicht errathen? -- Freund Althing... ich sage Dir: du wirst in Zeit von einer Viertelstunde die Seligkeiten der hohen Olympier genießen -- unter deren Zahl du gewissermaßen auch schon gehörst....“
In diesem Augenblick betraten jene Damen wirklich das Paradiesgärtlein, jedoch hielten sie sich in dem dortigen Etablissement nicht auf, sondern durchschritten dasselbe, um sich hinten durch die Burg nach der Stadt zu begeben... „Gleichviel!“ murmelte Althing: „der Ort macht es nicht aus -- sondern die Gelegenheit. -- Wahrscheinlich will sie einen bessern Platz finden.... oder aber, was noch möglicher ist -- ihre Gesellschaft, worunter mir eine Mama zu sein scheint, gibt es nicht zu, steht ihr im Wege... Nun, wir werden bald sehen -- was so viel heißt, als +siegen+!“
Endlich in einem Gäßchen zwischen der Bastei und der Stadt blieb die Pelerine mit ihrer Begleiterschaft stehen: „Aha!“ lachte der Dicke: „jetzt wird’s losgehen! Mache dich gefaßt, Althing! Ueberwinde sie! Werfe sie in einem Augenblick zu deinen Füßen....“
Die Pelerine drehte sich um -- -- und winkte ihm... „O! das hatte ich erwartet! die Festung ist erstürmt!“ Kaum hatte er dies gesagt -- so trat er vor das Mädchen hin und verbeugte sich mit einer lächelnden und stolzen Miene, die einem Cäsar wohl angestanden hätte: „Sie sind sehr gütig, mein Fräulein,“ begann er in vornehm-nachlässigem Tone -- -- und lüftete den Hut ein wenig.... „Sie kennen mich gewiß schon längst!“ fuhr er mit einer kühnen Ueberzeugung von seiner berühmten Liebenswürdigkeit fort.
„Mein Herr von Althing,“ entgegnete das Mädchen: „Sie haben es errathen.... der Ruf Ihrer Eigenschaften ist bis zu uns gedrungen -- und erfüllte mich seit jener Zeit mit der lebhaftesten Begierde, Sie kennen zu lernen.... Deshalb erlaubte ich mir auch -- Ihren Blicken und Winken auf der Bastei -- (wenn ich sie anders recht verstand,) nachzugeben -- und hier diesen weniger bemerkten Ort aufzusuchen -- -- um -- um mit Bewilligung meiner guten Mutter ... die ich Ihnen hiermit vorzustellen die Ehre habe --“
Man verbeugte sich beiderseitig; der Stutzer sah sich einem alten Monstrum gegenüber, das geeignet war, Schrecken einzuflößen...
„Also mit Erlaubniß meiner Mama,“ fuhr das Mädchen fort -- „habe ich gewagt, Ihnen Gelegenheit zu geben -- --“
„Damit ich,“ fiel Althing mit jener Emphase ein, der man geflissentlich einen künstlichen Anstrich gibt, um die Leute glauben zu machen, man verstünde sich in solchen Affairen meisterhaft zu benehmen und sei des Sieges schon im Voraus gewiß: „damit ich Ihnen die zärtlichen und glühenden Empfindungen, von welchen diese Brust voll ist.... so, daß das Herz davon in Flammen aufgehen muß...“
„Lassen wir das!“ lächelte die Jugendliche: „und kommen wir auf andere Dinge -- --“
„Nein, nein! denn meine Seele, mein ganzes Wesen ist von Ihrem Bilde, von Ihrer Liebenswürdigkeit, von Ihrem Zauber hingerissen... und vermag nicht zu leben...“
„-- Muß vergehen -- nicht wahr? hahaha! -- Nur weiter, mein Herr.“
„-- Ich müßte vergehen -- sterben vor Schmerz und Verzweiflung -- wenn --“
„Weiter, weiter!“
„Sie können noch spotten -- können so kalt sein -- da ich glühe und brenne -- und fast zu Asche werde....“
„Das sind die gewöhnlichen Phrasen...“
„O halten Sie mich nicht für einen gewöhnlichen Thoren -- und dieses Gefühl in meiner Brust für kein alltägliches. -- Ich schwöre bei meiner Seligkeit, daß ich zum Sterben Sie liebe -- nur Sie ganz allein!...“
„Aber Sie haben mich ja noch nie gesehen!“
„Wie können Sie nur so Etwas denken. Ich kenne Sie seit sehr langer Zeit -- und gleich Ihrem Schatten schleiche ich Ihnen -- freilich aus Scheu ungesehen -- nach.... Wo Sie sind, bin auch ich -- ich kann nicht leben ohne Dich, angebetetes, englisches Wesen.... Du lehrtest mir die Liebe kennen -- früher war ich unschuldig und unerfahren, wie so mancher unter uns Jünglingen... Du warst das erste Frauenbild, zu dem ich wagte, die Augen aufzuschlagen .... Liebe mich -- oder mein Loos ist schauderhafter Tod!“
Bei diesen Worten, in die sich zuletzt unwillkührlich die angeborne Verliebtheit des alten Gecken mischte -- fiel er, trotz December und Schnee, vor das Mädchen auf die Kniee -- breitete die Hände aus wie ein betender Bramine -- verdrehte die Augen und flüsterte mit möglichst matter Stimme: „Oder den Tod! den Tod! --“