Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)
Part 5
Der Gekränkte setzte sich wirklich an einen andern Tisch, jedoch hatte er auch von hier die Aussicht auf den Kohlmarkt. Er saß ganz allein -- denn die ihm früher während seines Kampfes mit den Aufwärtern umgebende Menge hatte sich, bis auf einige junge Herren, die ihn aus einer gewissen Entfernung durch Lorgnets besahen, verloren. -- Diese für ihn höchst wahrscheinlich jetzt sehr erwünschte Einsamkeit -- fing der gute Dicke nun damit an zu benutzen, daß er sein Wesen und seinen Anzug, die ein bischen derangirt worden waren, in die vorige Ordnung zu bringen versuchte,.... er zog seine Cravatte straffer an -- besah seine Sporren -- wischte den Schweiß von der Stirne -- und als die Limonade ankam, trank er sie auf einen Zug aus. Bei allen diesen Verrichtungen jedoch unterließ er nicht, sein Auge immerwährend nach der Straße hinaus zu richten.... Allein da konnte er lange schauen! es war Alles vergebens.
Jetzt trat Edmund näher heran, setzte sich auf einen Stuhl neben ihn und sprach: „Althing, ich will Dir’s nur sagen! Wenn Du nach jenem Mädchen lugst, der Du vorhin nachspringen wolltest -- die ging bereits während Deiner Fehde mit den Aufwärtern zurück....“
Dieses Wort war im Stande, den Seladon Alles Geschehene vergessen zu machen: „Ist das wahr?“ rief er eifrig: „Du sprichst von jener hübschen, niedlichen Grisette?“
„Von jener niedlichen Grisette, ja, ja! -- Sie hat, dünkt mich, sogar Deine Rauferei hier vor dem Fenster mit angesehen...“
„Ist das möglich! Und was that sie dabei? -- Sie war gewiß im äußersten Grade entrüstet?“
„Nein, denn sie lachte wie toll und rief noch mehrere von ihren Freundinnen herbei, die eben vorbeigingen....“
„Aber das ist unglaublich! -- das Mädchen liebt mich ungeheuer!“
„-- Wie die Andern -- haha!“
„Nein, nein, Diese ist in mich total verschossen! Du hast keinen Begriff davon, mein Freund. Willst Du einen Beweis? Nun gut: so wisse, daß sie mir heute ein Rendezvous gab; daß sie eben meinetwegen hier so oft vorüber geht -- --“
„Ich sah jedoch ganz deutlich, daß sie auch nach andern Herrn blickte....“
„Blickte?“
„Und -- lachte!“
„-- Dieselben aus.“
„Nein, sondern: lachte sie an. Allein, Du scheinst Deiner Sache sehr gewiß.“
„Das bin ich auch, mein Freund! Sie gab mir Tausende von Beweisen, jene kleine Hexe.“
„Zum Beispiel.“
„Zum Beispiel --! -- Ach, wozu erst viele Beispiele. Ich weiß, woran ich bin und damit gut. Uebrigens weißt Du, daß ich in diesen Dingen nicht von heute bin. Man hat Erfahrungen -- man hat Abenteuer gehabt von allen Sorten.... kurz, man war glücklich... hehe!“
„Doch was seh’ ich!“ rief Edmund plötzlich: „Kommt sie da nicht schon wieder?...“
Rasch blickte der Alte durch’s Fenster: „Richtig! Richtig!“ rief er freudig aus.. „Nun, was sagst Du dazu, mein Junge! Siehst Du den Blick, welchen sie mir zuwirft.... hahaha! Wirst Du nun noch länger zweifeln.... daß man Sieger, daß man Geliebter des Herzens ist?“
Und kaum hatte er das gesagt, als er nun wieder aufsprang und -- diesmal von den Aufwärtern -- ungefährdet hinaus lief. Doch lief ihm fast das ganze Kaffeehaus nach und Alles lachte über eine Begebenheit, welche bisher in den Annalen von Daum’s Caffée unerlebt war.
