Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 8

Chapter 83,643 wordsPublic domain

Der Ton in dem letztern Worte war fast schneidend und der Chevalier, der dies erst jetzt zu merken schien, setzte schnell, gleichsam als wollte er sich korrigiren, mit einer freundlichen Ungezwungenheit hinzu: „Ich wollte nämlich sagen, daß mir die +Person+ des Grafen gänzlich unbekannt sei -- denn sein Name ist es keineswegs; dieser Name, der einer der glänzendsten des Kaiserstaates ist -- --“

„Nun gut;“ fiel Edmund ein -- „aber dann sagen Sie mir, was diese Theilnahme sonst zu bedeuten hat...“

„Ei, mein Freund,“ bemerkte Marsan mit jener Liebenswürdigkeit in Ton und Blick, der man nicht leicht zu widerstehen vermochte: „die Sache ist, daß eine Dame meiner Bekanntschaft auf dem Gute meiner Mutter in der Provence jener Dame im Wagen, die Sie Ihre Schwester nennen, überraschend ähnlich sieht... das ist das Ganze...“

Hiermit ward das Gespräch auf einen andern Gegenstand geleitet und die Cavalcade trabte einem Seitenwege zu. Marsan war der Leiter, jedoch hatte er diesen Seitenweg gleichsam nur so zufällig eingeschlagen....

Auf diesem kürzeren Wege nun konnte man nach dem Jägerhause, welches der Schlußpunkt einer gewöhnlichen Praterpromenade ist, -- schneller als auf jedem andern gelangen, und kam daher den Wagen und Reitern, welche die Hauptstraße einschlugen, vor. -- Hieran dachte jedoch Niemand, auch wußte Marsan die Unterhaltung so zu lenken, daß durch sie die Gesellschaft hinlänglich beschäftigt ward. So allein war es möglich, daß man die Equipage Cölestinens, worin in der That sie mit ihrem Gemahle saß, zum zweiten Male begegnete -- ohne daß Jemand etwas davon merkte. Nur der Chevalier machte hiervon eine Ausnahme.... er warf in einem Augenblick, wo alle Andern tausend Schritte weit davon wegsahen, einen raschen und kurzen Blick in den Wagen; dieser Blick jedoch war hinreichend, um in Marsans Geiste eine Fülle entzückender Bilder -- in seinem Herzen eine Fülle heißer Wünsche zu erregen....

Alles dieses schien jedoch äußerlich nur dazu zu dienen, um aus seinem Munde ein kaltes, gleichgiltiges Gelächter, wie man ein solches hundert Mal des Tages aufschlägt, zu locken, womit er sich dann an seine Umgebung wandte, indem er dabei nach zwei Jungen wies, die in einiger Entfernung davon sich balgten.

Man kehrte noch vor dem Jägerhause um und begab sich auf den Rückweg. Der Chevalier war nicht heiterer und auch nicht trauriger wie zuvor. Es schien nichts vorgefallen zu sein. Er sprach über Dieses und Jenes, kam aus dem Hundertsten ins Tausendste, wie es der Charakter einer Conversation unter jungen Männern dieses Standes mit sich bringt.

Am Eingange des Praters trennte sich die Gesellschaft und zerstreute sich nach verschiedenen Gegenden. Der Chevalier und Edmund indeß blieben beisammen, da der Erstere ihn eingeladen hatte, seine Wohnung kennen zu lernen und mit ihm zu Mittag zu speisen.

„Wir haben uns ja so lange Zeit nicht gesehen -- und so müssen wir uns endlich recht fest und ordentlich ansehen. Ach, mein Freund, wie freue ich mich, so wider Vermuthen mit Ihnen zusammengetroffen zu sein!“ bemerkte Marsan.

