Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Part 7

Chapter 73,602 wordsPublic domain

„Es ist wahr; ich kann es nöthigenfalls beschwören... Und,“ fuhr sie schwärmerisch fort, wie ein verliebter Jüngling, der von seinen Entwürfen spricht, mit welchen er die Geliebte seines Herzens glücklich machen will: „und ich hatte mich bereits mit allen Materialien versehen! Ich kaufte _en gros_ ein. Zwei Zentner Pech -- 80 Pfund Teufelsd-- 300 große und kleine Ketten, Schlösser, Fangeisen, Daumenschrauben...“

„Daumenschrauben? Wozu denn diese?“

„Um unseren lieben Armen die Handschuhe, welche wir ihnen im Winter geben, an die Finger zu schrauben....“

„Ah, mein Gott -- wie erfinderisch Sie sind, mein theures Fräulein!“

„O, wo es sich um das Wohl der Menschheit handelt!“

„Ach die Menschen verdienen es kaum.“

„Gewiß, gewiß; sie verdienen es nicht. Sie sind Wölfe und Hyänen -- und ich wollte nur, daß ich sie in Wolfsgruben oder mit Fußeisen fangen und ihnen das Fell abziehen könnte. Das wäre so meine Passion!“

„Indeß -- -- da wir Mitglieder des +Hilfsvereins+ sind.... meine Beste: scheint mir diese Ihre Passion doch ein wenig barbarisch.“

„Ei was!“ schrie das fromme Stiftsfräulein und warf Blicke umher wie eine Hyäne, von welcher sie eben gesprochen: „barbarisch hin -- barbarisch her; ich halte es mit Kaiser Nero und wünsche der ganzen Menschheit einen Kopf, um ihn mit +einem+ Schlage abzuhauen.“

Das war ein schönes Mitglied frommer Stiftungen und edler Wohlthätigkeitsvereine.

Es war jetzt am obern Ende der Tafel die Rede von den Fremden, welche in letzterer Zeit die Residenz besucht hatten und Herr von Labers führte darunter auch den Namen eines +Chevalier de Marsan+ an. -- Sogleich erhob sich Edmund und lebhafte Freude malte sich in seinem Gesichte: „Wie?“ rief er, „der Chevalier de Marsan -- jener Marsan, der, vor zwei Jahren bei der N**schen Gesandtschaft attachirt, mit seinem Chef Wien besuchte.... jener elegante, hübsche, glänzende Kavalier: ist dieser gemeint?“

„Derselbe!“ entgegnete Herr von Labers: „Man sagt, er werde dies Mal für längere Zeit in unserer Stadt verweilen. Seine Gegenwart hängt übrigens mit keiner politischen Mission zusammen....“

„So wird man wohl diesen Herrn,“ sagte Frau von Porgenau, die Gemahlin des berühmten Calembouristen -- „zu sehen bekommen! Ist derselbe schon in vielen Häusern eingeführt?“

„So viel ich weiß, in mehreren -- -- doch scheint dieser stolze Chevalier nur die schwindelnden Höhen der Gesellschaft zu goutiren. Man erzählt sich, er habe neulich, als man ihn der Gräfin Holborlow vorstellen wollte, gefragt, ob diese Dame nicht zu jenen Holborlows gehörte, die erst vor beiläufig 150 Jahren in den Adelstand erhoben wurden -- und erst, nachdem man ihn überzeugte, daß jene neugeschaffene Familie eigentlich +Holbarolow+ heiße -- während die ersten +Holborlow’s+ bereits aus den ältesten Zeiten Moskowitischer Herrschaft abstammten, willigte er ein, mit der Gräfin bekannt zu werden.“

Von zahlreichen Stimmen erscholl jetzt das Lob des ausgezeichneten Kavaliers, dessen Grundsätze man als vom ersten Wasser erkannte.... und diese Personen, welche applaudirten, wünschten insgeheim alle mit dem Chevalier bekannt zu werden.