Unter den Zuschauern, welche sich jetzt vor der Thür des Etablissements aufstellten, um dem Alten nachzusehen, befand sich auch Edmund. Er nahm sich vor, seinem verliebten Freunde zu folgen und ihn nöthigenfalls zu hindern, abermals einen dummen Streich zu begehen. Denn hatte der junge Mann auch jenem Auftritt im Kaffeehause mit ruhigem Blute beigewohnt und sich an demselben auch noch obendrein erlustigt -- so war er gleichwohl, nach Art gutmüthiger Menschen, sogleich bereit, sein Vergehen durch eine edle That zu sühnen.
Althing verfolgte die Grisette inzwischen Schritt für Schritt; er ging ihr über den Kohlmarkt, den Michaelerplatz, die Herrengasse bis zur Freiung nach -- -- aber er bemühte sich vergebens, sie einzuholen, denn das Mädchen hüpfte leichtfüßig wie ein Reh, während er Mühe hatte, seinen dicken Bauch fortzubringen; und dann genirten ihn auch seine Sporren, mit denen er alle Augenblicke anstieß und hängen blieb. --
Aber der Eifer des Jägers wächst mit der Mühe der Verfolgung -- und man sah es dem dicken Adonis an: er wollte sich lieber seine Beine und seine Lungen zu Grunde laufen, als von seinem Vorhaben, das Mädchen zu erreichen, abstehen.
Endlich schien das Glück sich ihm wieder zuzuneigen. Die Kleine, auf dem tiefen Graben angelangt, wohin sie jetzt ihre Schritte lenkte, mäßigte die letzteren.... das gab dem Alten neuen Lebensmuth, und er ruderte ihr nun aus Leibeskräften nach, wobei sich Arme, Beine, der Kopf, kurz der ganze Körper bewegte. --
„Ah!“ dachte Edmund, der immer in einer kleinen Entfernung nachzog -- „sollte es wider Vermuthen günstiger ausschlagen? Doch, das ist unglaublich! -- Sehen wir nur nach, was es wieder geben wird.“
Schon hatte Althing die Grisette erreicht; -- er rückte ihr an die Seite und flüsterte ihr Etwas in’s Ohr... man konnte von hinten sehen, zu welcher freundlichen Fratze er sein rothes, schweißtriefendes Gesicht verzog; -- -- jetzt trennte ein Schubkarren, welcher mitten zwischen die beiden fuhr, den Ritter von seiner Dame.... und Jener mußte ein wenig zurückbleiben.... er wollte ihr rasch wieder nachspringen, aber in diesem Momente trat die Grisette in ein Haus, und unserem Dicken, welcher seinen Fuß schon auf die Schwelle gesetzt hatte, wurde die Thüre vor der Nase zugeschlagen... so daß wenig fehlte und er wäre um die letztere gekommen...
Er prallte heftig zurück und auf eine Frau, die zu dieser Zeit eben vorbeiging und auf den Armen einen Korb voll Gemüse trug; es war eine Fratschlerin (Höckerweib) -- man weiß was eine Wiener Fratschlerin zu bedeuten hat.
Augenblicklich entlud sich eine Fluth von Schimpfwörtern aus ihrem Munde: „Der alte Mensch da! -- Da seht ihn einmal an! Ist er toll? Wirft sich da in meinen Gemüsekorb hinein -- als gehörte er darunter.... Nun ja, er sieht mir auch gerade so aus, wie ein hohler Kürbis.... Tausendsapperment hinein!“[B]
Althing schien der Verzweiflung nahe zu sein... Er hatte gänzlich den Kopf verloren; er wußte nicht wie ihm geschah -- und blickte bald das tobende Höckerweib hinter, bald das Haus vor sich an.... Allein auf beiden Seiten war nichts Tröstliches zu sehen, und der wackere Mann schüttelte jammervoll sein edles Haupt....
