Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)

Part 11

Chapter 113,556 wordsPublic domain

In diesem Augenblicke raschelten seitwärts die Zweige des Gebüsches -- und heraus trat ein Mann, ebenfalls in einen Mantel gehüllt. -- Er wandte ihm den Rücken zu, und schritt langsam zur Gartenmauer, und zu dessen Pförtchen, welches hier auf’s freie Feld führte.

Selbst dem penetrirenden Blicke Alexanders war es nicht möglich, den Mann zu erkennen -- sein Mantel verbarg ihn vollständig, überdies schien er sich noch durch andere Mittel unkenntlich gemacht zu haben. -- Jedoch es war kein Zweifel, daß es ein junger Mensch sei, und an Größe glich er vollkommen dem Chevalier von Marsan. --

Es vergingen einige Augenblicke und leise ohne daß man es hörte, drehte der Schlüssel sich um, das Pförtchen ging auf.... eine Dame trat heraus. --

Auch sie war trefflich maskirt, so daß selbst Alexander unter anderen Umständen seine Frau nicht erkannt hätte -- ihr Gang aber verrieth sie ihm dennoch. --

Ohne ein Wort zu wechseln, stürzten die beiden Personen sich in die Arme und blieben lange so -- dann still, wie sie gekommen waren, rafften sie sich auf, und schlugen eilig einen Weg ein, welcher unter dem Schutze der Gebüsche und Bäume nach der Stadt führte.

Längst schon hatte auch Alexander sich erhoben -- und folgte ihnen in einiger Entfernung Schritt für Schritt, nahe genug, um sie stets im Auge zu behalten -- und doch so weit, um mit Hülfe der sich darbietenden Deckungsmittel selbst ungesehen zu bleiben. -- Man hatte auf diese Weise ungefähr einige hundert Schritte zurückgelegt -- als er am Eingange einer breiten, aber öden und unbewohnten Straße einen Wagen halten sah.... und vermittelst seines wie durch Zaubermacht geschärften Blickes -- sogleich +Marsan’s Equipage+ erkannte.....

In diesem Momente riß es ihn mit tausend Ketten empor, er vergaß aller Vorsichtsmaßregeln -- stürzte der Buhlerin und ihrem Buhlen nach, die Erstere drehte sich rasch um und stieß den Ruf aus: „Um Gotteswillen! Ein Mann hinter uns!“ -- dann liefen Beide eilig auf die Equipage zu... aber sie hatten sie noch nicht erreicht, der Kutscher hatte Cölestinens vernehmlichen Befehl: „Rasch den Schlag aufgemacht!“ noch nicht vollziehen können, als Alexander schon dicht hinter ihnen war -- und (seines Vorsatzes, dem Mann einen von den Degen anzubieten, vergessend) mit beiden, gleich einem Mörder, über ihn herfiel, den einen in dessen rechten Arm, den andern ihm in’s Gesicht bohrte. --

Aber jetzt ward er verhindert, sie noch weiter zu gebrauchen... er fühlte sich rückwärts überfallen, von zwei gewaltigen Fäusten gepackt, entwaffnet und so zu Boden geschleudert, als sollte er sich nie wieder erheben... Der Kutscher (denn er war es) hob die Degen auf, packte den Verwundeten in den Wagen, schob Cölestine hinten nach und im wilden Galopp rollte die Equipage über das Straßenpflaster dahin.

Alles das geschah in Zeit von einigen Minuten -- kein Wort war gewechselt worden -- kein Laut dem Munde der betheiligten Personen entfallen -- der Verwundete schien entweder vom Schreck oder vom Stich leblos geworden zu sein .... er lag gleich einer Leiche in dem Schoße Cölestinens. --

Beim Einsteigen in den Wagen hatte Cölestine dem Kutscher zugerufen: „+Nach der Wohnung des Chevaliers von Marsan!+“ -- Dies war das einzige Wort gewesen. Alexander hatte es noch gehört. --

Elftes Kapitel.

Die Katastrophe.

