Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 2

Chapter 23,549 wordsPublic domain

Nach diesen Worten schien es, als bräche sein innerstes Wesen zusammen. Er lag bewegungslos, starr wie ein Leichnam da -- -- und hätte nicht das schwere Stöhnen, welches er von Zeit zu Zeit hören ließ, Kunde von seinem Leben gegeben -- man würde ihn haben hinaustragen können zur Bestattung. -- Daher gab er auch auf die Frage, welche Leuben zuletzt an ihn that: „Und Marsan -- Dein Freund, der glänzende, großmüthige Marsan? -- -- Weshalb vertraust Du Dich nicht ihm an?“ -- keine Antwort.

-- -- Wir hoffen, der Charakter Edmunds von Randow ist unsern Lesern bereits deutlich genug vor Augen gestellt. -- Wie aus mehrfachen Scenen, in denen wir diesem jungen Menschen begegnet sind -- erhellt, haben wir es hier mit einer, aus zweien, scheinbar widerstreitenden Hälften zusammengesetzten, Natur zu thun -- diese Hälften jedoch, diese scheinbaren Gegensätze -- sind nichts weiter, als die zwei Theile einer aus derselben Wurzel entsprießenden Pflanze -- einer Blume, die Blüthen und zugleich scharfe Dornen trägt...

Wir wollen uns sogleich weitläuftiger über diese Sache auslassen und versuchen, ein Spiegelbild jener Menschengattung zu liefern -- in welcher der Krankheitsstoff unserer Zeit am entschiedensten zum Durchbruch gekommen. --

Edmund war ein leichtsinniger, ein verschwenderischer, ein nichtsthuender junger Mensch, der jedoch in gewissen Fällen der wärmsten Hingebung, der edelmüthigsten Aufopferung -- und einer bis zur reinsten Liebe gesteigerten Zuneigung fähig war. -- Er an und für sich war wenig... durch Denjenigen, an welchen er sich anschloß, konnte er jedoch Alles werden. Er hatte von der Natur weiter nichts mitbekommen, als ein weiches Herz und einen heitern Sinn; diese Gabe aber ist äußerst gefährlich; ohne die richtige Pflege bildet sich durch sie ein Charakter heraus, der zuerst blos +gut+ und +schwach+ scheint -- später jedoch +leichtfertig+ und +thöricht+ wird. Vermöge des Ersteren hing Edmund seinen Verwandten und darunter besonders seiner Schwester mit schwärmischer Liebe an -- vermöge des Letztern schloß er schnell mit Jedermann -- am schnellsten mit lustigen Brüdern Bekanntschaften und Bündnisse.

Welche Resultate für sein Leben, für seine persönlichen Verhältnisse hieraus erwuchsen, ließ sich voraussehen. Da es in der menschlichen Natur liegt, mit einem Gemüthe, wie das Edmunds, dem Bösen zugänglicher zu sein als dem Guten, so war auch nichts natürlicher, als daß bei ihm der Einfluß seiner +Freunde+ jenen seiner Verwandten nicht nur überwog -- sondern in progressivem Verhältniß langsam vernichtete, dermaßen, daß Edmund zum Beispiele im gegenwärtigen Zeitpunkte -- Dank dem elenden Leuben -- Althing -- dem alten Wollheim und dem Würger Lips, der anfangs als +Freund in der Noth+ galt, -- Dank also diesen schlechten Freunden -- in diesem Augenblick auf einem schauderhaften Gipfel des Elends und der geheimen Noth stand.

Daß es das Geld ist, welches im vorliegenden Falle wieder den _nervus rerum_ vorstellt, läßt sich leicht errathen; wann sollte dieses fluchwürdige Princip nicht das herrschende gewesen sein -- -- mag man auch die Bücher der Weltgeschichte, von den grauen Zeiten des Alterthums bis auf die neuesten, durchblättern.... wo war es dies nicht stets? -- Fürwahr, man ist versucht, dieses Princip für dasjenige zu nehmen -- von welchem die Bücher der heiligen wie die der weltlichen Weisheit als von dem +bösen+ sprechen. -- --