Da warf er einen zerknirschten Blick nach den sechsten Stockwerk hinauf und murmelte wehmuthsvoll: „Dort oben soll sie wohnen, wie sie mir gesagt hat; aber wozu sagt sie mir dieses, wenn sie mir die Thüre vor der Nase zuschlägt?.... O, Althing, so ist Dir noch niemals mitgespielt worden! --“
Die Fratschlerin war wieder langsam weiter gegangen, jedoch nicht ohne noch immerwährend zu fluchen und sich von Zeit zu Zeit nach dem Unglücksmanne zornig umzusehen. Was Edmund betrifft, so hatte sich dieser hinter einen Mauervorsprung zurückgezogen und sah von hier aus dem Treiben seines alten Kameraden zu. Er wartete blos auf die Gelegenheit, wie ein echter Retter in der Noth hervorzuspringen, falls dieses irgend nöthig sein sollte. Ach, wahrhaftig! er wartete vergebens; die Gelegenheit überrumpelte ihn und seinen Freund, wie ein unbarmherziger Feldherr seinen gar zu sicheren Gegner....
Während nämlich Althing noch immerfort nach den Fenstern der sechsten Etage hinaufsah -- denn er vermochte nicht sein Auge von da abzuwenden -- wurde plötzlich aus einem dieser Fenster, gerade über seinem Haupte, ein Gefäß ausgeleert, dessen Inhalt den armen Ritter völlig überfluthete, so daß er laut aufschrie: „Ah! Ah! -- Feuer! Feuer!“ und zuversichtlich noch mehrere ähnliche Rufe herausgestoßen haben würde -- wäre in diesem Augenblick Edmund nicht herbeigelaufen und hätte sich seiner bemächtigt, um ihn hastig in’s nächste Haus zu ziehen und so der Polizei, die unfehlbar sogleich herbeieilen mußte, zu entreißen.
Denn ein unbegründeter Feuerruf mußte in Wien mit einer artigen Summe bezahlt werden.
Althing’s Kleider verbreiteten eben keinen angenehmen Geruch; zum Glück war es indessen blos Seifenwasser oder etwas Aehnliches. -- -- Der Dicke triefte wie ein Pudel und überdies schien ihn sowohl vor Schreck als vor Kälte ein Fieber ergriffen zu haben, denn er bebte, zitterte und klapperte mit den Zähnen, daß es ein Erbarmen war. --
„O, mein Freund!“ sagte er zu dem Jüngling: „Beweine mich! -- Ich bin ein Märtyrer der Liebe geworden! -- Ach, wäre ich nur schon zu Hause, um andere Kleider anzuziehen! -- Der Zustand dieser hier wird mich tödten.... O, hätte ich das träumen können! -- Ich, ich, der so viele Siege davon getragen hat; der mit Cäsar sagen konnte: _veni, vidi, vici_ -- -- -- und nun eine solche Erfahrung zu machen...... Allein,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, indem er sich im Gesichte mit der Hand herumwischte.... „was bemerkst Du an meiner Physiognomie, Edmund?“
„Ich bemerke, daß sie voll Ruß ist; ihr unterer Theil sieht wie bei einem Schornsteinfeger aus.... Dein Schnurbart hat seine Farbe gelassen. -- --“
„Glaube dies ja nicht; er ist von Natur schwarz und färbt nicht ab; du darfst dessen gewiß sein. Er ist immer schwarz gewesen, dieser Bart -- in meinem zehnten Jahre schon! -- Auch hat man dieses stets für eine meiner vorzüglichsten Zierden erklärt. Allein, werden wir nicht bald nach Hause gehen? Ich halte es hier nicht aus.“
„Willst Du der Polizei in die Arme laufen, Unglücklicher, und auf die Wachstube geführt werden?“
„Aber man wird uns nicht bemerken -- -- Schaffe einen Fiaker herbei, guter Edmund....“
„Das geht nicht; man darf auch mich nicht sehen. Wir müssen noch einige Zeit hindurch hier verweilen....“
„Das ist eine schlimme Aussicht.... Jedoch, was bemerke ich da rechts im Hofe, siehst Du -- dort, aus dem vierten Fenster, hat so eben ein allerliebster Lockenkopf herausgesehen.... das gewährt Zerstreuung. --“
„Ach, Althing -- wirst Du denn nie Vernunft annehmen? In unserer Lage haben wir nach andern Dingen zu sehen, als nach Lockenköpfen....“
„Ganz wohl; aber man darf keine Gelegenheit vorbeistreichen lassen --“
„Still doch! -- Hast Du nichts gehört? -- Mir schien es, als hätten sich draußen Stimmen hören lassen....“
Augenblicklich verstummte der Dicke und sein Fieberfrost kehrte zurück.... Jetzt vernahm man ganz in der Nähe eine Stimme, die keinen Zweifel über ihren Besitzer zuließ: „Hier hat Jemand Feuer gerufen! -- Wer ist das gewesen?“
„Wir wissen nichts, wir wissen es nicht!“ antworteten mehrere Stimmen!