Aber die Mauern einer großen Stadt haben tausend Ohren und die Ziegel auf dem Dache Millionen Augen; es wird Alles gesehen und gehört, mag es auch im tiefsten Dunkel der Nacht und im abgelegensten Winkel geschehen -- überdies nimmt die Polizei, vermöge einer ihrer Eigenschaften, die man bei der Wiener’schen +Allwissenheit+ nennen darf, von Allem schleunigst Notiz -- mit einem Worte, zwei Tage nach obiger Begebenheit sprach man in den Cirkeln von einem Mordanfall, der in der N*straße auf zwei Personen gemacht worden sei, welche Personen sich nur durch rasche Flucht in der Equipage des Chevaliers von Marsan ihrem sichern Tode entzogen hätten.

Zu erzählen oder vielmehr zu erklären, auf welche Weise die Fama zur Kenntniß dieser einzelnen Umstände kam, ist uns nicht möglich -- denn was Alexander betraf, so hatte dieser von dem Augenblick, wo die Equipage abfuhr, bis zur gegenwärtigen Stunde, nicht die geringste Unannehmlichkeit zu bestehen gehabt. Er war damals bald nach seinem Unfalle vom Straßenpflaster aufgestanden, ohne Jemand um sich zu erblicken -- -- und seit der Zeit wohnte er bei seinem Rechtsanwalt, in dessen Hause er sich von einer Unpäßlichkeit zu erholen suchte. -- -- Anderseits konnte Cölestine doch unmöglich selbst das Gerücht ausgestreut haben -- und auch von dem Kutscher war dergleichen nicht zu erwarten. -- -- Die einzige Möglichkeit war diese: es hatte Jemand Fremder der nächtlichen Affaire zugesehen, allein wie dieser Mensch war, wagte er es nicht, sich selbst auf den Kampfplatz zu verfügen, sondern eilte -- da ohnedies in dieser Straße keine Hilfe zu erlangen war -- nach der Wache oder Polizei. -- Als dieselbe erschien, war jedoch nicht nur der Wagen, sondern auch Alexander bereits verschwunden. --

Der Letztere hatte gegen seinen Anwalt geschwiegen -- er gab vor, einen Zweikampf bestanden zu haben, der für ihn glücklicher als für seinen Gegner ausfiel.... im Uebrigen zeigte er sich äußerlich heiter und sogar humoristisch -- während in seiner Seele eine Hölle glühte... deren Flammen nur gemildert wurden durch die wenigen Tropfen von Hoffnung, daß er den Buhlen seines Weibes schwer, vielleicht gar tödtlich verwundet habe....

Allein was war das Alles! -- Nicht nur dessen Leben wollte er haben -- nicht nur das Herz ihm aus dem Busen reißen und dessen heißes feindliches Blut trinken... er lechzte nach der Seele Marsan’s -- er wünschte, daß er ihn in einem unvorbereiteten Augenblicke, da dessen Gewissen mit gräuligen Sünden beladen gewesen sei, getödtet hätte -- so daß die Seele des Verhaßten zur ewigen Verdammniß hinab fuhr! -- Das wünschte er, darnach rief er alle dunklen Mächte an.

-- -- Ach, welches Erstaunen, welches Entsetzen erfaßte ihn, als sein Wirth ihn benachrichtigte, im Hause des Chevaliers werde nächster Tage ein großes Fest begangen werden -- die Veranlassung hierzu sei die Ernennung Marsans zum Gesandten am Hofe von G**, wohin er sich alsbald begeben werde. Das Fest sollte an Glanz Alles überbieten, was in dieser Art bei einem vornehmen Garçon noch je vorgekommen. Er, Marsan selbst, wollte dabei die Honneurs machen.

Dies Alles schien dem Grafen ein alberner Traum oder eine elende Mystifikation; nach einigen Minuten jedoch sah er, daß er vollkommen wache, und erinnerte sich, daß den Worten des Notars stets zu glauben war. So gehörte also das Ganze in die Welt der Wunder, welche man am besten mit Auge, Hand und Ohr controlirt.

