Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)
Part 10
-- -- An einem schönen warmen Frühlingsabend starb Margaretha. Man hatte sie in ihrem letzten Augenblicke in das Gärtchen hinausgetragen, denn so wünschte sie es. Alexander saß wie immer neben ihr, düsterer, trostloser, zerrissener als je; und jetzt sprach +sie+ ihm Muth zu... jetzt suchte +sie+ ihm jene Säule wieder, an die er sich lehnen sollte. Sie hielt seine Hand in der ihrigen, auf welcher schon kalter Todesschweiß perlte -- und unverwandt haftete der brechende Blick ihres Auges auf ihm, welches Auge noch immer voll war von jener tiefen, unergründlichen Liebe. -- „Ich gehe ruhig aus dieser Welt --“ lispelte sie, Wort für Wort mühsam aussprechend und nach jedem schwer aufathmend: „ich sterbe glücklicher, als ich zu hoffen wagte.... Habe ich ja den Geliebten meiner Seele noch einmal zu mir kommen und sein Herz mir in inniger Zärtlichkeit sich zuwenden sehen.... Was soll ich mehr von meinem Schöpfer verlangen....?.... Er hat mich reichlich belohnt für allen Kummer.... Sein heiliger Name sei gepriesen!... Und nun noch eine Bitte --“ flüsterte sie kaum vernehmbar...: „erbarme Dich Deines Kindes -- Alexander!!. Lebt Beide wohl!!...“
Sie hatte ihren Geist ausgehaucht. --
Alexander ließ nun, die theuren Ueberreste gebührend zu ehren, sie in dem Erbbegräbniß seiner mütterlichen Ahnen beisetzen. Den Schmerz dieser Tage, dieser Stunden zu schildern ist unmöglich, aber seine Größe läßt sich in Erwägung der nunmehrigen völligen Hoffnungslosigkeit Alexanders recht wohl begreifen. -- Dieser Mann betrachtete sich jetzt so wie Einer, der früher nackt und arm war, plötzlich einen großen Schatz fand, welcher ihm jedoch, kaum daß er ihn besaß -- -- durch eine unerbittliche dunkle Macht entrissen wurde, mit der Gewißheit, daß er nie wieder ihn erlangen -- und in Zukunft wieder wie früher nackt, arm und elend bleiben werde. --
Jedoch nein! Nicht ganz war er dies. Ein leichter Punkt war ihm in dem trostlosen Dunkel seines Daseins doch noch geblieben -- eine grüne, blüthenreiche Oase auf seiner fernern Reise durch die Sandwüste des Lebens: das Kind Margaretha’s -- sein Kind -- seine holde Tochter Alexandrine.
Sein düsteres Schweigen, sein finsterer Ernst stieg von Tag zu Tage. Er verließ jetzt nicht mehr sein Schloß, sein Gemach -- und kein Menschenantlitz bekam ihn zu sehen; selbst die nothwendigsten Geschäfte wurden zurückgewiesen und der Besorgung seiner Beamten überlassen.... Nur Alexandrine, dieses junge Wesen voll Anmuth und himmlischer Güte, blieb an seiner Seite -- gleich einem Schutzgeist suchte sie die bösen Stunden zu verscheuchen, von denen er wie von einem Heere wandernder Dämonen umschwirrt wurde. --
Aber es gelang ihr meistens nicht -- und im glücklichen Falle nur auf Augenblicke; waren diese vorbei, waren die zarten Kräfte des Kindes erschöpft -- so kehrten jene mit Wuth zurück und schleuderten ihn wie einen Zwerg zu Boden. Unter den Leuten seiner Umgebung gewannen die Sagen, welche über ihn gingen, einen immer schauerlicheren Charakter... Alles das, was unerklärlich für den gemeinen Sinn war, wurde von demselben auf’s schlimmste gedeutet, und so brachte man den armen Grafen, den man früher mit bösen Geistern, einer Besessenen und Hexe verkehren sah -- jetzt gar mit der Hölle in _pleno corpore_ -- d. h. mit der ganzen und vollen Zahl höllischer Heerscharen in Verbindung, wobei man nicht vergaß, zu behaupten, diese hätten unsichtbar vom ganzen Schloß Besitz genommen, und umtanzten bei Tage den Herrn, zur Nachtzeit den Sarg der Hexe, die unten in der adeligen Gruft lag... Bald, sagten sie, werde das ganze Schloß in Rauch aufgehen -- der Pechgeruch sei bereits allerwärts zu verspüren. --
Auch von Alexandrine war da noch Vieles zu bemerken. Es ließ sich nicht bezweifeln, daß irgend ein häßlicher Kobold in dieser zarten Mädchenhülle verborgen sei, der die Bestimmung habe, den verlornen Grafen zu bewachen -- ihn keinen Schritt von der Straße abweichen zu lassen, welche glatt und schnurstracks zum Königreiche Lucifers führt...