„Es war ein dicker Herr,“ rief jetzt eine --; „er muß in diesem Hause verborgen sein! -- ich sah ihn da hinein laufen...“
„O mein Edmund!“ ächzte Althing und fiel bewußtlos seinem Freunde in die Arme.
Nun wurde die Thür geöffnet und ein Polizeimann trat ein; sogleich deutete ein Weib mit einem Korbe, die zu gleicher Zeit erschien, auf den Ohnmächtigen und rief: „Der da ist es gewesen! Der da hat Feuer geschrieen! Das ist der Vogel -- -- der früher auch in meinen Korb hinein flog, als hätte er sechs Tage nicht gefressen...“
„Mein Herr von Randow,“ bedeutete der Polizeisoldat gegen Edmund -- denn der Dicke hörte nichts -- „da ich so glücklich bin, Sie und diesen Herrn hier zu kennen, so ersuche ich Sie, falls es Ihnen nicht lieber wäre, sich sogleich auf die Direktion dieses Viertels zu bemühen -- -- einige Stunden später daselbst zu erscheinen, um über den Feuerruf, für dessen Urheber man Sie ausgibt, die nöthige Auskunft zu ertheilen...“
Nach diesen Worten empfahl sich der Diener der öffentlichen Sicherheit, wobei er nicht vergaß, mit der Spitze seiner Finger den Czako zu berühren.... zugleich jagte er die Schaar der Neugierigen, welche sich vor dem Hause angesammelt hatte, wie dies in Wien häufiger als anderswo zu geschehen pflegt, auseinander und öffnete so unsern beiden Freunden freies Feld, welches diese denn auch benutzten, nachdem Althing wieder zu sich gekommen war.
Edmund packte denselben in einen Fiaker und schickte ihn nach Hause; er selbst wurde von Verrichtungen nach einem andern Theile der Stadt gerufen.
Es war in der Nähe des Augartens, wohin er in einem Wagen sich bringen ließ. Eben stieg er aus, in der Absicht, sich nach einem von den schönen neuen Häusern, welche dort stehen zu begeben, -- als ihm aus der Allee, welche den Augarten von Außen umgibt -- ein Mensch entgegen stürzte, der auf den ersten Anblick einem Wahnsinnigen nicht unähnlich sah. -- Ohne Mühe erkannte unser Freund den +Baron von Leuben+, jenen glühenden Verehrer Cölestinens, welchen wir auf dem Wasserglacis kennen gelernt haben. Aber was war mit dem Menschen vorgegangen! Sein Anzug sah im höchsten Grade zerrüttet aus, so als hätte er ihn seit 8 Tagen nicht gewechselt und als hätte er die Nächte auf freier Straße oder im Felde liegend zugebracht. Das Gesicht war fahl und eingefallen, die Züge verzerrt -- das Haar flatternd, allen Winden Preis gegeben....
„Sind Sie es oder sind Sie es nicht?“ rief er Edmund an und faßte ihn bei der Hand.
Dieser, der ohne Zweifel weder Zeit noch Lust hatte, sich aufzuhalten, entschuldigte sich und schützte dringende Geschäfte vor....
