Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)
Part 12
In diesem Augenblicke gab sie einem dicken Kerl, der in der Tracht eines Verschnittenen steckte -- und einen großen Korb in der Hand hielt (der Kerl war so eben erst eingetreten und hinter einer Draperie stehen geblieben, so daß er noch von Niemand bemerkt wurde), einen Wink; er trat mit seinem Korbe vor und auf ein neues raschgegebenes Zeichen schritt er in den Salon -- geradewegs auf die Damen des Frauenvereins zu, denen er, bevor sie noch Zeit hatten, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen, den Korb vor die Füße stellte -- worauf er rasch in’s dichteste Gedränge verschwand...
Jetzt ertönte ein lautes Geschrei aus dem Korbe -- man öffnete ihn..... und Alles prallte zurück.
In dem Korbe lagen drei kleine Kinder, deren jedes einen Zettel in der Hand hielt, wovon der erste so lautete:
„An die Frau Baronin von **!“
Geliebteste! -- Hier sende ich Ihnen Ihren und meinen Sohn zurück, welchen ich Ihrem Willen gemäß insgeheim bei meiner Mutter erziehen lassen sollte, nachdem Sie ihn dort geboren hatten, während die Welt glaubt, Sie seien mittlerweile auf einer Reise nach Venedig begriffen gewesen. Da Sie meiner Mutter, der armen Frau, das Kostgeld bereits seit 14 Tagen nicht haben zugehen lassen, sehen wir uns zu dem gegenwärtigen Schritte gezwungen, falls das kleine Würmchen nicht Hungers sterben soll.
Ganz der Ihrige bis in den Tod +Andreas Tunker+, Schmiedegeselle in Penzing.
Die andern zwei Zettel, an zwei andere Frauen, welche ebenfalls hier saßen, gerichtet -- enthielten ähnlichen Text, daher wir es für überflüssig halten, denselben anzuführen.
Es gab eine entsetzliche Scene! Die Residenz hatte sie bisher noch nicht erlebt -- -- aber das Unerhörte erneuert sich in unserer Zeit, besonders wenn es von dieser natürlichen Art ist, wie das gegenwärtige.
Nachdem die betreffenden Frauen gebührend in Ohnmacht gesunken waren, nachdem man sie und auch die Kinder weggebracht hatte -- nachdem schließlich die edelste der Stiftsdamen und Menschenbeglückerinnen im Stillen ein heißes Dankgebet an Samiel oder irgend einen Andern von seiner Sippschaft gerichtet hatte.... gab sich die übrige Gesellschaft im Aeußern wieder zur Ruhe.... wie es jedoch im Geheimen bei ihr bestellt war, davon wird man sich leicht einen Begriff machen.
Der Herr des Hauses war durch den Vorfall auf’s Tödtlichste verletzt.... er hatte sogleich allen seinen Domestiken den Befehl ertheilt, dem dicken Ueberbringer des überraschenden Festgeschenkes nachzusetzen.... von demselben war indessen keine Spur mehr zu entdecken.
Dieses Intermezzo war kaum zu Ende -- -- als ein zweites, ein anderes, dem es ebenfalls nicht an Originalität gebrach, begann....
Die nach dem Korridor gehende Thür des Spielzimmers wurde aufgerissen und zwei Menschen stürzten herein, deren Aussehen und Zustand der ganzen Gesellschaft einen Schrei entriß...
Ein älterer, großer, starker Mann, der von allen gebräuchlichen Kleidungsstücken nur die Beinkleider und das Hemde auf dem Leibe hatte -- welches letztere jedoch sowohl vorne offen und aufgerissen, wie an dem Arme bis über die Ellbogen hinaufgeschürzt war.... stolperte mit einem rothen, erhitzten Gesichte, in dem die Augen furchtbar rollten, herein -- schrie mit einer Stimme, die einem Löwen anzugehören schien und focht dabei mit den Armen in der Luft umher:
„Ha! --“ rief er: „endlich sind wir da! -- Endlich haben wir den Platz gefunden! -- Endlich können wir uns produziren....“
Bevor wir jedoch weiter gehen, müssen wir erzählen, wie der Zweite aussah.
