Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 4

Chapter 43,545 wordsPublic domain

Er aber stand auf, nahm sie auf seine Arme und trug sie hinweg aus diesem Gemache in eines der ihrigen, sodann rief er Cölestinens Dienerinnen herbei, denen er die Ohnmächtige übergab. Als dieses geschehen war, verfügte er sich wieder in sein Zimmer, verschloß diesmal die Thür mit mehreren Schlössern, rückte zum Ueberfluß noch einen Schrank vor dieselbe und so gesichert vor jedem ferneren Besuch, abgeschnitten von der ganzen Welt, überließ er sich jetzt den finstersten seiner Gedanken.

„Ja, ja,“ sprach er zu sich: „trotz dieses Wehgeschreies und dieser Verzweiflung -- trotz dieser dreisten und geläufigen Berufung auf ihren Schöpfer -- trotz aller erschütternden Liebesrufe und rührenden Betheuerungen der Unschuld .... ist sie dennoch eine Verrätherin. -- Und eben deshalb eine um so größere! -- -- -- Hab’ ich sie doch mit diesen meinen eigenen Augen auf frischer That ertappt -- -- wär’ mir daran gelegen gewesen -- so hätte ich mit zwei Schritten am Schauplatze des Verbrechens sein und es mit Händen greifen können..... Und dennoch, dennoch dieser Schmerz, diese Thränen, diese Schwüre, diese Verzweiflung -- diese Anrufung Gottes.... O, sie ist die abgefeimteste Heuchlerin, die je von der Erde getragen wurde! Aus ihr könnte man tausend Verrätherinnen und Giftmischerinnen und Mörderinnen machen..... Lass’t ihr Blut auf die Erde tröpfeln -- und ihr vergiftet die ganze Erde -- diesen alten, harten, felsigen Ball, der schon so vielen Uebeln widerstanden! -- Sie ist ein Teufel mit dem Lächeln eines Engels im Gesichte und dem Glorienschein einer Heiligen um das Haupt....“ Er schwieg einige Augenblicke.... „Böses, böses Weib!“ fuhr er darauf fort.... „Wer hätte das Alles in ihr gesucht?! -- -- Als ich sie zum ersten Male sah, trat sie als eine jener zarten Jungfrauen, deren Seele eine Lilie ist, eine Lilie aus dem Garten Gottes -- vor mich .... sie trat als holde, lieblich-unschuldige Fee, als eine jener guten Feen, die in alten Zeiten die Schutzgeister der Menschen waren, vor mein Angesicht -- -- -- -- damals, damals hätte ich, wären die Gedanken meines Hirnes nur im geringsten fähig gewesen, sie zu beflecken, den Blitz des Himmels selbst auf mich herabgerufen, daß er mich zerschmettere.... Damals! Ach, welche Zeiten und welche Gefühle! -- -- Und jetzt, jetzt! -- -- Wer hätte glauben sollen -- daß trotz ihrer elysäischen Gestalten und ihrer ambrosischen Düfte jene Zeiten doch nur von Trug und Verrath geschwängert waren?.... Allein, so ist der Mensch! Er hofft und vertraut bis zu des Abgrunds Rand -- und glaubt nicht eher an ihn, als bis er hineingestürzt ist und sich windet mit zerschmettertem Haupte zwischen Molchen und scheußlichen Ungeheuern....“

Der Graf ging lange im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen, ohne nur einmal aufzublicken -- -- aber im Stillen hielt er eine entsetzliche Gedankenjagd -- -- und die schwarzen Ideen tummelten sich immer dichter neben ihm -- um ihn und über ihm... sie schlossen ihn von allen Seiten ein, wie ein wildes Heer von dämonischen Erd- und Luftgeistern....

