Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)
Part 9
Es war gleichfalls ein Blick gewesen, der ihn so entsetzlich niederschmetterte; es war ein Blick voll heißen Feuers, welchen der Chevalier, der sich unbeobachtet wähnte, nach Cölestine geworfen. --
Sie jedoch hatte nichts davon bemerkt; sie hatte keine Ahnung von dem, was außer dem engen Kreis, der sie in diesem Augenblick umschloß und wozu auch ihr Gemahl gehörte -- im Salon vorging... sie war unschuldig an den Anschlägen, welche von zweifacher Seite gegen sie geschmiedet wurden.
Der Vermummte schien in diesem Augenblick mit sich heftig zu kämpfen, welchem von den Zweien er seine Aufmerksamkeit schärfer, beharrlicher, durchdringender, wuthvoller zuwenden sollte: Cölestinen oder dem Chevalier. Er glich einer Schlange, die zwei Opfer vor sich sieht -- beide verschlingen möchte und daher mit keinem den Anfang machen will, weil sie fürchtet, das andere möchte ihr inzwischen entgehen. Ein Fieber hatte ihn ergriffen und schüttelte an seinen Gebeinen, daß diese an die Fensterwand anschlugen, wie hölzerne Klöppel... er konnte sich kaum mehr halten und drohte vor Zorn und Ohnmacht jeden Augenblick niederzusinken...
„O wäre es möglich,“ bebte es von seinen bleichen Lippen: „Wäre es kein bloßes Kindermährchen: ich würde in diesem Augenblick jenem Satan und seiner höllischen Macht gerne meine halbe Seligkeit verschreiben -- -- könnte ich damit nur den Elenden dort von der Erde wegblasen, oder tausend Meilen weg von hier versetzen....“
Er hatte Marsan gemeint, Marsan, der jetzt in einer Ecke saß, den Rücken gegen die Gräfin gekehrt, die er jedoch in einem Spiegel vor sich erblickte, ganz so wie ein Bild in einem Rahmen, -- und von welcher er kein Auge verwandte -- in deren Zügen, in deren Geberden, in deren Bewegungen und Worten (denn auch diese schien er aus der Bewegung ihrer Lippen zu errathen) er las -- wie in einem Buche, mit dessen Inhalt er sich gänzlich vertraut machen wollte.
Die Gesellschaft fing endlich an sich zu zerstreuen. Alles ging nach Hause; auch Herr von Marsan verließ an Edmund’s Arme den Salon. Der Vermummte war nicht der Letzte; mit wildem Widerstreben, aber gezwungen von unerbittlicher Nothwendigkeit, hatte er, wie er gekommen war, sich fortgeschlichen. Während alle Uebrigen nach der Stadt ihren Weg nahmen, verfolgte er einen Pfad nach dem Augarten. Hier langte er noch vor der Thorsperre an -- verlief sich in entfernte, waldige Partieen -- warf sich im Dunkel der Gebüsche auf die Erde nieder und -- verbrachte hier die Nacht.
Er hatte sie im heftigsten Fieber -- im Wahnsinn von hundert Leidenschaften: in Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Wuth und Rachsucht hingebracht. --
* * * * *
„O mein Alexander!“ rief Cölestine, als sie sich in ihrem Hause mit dem geliebten Manne wieder allein fand: „So ist endlich Alles vorbei -- alles Schale und Traurige vorüber -- und nur die Freude ist geblieben. Wir haben uns jetzt wieder -- wir können wieder glücklich sein, und was wir so lange entbehren mußten, ersetzt das gütige Schicksal in diesen Augenblicken uns in doppelter Fülle.... So komm denn, theurer Gatte, Mann meiner Wahl, komm an mein Herz -- und lass’ mich wieder die Schläge des Deinigen hören.... Lass’ uns eilen, lass’ zur geheimsten und einsamsten Stätte unserer Liebe uns flüchten -- und nicht eher werde sie verlassen, als bis uns eine tyrannische Gewalt von ihr wegreißt. --“ Sie bot ihm ihre Lippen dar und er hing sich daran, saugte an ihnen, wie ein Insekt an dem Kelche einer Blume. --
Fürwahr, diese zwei Menschen genossen eines Liebesglücks, wie es nicht mehr begehrenswerther kann gefunden werden. -- --
Zehntes Kapitel.