Dieser war ein ganz junger Mensch -- und befand sich in demselben Zustande, wie sein Begleiter. Sein Gesicht war krankhaft, bleich, und selbst der Geist, welcher jetzt im Innern der Brust wirkte, vermochte nicht, ihm eine lebhaftere Röthe zu verleihen; dieses Gesicht nun hatte auf der einen Wange eine große, weit klaffende Wunde, von welcher, wie es schien, erst vor Kurzem, und zwar gewaltsamer Weise, der Verband abgerissen worden war.... auch der rechte Arm war verwundet und es drang selbst durch das Hemd noch Blut heraus. Im Uebrigen erschien der Anzug des Jünglings noch paradiesischer wie jener des Alten.... maßen dieser biedere Jüngling in Socken umher ging und das Beinkleid bis zum Bauch hatte herabfallen lassen. -- --
Man wird es vielleicht schon errathen haben: wir sehen +Wollheim+ und +Edmund+ im erleuchtetsten Zustande vor uns....
„Oh!“ brüllte der Nimrod: „das war ein schändlicher Streich, welchen man mir seit so vielen Monaten gespielt hat.... Man hat mir meinen Freund, Schüler, mein Jüngelchen entzogen.... man hat ihn unten in der Nähe des Kellers in einer verschlossenen Stube gefangen gehalten.... Beim St. Hubertus! Das ist ein Verbrechen, welches mindestens der +Waldbrennerei+ gleichkommt und mit dem Spießen sollte bestraft werden.... Da gehe ich armer verlassener Jägersmann, in meiner Trübsal -- Stärkung zu suchen in unterirdischen Räumen -- über die Treppe hinab. -- Ich verfolge meine Fährte in diesem guten Hause hier Schritt für Schritt und gelange richtig.... vor die Kellerthüre. -- Aber, Alle Sechzehnender! -- -- sie ist verschlossen.... da fange ich an zu rütteln -- -- es geht nicht -- -- da rufe ich und schreie nach dem Kellermeister.... Jetzt plötzlich geht eine andere Thür neben mir auf.... und wer stürzt mir um den Hals?.... Der Kellermeister aller Kellermeister! -- Mein Freund, mein Schüler, mein Jüngelchen, mein Stolz, mein Königshirsch.... kurz Edmund!“
Bei diesen Worten stürzte nun auch er ihm um den Hals und diese beiden trefflichen Schützen begannen laut heulend zu weinen. --
„Ich wollte blos,“ sagte der Graf: „der Welt und seinen betrübten Eltern ihn zeigen, ihnen verkünden, daß er lebt -- lebt -- in ihrer Nähe ist -- und weder bei einem Duell bei Prag fiel, noch sonst wohin an’s Ende der Welt reis’te.... wie so oft von schändlichen Lügenmäulern vorgegeben wurde.... Aber,“ schrie der Jäger wild auf wie im Walde: „das muß untersucht werden! Alle Kreuz- und Quer-Fährten, das muß untersucht werden! Weßhalb hat man diesen jungen hoffnungsvollen Ritter und Waidmann in Gefangenschaft gehalten?.... weßhalb hat man diese Blume der Jünglinge hinter Riegel und Schloß gesteckt?.... denn er schmachtete da unten in dem dumpfen Loche, wie er sagte, seit mehrern Monaten. -- Weßhalb also, frag’ ich noch einmal?...“ Hier wurde der Redner jedoch so schwach, daß er sein Gleichgewicht verlor und auf die Stiftsdame fiel....
Marsan hatte der Scene mit wüthenden Blicken zugesehen und eben sich beeilt, mit Hilfe zweier Herrn sich der Trunkenen zu bemeistern, als, an diesem, an Ereignissen unerschöpflichen, Tage -- ein neues hereinbrach.
In dem Augenblick, wo Marsan auf Edmund zuschritt, trat eine Person -- von Außen herein und stellte sich rasch zwischen Beide.
+Es war der Graf Alexander von A--x.+
Er sah bleich wie der Tod aus und stützte sich auf einen Stock.