Da brach der erste Lichtstrahl der heraufsteigenden Morgensonne durch den Rand seiner Gardinen und traf sein Antlitz.... und als wäre ein Bote des Ewigen zu ihm herangeflogen und hätte seine Stirne mit glänzenden Strahlenfingern berührt.... erhob aus dem wilden dunkeln blutigen Chaos seiner Seele sich ein weißer Gedanke, so daß er schrie:

„Und wenn sie dennoch unschuldig wäre?!!“

„O mein Gott!“ flüsterte er leise: „was hätte ich dann gethan!“

Mit dieser Idee entschlief er bald darauf, denn sein Physisches vermochte nicht länger dieser unsäglichen und abwechselnden An- und Abspannung zu widerstehen.

Viertes Kapitel.

Hoffnung, Verzweiflung, Resignation.

Als Alexander erwachte, mochte es bereits wieder gegen Abend sein, wenigstens umgab ihn im Zimmer eine Dunkelheit, welche nicht allein durch die ausgebrannte Lampe erzeugt ward. Doch was kümmerte ihn Zeit, Licht, Sonnenschein -- Finsterniß.... lebte er doch kaum mehr in der Außenwelt, sondern hatte sich ganz zurückgezogen in den tiefsten Winkel seines Herzens. Die Idee, mit welcher er eingeschlafen war -- begleitete auch wieder sein Erwachen, und darum war dies das freundlichste seit vielen Tagen. --

Ja, sie konnte dennoch unschuldig sein! -- Trotz aller Beweise, trotz aller Zeugnisse, worunter die wichtigsten allerdings die seiner eigenen Augen waren -- konnte doch dasjenige, was schon tausendmal geschehen war, auch noch dies eine Mal eintreffen: Cölestine konnte verkannt, verläumdet, sie konnte durch eines boshaften Dämons Gaukelei verläumdet worden sein. -- Denn ist es wohl nicht schon vorgekommen -- daß man z. B. einen Unglücklichen des Mordes -- eine Unglückliche der Giftmischerei +überführt hatte+ .... sie starben den Tod des Gesetzes.... und nach Jahren erwies es sich, daß sie +unschuldig waren+?

Ach, die +Liebe+ klammert sich so gerne an einen solchen Hoffnungsanker an -- und zwar erst dann recht eifrig, wenn des Sturmes Wuth wild über sie eingebrochen ist. -- Die Liebe, wenn sie zur Leidenschaft, zur Tyrannei geworden -- lebt in Contrasten und ist bisweilen fähig, von der rasendsten Eifersucht -- zur fanatischen Gläubigkeit umzuspringen.... je nachdem diese oder jene ihr Befriedigung schafft. -- „Nie,“ sagt ein geistreicher deutscher Schriftsteller,[B] „war eine Liebe echt und tief, wenn dieselbe nicht fähig ist, heute für denselben Gegenstand zu leben -- für welchen sie gestern in den Tod gehen wollte.....“

Weshalb sollte der arme Gatte nicht den Trost hinnehmen, der ihm plötzlich wie durch unsichtbare Geisterschwingen zugeweht wurde -- da dieser Trost seinem leidensheißen Herzen doch so wohl that? -- -- Und daß er ihm kam -- wenn es auch noch so plötzlich, noch so unerwartet und unbestimmt geschah -- -- wer wird daran zweifeln, wenn er anders das Menschenherz kennt? -- Kommen und gehen von Augenblick zu Augenblick nicht die verschiedenartigsten Empfindungen in und aus uns -- -- ohne daß wir wüßten, woher und wohin? -- -- Aber sie kommen doch und scheiden doch.... das ist gewiß -- -- und es scheint uns dann, als würde mit einem Male ein Räthsel aufgelöst durch unsichtbare Hände -- -- wozu wir uns lange vergebliche Mühe gaben.

O -- trotz unseren enormen Fortschritten im Felde der Erkenntniß sind wir noch lange nicht dahin gekommen, die einfachsten Dinge, welche uns umgeben, zu verstehen. --

Alexander erhob sich vom Lager. Er begann wieder seine Wanderungen durch’s Gemach. Bunte Bilder flohen vor ihm vorüber -- lange hatte sein Auge freundlicher Farben entbehrt...