Einer Dame, die ihre diesfällige Sehnsucht dem Sohne des Hauses vortrug, antwortete Edmund: „Nichts in der Welt ist leichter.... wenigstens für mich ist nichts leichter, als den Ritter von Marsan dahin zu führen, wohin es mir gefällt. -- In der That wir sind seit einer Reihe von Jahren die wärmsten Freunde. -- Unsere Verbindung schreibt sich noch von meiner Reise nach Paris her, wo ich damals den Chevalier in der Umgebung des Hofes fand. Dort wie an jedem Horizonte war er ein Stern erster Größe -- und ich gestehe es offen, auf keine Freundschaft stolzer zu sein, als auf die seinige.“

„In Wahrheit,“ rief Frau von Porgenau: „Sie machen uns neugierig und im höchsten Grade gespannt. -- Herr von Marsan muß eine Art kleinen Wunders sein!“

„Sagen Sie lieber +großen+ Wunders, beste Freundin!“ fiel die Stiftsdame ein: „Sieht er nicht etwa dem Antinous ähnlich -- und ist er an Geist nicht ein Cicero -- an Muth nicht ein Leonidas -- und an Reichthum nicht ein Rothschild....? hehehe! Wirklich, er muß sehr außerordentlich sein....“ schloß das Fräulein mit einem Lächeln, welches halb bitter und halb unverschämt war. --

Edmund ergriff den besten Ausweg und gab ihr keine Antwort -- er zuckte die Achsel und wandte ihr, so weit dies möglich war den Rücken. .... Darüber schien die liebenswürdige Menschenfreundin sehr ungehalten zu werden -- und begann nun ihrer Zunge vollen Lauf zu lassen: „Ei, ei -- wie Schade! daß unsere Residenz nicht auch solche illustre Exceptionen des Menschengeschlechtes aufzuweisen hat. -- Wahrlich, wir sind in dieser Hinsicht noch sehr weit zurück; -- und müssen, Dank Frankreich, von dort aus sowohl mit den Alleweltbezwingern, wie mit Seiltänzern und Harlekins versorgt werden....“

„Welche +Versorgung+ uns indeß oft sehr große +Sorgen+ verursacht... hahahaha! hahahaha! hahahaha!“ rief Herr von Porgenau, und dies war sein neuester Witz.

„Ach, was dieser Porgenau -- witzig ist!“ schrie seine Gemahlin, von der wir noch nicht erwähnt haben, daß sie die staunende Bewunderin des Genies ihres Mannes war -- und stets in dessen unmäßiges Gelächter einstimmte, sobald derselbe ein _soi-disant_ Bonmot machte. „O, wie glänzend seine Einfälle heute wieder sind!“ und hielt sich die Seiten, was ihr sehr schwer wurde, denn sie hatte verschiedene sehr große Seiten. Sie war so ein verkleinerter Abguß des Heidelberger Fasses.

„Meiner Treu!“ meinte der Graf von Wollheim: „diese Aeußerungen über den Chevalier stimmen keineswegs überein -- -- und wollte man sich nach ihnen halten, würde man von Herrn von Marsan nur ein sehr schwankendes Bild erhalten. Indessen scheint mir die Meinung meines Freundes Edmund da -- nicht ohne Gewicht, da derselbe den Ritter bereits seit so langer Zeit kennt, und überdies ein Jüngling ist, auf dessen Urtheil und Wort ich ungeheuer viel gebe....“

„Dies scheint mir,“ fuhr die Stiftsdame mit ihrem schneidenden Tone dazwischen -- „eben kein großes Kompliment für uns -- --“

„Erlauben Sie, mein Fräulein,“ schrie der Jäger, roth werdend vor Zorn -- „erlauben Sie --“ wiederholte er mit einer Stimme, als befände er sich im Walde und hätte sein Horn verloren.... „erlauben Sie!...“ Er konnte vor lauter „Erlauben Sie“ nicht weiter; -- seine Entrüstung war zu groß....

Diese wuchs noch, wo möglich, als Fräulein von Bomben sich ruckweise mit ihrem Stuhle zurückzog und stets rief: „O mein Gehör! Mein armes Gehör! -- Mein unglückliches Gehör! -- Gnade! Gnade! --“

„Das heißt wohl so viel, als, daß ich in Ihrer Nähe verstummen soll -- ich, ein alter Jäger, der schon vor manchem größern Ungeheuer nicht verstummt ist.... Alle Donner und Wehrwölfe!“ Der Nimrod hatte sich mit diesen Worten Luft gemacht -- aber die Stiftsdame war bei ihrem Klange auch leblos auf die Lehne ihres Stuhles zurückgesunken, indem sie leise das Wort „+Ungeheuer+!“ flüsterte. Sie verdrehte ganz entsetzlich die Augen und bald schien sie nicht mehr zu athmen.... Man konnte sie für todt halten.