Das Letztere zu thun war Alexander entschlossen. Er wollte in eigener Person dem Feste beiwohnen, -- bis dahin jedoch sich hüten, darüber nachzudenken.... denn das Nachdenken konnte ihn zum Wahnwitz führen.

Zwölftes Kapitel.

Das Fest bei dem Chevalier von Marsan.

Das Haus des Chevaliers -- ein neues Gebäude, welches sehr einsam in der Gegend des Belvedere lag -- war seinen Gästen geöffnet, die zahllos heranströmten, um ihm zu seiner Ernennung Glück zu wünschen.

Das in Rede stehende Fest fand in den Abendstunden statt, weil ein Ball mit demselben verbunden werden sollte. Das Haus oder Hôtel oder der Palast war in seinen zwei Etagen glänzend erleuchtet, so daß die Lichter noch draußen hundert Schritte im Umkreise Tageshelle verbreiteten; -- und eine Wagenburg war unten aufgefahren, die den Neid jeder einzelnen Person durch deren Wagen sie vermehrt wurde, erregen mochte. Fürstliche, herzogliche, hochgräfliche und Wappen von allen andern Ritterklassen waren da an den Schlägen zu sehen... fabelhaft prunkende Livreen tummelten sich neben denselben umher.

Vor dem Portale des Hôtels aber standen zwei Portiers, so groß wie Patagonier -- und mit so langen Stöcken, daß jeder eine gute Kosakenlanze hätte abgeben können -- dies jedoch, wie natürlich, ohne den mächtigen Knopf aus massivem Silber.

Eine Suite von zwölf Gemächern, worunter drei große Salons, war oben im ersten Stock bereit, diese Tausende von Personen aufzunehmen -- deren Blick beim Eintritt geblendet wurde von einem in Wahrheit orientalischen Luxus. Denn das ganze Haus Marsans war in diesem Geschmacke eingerichtet -- und schon unten an den Treppen hatten uns schwarze Kammerdiener empfangen, während hier in den Sälen die aufwartende Dienerschaft aus lauter echten Abyssiniern in dem malerischen Costume ihres Vaterlandes bestand. -- Jedoch wollte der Herr des Hauses den Orientalismus nicht so weit treiben, daß er zum Besten jener Gäste, die für denselben keine so große Leidenschaft nährten, wie in diesem Augenblick er -- nicht auch einige Europäer mit schwarzen, betreßten Fracks unter seine Söhne des Islams gemischt hätte. --

Der Boden dieser Appartements war theils mit trefflichen Teppichen aus Aleppo belegt -- theils mit einer Art von feinen Binsendecken, welche so glatt waren, daß man darauf tanzen konnte, und die in Skios verfertiget werden. An den Wänden hingen köstliche bunte Stoffe -- zwischen welchen Säulen von Marmor standen mit abentheuerlichen Kapitälern und Sockeln versehen, so daß sie aus dem Serail des Padischah oder Mehemed Ali genommen schienen; in den Draperien wechselte der Damast aus Damaskus mit den Shawls aus Teheran und Kashemir -- schwerlastende Stickereien, Franzen und Quasten faßten den Rand ein. -- Springbrunnen, mit wohlriechendem Wasser gefüllt, standen in den Ecken, und in der Mitte eines Salons befand sich ein Bassin aus carrarischem Marmor, worin Goldfischchen schwammen und welches tropische Gewächse und Blumen umgaben, aus deren Zweigen, trat man mit dem Fuß zwischen sie, liebliche Musik ertönte... Es waren lauter Weisen in jenem klagenden Tone, wie man sie unter den Mauern eines Harems zu hören bekommt.

Kurz hier fehlte nur noch der Pascha, mit der langen Pfeife, auf Polster hingestreckt und von seiner Lieblingssklavin umkos’t.