„So wußten Sie also nicht, daß ich in Wien sei?“

„Gewiß nicht; ich vermuthete Sie tausend Meilen weit von hier. Sie stießen mir ja in keiner der ersten Gesellschaften auf...“

„Mein Freund -- der Grund hievon ist die Heirath meiner Schwester. So lange sie nicht in die Gesellschaft zurückkehrte -- hielt ich es für passend, ihr darin zu folgen.“

„Sehr richtig; dies beweis’t einen feinen Takt, lieber Edmund. -- Uebrigens -- wird vielleicht die Abgeschiedenheit der Gräfin A--x, Ihrer Schwester, nicht mehr lange dauern...“

„Ich vermuthe es selbst, nachdem ich weiß, daß sie sich heute im Prater gezeigt hat. -- Ach, die theure Cölestine! Wie gerne hätte ich sie gesehen!“

Dieses Gespräch über Cölestine schien den Chevalier sehr anzuziehen und er suchte den Andern so lange als möglich dabei festzuhalten. Sie gelangten so in die Wohnung Marsan’s, welcher eine Etage auf dem +Graben+ gemiethet hatte und sich hier mit fürstlichem Glanze umgab.

Eine reichgallonirte Dienerschaft empfing sie in der Einfahrt des Hauses und nachdem die Freunde vom Pferde gestiegen waren, schritten sie hinauf in eine der prachtvollsten Belletagen, welche Edmund jemals gesehen.

Neuntes Kapitel.

Die Thorheiten der Welt und die Leidenschaften des Herzens.

Edmund war in der That über die neuesten Verhältnisse im Hause seiner Schwester nicht unterrichtet. Heute Morgen hatte Cölestine mit ihrem Manne zum ersten Male sich in mehreren Häusern gezeigt. Dies Geschäft war nicht länger aufzuschieben. Das arme Ehepaar konnte den tausendfachen Machinationen, womit man in der vornehmen Welt ein Haus einzusprengen versteht, nicht ferner widerstehen. Sie seufzten, sie zürnten -- aber sie mußten endlich nachgeben.

Nirgends ist man ein größerer Sklave als in den Cirkeln, welche sich die guten nennen. Nicht in dem +äußern+ Zwange, dem man sich unterwerfen muß, liegt das Wesen der Sklaverei; nein -- sondern daß man hier unsere Seele, unser Herz, unsere heiligsten Empfindungen zu knechten versteht, das ist es, welches einen Salon mit dem untern Schiffsraum afrikanischer Küstenfahrer in eine Parallele stellt. Und bei Gott, sie fällt zum Vortheil der letzteren aus. Was liegt mir daran, ob man jenes Theil an mir, welches jeden Augenblick durch einen herabfallenden Dachstein -- durch einen Trunk kalten Wassers, durch einen verfehlten Tritt vernichtet werden kann, mißhandelt, mordet. Hab’ ich es doch nie besessen, da ich es keine Stunde +sicher+ besaß. Aber jenes göttliche Theil in mir, welches unvergänglich und unvernichtbar ist.... jenes Theil, über das selbst Tod und Natur nichts vermag, zu knechten, zu quälen, zu peinigen, es an seiner erhabenen Entwicklung und in seinem geheiligten Streben zu hemmen -- -- diese Wunde schmerzt gewaltiger, ja, sie allein kann schmerzen -- und nie werden wir sie ganz verschmerzen.

Von dieser trüben Betrachtung war auch unser junges Ehepaar durchdrungen.... es war dies der Tropfen Wermuth, der sich stets in ihren vollen Freudenkelch mischte... Ach, +ein+ Tropfen ist hinreichend, das ganze Leben zu vergiften!

Doch wer zum Schmerz geboren ist, entgeht demselben nicht; und unsere vornehmen Stände wissen in der That mehr von diesem Kapitel zu erzählen, als jene glücklichen, beschränkten armen Leute, deren Schicksal wir thörichter Weise beklagen. -- Ach, geht doch hin in einen Salon und hebt diese glänzenden Decken, diesen goldnen Zierrath weg, welche Euch so sehr die Augen blenden: wie viel Elend und Jammer werdet ihr unter denselben finden. Ich weiß, daß ich hier eine alte Geschichte erzähle -- -- ich habe sie jedoch selbst erlebt und besitze das Recht, sie zu wiederholen.