Dies war für den argen Nimrod ein ungeheures Gaudium und er unterließ es nicht, dasselbe auf folgende Weise auszuschreien: „Ah -- sie ist in Ohnmacht gesunken, die vortreffliche Frau!... Fräulein, wollt’ ich sagen.... Wie schade um eine so liebenswürdige, gutmüthige Dame! Ach, sie hat ein zu weiches Herz! Dies war immer ihr größter Fehler. Sie, die keiner Mücke weh thun kann -- empfindet natürlich selbst jede Verletzung in dreifachem Maße... Ach! daß ich das so wenig berücksichtigt habe! -- Und was vollends ihre Tugend -- ihre Reinheit betrifft....“

Hier vermochte das Fräulein nicht länger ohnmächtig zu bleiben. Sie, die früher einer Verstorbenen ähnlich gesehen, sprang jetzt plötzlich mit solcher Lebhaftigkeit auf, als sollte es zum Hochzeitstanze gehen: „Was?“ rief sie aus: „Welche Worte! Welche abscheuliche Rohheit! -- Und dieser sieht man sich in einer auserlesenen Gesellschaft ausgesetzt! Ist dies das Haus der Generalin von Randow, jener vornehmen Dame, die zu den ersten unserer _haute crême_ zählt -- -- oder was ist dies Haus für eines? -- -- --“ Sie überließ sich, wie man sieht, wieder so ganz recht ihrer milden Suade. Mittlerweile war die Hausfrau bereits längst an ihren Stuhl getreten und hatte die Erzürnte zu besänftigen gesucht -- wobei sie von noch zwei oder drei Damen unterstützt wurde. Den alten Waldmenschen aber hatte auf einen Wink des Generals Edmund bei Seite genommen und, da die Gelegenheit dazu eben günstig war, (das Mahl neigte sich nämlich seinem Ende zu) ihn aus dem Saale weggeführt.

„Kommen Sie, kommen Sie, bester Graf --“ raunte er ihm in’s Ohr: „ich kann es nicht länger mit ansehen, daß Sie sich mit dieser alten Hexe da befassen.... Es ist empörend -- --!“

„Ja!“ fiel der Jäger ein: „Du sprichst ein wahres Wort aus, mein Jüngelchen! Empörend ist es, daß eine dürre und von Zorn ausgetrocknete Kreatur dieser Art es wagt, mit einem alten Jäger, der bereits so manchem Zauberhirsch und Waldteufel in’s feurige Gesicht geschaut.... haha! Aber ich hab ihr’s auch recht gegeben! Nicht wahr, Edmund! Ich habe sie ordentlich zugerichtet.... hahaha!“

„Ja -- Sie haben sie ordentlich -- --“

„Donnerwetter! Nenne mich nicht immer „Sie!“ Was hast Du heute?... Sind wir nicht mehr die alten Freunde?“

„Ei, das wäre!“ rief der Jüngling aus, als er sich mit dem Alten endlich in einem Seitenzimmer befand: „Du weißt,“ fing er an: „daß meine Familie von unserer Intimität nicht allzu viel merken darf. Unter uns -- meine Mutter sieht es nicht gerne, sie meint, ich nehme von Dir wilde Sitten an. -- --“

„Alle Hirsche und Rehe! -- Das wird sie doch nicht meinen! -- Geht dies wirklich auf mich? -- Wild, wild! -- Ja, freilich ein wilder Bursche bin ich.... aber dazu -- bei St. Hubertus! -- eine so ehrliche Haut, wie je eine in germanischen Wäldern von Regen und Wind durchgegerbt wurde. -- Allein, was fällt mir da ein? Mich dünkt, wir hätten jetzt die schönste Gelegenheit, in die Kellnerei hinüber zu spatzieren, die, (ich wittere die Spur!) hier irgendwo in der Nähe sein muß.“

„Der Einfall ist nicht übel! -- -- Ja, ja, der Einfall ist nicht schlecht!“ schrie Edmund: „Er ist sogar köstlich, beim Teufel!“

Diesen Einfall indeß hatte der Alte jeden Augenblick.