Wir könnten hier eine lange Expectoration einschließen -- wir könnten hier mit sanften Engelsstimmen sowohl wie mit dem Brüllen des Donners reden, um unserm Satz die rechte Verständlichkeit und Kraft zu verleihen; wir könnten tausend Mal fragen: „Wo ist das Gute, welches durch den Mammon gestiftet wurde?“ -- ohne daß man uns hierauf auch nur eine einzige Antwort zu geben vermöchte; -- -- wir könnten hinwieder fragen: „Wo ist das Böse, das durch ihn angerichtet wurde?“ und auf der ganzen Erde würde jeder Punkt rufen: „Hier! hier! hier!“

-- Doch zu solchen Experimenten ist hier weder Zeit noch Raum, und so kehren wir denn wieder zu den wesentlichen Theilen unserer Darstellung zurück.

Als wir Edmund zum ersten Male sahen, fanden wir im Aeußern einen jener lustigen, ausgelassenen, dabei gutmüthigen jungen Kavaliere, an welchen in großen Städten eben kein Mangel ist. Wir hatten jedoch zu jener Zeit uns noch nicht näher um ihn bekümmert... wir hatten noch nicht nach seinen inneren Zuständen geforscht und so konnten wir leicht über ihn +lachen+; wir hatten noch keine Ursache, uns wegen seiner zu +betrüben+ -- denn ein Mensch kann lustig, ausgelassen und bei dem Allen doch sehr glücklich sein. Als uns Edmunds schönes Verhältniß zu Cölestine, als uns einige der edleren Eigenschaften seines Herzens bekannt wurden -- mußten wir sogar für ihn eingenommen werden. -- -- Aber nur zu bald enthüllten sich unserem Blick alle jene düstern Einzelheiten dieses Wesens und Lebens, welche nicht mehr geeignet sind zu belustigen, sondern wodurch unsere bisherige Theilnahme dem Schreck, ja dem Ekel wich. -- Wir sahen Edmund nicht mehr blos aus Leichtsinn und Unüberlegtheit sich thörichten Neigungen hingeben -- sondern mit schamlosem Bewußtsein; -- ja wir erblickten ihn zuletzt sogar in den Armen der nichtswürdigsten Laster.... und bald, bald werden wir mit Entsetzen vor ihm fliehen. --

Dahin jedoch mußte die Consequenz eines Treibens, wie das seinige war, ihn führen, und dahin wird Jeder kommen, der, gleich ihm, auf die Sirenentöne jener Leute hört, die sich uns im gewöhnlichen Leben häufig als unsere „+besten Freunde+“ bezeichnen. -- Wenn wir die Liste der Kameraden Edmunds durchgehen -- welche Subjecte finden wir da! Alle Sorten der Thorheit und des Lasters -- von der niedrigsten Stufe bis zur schwindelndsten Höhe. Zuerst den im Ganzen unschädlichsten alten Gecken +Althing+, an dessen Seite er zuerst die traurige Süßigkeit des Müßiggangs und die lügnerische der Galanterie kennen lernte; sodann den albernen Jäger und Säufer Wollheim -- mit dessen Hilfe er schon um einige Stufen höher stieg. -- Diese zwei Leute beglückten ihn durch jahrelangen Umgang und nannten ihn in allem Ernste ihren „+Schüler+“, sowie er dieselben lange Zeit hindurch als seine „+Meister+“ anerkannte. Später sodann machte er die Bekanntschaft des Chevaliers -- und diese wirkte eben wegen ihrer direkten Entgegengesetztheit am verderblichsten unter allen bisherigen auf ihn; denn durch dieselbe plötzlich in eine Sphäre gerissen, worin er sich noch niemals befunden -- gerieth er in abscheuliche Verlegenheiten -- denen er nur dadurch entkam, daß er seine Zuflucht zu dem allesvermögenden Götzen des Geldes nahm -- ein Götze, welcher den jungen wüsten Verschwender rasch in die Klauen seines Priesters: des Meister Lips führte...