„Nein, nein!“ sagte Jener mit zitternder Stimme: „ich lasse Sie nicht; Sie müssen mit mir sprechen. Zwei Worte nur, aber um Gotteswillen reden Sie mit mir!“
„Mein Herr,“ versetzte Jener; „wäre dazu vielleicht nicht ein ander Mal Zeit? Wollen Sie z. B. nicht hier auf diesem Platze einige Augenblicke lang auf mich warten? Ich werde sogleich wieder zurück sein....“
„Nicht doch! Keinen Schritt von hier!“ schrie Leuben: „Wollen Sie, daß ich völlig toll werde? Zur Hälfte bin ich’s schon. Ich kann es nicht länger ertragen. Bei der Barmherzigkeit des Himmels beschwöre ich Sie: hören Sie mich an!“
„Nun denn,“ antwortete Edmund, halb in Unmuth und halb mitleidig: „was steht zu Ihrem Befehl?“
„Kommen Sie unter jene Bäume dort.... denn hier werden wir gesehen -- -- und ich weiß, mein Aeußeres taugt nicht dazu. --“
Diese Rede rührte den jungen Menschen, der, wie erwähnt worden, so leicht zu rühren war: er folgte dem Baron und war mit demselben bald in der Allee....
„Sie sehen in mir,“ fing der Letztere an, „einen Unglücklichen, einen Elenden -- dessen Herz gebrochen ist und für dessen Verstand nicht minder Gefahr droht.“
„-- Nun wohl, mein Herr,“ entgegnete unser Freund: „was Sie mir sagen, ist schrecklich genug, um meine innigste Theilnahme zu erwecken: drum reden Sie, was kann ich für Sie thun?“
„Was Sie für mich thun können?“ seufzte Leuben schwer auf: „Jetzt vielleicht nichts mehr oder sehr wenig; früher jedoch würden Sie ganz gewiß mein Leben, meine Seele, mein Glück und meinen Frieden haben retten können. --“
Daß Edmund den Zusammenhang und Sinn dieser abgebrochenen Worte errieth, läßt sich wohl denken. Er hatte es längst bemerkt, daß dieser junge Mann auch zu der Zahl derjenigen gehörte, die von den Reizen Cölestinens bezaubert waren; er wußte jedoch bisher noch nichts von der namenlosen, alle Grenzen einer gewöhnlichen Empfindung übersteigenden Leidenschaft Leubens. Diese Stunde gab ihm indeß hinreichende Aufklärung. Da ihm nun solchergestalt das Unzukömmliche seines jetzigen Zusammentreffens mit dem jungen Mann und das gänzlich Verwerfliche seines längern Verweilens bei demselben einleuchtete, so bemühte er sich eifrig, sein Mitleid für ihn zum Schweigen zu bringen und sich rasch von hier zu entfernen.
Er wartete daher nur noch eine nähere Erklärung Leubens ab, sodann wollte er ihm ohne Rücksicht Adieu sagen. -- Der Unglückliche beschleunigte selber diesen Plan. Er faßte Edmund an beiden Händen -- stellte sich vor ihn hin und sprach mit düsterem Tone:
„Ich liebe Ihre Schwester!“
„Mein Herr!“ versetzte dieser, der jetzt augenblicklich sich losriß und zwei Schritte zurück trat -- in kaltem Tone: „Meine Schwester ist seit acht Tagen die Gemahlin des Grafen von A--x.“
„Das weiß ich!“ sagte Leuben mit dumpfer Stimme.
„Das wissen Sie!“ rief Edmund streng: „und dennoch wagen Sie es, mir eine solche Erklärung zu geben.“
„Und warum nicht?“ fragte Jener finster.
„-- Weil ich,“ entgegnete zornig Randow: „dieselbe nicht zu dulden willens bin, mein Herr.“
„Und was weiter --?“ meinte der Jüngling gleichgültig.
„Das Weitere ist, daß ich, Rücksicht auf Ihren Zustand nehmend, Sie nicht ferner anhören will. Adieu, mein Herr!“ Er wandte ihm den Rücken.
„Aber -- -- ich habe Sie beschworen, es zu thun, und Sie haben eingewilligt. Wollen Sie Ihr Wort brechen?“
„Nach dem, was ich so eben hören mußte, fühle ich mich meiner Pflicht vollkommen entledigt. Darum noch ein Mal: Adieu!“
Edmund ging jetzt raschen Schrittes fort.