Ernste und heitere Zwischenszenen.
Allein wir haben eine sehr ehrenhafte Person dieser Geschichte gänzlich aus den Augen verloren und beeilen uns daher, sie wieder aufzusuchen, um uns auch nach ihrem Schicksale zu erkundigen und dies um so mehr, als dasselbe in letzterer Zeit sehr traurig sich zu gestalten anfing. Was kann es auch Lustiges um eine +Erkältung+ oder gar um eine +polizeiliche Vorladung+ sein; und beide diese Schläge trafen doch, wie wir wissen, zu gleicher Zeit das Haupt Althings, unseres Bruders Althing, des großen Herzenstyrannen und Weiberbesiegers Althing! -- O wie seufzte er unter diesen Schlägen auf, der Arme. Fürwahr, so hat noch Niemand geseufzt! Man hörte ihn bis in’s dritte Nachbarhaus hinüber.
Mit der Erkältung war es noch so ziemlich gegangen; einige Gläser Essenz, (ein Artikel, welchen Althing zu Hause in allen Sorten und zu allen möglichen Zwecken: Aufregungen und Dämpfungen besaß) hatten auf seinen dicken Leib die wohlthätigste Wirkung geäußert;... allein die Polizei, die Polizei! Diese war dem Armen viel gewaltiger in den Leib gefahren, als die Kälte.
Die Sache war, daß unser Dicker mit ihr zum ersten Male in Berührung kam; und Jedermann weiß doch, wie ängstliche Menschen ein Uebel, welches sie noch nicht kennen, für weit furchtbarer halten, als es wirklich ist. Althing dachte schon, man würde ihm auf dem Polizeibureau die +eiserne Jungfrau+ zu küssen geben, und ein so großer Freund der Jungfrauen er im Ganzen auch war -- vor dieser hatte er doch sehr großen Respekt. --
Wie glücklich war er daher, als nach angestelltem Verhör ihm bedeutet wurde, er sei verurtheilt, 10 Gulden zu bezahlen und einen Verweis zu bekommen.
„O tausend Verweise, wenn Sie wollen, meine Herren!“ hatte er in seiner entzückten Dummheit gerufen; und in der That, es war ihm ein Leichtes mit dem Verweis: er hörte ihn nicht. Ach, seine Phantasie flog schon wieder auf den Straßen der schönen Kaiserstadt und in den 2ten, 3ten, 4ten, 5ten und 6ten Etagen umher.
Er war kaum aus dem Polizeihause getreten, als er sich schon auf’s Casino verfügte, um da eine körperliche Restauration mit sich vorzunehmen: er aß und trank jedoch so eilfertig, als beabsichtige er irgend eine Flucht. Wirklich stürzte er auch, noch mit dem letzten Bissen im Munde, hinaus -- -- um dem ersten Dämchen, das ihm begegnen würde, die Begleitung seiner holden Persönlichkeit anzubieten.
War es Zufall oder Schicksalsfügung -- (wir haben es schon irgendwo bemerkt, daß dies zwei Benennungen für +eine+ Sache seien) er stieß -- und das beinahe mit der Nase -- zuerst auf jenes böse Wesen, um derentwillen er alle letzteren Schläge erlitten hatte; um derentwillen er bei Daum compromittirt, im tiefen Graben begossen und endlich von der Polizei aufgegriffen und verurtheilt worden.... dieses reizend-verhängnißvolle Wesen stand schon wieder vor ihm. Er besann sich einen Augenblick, denn er fühlte sich wirklich ein wenig consternirt. Aber unser Mann wurde bei solcher Gelegenheit zuletzt immer entschlossener, als ein Türke: „Ah! Bah!“ murmelte er unter seinem gefärbten Schnurbart: „das sind Possen, was mir da einfällt! Es gibt kein Fatum -- kein Omen! Es gibt in der Welt nur Gewißheiten, und nichts ist mir reellere Gewißheit, als ein hübsches Schürzchen. Darum -- ohneweiters dieser da nach, Freund Althing! -- und hat sie dich auch früher in die Patsche geführt -- vielleicht wird sie dir’s jetzt um so süßer vergelten. Die Weiber haben ein mitleidiges Herz... namentlich bei Männern von einem gewissen Aussehen!“ Noch ehe er diesen Satz beendigte, hatte er sie schon eingeholt: „Mein schönes Kind,“ fing er an und watschelte an ihre linke Seite: „erkennen Sie mich noch?“ Die Grisette antwortete nicht und setzte rasch ihren Weg fort.