Und alsbald saßen diese edlen Brüder wieder in einem still bescheidenen Winkel und vor ihnen erhoben sich mannigfache Humpen -- -- und alsbald hatte Edmund wieder seine eigenthümliche Laune (es war seine eigenste eigenthümlichste) angenommen; er trank, sang und betrank sich mit seinem Freunde, so, als wären sie in irgend einer Dorfkneipe eingekehrt. Nach Verlauf von einer Stunde befanden sich diese musterhaften Edelleute im Zustande vollkommener Bewußtlosigkeit -- und lagen mit erstarrten, bleischweren Gliedern -- Edmund +auf+, der Jäger +unter+ dem Tische.

Die Dienerschaft, welche dergleichen schon gewohnt war und für diesen Fall ihre Verhaltungsregeln von Edmund empfangen hatte, schloß sie im Zimmer ein, damit die Biedern nicht etwa erwachen -- im halbnüchternen Zustande das Zimmer verlassen und im Hause Skandal machen könnten, wie sie es bereits einmal gethan.

Das Schnarchen, welches sie entwickelten, war bis in den Gesellschaftssaal vernehmbar, wo die Gäste beim Kaffee saßen und wo eine Dame von sehr furchtsamer Natur beständig sagte: „Ich glaube, es zieht ein Gewitter heran. -- Ich glaube, es donnert in der Ferne....“

Die Verfassung, worin die Gesellschaft sich nach dem Abgang der beiden Herren befand, war übrigens von bewundernswürdiger Ruhe. Nachdem der Jäger, dessen derbe, waldmännische Natur sattsam bekannt war, sich entfernt hatte -- machte man dem Stiftsfräulein bemerklich, daß er ihr mit diesem Letzteren eine glänzende Genugthuung gegeben habe; -- Gräfin Wollheim selbst sprach dieses aus und wandte sich noch überdies mit der Versicherung, daß sie selbst das Betragen ihres Mannes mißbillige, an die ungeheuer empfindsame Dame.... so gelang es endlich, dieselbe zu versöhnen, und Alles kam wieder ins rechte Geleis. -- Herr von Porgenau machte wieder seine geistvollen Calembours -- lachte sich dabei sammt seiner Gemahlin halbtodt -- Gräfin Wollheim sprach von der nächsten Zusammenkunft des Frauenstiftsvereins, zu welcher sie bereits drei Unterröcke und sechs Beinkleider fertig liegen habe; zuletzt wurde auch noch die Stiftsdame cordial -- sprach von der Immoralität unter den Armen und bemerkte dazu sehr scharfsinnig:

„Wer weiß, was in so manchen dieser Jacken und Beinkleider getrieben werden wird...“

Ja, endlich kam sie sogar auf ihr beliebtes Thema von Nero, wo sie der ganzen Menschheit nur ein Haupt wünschte, um es mit einem Schlage herabzusäbeln... --

Dieses Stiftsfräulein hätte in den Türkenkriegen leben und unter die Janitscharen gehen sollen. Sie würde dort große Dinge vollbracht haben. --

Achtes Kapitel.

Der Chevalier von Marsan.

Der Chevalier von Marsan machte wirklich in der großen Welt gewaltige Sensation. Er hatte sich bereits in den Cirkeln der Fürstin O-- M-- G--, der Herzogin B--, der Marquise A--, und Re--, der Lady P-- und noch in mehreren von den +allersublimsten+ sehen lassen, und Alles war von dem Manne entzückt, der gekommen schien, die Zeiten eines Alcibiades nach modernen Principien zurückzurufen. In Wahrheit, dieser Kavalier vereinigte in sich eine Summe von Liebenswürdigkeit und Vorzügen, die ihn zu einem wahren Prototyp der fasshionablen Männerwelt machten. Es hatte Natur und Kunst für ihn mit einem Worte -- Alles gethan, und noch +ein Stückchen dazu+. Er war schön, reizend, blendend, er war geistreich, witzig, gelehrt, er war vornehm, fürstlich, ja uns dünkt sogar -- von königlicher Verwandtschaft; er war reich, mächtig, großmüthig, verschwenderisch, stark wie ein Cyklope und sanft wie eine Hamadryade....