Leuben aber lachte ihm in jenem schrecklichen Tone nach, welchen man so oft hört, wenn man an den Irrenhäusern vorbeikommt -- und welcher Ton ein Menschenherz durchschneidet und zerreißt. -- --
„O!“ rief der Unglückliche, so daß Edmund es noch hören konnte: „es ist auch so gut. Einer Wölfin Bruder -- pflegt kein Lamm zu sein.... wohl, wohl. So ist also Alles vorbei -- und mir bleibt nichts als Tod oder Verzweiflung.“
Einen Augenblick hielt er hier inne, dann kreischte er wild auf: „Doch nein! mir bleibt noch Eins! -- Noch Eins!“ und abermals ließ er ein heiseres Lachen hören -- doch schien durch dieses ein von dem früheren sehr verschiedener Grundton durchzuklingen. Jetzt verschwand er im Augarten.
Edmund aber trat in ein neues und schönes Gebäude ein. Es war das Palais des Grafen Alexander von A--x, welches dieser seit Kurzem mit Cölestine bewohnte.
Sechstes Kapitel.
Die ersten Tage eines jungen Ehepaars.
Sie lebten so glücklich. --
Welcher Abschnitt des Lebens läßt sich wohl mit jener Zeit vergleichen, da die erste Liebe in ehelicher Sicherheit und Kraft blüht, wie die Blume des Feldes, die von sorgsamer Hand in das Beet des Gartens versetzt wurde.... Ach, sie saugt jetzt edlere Säfte aus diesem edleren Boden -- und voll, farbig, duftreich, wie nie, steigt sie empor in die blauen Lüfte. --
Was ist die Liebe? Eine Waise, die arm und nackt nach einem Freunde sucht, der sie aufnimmt in seiner Hütte.... Hier wird sie groß gezogen -- reift zum Weibe -- und bringt als Hausfrau Segen über das ganze Haus.
Wir fürchten in der That allzusehr hinter der Wirklichkeit zurückzubleiben, indem wir ein Bild von dem jetzigen häuslichen Leben Alexanders und Cölestinens zu geben versuchen. So hatten sie sich denn endlich erreicht. -- Niemand konnte mehr Eines dem Andern entreißen. -- Niemand? -- Mit Gewalt wenigstens nicht!
Wir wissen nicht, wer von beiden das Glück, welches ihm an der Seite des Gatten geworden war, inniger und tiefer empfand. Es war zwischen ihnen ein steter Wettstreit von Zärtlichkeit: Jedes wollte hierin den Preis davon tragen.
Das Haus, welches sie vom Tage ihrer Vermählung an bewohnten, war sehr geräumig und mit allen Bedürfnissen eines eleganten und wohnlichen Aufenthaltes auf verschwenderische Weise ausgestattet. Es enthielt zwei Etagen, wovon die erste zwei Salons und viel große Gemächer, die zweite kleinere Wohnzimmer, vorne zum untergeordneten Gebrauch der Herrschaft und nach hinten zu für die Beamten des Hauses dienten. Die eigentlichen Domestiken bewohnten das Parterre. Hinten schloß sich an’s Haus ein schöner geräumiger Garten an, ein Gegenstand, der in diesen Theilen Wiens nicht eben häufig angetroffen wird. Wie wir schon bemerkten, war dieser Wohnplatz, dieses Palais in Bezug auf seine innere und äußere Einrichtung im Sinne des Wortes +glänzend+ und +vollkommen+. Es konnte den ersten Häusern der Stadt den Rang ablaufen. Graf Alexander hatte von dem Augenblick, als er zu dem Besitze des Herzens Cölestinens gelangt war und sich Hoffnungen zu machen anfing auf ihre Hand -- mit wunderbarem, mit wahrhaft rührendem Eifer gestrebt, hier der Geliebten seines Herzens einen Sitz der Freude, der Bequemlichkeit und der Pracht zu schaffen. Was der zärtlichste Sinn ihm nur Schönes und Vortreffliches eingab, Alles suchte er zur Wirklichkeit zu bringen -- seine Sorgfalt für dieses Stückchen Erde glich derjenigen, welche fromme Gläubige für einen Platz, der ihrem Gott geweiht ist, hegen, und welchen Platz sie mit einem Tempel schmücken.