„Nein, nein!“ rief er aus --: „so sehr kann Lüge die Wahrheit doch nicht nachahmen!... Sie kann Thränen weinen -- Seufzer ausstoßen -- sie kann sich im Staube winden und verzweiflungsvoll aufschreien, daß sie unschuldig sei... sie kann Alles, Alles, was körperlich und sichtbar erscheint, imitiren, wie wir es am guten Schauspieler sehen; jedoch sie kann den Popanz, welchen sie geschaffen, nicht beleben -- kann ihm keine Seele einhauchen -- kann ihm jene geistige Gewalt nicht verleihen, die allmächtig zu unserem Geiste spricht, diesen zu sich hinreißt, daß er nicht widerstehen kann und sich mit ihr vereiniget, versöhnt. -- Das, das kann die Lüge nicht! -- Das ist nur der Himmelstochter Wahrheit vorbehalten. -- -- -- -- Und,“ rief er frohlockend aus: „ihren Einfluß habe ich erfahren -- -- obgleich erst jetzt, jetzt dies Bewußtsein in mir aufgegangen.... Cölestine ist keine Verbrecherin... dies wird mir so klar, daß ich erstaune und mich verfluche, es nicht längst eingesehen zu haben....“

„Allein -- ich weiß schon, weshalb es nicht geschah! Ich +wollte+ nicht, daß es geschehe... ich widersetzte mich gewaltsam der Ueberzeugung! Ich Thor -- ich Elender marterte mich geflissentlich mit Schrecknissen, die nicht sind noch waren.“

Voll von dieser neuen Aussicht auf eine neue schöne und blühende Welt -- machte Alexander sich auf und verließ sein Zimmer, entschlossen, seine Gemahlin aufzusuchen, sich zu ihren Füßen zu werfen und in einer Fluth reuiger Thränen seine Schuld abzuwaschen; denn er hoffte, daß Cölestinens, aus einem Himmel von Güte und Liebe bestehendes Herz sie ihm verzeihen werde....

Als er auf den Corridor trat, sah er, daß es in der That bereits wieder dunkel sei. Im Hause war Alles still -- man rüstete sich zum Schlafengehen. So gelangte er, ohne gesehen zu werden, vor die Wohnzimmer seiner Frau. Auch hier herrschte die tiefste Stille -- auch hier begegnete man Niemand. Alexander glaubte zuerst, Cölestine sei entweder nicht zu Hause oder sie habe sich in ihre hintersten Gemächer zurückgezogen -- -- da vernahm er plötzlich ihre Stimme, die im zweiten Zimmer Jemand einen Auftrag zu geben schien... und obgleich diese Stimme kraftlos und eintönig redete, hatte er doch folgende Worte verstanden: „Aber -- um Alles in der Welt, daß kein Auge dies Schreiben erblickt, noch Euch selbst, die Ihr damit fortgeht. Stanislaw -- ich vertraue Dir hier mein halbes Leben an.... erinnere Dich, daß Du seit 30 Jahren der treueste Diener unseres Hauses bist.... Vermeide besonders die Zimmer des Grafen....“

Diese leisen Worte machten Alexander fast taub; er, der erst so heiter, so rasch, so leichtfüßig hierher kam, vermochte in diesem Augenblicke sich kaum aufrecht zu halten.... Er zog sich seitwärts von der Thür zurück, lehnte sich hier an die Wand -- und lauerte auf den Boten. -- Dieser trat wirklich heraus -- aber in demselben Momente stürzte sein Gebieter auf ihn und entriß ihm den Brief.......

Er war an den Chevalier von Marsan gerichtet und enthielt folgende Zeilen...:

„Ich bin krank und im höchsten Grade geschwächt -- vermag also nicht an dem bestimmten Orte zu erscheinen; ich hoffe daher, daß Sie die Mühe auf sich nehmen werden, zu mir zu kommen -- -- -- doch säumen Sie keinen Augenblick. Es erwartet Sie mit Ungeduld

Cölestine v. A--x.