Und doch hatte bei diesem Monstrum von Schönheiten -- der Schöpfer Eines vergessen; Dasjenige nämlich, was er ihm schon deßhalb nicht geben kann, weil er ihm alles Uebrige gab, denn Dieses und Jenes sind Gegensätze, die einander aufheben. Dieses Eine, was dem Chevalier fehlte, und welches kein Gott ihm zu ersetzen im Stande war -- es war Dasjenige, was gerade einem Charakter die höchste poetische Weihe gibt: es war jene schöne menschliche Mangelhaftigkeit, jener große, oder jene tausend kleinen Fehler, wodurch ein kleines Individuum +interessant+, ein großes zum +tragischen Helden+ wird. Dieses Ingredienz, dieser Mangel im Menschen, oder eigentlich dieser +negative Vorzug+ ist es ja, welcher uns, in seiner höchsten Potenz, beim Anblick eines +Cäsar+, eines +Byron+, eines +Napoleon+, hinreißt -- während uns die makellose, glatte Reinheit eines edlen Menschen blos kalt erhebt. --

Nicht daß es dem Chevalier an Fehlern und Untugenden gemangelt hätte; ich weiß nicht, ob er auch nur im entferntesten Sinne einen Vergleich mit jenen edlen Menschen ausgehalten hätte, welche wir zuletzt nannten, vorausgesetzt, wir hätten ihn mit dem Maßstabe der reinen Moral zu messen; nach den Begriffen der Gesellschaft und Zeit jedoch war Herr von Marsan das Muster eines vornehmen Mannes, d. h. eines Salonsubjektes.

Ach, Ihr guten Seelen, die Ihr in kleinen Häuschen mit Strohdächern, unter denen Schwalben und Bienen nisten, wohnt, Ihr habt freilich keinen Begriff von +dieser+ Tugendhaftigkeit und +dieser+ Mustergiltigkeit. Nach Eurer unverständigen Meinung wäre dieser Chevalier vielleicht weiter nichts, als ein hübscher, reicher, leichter, träger, thörichter, vielleicht auch gutherziger, jedenfalls aber ausgelassener und gewissenloser junger Springinsfeld gewesen. Gut, daß Euer Votum in der Wagschaale der +bessern Gesellschaft+ nicht gilt -- Ihr würdet dort eine schöne Confusion damit anrichten.

Doch wir wissen jetzt ungefähr genug von dem Charakter des Ritters von Marsan und eilen nun zu den Begebenheiten, worein wir denselben schnell verflochten sehen.

Eines Tages machte Edmund mit seinem Freunde, dem Grafen von Wollheim, einen Spazierritt in den Prater, als er, beim ersten Kaffeehause angelangt, ungefähr hundert Schritte davon ein Gedränge von Menschen, Pferden und Equipagen bemerkte. Hier muß etwas Außerordentliches vorgefallen sein, wiewohl dies nicht nothwendig ist und schon eine unbedeutende Kleinigkeit hinreicht, die guten Wiener sich mitten auf der Straße zu einer Schaar versammeln und neugierig den Himmel anstaunen zu sehen....

Als unser Freund näher kam, bemerkte er einen Herrn zu Pferde, der mit dem Thiere, welches äußerst widerspenstig schien, mit einer Kunst verfuhr, die ihn zum größten Reiter des Jahrhunderts stempelte. Dieser Herr hatte den Rücken gegen Edmund gekehrt, und so konnte dieser nicht wissen, wen er da vor sich habe. Jedoch schien es ein junger und äußerst glänzender Kavalier -- sein Pferd aber war von arabischem Vollblut, „halb Hirsch und halb Vogel,“ wie +Balzac+ sagt.