Die Lebensweise des jungen Ehepaars war im Aeußeren ein Bild voll Jugend, Anmuth, Einfalt und Glückseligkeit. So ist die Zeit der ersten Gattenliebe immer. -- -- Cölestine war nicht getrennt von ihrem Manne; ihre beiderseitigen Zimmer wurden durch zahlreiche Thüren und jene süßen geheimen Gänge verbunden, welche die Liebe erfunden hat. -- Von den Verwandten und Freunden des Ehepaars war es schön, daß sie während der ersten Wochen seine Einsamkeit nicht störten. In der That, es hatte noch kein fremder Fuß diese Schwelle entweiht, welche den geheiligten Mysterien der ersten Gattenliebe geweiht war. -- Wenn Er und Sie früh erwachten, fanden sie einander in ihren Armen, so wie sie Abends sich umschlungen hatten -- dann erhoben sie sich Beide, um auf einige Augenblicke Abschied von einander zu nehmen.... Sie gingen in ihre Ankleidezimmer -- das einfachste Gewand wurde gewählt -- nur um keinen der kostbaren Momente zu verlieren, die sie zusammen genießen konnten. -- Alexander bot jetzt seiner Frau den Arm und führte sie in den Garten, über welchen eben der heranrückende Sommer das entzückende Kleid der Blätter, Gräser und Blumen ausbreitete. Schon winkten trauliche Boskets -- doch nicht belaubt genug, um in sich dieselben wie in eine undurchdringliche Freistätte zu flüchten. Alexander las seiner Gemahlin aus einem Buche vor und wovon handelte dieses Buch? Von -- glücklicher Liebe. -- Diese war für sie übrigens allenthalben vorhanden, wohin sie auch immer ihre Blicke wandten. Sie fanden diese glückliche Liebe bei den Blumen, die einander umschlangen, und im Bache, wo eine Welle in die andere hinüberfloß -- sie fanden sie am Himmel, wo die Sonnenstrahlen sich mit den kleinen Wölkchen eines schönen Tages vermählten und diese zärtlich vergoldeten -- -- sie fanden sie auch in den Vöglein unter den Wolken, welche da die Luft durchzogen und einander zärtlich verfolgten, sich dann auf einen Zweig niederließen und zusammen sangen.... ja sie fanden diese heilige und beseligende Liebe überall im Himmel und auf Erden, ja selbst zwischen diesen beiden; denn jener mit seiner blauen Decke umschlang diese in ihrem bräutlichen Festgewande, und sie streckte ihm durch die Bäume und Aeste ihre blühenden Arme entgegen. --
Aber wo wäre auch Liebe nicht? Hat man sie ja tausend Mal den Gottesodem genannt, der das Universum durchweht.
Und als nun die Stunde erschien, in der früher die Liebenden, da sie noch nicht sich selbst sondern der Welt gehörten, sich aufmachen mußten, um im schalprunkenden Staate dem Götzen der Gesellschaft zu dienen -- als jene traurige Stunde erschien, in der man Besuche gibt und empfängt bei und von Leuten, die für unsere Herzen eben so fremd sind wie alltäglich für unsere Augen -- Leute, welche uns verleiten, mit ihnen im Verein einen Dienst der Lüge zu begehen, der unsere Seele verhärtet und unsern Geist verderbt -- -- der uns immer mehr von uns selbst und unserem geheiligten Innern ablenkt -- -- um diese Stunde nun saß jetzt das junge Paar noch immer beisammen und lebte noch immer für sich und pflanzte und bewirthschaftete den Baum des Glückes, dessen Wurzel ihre beiden Herzen waren -- und unter dessen Laub sie still und vergnügt wohnen -- von dessen Früchten sie dankbar essen sollten. --