Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 3

Chapter 33,605 wordsPublic domain

Die plötzliche Metamorphose im Wesen des Jünglings hatte auch eine in dem des Greises hervorgerufen, welche zwar ebenfalls ernst und finster erschien, dabei jedoch einen Strahl von tiefer Ironie nur um so greller durchblicken ließ, je mehr dieser unterdrückt werden sollte...

„Das ist -- wie mich dünkt -- das alte Lied!“ hatte Lips mit tiefer Stimme gesprochen .... „Dieses alte Lied jedoch behagt mir in diesem Augenblick so wenig, daß ich, sollte ich es noch einmal hören müssen, lieber entschlossen bin, die Zither sowohl wie den Zitherschläger in tausend Stücken zu zertrümmern..... Ist das Deutsch gesprochen...?“

Edmunds Lippe zitterte ohnmächtig und wortlos -- sein Athmen, sein Seufzen, wodurch seine Brust bewegt wurde, glich dem Stöhnen eines Kranken... er fühlte sich hinsinken und mußte sein Haupt auf die Lehne des Sopha’s legen -- --. Da begann Lips wieder im strengen Tone:

„Sie wissen, wie die Sachen stehen -- mein Bester. Ich habe nicht nöthig, sie Ihnen weitläuftig wiederzukäuen. -- -- Sie sind erstens zwei Wechsel, jeden à 1500 Dukaten mir zu bezahlen schuldig -- macht: 3000 _netto_. -- Sodann besitze ich von Ihnen einen dritten Wechsel à 1000 Dukaten -- trassirt auf Ihren Herrn Schwager, den hochgebornen und insbesondere hochzuverehrenden Herrn Grafen Alexander von A--x, und angeblich acceptirt von Hochdemselben -- -- was sich jedoch später als eine Lüge, d. h. eine Namensfälschung -- d. h. ein Criminalverbrechen zweiter Klasse erwies, denn nicht der hochgeborne Herr Graf hat seinen Namen geschrieben -- sondern Sie machten diesen allerliebsten Streich selber... hehehe!.... -- -- Maßen ich jedoch in meiner Brust kein Felsenherz -- sondern ein so weiches wie Schwanenflaum trage -- auf Ehrenwort! -- habe ich mich vor einigen Tagen in dieser Angelegenheit mit Ihnen dahin geeinigt, daß Sie mir anstatt der auf dem falschen Wechsel notirten 1000 Dukaten -- 2000 ausbezahlen sollten... was ein wahrhaft christlicher Handel ist..... Da haben Sie die ganze Sachlage, da den ganzen Casus, wie wir Philosophen sagen.... Auf Ehrenwort!“

Statt aller Antwort schüttelte der unglückliche junge Mensch wie sinnlos das Haupt -- -- und schlug sodann ein kurzes heiseres Gelächter auf. --

„Was -- Sie lachen noch, mein Bester? -- -- Mir aber, das versichere ich Ihnen -- ist es in diesem Augenblicke gar nicht zum Lachen .... und gleichwohl dürfte dazu an mir die Reihe noch eher sein, als an Ihnen. Dies wollte ich blos so nebenbei bemerkt haben. Und jetzt noch einmal deutsch gesprochen: Ich bitte mir höflichst 6000 Dukaten aus!“

„Ich besitze nicht 6000 Heller --“

„Nun wohl, noch deutscher: Sie haben einen reichen Papa -- -- Papa wird das Sümmchen bezahlen --“

„Herr Lips, mein Vater bezahlt für mich nichts. Sie wissen es sehr gut.“

„Dann wird Mama es thun....“ fuhr der Wucherer fort und schwang seine Keule....