„Ei,“ begann er wieder: „Sie thun, als ob Sie mich in Ihrem Leben niemals gesehen hätten! Das ist ein wenig stark! Blicken Sie mich doch ein Bischen an -- vielleicht wird Ihnen (wenn nicht Ihr Herz, doch) Ihr Auge Etwas sagen.“
„Ich wüßte nicht,“ lachte das Mädchen, „was mir mein Auge sagen sollte!“
„Wie? Sie wissen es wirklich nicht? Nun, mein Täubchen -- versuchen Sie’s doch nur ’mal. Vielleicht werden Sie finden, daß ich für Sie keine fremde Person mehr bin, -- hm, hm!“
Dieses „Hm, hm“ hatte Althing ertönen lassen, weil er so eben wieder mit seinen Sporren hängen geblieben war und seine Beinkleider tüchtig ausgerissen hatte. Jedoch es war jetzt nicht die Zeit, an Kleiderrisse -- es war vielmehr die Zeit, an Herzensrisse zu denken und er fuhr fort:
„Sie dürften am Ende doch noch finden, mein Schätzchen -- daß ich derselbe Herr bin, welchem Sie da neulich bei Daum’s Kaffeehause ein Rendezvous gegeben -- -- ein Rendezvous, was mir, bei Gott, theuer genug zu stehen gekommen; Sie dürften ferner finden, daß ich auch derselbe Herr bin, der Ihnen auf dem tiefen Graben nachgegangen -- dem Sie die Hausthüre vor der Nase zugeschlagen -- -- und zuletzt noch als +höchstes+ Liebeszeichen vom 6ten Stockwerk den Inhalt eines Gefäßes auf den Kopf gegossen haben -- das Alles dürften Sie finden. Und doch, meine Theuerste, ist das Alles -- bei weiten nicht das ganze Alles. Da kann ich Ihnen noch mit einigen andern Aufopferungsgeschichten aufwarten: so zum Beispiel, daß ich mir aus Liebe zu Ihnen eine Erkältung zuzog, aus welcher ein heftiges Nervenfieber entstand -- ferner, daß ich von der Polizei in Beschlag genommen und wie ein blutiger Verbrecher behandelt wurde, -- das Alles und noch unzähliges Andere habe ich für Sie erduldet, getragen, gelitten, mein reizendes Kind.... und mit gutem Gewissen kann ich hinzusetzen, gelitten wie ein Mann, wie ein Held! Und jetzt frage ich Sie: wollen Sie noch immer so thun, als kennten Sie mich nicht; als wäre ich für Sie nichts? -- Antworten Sie, Holdeste!“
„Nun wohl,“ versetzte das Mädchen, die seiner ganzen früheren Schmerzengeschichte unter anhaltendem Kichern und Gelächter zugehört hatte: „so will ich Ihnen denn sagen, mein Herr -- daß Sie der unausstehlichste und zudringlichste alte Mensch sind, der mir je vorgekommen!“
„Was?“ schrie Althing, wie gelähmt stehen bleibend und sie am Arme ergreifend: „Was unterstehen Sie sich da?“
„Lassen Sie mich los!“ schrie sie: „oder ich rufe um Hilfe! -- Ja, ja, ich will es Ihnen nochmals wiederholen: noch niemals habe ich einen überlästigeren Menschen gefunden, als Sie. Was haben Sie nöthig, mich beständig zu verfolgen?... Alles was Sie bei mir erreicht zu haben oder zu erreichen glauben, ist pure Einbildung. -- -- Erstens habe ich Ihnen niemals eine Bestellung gegeben....“