Mit der Hast des Blitzes -- warf er seinen Blick auf den Chevalier und sodann auf Edmund ... da trug sich ein physiologisches Phänomen zu, welches unerhört sein mochte. Die bleiche Krankenmiene Alexanders -- strahlte im Nu von Leben, Kraft und Entzücken.... und seine früher convulsivisch zuckenden Lippen stießen einen mächtigen Freudenruf aus:
„Großer Gott -- was seh ich! Ist es möglich! -- Nicht Sie, mein Herr,“ wandte er sich zum Chevalier „sind in jener Nacht von einem Degen getroffen worden -- sondern +Edmund+ der Bruder meiner Frau...?.... So hat also er Cölestinen begleitet und nicht Sie....“
Da faltete sich wieder die Stirne Alexanders plötzlich und er sprach dumpf: „Aber wie dies Alles zusammenhängt, will mir nicht klar werden... O vielleicht ist das Schreckliche dennoch geschehen.....“
Marsan besann sich einen Augenblick; sodann ergriff er rasch den Grafen bei der Hand und zog ihn mit sich fort in ein Kabinet. -- --
Hier begann er:
„Da es so weit gekommen ist, daß nichts mehr verschwiegen werden kann -- da das Schicksal selbst einen Zipfel des Tuches aufhob, womit ein Geheimniß bedeckt war, welches nur noch kurze Zeit hätte bedeckt bleiben sollen, da dann vielleicht andere günstige Umstände eingetreten wären, so erfahren Sie, Herr Graf, zuerst: Ihre Gemahlin ist so unschuldig wie ein neugebornes Kind. --“
„Aber Beweise! Beweise!“ schrie Alexander, unter dessen Füßen es brannte -- über dessen Haupte die Welt einzustürzen drohte....
„Hier sind die Beweise. Edmund von Randow, der Bruder Ihrer Gemahlin, hat sich durch leichtsinnigen Unbedacht und durch böse Gesellschaft schon frühzeitig in die mißlichsten Umstände gebracht -- seine Finanzen zerrüttet und Wucherern sich in die Arme geworfen. Anstatt seine Lebensweise zu ändern -- oder aber sich seinem Vater anzuvertrauen und von ihm einen größeren Geldzufluß für sich zu erwirken -- schritt der schlechtberathene junge Mann auf seinem alten Wege fort.... gerieth aus einer Verlegenheit in eine größere.... und wurde zuletzt mit einem unvergleichlichen Seelenverkäufer, +Lips+ oder wie dieser Kerl sonst heißt, bekannt; dieser verleitete ihn, um ihn ganz in seine Hände zu bekommen -- selbst zu schändlichen Streichen!... zum Verkauf seines Eigenthums! seiner Kostbarkeiten, seiner Möbel.... und so fort! Um diese Zeit traf ich mit Edmund zusammen; -- ich halte es für meine Pflicht, jetzt ein Bekenntniß abzulegen, welches mir in diesem Augenblick zu thun möglich ist, da ich noch zeitig genug von einem Vorhaben abstand, welches mich Ihnen gegenüber schuldig gemacht hätte: Ich liebte Ihre Gemahlin -- und ich habe es gewagt, ihr meine Leidenschaft merken zu lassen. -- Ich glaubte Anfangs, von ihr ermuthigt zu werden (Sie werden ohne Zweifel sich jener Tage in Ihrem Salon so wie in jenem der Generalin E--z erinnern, Herr Graf!) -- -- aber ich irrte mich, wie ich später sah: das, was ich für eine Gewährung meiner Ansprüche hielt, war von Seite Cölestinens nichts als Artigkeit und jene lebhafte Geselligkeit, soll ich vielleicht sagen auch ein wenig -- Koketterie gewesen, welche unbeschadet ihrem Herzen -- ihr eigenthümlich ist. -- -- Herr Graf, wissen Sie, worum es sich damals im Salon der Generalswittwe E--z besonders handelte?... Wissen Sie, weshalb bald ich, bald Edmund sich der Gräfin so dringend näherten? Damals wollte Edmund, in seinem +eigenen Interesse+ um des Himmelswillen -- mit ihr sprechen; er hatte, wie ich