Ungeachtet dieser freundlichen Beurtheilung, womit seine Diener und Unterthanen ihn beglückten, unterließ er, der sich deshalb einmal mit seinem Verwalter berathen hatte, nicht, ihnen Tag für Tag Gutes zu erweisen, ihnen die Lasten zu verringern, die Pflichten angenehm zu machen -- ihre Vergehungen mit Nachsicht zu bestrafen, dagegen bei Belohnungen großmüthig zu verfahren und sich hierbei an kein anderes Maß zu binden, als an das eines gütigen Herzens. --
Glaube man ja nicht, daß es ihm hierbei um einen Zweck zu thun war... er wollte durch diese Veranstaltungen weder berühmt noch beliebt werden; es war weder die armselige Affektation eines unglücklichen Theaterhelden -- noch die wohlberechnende Klugheit eines menschenfreundlichen Wucherers... es war einfach der dunkle, aber mächtige Trieb jener Herzen, die in den Byron’schen Menschenhassern wohnen und auf deren Grunde die edelsten Menschenfreunde verborgen sind; edle, erhabene, tiefe, excentrische und gewaltig empfindende Naturen, die vom Glück eben so heftig bewegt werden, wie sie das Unglück erschüttert, so daß sie dort wie hier jeden Halt verlieren, außer den Edelmuth, der nie von ihnen weicht, der kostbar blinkt, wie die Perle in der Muschel, mag diese auch getödtet werden und verwesen. --
So ward z. B. jenen um das Seelenheil ihres Herrn so eifrig besorgt gewesenen Leuten, deren Tollheit sich unter die Kutte ihres Pfarrherrn verbarg -- die angedrohte Strafe erlassen, dem letztern jedoch bedeutet, das Kapitel des Exorcismus _in praxi_ aus seiner Liturgie zu streichen, was der geängstigte Geistliche um seiner Pfarrkinder und Gänse willen auch zu thun angelobte -- jedoch mit schwerem Herzen, denn er war auf seine Teufelsbannkunst stolzer, als auf alle seine übrigen Kenntnisse und Fähigkeiten, sowohl im Latein wie im Griechischen und Hebräischen, worin er freilich kein Weltwunder sein mochte.
* * *
Wider seinen ausdrücklichen Befehl fand der Graf die Thür seines Schlafzimmers heute nur blos angelehnt, nicht zugeschlossen, und eben wollte er seinen Kammerdiener rufen, um ihn wegen dieser Nachlässigkeit, die seiner jetzigen Meinung nach ein Verbrechen war, zur Rede zu stellen ... als seine Blicke auf den Tisch neben die Lampe fielen -- und eines Briefes gewahrten, der mit großer Hast hingeworfen zu sein schien, denn er lag so, daß er jeden Augenblick auf die Erde fallen konnte...
Bevor der Graf diesen Brief zur Hand nahm, that er nun dennoch das, wozu er schon früher entschlossen war, er klingelte und ließ sein ganzes Hauspersonal zusammenkommen, vom Sekretär und Verwalter bis zum letzten Bedienten. Als die Leute beisammen waren, redete er sie mit finsterer Strenge an:
„Wer von Euch hat es gewagt, diese Thür hier zu öffnen?“
Sie sahen ihren Herrn erschreckt an und wandten sich mit fragenden Blicken zu einander.