Und so mußten sich denn Cölestine und Alexander aus ihrer wärmsten, seligsten Umarmung reißen -- mußten die süße Einsamkeit, diese Zeugin ihres jugendlichen Liebesglückes, verlassen, um den Ansprüchen einer erbarmungslosen Welt Genüge zu thun. Dahin waren jetzt die holden Stunden, welche Morgens beim Erwachen anfingen, um erst tief um Mitternacht zu enden! So ungetrübt und schrankenlos beglückend sollten sie nie mehr wiederkehren. Dahin waren die Tage voll Sonnenschein -- und die Nächte voll Sternenpracht! -- dahin die stillen Gemächer, verhüllt mit dichten Vorhängen und mit eifersüchtigen Schlössern verriegelt!... dahin der Garten mit den treuen Boskets und der unzugänglichen Grotte!.. Alles, Alles, +ihre+ ganze Welt dahin, verschwunden, versunken wie ein fabelhaftes Land!... Von nun an gab es für sie nur eine laute, lebende, wilde, kalte, unverschämt zudringliche Welt: Salons mit offenen Thüren -- Boudoirs mit durchsichtigen Gazevorhängen -- Equipagen -- Praterfahrten -- Theaterabende -- Bälle -- Zorn -- Aerger -- Verläumdungen -- Mißmuth -- Verzweiflung oder -- Verderbniß. --

Dies Alles sah ihre ahnende Seele voraus und darum schien ihr der Abschied aus der Einsamkeit ein Abschied vom Leben:

„Wie glücklich waren wir, mein Alexander!“ sagte das liebende Weib zärtlich, als er ihr mit schwerem Herzen verkündigte, daß Jenes geschehen müsse, was er selbst am schwersten fürchte.

„O!“ rief er aus, seiner erlogenen Fassung nicht Meister bleiben könnend: „wir werden nimmer so selig sein! Cölestine, das Glück, was wir besaßen -- kehrt nicht mehr so hold zurück! Dies ist ein Gedanke, der ein Menschenherz zerreißen könnte....“

„Lass’ uns nicht verzagen!“ entgegnete sie sanft und legte ihren weichen Arm um seinen Nacken: „Warum sollen unsere süßen Stunden nicht ganz so wiederkehren? -- Wir sind nicht für immerdar von einander geschieden. Trennt uns auch der Tag; der Abend, die Nacht führt uns ja wieder zusammen.... und dann unsere Seelen wissen nichts von jenem Zwang, sie werden stets beisammen sein!“

So beruhigte sie ihn mit Worten, welche aus treuem, liebendem Herzen kamen -- und er, er glaubte ihr so gerne. Wenn man liebt, wenn man anbetet -- dann +glaubt+ man auch. Und es sind gerade die skeptischen, die mißtrauischen Naturen -- welche im Augenblick der Leidenschaft und Liebe sich zur innigsten Ueberzeugung hinreißen lassen....

Ist aber dieser Augenblick vorbei.... wird Liebe oder Leidenschaft auch nur durch den leisesten Windhauch verletzt: dann erwacht der Zweifel in diesen Herzen, und mit riesiger Gewalt reißt er sie zum Wahnsinn hin.

Doch Alexander vertraute der Geliebten; er sah ja, daß sie nur in ihm und für ihn lebte... Nein, nein, er hatte noch nicht die geringste Störung empfunden an dem süßen Frieden seiner Seele. -- -- Ach, er liebte unaussprechlich!

Wie gesagt, sie hatten bereits in mehreren Häusern Besuche gemacht. Ueberall waren sie mit einer Freude empfangen worden, der es an Worten nicht fehlte. Man sagte ihnen tausend schmeichelhafte Dinge -- und Alexander war entzückt über die Komplimente, welche man seiner Gemahlin zu ihrem heitern, rosigen, reizenden Aussehen machte. Imgleichen vergaß man bei diesen Lobsprüchen auch seine Person nicht -- nun glühten wieder die Augen Cölestinens im Feuer der Freude -- ihre Wangen färbte holde Zufriedenheit, und sie sagte sich im Stillen:

„Das Alles ist mein Verdienst! Denn ich habe ihn so gemacht, wie er jetzt ist.“

Außerordentliches Aufsehen machte die naive Antwort, welche sie einer Dame auf die Frage gab: „An welchen Tagen in der Woche werden Sie Ihre Salons der Gesellschaft öffnen, meine Beste?“