später erfuhr, damals den traurigen Fehltritt begangen, welcher nachher die Quelle all seines -- so wie des Unglückes Cölestinens und des Ihrigen gewesen ist. -- Um kurz zu sein: Edmund hatte falsche Papiere auf +Ihren+ Namen, Herr Graf, gemacht und dieselben mit seinem eigenen Herzen zugleich in die Geierskralle des Herrn +Lips+ gelegt... Lips wollte sie an jenem Abende noch Ihnen präsentiren -- oder von Edmund den dreifachen baaren Betrag haben .... und der unselige Jüngling wandte sich, da er sich an sonst Niemand wenden zu dürfen glaubte -- an seine Schwester, die ihm ihren +Schmuck+.... einen Schmuck, welchen sie von Ihnen erhalten, gab. -- Dies geschah noch in derselben Nacht, bald nach der Abfahrt von dem Hause der Generalin E--z; -- -- Edmund hatte mit seiner Schwester eine Zusammenkunft auf +ihrem Boudoir, nach Mitternacht+.“ -- -- Hier entfuhr den Lippen Alexanders ein Schrei der Ueberraschung: „Er also war es gewesen!?“ Marsan aber fuhr fort: „Dieses Geschenk jedoch war für ihn nichts mehr als ein Palliativ gewesen..... der Werth des Schmuckes reichte nicht aus.. und Lips +prolongirte+ blos das falsche Papier -- -- behielt es jedoch bei sich. -- Schon nach wenigen Tagen bestand er unerbittlich auf +Bezahlung+ desselben.... Edmund hatte entweder den Kopf oder alles Herz, allen Glauben verloren, denn er hätte sich ja leicht +mir+ anvertrauen können, ja selbst Sie, mein Herr, obwohl Sie ihn eines falschen Verdachtes wegen, den ich bei Ihnen jetzt vernichtet zu haben glaube, haßten -- würden den Aermsten gewiß nicht haben untergehen lassen... Allein dieser Jüngling war bestimmt -- sich und seine Familie ganz und gar elend zu machen.... er harrte, harrte, bis irgend ein Gott aus der Luft seinen mächtigen Arm herabneigen werde.... er harrte, oder vielleicht lebte er in einer Art von Wahnsinn fort -- -- bis der tödtliche Streich geschah.... Sein Würger erschien, forderte das Geld und -- -- da er es nicht erhielt, ging er vor Gericht. -- --“
„Hier ist ein Räthsel, welches ich nicht zu lösen vermag. Weßhalb ging Lips vor Gericht? Es war einfacher, sich an Sie oder an die Eltern des jungen Mannes zu wenden.... so konnte er schleunig zu seinem Gelde gelangen. Was hatte er von der öffentlichen Compromittirung Edmunds? -- -- Oder war hier nicht +persönliche+ Beziehung mit im Spiel? -- -- Doch, ich hoffe, auch auf diesen dunklen Punkt wird noch Licht fallen.“
„Edmund, von dem Schritte seines Gläubigers in Kenntniß gesetzt -- verbarg sich und entdeckte seiner Familie, er sei nach Prag oder an die Grenze verreis’t. Ach vergebens! Auch für sie war das blos ein Palliativ. Sie erfuhren das Unglück Ihres Sohnes noch in derselben Stunde. -- -- Edmunds Aufenthalt in dieser Zeit war Niemand bekannt, als seiner Schwester ... später auch seiner Mutter. Aber dieses Versteck war gegen die Nachstellung der Häscher nicht hinlänglich gesichert.... und in einem Anfall von Verzweiflung warf Cölestine das Geheimniß in meine Hände.... sie machte mich zu ihrem Vertrauten, sie beschied mich.... brieflich ... aber das mißglückte durch Ihre Dazwischenkunft, Herr Graf.... sie beschied mich sodann durch eine mündliche Botschaft zu sich. -- Ich entsprach mit Begeisterung dem ehrenden Vertrauen: ich stellte mich in Person bei ihr ein -- -- und hier wurde zwischen uns festgesetzt, daß Edmund in +meinem+ Hause ein verborgenes Zimmer bewohnen sollte. -- Alles dieses wurde sofort in Vollzug gesetzt....“