Der Kammerdiener trat vor und sprach zitternd: „Vor einer Stunde, gnädiger Herr, habe ich das Schlafzimmer geöffnet und darin Alles in Ordnung gebracht -- sogleich jedoch trat ich wieder heraus und kann es beschwören, daß ich die Thüre fest verschlossen habe.“
„Gut!“ versetzte Alexander: „ich will Dir glauben, Antoni; ich weiß, Du lügst nicht, ich weiß auch, daß Du Deinen Dienst pünktlich versiehst und daß meine Befehle Dir heilig sind.... Anfangs hatte meine Vermuthung Dich getroffen -- -- doch jetzt bin ich vom Gegentheil überzeugt und habe deshalb die Andern hierher beschieden. -- -- Nun,“ rief er mit lauter Stimme: „meldet sich Niemand von Euch? Ist der Schuldige etwa nicht hier?“
Alles blieb stumm.
Der Graf, in Zorn gerathend, stampfte auf den Boden: „Ich will es wissen! Weh demjenigen, den ich später selber als den Thäter entdecke. Er trete lieber gleich hervor!“
Nichts; kein Laut.
Da trat Alexander in das Schlafzimmer zurück... nahm den Brief vom Tische, und ohne dessen Aufschrift zu lesen, wies er ihn der Schaar vor: „Dieses Schreiben ist hinein gelegt worden -- -- der Kammerdiener trägt die Schuld nicht .... Wer also hat sich unterstanden....?“
Tiefe Stille. --
In diesem Augenblicke glitten seine Blicke unwillkührlich über die Aufschrift hin -- und als hätte ein Krampf seine Hände ergriffen, zerknitterte er das Papier und drückte es so zusammen, daß es einen Knäuel bildete....
Jetzt wie von einem unwiderstehlichen Gedanken erfaßt -- verabschiedete er rasch die Domestiken -- eilte in das Gemach -- entfaltete den Knäuel und las nun auf der Rückseite des Briefes mit den Schriftzügen +Cölestinens+:
„+An den Herrn Grafen Alexander von A--x! --+
+Man bittet ihn flehentlichst, diesen Brief zu öffnen.+“
Ein nie gefühlter Drang trieb ihn, dieser Bitte zu willfahren, derselbe Drang, welcher ihn zu dem vorigen Schritte genöthigt hatte. Er erbrach das Siegel, der Inhalt des Briefes lautete:
„Mein theurer, heißgeliebter Gemahl!“
Bei dieser Stelle angelangt, wollte er das Papier zerreißen -- doch las er noch einige Zeilen.
„Ein wahrer und aufrichtiger Freund, ein solcher, dem der erhabene Name +Freund in der Noth+ gebührt -- überbringt Ihnen diesen Brief. Er wird Mittel finden, zu Ihnen zu gelangen, mögen Sie die eherne Mauer, womit Sie sich gegen mich und die Welt umgeben, auch verdreifachen. -- Und so weiß ich, daß diese Zeilen gewiß in Ihre Hände kommen, die theuren Augen meines Gemahles, meines angebeteten Alexander auf ihnen ruhen werden. Ja -- so nenne ich Sie! und ich rufe Gott, der uns erschaffen hat durch einen Wink seiner Hand, der uns vernichten kann durch einen solchen -- ihn rufe ich an, mich zu hören, indem ich Sie so nenne.... mich in dem Augenblick, wo ich das Wort ausspreche, zu zerschmettern, wenn es eine Lüge enthält. -- O Alexander! Alexander! Wohin ist es mit uns gekommen? -- Hätte ich das denken sollen -- hätte ich es selbst im Wahnsinn eines hitzigen Fiebers damals denken sollen, als es noch nicht so um uns stand, wie in dieser entsetzlichen Stunde... denn jede Stunde ist jetzt entsetzlicher als die vorhergehende -- das Schicksal scheint sich an mir erschöpfen zu wollen in seinem Reichthum an Elend! Es hat schon den ganzen Köcher über mich ausgeleert... und doch treffen mich noch mit jedem neuen Athemzuge neue giftigere Pfeile. -- -- O mein Gott, mein Gott! Erbarme Dich meiner und seiner! Sende einen Deiner allgewaltigen