Zu Allem diesen kam noch, gleichsam als Krone des Werkes -- die Verbindung mit Leuben, welche dieser seit Kurzem absichtlich und dringend suchte und auch sehr leicht gefunden hatte. -- Leuben, früher ein gewöhnlicher Mensch und ein verliebter Wahnsinniger, trat ihm jetzt als der ausgemachteste Roué entgegen und führte ihn in noch tiefere und stinkendere Kloaken des Lebens -- als in welchen der Thor Edmund bisher gewatet hatte.

-- -- So standen die Sachen und nun antworte man uns: ist hier nicht ein ursprünglich zu Gutem bestimmtes Gemüth, eine an sich reine und edle Natur untergegangen? Doch -- so mächtig ist der Keim des Göttlichen in uns, daß er, und wäre er auch nur so groß wie ein Samenkorn, die hundertfachen Schichten des Lasters und des Bösen, von denen er eingeschlossen wird, und die ihn gerne ersticken möchten, dennoch durchdringt -- um über ihnen, wenn auch nur auf Augenblicke zu leuchten.... den blinden Thoren sehen zu machen.

-- Die gefürchtete Stunde nahte heran; je näher sie kam, je heftiger zitterte das Herz in dem Leibe des Elenden. Leuben hatte ihn verlassen .... er wollte nur kurze Zeit wegbleiben, um seinen Anzug in Ordnung zu bringen, dann wollte er, wie er sagte, wieder kommen, und aus freiem Antriebe seinen „unglücklichen lieben Freund Edmund“ mit einem Darlehen -- gegen die Wuth des Meister Lips schützen. Das hatte er ihm gelobt. -- Was er jedoch that, bestand in Folgendem: er verfügte sich von hier zuerst zu dem andern „lieben Freunde“ +Theobald Wurmholzer+, sodann -- denn die Verbindungen, welche er seit einiger Zeit angeknüpft hatte, reichten weit -- zu seinem dritten „lieben Freunde“ dem Meister +Sophronias Lips+.... und setzte diese zwei Ehrenmänner von der Gemüthslage Edmunds in Kenntniß. -- Er handelte, wie man sieht, nach einem Systeme, dessen Ziele uns immer näher und immer zahlreicher vor den Blick treten -- bis wir sie zuletzt als Schlußstein eines ganzen Intriguengebäudes sehen werden -- welches Gebäude bestimmt ist, auf die Welt darunter zusammenzustürzen, -- wenn anders nicht etwa eine mächtigere Hand noch bei Zeiten dazwischen fährt, zertrümmernd den arglistigen, verderbenschwangeren Bau.... erlösend und versöhnend die Welt, welche so lange in diesem Kerker geseufzet. --

Zweites Kapitel.

Die Nichtswürdigen.

Eben hatte es auf einem Thurme in der Nähe elf Uhr geschlagen. Dieser Klang tönte erschütternd durch die Ohren Edmunds, welcher sich von seinem Lager noch immer nicht erhoben hatte, sondern dasselbe Stunde für Stunde mit seinem Angstschweiße tränkte -- gleich einem Armensünder-Lager. Wir haben bereits Vieles von dem Treiben und Thun dieses verlornen Jünglings erzählt -- wir haben jedoch noch nicht Alles, noch nicht das Letzte gesagt. -- Edmund von Randow, der Sohn eines der edelsten und ruhmvollsten Häuser des Landes, war nicht nur Müßiggänger, Libertin, Verschwender, Spieler und ein Roué der gemeinsten Klasse geworden -- -- Edmund von Randow, der Sohn eines der ersten und vornehmsten Geschlechter zweier Reiche -- -- war sogar bis zum +Betrüger+ hinabgestürzt....

Nachdem wir dies entsetzliche Wort ausgesprochen haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als es zu rechtfertigen, und dies soll sofort geschehen.