„Meine Mutter kann es ebenfalls nicht, da die Kasse sich nicht in ihren Händen befindet....“

„Ferner haben Sie eine geliebte und liebende Schwester, mein Freund....“

„Auch Cölestine ist nicht im Stande, mir zu helfen....“

„... Zuletzt bleibt uns noch immer der Herr Graf von A--x, auf welchen ja auch dies Haupt-Papierchen ausgestellt ist....“

„O -- um aller Seligkeit willen.... mein Herr!“ schrie Edmund auf: „bringen Sie mich nicht zum Wahnsinn! -- -- Das Alles, was Sie da vorgeschlagen haben -- hilft zu Nichts. -- Allein, Sie reden immer von 6000 Dukaten .... mein Herr! Habe ich Ihnen denn nicht vor ein paar Tagen einen +Schmuck+ im Werthe von fast eben so viel überliefert.... weil Sie mir schon damals mit der Geltendmachung des unglückseligen falschen Papiers -- zu dessen Anfertigung ich mich in halber Trunkenheit verleiten ließ -- drohten.... Und diesen Schmuck rechnen Sie für nichts....“

„Ei bewahre!“ versetzte Lips: „wie sollt’ ich das? Halten Sie mich nur nicht für einen so unbilligen, gefühllosen Menschen! -- Diesen Schmuck im Werthe von fast 5000 Dukaten gaben Sie mir (Sie müssen sich dessen noch erinnern,) als blose Abschlagzahlung, weil ich damals von Ihnen neben diesen dreien annoch im Besitze von zwei älteren Papierchen war -- wir haben die ersteren vernichtet und ich habe mit dem verfänglichen bösen Rechte gezögert bis zum heutigen Tage, wo Sie mir das Ganze bezahlen (will sagen diese 3 vorliegenden Wechselchen honoriren) sollen -- oder aber Alles steht wie zuvor. Ist das klar gesprochen?“

Nach einigem qualvollen Grübeln versetzte Edmund: „Hören Sie mich, mein Herr! Um was ist es Ihnen zu thun? -- Um Bezahlung, nicht wahr? -- -- Nun denn: warten Sie noch einige Tage.... mittlerweile werde ich Gelegenheit haben, mit meiner Schwester -- vielleicht auch mit meinem Vater zu reden. Denn so geradezu kann ich mit einer solchen Forderung nicht vor sie hintreten. Der Letztere würde es mir kurzweg abschlagen -- ja, erführe er den vollen Thatbestand -- so wäre es mit mir für immer aus; meine Schwester aber müßte, angenommen, daß sie Etwas thun könnte -- die Summe jedenfalls erst zu borgen suchen.... denn sie kann über ihr Vermögen bis jetzt noch nicht verfügen... Geben Sie mir also 5-6 Tage! Herr Lips -- --“

„Fünf bis sechs Tage!“ schrie dieser: „Wo denken Sie hin, das ist unmöglich! Bis dahin gehe ich ohne das Geld zu Grunde!... Fünf bis sechs Tage! -- Um Gotteswillen machen Sie mich nicht unglücklich!“

„Aber -- mein Herr -- es ist -- --“

„Wissen Sie was? damit Sie immer mehr meine rührend gefühlvolle Seele kennen lernen sollen.... einen halben Tag will ich Ihnen noch gewähren! -- Aber länger ist es mir nicht möglich -- auf Ehrenwort!...“

„Das hilft zu nichts! das ist umsonst!“ versetzte Edmund dumpf und faßte sein Haupt zwischen beide Hände, um zu verhindern, daß es zerspringe.

„Nun denn -- noch einen halben Tag dazu! -- Aber auf Ehrenwort!.... das ist Alles, zu was ich mich als Christ -- ja und wäre ich selbst Herrnhuther, herbeilassen kann!“ Er schwang seine Keule fürchterlich im Kreise, daß sie in der Luft saus’te, wie ein großes Mühlrad. --

„Erbarmen Sie sich meiner! -- Sie sehen -- ich gehe zu Grunde! Was soll ich in 24 Stunden ausrichten?.... Sind sie vorüber -- so stehen wir gewiß noch auf dem alten Fleck, weh mir!“