„Er wird das Thier doch nicht zum Stillstehen bringen.“

„Es ist vergebens! Das ist ein wahrer Teufel von einem Afrikaner!“

„Wie heißt das Pferd nur gleich!“

„Jussuf! Jussuf ist sein Name.“

Diese Urtheile und Reden erschollen rings herum. Mitunter ließ eine von den schönen Damen, die aus den Wagen den schönen Reiter durch ihre Lorgnetten betrachteten -- einen leisen kokettirenden Angstruf hören.... oder die Herren zu Pferde suchten durch das gewöhnliche: „Prrr! -- Ohe! Heh! Heh!“ den wilden Jussuf zu besänftigen helfen -- was jedoch von dem fremden Reiter stets mit einer stolzen und unwilligen Bewegung erwiedert ward. -- Dieser schien endlich in die höchste Wuth zu kommen -- er riß den Zügel so heftig an sich und versetzte dem muthwilligen Thiere mit Sporn und umgekehrter Gerte einen so furchtbaren Schlag -- daß Jussuf wie ein Mensch aufstand, sich auf die Hinterbeine setzte -- und schon zu überschlagen in Gefahr war....

Ein tausendstimmiger Schrei der Zuschauer erfüllte die Luft....

Aber im Augenblick, wo die Gefahr am größten war, wo das Leben von Mensch und Thier nur mehr auf einer Nadelspitze stand -- machte der Fremde, welcher kalt und lächelnd in den Steigbügeln stand -- eines von jenen Maneuvres mit Zügel und Schenkel, die ein Geheimniß der Araberhäuptlinge und zwei bis drei Europäer sind -- -- und Jussuf, als sei er plötzlich in ein Hündchen verwandelt worden, ließ die Ohren fallen -- senkte die Augen, welche zuvor höllische Funken gesprüht hatten -- zog die dampfenden Nüstern zusammen -- -- jetzt mit einer Viertelkreiswendung drehte es sich auf den Hinterfüßen herum und ließ sich ruhig auf die Erde nieder, ohne ferner auch nur mit einer Muskel zu zucken.

Bei dieser Evolution, welche an die Mythen der Centauren erinnerte -- lös’te sich ein zweiter allgemeiner Ruf aus der Mitte der Zuschauer; es war einer der Bewunderung und des Erstaunens.

Noch nie hatte man so etwas in Wien gesehen, wo es doch in der That an bedeutenden Reitern, deren Koryphäe der Graf S-- ist, auch nicht fehlt.

In dem Augenblick, in welchem der außerordentliche Fremde sein Pferd herumgedreht hatte -- erkannte Edmund in ihm den +Chevalier von Marsan+. Es bedurfte keinen zweiten Augenblick und der Jüngling hatte sich durch den dichten Kreis der Umstehenden hindurchgedrängt und stand neben seinem Freunde. Dieser erkannte ihn sogleich und ein lauter Willkomm erscholl von beiden Seiten. Zuerst bezeigte Edmund ihm seine Bewunderung über die glänzende That, deren Zeuge er so eben gewesen -- der Chevalier jedoch bat lächelnd, nicht weiter von „dieser Kleinigkeit“ zu sprechen -- wischte sich jedoch mittlerweile den dichten Schweiß von der Stirne, welchen diese +Kleinigkeit+ darauf gesäet hatte. -- Nach und nach zerstreuten sich wieder die Zuschauer, die meisten jedoch nicht eher, als bis sie sich dem Wundermanne noch einmal ganz dicht genähert hatten, um ihn auf ewige Zeiten ihrem bereitwilligen Gedächtnisse einzuprägen.... Nur noch einige Herren zu Pferde blieben neben Marsan, da sie zu seiner Gesellschaft gehörten. Es waren meist auch Bekannte des jungen Randow und sie störten daher nicht bei der Freude des Wiedersehens, welche sowohl dieser wie der Chevalier empfand.

Man setzte nun den Ritt nach dem Jägerhause fort, gefolgt nur noch von einigen Spießbürgern, die zu spät gekommen waren -- den Wundermann jedoch noch, und sei es mit Aufopferung einiger Jahre ihres Lebens, sehen mußten; auch etliche Gassenjungen trabten beständig zur Seite einher. --

„Ach, mein theurer, theurer Marsan! -- wie finde ich Sie verändert, seit wir uns das letzte Mal sahen! Es war vor 5 Jahren und Sie zählten damals 21. Jetzt hat das Mannesalter Alles an Ihnen vervollkommnet. Es sind zwar dieselben Züge, aber kräftiger und fester -- es ist derselbe Wuchs, dieselbe Haltung, Alles, Alles -- -- nur in Allem viel gediegener, wie soll ich sagen? perfekter! --“ Es fehlte wenig und der gutmüthige Bursche, der in Liebe und Freundschaft eine Andacht besaß, die ihm im ganzen übrigen Leben so sehr fehlte, ja, deren +Gegentheil+ ihn hier sogar charakterisirte -- -- es fehlte wenig und er wäre dem Franzosen sammt dessen Jussuf -- vom Pferde aus um den Hals gefallen...