Es waren seit dem letzten Glockenschlage noch kaum einige Minuten verflossen, als nicht der Baron von Leuben, wohl aber Herr Theobald Wurmholzer in’s Zimmer trat. Auf die Stirne dieses Menschen hatte sein Leben und sein Handwerk Züge gezeichnet, die nicht zu verkennen waren. -- Herr Theobald erschien mit einer lustigen Schurkenmiene und einem schmetternden „Guten Morgen!“ Als er Edmund, dessen Zustand und Lage erblickte -- brach er laut in die Worte aus: „_Sacre bleu!_ Was ist denn das? Hat für meinen Busenfreund Edmund der Hahn noch nicht gekräht? -- _Bougre!_ das nenn’ ich einen guten Schlaf -- der freilich auch einem guten Tage folgt....“

Edmund begnügte sich damit, sich halb aufzurichten und dem Abscheulichen eine Art von Willkomm entgegen zu murmeln, womit dieser zufrieden schien, denn er setzte sich, nach dem Brauche solcher Herren, ohneweiteres auf das Bett -- und fuhr in seiner lärmenden Weise fort: „Sie werden wissen, mein verehrungswürdiger Freund Randow -- daß ich nicht gekommen wäre, Ihren süßen Schlaf zu stören, nöthigte mich hierzu nicht jene dringende Pflicht, die ich gegen mich selber habe und die Ihnen hinlänglich bekannt ist; Sie begreifen --: Die heiligste Pflicht des Gentlemans und Spielers besteht in --“

Edmund fuhr bei dem letzteren Worte ein wenig überrascht in die Höhe --: „Sie nennen sich also kurzweg: einen Spieler!“

„Darauf kommt es hier nicht an und es wird Ihnen auch gewiß sehr gleichgiltig sein...“

„Ich meine nur -- -- bisher haben Sie sich unter diesem Titel noch nicht vorgestellt....“

„_Diable!_ -- dies will ich schon glauben!... Wer in der Welt wird sich bei einem fremden Menschen gleich als +Spieler+ einführen? -- Es wäre sehr gegen die Lebensart! -- Allein nachdem man zusammen drei bis vier Nächte hindurch am grünen Tische gesessen -- nachdem man mit Einem überdies auf Ehrenwort gespielt -- und endlich gar an ihn eine Forderung von circa 2000 Ducaten zu stellen hat -- darf man sich doch wohl kurzweg als das bezeichnen, ... was man ist, _Tonneur de Dieu!_ -- Welchen Titel soll man für sich erfinden? -- -- Man hat von Jemand für einige Sätze im _rouge et noir_ 2000 Ducaten zu fordern... also ist man ein +Spieler+.“

„An dieser Logik ist wohl nichts auszusetzen --“ versetzte Edmund eintönig und mit bitterem Lächeln -- --; „ich hätte längst selber von ihr Gebrauch machen sollen....“

„Allein, wie ich sehe, _mon cher_ -- -- so jagen wir uns da mit einer nutzlosen Phraseologie ab... und beim Himmel! meine Zeit ist sehr kostbar: ich habe heute noch wichtige Geschäfte in Ordnung zu bringen. Kommen wir daher zur Sache! -- +Haben Sie das Geld in Bereitschaft+, _mon petit coeur_?“

Mit kurzen Worten antwortete Randow: „Ich habe nichts in Bereitschaft. Ich besitze keinen Heller!“

„Wie -- Sie besitzen keinen Heller!“ schrie Herr Theobald so mächtig, daß es draußen auf allen Gängen widerhallte: „_Morbleu!_ -- Sie besitzen keinen Heller!“ Theobald war aufgesprungen und hatte sich vor ihn hingestellt: „Was ist dies für eine sonderbare Erklärung -- mein Herr von Randow?“

„Die Erklärung ist sehr einfach und noch dabei sehr wahr;“ sprach Edmund mit einer Ruhe, deren man ihn nach seiner früheren Stimmung nicht fähig hätte halten sollen. -- Allein freilich die früheren Bewegungen seines Innern standen weniger mit diesem als mit dem andern Falle, mit dem Meister Lips, in Verbindung.