„Zum Teufel!“ sprachen junge Herrn in strohfarbigen Glacéhandschuhen, die von Patschuli dufteten: „Zum Teufel! -- Wo befinden wir uns? -- Sind das die Gärten der Semiramis oder ist es das Terrain der Mährchen von Tausend und einer Nacht...?“

Die guten Herrn! -- Sie hielten die Semiramis wahrscheinlich auch für irgend eine Sultanin im Lande der Gläubigen. --

Herr von Marsan empfing die ankommenden Personen in einem Mittelsaale. -- Er war im einfachen Salonanzuge -- braunem Frack, schwarzen Beinkleidern von Seide und eben solchen Escarpins; ein weißes Halstuch -- unter welchem das Offizierkreuz der Ehrenlegion hing, welches er mit seinem Gesandtschaftsposten zugleich erhalten hatte.

Unter der Gesellschaft befanden sich von denen, welche wir kennen: der General und die Generalin von Randow -- Herr von Labers, der die Feldmarschallieutenants-Wittwe E--z begleitete, dann die Gräfin von Wollheim mit ihrem Gemahl. -- Natürlich, daß Cölestine fehlte, und Herrn von Porgenau sammt Gemahlin anlangend, so waren diese gar nicht geladen worden: in den Augen Marsans zählten sie zur Canaille, wohin er jedoch auch den Grafen Wollheim gestellt hätte, wäre dieser durch seine strumpfstrickende Frau nicht ein Freund des Generals gewesen. -- Leider trat mit jener gutherzigen Dame auch das Stiftsfräulein von Bomben herein, ohne daß sie eine Karte empfangen hätte; aber der Tag war zu wichtig: mehrere Damen, Mitglieder des Frauenvereins, waren zugegen, und mit diesen hatte dieses menschenfreundliche Ex-Mitglied diesmal etwas Besonderes vor.

Hätte ein Maler den Begriff der +Liebenswürdigkeit+ personificiren und durch Pinsel und Palette auf Leinwand werfen sollen -- so brauchte er heute nur das Portrait Herrn von Marsans zu zeichnen; da war keine Zuthat, keine Idealisirung des Stoffes nöthig: er selbst, in baarem Wirklich, war Ideal.

Selbst seine Feinde (und auch er hatte deren) waren entzückt -- um ihn schaarten sich nur Zufriedene, Glückliche.

Bald hatten sich Gruppen und Kreise gebildet. --

Neben einer Fontaine saßen einige Damen, unter denen die Gräfin von Wollheim und das Fräulein von Bomben hervorstachen. Man unterhielt sich hier über das Fest, über den Geber desselben -- und erschöpfte sich in Conjunkturen wegen der glänzenden Belohnung, die ihm sein König für einige wichtige Dienste in letzterer Zeit zuertheilt hatte. Unvermerkt wußte das Stiftsfräulein, welches die schöne Kunst besaß, das Wort überall an sich zu reißen, das Gespräch auf einen neuen Gegenstand zu bringen, auf einen ihrer Lieblingsgegenstände.

„Sie haben wohl schon von dem remarkablen Falle gehört, meine Damen -- der sich vor einigen Tagen in der N** Straße zugetragen und welcher in naher Verbindung mit dem Chevalier von Marsan, besser gesagt in +direkter Verbindung mit ihm+, steht?“

Es ließen sich nun einige Angaben vernehmen -- die alle von dem wirklichen Faktum abwichen und auch alle unter einander verschieden waren.

„Nein, nein!“ versetzte das Stiftsfräulein: „das Alles ist nichts! -- Weit von der Scheibe! wie man zu sagen pflegt. Ich bin über den Punkt genau unterrichtet und kann Ihnen aus authentischen Quellen Geschöpftes mittheilen. So hören Sie denn!“ --