„Meine Beste,“ hatte Cölestine geantwortet: „ich weiß es noch nicht.“

In weniger als vierundzwanzig Stunden war diese Aeußerung der jungen Frau in allen Häusern herumgekommen und überall rief man aus:

„Ach, welche affektirte Einfalt! Man könnte es sogar einfältig nennen.“

Und dies war es auch. Einfältig war es gesprochen -- aber mit jener heiligen Einfalt, in der Gott unsere Herzen geschaffen hat. -- Dieses liebevolle und glückliche Weib hatte wirklich noch nicht an Pflichten gedacht, die der Welt so +überaus wichtig scheinen+, dem Herzen aber so wenig, daß es sie vergißt.

In fünf bis sechs Tagen hatte das Ehepaar die Tour beendigt; die Equipage des Grafen A--x hatte so ziemlich in allen großen Straßen der Hauptstadt angehalten. -- Aber damit war nur noch die Hälfte der Arbeit geschehen; denn jetzt sollten die Besuche erwiedert werden, jetzt fuhren die fremden Equipagen colonnenweise vor dem Palais des Grafen auf.

Und nun wurden die Augen mit jener unverschämten Neugier, die bis in den letzten Winkel dringt, in diesen Sälen umhergeworfen -- -- da gab es denn wieder Stoff zu Abhandlungen in bekannter Weise.

Als man an dem Geschmack Cölestinens und ihres Gemahls nichts auszusetzen fand, kritisirte man die Pracht, und fragte sich mit allerliebster Albernheit: „Ist das wirklich Alles persisch, indisch und antik -- was man uns da als solches gezeigt hat? Nicht, daß wir den ernsten Grafen A--x für fähig hielten, uns damit einen kleinen Schelmenstreich zu spielen.... sondern es ist möglich, daß man +ihm+ einen solchen gespielt hat. O, man versteht es jetzt vortrefflich, etrurische Vasen, pompejanische Candelabers und indische Draperien zu erzeugen, d. h. in Europa. O, man hat Beispiele! --“

Glaube man ja nicht, daß das +Verläumden+ aus unseren neueren Salons ausgewiesen sei und von +schlechtem Geschmack+ zeige -- wie Herr +Eugen Sue+ uns versichern will. Es ist möglich und ich selbst kann mich dessen erinnern, daß man diesen Satz überall öffentlich +ausspricht+ -- -- aber man thut es nur, um ihn insgeheim +um so weniger zu befolgen+. -- Wir sind in dieser Hinsicht, wie in noch so mancher andern, beim Alten geblieben.

Unsere Freunde: der Graf und die Gräfin von Wollheim, Herr und Frau von Porgenau, Fräulein von Bomben, die Stiftsdame -- erschienen unter den ersten Gästen.

Der Graf von Wollheim hatte vorzüglich deßhalb seinen Besuch so beeilt, weil er seit längerer Zeit seinen Busenfreund Edmund nicht mehr zu Gesichte bekommen, ihn in dessen Wohnung vergeblich gesucht und ganz sicher bei Cölestine zu finden gehofft hatte. -- Leider sah er sich in seinen Erwartungen getäuscht und dies tobte fürchterlich in seinem Innern. Sein +Durst+ war nicht allein daran schuld, obgleich, nach seiner eigenen Behauptung, er diesen Durst nur in Compagnie mit seinem jungen Freunde und Schüler gehörig zu löschen verstand; in der That zog ihn wirklich das Herz -- zu dem Letzteren hin, den er nun schon seit so lange nicht fand. Im höchsten Grade wüthend, zog er sich in ausfallender Weise von der Gesellschaft zurück, ließ seine Frau sitzen -- und begab sich allein aus dem Hause fort in ein Nebengebäude, wo, wie er wußte, die Jäger und Forstbedienten des Grafen haus’ten. Er setzte sich mitten unter sie -- ließ Wein holen und fraternisirte mit ihnen, so, als befände er sich unter Brüdern. Natürlich, daß er nicht unterließ, sich zu betrinken, -- in diesem Zustande nun ergriff er eine Flinte, hing Pulverhorn und Schrotbeutel um seine Schulter -- trat in’s Wirthschaftsgebäude und schoß hier Sperlinge, Schwalben, Tauben, Hühner und Fasanen zusammen....