„_Enfin!_“ rief der Spieler: „Sie zahlen also nicht: Sie tragen Ihre Schuld nicht ab -- mein Herr?“

„Es ist mir unmöglich -- mein Herr.“

„Wissen Sie auch, mein Herr -- daß dies eine Ehrenschuld ist?... daß Sie auf’s +Wort+ gespielt haben?“

„Ich weiß es, ich weiß Alles.“

„Und dennoch -- glauben Sie mir so mit der größten Seelenruhe sagen zu dürfen, daß Sie nicht zahlen wollen?...“

„Allein -- was soll ich Anderes thun? Sagen Sie es selbst, mein Herr!...“

„Dies -- _mon Dieu_!“ versetzte scheußlich lachend Herr Theobald -- der nach Art der Leute seines Metiers unabläßlich mit französischen Brocken um sich herum warf... „Dies, _mon Dieu_ -- ist doch fürwahr nicht meine Sache... es geht mich nicht im Geringsten an... _Sacre!_ Was soll ich Ihnen denn noch sonst sagen, als: zahlen Sie! zahlen Sie -- -- ich muß auch zahlen! -- --“

Der junge Mensch antwortete nicht -- er seufzte nur und rieb sich die Stirne, die zu zerspringen drohte unter den Gedanken, welche -- nicht Herrn Theobald betrafen.

„Endlich, mein Herr,“ nahm dieser sich zusammen und blickte ihn wild und finster an: „Endlich -- damit wir zum Schlusse kommen: was ist Ihre Absicht? Wollen Sie mich als Mann von Ehre, wie es Ihrem Stande angemessen, befriedigen -- oder aber wünschen Sie, daß ich noch in dieser Stunde zu Ihrem Vater gehe -- -- und den würdigen General von Randow veranlasse, das Wort seines Sohnes und dessen Reputation zu retten?... _Morbleu!_“

Der Spieler war richtig berathen. Kaum hatte er den Namen von Edmunds Vater genannt, als der Jüngling erschrocken vom Lager aufsprang und im Nu aufrecht stehend sich seinem Gläubiger gegenüber befand: „Um Gotteswillen, mein Herr!“ rief er mit bebender Zunge: „Thun Sie das nicht! Machen Sie keinen Schritt aus diesem Zimmer -- bevor unsere Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht ist. -- -- Sie wollen, ich soll Ihnen 2000 Ducaten bezahlen. -- Nun wohl -- nun wohl.“

Er sann einen Augenblick nach -- -- jetzt hatte sein ganzes Denken sich um diesen Punkt konzentrirt: „Hören Sie meinen Vorschlag! -- Gedulden Sie sich noch bis morgen -- dann sollen Sie Alles bis auf den letzten Pfennig erhalten...“

„_Tonneur!_ -- --“ versetzte der Spieler schon mit einem viel heiteren Tone: „das geht nicht, mein Bester! -- Das wird nicht gehen! .... Wie ich es immer auch herumdrehe -- wie ich auch immer kalkulire.... ich brauche das Geld noch heute...“

„Nun denn --“ bedeutete Jener, dem der Angstschweiß von der Stirne rann: „dann geben Sie mir mindestens einige Stunden Frist -- -- z. B. bis zum Nachmittage...“

Nach einer Pause rief Theobald aus: „_Eh bien donc!_ -- Bis zum Nachmittage -- 3 Uhr will ich warten, _mon coeur_... bis 3 Uhr also .... Jedoch länger nicht eine Minute... fürwahr ich kann nicht! _Parole d’honneur_ -- es liegt nicht in meiner Macht.... es ist unmöglich ... _c’est impossible!_“

„Nun denn -- um 3 Uhr holen Sie hier das Geld ab.“

„_Bon, bon!_ -- Ich werde hier sein -- _sans doute_ -- ich werde erscheinen, _mon très cher ami_! -- Also: -- _au revoir_!“

Er reichte ihm die Hand hin -- die der Unglückliche ergriff und drückte, als sei sie die Hand eines Ehrenmannes. Darauf verließ Monsieur Theobald Wurmholzer das Zimmer. --

-- Kaum war er fort, als schon wieder an der Thür geklopft wurde. Dieses Klopfen erkannte Edmund -- es drang ihm erschütternd durch Mark und Bein. Sogleich öffnete sich die Thür und herein trat, mit lächelndem Joko-Gesichte und der trauten Keule in der Hand, Meister Sophronias Lips, Wechsler, Antiquar, Juwelier, Hühneraugen-Operateur und Würgengel dieser guten Stadt. Er war ganz so anzuschauen, wie wir ihn sahen, als uns das unaussprechliche Glück ward, zum ersten Male mit ihm zusammenzutreffen. Da war wieder der mittelalterliche Gustav-Adolph’sche Rock, halb Frack und halb Jacke -- da waren wieder die antediluvianischen Beinkleider -- da die Wunderstiefeln, der eine mit Stulpen, der andere ritterlich trichterförmig mit einem Stück Sporren daran -- da war auch der Hut, _vulgo_ Pferdesattel -- da die heidnische Priesterweste -- -- da endlich -- und natürlich im vollen Glanze, die herrliche Keule, diese Königin unter den Handstützen.