„Ihr Haß, mein Herr, gegen Edmund, die Schwierigkeit, diesen Haß anders zu zerstreuen als durch Blosgebung der Schande des Jünglings -- die unbezwinglich stolze und hartnäckige Weigerung Ihrer Gemahlin, Ihnen Alles zu enthüllen.... (sie zog diesem Schritte den Tod vor!) endlich... die Hoffnung, daß nach und nach, wenn auch in späterer Zeit -- der Sturm doch wieder vorüberziehen werde.... bewirkten, daß Cölestine den schrecklichsten Verdacht auf ihr Haupt fallen sah -- ohne etwas thun zu können -- als zu weinen, zu klagen -- zu verzweifeln.... Sie reis’ten von Wien ab, Herr Graf, Sie bewirkten eine eklatante Trennung -- -- und Cölestine mußte das Alles geschehen lassen, konnte, ob auch ihr Herz im Todeskampfe zuckte -- Sie nicht einmal mit einer Hand zurückhalten. -- Allein Edmund, ihr unglücklicher Bruder, war geborgen; das gab ihrem Herzen einen schwachen -- mattglimmenden Trost. Sie kennen die zärtliche Liebe der beiden Geschwister: Cölestine wollte lieber selbst elend sein, als es ihren Bruder sein lassen. --“
„Sie sah ihn jede Nacht. Jede Nacht um zwölf Uhr erwartete er sie an dem Gartenpförtchen +Ihres+ Hauses und meine Equipage brachte Beide hierher in +dieses Haus+ -- wo sie auf Edmunds Zimmer Stunden lang beisammen blieben.... Wie viele Thränen sind da geflossen! -- --“
„Doch weiter! -- Meiner Mühe gelang es -- Ihren Aufenthalt zu entdecken, Herr Graf.... ich wollte für die arme Frau Alles thun, was in meinen Kräften stand, und so war ich der Ueberbringer ihres Briefes an Sie auf Ihrem Schlosse, mein Herr......“
„Hier endet meine Erzählung. Ich weiß nichts mehr hinzuzufügen. --“
„Es ist genug!“ versetzte der Graf, kaum noch athmend. Er war in einen Sessel gesunken. -- Diese Ereignisse hatten seine ganze Mannheit erschüttert.
Die Freude ist oft schrecklicher als der Schmerz, besonders bei jenen Naturen, denen dieser häufiger, als jene zu Theil wird. --
In diesem Augenblicke fühlte Alexander Jemand in seine Arme stürzen.... er erhob das matte Auge. Es war +Cölestine+, seine Gattin, die vor ihm auf den Knieen lag! --
Der Chevalier hatte ihr Nachricht gegeben. --
„Nun Du Alles weißt,“ sagte sie: „braucht mein Mund nicht mehr zu sprechen und mein Herz nicht mehr in namenloser Scham zu ersterben.... Du weißt Alles, Alexander! Alles, Alles; -- -- Und dies Alles bestätigt das Wort: „Ich bin unschuldig! ich bin Dir treu gewesen!““
-- -- Endlich glaubte er ihr. --
Der Chevalier verließ das Gemach. --
Nichts von dem Allen, was in dieser seligen Stunde, deren Zeuge nur Gott war, zwischen den Gatten vorging... nichts von den wollustvollen Thränen und von den selig-wehmuthvollen Freudenergüssen. -- Alexander hatte Cölestine treu erfunden -- der Nebel des Mißtrauens war zerrissen -- die Schatten der Zwietracht flohen mit ihm davon -- die Welt war wieder schön -- die Erde hatte ihr Grün, der Himmel seine Sonnenpracht...
Alexander erfuhr nun auch noch so manche von jenen Dingen, die zu allererst den Keim des Argwohns in seine Brust gelegt hatten; er erfuhr, daß jene Blume, jene Hortensie, die er einst im Schlafgemache gefunden und welche ihn zuerst so unglücklich machte, die Stelle eines Amulet vertreten habe. Es war Cölestinen von einer alten Frau angerathen worden, und so sprach die Wahrsagerin: so lange diese Blume an dem Busen der jungen Frau ruhen werde, so lange werde sie mit ihrem Gatten glücklich sein. --
Das hatte sich denn im Laufe der Zeit auch bewährt.