Man mußte dem Jagdingrimm unseres Nimrod mit Gewalt Einhalt thun.

Während dieser Zeit producirten die übrigen Originale ihre Künste eben im Salon der Gräfin Cölestine. Frau von Porgenau lachte sich die Kolik in den Leib über den fulminanten Humor ihres Gemahls, des sehr ehrenwerthen Herrn von Porgenau. Gräfin Wollheim erzählte einige rührende Strickstrumpfgeschichten und brachte alle Augenblicke den Frauen-Hülfsverein zur Sprache, über den das Stiftsfräulein toller als je loszog:

„Nicht nur meine Erfindung: die Composition aus Pech, Theer und Teufelsd--, nicht nur meine Fußangeln und Daumenschrauben, haben sie zurückgewiesen --“ sagte sie; „stellen Sie sich vor -- -- mich, mich selbst, das Stiftsfräulein von Bomben, mich selbst und meine Person wollten sie für die Zukunft zurückweisen, mich aus der Liste der Vereinsmitglieder streichen, mir Sitz und Stimme nehmen... Ist das erhört? -- -- Nein, bei Nero! so wurde noch Niemand für seine philanthropischen Bestrebungen belohnt!.. So in den Koth getreten wurde Tugend, Menschenfreundlichkeit und Erfindungsgeist noch nie -- seit die Welt steht, seit es Fußangeln und warme Unterröcke gibt.... Aber,“ fuhr die Biederfrau, glühend vor edler Entrüstung auf: „aber dies sollen sie mir auch büßen, jene liebenswürdigen Damen vom Comité! Sie sollen es büßen! -- So wahr Dionysos sein +Ohr+ gebaut -- so wahr Heliogabalus seine +Stühle+[C] erfunden hat! Ich, ich sage das; ich schwöre es und bin +Mann+ genug, meinen Schwur zu halten.“

Man ließ diese verfolgte Tugend ausreden, sodann aber schnitt man ihr das Gespräch für die ganze übrige Zeit dadurch ab, daß man Musik machte und Gesänge vortrug.

Mit einem Male öffnete der Bediente die Thür und meldete die Namen +Edmunds+ und des +Chevalier de Marsan+. --

Bei der Nennung des Letztern entstand plötzlich eine athemlose Stille und alle Blicke richteten sich nach der Thür, durch welche jetzt die beiden jungen Männer eintraten. Jenes Gemurmel blieb nicht aus, welches bei solchen Gelegenheiten sich zu verbreiten pflegt -- und welches für die angekommene Person, falls sie nicht Routine genug hat, eben so angenehm ist, wie das Gesumme eines heranziehenden Bienenschwarms für einen armen Teufel ohne Maske...

Edmund stellte Cölestinen seinen Freund vor und dieser wurde von ihr mit jener liebenswürdigen Freundlichkeit aufgenommen, an welcher sie alle Welt theilnehmen ließ. Der Chevalier verweilte nicht lange in ihrer Nähe -- er ließ sich sofort auch mit dem Grafen bekannt machen. Hier fand er die Behandlung, wie sie unter Männern von gutem Ton üblich ist; und es schien, als trachtete er auch nicht nach mehr; denn auch ihn verließ er alsbald, um sich mit Edmund nach einem Winkel zurückzuziehen, wo einige Herren sich mit politischen Discussionen unterhielten. Marsan stellte sich inmitten dieser Gruppen -- er achtete auf nichts weiter -- ihn schien nichts mehr in diesem Salon zu interessiren. --

„Nun -- haben Sie ihn gesehen? Was sagen Sie von ihm?“ begannen zwei Damen auf einer Ottomane mit Lorgnetts in der Hand, welche sie immer dahin richteten, wohin sie nicht sahen....