Lichtstrahle herab in diese Finsternisse!... Du bist ja der Beschützer der Unglücklichen, der Unschuldigen und Verfolgten... Warum hast Du deine Gnade nicht auch für mich -- die mit ihrem reinen Herzen vor Dir liegt im Staube?... Ich bin ja schuldlos wie ein lallendes Kind -- wie der Gedanke eines frommen Dichters! -- Du siehst es -- Du weißt es -- Du allein kannst es bezeugen -- -- und doch schweigst Du, Unerforschlicher, heiliger Vater der Menschen! -- rede zu ihm nur ein Wort -- flüstere es ihm im Wehen des Morgenwindes, oder wenn der Zephyr Abends an seine Schläfe streift, zu: ich bin unschuldig, sein Weib war unschuldig, wird es bleiben bis zum letzten Schlage eines Herzens, das nur für ihn pocht. -- Mein Gemahl, mein Gatte -- warum sollte ich das Alles sagen, da nichts mich dazu zwingt? Sie haben nach Ihrer Trennung von mir meine Verhältnisse so gestellt, daß, wäre nicht meine Liebe zu Ihnen, ich mich darin nur glücklich fühlen könnte. Wäre ich eine Verbrecherin -- so könnte ich ja nichts sehnlicher wünschen, als den Fortbestand meiner jetzigen Lage. -- Aber ich bin keine Verbrecherin, ich bin Ihre treue Gattin -- Ihr treues Weib vor den guten Menschen und vor Gott. Ich bin so rein von aller Schuld wie die Engel im Himmel es sind... Und ich kann von mir sagen: ich will vor den Spiegel der Tugend treten und es wird kein Fleckchen seine klare Fläche trüben. -- -- Welches sind die Zeugnisse, die gegen mich sprechen? -- Nennen Sie mir sie! Ich, ich darf keine anführen, um mich zu vertheidigen, -- -- dies ist der Tugend nicht eigen, hierzu darf sie sich nicht herablassen. Und wollte ich überhaupt reden -- -- wollte ich von demjenigen reden, was allein noch einen Schein, einen Schatten von Zweifel auf mich werfen kann, so würde ich anderweitig ein Verbrechen begehen. -- Doch dies ist es nicht, was Ihren Verdacht erwecken konnte .... es muß etwas Anderes sein. Ein böser Geist muß zwischen uns stehen -- der einen bösen Samen aussäet... dieser Samen wächst in rasender Schnelligkeit zur Höhe -- und verbirgt mich in meiner Unschuld dem Auge des Gatten. -- -- O Alexander, einzig Geliebter Deines Geschlechtes!.... Gewiß, die Dinge werden nicht ewig so bleiben.... es wird endlich eine mildere Sonne ihr Licht über uns ergießen -- aber Du wirst dann mein treues Herz nur durch einen grünen Rasenhügel erblicken. Und diese Zeit wird bald kommen, früher als Du wohl glaubst.... Alexander, es kann nicht mehr bis zum kommenden Sommer währen, nicht mehr bis zu dem Tage, wo die Schwalben gezogen kommen, um ihr himmlisches Nest zu suchen -- und auch ich werde in meine Heimath hinüber ziehen.... Könntest Du diese elende Hülle sehen, die einst so blühend, so fröhlich, so heiter, so glücklich, so voll berauschender Lust vor Dir stand, die nicht nur durch ihre Jugendkraft, sondern auch durch Deine Liebe so große Ansprüche an das Leben hatte -- könntest Du sie jetzt sehen, wie sie stündlich mehr zusammenfällt und eine Frucht für das Grab wird .... o, ich wage es zu hoffen, Du würdest Dich besinnen -- vielleicht nur zuerst aus Schrecken oder Mitleid -- aber gleichviel, Du würdest in Dich gehen -- Deine Sehkraft anstrengen... sie würde diese dünne Hülle durchdringen -- und drinnen das Herz im hintersten Winkel vor Jammer und Trübsal zusammengeschrumpft sehen.... mein Herz, dieses treue, zärtliche, gute Herz, dieses Herz eines Kindes und einer Gattin zugleich....