Ferner: die zwei Briefe, die er in ihrem Boudoir gefunden, waren von niemand Anderem, als ihrem Bruder Edmund, eben so auch die Haarlocke -- und die Ringe....
Auf die Zahlen hatte sie in die Lotterie gesetzt....
Noch blieb jedoch Etwas zu lösen übrig.
Wer war jener geheimnißvolle, finstere Warner gewesen, der sich dem Grafen überall unsichtbar in den Weg gestellt, an die Fersen gehangen und so Schreckliches geweissagt hatte, was auch stets, dem Scheine nach wenigstens, eingetroffen war. So lange dieser Punkt nicht erörtert war -- konnte Alexander doch noch nicht so ganz vollkommen beruhigt sein. -- Sodann, wer war jener zweite sonderbare, nicht minder geheimnißvolle Mensch, der gleich einem Gespenste sich in die Salons der Gräfin und ihrer Freunde schlich -- man hatte ihn nicht kommen, man hatte ihn nicht gehen sehen; man hatte nur seine bösen Rufe gehört und seine unheimliche Gestalt geschaut? -- --
Auch hierüber wollen wir sogleich Auskunft ertheilen.
Dreizehntes Kapitel.
Schluß.
Es war am heutigen Tage unser schöner Freund Althing in den Prater, der zu dieser Zeit schon seine grünen Sprößlinge aussendete -- spazieren gegangen, und nachdem er sich, Gott weiß aus welcher Laune, in dessen entferntesten Garten verloren hatte -- war er auf eine Dame gestoßen, welche mit einem Buche in der Hand hier auf einem abgebrochenen Baumstamme saß. Diese Dame schien sehr in ihrer Lektüre vertieft und wendete keinen Blick ab von derselben; doch unser Adonis ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern setzte sich ohne weiteres neben sie hin und redete dieselbe an...
Da hob sie zwei Augen empor -- so blau wie der Saphir und ein Gesicht so schön wie ein junger Morgen; nämlich seiner Meinung nach. Noch nie glaubte Herr von Althing das gefühlt zu haben, was jetzt in seiner Brust vorging (wir wissen jedoch, er glaubte stets also!) -- -- und, wie es seine Art war, er machte hier dem Mädchen ohne weiteres seine Liebeserklärung....
Und sofort stand sie auf, verließ den Platz, und ging weiter. Er aber ging nach; und als sie den Weg nach der Stadt einschlug, folgte er ihr ebenfalls dorthin.
Sie führte ihn auf diese Weise aus einer Straße in die andere, bis sie zuletzt auf der +Bettlerstiege+ in ein Haus trat, sich jedoch zuvor noch umsah.
„Richtig!“ lächelte Althing und griff vorsichtig an seinen gefärbten Schnurbart; „die ist total in mich verschossen! -- Ach! dieser Blick war zu stark! -- Armes Mädchen -- Du sollst erhört werden.... denn was ich für Dich empfinde, ist +wahre+ Liebe!... Zum +ersten Male+ durchdringt dieses höhere Gefühl meine Jünglingsbrust! Ich sehe -- bei meinem bisherigen Leben kommt nichts heraus -- ich bin entschlossen, ein neues anzufangen.“
Er trat nun ebenfalls in das Haus -- und da er das Mädchen nach dem hintersten Winkel desselben gehen sah, ging er auch dahin -- -- doch fürchtete er hier zu einer gewissen Abtheilung zu gelangen, die einem Parfümerie-Laden eben nicht ähnlich ist. Statt dessen gelangte er zu einer hölzernen Treppe und stieg sieben volle Etagen -- wie es stets sein Geschick wollte -- der Dulcinea nach. Endlich trat er fast mit ihr zugleich in eine kleine räucherige Stube, welche ihres Gleichen nicht hatte.... jetzt sah er sich mit dem Mädchen allein.
„Aber was hat das zu bedeuten, mein Herr?“ fragte sie....