„Weh +mir+! +mir+! ich habe das Recht, dies auszurufen,“ schrie Lips wild -- und arbeitete mit der Keule umher, wie Herkules, als er gegen den Nemäischen Löwen auszog.... „Nun denn -- Donnerwetter!“ brüllte der Wucherer und schlug mit ihr jetzt so gewaltig auf den Boden, daß in den Dielen ein Loch entstand: „so gebe ich Ihnen denn eine Frist von 48 Stunden -- mein Mann! Aber,“ setzte er drohend wie ein Caraibe hinzu und rollte gräßlich die Augen: „sind diese verstrichen und ich habe mein Geld nicht.... dann, mein Mann -- lasse ich Sie durch zwei handfeste Polizeisoldaten holen -- und Ihnen kurzweg den Prozeß machen wegen Wechselfälschung, Betrügerei, Erpressung -- und noch einiger andern Nebenumstände... so wahr ich Sophronias Lips heiße und eben sowohl der Freund der Guten wie der Schrecken der Bösen bin.... Hier haben Sie mein siebenfaches Ehrenwort darauf! -- -- Wohlan denn: auf Wiedersehen!“ brüllte er wie ein Orkan.

Jetzt stürzte er fort -- man hörte draußen nur noch einige Keulenschläge, die er im Zorne gegen das Pflaster des Ganges machte....

„Auf Wiedersehen!“ dies sonst so freundliche Wort hätte kein Teufel fürchterlicher aussprechen können, als es Meister Lips gethan; es klang ganz so als hätte er gerufen: „Auf Wiederwürgen!“

* * *

Die anberaumte Frist war verstrichen.

Edmund, der nicht vermochte, die 6000 Dukaten aufzutreiben -- war verschwunden. Niemand wußte, wohin er kam; doch meldete einige Tage darauf ein Brief, der seinen Eltern von Prag aus zugesendet wurde, daß er in einer Ehrensache gezwungen gewesen sei, an die Grenze des Kaiserstaates zu flüchten -- von wo er ihnen jedoch bald weitere Nachrichten werde zufließen lassen....

* * *

Ach, welch ein Schlag traf die armen Eltern! Kaum hatten sie den Brief Edmunds gelesen, als sie von fremder Seite eine ganz andere Kunde empfingen. -- +Ihr Sohn war der Wechselfälschung und anderer Verbrechen angeklagt.+

Lips war der Kläger.

Leuben hatte ihn dazu bewogen, indem er ihm die volle Summe von 8000 Dukaten zu bezahlen versprach und im Augenblick der Denunciation auch sogleich 6000 bezahlte.

Drittes Kapitel.

Der Schmerz der Gatten.

Wir müssen uns bei unserer Erzählung nun um einige Tage in der Geschichte zurückversetzen. Es handelt sich darum, wieder zu Cölestinen und ihrem Gatten zurückzukehren, und sie in dem Augenblick und an jenem Orte aufzusuchen, wo wir beide zuletzt verließen. -- Wir wissen, wie jene furchtbare Scene geendet, in welcher Alexander einen so unzweifelhaften Beweis für die Untreue seines jungen Weibes erhalten zu haben glaubte -- wir wissen, daß er damals mit zertretenem Herzen und vernichtetem Sinne auf sein Zimmer floh und sich in das Dunkel desselben barg, wo ihm wohler ward, denn die äußere Lichtlosigkeit des Ortes harmonirte mit der dumpfen Finsterniß seiner Brust.

Dies ist Alles, was wir von der Begebenheit wissen; hier schnitten wir uns den ferneren Pfad ab -- hier eröffnen wir uns denselben wieder und wandeln darauf fort. --

Es ist von uns schon in irgend einem andern Buche gesagt worden -- daß es Keiner versuchen möge, die Qualen eines unglücklich Liebenden zu beschreiben; denn für diesen Schmerz haben wir keine Worte, für dies Unglück keine Farben.... Dieser Schmerz ist unbedingt der größte, der tiefste und der zerstörendste, von dem ein Menschenherz getroffen werden kann. -- Was sind alle Wunden, alle Qualen, jedes Siechthum des Körpers... was sind alle Leiden des Geistes und Herzens: Armuth, Noth, Verbannung, Demüthigung, Verläumdung, verfehltes Streben, verletzter Ehrgeiz, Verrath des Freundes -- Undank des Kindes -- -- und wie sie alle heißen mögen, die zahllosen Köpfe der Hydra, welche am Herzen der Edelsten genagt haben -- -- was sind sie alle gegen die Hyänenbisse der Eifersucht, gegen die Harpyien-Wuth betrogener, verrathener Liebe. -- -- Jedes Leiden, mag es auch noch so groß sein, hat dennoch seine bestimmte Begrenzung -- über diesen Umkreis hinaus fängt wieder die Welt für uns an mit ihren, wenn auch noch so wenigen, Freuden.... Nur Liebe, Liebe, zertretene Liebe kennt außer sich keine Empfindung.... denn sie ist so ungeheuer, daß sie den ganzen Raum unseres Daseins einnimmt -- unsern ganzen Horizont erfüllt. -- Wir haben außer ihr keine Welt -- keinen Himmel und keine Erde; -- und weil +sie+ denn so ganz und gar +Hölle+ ist, so leben wir in dieser auch vom Scheitel bis zur Sohle....