Sie kennen doch die Taktik der Lorgnetten, meine Leserinnen? Man schielt darunter oder daneben weg -- und Niemand weiß, wohin Sie blicken. --

„Ach, theure Freundin,“ antwortete die Andere: „Was ich von ihm sage? -- Er ist einer der schönsten Männer, die mir im Leben vorgekommen.“

„Mich dünkt, er hält sich nicht ganz gerade.... Ich glaube, sein Wuchs würde die strengere Kritik nicht befriedigen...“

„Im Gegentheil! Eben sein Wuchs ist unvergleichlich!“

„Und auch sein Mienenspiel! Es ist zu lebhaft!“

„Es ist südlicher Natur -- meine Freundin!“

„Allerdings.... aber wir hier im Norden!--“

„Uebrigens hat Herr von Marsan, wie man mir sagte, allerorts die günstigsten Urtheile hervorgerufen...“

„Allerorts? Ist Wien auch gemeint?“

„Gewiß.“

„So bedaure ich, daß ich eine Ausnahme mache; allein ich halte den Chevalier nicht im Geringsten für verführerisch -- hahaha!“

„Man spricht indeß von seinen Siegen, die er über die stolzesten Herzen davon getragen --“

Hierauf hatte die Andere nur ein mitleidiges Lächeln....

Da ward dieses Gespräch durch den Herzutritt einer dritten Dame unterbrochen, welche sich mit der Lobrednerin des Chevaliers in ein Gespräch einließ. Sogleich fing die zweite, welche früher so viel Tadel über ihn ausgegossen, an mit ihrer Lorgnette zu manövriren, wie oben angegeben...

Die Gute richtete das Glas beständig nach dem Klavier, welches in der Mitte des Salons stand -- ihre Augen indeß schweiften beständig um die Gruppe, welche seitwärts war und in welcher Gruppe sich Marsan befand.

Edmund verließ seinen Freund nicht. Augenscheinlich jedoch schien er von diesem zurückgehalten, -- selbst Cölestinen, der geliebten Schwester, hatte er sich noch nicht zum zweiten Male genähert. Sie war indeß von anderen Personen so zahlreich occupirt, daß sie den Bruder kaum entbehrte. Nur nach Alexander warf sie von Zeit zu Zeit Blicke, deren zärtlicher Ausdruck immer ungestümer zu sagen schien:

„Ach, wäre nur dieser Tag schon zu Ende!“

Er war darüber glücklich wie ein König; und dieses Glück im Herzen, wie sollte er seiner Umgebung nicht liebenswürdig erschienen sein. In der That hieß es allenthalben:

„Aber haben Sie den Grafen A--x je so gesehen, wie heute? Er ist ein ganz Anderer geworden.“

„Die Ehe scheint ihm sehr wohl zu bekommen.“

„Ein düsterer Timon hat sich da zu einem Ausbund von Artigkeit und Galanterie verwandelt. Haben Sie je früher bemerkt, daß er sich mit einer fremden Person länger als zwei Minuten unterhalten hätte? und heute amüsirt er eine Gesellschaft von zehn bis zwölf Personen so unvergleichlich -- daß sie seine Nähe nicht verlassen, die nichts als Frohsinn und Heiterkeit zu verbreiten scheint...“

„O -- meine Herren,“ sagte ein dritter; es war dies ein Jüngling, der für sehr unternehmend galt und ungeheuer viel Erfahrungen gesammelt haben sollte: „man muß in dieser Zeit +heirathen+... damit ist +Alles+ gesagt, d. h. +Alles gethan+. Sie glauben, gewisse Menschen mache die Liebe glücklich, die sie in der Ehe finden -- es zeigt sich jedoch, daß sie blos das +Geld+ glücklich gemacht hat... Bei Andern ist es umgekehrt. Was endlich die dritten betrifft, so wissen sie selbst nicht, weßhalb sie nach ihrer Verheirathung glücklicher sind -- als vor derselben.... Es gibt Leute, denen man allerhand in den Kopf setzen kann.... haha!“ Der Jüngling lachte äußerst selbstgenügsam.