„Vor vier Tagen -- doch es war zur Nachtzeit, es war nach Mitternacht -- hielt die Equipage des Chevaliers, welche aus diesem Hause abgefahren war, wie gewöhnlich in der N** Straße, und er, nämlich Herr von Marsan, stieg heraus. Nachdem er seinem Kutscher den Befehl ertheilt hatte, ihn hier zu erwarten (+wie gewöhnlich!+ muß ich hinzusetzen), bis er zurückkehren werde, begab er sich zu Fuße auf Umwegen nach der Wohnung der Gräfin A--x, zu dem Gartenpförtchen (Alles wie gewöhnlich, meine Damen). -- Hier wartete er einige Augenblicke, nach welchen sich das Pförtchen öffnete und Cölestine bis über die Zähne maskirt heraustrat, (wie gewöhnlich). Sie fiel ihm um den Hals und rief: „Endlich! Endlich! Nach langem Harren und Fürchten.... endlich bist Du da, Geliebter, und ich kann Dich an mein Herz drücken. -- Böser, böser Mann -- warum hast Du mich eine so ewig lange Zeit in ängstlicher Ungeduld harren lassen?... Es ist ja beinahe fünf Minuten später, als Du kommen solltest!“ Hahaha! Hahaha! -- Was sagen Sie dazu -- meine Damen?“ wandte die Erzählerin sich zu ihrer Umgebung, fuhr jedoch gleich darauf wieder fort: „Nachdem sie diese schönen Worte ausgesprochen, die edle Gräfin von A--x, auch dasjenige, was sie enthielten, richtig gethan hatte (wie gewöhnlich!), hing sie sich an den Arm des zärtlich Geliebten und schlug mit ihm den Weg nach seinem Hause, nach diesem Hause hier, ein -- -- (Alles wie gewöhnlich!) Ach, welcher zauberische Spazierweg Nachts im Mondenschein durch eine entlegene, höchst romantische Gegend! Welche Worte wurden da, welche Blicke ausgetauscht -- welche Küsse rauschten durch die heilige Stille der Nacht -- welche Liebesseufzer -- oder auch Liebesgestöhne.... und was sonst noch Alles!? -- Denn Sie wissen doch, Gräfin Cölestine ist eine Candidatin des hohen Frauenvereins.... hahaha!“

„Zur Sache, beste Freundin! zur Sache!“ -- riefen die ungeduldigen Zuhörerinnen, die anstatt der Floskeln Thatsachen verlangten.

„Nun denn also weiter! -- Die zwei holden Leutchen vergnügten sich drei Stunden lang im freien Felde zwischen Sträuchern und Bäumen .... der gute Mond sah anfangs recht gutmüthig schalkhaft in diese Wirthschaft hinein... zuletzt jedoch mochte es selbst ihm, dem Langmüthigen, zu toll werden -- und was thut er, der brave alte Kerl? -- Er sendet leise und klug einen seiner schärfsten Strahlen auf die pittoreske Gruppe des Liebespaares, so daß diese, trotz der getreuen Büsche und Blätter, so grell beschienen wird, wie am Tage... Alles das war noch immer wie gewöhnlich! -- Jetzt jedoch kommt etwas Ungewöhnliches... Im Augenblicke der vollen Beleuchtung... stürzt ein Mann, der sich bisher versteckt gehalten, hervor und auf die engverschlungene Gruppe des Liebespaars... der Mann hat einen Degen -- und will damit die Verbrecher züchtigen.... Jedoch ist dieser Mann ein Ehrenmann, ein Biedermann, ein Engel von einem Manne; statt allein auf die Beiden loszustürzen, wozu er doch das vollkommenste Recht besaß, bietet er dem Chevalier einen Degen an und will es mit ihm im Zweikampfe ausmachen. ... Armer Ehrenmann! Armer Biedermann! -- Was geschieht anstatt dessen? -- -- In dem Augenblick, wo er sich seinem Gegner nähert und ihm eine von den zwei Waffen, die er selbst mitgebracht hatte, anbietet -- entreißt die zärtliche Gräfin Cölestine ihm dieselbe und fällt ihn von hinten mit der Wuth einer Tigerin an.... (Wer hätte dies Alles der sanftmüthigen Gräfin zugetraut!) .... Nunmehr versieht sich Herr von Marsan seines Vortheils, ihm kann man so etwas weniger übel nehmen -- -- stürzt seinerseits auf den armen Mann, welcher alsbald zu Boden gerissen -- und, (durch wen von Beiden weiß man nicht) dermaßen zugerichtet wird, daß er aus mehreren Wunden blutet und ein entsetzliches Wehgeschrei ausstößt...“

„Das ist Alles selbst entsetzlich!“ schauderte der Zirkel, spannte aber seine Aufmerksamkeit immer schärfer an.