„Doch ich höre auf zu rufen und zu wehklagen! -- Ich schließe diesen Brief. -- Sollte es der letzte sein, der den Weg zu Dir fand .... sollten diese Zeilen die Abschiedszeilen eines unglücklichen Weibes von ihrem heißgeliebten Gatten -- sollte dieser Gruß der letzte Gruß einer verkannten Frau von ihrem allzustrengen Manne sein: so grüße ich Dich aus den innersten, unergründlichen Tiefen meiner treuen Seele und flehe den allmächtigen Gott an, Dich stets mit Glück und holder Zufriedenheit zu umgeben -- Dich durch dieses Leben wie durch einen blühenden Garten zu führen -- am Ziele deines Weges aber Dir eine Aussicht zu öffnen, die in den Kreis seliger Cherubim und zu den Geliebten Gottes reicht, deren einer Du werden mögest....
„Dort, dort, Alexander, werden wir uns gewiß endlich finden!
„-- -- Ach ich kann dieses Schreiben nicht schließen, ohne mit herzzerreißender Stimme zu rufen: ich bin unschuldig, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig! --
+Cölestine+.“
Alexander hatte den Brief bis zu Ende gelesen. -- Als er vorüber war, fiel er kraftlos in einen Lehnstuhl und lange fand er keinen Gedanken, keine Empfindung, kein Bewußtsein. -- Eine betäubende Leere allein erfüllte Alles in ihm und um ihn. So wie ihm jetzt geschah, war ihm noch niemals geschehen.... vergebens hätte er diesem sonderbaren Anfall widerstrebt, er war, ehe er sich’s versah, dessen Sclave, gefesselt an Händen und Füßen -- an Seele und Leib. -- Ein tausendstimmiges Chaos rauschte, braus’te, klang und summte um seine Ohren -- und es schien nicht anders, als hätte die Natur alle ihre Kräfte, leibhafte und geisterhafte, entfesselt, um sie gegen ihn zu senden, nicht damit sie ihn vernichten, sondern damit sie ihn in eine grenzenlose Verwirrung brächten, die länger dauernd den Bau seines Wesens zerrütten und zuletzt mit Wahnsinn endigen mußte. Zum Glück haftete dieser Zustand nicht lange unverändert an ihm -- er machte nach und nach einer völligen Dumpfheit Platz -- und war früher das Ohr das Mittel gewesen, durch welches die Ereignisse an seiner Seele rüttelten, so wurde es jetzt, nachdem der Gehörsinn völlig aufgehoben schien, das Auge. Eine Welt voll Visionen tummelte sich vor seiner Pupille -- -- bunt und düster, groß und klein, monströs und edel -- rasch und langsam -- wild und sanft: Figuren auf Figuren von unübersehbarer Menge, wie die Wellen eines brandenden Meeres! Es war ein Zug, der keinen Anfang und kein Ende nahm. -- O wie sie tanzten -- sprangen -- ras’ten... früher waren sie doch so ganz sachte auf glattem Boden dahingehuscht... aber nun mit einem Male hatte sie alle irgend ein wüster Wirbel erfaßt -- und die stille Kirchenfahrt wurde zum tollen Hochzeitszug -- zum wüthenden Teufelstanz...
Seine Hirnschale drohte zu zerspringen ob des vielen Sehens; -- das innerlich kochende Gehirn schien bereits durch einige Poren durch die Augenhöhlen herauszuzischen.... wild warf sich der unselige Seher mit dem Angesichte gegen den Erdboden und wühlte mit den Fingern darin; er hätte ihn gern zur unermeßlichen Tiefe aufgewühlt, um sich selbst hineinzulegen.... Da endlich däuchte es ihm, er läge wirklich schon darin -- er empfand lindernde Kühle und ihn umfing finstere Nacht.... Alle Gestalten waren verschwunden... der Gesichtssinn hatte seinen Dienst vollbracht, war erlahmt...