„Wie -- Sie haben mich nicht zu Daum bestellt?...“
„Ich weiß kein Wort davon.“
„Sie sagten ja, Sie würden dort um 2 Uhr Nachmittags vorüber gehn.“
„-- Ich sagte das, um Sie los zu werden, als Sie mir nicht auf andere Art vom Halse gehen wollten....“
„Ah, so also?“
„Ja, ganz so.“
„-- -- Indeß -- indeß gingen Sie gleichwohl bei Daum vorbei.“
„Aber nicht um 2 Uhr.“
„Was schadet das: um 2 oder 12 Uhr, das ist gleich. Ich war einmal dort und wollte Ihnen eben folgen --“
„Dies wäre Ihnen schlecht bekommen.“
„Weßhalb, mein Fräulein?“
„Weil der Obermarqueur, der mein Geliebter ist, Sie am Rockschoße hielt -- und --“
„Ach! Ach!“ fuhr Althing auf: „jetzt begreife ich den ganzen Zusammenhang. Jener unverschämte Bengel oder Marqueur war also Ihr -- -- Geliebter! Darum wollte der Kerl mich durchaus nicht fortlassen --“
„Bis Sie bezahlt hätten; das ist so Weltgebrauch....“
„Allein -- Mademoiselle, für diesen Weltgebrauch habe ich Ihrem holden Geliebten einen Fußtritt versetzt -- hahaha!“
„Und er gab Ihnen denselben zurück, hahaha!“
„Er empfing von mir annoch eine Ohrfeige...“
„Und er blieb Ihnen auch diese nicht schuldig, hahaha!“
„-- O -- aber, meine Theure, glauben Sie mir, es beweis’t einen sehr schlechten Geschmack, einen Marqueur zum Geliebten zu haben...“
„Der Geschmack ist verschieden. Was mich betrifft, so ist mir ein hübscher Marqueur viel lieber -- als ein häßlicher alter Geck.... Ich habe in dieser Hinsicht den Geschmack so mancher Fürstin und brauche mich seiner also nicht zu schämen...“
„Allein...“
„Allein, mein Herr, ich erlaube mir Ihnen zu bemerken, daß dies Gespräch mich bereits dermaßen langweilt -- daß ich, sofern Sie mich nicht augenblicklich verlassen, ernstlich auf Mittel denken werde, mich von Ihnen zu befreien.... Ah, dort sehe ich meinen Freund! Es ist +Franz+, der Polizeikorporal. -- -- Heda! Herr Franz! Herr Franz, hören Sie!“
„Um Gotteswillen!“ rief der Dicke erbleichend und einen Satz seitwärts machend, daß er von der Grisette weg bis mitten auf die Straße gerieth: „verschonen Sie mich mit Ihrem Freund! -- Von dieser Gattung Freunde habe ich schon genug erfahren!...“ Und ohne sich weiter lange zu bedenken, machte unser Liebesheld schnell noch einen Satz, welcher ihn bis zur andern Seite der Straße brachte -- ließ Liebe, Leidenschaft und Zärtlichkeit im Stich und schlug eilends einen Weg ein, der entgegengesetzt von demjenigen war, welcher die Grisette mit ihrem „Freunde“ zusammenführte.