„Mein Gnädigster -- ich habe die Ehre, Ihnen einen vortrefflichen Tag zu wünschen... ’s ist recht kalt heute, auf Ehrenwort!“ So begrüßte der Biedermann unseren Freund, der sich bei dessen Eintritt erhoben hatte und ihm wie einem Manne von Rang entgegen ging... jedoch sprach Edmund nicht ein Wort. Um so mehr Gelegenheit hatte hierzu Meister Lips und er schien Lust zu haben, heute von dieser Gelegenheit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen: „Nun, wie geht es Euer Gnaden?“ begann er lächelnd, mit dem Kopfe nickend und seine holde Keule schwingend: „Wie befinden Sie sich, mein Gnädiger, he? -- Hoffentlich geht es Denenselben recht wohl -- was mich ausnehmend freuen würde, auf Ehrenwort! -- Und wie haben Dieselben geschlafen?... Wahrscheinlich gut!“

Wie schon gesagt, Edmund war, trotz dieser Zuvorkommenheit und Cordialität des Meister Lips -- an Worten ein Bettler; kaum daß er ihm alle diese Fragen im Allgemeinen beantwortete; jedoch schien Lips das nicht zu beachten und fuhr fort, seine Freundlichkeit zu verdoppeln, zu verdreifachen... so daß es eine wahre Lust war, diesen, an sich so cynischen Philosophen, jetzt eine Fluth der galantesten Redensarten ausströmen zu hören.

Im Ganzen fand eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lipsens gegenwärtigem Betragen und demjenigen statt, welches Herr Theobald Wurmholzer bei seinem Eintritt in diese Stube angenommen hatte. Die Sache ist sehr einfach. Sie wiederholt sich bei jedem Gläubiger. Wenn Euch ein solcher besucht, ist er die Artigkeit und Liebenswürdigkeit selber -- -- kaum aber habt Ihr mit ihm einige Worte gesprochen, so wirft er rasch die Maske ab -- -- er will von Euch Geld haben und keine Worte -- er wird ernst -- grob -- unverschämt -- so zwar, daß Ihr, die Ihr anfangs die zärtlichsten Freunde zu sein schienet -- als die bittersten Gegner, als Feinde auf Tod und Leben von einander scheidet. -- -- -- -- Eine merkwürdige psychologische Erscheinung; jedoch sehr bewährt, sehr bewährt!

Doch folgen wir ruhig dem Gange des Gespräches unserer zwei Männer und sehen wir zu, wie sich dasselbe nach und nach entwickeln wird.

„Allein -- mein theuerster, mein verehrtester, mein süßester Gnädiger -- -- Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, wie Sie so eigentlich sich fühlen; und doch wissen Sie, welchen namenlos gewaltigen Antheil ich an Dero Wohlbefinden nehme -- -- Auf Ehrenwort! ich würde lieber mir selbst meine rechte Hand abhauen -- -- als daß ich Sie nur den allerleisesten Schaden nehmen sähe. Auf Ehrenwort!“

„Ich danke, Herr Lips, ich danke!“ antwortete der Jüngling und setzte sich neben den Alten, welcher auf dem Sopha Platz genommen...: „Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß es mit meiner Gesundheit leidlich steht -- bis auf eine kleine Erregung noch von gestern her.....“

„Ei, ei -- Sie müssen sich schonen, Gnädigster! Wirklich, das müssen Sie.... So eben bemerke ich, daß Ihr theures Angesicht wirklich Spuren trägt von -- von -- -- nun gleichviel wovon.... Doch, mit einem Worte, Sie müssen sich schonen. O wie schade wäre es um einen so ausgezeichneten Kavalier!“