_NB._ Vermeiden Sie es, von den Dienern unseres Hauses gesehen zu werden -- der heutige Abend ist sehr günstig zu einer Zusammenkunft, um so mehr, da mein Mann sich noch immer auf seinem Zimmer eingeschlossen hält.“

So war sie also dennoch schuldig! -- -- --

Als Alexander diese Zeilen gelesen hatte, glaubte er, die Welt um ihn und er in ihr werde vergehen. Er befand sich einige Augenblicke hindurch in einem Zustand, der nicht Leben und nicht Tod -- sondern eine von jenen schrecklichen Krisen ist, in denen einst das Menschengeschlecht entweder ganz untergehen -- oder neu und fremdartig wiedergeboren werden wird. --

* * *

Einige Stunden darauf lag der Graf in einem heftigen Delirium. Die widerstrebendsten und gewaltsamsten Stürme dieses Tages und jener Nacht hatten ihn niedergeworfen. Vielleicht war dieser Ausgang noch ein Glück für ihn; denn jedenfalls konnte der Wahnsinn ihm keine grauenvolleren Gestalten vorspiegeln, als wovon das bewußtvolle Leben für ihn jetzt so reich gewesen wäre. -- So sorgt eine allgütige Natur für ihre Wesen selbst durch Strafen -- und sie reicht uns oft Gift, um uns vor einem tödtlicheren, welches wir unwissentlich aus der Atmosphäre eingesogen haben, zu schützen...

Der Kranke verlor vom ersten Momente an die Fähigkeit, seine Umgebung zu erkennen -- und so wußte er nicht, daß Cölestine an seinem Bette saß und ihn mit zärtlicher Besorgniß pflegte. Sie, die noch vor Kurzem selbst krank und hilflos da lag, schien jetzt wie durch ein Wunder von neuer Lebenskraft erfüllt zu sein.... Woher diese Wirkung? Hatte die Zusammenkunft mit Marsan -- denn er hatte sich auch ohne Aufforderung fast zur selben Stunde eingestellt -- -- diese Folge gehabt?... War sie dadurch so glücklich geworden, daß sie in einigen Augenblicken völlig genas?....

Sonst wäre wohl auch Liebe, Zärtlichkeit für einen unglücklichen Gatten im Stande, eine solche Umwandlung hervorzubringen; -- -- aber wie sollte man nach einem Briefe wie der obige auf dergleichen rechnen können? --

Es kann jedoch nicht geläugnet werden, daß der Eifer, womit Cölestine ihren kranken Mann pflegte, einen Ausdruck tiefer und inniger Liebe hatte -- -- und es trat die merkwürdige Erscheinung ein, daß, je nachdem sich der Zustand Alexanders augenblicklich zu bessern oder zu verschlimmern schien -- -- sie im letztern Falle an Kraft zu gewinnen, -- im erstern wieder zu erschlaffen und so zu sagen in ihren vorigen leidenden Zustand zurückzufallen schien. --

Aber wer enträthselt das innere Wesen und den Grund solcher eigenthümlichen und geheimnißvollen Vorkommnisse in des Menschen Brust?.. Irren wir doch so leicht im +Deuten+... und können nur von demjenigen etwas Bestimmtes sagen, was wir +wissen+. Wir hatten ja eben erst vor Kurzem ein Beispiel an Alexander: es hatte sich im Widerstreit seiner Meinungen über Cölestine zuletzt eine Stimme zu ihren +Gunsten+ erhoben.... und schon einige Stunden darauf sah er seine Prophezeihung so grausam verspottet. --

Die Krankheit machte in kurzer Zeit rasche Fortschritte, doch hofften die Aerzte von seiner kräftigen Natur, daß sie das Uebel langsamer oder schneller besiegen werde.... da jedoch der Ausspruch eines Arztes niemals untrüglich sein kann, so war es natürlich, daß eine liebende und in Angst harrende Gattin nur geringen Trost aus ihm schöpfen konnte; sah man jedoch Cölestinens Schmerz, so mußte man sie für eine solche Gattin halten. --