Fürwahr, wenn Einer es verdient, daß wir ihm eine Zähre des Mitleids weihen, so ist es der unglücklich Liebende.... er, der in seinem größten Schmerze selbst nicht weinen kann.

Da kommen sie dann, die Tage -- in denen er sich flüchtet in den Schooß der Wüsten und Einöden -- in Höhlen -- Klüfte und Abgründe und auf die Gipfel riesiger Berge -- hin, wo die wilden Thiere, der Wolf und der Steinadler hausen.... bei denen, wie er glaubt, er mehr Liebe und Treue finden wird, wie unter Menschen.... denn das ist nebenbei auch sein Fluch, daß er, betrogen von +einem+ Weibe, sie alle, ja die ganze Menschheit für Heuchler und Verräther hält.... Da kommen sie dann, die Nächte, in denen allein er wagt zurückzukehren zur Stadt, wo ihn jetzt keine Menschenblicke vergiften -- und keine Menschenworte verrathen können.... aber er kommt nicht hierher, um zur gewohnten Lebensweise zurückzukehren -- um sein Haus zu betreten oder gar seine Lagerstätte aufzusuchen.... nein, er kam nur, weil ihn unbewußt der Magnet zurückgezogen hat -- der ihn zwingt, bei +ihrem+ Hause vorbei zu gehen, wenn sie vielleicht längst schläft -- -- sich ihrem Fenster gegenüber in irgend einen Winkel zu bergen und es anzustarren -- mit der Qual eines Verdammten es anzustarren -- hinter dessen herabgelassenen Gardinen sie den süßen Schlaf der Glücklichen schläft.... Aber es dauert nicht lange -- so reißt es ihn empor und treibt mit wilder Gewalt ihn von hier weg -- weit, weit weg -- peitscht mit Wuth seine Füße, daß sie rennen -- rasen möchten bis an’s Ende der Welt ...... Jedoch nicht lange verträgt die elende Kreatur diesen Kampf... sie sinkt nieder -- und wenig fehlt, so würde sie ihren Geist aushauchen... dessen Leben jedoch aufgespart wird zu neuen Qualen....

So war es auch mit Alexander... so litt und kämpfte auch er. --

Zwei Tage lang blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer, ließ Niemand vor sich, selbst seine treuesten Diener nicht; was er an Lebensbedürfnissen für seine körperliche Hälfte brauchte -- ließ er sich wie ein Gefangener durch die Thür reichen. -- Da erzählten sich die Diener wunderliche Sagen von ihrem Herrn und was mit demselben vorgegangen sei -- so wie von dessen Aussehen. Ein in geheimnißvollen Dingen erfahrner alter Lakai (er hatte früher bei einem englischen Lord gedient, der viel mit Magnetismus, Sterndeuterei und „andern schwarzen Künsten“ sich abgegeben) meinte: des gnädigen Herrn bleiche Miene und sein übernatürlich glänzender Blick -- sodann die sonderbar eingesunkenen Wangen deuteten bestimmt -- auf einen Verkehr mit überirdischen Mächten hin, welcher in dem verschlossenen Studierzimmer, wo all’ die großen Bücher und die wunderbaren Werkzeuge (Kunstrequisiten) lagen -- stattfände...... Wozu ein anderer alter Diener mit einer rothen großen Nase, worauf viele kleine blaue Karbunkel, bemerkte: deshalb höre man zu Zeiten, besonders des Nachts, auch ein so heftiges Gehen und ein so wirres Hin- und Herreden... solche außerordentlichen Rufe, und was dergleichen mehr ist. -- Dieser alte Freund hatte -- wenn er betrunken war, schon so manchen Geist gesehen...