„Bei diesem Ruf entfliehen die Verbrecher, und eilen dem Platze zu, wo noch die Equipage Marsans steht... aber Wuth und Verzweiflung gaben dem Verwundeten die Kraft, sich wieder rasch vom Boden aufzuraffen -- und er folgt den Zweien nach. Das war ein Rennen und ein Laufen! Man hätte es für eine Jagd halten können -- oder für ein Wettrennen... hahaha! -- Und das Geschrei des Verfolgenden, wie der Verfolgten! -- -- „Elende! Ihr sollt es mit Eurem Leben büßen!“ „„Allmächtiger Himmel! rette uns!““ -- u. s. w. -- -- Aber der Himmel und respective die Göttin Venus weiß die Ihrigen zu beschützen... mit einem Worte: der Rächer war eben am Wagenschlage angelangt -- als die Equipage mit dem darin geborgenen Liebespaar pfeilschnell abfuhr... so daß der Arme nur mehr ein entsetzliches Wuthgeheul ausstoßen konnte.... Venus, Amor, sowie den ganzen Himmel verfluchend.... und das mit Recht, denn rathen Sie, meine Freundinnen, wer dieser arme Mann wohl war --?“

„Nun -- es wird doch nicht...?“ hieß es wie aus einem Munde.

„Ja, ja -- -- es war ihr Mann, +Cölestinens Mann+, der arme, bedauernswürdige, redliche und betrogene Graf +Alexander von A--x+, einer der edelsten Cavaliere dieser Residenz war es!“

Nach einer Pause voll tiefen Erstaunens -- fragte eine von den Damen: „So ist er also hier in der Residenz?... So liegt er also irgend wo krank, verwundet zum Sterben, der edle, gute, unglückliche Graf...“

„Wie Sie sagen, so ist es, meine Beste. Er liegt in einer elenden Hütte -- denn seine treulose Gemahlin und ihr Haus will er nicht mehr sehen -- krank, leidend, zum Tode verwundet ... wahrscheinlich wird der Märtyrer bald seinen Geist ausgehaucht haben....“

„Das Alles scheint mir indessen doch ein wenig unglaublich!“ bemerkte jetzt Gräfin Wollheim, nachdem sie lange mit einem ziemlich hohen Grade von Mißbehagen zugehört hatte, ohne sich entschließen zu können, drein zu reden; endlich war es ihr indessen doch zu bunt geworden: sie konnte diese Anklagen gegen ihre Freundin Cölestine nicht länger ruhig mit anhören.... wiewohl es ihr auch anderseits wieder schwer fiel, gegen das Fräulein von Bomben aufzutreten -- da diese sich ja ebenfalls ihrer Freundschaft erfreute.

„Reden wir lieber von etwas Anderem!“ bemerkte die brave Gräfin, welche mit dieser Wendung einen Meisterstreich ausgeführt zu haben glaubte: „Reden wir von unseren Arbeiten, von unseren Beschäftigungen, wenn es Ihnen gefällt, meine Damen. Was mich betrifft... so habe ich wieder eine Jacke und drei Paar Strümpfe von starker Wolle gestrickt....“

„Ah, ah! für den edlen Frauenverein!“ fiel die Stiftsdame ein.... „Wer weiß,“ lachte sie, „welchem braunen Bauerburschen diese Jacke von einer der hohen Vorsteherinnen zugedacht werden wird.... haha!“

Bei diesen Worten ging der Chevalier an der Gesellschaft vorüber: „Meine Damen -- meine Gnädigen,“ sagte er mit einem artigen Lächeln: „man rüstet sich zum Spiel, zum Tanze. Welchem Vergnügen werden Sie den Vorzug geben?“

„Natürlich dem erstern -- wenn wir bei dem zweiten nicht blose Zuschauer bleiben wollen!“ bemerkte das Fräulein.

„Nun denn erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm biete, um Sie nach dem Spielzimmer zu führen....“

Er begleitete die Gräfin von Wollheim -- die Andern folgten.