Da saß sie durch Tage und Nächte neben seinem Haupte, reichte ihm Arznei, Tränke -- pflegte seiner mit weinenden Augen und diente ihm wie eine Magd; denn sie litt es nicht, daß ein Anderer auch nur den kleinsten Dienst bei ihm versähe, wenn sie hierzu selber Kraft und Stärke fand. -- -- Unter solchen Umständen mußte das Wort des Arztes wahr werden und ihr Kummer, ihre Angst, ihre Verzweiflung, vergebens. -- In Alexanders Befinden trat eine sichtbare Besserung ein -- und nun stürzte die junge Frau auf ihre Kniee und pries Gott im lauten Dankgebete. -- Wie harrte sie mit zitternder Ungeduld des ersten lichten und bekenntnißvollen Augenblicks.... dann wollte sie mit Alexander reden, sich vertheidigen -- und sie hoffte gewiß, daß er ihr glauben werde....

O der Getäuschte! -- -- Er erwachte wirklich, er sah sie mit klaren Augen an, wie sie vor ihm stand -- die Arme ausbreitete, mit thränenvollem Antlitz ihm entgegenlächelte und schon den Mund aufthat -- -- -- -- Aber es war ihr nicht vergönnt, weiter zu kommen... Bis hierher nur erfüllte sich ihre Hoffnung, hier schnitt er sie ihr ab -- denn sein Vertrauen zu ihr war dahin, seit der Glaube an ihr Herz ihn gänzlich verlassen hatte.... Vergebens sank sie noch einmal vor ihm auf die Kniee.... ihr Anblick war erschütternd.... Er aber, der Gatte deutete ihr an, daß sie ihn verlassen möge -- und als sie dies Gebot nicht befolgte, sah man seinen Zustand sich augenblicklich auf eine entsetzliche Weise verschlimmern....

„Sie werden ihn tödten, wenn Sie länger hier bleiben,“ bedeutete traurig der Arzt -- -- und sie ging -- sie kam nicht mehr zu seinem Lager.

Einige Tage darauf war er so weit hergestellt, daß er sich nun wieder erheben und sein Bett verlassen konnte. Er brachte jetzt den größten Theil des Tages in einem Armstuhl, umgeben von Büchern und Schriften, zu, worunter ihn besonders die letzteren beschäftigten. -- Besuche nahm er nicht an -- selbst Briefe ließ er durch seinen Sekretär eröffnen, und wies jeden, mochte er auch direkt und dringend an ihn lauten, von sich. Er besaß keine Geheimnisse und überdies hatte der Sekretär sein volles Vertrauen....

Unter den Schreiben, welche anlangten, befanden sich drei von Cölestine, deren Inhalt uns eben so unbekannt geblieben ist, wie er es für Alexander und selbst für seinen Sekretär war -- denn dieser Ehrenmann siegelte sie, ohne sie gelesen zu haben, wieder zu.

Es war gegen Ende Dezembers, als Alexander Wien verließ, gefolgt nur von seinem Sekretär und einigen vertrauten Dienern. Er hinterließ für Cölestine folgendes Schreiben:

„Gräfin! -- Ich verlasse Sie, Ihr Haus und die Residenz, ohne Ihnen sagen zu können, wohin ich reise und welches der Ort meines ferneren Aufenthaltes sein wird. Zu Ihrer Beruhigung -- denn sie wird wohl nur auf diese Weise zu erzielen sein -- hinterlasse ich Ihnen beiliegende schriftliche Erklärung, worin +ich mich+ die Ursache unserer raschen und plötzlichen Trennung nenne und woraus keine Schuld hervorgeht, die nicht auf mein Haupt fiele; Sie werden Gelegenheit finden, von diesem Dokument den nützlichsten Gebrauch zu machen -- und ich wünsche Ihnen herzlich Glück, wenn damit sowohl Ihre Wünsche wie die Anforderungen der Welt beschwichtigt werden, woran ich nicht einen Augenblick zweifle. -- -- Alles, was ich hinterlassen habe, ist zu Ihrer unbeschränktesten Verfügung gestellt. -- Ihre Verhältnisse bleiben demnach ganz dieselben, welche sie zu meiner Zeit waren -- -- ich vergesse hinzuzusetzen: wahrscheinlich werden sie noch weit angenehmer sein; -- ich verspreche mich abermals: sie werden dies ganz +gewiß+ sein! -- -- Gnädige Frau.... erlauben Sie mir jetzt eine kleine Eigennützigkeit. In Anerkennung des Dienstes, welchen ich Ihnen leiste, lassen Sie mich an Sie die Bitte stellen: falls Sie meinen Aufenthalt errathen oder erfahren sollten -- so schreiben Sie mir nicht -- noch schicken Sie eine dritte Person zu mir -- am wenigsten aber kommen Sie selbst...... Dies wird wohl schwerlich geschehen -- es ist fast albern, daran zu denken -- jedoch für den Fall dieser oder jener Möglichkeiten erfahren Sie, daß mein Zorn dadurch auf’s Aeußerste gereizt und ich zu einer That fähig wäre, die sowohl Sie als mich entehren könnte. -- Schonen Sie also unser Beider Namen -- wenigstens von dieser Seite. --