„Es hat zu bedeuten, mein Fräulein, daß ich Sie liebe.“
„Und weiter? --“
„Daß ich ohne Sie nicht leben kann.“
„Allein -- --“
„Kurz... da ich jetzt in den besten Jahren bin und es mir auch nebenbei ernstlich vorgenommen habe -- biete ich Ihnen meine Hand an....“
Bei diesen Worten lief das Mädchen zur Thür hinaus.
Er stand einige Secunden verblüfft auf dem Platze, da vernahm er im Nebenzimmer zwei Männerstimmen, die sich zu zanken schienen. --
„Ich sage Ihnen, daß ich keinen Tag länger auf den letzten Posten, welchen Sie mir von der Affaire noch schulden, warte. Wo Sie mich nicht noch heute bezahlen -- zeige ich die ganze Geschichte durch ein anonymes Schreiben dem +Grafen von A--x+, so wie dem +Generale von Randow+ an... die mögen es Ihnen dann entgelten, was durch Ihre Bemühung dem armen jungen Menschen +Edmund+ Schlimmes widerfahren ist... Auf Ehre!“
Bei Nennung dieser Namen stutzte Althing und stellte sich näher an die Wand, um besser zu hören:
„Sie müssen noch kurze Zeit Geduld haben, mein Bester!“ ließ sich die andere Stimme vernehmen -- und Althing glaubte sie zu erkennen.
„Uebrigens,“ fuhr diese Stimme fort -- „halte ich Sie nicht für den Thoren, das zu thun, womit Sie so eben drohten, denn was gewinnen +Sie+ damit? Nichts.“
„Aber Sie, mein Liebster, verlieren doch -- auf Ehre!“
„Aber dann kann ich Sie dafür auch auf’s Zuchthaus bringen -- guter Lips.“
„Wir sind gegen solche Möglichkeiten sicher gestellt, mein Guter; auf Ehre!“
„Das wollen wir doch sehen -- hahaha!“
„Ja -- das werden wir auch sehen, hahaha .... ohne daß ich hinzuzusetzen brauche: -- Auf Ehre!“
Jetzt wurde eine Thür zugeworfen und bald darauf entfernte sich Jemand unter schallendem Gelächter über die Treppe.
Gleich darauf trat das Mädchen herein; an ihrer Seite aber schritt jener Sterbliche, welchen wir als unsern wackern Meister Lips bereits seit lange zu kennen die besondere Ehre haben. --
„Dieser Herr hier will mich zur Frau nehmen!“ sagte sie kurz.
„Ist das wahr?“ fragte Lips eben so kurz den Adonis.
„Gewiß!“ antwortete dieser ein wenig erstaunt.
„Meine Tochter Philomela,“ sagte Lips zu ihm gewendet, „ist ein sehr gebildetes Mädchen; sie ist eine +Emancipirte+! -- Mit dieser Erklärung werden Sie genug haben. Sie kann Latein, Französisch, Griechisch, Slowakisch, Hebräisch, Chaldäisch, Maurisch, Ungrisch, Böhmisch, Hindostanisch, Malajisch -- und auch Deutsch; ferner ist sie in der Astronomie, der Chemie, der Physik, der Musik, der Geographie -- der Skulptur -- in den Militairwissenschaften -- in der Aesthetik und Botanik -- in der Heraldik und Anatomie -- endlich in allen übrigen weißen, schwarzen, braunen und gelben Wissenschaften und Künsten bewandert. Auf Ehrenwort! -- -- Sie sehen, mein Herr, was Sie Alles mit ihr bekommen! Sie bekommen in diesem Mädchen eine ganze Universität. -- -- +Jedoch was bringen Sie mit, mein Herr?+“
„Ich bin der Herr von Althing -- --“
„Das ist Nebensache, auf Ehre! -- Was +haben+ Sie, frage ich, mein Lieber?“
„Wohlan -- ich besitze eine Rente von 8000 Gulden Silbergeld -- -- --“
„Ah -- Unterthänigster Diener! -- das läßt sich hören, auf Ehre. -- Also Sie wollen meine Tochter zum Weibe?“
„Ja.“