„Es scheint jedoch nicht -- daß Graf A--x unter Ihre dritte Classe gehört, mein Lieber!“ versetzte einer der Vorigen: „Dieser Graf scheint recht gut zu wissen, +was er besitzt+.“

„Ich hatte auch nicht die entfernteste Absicht, hier +ihn+ zu meinen; dies schwöre ich.“

Das waren Worte eines Thoren, die jedoch im Leben sehr oft in Erfüllung zu gehen pflegen; denn das Leben ist ein großer Freund jener Ironie, die uns oft Thränen, nicht selten das Leben selbst kostet. --

Trotzdem, daß die Gesellschaft schon wider Vermuthen zahlreich geworden war, vermehrte sich dieselbe noch mehr durch immer neu hinzukommende Individuen, worunter mehrere zum ersten Male der Gräfin vorgestellt wurden. -- Das ist bei Eröffnung eines Hauses nicht ganz in der Ordnung, indeß, was läßt sich dagegen thun? -- Da stiegen denn Physiognomien im Salon umher, wie sie Cölestine gewiß nicht freiwillig um sich versammelt hätte, -- Physiognomien, die für den Griffel eines Granville oder Phiz von unbezahlbarem Werthe gewesen wären...

Unter diese Physiognomien und Subjekte hatte sich auch Eines hereingeschlichen, welches, gleich nachdem es eingetreten war, sich rasch hinter einer Versammlung verlor -- an der Wand hinhuschte, immer das dichteste Gedränge, ja selbst Möbeln wählend, um sich dahinter zu verstecken... Dieser Mensch trug einen dichten und dunklen Backenbart, der ihm das halbe Gesicht bedeckte -- und der, wiewohl das schwer zu erkennen war, ein falscher schien; ferner hatte er Brillen vor den Augen und eine dunkle Tour auf dem Kopfe; auch sein Anzug war nicht sein gewöhnlicher; kurz dieser Mensch schien um eines besondern Zweckes willen sich maskirt und in diese Gesellschaft eingeschlichen zu haben.

Wie er so hinstrich, lauerte und hastig umher blickte, hätte man ihn für den bösen Geist nehmen können, der unsichtbar die Gesellschaft umschwebte.

Allem Anscheine nach war es ein noch junger Mensch.

Jetzt hatte sein Falkenblick die Person Cölestinens erspähet und hing an ihr fest wie an einer langgesuchten Beute... von diesem Augenblick verließ er sie nicht; er beobachtete jedes Zucken ihrer Augenbrauen, jedes Mienenspiel ihres Gesichtes. -- Immer durchdringender ward sein Blick -- immer finsterer und wilder. -- Endlich schien eine Art schadenfrohen Lächelns um seinen Mund zu spielen, er murmelte vor sich hin:

„So ist es schon recht. Sie sitzt allein, umgeben von fremden Menschen, die sie jedoch alle weit mehr zu interessiren scheinen, als ihr eigner Gatte. -- Der Thor! Warum ging er in die Schlinge! -- Hätte er nicht wissen können, -- daß sie seine, wie jede andere Liebe mit -- Verrath vergelten wird?“ Und seine Augen, die vorhin starr nach ihr allein geblickt hatten, bewegten sich nun, rasch wie der Blitz, im ganzen Saale umher... Er lachte bitter -- drückte sich fester hinter einen Fenstervorhang, der ihn den Blicken völlig entzog und sah von hier aus mit teuflischem Grinsen dem Treiben der Gesellschaft zu, jedoch nicht ohne von Zeit zu Zeit Cölestine wieder ins Auge zu fassen, die für ihn stets der Mittelpunkt, ja, der einzige Punkt in dieser kleinen Welt zu sein schien....

Doch sie sollte es nicht lange bleiben. Mitten in seinem dumpfen Hinstarren zuckte er jetzt plötzlich, als wäre ein Pfeil vor ihm niedergefahren, zusammen: -- -- sein Blick hatte den +Chevalier von Marsan+ erspähet.

Dies hatte nun an sich freilich nicht viel Bedeutendes; die einfache Person des Chevaliers konnte unsern Geheimnißvollen nicht mehr wie jede andere von den tausend Millionen Personen, welche diesen unsern Globus bevölkern, interessiren. Die Person also war es nicht, und zudem kannte er den Chevalier nicht einmal....