Und nun habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen, als: leben Sie für immer wohl.

Alexander Graf v. A--x.“

Diesen Brief empfing Cölestine zwei Stunden nach ihres Mannes Abreise, welche früh Morgens, da noch das ganze Haus schlief, geschah, und wozu die nöthigen Vorbereitungen bereits getroffen waren. Man wird begreifen, welchen Eindruck diese Zeilen auf sie machten, sobald man ihren jetzigen Seelenzustand erwägt. Mit Worten ließe sich unmöglich ein Gemälde davon geben -- man muß dies Geschäft der Phantasie des einzelnen Lesers überlassen... Genug an dem, ihrer Gesundheit, welche in den letzteren Tagen fürchterlich zerrüttet worden war, wurde durch dies Ereigniß gleichsam der letzte Stoß gegeben.... Die Rollen hatten sich jetzt umgekehrt; -- sie nahm ihres Gatten Stelle ein... ein böses Fieber zehrte an ihrem Leben.

Aber Cölestine besaß keinen so treuen Pfleger, wie ihm in ihr gelebt hatte.... denn ihre Eltern und ihre Freunde, so theuer sie ihrem Herzen auch waren, konnten ihr gleichwohl den Verlust eines Gatten nicht ersetzen. -- --

So liebte sie ihn also dennoch? Leider ist es uns noch immer nicht vergönnt, den Schleier von einem Verhältnisse wegzuziehen, welches sich erst spät entwickeln soll -- welches noch immer im Werden begriffen ist, und wobei wir, vermöge unserer schöpferischen Machtvollkommenheit, und vermöge der Kunstzwecke, die uns bei dieser Schöpfung leiten -- den Schluß des Processes noch in einige Ferne hinausgesetzt haben....

Welches Aufsehen die Trennung des Grafen von seiner Gemahlin, die eben so unerwartet wie von außerordentlichen Umständen begleitet war, in den Kreisen der Residenz erregte, wird man begreifen.... Die Leute _du bon ton_ waren entzückt, wie sie sich nicht erinnerten, es seit Jahren gewesen zu sein -- denn da hatten sie ja einen vollständigen „+Skandal+“. Und da man, wie in der Regel und nach den Gesetzen der feinen Lebensart geschieht, die Schuld auf den der Gesellschaft mißfälligen Theil warf, welches -- da die Gesellschaft von Damen repräsentirt wird -- hier Cölestine war, die man um ihres Glückes willen haßte, so fing man alsbald an, ihr alle mögliche Vergehungen und Sünden aufzubürden -- daß sie in wenigen Stunden da stand, wie eine zum Tode reife Verbrecherin...