Am meisten bestärkte der Umstand die Dienerschaft in ihrem Glauben, daß ihr Gebieter -- sich standhaft weigerte, seine Frau vor sich kommen zu lassen, trotzdem, daß sie Tag und Nacht darum flehte....

In der That hatte Alexander allen Versuchen, die sie machte, um zu ihm zu gelangen, widerstanden. Ihre Bitten, ihre Klagen, ihr verzweiflungsvolles Flehen verhallte vor der Thür und wurde nur von den todten Wänden, nicht von ihm, vernommen....

Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht, wo er sie mit dem fremden Manne ertappt, hatte sie vergebens gewartet, ihn bei sich in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Boudoir oder im Gemache, wo sie gewöhnlich zusammen frühstückten, eintreten zu sehen.... sie hatte nach ihm geschickt, und als man ihr die Nachricht brachte, er sei noch in seinem Studierzimmer eingeschlossen -- -- begab sie sich selbst auf den Weg dahin, um ihn, wie sie glaubte, aus allzuemsiger Arbeit hervorzuziehen.... Sie gelangte zur Thür: wie erstaunte sie, dieselbe geschlossen zu finden; jetzt rief sie ihm -- jetzt bat sie ihn, sie bei sich einzulassen.... da wuchs ihr Staunen, denn er antwortete nicht. -- Nun glaubte sie, er sei nicht mehr hier, und schon wollte sie den Rückweg antreten -- -- da hörte sie ihn drinnen einen schweren Seufzer ausstoßen.... und voll Entsetzen schrie sie auf: „Um Gott! -- Alexander, was ist Dir geschehen? -- -- Hörst Du mich denn nicht?...“ Und weil er noch immer nicht antwortete, so rief sie Diener herbei und gebot ihnen, die Thür mit Gewalt zu öffnen, wähnend, eine Ohnmacht, irgend eine schreckliche Krankheit habe ihren Gatten überfallen....

In diesem Augenblick ertönte drinnen seine Stimme finster und gebietend: „Mir ist nichts widerfahren! -- Wage es Niemand, in meine Nähe zu kommen. Ich werde die übrigen Befehle geben!“ --

Von dieser Stunde an -- sehen wir das junge Weib fast den ganzen Tag über und tief in die Nacht hinein sich stundenlang vor der Thür aufhalten und mit ihren stummen und lauten Bitten, mit ihren Thränen und Seufzern die Luft erfüllen.... Doch, wie schon gesagt, er, der Unglückliche drinnen hört sie nicht.... ihn umschließt die glühende eiserne Mauer seines Schmerzes mit den scharfen Zacken der Schande umgeben... dieser Wall ist undurchdringlich. --

Endlich nach vielem Sinnen hatte Cölestine ein Mittel erdacht. In einer Stunde -- es war zur tiefen Nachtzeit -- nahte sie sich, wie sie so oft gethan, still auf den Fußspitzen dem Zimmer ihres Mannes. Vor der Thür angelangt, horchte sie lange -- sie vernahm außer dem Picken einer Pendule, die darinnen stand, nichts -- als die tiefen und starken Athemzüge eines in tiefen Schlummer Versunkenen. Es war Alexander. Behende holte sie aus ihrem Busen einen Schlüssel hervor, welchen sie in’s Geheim hatte verfertigen lassen -- und steckte ihn behutsam in’s Schlüsselloch.... Welches Glück! Er paßte vollkommen -- er drehte sich ohne Geräusch im Schlosse herum... nach zwei Augenblicken war die Thür geöffnet....

Cölestine stand im Gemache ihres Mannes. Sie schloß sogleich hinter sich zu, damit nicht ein Windzug die Thür bewege oder von draußen irgend ein Geräusch hereinschalle. -- Auf dem Tische brannte im düstern Lichte die Lampe und beleuchtete die Gestalt Alexanders, welcher angezogen auf einem Ruhebette hingestreckt schlief -- und dessen gramgebleichtes Antlitz -- worin zwei Tage die Leiden eines halben Lebens eingezeichnet hatten -- auf die Brust herabgesunken, ihm das Ansehen eines Mannes gab, der in der Kraft seiner Jahre dahinwelkt -- -- eine Eiche, getroffen vom scharfen Beil.