„Teufel!“ meinte Althing, als er endlich nach langem Rennen sich in der Gegend der Piaristen in Sicherheit fand --: „Teufel! dieses Mädchen hat aber auch ganz kuriose Freundschaften: Marqueurs, Polizeikorporale und ähnliche Staatsmänner.... da bleibe ich, aufrichtig gesagt, recht gern aus dem Spiele. -- Allein, was man auch sagen mag,“ fuhr er fort, „sie bleibt doch eine ganz allerliebste Hexe -- und wäre nur wenigstens der verdammte Polizeikorporal nicht -- ich glaube, sie würde mir noch immer den Kopf verdrehen können.... Allein, so wie die Sachen stehen, bin ich freilich vollkommen geheilt und preise mein Schicksal, das mir zum zweiten Male beistand gegen Anfechtungen der Polizei.... Jedoch in Zukunft will ich mich auch in Acht nehmen und nicht mehr so hineinstürmen in’s Leben und in die Liebe. -- Alle Donner! mein lieber Althing -- Du hast freilich auch ein viel zu hitziges Temperament! Das Jugendblut schäumt noch zu sehr in Deinen Adern! Du mußt Dich gewöhnen, kälter, hartherziger, stolzer zu werden.... Dann werden Deine Siege sich verdreifachen -- wiewohl, was ihre Zahl betrifft, Du mit ihnen auch jetzt nicht eben unzufrieden zu sein brauchst -- haha!“ Er fing an seine Schritte zu mäßigen; jetzt machte er die Bemerkung, daß die Menschen, bei denen er vorbeikam, Blicke nach ihm warfen: „Was hat das zu bedeuten?“ fragte er sich. -- „Nun, nun -- was wird es wohl zu bedeuten haben? Sie sehen Dich an, mein guter Althing, das ist Alles. -- Die Liebe hat so eben Deine Wangen geröthet, -- Dein Auge glänzt noch im höhern Feuer, alle Muskeln Deines Körpers zeigen eine gewisse Elastizität: es ist kein Zweifel, Du imponirst diesen Leuten -- sie bewundern Deine Gestalt -- Deinen Reiz.“ -- Er fuhr selbstgefällig fort: „Das, was man nicht von Natur hat, kann man sich nicht selber geben. Die Schönheit ist ein Geschenk Gottes.... Man kann sie nicht erwerben. -- Wie muß ich über so manchen armen Teufel lachen, der von dem Allerhöchsten in dieser Hinsicht weniger bedacht ward -- wie muß ich über seine Anstrengung lachen, sich schöner zu machen, als er ist... Ach, mein Guter, sag’ ich ihm dann: lass’ das! alle Mühe ist hier vergebens. Du wirst nie ein erträgliches Gesicht zu Stande bringen, -- alle Deine Salben, Pomaden und Schminken nützen Dir zu nichts. Bei uns hingegen thut es einfaches Brunnenwasser -- ein bischen Seifenschaum dazu! Wir sind in dieser Hinsicht wie unsere Göttin: die holde Venus. Ihre und unsere Reize steigen fertig aus Wasser und Schaum hervor. --“
„Aber zum Guckuk -- -- was sehen mich denn diese Menschen gar so sehr an, und einige lachen noch dazu?... Sollte meine Gestalt heute ungewöhnlich verführerisch sein?... Ach, sie werfen ihre Blicke nach meinen Beinen... haha! Ja, unsere Beine!... Alle Donner!“ fuhr er plötzlich auf, nachdem er seine stolzen Blicke hinabgerichtet hatte auf seine Füße: „Was ist da mit meinen Beinkleidern geschehen? -- Sie sind lauter Fetzen! -- -- O verfl-- Sporren! O Unglück! -- O entsetzliches Unglück!“ Und er lief so schnell er vermochte in den offenen Thorweg eines Hauses hinein -- einige Gassenjungen aber, die ihm beständig gefolgt waren, stellten sich draußen vor dem Thore auf und erhoben ein lautes Geschrei:
„Wohnt kein Tandler hier! Wohnt kein Tandler[D] hier! Es will Einer eine alte Hose verkaufen! Eine Hose! Eine Hose!“
Althing schwitzte drinnen dicke Tropfen. Er fand sich schon wieder in einer fürchterlichen Klemme. Das Schicksal hörte nicht auf ihn zu verfolgen.... und womit hatte er es denn verdient?
Da führte dasselbe plötzlich einen leeren Fiaker vorbei. Dies war eine große Gnade vom Schicksal. Althing rief den Fiaker an und dieser lenkte seinen Wagen dicht vor den Thorweg. So stieg denn unser Unglücksmann unter dem Jauchzen von dreißig Jungen ein, die ein Vivat um’s andere riefen, daß ihm dabei die Sinne vergingen.
„Wohin befehlen Euer Gnaden?“ hatte der Kutscher schon mehrmals gefragt, ohne daß es von dem Dicken vernommen worden wäre.