„Ach!“ rief man -- „diese Komödie hat zwar rascher geendiget, als man erwartete -- jedoch sie hatte ganz so geendigt, wie vorausgesagt worden war...“

„Es war in der That -- ein so vortrefflicher Mann, dieser Graf A--x.... etwas närrisch zwar und spleenhaft -- -- allein man hielt ihn mit Recht für einen der geistreichsten Köpfe im Ministerium -- und was für ein Herz er besaß, bewiesen uns die ersten Zeiten seiner Ehe, welche ihn so sehr beseligten.... Ach, der Arme! er dachte gewiß nicht, daß es so kommen würde! Er hat es auch wahrlich nicht verdient!“

„O!“ bemerkte das Stiftsfräulein Eugenie von Bomben gegen die Gräfin von Wollheim -- „ich begreife ganz wohl den Zusammenhang dieses „+Falles+“, nachdem ich in Erfahrung brachte, man habe die Gräfin A--x bei der letzten Sitzung des Frauenvereins -- kurz vor Eintritt ihres „+Falles+“ -- zum Mitglied vorgeschlagen. -- Beim Nero! ich finde jetzt ihren „+Fall+“ ganz natürlich....“ Und hierbei rieb sich die huldvolle Dame ihre knöchernen Hände und zeigte lachend ihre zahnlose Mundhöhle....

Was Cölestine betraf, so machte sie keinen Versuch, alle diese Gerüchte zu widerlegen, welches ihr durch einfache Berufung auf das ihr von Alexander hinterlassene Dokument doch so leicht möglich gewesen wäre. -- Jedoch von diesem Gebrauch zu machen, lag fern von ihr, eben so fern wie die Menschenliebe von jenen Herzen, die so schöne Dinge von ihr ersannen. Was kümmerte sie alles dieses! Was ging sie die Welt -- was die Ereignisse an, welche außer ihrer Brust stattfanden! -- -- Ihr eigenes, persönliches Dasein war in diesem Augenblicke an schmerzvollen Ereignissen reich genug. --

Die Krankheit, welche sie überfallen hatte, war eine jener träg und dumpf fortschreitenden, die sichtbar keine Gefahr drohen und für unbedeutender angesehen werden, als sie es in der That sind. Es nagt ein Wurm innerlich an unserem Herzen -- er hat den Kern schon zur Hälfte aufgezehrt -- während von Außen die Hülle in rosiger Frische glänzt, gleich der Schale eines Granatapfels...... Cölestine -- nachdem sie den ersten und heftigsten Anfall, der sie zwang, sich niederzulegen, überwunden -- trotzte den ferneren dadurch, daß sie das Lager floh und umherwandelte, als hätte sie die Kräfte dazu; dies jedoch war auch nur einer so lebensvollen und jugendlichen Natur wie die ihrige möglich. -- Ihr sonst so heiterer, naturfrischer, so leichter und geschmeidiger Sinn verhütete es, daß sie in jene stumpfe Melancholie verfiel, der jedes andere Gemüth unter solchen Umständen erlegen wäre. Kurz die junge Frau hatte über sich und ihr Uebel bald so große Herrschaft erlangt -- -- daß sie das letztere in den hintersten Winkel ihres Herzens zurückdrängen und äußerlich fast eben so heiter, wie in ihren schöneren Tagen, erscheinen konnte.....

Sie öffnete ihr Haus jetzt wieder einem Kreise vertrauterer Personen und ließ sich selbst wieder in jener Welt sehen, die früher, als sie noch im Hause der Eltern wohnte, die ihrige gewesen war. --

Fünftes Kapitel.

Die Promenade auf der Bastei.

Die Promenaden auf der Bastei und in der Stadt auf dem Graben und Kohlmarkt waren an der Tagesordnung. Um die Mittagszeit sah man hier die ganze schöne Welt umherstreifen, um ihren beiden höchsten Verrichtungen obzuliegen: -- zu sehen und gesehen zu werden und zwar in möglichst ausgedehntem Umfange.

Ha! Welche große, welche magnifique Welt sich da tummelt und bewegt! Die Sache ist wirklich viel weniger komisch, als wofür wir sie anfangs nehmen wollten -- denn wir haben es hier nicht nur mit den belachenswerthen Seiten der Gesellschaft, sondern mit ihr +ganz+ zu thun, und dabei gibt es auch noch so manches Stück Ernst. -- Wir wollen das vollständige Gemälde zu zeichnen versuchen und dabei +keiner Partie+ vergessen.