Namenloser Schmerz schien die Seele Cölestinens zu durchziehen, als sie das sah -- und da sie diesem Schmerz keinen Laut geben durfte, war es ihr, als ob ihre Brust mitten entzwei reißen sollte...

Da schien der Schlafende sich zu bewegen -- er wandte sein Haupt nach der Seite und sodann nickte er mit demselben wie zur Bejahung, wobei seine Lippen murmelten:

„Ja, ja, gewiß, sie hat mich betrogen!“

Diese Worte schnitten Cölestinen durch die Seele -- sie vermochte sich nicht mehr zu bemeistern -- alle Besinnung, alle Kraft hatte sie verlassen -- und mit dem lauten Ausrufe, dessen Ton jammervoll klang --:

„Nein! Gewiß, sie hat Dich nicht betrogen!“ stürzte sie vor ihn auf die Steine hin.... ohne nur zu wissen, was sie that.

Alexander erwachte: „Wer ist da?!“ rief er wild auf -- und blickte um sich...

„Ich, ich -- Dein unglückliches Weib, bin es! Cölestine, die elendeste der Frauen, kniet hier vor Dir -- sinkt an Deinem Lager nieder, wo sie gerne sterben und mit ihrem Tode es bezeugen möchte -- wie sehr Du sie verkannt....“

Mehr vermochte sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht zu sprechen; -- ihre Lippe schien erlahmt, ihre Zunge dürr wie getrocknetes Laub.....

Er sah sie von seinem Lager mit seinen glühend düstern Augen, welche in ihren tiefen Höhlen unbeweglich starrten, an -- er sah sie lange, lange, stumm und regungslos an -- nach und nach nahm seine leidenvolle Miene den Ausdruck des Staunens -- der Verwunderung an -- -- ein kaum merkliches und auch sehr trauriges Lächeln zog sich um seinen Mund, aus welchem mit tiefem und leisem Tone die Worte kamen:

„Sie sind es? -- Aber was wollen +Sie+ hier?“

Er betonte das Wort „Sie“....

„Oh, mein Gatte!“ dieser Ruf rang sich unter Schluchzen und schwerem Athmen aus ihrer Brust endlich los.... „Oh, mein Gatte!“ wiederholte sie, indem sie zitternd die Hände emporstreckte. -- --

Jetzt richtete er sich auf -- und verließ rasch sein Lager -- trat bis zur Mitte des Gemaches und sagte hier halbabgewendet -- dumpf:

„Verlassen Sie mich -- Gräfin!“

Sodann ging er zu einem Lehnstuhle und ließ sich hier nieder --

„Oh, mein Gott! Mein Schöpfer!“ rief Cölestine mit herzzerreißender Stimme... rang die Hände -- und bedeckte mit ihnen ihr von Thränen überfluthendes Gesicht, dessen Muskeln sich convulsivisch zu jenem entsetzlichen Schmerzensausdrucke bewegten -- welcher mit dem Lachen so viele Aehnlichkeit hat und den höchsten Grad innerer Leiden andeutet....

Eine Pause entstand.

Cölestine lag noch immer vor dem Ruhebette auf den Knieen, denn sie hatte nicht die Kraft, den Platz zu verlassen. Er sah sie mit keinem Blicke an, sondern starrte düster grollend vor sich hin -- auf die Wand, an welcher ein Bild hing, den Abschied Ulysses von seinem Weibe vorstellend.... Ein bitteres Lächeln malte sich auf seinem Gesichte, doch blieb er stumm, ließ keinen Laut seinem Munde entschweben....