„In die nächste Straße,“ sagte er endlich: „vor das Palais des Generals von Randow -- mein Freund.“
„Wie -- Euer Gnaden wollen in diesem Aufzuge dem Herrn General eine Visite machen? --“
„Bewahre Gott, bewahre Gott!“ seufzte Althing: „ich will bloß zu seinem Sohne -- der mein Freund ist und zum Glück hier nahe bei dem Schauplatze meines Unglücks wohnt -- zu ihm will ich mich begeben. Er wird mich einstweilen mit andern Beinkleidern versorgen...“
„Ah -- das ist etwas Anderes, und Euer Gnaden thun daran sehr recht; denn in diesem da -- sehen Sie gerade so aus, wie der Herr +Knieriem+ im Lumpacivagabundus. - Hott, Brauner! hott! --“
Der Wagen hielt vor dem Palais. Wie aber hineingelangen? Das ganze Haus mußte den Unglücklichen und seine Beinkleider sehen. Es war eine neue Schlinge, die ihm das boshafte Schicksal legte.... Da fiel dem Fiaker plötzlich ein großer Gedanke ein (die Fiaker sind geborne Genies!):
„Wissen’s was, Euer Gnaden?“ sagte der Bursche.
„Nun?“ spitzte unser Adonis seine Ohren.
„Ziehen’s da meinen Mantel an -- und kein Mensch im Hause wird Sie erkennen. In dieser Maskirung können’s dann bis zu Ihrem Freunde, dem jungen gnädigen Herrn kommen....“
Dieser Rath war Goldes werth. Althing dankte dem Fiaker mit einer Thräne im Auge, dieser aber zog seinen Mantel vom Bocke herab und warf ihm denselben um.... Alles dieses geschah in wenigen Augenblicken.... Althing sah in diesem Costüme einem Banditen nicht unähnlich, denn der Mantel war von hellgrüner Farbe und der spitzbübische Fiaker hatte ihm denselben so umgeworfen, daß er sich drappirte und auf Althing’s Schultern hing, wie ein Theatermantel... Aber da war keine Zeit zu verlieren.... Der Dicke schritt mit entschlossenem Wesen in das Palais bei dem Portier vorbei, welcher die Augen aufriß, wie über eine nächtliche Erscheinung. Der Fiaker aber, mit dem Hut in der Hand, schritt unserem Alten nach -- und lachte in’s Fäustchen.
So gelangten sie quer durch den Hof nach dem linken Flügel des Gebäudes, wo Edmund wohnte. Althing ging die Treppe hinauf und fragte einen Diener, der ihm begegnete, ob dessen Herr zu Hause wäre....
„Was will man denn bei ihm?“ antwortete der Kerl mit mißtrauischem Blick.
Da öffnete der Seladon seinen Mantel, und der Diener rief nun: „Ah, Sie sind es, gnädiger Herr? Aber in welchem Aufzuge! Ist denn heute Maskenball bei uns?“
„Dummkopf!“ fuhr Althing auf: „ob der Herr zu Hause ist, frage ich.“
„Nun ja -- gewiß; aber er wird in diesem Augenblicke nicht zu sprechen sein.“
„Und weßhalb? Wegen meines Anzuges da?“
„Nein, sondern weil ein fremder Herr bei ihm ist, mit welchem er eifriger Geschäfte halber sich in ein Zimmer eingeschlossen hat.“
„Ei -- was thut das? -- Er wird doch wohl nicht ewig mit diesem Herrn eingeschlossen bleiben.... und überdies brauche ich ihn am Ende gar nicht zu sprechen.“
Althing war während dieser Gespräche immer höher gestiegen; jetzt stand er vor den Zimmern seines Freundes. Er riß hastig die Thür des nächsten auf -- -- und durchzog mit stürmenden Schritten eine ganze Reihe. Die Diener, welche auf seinen Anblick nicht vorbereitet waren, flohen entsetzt nach allen Seiten, indem sie riefen: „Ein Räuber! Ein Bandit! Zu Hülfe! -- --“
Dieses Geschrei verbreitete sich im ganzen Quartiere -- es gelangte auch zu Edmund. Dieser, der nicht wußte, was es bedeutete, öffnete seine Thüre und wollte eben darnach fragen. -- -- Da stürzte ihm Althing im romantischen Costüme entgegen -- wenig fehlte, so hätte er auch den jungen Mann in die Flucht geschlagen:
„Aber -- zum Teufel!“ rief dieser: „bist Du es denn, Althing?“
„Ich bin’s! ich bin’s, lieber Freund.“
„Aber was hat denn das Alles zu bedeuten? Kommst Du aus dem Tollhause oder vom Theater?“
„Keines von Beiden, bester Edmund...... Es war eine Laune von mir, weiter nichts....“
„Was -- eine Laune?“
„Oder vielmehr -- eine Nothwendigkeit! -- Und hier dieser Mann,“ -- er wies auf den Fiaker, welcher nicht von seiner Seite wich -- „hat Alles zu verantworten. --“
„Das heißt: die zerrissenen Hosen des gnädigen Herrn haben es zu verantworten....“
„Nun, ja auch das!... Denke Dir nur, lieber Edmund -- wie ich da unten an den Beinen aussehe -- hehe!“ Er warf den grünen Mantel ab und wies die hintern Theile seines Körpers und seiner Kleider...