„Sie sind sehr gütig, mein Herr....“

„Es ist mein heiligster Ernst, auf Ehrenwort! -- Allein weshalb nennen Euer Gnaden -- mich heute stets „mein Herr“ und „Sie“ und so fort?.... Womit habe ich es verdient, daß das trauliche, das ehrende +Du+, womit Sie zu anderer Zeit mich anredeten und was meinem treuen Herzen so wohl that -- daß es, sage ich, heute plötzlich verschwunden ist?....“

Hierauf erwiderte Edmund nichts. Sein Blick, der starr vor sich hin gerichtet war, verdüsterte sich immer mehr; denn diese sarkastische Freundlichkeit des alten Schurken erschreckte ihn mit Recht im Innersten der Seele...

„Und wozu,“ fuhr dieser fort, -- „sind hier die Fenster geöffnet, gnädiger Herr? -- Dies kann für eine so zarte und edle Constitution, wie die Ihre, sehr nachtheilig werden. -- Und als treuer Freund oder vielmehr Diener halte ich es für meine Pflicht, dieses große Unglück nach Möglichkeit zu verhüten.... weshalb ich mir auch die Freiheit nehme, Ihre Fenster ein wenig zu schließen.... oder aber mich selbst vor sie hinzustellen, um auf solche Weise mit meinem eigenen Leibe Sie zu schützen...... Auf Ehrenwort!“ Wirklich ging er hin und that, wie er sagte; er verschloß die Fenster -- und da eines derselben vom Winde in der Nacht zerschlagen worden war, stellte er sich da gleich einer Schildwache auf....

„Allein,“ fuhr er fort und balancirte seine Keule auf dem Nagel des kleinen Fingers -- „allein,“ sagte er und jetzt ließ er dieses ungefähr 20 Pfund schwere Instrument wieder herabgleiten und begann dasselbe in einem Kreise herumzuschwingen, gerade so als wäre es eine Reitgerte -- --: „ich sehe, daß meine Reden Ihnen Langeweile verursachen -- Hochgebietender .... und so will ich Sie denn nicht länger mit ähnlichen belästigen, sondern mich augenblicklich hinwegzaubern -- sobald ich nur erst noch zwei unumgänglich nothwendige Wörtchen mit Höchstdenselben gesprochen haben werde. Also: wie steht es mit unserer Angelegenheit, Durchlaucht? Haben Allerhöchstdieselben jene lumpichten 6000 Holländerchen schon in Bereitschaft gelegt?... und wo sind die allerliebsten Dingerchen -- damit ich sie berge in meinen väterlichen Schooß?“

Hier nun wieder ging an dem Jünglinge eine Veränderung vor, welche mit der vorigen in Gegenwart Theobalds, und zwar aus derselben Ursache entsprungen, eine große Aehnlichkeit hatte... Edmund erhob sich kalt und ruhig, sein Auge richtete sich fest auf seinen Gegner und sein ganzes Wesen schien plötzlich jener wunderbaren Fassung theilhaftig geworden zu sein, welche uns stets vom Muthe -- nicht selten aber auch von der Verzweiflung verliehen wird. „Herr Lips,“ begann Edmund mit Würde: „wozu sollen wir diese Sachen in die Länge oder gar in’s Scherzhafte ziehen. Reden wir ernst und kurz mit einander -- denn bei Gott! mir ist es sehr ernst um die ganze Angelegenheit. Sie, vermöge Ihres Scharfblickes und Ihrer Menschenkenntniß (Eigenschaften, die Ihnen selbst Ihr Feind zugestehen muß) --“

Signor Lips verbeugte sich und salutirte mit seiner Keule wie ein Offizier mit seinem Degen --

„Sie können sich unmöglich auch nur einen Augenblick lang über die Lage, worin Sie mich jetzt finden, täuschen. Sie wissen recht gut -- daß ich ärmer bin als ein Bettler -- zahlungsunfähiger als ein Kind -- daß ich indessen auch den redlichsten und eifrigsten Willen habe, Alles zu thun, was in meiner Macht steht, -- und sollte es auch mit Aufopferung meines halben Lebens geschehen...“