Jetzt wurden die Klagetöne der jungen Frau zum wilden Geschrei: „Weh mir Armen!“ rief sie: „Was habe ich verbrochen, daß mich dies entsetzliche Schicksal trifft?! -- Womit habe ich den Himmel beleidigt -- daß er so grausam mich straft -- dieses namenlose, unmenschliche Leiden auf mich herabsendet?... Weh! -- Ich vermag es nicht länger zu tragen... mein Leben droht auszulöschen. -- O du mein Schöpfer, welches soll denn meine Schuld sein? Rede, rede, Vater im Himmel! Was ist denn mein Verbrechen?... Etwa, daß ich diesen Mann, den du mir zum Gatten gabst, liebte -- mehr liebte als mich -- als Vater und Mutter -- mehr vielleicht selbst als dich!? -- -- -- -- Ja, ja,“ fuhr sie fort, zusammensinkend auf den Boden -- und sich mit der Hand am Rande des Ruhebettes haltend -- „ja,“ sagte sie mit gedämpfterem Tone: „dies ist vielleicht ein Verbrechen -- aber es ist mein einziges, mein ganzes..... doch ist es ein Verbrechen an dir, o Herr des Himmels, -- -- und darum, darum strafst du mich -- es ist klar!“

„Aber,“ fuhr sie plötzlich empor und wieder schienen alle Lebensgeister ihr Herz zu erfüllen, mit neuer Kraft ihr Wesen stählend: „warum denn pflanztest du diese rasende, diese wahnsinnige Liebe in mich -- -- wenn sie eine verbrecherische ist?? -- -- Bin ich,“ schrie sie gewaltig auf: „jetzt noch immer schuldig?! Redet, verkündet mir es -- -- ihr Himmel!“

„Ach -- --“ sagte sie nach einer Weile, traurig das Haupt senkend und wieder ganz zusammenfallend: „Ihr seid und bleibt stumm... ihr habt keine Sprache für den Unglücklichen... ihr redet nur mit den Glücklichen....“ Da riß sie sich heftig vom Orte weg -- auf den Knieen schleppte sie sich in rasender Eile vor ihren Gatten hin -- zu dessen Füßen sie mit dem Rufe:

„So nenne Du, mein Gatte, mir das Wort, welches mich verdammt! So antworte Du, Mann, den ich so liebte, auf meine Frage? --“

Alexander jedoch bewegte sich nicht -- er blieb düster, kalt und stumm wie eine Bildsäule; erst nach einer Pause schien einiges Leben in ihn zu kommen, aber nur, um den Arm auszustrecken, um mit ihm gegen die Thüre zu weisen, so als sollte das heißen: „Fort, fort -- fort von mir.... ich habe mit Dir nichts weiter zu schaffen....“

„Aber,“ rief sie mit erstickter Stimme und umschlang seine Kniee, „man hört ja den Mörder, den Todtschläger, bevor man ihn verurtheilt und richtet... ja man redet sogar zu den unvernünftigen Thieren, zum Hunde, zu einem Pferde, indem man es züchtiget.... Nur mir, mir gegenüber ist Alles stumm, wie das Grab -- welches sein Opfer auch verschlingt, ohne ihm davon etwas zu sagen... O, Alexander! nimm mein Leben hin! tödte mich sogleich -- -- aber früher sage mir, weshalb Du mich verstoßen hast... denn es muß das verabscheuungswürdigste Laster sein...!“

Hier öffnete sich sogleich der Mund dieses zu Eis erstarrten Mannes: „Ja -- -- es ist das verabscheuungswürdigste der Laster! Du hast es selber ausgesprochen -- heuchlerisches Weib! Untreue, Verrath der ehelichen Liebe -- -- es gibt kein entsetzlicheres Verbrechen, dessen die Menschenbrust fähig wäre!“

„O ewige Vorsicht! -- ich habe es geahnt. -- So hat mein Fürchten mich nicht getäuscht! ... das, wovon ich am weitesten entfernt bin, wird mir aufgebürdet. -- Herr meines Lebens! nimm mich zu dir! Denn, schuldlos, wie ich bin, vermag ich unter so furchtbarer Anklage nicht länger zu athmen!...“

Nach diesen Worten, welche die Arme mit matter, kaum hörbarer Stimme aussprach -- -- fiel sie auf den Boden hin und verlor alles Bewußtsein....

Sie lag bleich und athemlos da wie eine Leiche.