„Ich werde dort, wie ich hoffe, die edlen Mitglieder des saubern Frauenvereins finden!“ murmelte das Fräulein zwischen den Lippen -- denn Zähne, wie wir wissen, hatte sie keine -- dann rief sie mit Zorn aus: „Beim Domitian, Alarich und Genserich! -- ich werde Ihnen heute zeigen, mit wem sie’s eigentlich zu thun haben.... Hilf Samiel!“

So wie der Graf Wollheim seine Frau nach dem Spielzimmer gehen sah, machte auch er sich auf und folgte -- nicht ihr, sondern seinem Stern, das will sagen: seinem Durst. Er hatte bisher mit zwei oder drei Herren, die sich für außerordentliche Jäger hielten, gesprochen und fand -- daß wenn sie auch mit einem Theil der edlen Weidmannskunst umzugehen verstanden, sie doch im andern keinen Bescheid wußten.... und dieser zweite Theil schien ihm seit langer Zeit der +erste+ zu sein. Er fand nämlich, daß, während jene zwei Herren nur immer von Hirschen, Ebern, dem Anstand, der Fährte, dem Hallali -- Fängern -- Suchern -- Schlingen und Doppelbüchsen redeten -- -- sie der +Humpen+, +Krüge+, +Flaschen+ und +Fässer+ niemals erwähnten. -- Das schien ihm jedoch eine sehr miserable Jägerei -- er ärgerte sich dabei im Stillen schier zu Tode -- jemehr aber sein Aerger wuchs, desto mehr wuchs auch sein Durst, wie jeder Physiolog oder Patholog Euch haarscharf beweisen wird. -- -- Er riß sich demnach in einem Augenblicke, wo dies thunlich war, von dieser schlechten Gesellschaft los -- sagte, er wollte seine Gemahlin begleiten -- statt dessen begleitete er sich selbst -- in die Kellnerei. Wir sehen ihn hier noch einige Zeit, darauf verschwindet er hinter mannigfachem Trinkgeschirre unseren Blicken. --

Der General und die Generalin hatten sich auch zu den Spieltischen begeben, und so ist denn jetzt beinahe der ganze Kreis unserer Bekannten auf einem Punkte vereint, gleichsam als hätte das Schicksal sie mit Willen hier zusammengeführt. -- -- Da saß die Wittwe E--z und ihr gegenüber Herr von Labers; gleich daneben General Randow, die Gräfin Wollheim und die Generalin.... ferner mehrere Damen und Herren, die zur nähern Bekanntschaft der Letzteren gehörten und die wir oft in ihrem oder ihrer Tochter Salon angetroffen haben. Der Chevalier trat auf kurze Zeit herein, begab sich jedoch bald wieder in den Salon, wo getanzt wurde und wo seine Anwesenheit dringend erforderlich war. Dieser Salon stand mit dem Spielzimmer, von welchem wir hier sprechen, durch zwei große offene Thüren in Verbindung, und man konnte ihn daher seiner ganzen Ausdehnung nach von jedem Spieltische aus übersehen....

Dieser Umstand war für das fromme Stiftsfräulein von unberechenbarem Nutzen -- denn sie auf ihrem Sitze konnte jetzt den ganzen Kreis ihrer Feindinnen -- Opfer darf man wohl sagen --: sie konnte acht oder zehn Damen, welche neben einander im Salon saßen, beständig im Auge behalten; und diese Damen gehörten sämmtlich zum Frauenverein.

In der Brust der seltenen Menschenfreundin kochten in diesem Augenblick, wie in einem Hexenkessel, Gift, Galle, Rache, Schlangen und Ottern -- nebst noch andern Species, mit denen man seine Feinde vertilgt; sie warf zeitweise wahre Belialsblicke hinüber, und wenn sie dann jene Frauen so sorglos und heiter sah, murmelte sie vor sich hin: „O auch Babylon war vergnügt und lachte -- bevor der Donner d’reinschlug... hahaha! Geduld -- Samiel umschleicht Euch schon!... Hilf Samiel!“