Ach, mein Gott -- noch immer hatte das Schicksal nicht das rechte Organ gefunden, wodurch es deutlich zu dem Elenden sprechen konnte, so deutlich nämlich, daß er es verstand und vom Verständniß zu Grunde ging. -- Denn so hatte es das böse Schicksal gewollt;... nicht im Tollsinn sollte er reden -- es wollte ihn im Bewußtsein seines namenlosen Elends hinabschleudern zum Orkus.
Darum wandte es sich jetzt von seinen äußern Talenten zu den innern -- zu den scharfen geistigen Medien; es faßte ihn mit Geierkrallen unmittelbar am Herzen -- und spie in’s Antlitz seiner Psyche... Es rollte mit einem Ruck zwei ungeheure Berge von Schuld vor seine +Erinnerung+ hin -- sie glichen zweien Scheiterhaufen, und auf dem Gipfel des einen lag Margaretha gefesselt und gebunden -- auf jenem des andern aber -- Cölestine.... und er selbst, er lief mit einer brennenden Fackel hin und zündete zuerst den einen, darauf den andern an... und tanzte dann zwischen beiden -- und schürte ihr Feuer -- und wandte sich mit gotteslästerlichen Gebeten an den Himmel, den er anflehte, ihm seine Blitze zu Hilfe zu senden, weil dies irdische Feuer zu schwach brenne.... und droben auf den Holzstößen, wo die Flammen über ihnen zusammenschlugen -- heulten die Opfer unter rasenden Martern -- und schrien auch zum Himmel auf -- aber sie schrien um eine Fluth, die herabstürzen sollte auf ihre brennenden Glieder und glimmenden Haare -- und als der Himmel kein Wasser senden wollte -- -- da verlangten sie nun auch mehr Feuer -- sengende Blitze.... damit ihre Qual schneller ein Ende nähme.... Aber nichts von dem Allen ward erhört! -- Alles ging seinen natürlichen Gang. -- Alles, was geschah, geschah durch ihn, durch den Henker, durch Alexander -- er allein briet seinem Herzen dies höllische Mahl -- und er allein verschlang es, der ärgste unter den Cannibalen -- -- ein Teufel in adeliger gesitteter Mannesgestalt. --
Er erwachte. --
„Ja!“ schrie er händeringend auf: „Ich bin ein Würgengel! So wie die Eine fromm und schuldlos war -- -- so wird es wahrscheinlich auch die Andere sein.... Ich habe die Eine gelästert und zerstört -- ich habe es ohne Zweifel auch mit der Andern so gemacht... Es wird mir klar, ich bin auserkoren -- gleich dem Satan die Kinder Gottes zu verlocken und zu verderben.... Cölestine, Du bist rein und fleckenlos wie es Margaretha war... jene wie Dich tödtete mein Wahnsinn!“
Kaum hatte er dies gesprochen -- als neben ihm eine gellende Lache aufschlug, welcher die Worte folgten:
„Armseliger Tropf! So ist also wieder all’ Deine Mannheit dahin? -- dahin Dein Stolz und Deine ganze Größe? -- -- Geh, geh -- Du bist der Kleinen Kleinster!... ein Knabe, der gerne ein Riese sein möchte.... stets aber von einem +Weibe+ überwunden wird. Auf Deiner Stirne brennt mit unauslöschlichen Zügen das Schandmal: „Weiberknecht!“ -- -- und all Dein Thun hat seine Qual in der eitlen Laune irgend eines Weibes. -- -- Tausendfach verhöhnter Liebhaber und Gatte -- Du wirst es bleiben bis an’s Ende Deiner Tage!... So bist Du schon wieder Narr genug -- den glatten Worten eines Weiberzüngleins zu glauben? -- -- Wohlan! Geh’ hin -- begib Dich um Mitternacht zu der Wohnung dieser Cölestine -- -- schleiche Dich hinter die Gartenmauer Deines Hauses -- kaure hinter einem Strauche -- -- und Du wirst Deine treue Gattin kommen sehen, verhüllt mit Schleier und Tüchern... darauf tritt ihr der schöne schlanke Geliebte entgegen (Du kennst ihn wohl!) -- -- sie umfängt ihn mit brünstigen Armen -- er entführt sie rasch -- denn kein köstlicher Augenblick ist zu versäumen.... Wohin führt er sie? -- -- -- Nach +seiner+ Wohnung, nach +seinem+ Hause .... hier bringen sie zwei Stunden zu, um einander zu küssen und über Dich zu lachen!“
Jetzt verstummte die Stimme.