„Tausend Sapperment! -- Aus welchem Welttheile kommst Du denn? Was sind denn dies Alles für Kleider?“
Jetzt erst erzählte Althing den ganzen Zusammenhang der Geschichte und nun war Edmund nicht länger im Stande, den Ernst, welchen er aus dem Zimmer mitgebracht hatte, zu behaupten. Er lachte wie toll -- ließ seinen Kammerdiener kommen und befahl ihm, den dicken und entblös’ten Freund in die Garderobe zu führen. „In einer halben Stunde,“ setzte er gegen diesen gewendet hinzu, „sehen wir uns wieder; Du magst bis dahin Dich in mein Rauchzimmer verfügen -- dort wirst Du neue Cabannas finden oder wohlriechenden Persier, den Du aus Wasserpfeifen rauchen mußt...! Bis dahin Adieu!“
Der Fiaker erhielt seinen grünen Mantel und seinen Lohn und begab sich inmitten einiger Lakaien hinweg, denen er den ganzen Vorfall erzählen mußte und welche, wie es die Art dieser Schelme ist, über das Malheur ihrer Herren oder dessen Freundes ein größeres Vergnügen empfanden, wie über irgend ein fremdes.
Althing hatte sich bald wieder angekleidet. Nur mit seinem Schnurbart war er noch brouillirt. Dieser hatte unter dem Mantel, womit der Dicke sich zeitweise bis zur Nase bedeckt hatte, die ganze Farbe verloren; und ein solcher Artikel war auf Edmunds Toilette nicht zu finden, weil der Jüngling von Natur mit einem Haar vom schönsten Kastanienbraun bedacht war... Allein einem so wichtigen Mangel mußte abgeholfen werden und unser Adonis besann sich nicht lange; er schickte den Diener, der ihm beim Ankleiden geholfen, fort, griff nach einem in der Nähe stehenden Gefäße, welches er für ein Dintenfaß hielt, und bestrich sich mit dem Inhalt tüchtig den Bart...
Aber o Entsetzen! Kaum daß er damit angefangen, als er ein Prickeln und ein Surren an seiner Lippe verspürte... bald erfüllte ein höllischer Gestank seine Nase -- ein brennender Schmerz verbreitete sich an der Lippe, drang immer tiefer ein -- der schöne Bart krümmte sich, schrumpfte ein -- -- und fiel stückweise herab... der Schmerz wurde fürchterlich -- die Lippen schwollen an...
Der Unselige hatte sich mit Vitriolöl eingeschmiert.
Wo aber war während der Operation seine Nase gewesen? Hatte er das Oel nicht gerochen? -- Ach, er war zu sehr beschäftigt und von seinen Reizen erfüllt... er hatte keinen Geruch, kein Gehör, keinen Geschmack -- er hatte nur Augen gehabt, der Bedauernswerthe. Diese Augen sahen aber auch nur -- ihn. --
Auf sein Geheul liefen abermals die Diener herbei. O weh! wie sah dieser noch vor wenigen Augenblicken so schöne Mann aus! Es schien, als gehörte er, seinem Kopfe nach, zu dem Geschlechte der Elephanten -- so rüsselförmig hatte sein Mund sich gestaltet.