„Und Sie, mein bester Edmund, wie ist es Ihnen seither ergangen?“ fragte der Chevalier theilnahmsvoll: „Uebrigens sind Sie mir seit länger als einem Jahre die Antwort auf mein letztes Schreiben, welches ich Ihnen von Brüssel durch den Baron d’Orville zugesandt habe, schuldig.“

„Beim Himmel, Freund, ich habe weder den Baron noch Ihren Brief gesehen; auch ist es mir nicht erinnerlich, daß ein d’Orville jemals unsere Stadt berührt hätte. Allein wie verhält es sich um diese Sache -- Herr von L**?“ wandte der junge Randow sich an einen ältern Herrn, der ihm zur Seite ritt, und welcher Herr eines von den lebendigen Neuigkeitsbureaux vorstellte, an denen in der _société_ einer großen Stadt wahrlich kein Mangel ist.

Herr von L**, das Neuigkeitsbureau, (er wußte Alles) sann ein wenig nach, murmelte dann zwischen den Lippen „d’Orville, d’Orville“ -- -- und sagte zuletzt mit der größten Bestimmtheit: „Ein solcher Kavalier ist hier ganz gewiß nicht durchgereis’t.“

„Das kann möglich sein.... denn der Baron, der immer auf Reisen ist, hat die Gewohnheit, seine Route hundert Mal in einem Tage zu verändern.... und er ist im Stande, sich z. B. von hier aus auf die Reise nach dem +Ladoga-See+ zu begeben; in der Nähe der russischen Grenze -- besinnt er sich dann -- kehrt um und reis’t nach +Portugal+. --“

In diesem Augenblick fuhr an der Cavalcade eine Equipage vorbei. Marsan wandte sich zufällig nach der Seite und stieß beim Anblick der Personen im Wagen einen leisen Ruf aus.

„Was haben Sie? Was haben Sie?“ fragte Edmund.

„Können Sie mir vielleicht sagen,“ gegenfragte der Chevalier rasch -- „wem dieser Wagen gehört?“

Erst jetzt blickte Edmund nach demselben: „Mein Gott!“ rief er erstaunt -- „sollte dies möglich sein? -- Dies ist die Equipage meiner Schwester, der Gräfin A--x; da sie uns jedoch bereits zu weit vorgekommen ist, kann ich nicht sagen, ob Cölestine selbst sich darin befinde. Indeß wäre dies ihre erste Fahrt im Prater.... die ganz unvermuthet geschehen sein würde -- denn so viel ich weiß, ist die Zeit, wo sie sich zum ersten Male mit ihrem Gemahle zeigen sollte -- noch nicht erschienen.“

„Ah!“ versetzte Marsan nachdenklich: „jener Herr neben ihr war also ihr -- Gemahl....“

„Wenn sie es ist -- ganz zuverläßlich.“

„Brünett, ernst, männlich, fast etwas stark...“

„Ganz recht, ganz recht! -- Es ist Alexander!“

Marsan erstaunte einen Augenblick lang; er sah einige Mal angelegentlich der Equipage nach, die bereits sehr weit vor ihnen dahin rollte, abwechselnd von einer Staubwolke eingehüllt.

„Also -- erst seit kurzem vermählt?“ richtete derselbe halbleise die Frage an Edmund...

„Seit einigen Wochen!“ versetzte dieser: „Allein wie es scheint, so nehmen Sie ungewöhnlich Antheil an dieser Begebenheit, mein Freund. Ist Ihnen vielleicht Graf A--x näher bekannt?...“

„O nicht doch,“ erwiederte Marsan lächelnd: „ich habe nie etwas von diesem Herrn gehört...“