Jetzt erst gewahrte Alexander, daß er sich außerhalb seines Schlosses im dichten Walde am Rande des Sees befinde. --
Von dem fremden Sprecher aber war nichts zu sehen; keine Spur mehr zu entdecken. -- Freilich jedoch herrschte bereits finstere Nacht und am Himmel blinkte nicht ein Sternchen....
Wie er hierher kam aus seinem Schlafgemache, wußte er sich nicht zu sagen; doch erfuhr er am andern Morgen, daß er gestern Abend in tiefen Gedanken versunken herausgewandert sei in’s Freie, der Pförtner hatte ihm erstaunt nachgesehen, jedoch weder gewagt, mit ihm zu sprechen, noch ihm zu folgen. --
Zehntes Kapitel.
Auf der That ertappt.
Noch an diesem Tage verließ der Graf allein und ohne alle Begleitung das Schloß und begab sich in einer unscheinbaren Kutsche nach der Residenz; er passirte unerkannt die Linien und stieg in einem der armseligsten Gasthöfe ab. Hier nannte er einen fremden Namen, und nachdem er ein einfaches Zimmer bezogen, schloß er sich, seiner Gewohnheit nach, darin ein. Er hatte nichts anderes mitgebracht, als seinen Mantel und unter demselben ein Paar lange, dünne, scharfgeschliffene Klingen, von moderner Pariser Arbeit. Mit ihnen unter dem Arme, von seinem Mantel eingehüllt, verließ er Abends in tiefer Dunkelheit seinen Gasthof, bezahlte den Wirth und begab sich sofort zu seinem Notar, den er gewiß war jetzt zu Hause zu treffen. Diesem händigte er ein versiegeltes Paket ein mit dem Bedeuten, es nach drei Tagen in dem Falle zu öffnen, als er bis dahin keine Gegenordre erhalten hätte. --
Das Paket enthielt Alexanders letzten Willen.
Nunmehr, mit seinen bürgerlichen Angelegenheiten in Ordnung -- eilte er, denen seines Herzens und seiner Ehre Genüge zu leisten. Er trat den Weg nach seinem Palaste an, und da er wußte, daß seine Gegner sich der verborgenen Pfade bedienen würden, wählte er die allgemeine breite Heerstraße, auf der er auch ungesehen bis an den bezeichneten Platz gelangte. Es war ihm, der mit der Oertlichkeit dieses Gebäudes, welches er selbst hatte aufführen lassen, sehr vertraut war, leicht, sich hier zu verbergen, ohne daß Jemand seine Nähe ahnte. --
Keines Dieners Auge, keines Hundes Wachsamkeit hatte ihn entdeckt und mit bitterem Lächeln sagte er zu sich:
„Ich bin in meinem Hause sehr treu bewacht!“
Es schlug jetzt halb Zwölf. -- Er setzte sich auf den Boden, legte die Waffen vor sich hin und betrachtete mit Wohlgefallen ihre Spitzen -- denn diesmal schimmerten die Sterne, auch hatte sein Blick eine wunderbare Schärfe gewonnen, die jener eines Geiers glich.
Langsam, träg und faul zog die Zeit hin -- Alexander meinte, diese halbe Stunde sei hinreichend, eine neue Welt zu bauen oder zu zerstören... an dem letztern Gedanken hielt er sich mit Wonne. -- Endlich schlug es Zwölf....